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Ab­fin­dung ge­mäß § 1a KSchG und So­zi­al­plan

Oh­ne An­rech­nung von Ab­fin­dun­gen ge­mäß § 1a KSchG auf So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen kann ein dop­pel­ter Ab­fin­dungs­an­spruch be­ste­hen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 10.07.2015, 8 Sa 531/15

24.11.2015. Seit An­fang 2004 gibt es ei­ne Vor­schrift im Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG), die Ar­beit­ge­ber da­zu er­mu­ti­gen soll, zu­gleich mit der Kün­di­gungs­er­klä­rung ei­ne Ab­fin­dung an­zu­bie­ten, um sich ei­nen Kün­di­gungs­schutz­pro­zess zu er­spa­ren: § 1a KSchG.

Zu den vie­len nutz­lo­sen Ge­set­zes­vor­schrif­ten, die es in un­se­rer Rechts­ord­nung gibt, ge­hört auch die­ser Pa­ra­graph. Oben­drein ist er für Ar­beit­ge­ber schwer zu hand­ha­ben, so dass ei­ne Kün­di­gung un­ter Be­zug­nah­me auf die­se Vor­schrift über­ra­schen­de Rechts­fol­gen aus­lö­sen kann.

So zum Bei­spiel in ei­nem vor kur­zem vom Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­de­nen Fall: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 10.07.2015, 8 Sa 531/15.

Wie verhält sich der Abfindungsanspruch aus einer Kündigung gemäß § 1a KSchG zu einer Sozialplanabfindung?

§ 1a KSchG ermöglicht dem Ar­beit­ge­ber bei Kündi­gun­gen fol­gen­des Vor­ge­hen: Kündigt er aus be­triebs­be­ding­ten Gründen und stellt dem Ar­beit­neh­mer im Kündi­gungs­schrei­ben ei­ne Ab­fin­dung in Aus­sicht für den Fall, dass der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist kei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hebt, dann hat der Ar­beit­neh­mer ei­nen Ab­fin­dungs­an­spruch in ge­setz­lich fest­ge­leg­ter Höhe, nämlich in Höhe ei­nes hal­ben Mo­nats­ge­halts pro Beschäfti­gungs­jahr.

Die­ses "Re­ge­lungs­an­ge­bot" ist al­ler­dings aus fol­gen­den Gründen un­at­trak­tiv und § 1a KSchG da­her weit­ge­hend to­ter Buch­sta­be:

Ers­tens passt ei­ne Ab­fin­dung in der ge­setz­lich ex­akt vor­ge­ge­be­nen Höhe nur für we­ni­ge Fälle, d.h. ei­ne sol­che Ab­fin­dung ist oft zu hoch oder zu nied­rig.

Zwei­tens ist nach ei­ner Kündi­gung nicht nur über die (Höhe der) Ab­fin­dung, son­dern auch über vie­le an­de­re Din­ge zu re­den, und das macht man sinn­vol­ler Wei­se in ei­ner ab­sch­ließen­den Ge­samt­ver­ein­ba­rung.

Drit­tens kann der Ar­beit­ge­ber oh­ne­hin Ab­fin­dungs­an­ge­bo­te in be­lie­bi­ger Höhe mit ei­nem Kündi­gungs­schrei­ben ver­bin­den, d.h. wenn er schon in ei­ner sol­chen Wei­se vor­geht (was meist nicht klug ist), braucht er da­zu § 1a KSchG nicht.

Ein wei­te­res Pro­blem folgt dar­aus, dass der Ab­fin­dungs­an­spruch, der sich aus ei­ner Kündi­gung gemäß § 1a KSchG er­gibt, nicht au­to­ma­tisch da­durch ver­min­dert wird, dass der Ar­beit­neh­mer auf­grund sei­ner be­triebs­be­ding­ten Ent­las­sung ei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung hat. Das kann zum Ent­ste­hen von Dop­pel­ansprüchen führen, wie der Fall des LAG Ber­lin-Bran­den­burg zeigt.

Im Streit: Arbeitnehmer erhält 86.300,00 EUR Abfindung gemäß einem Interessenausgleich und klagt später auf weitere 86.300,00 EUR Abfindung aus einer § 1a-Kündigung

In dem vom LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­de­nen Fall hat­ten Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat we­gen ei­ner be­triebs­be­ding­ten Ent­las­sungs­wel­le ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich ver­ein­bart, der zu­gleich auch Ab­fin­dungs­zah­lun­gen zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer vor­sah.

Ob­wohl Ab­fin­dungs­ansprüche im ge­setz­li­chen Re­gel­fall nicht in ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich, son­dern in ei­nem So­zi­al­plan ver­ein­bart wer­den, ent­hielt der In­ter­es­sen­aus­gleich (was recht­lich zulässig ist) hier im Streit­fall Ab­fin­dungs­ansprüche zu­guns­ten der be­triebs­be­dingt gekündig­ten Ar­beit­neh­mer, und zwar in Höhe der Re­gel­ab­fin­dung von ei­nem hal­ben Mo­nats­lohn pro Beschäfti­gungs­jahr, wie dies auch in § 1a Abs.2 KSchG vor­ge­se­hen ist.

Ei­ner der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer, der schon lan­ge beschäftigt war, er­hielt ei­ne Ab­fin­dung in der Höhe, wie sie in dem In­ter­es­sen­aus­gleich vor­ge­se­hen war, nämlich von 86.300,00 EUR. In dem Kündi­gungs­schrei­ben des Ar­beit­ge­bers hieß es:

„Der Be­triebs­rat ist in die­ser An­ge­le­gen­heit an­gehört wor­den, er hat der Kündi­gung zu­ge­stimmt und mit der Geschäftsführung ein In­ter­es­sen­aus­gleich zum Aus­gleich der Nach­tei­le aus der be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung ab­ge­schlos­sen.“

Außer­dem fand sich im Kündi­gungs­schrei­ben wei­ter un­ten fol­gen­der Hin­weis un­ter An­leh­nung an den Wort­laut des § 1a KSchG:

„Las­sen Sie die­se Frist ver­strei­chen, oh­ne ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge beim Ar­beits­ge­richt zu er­he­ben, ha­ben Sie nach § 1 a KSchG An­spruch auf Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung in Höhe ei­nes hal­ben Mo­nats­ver­diens­tes für je­des vol­le Beschäfti­gungs­jahr.“

Der Ar­beit­neh­mer ließ die Frist zur Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ver­strei­chen und ver­lang­te dann ei­ne wei­te­re Ab­fin­dungs­zah­lung von 86.300,00 EUR, und zwar un­ter Be­ru­fung auf das Kündi­gungs­schrei­ben bzw. auf § 1a KSchG. Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Oder) gab ihm recht und ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung (Ur­teil vom 04.03.2015, 5 Ca 1616/14), was auf ei­ne Ab­fin­dung von 172.600,00 EUR hin­ausläuft.

LAG Berlin-Brandenburg: Der Abfindungsanspruch aus einer Kündigung gemäß § 1a KSchG ist nur auf eine Sozialplanabfindung anzurechnen, wenn der Sozialplan die Anrechnung vorsieht

Auch das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schied pro Ar­beit­neh­mer, ließ al­ler­dings die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu. Von die­ser Möglich­keit hat der Ar­beit­ge­ber mitt­ler­wei­le Ge­brauch ge­macht (Ak­ten­zei­chen des BAG: 2 AZR 536/15).

Zur Be­gründung sei­ner Ent­schei­dung be­ruft sich das LAG auf ein BAG-Ur­teil aus dem Jah­re 2007, in dem das BAG klar­ge­stellt hat­te, dass die Par­tei­en ei­nes So­zi­al­plans nicht die Re­ge­lungs­macht ha­ben, ei­nen dem Ar­beit­neh­mer gemäß § 1a KSchG zu­ste­hen­den Ab­fin­dungs­an­spruch we­gen ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung zu kürzen, d.h. ei­ne So­zi­al­plan­ab­fin­dung auf ei­ne § 1a-Ab­fin­dung an­zu­rech­nen. Wol­len Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber Dop­pel­ansprüche ver­mei­den, müssen sie um­ge­kehrt fest­le­gen, dass ei­ne § 1a-Ab­fin­dung auf den So­zi­al­plan-Ab­fin­dungs­an­spruch an­zu­rech­nen ist, d.h. dass die­ser zu kürzen ist (BAG, Ur­teil vom 19.06.2007, 1 AZR 340/06, Rand­num­mer 34).

Hier im Streit­fall ent­hielt der In­ter­es­sen­aus­gleich kei­ne Re­ge­lung, der zu­fol­ge die im In­ter­es­sen­aus­gleich fest­ge­leg­ten Ab­fin­dun­gen zu kürzen wären, falls ein an­spruchs­be­rech­tig­ter Ar­beit­neh­mer gleich­zei­tig ei­ne Ab­fin­dung gemäß § 1a KSchG er­hal­ten soll­te. Und da das Kündi­gungs­schrei­ben dem Ar­beit­neh­mer ein­deu­tig ei­nen (ei­genständi­gen) Ab­fin­dungs­an­spruch in Aus­sicht stell­te, falls er kei­ne Kla­ge er­he­ben soll­te, konn­te der Ar­beit­neh­mer die­sen An­spruch mit Er­folg ein­kla­gen - wohl­ge­merkt ne­ben dem be­reits erfüll­ten An­spruch aus dem In­ter­es­sen­aus­gleich.

Fa­zit: Hätte der Ar­beit­ge­ber statt ei­ner Kündi­gung gemäß § 1a KSchG ei­ne nor­ma­le Kündi­gung aus­ge­spro­chen und sich so­dann in ei­nem ge­richt­li­chen Ver­gleich oder Ab­wick­lungs­ver­trag auf ei­ne Ab­fin­dung ge­ei­nigt, hätten die Par­tei­en in ei­ner sol­chen Ver­ein­ba­rung oh­ne wei­te­res re­geln können, dass die im In­ter­es­sen­aus­gleich fest­ge­leg­te Ab­fin­dung auf die in­di­vi­du­ell aus­ge­han­del­te Ab­fin­dung an­zu­rech­nen ist. Ein sol­cher Aus­schluss von Dop­pel­ansprüchen ist le­gi­tim und üblich. Ar­beit­ge­ber soll­ten die Fin­ger von § 1a KSchG las­sen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 2. September 2016

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