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Ab­fin­dung für "ren­ten­na­he" Ar­beit­neh­mer und Eu­ro­pa­recht

Kön­nen vor­ge­zo­ge­ne Ren­ten­an­sprü­che auch dann bei So­zi­al­plan-Ab­fin­dun­gen be­rück­sich­tigt wer­den, wenn sie mit Ren­ten­ab­schlä­gen ver­bun­den sind?: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.03.2013, 1 AZR 813/11

11.04.20132. "Ren­ten­na­he" Ar­beit­neh­mer er­hal­ten bei Mas­sen­ent­las­sun­gen ge­mäß So­zi­al­plan oft ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen als jün­ge­re Kol­le­gen. Denn die meis­ten So­zi­al­plä­ne er­hal­ten zwei ver­schie­de­ne Ab­fin­dungs­for­meln:

Nach der Stan­dard­for­mel steigt die Ab­fin­dung mit der Dau­er der Be­schäf­ti­gung, d.h. die Ab­fin­dung wird ver­gan­gen­heits­be­zo­gen be­rech­net. Da­ge­gen wird die Ab­fin­dung für "ren­ten­na­he" Ar­beit­neh­mer ge­mäß ei­ner zu­kunfts­be­zo­ge­nen Son­der­for­mel so be­rech­net, dass die Ein­kom­mens­ver­lus­te bis zum Ren­ten­be­ginn maß­geb­lich sind. Dar­aus er­ge­ben sich oft nur Mi­ni-Ab­fin­dun­gen.

Son­der­for­meln für Ren­ten­na­he sind zwar kei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung beim The­ma Ab­fin­dung bzw. recht­lich zu­läs­sig, aber es fragt sich, ob auch ein vor­ge­zo­ge­ner Ren­ten­be­ginn da­zu füh­ren darf, dass man schon als "ren­ten­na­her" Ar­beit­neh­mer ein­ge­stuft wird und ei­ne ge­rin­ge­re Ab­fin­dung er­hält. Die­se Zwei­fel er­ge­ben sich aus ei­nem Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) vom 12.10.2010 (C-499/08 - An­der­sen).

In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) trotz die­ses EuGH-Ur­teils ent­schie­den, dass auch ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te mit Ren­ten­ab­schlä­gen da­zu füh­ren kann, dass man als "ren­ten­nah" ein­ge­stuft wird: BAG, Ur­teil vom 26.03.2013, 1 AZR 813/11.

Dürfen Abfindungen auf die Zeit bis zum frühestmöglichen Renteneintritt begrenzt werden, auch wenn Arbeitnehmer die Rente nur mit einer Kürzung beanspruchen können?

Nicht je­de al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lung ist be­reits ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung. Gibt es ei­ne sach­li­che Recht­fer­ti­gung, sind Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters er­laubt. Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) stellt im An­schluss an die EU-Richt­li­nie 2000/78/EG klar, dass al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lun­gen zulässig sind, wenn sie „durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt“ so­wie „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ und wenn die Mit­tel zur Er­rei­chung ei­nes sol­chen Ziels „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind (§ 10 Satz 1 und 2 AGG).

Ein sol­cher Fall für ei­ne er­laub­te al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung ist § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG: Da­nach dürfen ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer, die auf­grund ei­ner Be­triebsände­rung ent­las­sen wer­den, von So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen vollständig aus­ge­nom­men (!) wer­den, falls Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber das in ei­nem So­zi­al­plan so fest­ge­legt ha­ben.

Al­ler­dings hat der EuGH im Ok­to­ber 2010 ent­schie­den, dass ei­ne in Däne­mark be­ste­hen­de ge­setz­li­che Ab­fin­dungs­re­ge­lung nicht da­zu führen darf, dass ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer von je­der Ab­fin­dungs­zah­lung aus­ge­schlos­sen wer­den, d.h. auch dann, wenn ih­re Ren­ten­be­rech­ti­gung mit Ren­ten­ab­schlägen ver­bun­den ist (EuGH, Ur­teil vom 12.10.2010, C-499/08 - An­der­sen - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/004 Auch ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer ha­ben ei­nen An­spruch auf Ab­fin­dungs­zah­lung). Ein sol­cher Aus­schluss von Ab­fin­dungs­zah­lun­gen ist laut EuGH für die­je­ni­gen ren­ten­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer un­zu­mut­bar, die statt vor­zei­tig mit Ab­schlägen in Ren­te zu ge­hen lie­ber nach ei­nem an­de­ren Job su­chen.

Von da­her fragt sich, ob die in Deutsch­land ver­brei­te­te So­zi­al­plan­pra­xis eu­ro­pa­rechts­kon­form ist, der zu­fol­ge auch sol­che "ren­ten­na­hen" Ar­beit­neh­mer ex­trem klei­ne Ab­fin­dun­gen er­hal­ten, de­ren "Ren­tennähe" sich nur dar­aus er­gibt, dass sie mit Ab­schlägen vor­zei­tig in Ren­te ge­hen können. Mögli­cher­wei­se muss § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG auf­grund der Richt­li­nie 2000/78/EG so aus­ge­legt wer­den, dass ge­rin­ge­re So­zi­al­plan-Ab­fin­dun­gen für ren­ten­na­he Jahrgänge zwar möglich sind, dass da­bei aber das re­guläre bzw. ab­schlags­freie Ren­ten­ein­tritts­al­ter maßgeb­lich ist.

Der Streitfall: 5.000 EUR Abfindung wegen "Rentennähe" oder 240.000 EUR?

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall ging es um ei­ne Ent­las­sungs­wel­le, die So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zur Fol­ge hat­te. Gemäß dem So­zi­al­plan be­rech­ne­te sich die Ab­fin­dung im All­ge­mei­nen nach dem Brut­to­ent­gelt, der Be­triebs­zu­gehörig­keit und dem Le­bens­al­ter (Stan­dard­for­mel), was zu ho­hen Ab­fin­dun­gen führ­te.

Da­von wa­ren nach ei­ner Son­der­for­mel al­ler­dings Ar­beit­neh­mer ab 58. Jah­ren aus­ge­nom­men. Sie er­hiel­ten nur ei­ne klei­ne Ab­fin­dung, mit der die Dif­fe­renz zwi­schen dem ent­gan­ge­nen Ge­halt nach der Ent­las­sung und dem Ar­beits­lo­sen­geld aus­ge­gli­chen wur­de, und auch das nur bis zum frühestmögli­chen Ein­tritt in die ge­setz­li­che Al­ters­ren­te.

Ei­ner der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer war bei sei­ner Ent­las­sung am 31.03.2011 be­reits 62 Jah­re und fiel da­her un­ter die ungüns­ti­ge Ab­fin­dungs­for­mel. Er hätte nach Ausschöpfen des Ar­beits­lo­sen­geld­an­spruchs ei­ne vor­zei­ti­ge Ren­te in An­spruch neh­men können, was er aber we­gen der da­mit ver­bun­de­nen Ab­schläge nicht tat. Sei­ne Ab­fin­dung be­trug 4.974,62 EUR, wo­hin­ge­gen er nach der bes­se­ren Stan­dard­for­mel knapp 240.000,00 EUR er­hal­ten hätte.

Er be­wer­te­te das als Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung und klag­te ei­ne wei­te­re Ab­fin­dung von mehr als 230.000,00 EUR ein. Da­mit hat­te er vor dem Ar­beits­ge­richts Düssel­dorf kei­nen Er­folg (Ur­teil vom 11.04.2011, 12 Ca 5887/10), wo­hin­ge­gen das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf ihm im­mer­hin ei­ne wei­te­re Ab­fin­dung von 39.217,95 EUR zu­sprach (Ur­teil vom 16.09.2011, 6 Sa 613/11).

Nach An­sicht des LAG sind ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen für ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer zwar im Prin­zip in Ord­nung, doch darf das nicht so weit ge­hen, dass Ar­beit­neh­mer be­reits dann als "ren­te­n­ah" gel­ten, wenn sie ei­ne vor­zei­ti­ge mit Ab­schlägen in An­spruch neh­men können. Zu­min­dest hätte man dem Kläger die Zeit bis zum re­gulären Ren­ten­be­ginn aus­glei­chen müssen, so das LAG. Da­bei be­rief sich das LAG auf das An­der­sen-Ur­teil des EuGH.

BAG: Vorgezogene Rentenansprüche können auch dann bei Sozialplan-Abfindungen berücksichtigt werden, wenn sie mit Rentenabschlägen verbunden sind

Das BAG hob auf die Re­vi­si­on des Ar­beit­ge­bers das LAG-Ur­teil wie­der auf und wies die Kla­ge ab. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:

So­zi­alpläne sol­len künf­ti­ge Nach­tei­le aus­glei­chen, die Ar­beit­neh­mern durch die Ent­las­sung ent­ste­hen. Dafür ste­hen nur be­grenz­te fi­nan­zi­el­le Mit­tel zur Verfügung. We­gen der Über­brückungs­funk­ti­on ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung geht es in Ord­nung, so das BAG, wenn bei ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mern nur die Nach­tei­le aus­ge­gli­chen wer­den, die ih­nen bis zum vor­zei­ti­gen Ren­ten­ein­tritt ent­ste­hen. Auch das EU-Recht zwingt nicht da­zu, So­zi­alpläne an die­ser Stel­le zu­guns­ten älte­rer Ar­beit­neh­mer zu kor­ri­gie­ren.

Fa­zit: Nach An­sicht des BAG können vor­ge­zo­ge­ne Ren­ten auch dann bei So­zi­al­plan-Ab­fin­dun­gen berück­sich­tigt wer­den, wenn sie mit Ren­ten­ab­schlägen ver­bun­den sind.

Das ist al­ler­dings nicht über­zeu­gend, weil dies den "Ren­ten­na­hen" nicht zu­zu­mu­ten ist, je­den­falls dann nicht, wenn jünge­re ex­trem ho­he Ab­fin­dun­gen er­hal­ten. Und eben mit Zu­mut­bar­keits­ar­gu­men­ten hat­te der EuGH ja sein An­der­sen-Ur­teil be­gründet. 

Außer­dem hat der EuGH vor kur­zem klar­ge­stellt, dass er die Möglich­keit ei­ner vor­ge­zo­ge­nen Ren­te auf­grund ei­ner Be­hin­de­rung nicht als aus­rei­chen­den Grund dafür an­sieht, schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen zu zah­len (EuGH, Ur­teil vom 06.12.2012, C-152/11, Odar gg. Bax­ter - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/392 So­zi­al­plan-Ab­fin­dung bei Be­hin­de­rung).

Vor die­sem Hin­ter­grund hätte das BAG bes­ser dem EuGH den Fall vor­ge­legt. Aber was das BAG hier nicht tun woll­te, können ja an­de­re Ar­beits­ge­rich­te ma­chen. Da­her ist älte­ren Ar­beit­neh­mern trotz die­ses BAG-Ur­teils zu ra­ten, ge­rin­ge So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen ge­richt­lich über­prüfen zu las­sen, wenn die­se Ab­fin­dun­gen noch nicht ein­mal ei­nen Aus­gleich für die Ein­bußen bis zur re­gulären Be­ren­tung be­inhal­ten.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 10. November 2016

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