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Un­ge­wöhn­li­che Al­li­anz: Stahl­bos­se und Be­leg­schaf­ten schla­gen Alarm

Dum­ping-Ein­fuh­ren aus Chi­na, stren­ge Auf­la­gen und zu ho­he Ka­pa­zi­tä­ten: Die Stahl­bran­che in Eu­ro­pa steckt in der Kri­se. Vie­le Wer­ke schrei­ben ro­ten Zah­len. Nun soll die Po­li­tik hel­fen. Da­zu ge­hen Ar­bei­ter und Stahl­bos­se ge­mein­sam auf die Stra­ße

11.04.2016. (dpa) - Die Stahl­ko­cher ma­chen ernst: Am Mon­tag ha­ben sie die Pro­duk­ti­on beim größ­ten deut­schen Her­stel­ler Thys­sen­krupp ge­stoppt.

Was nach ei­nem neu­er­li­chen Ar­beits­kampf in der strei­ker­prob­ten Bran­che aus­sieht, fin­det aber die vol­le Un­ter­stüt­zung der Stahl­chefs, die so­gar selbst mit auf die Stra­ße ge­hen wol­len.

Grund für den nicht all­täg­li­chen Schul­ter­schluss ist ei­ne tie­fe Kri­se: Ge­mein­sam wol­len sie um Hil­fe der Po­li­tik wer­ben.

"Es geht um un­se­re Ar­beits­plät­ze", sagt der Vor­sit­zen­de des Thys­sen­krupp-Stahl-Ge­samt­be­triebs­rats, Gün­ter Back. 2016 kön­ne zum Schick­sals­jahr der Bran­che wer­den. "Wenn sei­tens der Po­li­tik nicht rasch Initia­ti­ven zur Si­che­rung der in­dus­tri­el­len Zu­kunft ge­setzt wer­den, sind wei­te­re Zig­tau­sen­de Ar­beits­plät­ze in Eu­ro­pa mas­siv ge­fähr­det", mahnt auch der Chef des Welt­stahl­ver­bands, Wolf­gang Eder.

Die Bran­che fürch­tet mal wie­der um ih­re Exis­tenz. Auf der ei­nen Sei­te ma­chen ihr mas­sen­haf­te Ein­fuh­ren von bil­li­gem Stahl aus Chi­na zu schaf­fen, auf der an­de­ren Sei­te dro­hen noch hö­he­re Kos­ten durch ver­schärf­te Kli­ma- und En­er­gie­auf­la­gen in Eu­ro­pa. Je­der zwei­te Job kön­ne ver­lo­ren ge­hen, warnt der Thys­sen­krupp-Be­triebs­rat.

Al­lein in Duis­burg be­schäf­tigt der In­dus­trie­kon­zern rund 13.000 Mit­ar­bei­ter. Für den größ­ten deut­schen Stahl­stand­ort wä­re das nach Ein­schät­zung von Back ei­ne Ka­ta­stro­phe. "An je­dem Stahl-Ar­beits­platz hän­gen vier bis fünf an­de­re Stel­len", er­klärt er.

Be­reits am frü­hen Mon­tag­mor­gen wur­den die An­la­gen bei Thys­sen­krupp her­un­ter­ge­fah­ren, be­vor sich dann am Nach­mit­tag Pro­mi­nenz aus Po­li­tik und Ge­werk­schaf­ten zu ei­ner Kund­ge­bung vor den To­ren des größ­ten deut­schen Stahl­stand­orts an­ge­sagt hat­te. Salz­git­ter-Chef Heinz Jörg Fuhr­mann hat­te be­reits am vo­ri­gen Don­ners­tag vor rund 4000 Be­schäf­tig­ten vor ei­nem "Tsu­na­mi" ge­warnt.

Ne­ben IG-Me­tall-Chef Jörg Hof­mann wer­den Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­bri­el (SPD), NRW-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) und der Prä­si­dent der Wirt­schafts­ver­ei­ni­gung Stahl, Hans Jür­gen Kerk­hoff, im Ruhr­ge­biet er­war­tet. Wei­te­re Kund­ge­bun­gen sind im Saar­land und in Ber­lin ge­plant. Im Fe­bru­ar hat­ten Tau­sen­de Stahl­ar­bei­ter und Ma­na­ger in Brüs­sel bei der EU pro­tes­tiert.

Sie hat­ten auch schon teil­wei­se Er­folg. Ers­te Straf­zöl­le für ein­zel­ne Stahl­sor­ten aus Chi­na sind ein­ge­führt, bei an­de­ren prüft die EU noch. Al­ler­dings reicht das der Bran­che nicht. Es kön­ne nicht sein, dass die wett­be­werbs­star­ke deut­sche Stahl­in­dus­trie un­ter­gra­ben wer­de von Dum­ping-Stahl und ei­ner Ver­schär­fung des Emis­si­ons­rech­te-Han­dels, wet­tert Kerk­hoff. Jetzt müss­ten die Ent­schei­dun­gen in Brüs­sel und Ber­lin fal­len.

Wirt­schafts­mi­nis­ter Ga­bri­el hat­te erst vor we­ni­gen Ta­gen Un­ter­stüt­zung für die Bran­che si­gna­li­siert. Kon­kre­te Hil­fen stell­te er zu­nächst je­doch nicht in Aus­sicht.

Ex­per­ten wie Nils Nau­jok von der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung «Stra­te­gy&» se­hen lang­fris­tig in In­no­va­tio­nen die größ­te Über­le­bens­chan­ce für die Bran­che in Eu­ro­pa. Schutz­maß­nah­men wie ei­ne Er­hö­hung der Im­port­zöl­le könn­ten ihr nur vor­über­ge­hend Luft ver­schaf­fen. Die deutsch­spra­chi­gen Her­stel­ler sei­en im eu­ro­päi­schen Ver­gleich gut po­si­tio­niert, doch die Kon­kur­renz aus Chi­na sei ih­nen auch in Sa­chen In­no­va­tio­nen be­reits auf den Fer­sen. "Eu­ro­pa ist fünf Jah­re vor­aus", sagt Nau­jok.

Kri­ti­ker hal­ten Ein­schnit­te in Eu­ro­pa schon seit lan­gem für un­ver­meid­lich. Vie­le Wer­ke ge­ra­de in Sü­d­eu­ro­pa sind kaum noch aus­ge­las­tet, Stahl­ver­bands­chef Eder sprach sich erst jüngst für wei­te­re Still­le­gun­gen aus. Ne­ben An­ti-Dum­ping-Maß­nah­men sei auch Un­ter­stüt­zung bei Schlie­ßun­gen und Ka­pa­zi­täts­ab­bau not­wen­dig.

Die Bran­che ist in Be­we­gung. Auch Thys­sen­krupp-Chef Hein­rich Hie­sin­ger macht sich für ei­ne wei­te­re Kon­so­li­die­rung stark. Ak­tu­ell gibt es Ge­rüch­te, dass der Ruhr­kon­zern sei­ne eu­ro­päi­schen Stahl­ge­schäf­te mit den nie­der­län­di­schen Wer­ken des in­di­schen Kon­kur­ren­ten Ta­ta zu­sam­men­schlie­ßen könn­te. Das könn­te Kos­ten auch auf Kos­ten der Ar­bei­ter spa­ren. Da­mit könn­te die un­ge­wöhn­li­che Al­li­anz wie­der auf­bre­chen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. September 2016

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