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Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ei­nes Kran­ken­haus­arz­tes

63jähriger Ober­arzt ei­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik möch­te wie­der öf­ter als Ope­ra­teur ein­ge­setzt wer­den: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 04.07.2014, 10 Sa 101/14

10.07.2014. Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) schützt Ar­beit­neh­mer vor Dis­kri­mi­nie­run­gen, d.h. sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­ten Schlech­ter­stel­lun­gen, u.a. vor Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters.

Bei der Zu­wei­sung von Ar­beits­auf­ga­ben darf sich der Ar­beit­ge­ber da­her im All­ge­mei­nen nicht am Al­ter des Ar­beit­neh­mers ori­en­tie­ren, d.h. jun­gen oder ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mern al­lein we­gen ih­res Al­ters ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­ben vor­ent­hal­ten.

Ver­stößt der Ar­beit­ge­ber ge­gen die­se ge­setz­li­che Pflicht, steht dem Ar­beit­neh­mer ge­mäß § 15 Abs.2 AGG ei­ne Gel­dent­schä­di­gung zu. Die­ser An­spruch be­steht nor­ma­ler­wei­se ge­gen­über dem Ar­beit­ge­ber, aus­nahms­wei­se aber auch ge­gen­über ei­ner an­de­ren wei­sungs­be­rech­tig­ten Per­son: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 04.07.2014, 10 Sa 101/14.

Wer haftet für eine altersdiskriminierende Ausübung des Weisungsrechts?

Ar­beit­neh­mer sind nicht nur zur Ar­beits­leis­tung ver­pflich­tet, son­dern ha­ben auch um­ge­kehrt ei­nen An­spruch auf Beschäfti­gung, d.h. auf ver­trags­gemäße Zu­wei­sung von Ar­beits­auf­ga­ben.

Da­her darf der Ar­beit­ge­ber ei­nen Ar­beit­neh­mer im All­ge­mei­nen nicht "ein­fach so" von der Ar­beit frei­stel­len, denn das würde dem Beschäfti­gungs­an­spruch zu­wi­der­lau­fen.

Und auch bei Ar­beits­an­wei­sun­gen muss der Ar­beit­ge­ber dem An­spruch auf ver­trags­gemäße Beschäfti­gung Rech­nung tra­gen bzw. die­sen An­spruch erfüllen. Er darf ei­nen Ar­beit­neh­mer da­her nicht "kalt­stel­len", d.h. mit zu we­ni­gen und/oder un­ter­wer­ti­gen (Schein-)Auf­ga­ben be­trau­en.

Erst recht wäre es recht­lich un­zulässig, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­nem Ar­beit­neh­mer auf­grund sei­nes fort­ge­schrit­te­nen Al­ters kei­ne oder zu we­nig ver­trags­gemäße Auf­ga­ben zu­wei­sen würde, denn das wäre ei­ne al­ters­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf ent­schie­den, dass der An­spruch auf Beschäfti­gung und ein denk­ba­rer An­spruch auf Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung ge­gen den­je­ni­gen zu rich­ten ist, der zur ver­trags­gemäßen Beschäfti­gung ver­pflich­tet ist. Das ist zwar in al­ler Re­gel der Part­ner des Ar­beits­ver­trags, d.h. der Ver­trags­ar­beit­ge­ber, kann aber aus­nahms­wei­se auch ein an­de­rer sein, wenn die­ser al­lein die Be­rech­ti­gung (und die Pflicht) zur Beschäfti­gung hat.

Der Streitfall: 63jähriger Oberarzt einer Universitätsklinik möchte wieder öfter als Operateur eingesetzt werden

Im Streit­fall klag­te ein 63 Jah­re al­ter Ober­arzt ge­gen sei­nen Ver­trags­ar­beit­ge­ber, die Uni­ver­sität Düssel­dorf. Hin­ter­grund sei­ner Kla­ge war der Vor­wurf, er wer­de seit 2009 zu deut­lich we­ni­ger großen Herz­ope­ra­tio­nen her­an­ge­zo­gen. Außer­dem wer­de ihm kei­ne Wei­ter­bil­dung im Be­reich der mi­ni­mal­in­va­si­ven Ein­grif­fe ermöglicht.

Das be­wer­te­te der Arzt als Dis­kri­mi­nie­rung we­gen sei­nes Al­ters und ver­klag­te die Uni­ver­sität vor dem Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf mit dem An­trag, ihn als Ober­arzt und Ope­ra­teur zu beschäfti­gen, min­des­tens aber zu 100 Ope­ra­tio­nen im Jahr ein­zu­tei­len. Außer­dem ver­lang­te er ei­ne Gel­dentschädi­gung we­gen der er­lit­te­nen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung von we­nigs­tens 5.000 EUR.

Das Ar­beits­ge­richt wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 20.12.2013, 1 Ca 3468/13).

LAG Düsseldorf: Nur die Universitätsklinik und nicht die Universität ist zur Beschäftigung der Uniklinik-Ärzte verpflichtet

Auch vor dem LAG Düssel­dorf, d.h. in der Be­ru­fungs­in­stanz, hat­te der Ober­arzt kein Glück. Denn er bzw. sein An­walt hat­ten den fal­schen Be­klag­ten er­wischt.

§ 15 der Rechts­ver­ord­nung über die Uni­ver­sitätskli­ni­ken in Nord­rhein-West­fa­len (UK­VO) schreibt nämlich vor, dass das wis­sen­schaft­li­che
Per­so­nal der Uni­ver­sität ver­pflich­tet ist, im Uni­ver­sitätskli­ni­kum (und nicht in der Uni­ver­sität) Auf­ga­ben in der Kran­ken­ver­sor­gung zu erfüllen. Dem­ent­spre­chend ar­bei­te­te der Ober­arzt im Uni­ver­sitätskli­ni­kum und war dem dor­ti­gen Chef­arzt zu­ge­ord­net, der das Wei­sungs­recht ausübte.

Vor die­sem Hin­ter­grund mein­te das LAG Düssel­dorf, dass die Uni­ver­sität we­der zur Beschäfti­gung noch zur Zah­lung ei­ner Entschädi­gung we­gen ei­ner mögli­chen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ver­ur­teilt wer­den konn­te. Rich­ti­ger Be­klag­ter wäre die Uni­ver­sitätskli­nik ge­we­sen, so das LAG.

Auf­grund der ge­setz­lich ge­re­gel­ten, für Uni­ver­sität und Kli­nik je­weils ge­trenn­ten Auf­ga­ben ist die Kli­nik auch nicht als Erfüllungs- oder Ver­rich­tungs­ge­hil­fe der Uni­ver­sität an­zu­se­hen, denn die Uni­ver­sität hat gar kei­ne Auf­ga­ben der Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung, die sie an die Kli­nik de­le­gie­ren könn­te.

Fa­zit: Der Fall ist für den kla­gen­den Arzt dumm ge­lau­fen, falls er nicht noch par­al­lel in ei­nem wei­te­ren Pro­zess die Uni­ver­sitätskli­nik ver­klagt ha­ben soll­te. Denn gemäß § 15 Abs.4 AGG muss ein An­spruch auf Entschädi­gung we­gen Dis­kri­mi­nie­rung schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den, und zwar in­ner­halb von zwei Mo­na­ten, nach­dem der Be­trof­fe­ne von der Be­nach­tei­li­gung Kennt­nis er­langt hat. Und bin­nen wei­te­rer drei Mo­na­te muss die Kla­ge bei Ge­richt ein­ge­gan­gen sein (§ 61b Abs.1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz - ArbGG). Die­se Fris­ten sind hier im Streit­fall schon lan­ge ab­ge­lau­fen und die Ansprüche da­her we­gen Frist­ab­laufs er­lo­schen.

Ar­beit­neh­mern und ih­ren Anwälten ist da­her zu ra­ten, im Zwei­fels­fall im­mer al­le in Be­tracht kom­men­den An­spruchs­geg­ner im Ar­beit­ge­ber­la­ger zu be­lan­gen. Denn hätte der Arzt hier die Uni­ver­sität und die Kli­nik ver­klagt, hätte das zwar ei­ne ge­ringfügi­ge Mehr­be­las­tung mit Pro­zess­kos­ten zur Fol­ge ge­habt, nicht aber die Ab­wei­sung der Kla­ge al­lein aus for­mal­ju­ris­ti­schen Gründen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das LAG Düssel­dorf sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des LAG Düssel­dorf fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 20. August 2014

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