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An­fech­tung ei­ner Ver­trags­än­de­rung we­gen Dro­hung mit un­zu­läs­si­ger Lohn­kür­zung

Droht der Ar­beit­ge­ber mit ei­ner recht­lich un­zu­läs­si­gen rück­wir­ken­den Lohn­kür­zung, kann der Ar­beit­neh­mer die mit die­ser Dro­he­rung er­reich­te Zu­stim­mung zur Ver­trags­än­de­rung an­fech­ten: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 19.08.2011, 16 Sa 833/10
07.12.2011. Ei­ne Lohn­kür­zung kann der Ar­beit­ge­ber meist nur mit Zu­stim­mung des Ar­beit­neh­mers durch­set­zen. So­gar dann, wenn ei­ne Än­de­rungs­kün­di­gung als Brech­stan­ge ein­ge­setzt wird, braucht der Ar­beit­ge­ber das OK des Ar­beit­neh­mers zur Ge­halts­kür­zung. Denn die Än­de­rungs­kün­di­gung führt erst ein­mal zur Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­trags und nur dann zur ge­wünsch­ten Ver­trags­än­de­rung, wenn der Ar­beit­neh­mer sein Ein­ver­ständ­nis da­zu er­klärt.

Da nie­mand ger­ne auf Geld ver­zich­tet, müs­sen Ar­beit­ge­ber be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer un­ter Druck set­zen, um die ge­wünsch­te Lohn­kür­zung bzw. Ver­trags­än­de­run­gen durch­zu­set­zen. Ein sol­ches "druck­vol­les Ver­han­deln" ist im Prin­zip er­laubt. Die Gren­ze liegt dort, wo der Ar­beit­ge­ber mit ei­ner "wi­der­recht­li­chen Dro­hung" ar­bei­tet. Dann kann ei­ne Ver­trags­än­de­rung, die ei­ne Lohn­kür­zung be­inhal­tet, auch ein­mal mit Er­folg an­ge­foch­ten wer­den, wie ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Nie­der­sach­sen zeigt (Ur­teil vom 19.08.2011, 16 Sa 833/10).

Anfechtung einer Vertragsänderung - theoretisch leicht, praktisch schwer

Wer ei­nem Ver­trag zu­stimmt, weil ihm ei­ne Pis­to­le an den Kopf ge­hal­ten wird, kommt von dem Ver­trag wie­der los. Er kann nämlich ei­ne An­fech­tung gemäß § 142 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) erklären, und zwar we­gen wi­der­recht­li­cher Dro­hung (§ 123 BGB). "Wi­der­recht­lich" ist ei­ne sol­che Dro­hung, weil der Dro­hen­de kein Recht hat, den Be­droh­ten bei Ver­wei­ge­rung der Un­ter­schrift zu er­schießen.

Aber oh­ne Druck und Ge­gen­druck gibt es kei­ne Ver­trags­ver­hand­lun­gen, und da­her ist nicht je­de Dro­hung bei Ver­trags­ver­hand­lun­gen schon wi­der­recht­lich und der Ver­trag da­her an­fecht­bar. Droht der Ar­beit­ge­ber z.B. mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung, um den Ar­beit­neh­mer we­gen ei­nes Pflicht­ver­s­toßes zu ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag zu drängen, ist An­fech­tung nur möglich, wenn die an­ge­droh­te Kündi­gung mehr oder we­ni­ger of­fen­sicht­lich un­wirk­sam wäre. Und all das (die Dro­hung selbst und die Un­halt­bar­keit der an­ge­droh­ten Kündi­gung) muss der Ar­beit­neh­mer be­wei­sen können, wenn er den Auf­he­bungs­ver­trag mit Er­folg an­fech­ten will.

Sol­che An­fech­tun­gen ha­ben da­her vor Ge­richt sel­ten Er­folg. Noch sel­te­ner ge­lingt ei­ne Ver­trags­an­fech­tung, wenn es "nur" um ei­ne Lohnkürzung geht. Trotz­dem hat­te der Ar­beit­neh­mer ei­nes Bau­mark­tes da­mit vor kur­zem Er­folg.

LAG Niedersachsen: Vertragsänderung nach Drohung mit rechtlich unmöglicher Lohnkürzung ist anfechtbar

Ge­klagt hat­te ein Bau­markt-Mit­ar­bei­ter, der lan­ge Zeit als Wa­ren­ein­gangs­lei­ter ge­ar­bei­tet hat­te und dafür rund 2.500,00 EUR be­kam. Nach ei­ner Um­struk­tu­rie­rung wur­de er nur noch als Ser­vice­kraft ein­ge­setzt. Aus Sicht des Ar­beit­ge­bers war sein Ge­halt da­her um 500,00 EUR zu hoch. Mit ei­ner Ge­halts­sen­kung erklärte sich der Ar­beit­neh­mer aber trotz vie­ler Per­so­nal­gespräche nicht be­reit - bis die Markt­lei­te­rin ei­nes Ta­ges mit ei­ner rück­wir­ken­den Ge­halts­re­du­zie­rung für den Fall droh­te, dass er wei­ter hartnäckig blei­ben soll­te. Dar­auf­hin un­ter­schrieb der Ar­beit­neh­mer ei­ne Ver­tragsände­rung.

Die be­reu­te er schnell und erklärte die An­fech­tung, die der Ar­beit­ge­ber wie­der­um nicht ak­zep­tier­te. Das Ar­beits­ge­richt Braun­schweig (Ur­teil vom 09.04.2010, 7 Ca 225/09) und das LAG ur­teil­ten, dass die An­fech­tung wirk­sam und die ver­trag­li­che Lohnkürzung da­her null und nich­tig sei. Denn die Dro­hung mit ei­ner rück­wir­ken­den Lohnkürzung war wi­der­recht­lich, da ein ver­trag­lich ver­ein­bar­ter Lohn nur ein­ver­nehm­lich und in kei­nem Fall rück­wir­kend gekürzt wer­den kann.

Fa­zit: Der Ar­beit­neh­mer hat­te Glück ge­habt, denn der Ar­beit­ge­ber hat­te die un­rechtmäßige Dro­hung vor Ge­richt nicht be­strit­ten. So et­was kommt sel­ten vor. Ar­beit­neh­mer soll­ten da­her nie (!) di­rekt im Per­so­nal­gespräch ei­ne nach­tei­li­ge Ver­tragsände­rung oder gar ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag un­ter­schrei­ben, son­dern im­mer (!) auf ei­ner mehrtäti­gen Be­denk­zeit be­ste­hen.

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Letzte Überarbeitung: 4. August 2015

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