Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Betriebsratswahl
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 19/3 Sa 323/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 18.12.2009
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt, Urteil vom 22.01.2009, 1 Ca 7211/08
   


Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt


Ak­ten­zei­chen: 19/3 Sa 323/09
(Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main: 1 Ca 7211/08)  

Verkündet am:
18. De­zem­ber 2009

Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

Im Na­men des Vol­kes


Ur­teil

In dem Rechts­streit


Be­klag­te und

Be­ru­fungskläge­rin

Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:

ge­gen

Kläger und
Be­ru­fungs­be­klag­ter

Pro­zess­be­vollmäch­tigt.:


hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt, Kam­mer 19,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 18. De­zem­ber 2009
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt als
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
als Bei­sit­zer
für Recht er­kannt:

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 22. Ja­nu­ar 2009 – 1 Ca 7211/08 – wird zurück­ge­wie­sen.

Die Be­klag­te hat die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens zu tra­gen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

2


Tat­be­stand.


Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung.

Der am 10. Sep­tem­ber 1952 ge­bo­re­ne und ver­hei­ra­te­te Kläger ist mit ei­nem Grad von 60 schwer­be­hin­dert. Er schloss mit der be­klag­ten Stadt, die mehr als zehn Voll­zeit­ar­beit­neh­mer beschäftigt und bei der ei­ne Per­so­nal­ver­tre­tung ge­bil­det ist, un­ter dem 12. Fe­bru­ar 2008 ei­nen für die Zeit vom 01. April 2008 bis 31. De­zem­ber 2010 be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag. Es wur­de ei­ne Pro­be­zeit von sechs Mo­na­ten ver­ein­bart (§ 4 Abs. 1 des Ar­beits­ver­trags, Bl. 49 f. d. A.). Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­det auf­grund ein­zel­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung der Ta­rif­ver­trag für den Öffent­li­chen Dienst (TVöD) mit dem Be­son­de­ren Teil Ver­wal­tung in der für den Be­reich der Ver­ei­ni­gung der kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber­verbände (VKA) je­weils gel­ten­den Fas­sung ein­sch­ließlich des Ta­rif­ver­trags zur Über­lei­tung der Beschäftig­ten der kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber in den TVöD und zur Re­ge­lung des Über­g­angs­rechts (§ 1 Abs. 2 TVÜ-VKA) An­wen­dung. Der Kläger er­hielt zu­letzt in Vergütung in Höhe von € 2.412,54 brut­to mo­nat­lich.

Ab Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses wur­de der Kläger mit sei­nem Ein­verständ­nis wi­der­ruf­lich der A zur Dienst­leis­tung zu­ge­wie­sen und in de­ren Job­cen­ter Nord, Ar­beits­be­reich „Persönli­che/r An­sprech­part­ner/in“ ein­ge­setzt. Die A ist ei­ne von der Be­klag­ten und der Agen­tur für Ar­beit, die je zur Hälf­te Ge­sell­schaf­ter sind, gemäß § 44 SGB II ge­gründe­te Ar­beits­ge­mein­schaft. Die Zu­sam­men­ar­beit re­gelt ein Ko­ope­ra­ti­ons­ver­trag. Da­nach stel­len die Ver­trags­part­ner das not­wen­di­ge Per­so­nal zur Verfügung. Sie blei­ben Ar­beit­ge­ber des zur Verfügung ge­stell­ten Per­so­nals und über­tra­gen dem Geschäftsführer der A das fach­li­che Wei­sungs­recht. Für die A sind ca. 400 Ar­beit­neh­mer tätig. Am 13. Au­gust 2008 wur­de für die A ein Be­triebs­rat gewählt, nach­dem ein Eil­an­trag der A auf Ab­bruch der Wahl durch Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 31. Ju­li 2008 – 14 BV­Ga 542/08 – und auch die hier­ge­gen ge­rich­te­te Be­schwer­de durch Be­schluss des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 09. Au­gust 2008 - 9 TaBV­Ga 188/07 – (Bl. 22 – 36) zurück­ge­wie­sen wor­den wa­ren. Laut Wahl­aus­schrei­ben stand auch den von der Be­klag­ten ge­stell­ten Ar­beit­neh­mern das ak­ti­ve und pas­si­ve Wahl­recht zu. Auf An­trag der A hat das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main mit Be­schluss vom 09. Ja­nu­ar 2009 – 24 BV 613/08 – fest­ge­stellt, dass die am 13. Au­gust 2008 durch­geführ­te Be­triebs­rats­wahl un­wirk­sam ist. Die da­ge­gen ge­rich­te­te Be­schwer­de des Be­triebs­rats hat­te kei­nen Er­folg. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat mit Be­schluss vom 03. Sep­tem­ber 2009 – 9 TaBV 64/09 - die Wahl mit der Be­gründung we­gen Ver­s­toßes ge­gen §§ 8, 9 Be­trVG für ungültig erklärt und aus­geführt, die Rhein-

3

Main B ha­be kei­ne ver­trag­lich ver­bun­de­ner Ar­beit­neh­mer und es be­ste­he kein ge­mein­sa­mer Be­trieb „C“ der Be­klag­ten und der Agen­tur für Ar­beit.
Mit Schrei­ben vom 22. Sep­tem­ber 2008, das der Kläger am sel­ben Tag er­hielt, kündig­te die be­klag­te Stadt nach Be­tei­li­gung der bei ihr ge­bil­de­ten Per­so­nal­ver­tre­tung, aber oh­ne Anhörung des ge­bil­de­ten Be­triebs­rats das Ar­beits­verhält­nis mit dem Kläger or­dent­lich zum 31. Ok­to­ber 2008.

Mit sei­ner am 13. Ok­to­ber 2008 beim Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main er­ho­be­nen und der Be­klag­ten am 28. Ok­to­ber 2008 zu­ge­stell­ten Kla­ge rich­tet sich der Kläger ge­gen die Kündi­gung. Er hat die An­sicht ver­tre­ten, die Kündi­gung sei man­gels vor­he­ri­ger Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats un­wirk­sam.

Der Kläger hat be­an­tragt,
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en durch die or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 22. Sep­tem­ber 2008 nicht auf­gelöst wur­de.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hat die An­sicht ver­tre­ten, dass sie den Be­triebs­rat nicht ha­be be­tei­li­gen müssen, weil der Kläger Ar­beit­neh­mer der Stadt ge­blie­ben sei und kein Ge­mein­schafts­be­trieb be­ste­he.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge mit Ur­teil vom 22. Ja­nu­ar 2009 statt­ge­ge­ben und zur Be­gründung aus­geführt, dass die Kündi­gung auf­grund der feh­len­den Anhörung des Be­triebs­rats un­wirk­sam sei. Es könne of­fen blei­ben, ob es sich bei dem Be­treib der A um ei­nen ge­mein­sa­men Be­trieb der Be­klag­ten und der Agen­tur für Ar­beit han­de­le. Selbst wenn kein Ge­mein­schafts­be­trieb be­ste­he, sei die Be­triebs­rats­wahl we­gen der Ver­ken­nung des Be­triebs­be­griffs nicht nich­tig, son­dern nur an­fecht­bar. Bis zur Rechts­kraft der Ent­schei­dung im Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­ren sei der Be­triebs­rat mit al­len Rech­ten und Pflicht im Amt und vor der Kündi­gung zu be­tei­li­gen. Dem ste­he nicht ent­ge­gen, dass der Kläger während sei­ner Zu­wei­sung zur A Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten Stadt ge­we­sen sei. Für den Ar­beit­ge­ber, hier der Be­klag­ten, sei Adres­sat der Anhörung der in dem je­wei­li­gen Be­trieb gewähl­te Be­triebs­rat.
 

4


Ge­gen das der Be­klag­ten am 04. Fe­bru­ar 2009 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die­se mit Schrift­satz vom 19. Fe­bru­ar 2009, ein­ge­gan­gen beim Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt am 20. Fe­bru­ar 2009, Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se nach recht­zei­tig be­an­trag­ter Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis 08. Ju­ni 2009 mit Schrift­satz vom 20. Mai 2009, der am glei­chen Tag beim Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen ist, be­gründet.

Die Be­klag­te ist der An­sicht, dass das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz und da­mit §102 Abs.1 Be­trVG nicht an­wend­bar sei, wenn kein Ge­mein­schafts­be­trieb be­ste­he. Die An­wend­bar­keit des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes könne nicht durch die Wahl ei­nes Be­triebs­rats her­bei­geführt wer­den. Die ge­gen­tei­li­ge An­nah­me stel­le ei­nen nicht ge­recht­fer­tig­ten Ein­griff in die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Lan­des­ge­setz­ge­bers zum Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz dar. Die Be­klag­te be­strei­tet das Vor­lie­gen ei­nes Ge­mein­schafts­be­triebs. Fer­ner ist die Be­klag­te der An­sicht, dass we­der Gründe der Prak­ti­ka­bi­lität noch Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­te dafür sprächen, nach ei­ner er­folg­rei­chen Wahl­an­fech­tung an der Un­wirk­sam­keits­fol­ge fest­zu­hal­ten.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 22. Ja­nu­ar 2009 – 1 Ca 7211/08 – ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung der Be­klag­ten zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger ist der An­sicht, dass § 102 Be­trVG we­gen der Rechts­form der A an­wend­bar sei. Die Nicht­be­ach­tung des § 102 Be­trVG führe auch dann zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung, wenn später die Un­wirk­sam­keit der Be­triebs­rats­wahl fest­ge­stellt wer­de. Dafür spräche das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers und der Beschäftig­ten, die Fra­ge der Wirk­sam­keit von Rechts­hand­lun­gen nicht bis zur Ent­schei­dung über die Wirk­sam­keit der Be­triebs­rats­wahl in der Schwe­be zu hal­ten. Da der Be­triebs­rat pro­blem­los be­tei­ligt wer­de könne, be­ste­he für die Ände­rung der Recht­spre­chung kein Bedürf­nis.

We­gen der Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens in der Be­ru­fungs­in­stanz wird auf den

5


d.A.) und vom 28. Ju­li 2009 (Bl. 162.- 164 d. A.) so­wie die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 18. De­zem­ber 2009 (Bl. 170 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

A.

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 22. Ja­nu­ar 2009 - 1 Ca 7211/08 - ist gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 2 b) und c) ArbGG statt­haft und auch darüber hin­aus zulässig, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, §§ 66 Abs. 1 ArbGG, 519, 520 Abs. 1, 3 und 5 ZPO.


B.

In der Sa­che hat die Be­ru­fung kei­nen Er­folg. Die Be­ru­fungs­kam­mer folgt den Gründen der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung (§ 69 Abs. 2 ArbGG). Das Be­ru­fungs­vor­brin­gen der Be­klag­ten gibt An­lass zu fol­gen­den Ergänzun­gen:

I. Ent­ge­gen der An­sicht der Be­klag­ten fin­det die Re­ge­lung des § 102 Abs. 1 Be­trVG vor­lie­gend An­wen­dung, auch wenn bei der A kein Be­trieb be­stan­den ha­ben soll­te.

1. Nach § 130 Be­trVG fin­det das Ge­setz kei­ne An­wen­dung auf Ver­wal­tun­gen und Be­trie­be des Bun­des, der Länder, der Ge­mein­den und sons­ti­gen Körper­schaf­ten, An­stal­ten und Stif­tun­gen des öffent­li­che Rechts. Maßgeb­li­ches Kri­te­ri­um für die Ab­gren­zung ist nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts die for­mel­le Rechts­form des Be­triebs oder der Ver­wal­tung (BAG 07. No­vem­ber 1975 – 1 AZR 74/74 - BA­GE 27, 316 = AP Be­trVG 1972 § 130 Nr. 1; 24. Ja­nu­ar 1996 – 7 ABR 10/95 – BA­GE 82, 112 = AP Be­trVG 1972 § 130 Ge­mein­sa­mer Be­trieb Nr. 8 = EzA Be­trVG 1972 § 1 Nr. 10 zu B 5 der Gründe). Wird ein Ge­mein­schafts­be­trieb auf der Grund­la­ge ei­ner pri­vat­recht­li­chen Ver­ein­ba­rung in der Rechts­form ei­ner BGB-Ge­sell­schaft geführt, fin­det das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz An­wen­dung (BAG 24. Ja­nu­ar 1996 – 7 ABR 10/95 – BA­GE 82, 112 = AP Be­trVG 1972 § 130 Ge­mein­sa­mer Be­trieb Nr. 8 = EzA Be­trVG 1972 § 1 Nr. 10 zu B 5 der Gründe). Das gilt, wenn es sich um ei­nen Ge­mein­schafts­be­trieb ei­ner ju­ris­ti­schen Per­son der Pri­vat­recht und ei­ner Körper­schaft des öffent­li­chen Rechts han­delt (BAG 24. Ja­nu­ar 1996 – 7 ABR 10/95 – BA­GE 82, 112 = AP Be­trVG 1972 § 130 Ge­mein­sa­mer Be­trieb Nr. 8 = EzA Be­trVG 1972 § 1 Nr. 10 zu B 5 der Gründe), aber auch dann, wenn an dem Ge­mein­schafts­be­trieb zwei

6


Körper­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts be­tei­ligt sind (BAG 08. März 1977 – 1 ABR 18/75 – AP Be­trVG 1972 § 43 Nr. 1 = EzA Be­trVG 1972 § 43 Nr. 1).

2. Der Be­triebs­rat ist für den Be­trieb der A ge­bil­det wor­den. Da die­se in der Rechts­form ei­ner GmbH or­ga­ni­siert ist und kei­ne An­halts­punk­te für ei­ne Zu­sam­men­ar­beit der Stadt und der Agen­tur für Ar­beit auf öffent­lich-recht­li­cher Ba­sis be­ste­hen, ist der An­wen­dungs­be­reich des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes eröff­net.

3. Da­ge­gen kann die Be­klag­te nicht mit Er­folg ein­wen­den, dass die A kei­nen Be­trieb hat, dass ins­be­son­de­re kein Ge­mein­schafts­be­trieb ge­bil­det ist.

a) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des BAG hat die er­folg­rei­che An­fech­tung der Wahl nach § 19 Abs. 1 Be­trVG kei­ne rück­wir­ken­de Kraft, son­dern wirkt nur für die Zu­kunft (BAG 13. März 1991 – 7 ABR 5/90 – BA­GE 67, 316 = AP Be­trVG 1972 § 19 Nr. 20; Fit­ting Be­trVG 24. Aufl § 19 Rn. 49 m.w.N.). Der Be­triebs­rat bleibt im Fall der An­fecht­bar­keit der Wahl bis zur Rechts­kraft ei­ner die Wahl für ungültig erklären­den ge­richt­li­chen Ent­schei­dung mit al­len be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­fug­nis­sen im Amt. Das gilt auch dann, wenn der Be­triebs­rat un­ter Ver­ken­nung des Be­triebs­be­griffs gewählt wor­den ist und die Wahl des­halb an­fecht­bar ist. Es würde dem Er­for­der­nis der Rechts­si­cher­heit, dem § 19 Be­trVG dient, wi­der­spre­chen, wenn bei Ausübung ei­nes je­den ein­zel­nen Be­tei­li­gungs­recht je­weils zu klären wäre, ob der gewähl­te Be­triebs­rat über­haupt für den Be­trieb im Sin­ne des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes gewählt bzw. zuständig ist (BAG 03. Ju­ni 2004 – 2 AZR 577/03 – AP Be­trVG 1972 § 102 Nr. 141 – EzA KSchG § 1 So­zia­le Aus­wahl Nr. 55 zu B der Gründe; BAG 27. Ju­ni 1995 – 1 ABR 62/94 – AP Be­trVG 1972 § 4 Nr. 7 = EzA Be­trVG 1972 § 111 Nr. 31 zu B I und II der Gründe).

b) Die­se Grundsätze sind auch dann an­zu­wen­den, wenn un­ter Ver­ken­nung des Be­triebs­be­griffs un­zu­tref­fend das Be­ste­hen ei­nes Be­triebs an­ge­nom­men wird.

aa) Auch in die­sem Fall spricht das Er­for­der­nis der Rechts­si­cher­heit dafür, dass der Be­triebs­rat bis zur Rechts­kraft der Wahl­an­fech­tungs­ent­schei­dung mit al­len be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Pflich­ten im Amt bleibt. Da­mit sind die Be­tei­li­gungs­rech­te des ge­bil­de­ten Be­triebs­rats bis zum Ab­schluss des Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­rens zu wah­ren. Bei der Ausübung der ein­zel­nen Be­tei­li­gungs­rech­te ist nicht je­weils zu klären, ob ein Be­trieb be­steht. Da­von ist viel­mehr während der Dau­er des Wahl­ver­fah­rens aus­zu­ge­hen.
 

7


bb) Dem kann die Be­klag­te nicht mit Er­folg ent­ge­gen hal­ten, die An­wend­bar­keit des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes könne bei An­wen­dung die­ser Grundsätze durch Wahl ei­nes Be­triebs­rats für den Be­reich ei­nes öffent­li­chen Recht­strägers ein­fach her­bei­geführt wer­den, auch wenn die Wahl nich­tig sei. Zum ei­nen wird die An­wend­bar­keit des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes nicht her­bei­geführt; sie folgt viel­mehr aus § 130 Be­trVG i.V.m. § 19 Be­trVG. Zum an­de­ren er­wirbt die aus ei­ner nich­ti­gen Wahl her­vor­ge­gan­ge­ne Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung kei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­fug­nis­se (BAG 03. Ju­ni 2004 – 2 AZR 577/03 – AP Be­trVG 1972 § 102 Nr. 141 – EzA KSchG § 1 So­zia­le Aus­wahl Nr. 55 zu B der Gründe; BAG 13. März 1991 – 7 ABR 5/90 – BA­GE 67, 316 = AP Be­trVG 1972 § 19 Nr. 20). Nur in den Fällen, in de­nen die Wahl nicht nich­tig ist, son­dern nur an­fecht­bar ist, behält der gewähl­te Be­triebs­rat die Be­fug­nis­se bis zum Ab­schluss der er­folg­rei­chen Wahl­an­fech­tung. Da­mit war hier schließlich si­cher­ge­stellt, dass die von der be­klag­ten Stadt zu­ge­wie­se­nen Mit­ar­bei­ter, de­nen bei der letz­ten Per­so­nal­rats­wahl kein Wahl­recht zu­er­kannt war, ei­ne be­trieb­li­che In­ter­es­sen­ver­tre­tung hat­ten.

cc) Ent­ge­gen der An­sicht der Be­klag­ten ist auch nicht von ei­nem nicht ge­recht­fer­tig­ten Ein­griff in die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Lan­des­ge­setz­ge­bers zum Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz aus­zu­ge­hen. Es geht um die Be­fug­nis­se ei­nes in ei­nem pri­vat­recht­lich or­ga­ni­sier­ten Un­ter­neh­men ge­bil­de­ten Be­triebs­rats. Ein Ein­griff in die Kom­pe­ten­zen des Per­so­nal­rats und da­mit in die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Lan­des­ge­setz­ge­bers ist da­mit nicht not­wen­dig ver­bun­den.

II. Die Un­wirk­sam­keits­fol­ge des § 102 Abs. 1 Satz 3 Be­trVG gilt ent­ge­gen der An­sicht der Be­klag­ten auch dann, wenn zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung im Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren fest­steht, dass die Wahl wirk­sam an­ge­foch­ten wor­den ist. Das ist die Kon­se­quenz dar­aus, dass die er­folg­rei­che An­fech­tung der Wahl nach § 19 Be­trVG kei­ne rück­wir­ken­de Kraft hat, son­dern nur für die Zu­kunft wirkt. § 19 Be­trVG dient – auch zu Guns­ten der In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers - dem Er­for­der­nis der Rechts­si­cher­heit.

C.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO. Die Be­klag­te hat die Kos­ten der Be­ru­fung zu tra­gen, weil ihr Rechts­mit­tel kei­nen Er­folg ge­habt hat.

8


Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on be­ruht auf § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 19/3 Sa 323/09  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880