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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Bewerbung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Akten­zeichen: C-104/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 21.07.2011
   
Leit­sätze:

1. Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 über die Be­weis­last bei Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, der meint, dass ihm der Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung we­gen Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ver­wehrt wor­den ist, kei­nen An­spruch auf im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für die­se Aus­bil­dung ver­leiht, um ihn in die La­ge zu ver­set­zen, gemäß die­ser Be­stim­mung „Tat­sa­chen glaub­haft [zu] ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen“.

Es kann je­doch nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass ei­ne Ver­wei­ge­rung von In­for­ma­tio­nen durch ei­nen Be­klag­ten im Rah­men des Nach­wei­ses sol­cher Tat­sa­chen die Ver­wirk­li­chung des mit die­ser Richt­li­nie ver­folg­ten Ziels be­ein­träch­ti­gen und auf die­se Wei­se ins­be­son­de­re de­ren Art. 4 Abs. 1 ih­re prak­ti­sche Wirk­sam­keit neh­men kann.

2. Art. 4 der Richt­li­nie 76/207/EWG des Ra­tes vom 9. Fe­bru­ar 1976 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en hin­sicht­lich des Zu­gangs zur Beschäfti­gung, zur Be­rufs­bil­dung und zum be­ruf­li­chen Auf­stieg so­wie in Be­zug auf die Ar­beits­be­din­gun­gen oder Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 23. Sep­tem­ber 2002 zur Ände­rung der Richt­li­nie 76/207 sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung kei­nen An­spruch auf Ein­sicht­nah­me in im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber um die­se Aus­bil­dung ver­lei­hen, wenn die­ser Be­wer­ber meint, kei­nen Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung nach den glei­chen Kri­te­ri­en wie die an­de­ren Be­wer­ber ge­habt zu ha­ben und im Sin­ne von Art. 4 auf­grund des Ge­schlechts dis­kri­mi­niert wor­den zu sein, oder wenn die­ser Be­wer­ber rügt, im Sin­ne von Art. 1 Nr. 3 auf­grund des Ge­schlechts in Be­zug auf den Zu­gang zu die­ser Be­rufs­aus­bil­dung dis­kri­mi­niert wor­den zu sein.

3. Wenn sich ein Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung für die Ein­sicht­nah­me in im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber auf die Richt­li­nie 97/80 be­ru­fen könn­te, kann die­ser Ein­sicht­nah­me­an­spruch durch die Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts über die Ver­trau­lich­keit berührt wer­den.

4. Die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vor­ge­se­he­ne Pflicht ist nicht un­ter­schied­li­cher Art je nach­dem, ob in ei­nem Mit­glied­staat ein Rechts­sys­tem be­steht, in dem der Ver­hand­lungs­grund­satz gilt, oder ein Rechts­sys­tem, in dem der Un­ter­su­chungs­grund­satz gilt.

Vor­ins­tan­zen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Zwei­te Kam­mer)

21. Ju­li 2011(*)

„Richt­li­ni­en 76/207/EWG, 97/80/EG und 2002/73/EG – Zu­gang zur Be­rufs­aus­bil­dung – Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en – Ab­leh­nung ei­ner Be­wer­bung – Zu­gang ei­nes Be­wer­bers für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung zu In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber“

In der Rechts­sa­che C‑104/10

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom High Court (Ir­land) mit Ent­schei­dung vom 29. Ja­nu­ar 2010, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 24. Fe­bru­ar 2010, in dem Ver­fah­ren

Pa­trick Kel­ly

ge­gen

Na­tio­nal Uni­ver­si­ty of Ire­land (Uni­ver­si­ty Col­le­ge, Dub­lin)

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Zwei­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, der Rich­ter A. Ara­b­ad­jiev, A. Ro­sas (Be­richt­er­stat­ter) und U. Lõhmus so­wie der Rich­te­rin P. Lindh,

Ge­ne­ral­an­walt: P. Men­goz­zi,

Kanz­ler: L. Hew­lett, Haupt­ver­wal­tungsrätin,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 13. Ja­nu­ar 2011,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

– von Herrn Kel­ly, ver­tre­ten durch sich selbst,

– der Na­tio­nal Uni­ver­si­ty of Ire­land (Uni­ver­si­ty Col­le­ge, Dub­lin), ver­tre­ten durch M. Bol­ger, SC, in­stru­iert durch E. O’Sul­li­van, So­li­ci­tor,

– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch J. Möller als Be­vollmäch­tig­ten,

– der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. van Beek und N. Yer­rell als Be­vollmäch­tig­te,

auf­grund des nach Anhörung des Ge­ne­ral­an­walts er­gan­ge­nen Be­schlus­ses, oh­ne Schluss­anträge über die Rechts­sa­che zu ent­schei­den,

fol­gen­des

Ur­teil

1

Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts, ins­be­son­de­re von Art. 4 der Richt­li­nie 76/207/EWG des Ra­tes vom 9. Fe­bru­ar 1976 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en hin­sicht­lich des Zu­gangs zur Beschäfti­gung, zur Be­rufs­bil­dung und zum be­ruf­li­chen Auf­stieg so­wie in Be­zug auf die Ar­beits­be­din­gun­gen (ABl. L 39, S. 40), Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 über die Be­weis­last bei Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts (ABl. 1998, L 14, S. 6) und Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 23. Sep­tem­ber 2002 zur Ände­rung der Richt­li­nie 76/207 (ABl. L 269, S. 15).

2

Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits von Herrn Kel­ly ge­gen die Na­tio­nal Uni­ver­si­ty of Ire­land (Uni­ver­si­ty Col­le­ge, Dub­lin) (im Fol­gen­den: UCD), in dem es um de­ren Wei­ge­rung geht, Un­ter­la­gen über das Ver­fah­ren der Aus­wahl von Be­wer­bern für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung in ei­ner nicht re­di­gier­ten Fas­sung of­fen­zu­le­gen.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

Richt­li­nie 76/207

3

Die Richt­li­nie 76/207, die zur Zeit des Sach­ver­halts, der An­lass zur Be­schwer­de we­gen Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts gab, al­so in den Mo­na­ten März und April 2002, an­wend­bar war, sah in Art. 4 vor:

„Die An­wen­dung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in Be­zug auf den Zu­gang zu al­len Ar­ten und Stu­fen der Be­rufs­be­ra­tung, der Be­rufs­bil­dung, der be­ruf­li­chen Wei­ter­bil­dung und Um­schu­lung be­inhal­tet, dass die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men tref­fen, um si­cher­zu­stel­len,

a) dass die mit dem Grund­satz der Gleich­be­hand­lung un­ver­ein­ba­ren Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten be­sei­tigt wer­den;

b) dass die mit dem Grund­satz der Gleich­be­hand­lung un­ver­ein­ba­ren Be­stim­mun­gen in Ta­rif­verträgen oder Ein­zel­ar­beits­verträgen, in Be­triebs­ord­nun­gen so­wie in den Sta­tu­ten der frei­en Be­ru­fe nich­tig sind, für nich­tig erklärt oder geändert wer­den können;

c) dass Be­rufs­be­ra­tung, Be­rufs­bil­dung, be­ruf­li­che Wei­ter­bil­dung um Um­schu­lung – vor­be­halt­lich in der in ei­ni­gen Mit­glied­staa­ten be­stimm­ten pri­va­ten Bil­dungs­ein­rich­tun­gen gewähr­ten Au­to­no­mie – auf al­len Stu­fen zu glei­chen Be­din­gun­gen oh­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf Grund des Ge­schlechts zugäng­lich sind.“

4

Art. 6 der Richt­li­nie sah vor:

„Die Mit­glied­staa­ten er­las­sen die in­ner­staat­li­chen Vor­schrif­ten, die not­wen­dig sind, da­mit je­der, der sich we­gen Nicht­an­wen­dung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung im Sin­ne der Ar­ti­kel 3, 4 und 5 auf sei­ne Per­son für be­schwert hält, nach et­wai­ger Be­fas­sung an­de­rer zuständi­ger Stel­len sei­ne Rech­te ge­richt­lich gel­tend ma­chen kann.“

Richt­li­nie 2002/73

5

Die Richt­li­nie 76/207 wur­de durch die Richt­li­nie 2002/73 geändert, nach de­ren Art. 2 Abs. 1 Un­terabs. 1 die Mit­glied­staa­ten die Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten in Kraft zu set­zen hat­ten, die er­for­der­lich wa­ren, um die­ser Richt­li­nie spätes­tens am 5. Ok­to­ber 2005 nach­zu­kom­men.

6

Mit der Richt­li­nie 2002/73 wur­de ins­be­son­de­re Art. 4 der Richt­li­nie 76/207 auf­ge­ho­ben, und gemäß ih­rem Art. 1 Nr. 3 er­hielt Art. 3 der Richt­li­nie 76/207 fol­gen­den Wort­laut:

„(1) Die An­wen­dung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung be­deu­tet, dass es im öffent­li­chen und pri­va­ten Be­reich ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len in Be­zug auf fol­gen­de Punk­te kei­ner­lei un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts ge­ben darf:

b) den Zu­gang zu al­len For­men und al­len Ebe­nen der Be­rufs­be­ra­tung, der Be­rufs­aus­bil­dung, der be­ruf­li­chen Wei­ter­bil­dung und der Um­schu­lung ein­sch­ließlich der prak­ti­schen Be­rufs­er­fah­rung;

(2) Zu die­sem Zweck tref­fen die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men, um si­cher­zu­stel­len, dass

a) die Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, die dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zu­wi­der­lau­fen, auf­ge­ho­ben wer­den;

b) die mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen in Ar­beits- und Ta­rif­verträgen, Be­triebs­ord­nun­gen und Sta­tu­ten der frei­en Be­ru­fe und der Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­or­ga­ni­sa­tio­nen nich­tig sind, für nich­tig erklärt wer­den können oder geändert wer­den.“

Richt­li­nie 97/80

7

Durch die Richt­li­nie 97/80, de­ren Um­set­zungs­zeit­punkt auf den 1. Ja­nu­ar 2001 fest­ge­setzt wur­de, wur­den Be­stim­mun­gen über die Be­weis­last bei Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts ein­geführt.

8

Nach dem 13. Erwägungs­grund die­ser Richt­li­nie ob­liegt die Be­wer­tung der Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, dem ein­zel­staat­li­chen Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le im Ein­klang mit den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten.

9

Dem 18. Erwägungs­grund der Richt­li­nie zu­fol­ge hat der Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten ent­schie­den, dass ei­ne Ände­rung der Re­geln für die Be­weis­last­ver­tei­lung ge­bo­ten ist, wenn der An­schein ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung be­steht, und dass in sol­chen Fällen zur wirk­sa­men An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ei­ne Ver­la­ge­rung der Be­weis­last auf die be­klag­te Par­tei er­for­der­lich ist.

10

Nach Art. 1 die­ser Richt­li­nie soll mit ihr ei­ne wirk­sa­me­re Durchführung der Maßnah­men gewähr­leis­tet wer­den, die von den Mit­glied­staa­ten in An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ge­trof­fen wer­den, da­mit je­der, der sich we­gen Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, sei­ne Rech­te nach et­wai­ger Be­fas­sung an­de­rer zuständi­ger Stel­len ge­richt­lich gel­tend ma­chen kann.

11

Nach ih­rem Art. 3 Abs. 1 Buchst. a fin­det die Richt­li­nie 97/80 ins­be­son­de­re auf die Si­tua­tio­nen An­wen­dung, die von der Richt­li­nie 76/207 er­fasst wer­den.

12

Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 lau­tet:

„Die Mit­glied­staa­ten er­grei­fen im Ein­klang mit dem Sys­tem ih­rer na­tio­na­len Ge­richts­bar­keit die er­for­der­li­chen Maßnah­men, nach de­nen dann, wenn Per­so­nen, die sich durch die Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hal­ten und bei ei­nem Ge­richt bzw. ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, es dem Be­klag­ten ob­liegt zu be­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes vor­ge­le­gen hat.“

Na­tio­na­les Recht

13

Nach der Vor­la­ge­ent­schei­dung ent­spre­chen die Grundsätze über die Ver­brei­tung von Schriftstücken gemäß Ru­le 6(6) der Or­der 57A der Cir­cuit Court Ru­les (Ver­fah­rens­re­geln des Cir­cuit Court) den Grundsätzen über Of­fen­le­gung („dis­co­very“) und Ein­sicht­nah­me („in­spec­tion“) so­wohl nach Or­der 32 der Ru­les of the Cir­cuit 2001-2006 (Ver­fah­rens­re­geln des Cir­cuit Court von 2001 bis 2006) als auch nach Or­der 31 der Ru­les of the Su­pe­ri­or Courts 1986 (Ver­fah­rens­re­geln der höhe­r­instanz­li­chen Ge­rich­te von 1986) in geänder­ter Fas­sung.

14

Nach die­sen Re­geln wird die Of­fen­le­gung ei­nes Schriftstücks be­wil­ligt, wenn nach­ge­wie­sen ist, dass es für die vom Rechts­streit auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen er­heb­lich ist und dass es ins­be­son­de­re not­wen­dig ist, da­mit ge­recht über die Sa­che ent­schie­den wer­den kann.

15

Un­be­scha­det des­sen, dass ein Schriftstück als er­heb­lich und not­wen­dig be­trach­tet wird, kann sei­ne Wei­ter­ga­be ver­wei­gert wer­den, wenn es dem Be­rufs­ge­heim­nis oder der Ver­trau­lich­keit un­ter­liegt.

16

Im Fall ei­ner Kol­li­si­on zwi­schen Aus­kunfts­an­spruch ei­ner­seits und der Pflicht zum Schutz der Ver­trau­lich­keit bzw. zur Be­ach­tung ent­ge­gen­ste­hen­der Pflich­ten oder Ansprüche an­de­rer­seits muss das na­tio­na­le Ge­richt das We­sen des gel­tend ge­mach­ten An­spruchs und den Grad der gel­tend ge­mach­ten Ver­trau­lich­keit ge­gen das In­ter­es­se der All­ge­mein­heit an ei­ner um­fas­sen­den Of­fen­le­gung im Rah­men der Rechts­pfle­ge abwägen.

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

17

Herr Kel­ly ist aus­ge­bil­de­ter Leh­rer und wohnt in Dub­lin.

18

Die UCD ist ei­ne Hoch­schu­le. Für den aka­de­mi­schen Zeit­raum 2002–2004 bot sie ei­ne Aus­bil­dung mit dem Ti­tel „Mas­ters de­gree in So­ci­al Sci­ence (So­ci­al Worker) mo­de A“ (Mas­ter der So­zi­al­wis­sen­schaft [So­zi­al­ar­bei­ter] Mo­dus A) an.

19

Am 23. De­zem­ber 2001 stell­te Herr Kel­ly bei der ge­nann­ten Uni­ver­sität ei­nen An­trag auf Zu­las­sung zu ei­ner sol­chen Aus­bil­dung. Nach Ab­schluss des Ver­fah­rens zur Aus­wahl der Be­wer­ber wur­de ihm mit Schrei­ben vom 15. März 2002 mit­ge­teilt, dass sein An­trag ab­ge­lehnt wor­den sei.

20

Herr Kel­ly leg­te ge­gen die­se Ent­schei­dung im April 2002 ei­ne förm­li­che Be­schwer­de we­gen Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts beim Di­rec­tor of the Equa­li­ty Tri­bu­nal mit der Be­gründung ein, er sei qua­li­fi­zier­ter als die am ge­rings­ten qua­li­fi­zier­te Be­wer­be­rin für die erwähn­te Aus­bil­dung.

21

Am 2. No­vem­ber 2006 er­ließ der Equa­li­ty Of­fi­cer, der vom Di­rec­tor of the Equa­li­ty Tri­bu­nal mit der Prüfung der Be­schwer­de von Herrn Kel­ly be­traut wur­de, ei­ne Ent­schei­dung, wo­nach der Be­schwer­deführer ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts nicht schlüssig dar­ge­tan ha­be. Herr Kel­ly er­hob ge­gen die­se Ent­schei­dung Kla­ge beim Cir­cuit Court (Be­zirks­ge­richt).

22

Außer­dem er­hob Herr Kel­ly am 4. Ja­nu­ar 2007 Kla­ge nach Ru­le 6(6) von Or­der 57A der Cir­cuit Court Ru­les, die dem Cir­cuit Court vor­ge­legt wur­de und mit der er die An­ord­nung an die UCD be­an­trag­te, Ko­pi­en der Schriftstücke vor­zu­le­gen, die in der Kla­ge­schrift ge­nau be­schrie­ben wa­ren (dis­clo­sure, im Fol­gen­den: Of­fen­le­gungs­an­trag). Mit die­ser Kla­ge wur­de die Über­mitt­lung von Ko­pi­en der auf­be­wahr­ten An­trags­for­mu­la­re, der die­sen For­mu­la­ren als An­la­ge bei­gefügten oder dar­in ent­hal­te­nen Un­ter­la­gen und der Be­wer­tungsbögen der Be­wer­ber be­gehrt, de­ren An­trags­for­mu­la­re auf­be­wahrt wor­den wa­ren.

23

Der Präsi­dent des Cir­cuit Court wies die Of­fen­le­gungs­kla­ge mit Be­schluss vom 12. März 2007 ab. Am 14. März 2007 leg­te Herr Kel­ly ge­gen die­sen Be­schluss Rechts­mit­tel beim High Court ein.

24

Am 23. April 2007 reich­te Herr Kel­ly eben­falls beim High Court ei­nen An­trag ein, ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten zu rich­ten. Am 14. März 2008 be­fand das na­tio­na­le Ge­richt, ein sol­ches Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen sei ver­früht, denn es ha­be noch nicht über die Fra­ge ent­schie­den, ob Ein­sicht in die be­tref­fen­den Un­ter­la­gen nach na­tio­na­lem Recht gewährt wer­den könne. Nach Prüfung ge­lang­te der High Court zu dem Er­geb­nis, dass die UCD die Un­ter­la­gen, de­ren Über­mitt­lung Herr Kel­ly be­an­tragt ha­be, nicht in un­re­di­gier­ter Form of­fen­le­gen müsse.

25

Der High Court hat Zwei­fel, ob ei­ne Ab­leh­nung des An­trags auf Of­fen­le­gung mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar ist, und hat da­her das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof die fol­gen­den Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

1. Hat ein Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, der meint, ihm sei in­fol­ge der Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes der Zu­gang zu der Be­rufs­aus­bil­dung ver­wehrt wor­den, nach Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 An­spruch auf In­for­ma­tio­nen über die je­wei­li­gen Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für den frag­li­chen Kurs und ins­be­son­de­re der­je­ni­gen Be­wer­ber, de­nen der Zu­gang zu der Be­rufs­aus­bil­dung nicht ver­wehrt wor­den ist, da­mit der Be­wer­ber „bei ei­nem Ge­richt bzw. ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen [kann], die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen“?

2. Hat ein Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, der meint, dass ihm der Zu­gang zu der Be­rufs­aus­bil­dung „zu glei­chen Be­din­gun­gen“ ver­wehrt wor­den ist und dass er hin­sicht­lich des Zu­gangs zu der Be­rufs­aus­bil­dung „auf­grund des Ge­schlechts“ dis­kri­mi­niert wor­den ist, nach Art. 4 der Richt­li­nie 76/207 An­spruch auf im Be­sitz des Kurs­an­bie­ters be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die je­wei­li­gen Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für den frag­li­chen Kurs und ins­be­son­de­re der­je­ni­gen Be­wer­ber, de­nen der Zu­gang zu der Be­rufs­aus­bil­dung nicht ver­wehrt wor­den ist?

3. Hat ein Be­wer­ber, der sich beim Zu­gang zu ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung für „auf­grund des Ge­schlechts“ dis­kri­mi­niert hält, nach Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73, der die „un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts“ beim „Zu­gang“ zu der Be­rufs­aus­bil­dung ver­bie­tet, An­spruch auf im Be­sitz des Kurs­an­bie­ters be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die je­wei­li­gen Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für den frag­li­chen Kurs und ins­be­son­de­re der­je­ni­gen Be­wer­ber, de­nen der Zu­gang zu der Be­rufs­aus­bil­dung nicht ver­wehrt wor­den ist?

4. Un­ter­schei­det sich die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vor­ge­se­he­ne Pflicht in ei­nem Mit­glied­staat mit ei­nem Rechts­sys­tem, in dem der Ver­hand­lungs­grund­satz gilt, ih­rem We­sen nach von der­je­ni­gen in ei­nem Mit­glied­staat mit ei­nem Rechts­sys­tem, in dem der Un­ter­su­chungs­grund­satz gilt, und falls ja, in wel­cher Hin­sicht?

5. Können sich na­tio­na­le oder eu­ropäische Rechts­vor­schrif­ten über die Ver­trau­lich­keit auf ei­nen et­wai­gen nach Maßga­be der vor­ge­nann­ten Richt­li­ni­en be­ste­hen­den In­for­ma­ti­ons­an­spruch aus­wir­ken?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

26

Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, der glaubt, dass ihm der Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung we­gen Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ver­wehrt wor­den ist, An­spruch auf im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für die­se Aus­bil­dung ver­leiht, um ihn in die La­ge zu ver­set­zen, „Tat­sa­chen glaub­haft [zu] ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen“.

Vor­brin­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten

27

Herr Kel­ly macht gel­tend, Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 ver­lei­he ei­ner Per­son, die sich durch die Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hal­te, ei­nen An­spruch auf Ein­sicht­nah­me in die In­for­ma­tio­nen, die, un­ter­stellt, dass die­ser Grund­satz zu Un­recht auf ihn nicht an­ge­wandt wor­den sei, vor ei­nem Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen na­tio­na­len Stel­le den Nach­weis von Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten ließen, er­bräch­ten oder er­leich­ter­ten. Bei ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, der sich durch die Ver­let­zung die­ses Grund­sat­zes ver­letzt fühle, um­fas­se dies In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber.

28

Die deut­sche Re­gie­rung führt aus, der Wort­laut von Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 ent­hal­te kei­nen Hin­weis auf die Gewährung ei­nes Aus­kunfts­an­spruchs. Die­se Be­stim­mung reg­le – wie auch die UCD und die Eu­ropäische Kom­mis­si­on gel­tend ma­chen – die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Ver­la­ge­rung der Be­weis­last vom Kläger auf den Be­klag­ten. Nach An­sicht die­ser Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten er­folgt ei­ne sol­che Ver­la­ge­rung nur dann, wenn ein Be­wer­ber zu­vor Tat­sa­chen glaub­haft ge­macht hat, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten ließen.

Würdi­gung durch den Ge­richts­hof

29

Die Richt­li­nie 97/80 be­stimmt in Art. 4 Abs. 1, dass die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men er­grei­fen, nach de­nen dann, wenn Per­so­nen, die sich durch die Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hal­ten und bei ei­nem Ge­richt bzw. ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, es dem Be­klag­ten ob­liegt, zu be­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes vor­ge­le­gen hat (vgl. Ur­teil vom 10. März 2005, Ni­ko­lou­di, C‑196/02, Slg. 2005, I‑1789, Rand­nr. 68).

30

Da­her ob­liegt es der Per­son, die sich durch die Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, zunächst Tat­sa­chen glaub­haft zu ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen. Nur wenn die­se Per­son sol­che Tat­sa­chen glaub­haft macht, hat der Be­klag­te so­dann nach­zu­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots vor­liegt.

31

Hier­zu geht aus dem 13. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 97/80 her­vor, dass es dem ein­zel­staat­li­chen Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le ob­liegt, die Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, im Ein­klang mit den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten zu be­wer­ten.

32

Da­her ob­liegt es dem vor­le­gen­den Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen iri­schen Stel­le, im Ein­klang mit den iri­schen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten zu be­ur­tei­len, ob Herr Kel­ly Tat­sa­chen glaub­haft ge­macht hat, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen.

33

Es ist je­doch klar­zu­stel­len, dass mit der Richt­li­nie 97/80 nach ih­rem Art. 1 ei­ne wirk­sa­me­re Durchführung der Maßnah­men gewähr­leis­tet wer­den soll, die von den Mit­glied­staa­ten in An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ge­trof­fen wer­den, da­mit je­der, der sich we­gen Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, sei­ne Rech­te nach et­wai­ger Be­fas­sung an­de­rer zuständi­ger Stel­len ge­richt­lich gel­tend ma­chen kann.

34

So sieht zwar Art. 4 Abs. 1 die­ser Richt­li­nie kei­nen spe­zi­fi­schen An­spruch ei­ner Per­son, die sich durch die Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, auf Ein­sicht­nah­me in In­for­ma­tio­nen vor, um sie in die La­ge zu ver­set­zen, „Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen“, gemäß die­ser Be­stim­mung glaub­haft zu ma­chen, doch kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass ei­ne Ver­wei­ge­rung von In­for­ma­tio­nen durch den Be­klag­ten im Rah­men des Nach­wei­ses sol­cher Tat­sa­chen die Ver­wirk­li­chung des mit die­ser Richt­li­nie ver­folg­ten Ziels be­ein­träch­ti­gen und auf die­se Wei­se die­ser Be­stim­mung ih­re prak­ti­sche Wirk­sam­keit neh­men kann.

35

In die­sem Zu­sam­men­hang ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten kei­ne Re­ge­lung, auch straf­recht­li­cher Art, an­wen­den dürfen, die die Ver­wirk­li­chung der mit ei­ner Richt­li­nie ver­folg­ten Zie­le gefähr­den und sie da­mit ih­rer prak­ti­schen Wirk­sam­keit be­rau­ben könn­te (vgl. Ur­teil vom 28. April 2011, El Dri­di, C‑61/11 PPU, Slg. 2011, I‑0000, Rand­nr. 55). 

36

In Art. 4 Abs. 3 EUV heißt es nämlich, dass die Mit­glied­staa­ten u. a. „al­le ge­eig­ne­ten Maßnah­men all­ge­mei­ner oder be­son­de­rer Art zur Erfüllung der Ver­pflich­tun­gen [er­grei­fen], die sich aus den Verträgen oder den Hand­lun­gen der Or­ga­ne der Uni­on er­ge­ben“, und „al­le Maßnah­men [un­ter­las­sen], die die Ver­wirk­li­chung der Zie­le der Uni­on gefähr­den könn­ten“; da­zu gehören auch die mit den Richt­li­ni­en ver­folg­ten Zie­le (vgl. Ur­teil El Dri­di, Rand­nr. 56).

37

Im vor­lie­gen­den Fall geht je­doch aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung her­vor, dass der Präsi­dent des Cir­cuit Court zwar die Of­fen­le­gungs­kla­ge von Herrn Kel­ly ab­ge­wie­sen hat, doch hat die UCD vor­ge­schla­gen, Herrn Kel­ly ei­nen Teil der von ihm be­an­trag­ten In­for­ma­tio­nen zu­kom­men zu las­sen, was die­ser nicht be­strit­ten hat.

38

Da­her ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, der meint, dass ihm der Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung we­gen Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ver­wehrt wor­den ist, kei­nen An­spruch auf im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für die­se Aus­bil­dung ver­leiht, um ihn in die La­ge zu ver­set­zen, gemäß die­ser Be­stim­mung „Tat­sa­chen glaub­haft [zu] ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen“.

39

Es kann je­doch nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass ei­ne Ver­wei­ge­rung von In­for­ma­tio­nen durch ei­nen Be­klag­ten im Rah­men des Nach­wei­ses sol­cher Tat­sa­chen die Ver­wirk­li­chung des mit die­ser Richt­li­nie ver­folg­ten Ziels be­ein­träch­ti­gen und auf die­se Wei­se ins­be­son­de­re de­ren Art. 4 Abs. 1 ih­re prak­ti­sche Wirk­sam­keit neh­men kann.

Zur zwei­ten und zur drit­ten Fra­ge

40

Mit der zwei­ten und der drit­ten Fra­ge, die ge­mein­sam zu be­ant­wor­ten sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 4 der Richt­li­nie 76/207 oder Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung ei­nen An­spruch auf Ein­sicht­nah­me in im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber um die­se Aus­bil­dung ver­lei­hen, wenn die­ser Be­wer­ber meint, kei­nen Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung nach den glei­chen Kri­te­ri­en wie die an­de­ren Be­wer­ber ge­habt zu ha­ben und im Sin­ne von Art. 4 auf­grund des Ge­schlechts dis­kri­mi­niert wor­den zu sein, oder wenn die­ser Be­wer­ber rügt, im Sin­ne von Art. 1 Nr. 3 auf­grund des Ge­schlechts in Be­zug auf den Zu­gang zu die­ser Be­rufs­aus­bil­dung dis­kri­mi­niert wor­den zu sein.

Vor­brin­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten

41

Herr Kel­ly ver­tritt die An­sicht, dass Art. 4 der Richt­li­nie 76/207 oder Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73 ei­ner Per­son, die mei­ne, dass ihr der Zu­gang zu ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung we­gen ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts ver­wei­gert wor­den sei, ei­nen An­spruch auf In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für die be­tref­fen­de Be­rufs­aus­bil­dung ver­lei­he.

42

Die deut­sche Re­gie­rung und die Kom­mis­si­on ma­chen gel­tend, dass die erwähn­ten Be­stim­mun­gen in­halt­li­che Re­ge­lun­gen in Be­zug auf das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts dar­stell­ten und nichts mit der Fra­ge der Ver­fah­rens­re­geln zu tun hätten. Die­se Be­stim­mun­gen sei­en nicht hin­rei­chend kon­kret ge­fasst, um die An­nah­me zu er­lau­ben, dass sich dar­aus ein An­spruch auf Durchführung ei­ner be­stimm­ten Maßnah­me wie ei­nes In­for­ma­ti­ons­an­spruchs er­ge­be.

Würdi­gung durch den Ge­richts­hof

43

Aus dem Wort­laut von Art. 4 der Richt­li­nie 76/207 oder Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73 geht nicht her­vor, dass ein Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung über ei­nen An­spruch auf Ein­sicht­nah­me in im Be­sitz von de­ren Ver­an­stal­ter be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für die­se Aus­bil­dung verfügt.

44

Art. 4 Buchst. c. der Richt­li­nie 76/207 sieht nämlich vor, dass die An­wen­dung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung auf den Zu­gang zu al­len Ar­ten und Stu­fen der Be­rufs­bil­dung be­inhal­tet, dass die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men tref­fen, um si­cher­zu­stel­len, dass Be­rufs­bil­dung – vor­be­halt­lich der in ei­ni­gen Mit­glied­staa­ten be­stimm­ten pri­va­ten Bil­dungs­ein­rich­tun­gen gewähr­ten Au­to­no­mie – auf al­len Stu­fen zu glei­chen Be­din­gun­gen oh­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts zugäng­lich ist.

45

Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73 be­stimmt, dass die An­wen­dung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung be­deu­tet, dass es im öffent­li­chen und pri­va­ten Be­reich ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len in Be­zug auf den Zu­gang zu al­len For­men und al­len Ebe­nen der Be­rufs­be­ra­tung, der Be­rufs­aus­bil­dung, der be­ruf­li­chen Wei­ter­bil­dung und der Um­schu­lung ein­sch­ließlich der prak­ti­schen Be­rufs­er­fah­rung kei­ner­lei un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts ge­ben darf. Zu die­sem Zweck tref­fen die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men, um si­cher­zu­stel­len, dass die Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, die dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zu­wi­der­lau­fen, auf­ge­ho­ben wer­den. 

46

Die erwähn­ten Be­stim­mun­gen die­nen nämlich da­zu, die An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes beim Zu­gang zur Be­rufs­aus­bil­dung um­zu­set­zen, doch über­las­sen sie nach Art. 288 Abs. 3 AEUV den in­ner­staat­li­chen Stel­len die Wahl der Form und der Mit­tel beim Tref­fen der er­for­der­li­chen Maßnah­men, um si­cher­zu­stel­len, dass „die Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten“, die dem erwähn­ten Grund­satz zu­wi­der­lau­fen, auf­ge­ho­ben wer­den.

47

So­mit lässt sich den ge­nann­ten Be­stim­mun­gen kei­ne be­son­de­re Ver­pflich­tung ent­neh­men, die ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung Ein­sicht­nah­me in die In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber er­laub­te.

48

Da­her ist auf die zwei­te und die drit­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 4 der Richt­li­nie 76/207 oder Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung kei­nen An­spruch auf Ein­sicht­nah­me in im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber um die­se Aus­bil­dung ver­lei­hen, wenn die­ser Be­wer­ber meint, kei­nen Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung nach den glei­chen Kri­te­ri­en wie die an­de­ren Be­wer­ber ge­habt zu ha­ben und im Sin­ne von Art. 4 auf­grund des Ge­schlechts dis­kri­mi­niert wor­den zu sein, oder wenn die­ser Be­wer­ber rügt, im Sin­ne von Art. 1 Nr. 3 auf­grund des Ge­schlechts in Be­zug auf den Zu­gang zu die­ser Be­rufs­aus­bil­dung dis­kri­mi­niert wor­den zu sein.

Zur fünf­ten Fra­ge

49

Mit sei­ner fünf­ten Fra­ge, die vor der vier­ten Fra­ge zu prüfen ist, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob der In­for­ma­ti­ons­an­spruch nach den Richt­li­ni­en 76/207, 97/80 und 2002/73 durch uni­ons- oder na­tio­nal­recht­li­che Be­stim­mun­gen über die Ver­trau­lich­keit berührt wer­den kann.

50

In An­be­tracht der Ant­wort, die auf die ers­ten drei Fra­gen ge­ge­ben wor­den ist, und an­ge­sichts des­sen, dass der Ge­richts­hof im Ver­fah­ren nach Art. 267 AEUV nicht zur Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts be­fugt ist, da die­se Auf­ga­be aus­sch­ließlich Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts ist (vgl. Ur­tei­le vom 7. Sep­tem­ber 2006, Mar­ro­su und Sar­di­no, C‑53/04, Slg. 2006, I‑7213, Rand­nr. 54, und vom 18. No­vem­ber 2010, Ge­or­giev, C‑250/09 und C‑268/09, Slg. 2010, I‑0000, Rand­nr. 75), ist die fünf­te Fra­ge so zu ver­ste­hen, dass das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen möch­te, ob ein Recht, sich auf ei­ne der in den ers­ten drei Fra­gen ge­nann­ten Richt­li­ni­en für den Zu­gang zu im Be­sitz des Ver­an­stal­ters ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung be­find­li­chen In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der Be­wer­ber zu be­ru­fen, durch Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts über die Ver­trau­lich­keit berührt wer­den kann.

Vor­brin­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten

51

Herr Kel­ly ist der An­sicht, ein durch ei­nen ver­bind­li­chen Rechts­akt der Uni­on, auch ei­ne Richt­li­nie, wie sie in Art. 288 Abs. 3 AEUV de­fi­niert sei, gewähr­tes Recht könne nicht durch na­tio­na­le Rechts­vor­schrif­ten oder de­ren Um­set­zung, son­dern nur durch ei­nen an­de­ren ver­bind­li­chen Rechts­akt der Uni­on berührt wer­den.

52

Die UCD und die deut­sche Re­gie­rung ver­tre­ten die An­sicht, die­se Fra­ge sei nur hilfs­wei­se zu be­ant­wor­ten, denn ein Aus­kunfts­an­spruch der vom Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens be­schrie­be­nen Art be­ste­he gemäß Art. 4 der Richt­li­nie 76/207 und Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73 nicht. Soll­te der Ge­richts­hof je­doch zu dem Er­geb­nis ge­lan­gen, dass die­se Be­stim­mun­gen Herrn Kel­ly ei­nen sol­chen An­spruch ver­schaff­ten, ha­be die Ver­trau­lich­keit, die ein im Uni­ons­recht an­er­kann­ter und in meh­re­ren Rechts­ak­ten der Uni­on ver­an­ker­ter Be­griff sei, Vor­rang vor die­sem In­for­ma­ti­ons­an­spruch.

Würdi­gung durch den Ge­richts­hof

53

Wie der Ge­richts­hof in Rand­nr. 38 des vor­lie­gen­den Ur­teils ent­schie­den hat, ver­leiht Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, der meint, dass ihm der Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung we­gen Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ver­wehrt wor­den sei, kei­nen An­spruch auf im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für die­se Aus­bil­dung, um ihn in die La­ge zu ver­set­zen, gemäß die­ser Be­stim­mung „Tat­sa­chen glaub­haft [zu] ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen“.

54

Er hat je­doch in Rand­nr. 39 des vor­lie­gen­den Ur­teils auch fest­ge­stellt, dass ei­ne Ver­wei­ge­rung von In­for­ma­tio­nen durch ei­nen Be­klag­ten im Rah­men des Nach­wei­ses sol­cher Tat­sa­chen die Ver­wirk­li­chung des mit der Richt­li­nie 97/80 ver­folg­ten Ziels be­ein­träch­ti­gen und auf die­se Wei­se ins­be­son­de­re de­ren Art. 4 Abs. 1 die prak­ti­sche Wirk­sam­keit neh­men kann.

55

Bei der Be­ur­tei­lung sol­cher Umstände müssen die na­tio­na­len Ge­rich­te oder an­de­ren zuständi­gen Stel­len die Ver­trau­lich­keits­be­stim­mun­gen berück­sich­ti­gen, die sich aus den Ak­ten des Uni­ons­rechts wie der Richt­li­nie 95/46/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 24. Ok­to­ber 1995 zum Schutz natürli­cher Per­so­nen bei der Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten und zum frei­en Da­ten­ver­kehr (ABl. L 281, S. 31) und der Richt­li­nie 2002/58/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 12. Ju­li 2002 über die Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten und den Schutz der Pri­vat­sphäre in der elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on (Da­ten­schutz­richt­li­nie für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on) (ABl. L 201, S. 37) in der durch die Richt­li­nie 2009/136/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 25. No­vem­ber 2009 (ABl. L 337, S. 11) geänder­ten Fas­sung er­ge­ben. Der Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten ist auch in Art. 8 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on vor­ge­se­hen.

56

Da­her ist auf die fünf­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass dann, wenn sich ein Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung für die Ein­sicht­nah­me in im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber auf die Richt­li­nie 97/80 be­ru­fen könn­te, die­ser Ein­sicht­nah­me­an­spruch durch die Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts über die Ver­trau­lich­keit berührt wer­den kann.

Zur vier­ten Fra­ge

57

Mit sei­ner vier­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vor­ge­se­he­ne Pflicht un­ter­schied­li­cher Art ist je nach­dem, ob in ei­nem Mit­glied­staat ein Rechts­sys­tem be­steht, in dem der Ver­hand­lungs­grund­satz gilt, oder ein Rechts­sys­tem, in dem der Un­ter­su­chungs­grund­satz gilt.

Vor­brin­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten

58

Herr Kel­ly macht gel­tend, dass die Ver­pflich­tung ei­nes na­tio­na­len Ge­richts, das in ei­nem Rechts­sys­tem ent­schei­de, in dem der Ver­hand­lungs­grund­satz gel­te, dem Ge­richts­hof Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen, wei­ter ge­he als die ei­nes Ge­richts ei­nes Mit­glied­staats, in dem der Un­ter­su­chungs­grund­satz gel­te, denn in ei­nem Rechts­sys­tem, in dem der Ver­hand­lungs­grund­satz gel­te, sei­en es die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und nicht das Ge­richt selbst, die Form, In­halt und Ab­lauf des Ver­fah­rens be­stimm­ten. Da­her könne ein na­tio­na­les Ge­richt in die­sem Staat ei­ne von ei­nem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge sach­lich nicht ändern oder dem Ge­richts­hof sei­ne ei­ge­ne An­sicht über die Art und Wei­se, in der die Fra­ge zu ent­schei­den sei, vor­tra­gen.

59

Die UCD, die deut­sche Re­gie­rung und die Kom­mis­si­on sind übe­rein­stim­mend der Auf­fas­sung, dass das We­sen der in Art. 267 Abs. 3 AEUV vor­ge­se­he­nen Ver­pflich­tung nicht von den be­son­de­ren Merk­ma­len der Rechts­sys­te­me der Mit­glied­staa­ten abhänge. Fer­ner er­ge­be sich aus dem Ur­teil vom 6. Ok­to­ber 1982, Cil­fit u. a. (283/81, Slg. 1982, 3415), dass es Sa­che des na­tio­na­len Ge­richts sei, zu ent­schei­den, ob und ge­ge­be­nen­falls wie die Vor­la­ge­fra­gen zu stel­len sei­en.

Würdi­gung durch den Ge­richts­hof

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Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs wird mit Art. 267 AEUV ein Vor­ab­ent­schei­dungs­me­cha­nis­mus fest­ge­legt, der un­ter­schied­li­che Aus­le­gun­gen des von den na­tio­na­len Ge­rich­ten an­zu­wen­den­den Uni­ons­rechts ver­hin­dern und die An­wen­dung die­ses Rechts gewähr­leis­ten soll, in­dem er dem na­tio­na­len Rich­ter die Möglich­keit gibt, die Schwie­rig­kei­ten aus­zuräum­en, die sich aus dem Er­for­der­nis er­ge­ben könn­ten, dem Uni­ons­recht im Rah­men der Ge­richts­sys­te­me der Mit­glied­staa­ten zu vol­ler Gel­tung zu ver­hel­fen (vgl. in die­sem Sin­ne Gut­ach­ten 1/09 vom 8. März 2011, Slg. 2011, I‑0000, Rand­nr. 83 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).

61

Nach Art. 267 AEUV sind die na­tio­na­len Ge­rich­te nämlich zur Vor­la­ge be­rech­tigt und ge­ge­be­nen­falls ver­pflich­tet, wenn sie von Amts we­gen oder auf An­re­gung der Par­tei­en fest­stel­len, dass es für die Ent­schei­dung des Rechts­streits auf ei­ne von Abs. 1 die­ses Ar­ti­kels er­fass­te Fra­ge an­kommt. Dar­aus folgt, dass die na­tio­na­len Ge­rich­te ein un­be­schränk­tes Recht zur Vor­la­ge an den Ge­richts­hof ha­ben, wenn sie der Auf­fas­sung sind, dass ei­ne bei ih­nen anhängi­ge Rechts­sa­che Fra­gen der Aus­le­gung oder der Gültig­keit der uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mun­gen auf­wirft, über die die­se Ge­rich­te im kon­kre­ten Fall ent­schei­den müssen (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 16. De­zem­ber 2008, Car­te­sio, C‑210/06, Slg. 2008, I‑9641, Rand­nr. 88, und vom 22. Ju­ni 2010, Mel­ki und Ab­de­li, C‑188/10 und C‑189/10, Slg. 2010, I‑0000, Rand­nr. 41).

62

Der Ge­richts­hof hat wei­ter ent­schie­den, dass das Sys­tem, das mit Art. 267 AEUV ge­schaf­fen wur­de, um die ein­heit­li­che Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts in den Mit­glied­staa­ten zu gewähr­leis­ten, ei­ne un­mit­tel­ba­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen dem Ge­richts­hof und den na­tio­na­len Ge­rich­ten durch ein Ver­fah­ren einführt, das der Par­tei­herr­schaft ent­zo­gen ist (vgl. u. a. Ur­teil Car­te­sio, Rand­nr. 90).

63

Die Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung be­ruht nämlich auf ei­nem Dia­log des ei­nen mit dem an­de­ren Ge­richt, des­sen Auf­nah­me aus­sch­ließlich von der Be­ur­tei­lung der Er­heb­lich­keit und der Not­wen­dig­keit der Vor­la­ge durch das na­tio­na­le Ge­richt abhängt (Ur­teil Car­te­sio, Rand­nr. 91).

64

Da­her ist es zwar Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, zu be­ur­tei­len, ob die Aus­le­gung ei­ner Be­stim­mung des Uni­ons­rechts not­wen­dig ist, um ihm die Ent­schei­dung des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits zu ermögli­chen, doch ob­liegt es in An­be­tracht des in Art. 267 AEUV vor­ge­se­he­nen Ver­fah­rens­me­cha­nis­mus die­sem Ge­richt, zu ent­schei­den, wie die­se Fra­gen zu for­mu­lie­ren sind.

65

Auch wenn es die­sem Ge­richt frei­steht, die Par­tei­en des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits auf­zu­for­dern, For­mu­lie­run­gen vor­zu­schla­gen, die bei der Ab­fas­sung der Vor­ab­ent­schei­dungs­fra­gen über­nom­men wer­den können, ist die Ent­schei­dung so­wohl über Form als auch über In­halt die­ser Fra­gen doch letzt­lich Sa­che des Ge­richts al­lein.

66

Da­her ist auf die vier­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vor­ge­se­he­ne Pflicht nicht un­ter­schied­li­cher Art ist je nach­dem, ob in ei­nem Mit­glied­staat ein Rechts­sys­tem be­steht, in dem der Ver­hand­lungs­grund­satz gilt, oder ein Rechts­sys­tem, in dem der Un­ter­su­chungs­grund­satz gilt.

Kos­ten

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Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Zwei­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 über die Be­weis­last bei Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, der meint, dass ihm der Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung we­gen Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ver­wehrt wor­den ist, kei­nen An­spruch auf im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber für die­se Aus­bil­dung ver­leiht, um ihn in die La­ge zu ver­set­zen, gemäß die­ser Be­stim­mung „Tat­sa­chen glaub­haft [zu] ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen“.

Es kann je­doch nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass ei­ne Ver­wei­ge­rung von In­for­ma­tio­nen durch ei­nen Be­klag­ten im Rah­men des Nach­wei­ses sol­cher Tat­sa­chen die Ver­wirk­li­chung des mit die­ser Richt­li­nie ver­folg­ten Ziels be­ein­träch­ti­gen und auf die­se Wei­se ins­be­son­de­re de­ren Art. 4 Abs. 1 ih­re prak­ti­sche Wirk­sam­keit neh­men kann.

2. Art. 4 der Richt­li­nie 76/207/EWG des Ra­tes vom 9. Fe­bru­ar 1976 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en hin­sicht­lich des Zu­gangs zur Beschäfti­gung, zur Be­rufs­bil­dung und zum be­ruf­li­chen Auf­stieg so­wie in Be­zug auf die Ar­beits­be­din­gun­gen oder Art. 1 Nr. 3 der Richt­li­nie 2002/73/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 23. Sep­tem­ber 2002 zur Ände­rung der Richt­li­nie 76/207 sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­nem Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung kei­nen An­spruch auf Ein­sicht­nah­me in im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber um die­se Aus­bil­dung ver­lei­hen, wenn die­ser Be­wer­ber meint, kei­nen Zu­gang zu die­ser Aus­bil­dung nach den glei­chen Kri­te­ri­en wie die an­de­ren Be­wer­ber ge­habt zu ha­ben und im Sin­ne von Art. 4 auf­grund des Ge­schlechts dis­kri­mi­niert wor­den zu sein, oder wenn die­ser Be­wer­ber rügt, im Sin­ne von Art. 1 Nr. 3 auf­grund des Ge­schlechts in Be­zug auf den Zu­gang zu die­ser Be­rufs­aus­bil­dung dis­kri­mi­niert wor­den zu sein.

3. Wenn sich ein Be­wer­ber für ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung für die Ein­sicht­nah­me in im Be­sitz des Ver­an­stal­ters die­ser Aus­bil­dung be­find­li­che In­for­ma­tio­nen über die Qua­li­fi­ka­tio­nen der an­de­ren Be­wer­ber auf die Richt­li­nie 97/80 be­ru­fen könn­te, kann die­ser Ein­sicht­nah­me­an­spruch durch die Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts über die Ver­trau­lich­keit berührt wer­den.

4. Die in Art. 267 Abs. 3 AEUV vor­ge­se­he­ne Pflicht ist nicht un­ter­schied­li­cher Art je nach­dem, ob in ei­nem Mit­glied­staat ein Rechts­sys­tem be­steht, in dem der Ver­hand­lungs­grund­satz gilt, oder ein Rechts­sys­tem, in dem der Un­ter­su­chungs­grund­satz gilt.

Un­ter­schrif­ten


* Ver­fah­rens­spra­che: Eng­lisch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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