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Ar­beit­neh­mer fo­to­gra­fie­ren - geht das?

Krank­ge­schrie­be­ne Ar­beit­neh­mer dür­fen zu Be­weis­zwe­cken fot­gra­fiert wer­den, wenn sie sich in der Öf­fent­lich­keit auf­hal­ten: Lan­des­ar­beit­sericht Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 11.07.2013, 10 Sa­Ga 3/13

18.07.2013. Wenn der Ar­beit­ge­ber Fo­tos oder Film­auf­nah­men von ei­nem sei­ner Ar­beit­neh­mer an­fer­tigt, greift er da­mit in des­sen Rech­te ein.

Je nach den Um­stän­den ist das ver­bo­ten oder er­laubt. So oder so ist es ein heik­les The­ma, das im­mer wie­der die Ge­rich­te be­schäf­tigt.

In ei­nem vor ei­ni­gen Wo­chen ent­schie­de­nen Fall hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz ent­schie­den, dass Fo­to­auf­nah­men von ei­nem krank­ge­schrie­be­nen Ar­beit­neh­mer, den ein Vor­ge­setz­ter in ei­ner Au­to­wasch­an­la­ge be­ob­ach­tet und zu Be­weis­zwe­cken mit sei­nem Han­dy fo­to­gra­fiert hat, rech­tens sind: LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 11.07.2013, 10 Sa­Ga 3/13.

Fotos und Filmaufnahmen von Arbeitnehmern sind ein heikles Thema - vor allem, wenn die Betroffenen nicht einwilligen

In Deutsch­land darf je­der auf­grund sei­nes all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts (Art. 2 Abs.1 Grund­ge­setz - GG; Art.1 Abs.1 GG) selbst darüber be­stim­men, ob An­de­re Fo­tos oder Film­auf­nah­men von ihm an­fer­ti­gen dürfen. Erst recht dürfen Fo­tos nicht oh­ne Ein­wil­li­gung des Fo­to­gra­fier­ten veröffent­licht wer­den, z.B. in ei­ner Zei­tung oder im In­ter­net.

Die­se recht­li­che Re­gel gilt aber nicht oh­ne Aus­nah­men. Denn wenn z.B. ein Ar­beit­ge­ber ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se an ei­ner fo­to­gra­fi­schen oder per Vi­deo vor­ge­nom­me­nen Über­wa­chung ei­nes Ar­beit­neh­mers hat und wenn die­se Auf­nah­men nicht veröffent­licht wer­den sol­len, kann die Fo­to- bzw. die Vi­deoüber­wa­chung ge­recht­fer­tigt sein.

Da­bei kommt es recht­lich vor al­lem dar­auf an, aus wel­chen Gründen der Ar­beit­ge­ber sei­ne Mit­ar­bei­ter fo­to­gra­fiert oder filmt und bei wel­chen Ge­le­gen­hei­ten er das macht, d.h. wie gra­vie­rend der Ein­griff in die Pri­vat­sphäre des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers ist.

So kann der Ar­beit­ge­ber z.B. Ver­kaufsräume, in de­nen sich Kun­den auf­hal­ten und in de­nen oft ge­stoh­len wird, per Vi­deo­ka­me­ra über­wa­chen, falls er Kun­den und Mit­ar­bei­ter dar­auf hin­weist. Be­trof­fen sind dann un­ver­meid­li­cher­wei­se auch die Ar­beit­neh­mer, die in dem vi­deoüber­wach­ten Ver­kaufs­raum ar­bei­ten. Ein An­spruch auf Un­ter­las­sung oder gar auf Entschädi­gung be­steht dann nicht.

Aber kann der Ar­beit­ge­ber oder Vor­ge­setz­te auch ei­nen krank­ge­schrie­be­nen Ar­beit­neh­mer fo­to­gra­fie­ren, wenn er die­sen auf ei­nem öffent­lich zugäng­li­chen Ort bei ei­ner an­stren­gen­den Ar­beit an­trifft? Die­se Fra­ge hat­te das LAG Rhein­land-Pfalz zu be­ant­wor­ten.

Der Streitfall: Krankgeschriebener Arbeitnehmer hilft seinem Vater in einer Autowaschanlage und wird vom Vorgesetzten dabei per Handy fotografiert

Im Streit­fall ging es um ei­nen Ar­beit­neh­mer, der vom Arzt krank ge­schrie­ben war und während der Krank­schrei­bung sei­nem Va­ter bei der Au­towäsche ge­hol­fen hat­te. Ort des Ge­sche­hens war ei­ne Au­to­wasch­an­la­ge.

Pech für den Ar­beit­neh­mer: Sein Vor­ge­setz­ter such­te zufälli­ger Wei­se eben­falls die Wasch­an­la­ge auf und be­ob­ach­te­te den krank­ge­schrie­be­nen Mit­ar­bei­ter. Da­her zück­te der Vor­ge­setzt sein Han­dy und knipps­te zu Be­weis­zwe­cken rasch ein paar Fo­tos.

Der ab­fo­to­gra­fier­te Ar­beit­neh­mer re­agier­te wütend und es kam ei­nem Hand­ge­men­ge, das dann wie­der­um ei­ne frist­lo­se Kündi­gung zur Fol­ge hat­te, und zwar nicht et­wa we­gen Vortäuschens ei­ner Ar­beits­unfähig­keit, son­dern we­gen ei­nes (an­geb­li­chen) tätli­chen An­griffs auf den Vor­ge­setz­ten.

Der gekündig­te Ar­beit­neh­mer setz­te sich ge­richt­lich mit al­len Mit­teln zur Wehr, d.h. er er­hob nicht nur Kündi­gungs­schutz­kla­ge, son­dern ver­klag­te den Ar­beit­ge­ber auch in ei­nem ge­son­der­ten Eil­ver­fah­ren dar­auf, es zu un­ter­las­sen, ihn zu fil­men, zu fo­to­gra­fie­ren oder ihm "heim­lich nach­zu­stel­len". Außer­dem klag­te er auf Her­aus­ga­be sämt­li­cher wi­der­recht­lich auf­ge­nom­me­ner Film- und Fo­to­auf­nah­men.

Da­mit hat­te er in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt Kai­sers­lau­tern kei­nen Er­folg (Ar­beits­ge­richt Kai­sers­lau­tern, Ur­teil vom 28.03.2013, 2 Ga 5/13).

LAG Rheinland-Pfalz: Fotoaufnahmen eines krankgeschriebenen Arbeitnehmers an einem öffentlichen Ort können zu Beweiszwecken gerechtfertigt sein

Das LAG ent­schied ge­gen den Ar­beit­neh­mer, d.h. es wies sein Be­ru­fung zurück. Ent­schei­dend für das LAG wa­ren da­bei zwei Über­le­gun­gen:

Ers­tens gab es ei­nen sach­lich nach­voll­zieh­ba­ren Grund für das Fo­to­gra­fie­ren, denn wenn der Ar­beit­ge­ber den Be­weis­wert ei­ner ärzt­li­chen Krank­schrei­bung erschüttern kann, kann er mögli­cher­wei­se die Lohn­fort­zah­lung ver­wei­gern. Und je nach dem Grund für die Krank­schrei­bung kann ei­ne körper­lich an­stren­gen­de Ar­beit den Be­weis­wert ei­ner Krank­schrei­bung ins Wan­ken brin­gen.

Und zwei­tens wur­den die Fo­tos an ei­nem öffent­lich zugäng­li­chen Ort an­ge­fer­tigt, so dass die Pri­vat­sphäre des Ar­beit­neh­mers kaum und sei­ne In­tim­sphäre über­haupt nicht tan­giert wur­den. Un­ter sol­chen Umständen wa­ren die Fo­to­auf­nah­men nicht wi­der­recht­lich.

Fa­zit: Der Ar­beit­neh­mer hat­te hier über­re­agiert und sich erst da­durch in ei­ne schwie­ri­ge La­ge ge­bracht. Denn Grund für die Krank­schrei­bung war, wie sich später her­aus­stell­te, ei­ne psy­chi­sche Be­ein­träch­ti­gung, so dass die körper­lich an­stren­gen­de Au­towäsche gar kein In­diz für ei­ne fal­sche ärzt­li­che Be­schei­ni­gung und/oder ein der Ge­ne­sung ab­trägli­ches Fehl­ver­hal­ten war. Wäre der fo­to­gra­fier­te Ar­beit­neh­mer "cool" ge­blie­ben, hätte der Ar­beit­ge­ber kei­ner­lei Vor­teil von der Fo­to­gra­fie­rei ge­habt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das LAG Rhein­land-Pfalz auch über die Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Ar­beit­neh­mers ent­schie­den und die­se ab­ge­wie­sen. Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Ver­fah­ren fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 29. Juni 2016

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