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Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit und Spra­che

Ver­let­zung der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit durch bel­gi­sche Vor­schrif­ten über den ob­li­ga­to­ri­schen Sprach­nach­weis für den lo­ka­len öf­fent­li­chen Dienst: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 05.02.2015, C-317/14

28.04.2015. Das Eu­ro­päi­sche Recht ga­ran­tiert den Bür­gern der Mit­glieds­staa­ten der Eu­ro­päi­schen Uni­on (EU), sich in­ner­halb der EU frei zu be­we­gen, um sich auf freie Stel­len zu be­wer­ben bzw. ei­ne Be­schäf­ti­gung aus­zu­üben.

Die­se Frei­zü­gig­keit der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der EU ist ei­ne wich­ti­ge Grund­frei­heit und muss von den Mit­glieds­staa­ten dem­ent­spre­chend ernst ge­nom­men wer­den.

Wie der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil ent­schie­den hat, hat Bel­gi­en durch zu for­ma­lis­ti­sche Sprach­nach­wei­se für den Zu­gang zum lo­ka­len öf­fent­li­chen Dienst ge­gen die Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit ver­sto­ßen: EuGH, Ur­teil vom 05.02.2015, C-317/14.

Welche Sprachnachweise können die Mitgliedsstaaten für den Zugang zum öffentlichen Dienst verlangen?

Nach Art.45 Abs.1 des Ver­trags über die Ar­beits­wei­se der Eu­ropäischen Uni­on (AEUV) ist die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der EU gewähr­leis­tet. Die­ses Recht be­inhal­tet die Ver­pflich­tung für die Mit­glieds­staa­ten, ak­tiv zu wer­den, um be­ste­hen­de un­ter­schied­li­che Be­hand­lun­gen von EU-Ausländern und Inländern in Be­zug auf Beschäfti­gung, Ent­loh­nung und sons­ti­ge Ar­beits­be­din­gun­gen zu be­sei­ti­gen (Art.45 Abs.2 AEUV). Aus Sicht der Ar­beit­neh­mer be­inhal­tet die EU-wei­te Freizügig­keit ins­be­son­de­re das Recht, sich in­ner­halb der ge­sam­ten EU um of­fe­ne Stel­len zu be­wer­ben (Art.45 Abs.3 Buch­sta­be a) AEUV).

Zu all­dem pas­sen Sprach­bar­rie­ren nur schlecht. Wer sich als Fran­zo­se in Deutsch­land um ei­ne of­fe­ne Stel­le be­wirbt, wird mögli­cher­wei­se in sei­ner Freizügig­keit un­zulässig ein­ge­schränkt und außer­dem we­gen sei­ner Her­kunft dis­kri­mi­niert, wenn für die Stel­le ak­zent­frei­es Deutsch ver­langt wird, oh­ne dass die­se Fähig­keit für die aus­ge­schrie­be­ne Tätig­keit zwin­gend er­for­der­lich ist (über ei­nen sol­chen Fall hat­te vor ei­ni­gen Jah­ren das Ar­beits­ge­richt Ham­burg zu ent­schei­den, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/047 Darf ein Ar­beit­ge­ber ak­zent­frei­es Deutsch ver­lan­gen?).

Aber auch dann, wenn gu­te Sprach­kennt­nis­se auf­grund der Be­son­der­hei­ten ei­ner aus­ge­schrie­be­nen Stel­le im Prin­zip ei­ne sach­lich ge­recht­fer­tig­te An­for­de­rung an Stel­len­be­wer­ber sind, kann ei­ne ver­bo­te­ne Ver­let­zung der Ar­beit­neh­mer­freizügig­keit vor­lie­gen, nämlich dann, wenn an die Art und Wei­se des Sprach­kun­de­nach­wei­ses über­zo­ge­ne An­for­de­run­gen ge­stellt wer­den.

Der Streitfall: Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Kommission gegen das Königreich Belgien

Im dem Fall des EuGH hat­te die EU-Kom­mis­si­on ge­gen das König­reich Bel­gi­en ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren an­ge­strengt, weil Bel­gi­en durch zu büro­kra­ti­sche Re­ge­lun­gen über ei­nen er­for­der­li­chen Sprach­nach­weis ge­gen Art.45 AEUV ver­s­toßen hat­te, so je­den­falls die Mei­nung der Kom­mis­si­on.

Denn nach bel­gi­schem Recht darf in "lo­ka­len Dienst­stel­len", die im französi­schen, nie­derländi­schen oder deut­schen Sprach­ge­biet lie­gen, nie­mand in ein Amt oder ei­ne Stel­le er­nannt oder befördert wer­den, wenn er die Spra­che des je­wei­li­gen Ge­bie­tes nicht be­herrscht. Die­ses Re­ge­lung be­trifft Ein­rich­tun­gen, die im Ge­biet ei­ner Ge­mein­de Kon­zes­si­onäre ei­nes öffent­li­chen Diens­tes sind oder die mit Auf­ga­ben be­traut sind, die im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen. Ob­wohl das Ur­teil des EuGH hier­zu kei­ne wei­te­ren An­ga­ben enthält, geht es hier of­fen­bar um Ein­rich­tun­gen, die dem öffent­li­chen Dienst zu­zu­rech­nen sind oder in sei­nem Auf­trag tätig sind, aber kei­ne ho­heit­li­chen Be­fug­nis­se ausüben.

Das Er­for­der­nis sprach­li­cher Fähig­kei­ten ist da­bei nicht das Pro­blem, son­dern der vom bel­gi­schen Recht ge­for­der­te Nach­weis. Denn wenn ein Be­wer­ber kei­ne Sprach­zeug­nis­se vor­wei­sen kann, aus de­nen her­vor­geht, dass er an ei­nem lan­des­sprach­li­chen Un­ter­richt teil­ge­nom­men hat, muss er ei­ne Prüfung ab­le­gen, und die­se Prüfung wie­der­um kann nur in Bel­gi­en vor ei­ner bel­gi­schen Stel­le ab­ge­legt wer­den.

EuGH: Verletzung der Arbeitnehmerfreizügigkeit durch Zwang zur Vorlage eines Sprachnachweises, den nur eine belgische Einrichtung nach Ablegung einer Prüfung in Belgien vergibt

Der EuGH ent­schied das Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren im Sin­ne der Kom­mis­si­on, d.h. ge­gen das König­reich Bel­gi­en. Die Art des vom bel­gi­schen Recht ge­for­der­ten Sprach­nach­wei­ses verstößt ge­gen die Ar­beit­neh­mer­freizügig­keit, weil der Sprach­nach­weis nur von ei­ner amt­li­chen bel­gi­schen Ein­rich­tung aus­ge­stellt wird, und zwar nach ei­ner von ihr in Bel­gi­en durch­geführ­ten Prüfung.

Denn zum ei­nen wer­den an­de­re, nicht in Bel­gi­en er­wor­be­ne Sprach­nach­wei­se aus­ge­schlos­sen, wofür es kei­ne sach­li­chen Gründe gibt, und zum an­de­ren wer­den Nicht-Bel­gi­er be­nach­tei­ligt, weil sie al­lein we­gen der er­for­der­li­chen Sprach­prüfung nach Bel­gi­en an­rei­sen müssen, was mit ei­nem er­heb­lich höhe­ren Auf­wand ver­bun­den ist als für Bel­gi­er. Das ist, so der Ge­richts­hof, ei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung ausländi­scher Stel­len­be­wer­ber und da­mit ei­ne Ver­let­zung der Ar­beit­neh­mer­freizügig­keit.

Dass Art.45 Abs.4 AEUV die "Beschäfti­gung in der öffent­li­chen Ver­wal­tung" von der Gel­tung des Freizügig­keits-Ar­ti­kels aus­nimmt, erwähnt der EuGH nicht aus­drück­lich. Aus sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung folgt aber, dass der Ge­richts­hof un­ter "öffent­li­cher Ver­wal­tung" die ho­heit­li­che Staats­ver­wal­tung im en­ge­ren Sin­ne meint, al­so z.B. den Po­li­zei­dienst oder Rich­terämter. Und um die­se öffent­li­che Ver­wal­tung im en­ge­ren Sin­ne ging es hier im Streit­fall of­fen­bar nicht.

Fa­zit: Nicht nur sprach­li­che An­for­de­run­gen in­halt­li­cher Art, die durch die aus­ge­schrie­be­ne Tätig­keit nicht ge­recht­fer­tigt sind, können die Ar­beit­neh­mer­freizügig­keit ver­let­zen und Zu­wan­de­rer we­gen ih­rer Her­kunft (mit­tel­bar) dis­kri­mi­nie­ren, son­dern auch über­trie­ben büro­kra­ti­sche An­for­de­run­gen an die Art und Wei­se, wie sprach­li­che Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten nach­zu­wei­sen sind.

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Letzte Überarbeitung: 11. April 2016

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