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Ge­setz­lich ver­län­ger­te Kün­di­gungs­fris­ten durch Ar­beits­ver­trag nur aus­nahms­wei­se ver­kürz­bar

Ge­setz­li­che Künd­gungs­fris­ten ha­ben in der Re­gel Vor­rang: Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 14.06.2010, 16 Sa 1036/09
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24.11.2010. Ge­mäß § 622 Abs. 1 BGB kann das Ar­beits­ver­hält­nis ei­nes Ar­beit­neh­mers mit ei­ner Frist von vier Wo­chen zum 15. oder zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats ge­kün­digt wer­den.

Die­se Grund­kün­di­gungs­frist wird nach § 622 Abs. 2 Satz 1 BGB durch Fris­ten er­setzt, de­ren Län­ge von der Dau­er des Ar­beits­ver­hält­nis­ses zum Kün­di­gungs­zeit­punkt ab­hängt.

Im All­ge­mei­nen gel­ten die­se ver­län­ger­ten Kün­di­gungs­fris­ten nur für den Ar­beit­ge­ber. Im Ar­beits­ver­trag kann aber ver­ein­bart wer­den, dass sich auch der Ar­beit­neh­mer an die­ser län­ge­ren Fris­ten hal­ten muss (§ 622 Abs. 6 BGB).

In ei­nem Ta­rif­ver­trag dür­fen die Ta­rif­part­ner so­wohl von der Grund­kün­di­gungs­frist als auch von den ver­län­ger­ten Kün­di­gungs­fris­ten ab­wei­chen (§ 622 Abs. 4 Satz 1 BGB). In sei­nem Gel­tungs­be­reich kann die Gel­tung die­ser Ab­wei­chun­gen auch zwi­schen nicht­ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern ver­ein­bart wer­den (§ 622 Abs. 4 Satz 2 BGB).

Au­ßer­halb des Gel­tungs­be­rei­ches ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges hin­ge­gen sind ar­beits­ver­trag­li­che Ab­wei­chun­gen nur un­ter den ein­ge­schränk­ten Vor­aus­set­zun­gen des §§ 622 Abs. 5 Satz 1 BGB mög­lich. Da­nach kann ne­ben Fäl­len der vor­über­ge­hen­den Aus­hil­fe ein­zel­ver­trag­lich "ei­ne kür­ze­re als die in Abs. 1 ge­nann­te Kün­di­gungs­frist nur ver­ein­bart wer­den, [...] wenn der Ar­beit­ge­ber in der Re­gel nicht mehr als 20 Ar­beit­neh­mer aus­schließ­lich der zu ih­rer Be­rufs­bil­dung Be­schäf­tig­ten be­schäf­tigt und die Kün­di­gungs­frist vier Wo­chen nicht un­ter­schrei­tet".

Trotz die­ser kla­ren ge­setz­li­chen Vor­ga­ben kün­dig­te ein Trans­port­un­ter­neh­men ei­nem bei ihr seit vier Jah­ren be­schäf­tig­ten LKW-Fah­rer am Be­ginn ei­nes Mo­nats nicht mit der nach § 622 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 BGB gel­ten­den Kün­di­gungs­frist von ei­nem Mo­nat (al­so je nach Mo­nat re­gel­mä­ßig ent­we­der 30 oder 31 Ta­gen), son­dern nur von vier Wo­chen (al­so 28 Ta­gen) zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats. Da­bei be­rief sich der Ar­beit­ge­ber auf den Ar­beits­ver­trag, in dem die An­wen­dung von Ta­rif­ver­trä­gen aus­ge­schlos­sen und un­ter Hin­weis auf § 622 Abs. 5 BGB ei­ne Vier-Wo­chen-Frist ver­ein­bart war.

Der Fah­rer klag­te dar­auf­hin auf Fest­stel­lung, dass das Ar­beits­ver­hält­nis ei­nen Mo­nat spä­ter als vom Ar­beit­ge­ber be­haup­tet en­de­te. Da­mit hat­te er so­wohl vor dem Ar­beits­ge­richt Darm­stadt (Ur­teil vom 30.04.2009, 12 Ca 469/08) als auch dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (Ur­teil vom 14.06.2010, 16 Sa 1036/09) Er­folg.

An­ders als der Be­klag­te sa­hen die Ge­rich­te in der un­ter­schied­li­chen ge­setz­li­chen Be­hand­lung von Ar­beits­ver­trags­par­tei­en und Ta­rif­ver­trags­par­tei­en durch § 622 Abs. 5 BGB kei­nen Ver­stoß ge­gen den Gleich­heits­grund­satz. Der Ge­setz­ge­ber ge­he in­so­weit da­von aus, dass bei Ver­hand­lun­gen über Ta­rif­ver­trä­ge an­ders als bei Ver­hand­lun­gen über Ar­beits­ver­trä­ge an­nä­hernd gleich star­ke Ge­gen­spie­ler auf bei­den Sei­ten ste­hen und ge­stat­te da­her mehr Spiel­raum.

Da­mit war nicht die un­wirk­sam ver­trag­lich ver­ein­bar­te Kün­di­gungs­frist, son­dern wie vom Klä­ger ver­tre­ten die ge­setz­li­che, ver­län­ger­te Kün­di­gungs­frist maß­geb­lich. Die Ent­schei­dung ist rechts­kräf­tig.

Fa­zit: Das Ur­teil be­stä­tigt nicht nur die oh­ne­hin ein­deu­ti­ge und sinn­vol­le Re­ge­lung des § 622 Abs. 5 BGB, son­dern zeigt auch an­schau­lich, dass selbst bei ei­ner an sich wirk­sa­men Kün­di­gung ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ver­nünf­tig sein kann. Der Fah­rer je­den­falls hat auf die­se Wei­se im­mer­hin ei­nen Mo­nats­lohn mehr aus dem Ar­beits­ver­hält­nis mit­neh­men kön­nen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 13. Juli 2016

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