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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Tarifeinheit, Tarifpluralität, Streikrecht: Tarifeinheit
   
Gericht: Bundesverfassungsgericht
Akten­zeichen: 1 BvR 1571/15
1 BvR 1588/15
1 BvR 2883/15
1 BvR 1043/16
1 BvR 1477/16
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 11.07.2017
   
Leit­sätze: 1. Das Frei­heits­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG schützt al­le ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens­wei­sen, ins­be­son­de­re den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen, de­ren Be­stand und An­wen­dung so­wie Ar­beits­kampf­maßnah­men. Das Grund­recht ver­mit­telt je­doch kein Recht auf un­be­schränk­te ta­rif­po­li­ti­sche Ver­wert­bar­keit von Schlüssel­po­si­tio­nen und Blo­cka­de­macht zum ei­ge­nen Nut­zen.
2. Art. 9 Abs. 3 GG schützt die Ko­ali­tio­nen in ih­rem Be­stand, oh­ne dass da­mit ei­ne Be­stands­ga­ran­tie für ein­zel­ne Ko­ali­tio­nen ver­bun­den wäre. Staat­li­che Maßnah­men, die dar­auf zie­len, be­stimm­te Ge­werk­schaf­ten aus dem Ta­rif­ge­sche­hen her­aus­zu­drängen oder be­stimm­ten Ge­werk­schaft­s­ty­pen die Exis­tenz­grund­la­ge zu ent­zie­hen, sind mit Art. 9 Abs. 3 GG eben­so un­ver­ein­bar wie die Vor­ga­be ei­nes be­stimm­ten Pro­fils.
3. Ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen, die in den Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG fal­len, und die Funk­ti­onsfähig­keit des Sys­tems der Ta­rif­au­to­no­mie her­stel­len und si­chern sol­len, ver­fol­gen ei­nen le­gi­ti­men Zweck. Da­zu kann der Ge­setz­ge­ber nicht nur zwi­schen den sich ge­genüber­ste­hen­den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en Pa­rität her­stel­len, son­dern auch Re­ge­lun­gen zum Verhält­nis der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf der­sel­ben Sei­te tref­fen, um struk­tu­rel­le Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen auch in­so­fern ei­nen fai­ren Aus­gleich ermögli­chen und in Ta­rif­verträgen mit der ih­nen in­ne­woh­nen­den Rich­tig­keits­ver­mu­tung an­ge­mes­se­ne Wirt­schafts- und Ar­beits­be­din­gun­gen her­vor­brin­gen können.
4. Bei der Re­ge­lung der Struk­tur­be­din­gun­gen der Ta­rif­au­to­no­mie verfügt der Ge­setz­ge­ber über ei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve und ei­nen wei­ten Hand­lungs­spiel­raum. Schwie­rig­kei­ten, die sich nur dar­aus er­ge­ben, dass auf ei­ner Sei­te meh­re­re Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf­tre­ten, recht­fer­ti­gen ei­ne Be­schränkung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit grundsätz­lich nicht.
Vor­ins­tan­zen:
   

BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT

Verkündet
am 11. Ju­li 2017
Lan­gendörfer
Ta­rif­beschäftig­te
als Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

- 1 BvR 1571/15 -

- 1 BvR 1588/15 -

- 1 BvR 2883/15 -

- 1 BvR 1043/16 -

- 1 BvR 1477/16 -

IM NA­MEN DES VOL­KES

In den Ver­fah­ren
über
die Ver­fas­sungs­be­schwer­den

1. des Mar­bur­ger Bun­des, Ver­band der an­ge­stell­ten und be­am­te­ten Ärz­tin­nen und Ärz­te Deutsch­lands e.V., Bun­des­ver­band, ver­tre­ten durch den Vor­stand, die­ser ver­tre­ten durch den Ers­ten Vor­sit­zen­den Ru­dolf Hen­ke und den Zwei­ten Vor­sit­zen­den
Dr. An­dre­as Botz­lar, Rein­hardt­s­traße 36, 10117 Ber­lin,

- Be­vollmäch­tig­ter: Prof. Dr. Frank Schor­kopf, Eh­ren­gard-Schramm-Weg 5, 37085 Göttin­gen -

ge­gen Art. 1 Nr. 1 und Art. 2 Nr. 2 und 3 des Ge­set­zes zur Ta­rif­ein­heit vom 3. Ju­li 2015 (BGBl I S. 1130)

- 1 BvR 1571/15 -,

2. der Ver­ei­ni­gung Cock­pit e.V., ver­tre­ten durch den Vor­stand, die­ser ver­tre­ten durch den Präsi­den­ten Il­ja Schulz, Un­ter­schwein­stie­ge 10, 60549 Frank­furt,

- Be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte Baum, Rei­ter & Col­le­gen, Ben­ra­ther Schlos­sal­lee 101, 40597 Düssel­dorf -

ge­gen § 4a Abs. 1 und Abs. 2 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes (TVG) in der Fas­sung vom 3. Ju­li 2015 (BGBl I S. 1130)

- 1 BvR 1588/15 -,

3.
a) des dbb be­am­ten­bund und ta­rif­uni­on (dbb), ver­tre­ten durch die Bun­des­lei­tung, die­se ver­tre­ten durch den Bun­des­vor­sit­zen­den Klaus Dau­derstädt un­d­den Fach­vor­stand Ta­rif­po­li­tik, den Zwei­ten Vor­sit­zen­den Wil­li Russ, Fried­rich­s­traße 169/170, 10117 Ber­lin,

b) der Nah­ver­kehrs­ge­werk­schaft (NahVG), ver­tre­ten durch ih­ren Bun­des­vor­sit­zen­den Axel Schad, Lon­ge­ri­cher Straße 205, 50739 Köln,

c) des Herrn R…,

- Be­vollmäch­tig­ter: Prof. Dr. Wolf­gang Däubler, Gei­er­weg 20, 72144 Dußlin­gen -

ge­gen das Ta­rif­ein­heits­ge­setz vom 3. Ju­li 2015 (BGBl I S. 1130)

- 1 BvR 2883/15 -,

4. der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di, ver­tre­ten durch den Bun­des­vor­stand, die­ser ver­tre­ten durch den Bun­des­vor­sit­zen­den Frank Bsirs­ke so­wie die stell­ver­tre­ten­de Bun­des­vor­sit­zen­de An­drea Koc­sis, Pau­la-Thie­de-Ufer 10, 10179 Ber­lin,

- Be­vollmäch­tig­te: 1. Apl. Prof. Dr. Jens M. Schu­bert, Pau­la-Thie­de-Ufer 10, 10179 Ber­lin 2. Rechts­an­walt Prof. Dr. Hen­ner Wol­ter, Witz­le­bens­traße 31, 14057 Ber­lin -

ge­gen Ar­ti­kel 1 Num­mer 1 des Ge­set­zes zur Ta­rif­ein­heit (§ 4a TVG) vom 3. Ju­li 2015 (BGBl I S.1130)

- 1 BvR 1043/16 -,

5. der Un­abhängi­gen Flug­be­glei­ter Or­ga­ni­sa­ti­on e.V. (UFO), ver­tre­ten durch den Vor­stand, die­ser ver­tre­ten durch den Vor­stands­vor­sit­zen­den Alex­an­der Beh­rens und das Vor­stands­mit­glied Chris­toph Dre­scher, Farm­s­traße 118, 64546 Mörfel­den-Wall­dorf,

- Be­vollmäch­tig­ter: Prof. Dr. Mat­thi­as Ja­cobs, c/o Bu­ce­ri­us Law School, Jun­gius­s­traße 6, 20355 Ham­burg -

ge­gen Art. 1 Nr. 1 des Ge­set­zes zur Ta­rif­ein­heit (TEG) vom 3. Ju­li 2015 (BGBl I S. 1130), ins­be­son­de­re ge­gen § 4a Abs. 2 Satz 2 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes (TVG)

- 1 BvR 1477/16 -

hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt - Ers­ter Se­nat -

un­ter Mit­wir­kung der Rich­te­rin­nen und Rich­ter

Vi­ze­präsi­dent Kirch­hof,

Eich­ber­ger,

Schlu­cke­bier,

Ma­sing,

Pau­lus,

Ba­er,

Britz,

Ott

auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 24. und 25. Ja­nu­ar 2017 durch

Ur­teil

für Recht er­kannt:

1. § 4a des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes in der Fas­sung des Ge­set­zes zur Ta­rif­ein­heit vom 3. Ju­li 2015 (Bun­des­ge­setz­blatt I Sei­te 1130) ist in­so­weit mit Ar­ti­kel 9 Ab­satz 3 des Grund­ge­set­zes nicht ver­ein­bar, als es an Vor­keh­run­gen fehlt, die si­cher­stel­len, dass die In­ter­es­sen der Be­rufs­grup­pen, de­ren Ta­rif­ver­trag nach § 4a Ab­satz 2 Satz 2 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes ver­drängt wird, im ver­drängen­den Ta­rif­ver­trag hin­rei­chend berück­sich­tigt wer­den.

2. Im Übri­gen ist das Ge­setz zur Ta­rif­ein­heit nach Maßga­be der Gründe mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar. In­so­weit wer­den die Ver­fas­sungs­be­schwer­den zurück­ge­wie­sen.

3. Bis zu ei­ner Neu­re­ge­lung gilt § 4a Ab­satz 2 Satz 2 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes mit der Maßga­be fort, dass ein Ta­rif­ver­trag von ei­nem kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trag nur ver­drängt wer­den kann, wenn plau­si­bel dar­ge­legt ist, dass die Mehr­heits­ge­werk­schaft die In­ter­es­sen der Be­rufs­grup­pen, de­ren Ta­rif­ver­trag ver­drängt wird, ernst­haft und wirk­sam in ih­rem Ta­rif­ver­trag berück­sich­tigt hat.

4. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat den Be­schwer­deführen­den ein Drit­tel ih­rer not­wen­di­gen Aus­la­gen aus den Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren zu er­stat­ten.

5. Der Ge­gen­stands­wert der Ver­fas­sungs­be­schwer­den wird auf je­weils 500.000 € (in Wor­ten: fünf­hun­dert­tau­send Eu­ro) fest­ge­setzt.

G r ü n d e :

A.

1

Mit den Ver­fas­sungs­be­schwer­den wen­den sich Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten, Bran­chen­ge­werk­schaf­ten, ein Spit­zen­ver­band so­wie ein Ge­werk­schafts­mit­glied ge­gen das Ge­setz zur Ta­rif­ein­heit vom 3. Ju­li 2015 (Ta­rif­ein­heits­ge­setz, BGBl I S. 1130). Mit ihm hat der Ge­setz­ge­ber das Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) geändert und Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen in das Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) ein­gefügt.

I.

2 Die Vor­schrif­ten des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes re­geln Kon­flik­te im Zu­sam­men­hang mit der Gel­tung meh­re­rer Ta­rif­verträge in ei­nem Be­trieb.
3 In Be­trie­ben und Un­ter­neh­men fin­den re­gelmäßig meh­re­re Ta­rif­verträge An­wen­dung. Ar­beit­ge­ber ta­ri­fie­ren oft mit meh­re­ren Ge­werk­schaf­ten, die nach ih­ren Sat­zun­gen un­ter­schied­lich aus­ge­rich­tet sind. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz knüpft hier­an an. Da­bei rich­tet es sich nicht ge­gen die Ta­rifp­lu­ra­lität als sol­che, son­dern re­gelt die Auflösung von Ta­rif­kol­li­sio­nen. Dar­un­ter sind Si­tua­tio­nen zu ver­ste­hen, in de­nen nicht in­halts­glei­che Ta­rif­verträge un­ter­schied­li­cher Ge­werk­schaf­ten für die­sel­ben Beschäftig­ten­grup­pen gel­ten. Wenn sich in ei­nem Be­trieb für die­sel­ben Beschäftig­ten­grup­pen di­ver­gie­ren­de Ta­rif­verträge ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten über­schnei­den, ist nach der Neu­re­ge­lung grundsätz­lich nur der Ta­rif­ver­trag der­je­ni­gen Ge­werk­schaft an­wend­bar, die im Be­trieb die meis­ten in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den Mit­glie­der hat; der Ta­rif­ver­trag der Min­der­heits­ge­werk­schaft wird ver­drängt.
4

Die­se Re­ge­lung zielt in ers­ter Li­nie dar­auf, Vor­wir­kun­gen zu ent­fal­ten (vgl. BT­Drucks 18/4026, S. 9, 15). Die dro­hen­de Möglich­keit der Un­an­wend­bar­keit von Ta­rif­verträgen in Abhängig­keit von den je­wei­li­gen Mehr­heits­verhält­nis­sen der von ih­nen or­ga­ni­sier­ten Beschäftig­ten im Be­trieb soll für die Ge­werk­schaf­ten struk­tu­rel­le An­rei­ze set­zen, die Or­ga­ni­sa­ti­on und Durch­set­zung ge­werk­schaft­li­cher In­ter­es­sen so zu ge­stal­ten, dass Ta­rif­kol­li­sio­nen nach Möglich­keit ver­mie­den wer­den. Das soll ei­nem rein ei­gennützi­gen, struk­tu­rell un­fai­ren Aus­han­deln von Ta­rif­verträgen von Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern mit Schlüssel­po­si­ti­on so­wie ei­ner hier­durch dro­hen­den Ent­so­li­da­ri­sie­rung in­ner­halb der Ar­beit­neh­mer­schaft ent­ge­gen­wir­ken, um so die Schutz­funk­ti­on des Ta­rif­ver­trags zu stärken.

II.

5 1. Wie sol­che Ta­rif­kon­flik­te gelöst wer­den sol­len, wird seit Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts dis­ku­tiert. Ge­setz­lich ge­re­gelt wur­de die Fra­ge bis­lang nicht. Es wur­de da­von aus­ge­gan­gen, dass Bran­chen­ge­werk­schaf­ten als „Ein­heits­ge­werk­schaf­ten“ nach dem In­dus­trie­ver­bands­prin­zip agie­ren würden (vgl. die Ma­te­ria­li­en zur Ent­ste­hung des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes vom 9. April 1949; ZfA 1973, S. 129 <146>). Man­gels ge­setz­li­cher Re­ge­lung ent­wi­ckel­te dar­auf­hin die Recht­spre­chung Grundsätze, um auf Kon­flik­te zu re­agie­ren, die durch die par­al­le­le Gel­tung meh­re­rer Ta­rif­verträge her­vor­ge­ru­fen wur­den. Die­se Fälle wa­ren sel­ten und wur­den vom Bun­des­ar­beits­ge­richt nach dem Spe­zia­litätsprin­zip der Sachnähe in ei­nem Be­trieb ent­schie­den und auf die­se Wei­se dort Ta­rif­ein­heit her­ge­stellt. Da­nach setzt sich bei ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on im Be­trieb der­je­ni­ge Ta­rif­ver­trag durch, der die­sem Be­trieb räum­lich, be­trieb­lich, fach­lich und persönlich am nächs­ten steht und des­halb sei­nen Er­for­der­nis­sen und Ei­gen­ar­ten am ehes­ten ge­recht wird, al­so in­so­fern spe­zi­el­ler ist (vgl. BAG, Ur­teil vom 29. März 1957 - 1 AZR 208/55 -, ju­ris, Rn. 7; Ur­teil vom 14. Ju­ni 1989 - 4 AZR 200/89 -, ju­ris, Rn. 21 ff.; Ur­teil vom 5. Sep­tem­ber 1990 - 4 AZR 59/90 -, ju­ris, Rn. 16 ff.; Ur­teil vom 20. März 1991 - 4 AZR 455/90 -, ju­ris, Rn. 28; zur Kol­li­si­on von be­trieb­li­chen oder be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Nor­men BAG, Ur­teil vom 9. De­zem­ber 2009 - 4 AZR 190/08 -, ju­ris, Rn. 49). Ei­nen Ver­s­toß ge­gen Art. 9 Abs. 3 GG sah das Bun­des­ar­beits­ge­richt hier­in zunächst nicht, denn das Grund­recht der Ko­ali­ti­ons­frei­heit schütze nur ei­nen Kern­be­reich, der durch die Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags nicht berührt wer­de (vgl. BAG, Ur­teil vom 20. März 1991 - 4 AZR 455/90 -, ju­ris, Rn. 27). Das Spe­zia­litätsprin­zip fin­det auch heu­te An­wen­dung, wenn im ein­zel­nen Ar­beits­verhält­nis ei­ne Ta­rif­kon­kur­renz auf­tritt.
6 Die­se Recht­spre­chung stieß zunächst auf brei­te Zu­stim­mung in der Ar­beits­rechts­wis­sen­schaft (et­wa Hromad­ka, NZA 2008, S. 384; m.w.N. Hopf­ner, Grund­ge­setz und ge­setz­li­che Ta­rif­ein­heit bei Ta­rifp­lu­ra­lität, 2015, S. 37, Fn. 72), doch mehr­ten sich die kri­ti­schen Stim­men (Zu­sam­men­stel­lung in BAG, Be­schluss vom 27. Ja­nu­ar 2010 - 4 AZR 549/08 (A) -, ju­ris, Rn. 42; Schlie­mann, in: Fest­schrift für Wolf­gang Hromad­ka, 2008, S. 359 Fn. 4), auch in­ner­halb des Bun­des­ar­beits­ge­richts (vgl. BAG, Ur­teil vom 26. Ja­nu­ar 1994 - 10 AZR 611/92 -, ju­ris, Rn. 58 ff.; Be­schluss vom 22. März 1994 - 1 ABR 47/93 -, ju­ris, Rn. 36) und in den In­stan­zen (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 2. Mai 2003 - 9 Sa­Ga 637/03 -, ju­ris, Rn. 36; LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 14. Ju­ni 2007 - 11 Sa 208/07 -, ju­ris, Rn. 71 ff.; Säch­si­sches LAG, Ur­teil vom 2. No­vem­ber 2007 - 7 Sa­Ga 19/07 -, ju­ris, Rn. 134 ff.).
7 2. Im Jahr 2010 gab das Bun­des­ar­beits­ge­richt sei­ne Recht­spre­chung zur Ta­rif­ein­heit im Fall ei­ner un­mit­tel­ba­ren Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers nach § 3 Abs. 1 TVG auf (an­gekündigt in BAG, Be­schluss vom 27. Ja­nu­ar 2010 - 4 AZR 549/08 (A) -, ju­ris, Rn. 43; so­dann BAG, Ur­teil vom 7. Ju­li 2010 - 4 AZR 549/08 -, ju­ris). Die Ta­rifp­lu­ra­lität sei di­rek­te Fol­ge der un­mit­tel­ba­ren Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 1 TVG und könne nicht nach dem Grund­satz der Ta­rif­ein­heit da­hin­ge­hend auf­gelöst wer­den, dass nur ein Ta­rif­ver­trag „für den Be­trieb“ gel­te. Ein sol­cher Rechts­grund­satz be­ste­he nicht. Die nach § 4 Abs. 1 TVG in den je­wei­li­gen Ar­beits­verhält­nis­sen gel­ten­den ta­rif­li­chen Nor­men müss­ten auch nicht auf­grund prak­ti­scher Schwie­rig­kei­ten ver­drängt wer­den. Die Ge­fahr ständi­ger Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen und Streiks sei ei­ne Fra­ge des Ar­beits­kampf­rechts und dort zu lösen. Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung kom­me nicht in Be­tracht, denn das Ta­rif­ver­trags­recht ent­hal­te kei­ne plan­wid­ri­ge Re­ge­lungslücke. Viel­mehr wer­de mit § 613a Abs. 1 Satz 2 BGB die Exis­tenz par­al­lel an­wend­ba­rer ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lungs­wer­ke in ei­nem Be­trieb an­er­kannt. Da­her lie­ge in der Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags ein ge­setz­lich nicht ge­recht­fer­tig­ter Ein­griff in die nach Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te kol­lek­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der ta­rif­sch­ließen­den Ge­werk­schaft und in die in­di­vi­du­el­le Ko­ali­ti­ons­frei­heit des an die­sen ge­bun­de­nen Ge­werk­schafts­mit­glieds. Der Schutz sei nicht auf ei­nen Kern be­schränkt. Ob der ein­fa­che Ge­setz­ge­ber zu ei­nem der­art weit rei­chen­den Ein­griff ver­fas­sungs­recht­lich be­fugt sei, könne im Er­geb­nis of­fen­blei­ben (vgl. BAG, Ur­teil vom 7. Ju­li 2010 - 4 AZR 549/08 -, ju­ris, Rn. 52 ff., 65).
8 3. Auf die Recht­spre­chungsände­rung setz­te ei­ne rechts­po­li­ti­sche Dis­kus­si­on ein, ob und wie hier­auf zu re­agie­ren sei.
9 a) Aus­gangs­punkt die­ser Dis­kus­si­on war die von der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) und dem Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) veröffent­lich­te, als Eck­punk­te­pa­pier be­zeich­ne­te Erklärung „Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie si­chern - Ta­rif­ein­heit ge­setz­lich re­geln“ vom 4. Ju­ni 2010. Der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit sei ge­setz­lich zu re­geln und das Ar­beits­kampf­recht ein­zu­schränken: Bei kol­li­die­ren­den, von ver­schie­de­nen Ge­werk­schaf­ten ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträgen sol­le der Ta­rif­ver­trag der­je­ni­gen Ge­werk­schaft zur An­wen­dung kom­men, die im Be­trieb mehr Mit­glie­der hat, und im Ar­beits­kampf­recht sol­le die Frie­dens­pflicht für die Mehr­heits­ge­werk­schaft während der Lauf­zeit auch auf die Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten er­streckt wer­den. Der Bun­des­rat un­terstütz­te dies durch ei­nen Ent­schließungs­an­trag (BRDrucks 417/10). Der DGB ver­ließ die Initia­ti­ve al­ler­dings nach ei­nem Jahr, auch weil ins­be­son­de­re die hier be­schwer­deführen­de Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di den Vor­schlag nicht un­terstütz­te.
10 b) Die von der Bun­des­re­gie­rung als Be­ra­tungs­gre­mi­um für Wett­be­werbs­fra­gen ein­ge­setz­te Mo­no­pol­kom­mis­si­on sah es als Auf­ga­be an, In­stru­men­te zu ent­wi­ckeln, die der Ta­rifp­lu­ra­lität ent­ge­gen wirk­ten; es ge­be meh­re­re Lösungsmöglich­kei­ten. Auf ei­ne Hand­lungs­emp­feh­lung wur­de in­des aus­drück­lich ver­zich­tet (vgl. BT­Drucks 17/2600, S. 352 f. Rn. 1008 ff.). Wei­te­re Vor­schläge be­tra­fen die Auflösung der Ta­rifp­lu­ra­lität durch ei­ne „Ta­rif­ein­heit in der Spar­te“ (Bay­reu­ther u.a., Ta­rifp­lu­ra­lität als Auf­ga­be des Ge­setz­ge­bers, 2011, S. 44 ff.), ein be­triebs- oder un­ter­neh­mens­be­zo­ge­nes Mehr­heits­prin­zip mit star­ken Min­der­hei­ten­rech­ten (Grei­ner, in: Ver­hand­lun­gen des 70. Deut­schen Ju­ris­ten­ta­ges, 2014, Band II/2, K 190 <K 192 ff.>) oder Ände­run­gen des Ar­beits­kampf­rechts (Hens­s­ler, RdA 2011, S. 65 <71 ff.>), ins­be­son­de­re in der Da­seins­vor­sor­ge (Fran­zen u.a., Ar­beits­kampf in der Da­seins­vor­sor­ge, 2012, im Jahr 2015 über­nom­men in ei­nen Ent­schließungs­an­trag des Bun­des­ra­tes, BRDrucks 294/15).
11

c) Im von CDU, CSU und SPD für die 18. Le­gis­la­tur­pe­ri­ode im Jahr 2013 ab­ge­schlos­se­nen Ko­ali­ti­ons­ver­trag wur­de dann ver­ein­bart, „den Ko­ali­ti­ons- und Ta­rifp­lu­ra­lis­mus in ge­ord­ne­te Bah­nen zu len­ken“; dafür wol­le man „den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit nach dem be­triebs­be­zo­ge­nen Mehr­heits­prin­zip un­ter Ein­bin­dung der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber ge­setz­lich fest­schrei­ben“ (Deutsch­lands Zu­kunft ge­stal­ten - Ko­ali­ti­ons­ver­trag zwi­schen CDU, CSU und SPD - 18. Le­gis­la­tur­pe­ri­ode, S. 50). Dar­auf ge­hen die vor­lie­gend an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen zurück.

III.

12 Das mit den Ver­fas­sungs­be­schwer­den an­ge­grif­fe­ne Ta­rif­ein­heits­ge­setz sieht vor, dass Ta­rif­kol­li­sio­nen im Be­trieb nach ei­nem be­triebs­be­zo­ge­nen Mehr­heits­prin­zip auf­gelöst wer­den. Es ändert das Ta­rif­ver­trags­ge­setz und ergänzt Re­ge­lun­gen im Ar­beits­ge­richts­ge­setz. Da­zu ord­net es die Ver­drängung des Ta­rif­ver­trags der Ge­werk­schaft an, die we­ni­ger Mit­glie­der im Be­trieb or­ga­ni­siert, und re­gelt ein Be­schluss­ver­fah­ren zur Fest­stel­lung die­ser Mehr­heit. Ta­rif­ver­hand­lun­gen müssen nun an­de­ren Ge­werk­schaf­ten im Be­trieb be­kannt­ge­ge­ben wer­den. Die­se Ge­werk­schaf­ten müssen vom Ar­beit­ge­ber an­gehört wer­den, wenn an­de­re Ge­werk­schaf­ten mit ihm für ei­nen Be­trieb ver­han­deln, für den auch sie ta­ri­fie­ren wol­len. Nor­miert wird ein An­spruch auf Nach­zeich­nung des ver­drängen­den Ta­rif­ver­trags, wenn der ei­ge­ne Ta­rif­ver­trag nicht zur An­wen­dung kommt. Der Ge­setz­ge­ber re­agiert da­mit aus­weis­lich der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs auf die Recht­spre­chungsände­rung durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (oben A II 2 Rn. 7). Durch nun mögli­che Ta­rif­kol­li­sio­nen sei die Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie be­ein­träch­tigt (BT­Drucks 18/4062, S. 1).
13 1. Die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten lau­ten:

§ 4a TVG Ta­rif­kol­li­si­on

(1) Zur Si­che­rung der Schutz­funk­ti­on, Ver­tei­lungs­funk­ti­on, Be­frie­dungs­funk­ti­on so­wie Ord­nungs­funk­ti­on von Rechts­nor­men des Ta­rif­ver­trags wer­den Ta­rif­kol­li­sio­nen im Be­trieb ver­mie­den.

(2) 1 Der Ar­beit­ge­ber kann nach § 3 an meh­re­re Ta­rif­verträge un­ter­schied­li­cher Ge­werk­schaf­ten ge­bun­den sein. 2 So­weit sich die Gel­tungs­be­rei­che nicht in­halts­glei­cher Ta­rif­verträge ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten über­schnei­den (kol­li­die­ren­de Ta­rif­verträge), sind im Be­trieb nur die Rechts­nor­men des Ta­rif­ver­trags der­je­ni­gen Ge­werk­schaft an­wend­bar, die zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des zu­letzt ab­ge­schlos­se­nen kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags im Be­trieb die meis­ten in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den Mit­glie­der hat. 3 Kol­li­die­ren die Ta­rif­verträge erst zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt, ist die­ser für die Mehr­heits­fest­stel­lung maßgeb­lich. 4 Als Be­trie­be gel­ten auch ein Be­trieb nach § 1 Ab­satz 1 Satz 2 des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes und ein durch Ta­rif­ver­trag nach § 3 Ab­satz 1 Num­mer 1 bis 3 des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes er­rich­te­ter Be­trieb, es sei denn, dies steht den Zie­len des Ab­sat­zes 1 of­fen­sicht­lich ent­ge­gen. 5 Dies ist ins­be­son­de­re der Fall, wenn die Be­trie­be von Ta­rif­ver­trags­par­tei­en un­ter­schied­li­chen Wirt­schafts­zwei­gen oder de­ren Wertschöpfungs­ket­ten zu­ge­ord­net wor­den sind.

(3) Für Rechts­nor­men ei­nes Ta­rif­ver­trags über ei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge nach § 3 Ab­satz 1 und § 117 Ab­satz 2 des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes gilt Ab­satz 2 Satz 2 nur, wenn die­se be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge be­reits durch Ta­rif­ver­trag ei­ner an­de­ren Ge­werk­schaft ge­re­gelt ist.

(4) 1 Ei­ne Ge­werk­schaft kann vom Ar­beit­ge­ber oder von der Ver­ei­ni­gung der Ar­beit­ge­ber die Nach­zeich­nung der Rechts­nor­men ei­nes mit ih­rem Ta­rif­ver­trag kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags ver­lan­gen. 2 Der An­spruch auf Nach­zeich­nung be­inhal­tet den Ab­schluss ei­nes die Rechts­nor­men des kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags ent­hal­ten­den Ta­rif­ver­trags, so­weit sich die Gel­tungs­be­rei­che und Rechts­nor­men der Ta­rif­verträge über­schnei­den. 3 Die Rechts­nor­men ei­nes nach Satz 1 nach­ge­zeich­ne­ten Ta­rif­ver­trags gel­ten un­mit­tel­bar und zwin­gend, so­weit der Ta­rif­ver­trag der nach­zeich­nen­den Ge­werk­schaft nach Ab­satz 2 Satz 2 nicht zur An­wen­dung kommt.

(5) 1 Nimmt ein Ar­beit­ge­ber oder ei­ne Ver­ei­ni­gung von Ar­beit­ge­bern mit ei­ner Ge­werk­schaft Ver­hand­lun­gen über den Ab­schluss ei­nes Ta­rif­ver­trags auf, ist der Ar­beit­ge­ber oder die Ver­ei­ni­gung von Ar­beit­ge­bern ver­pflich­tet, dies recht­zei­tig und in ge­eig­ne­ter Wei­se be­kannt­zu­ge­ben. 2 Ei­ne an­de­re Ge­werk­schaft, zu de­ren sat­zungs­gemäßen Auf­ga­ben der Ab­schluss ei­nes Ta­rif­ver­trags nach Satz 1 gehört, ist be­rech­tigt, dem Ar­beit­ge­ber oder der Ver­ei­ni­gung von Ar­beit­ge­bern ih­re Vor­stel­lun­gen und For­de­run­gen münd­lich vor­zu­tra­gen.

§ 8 TVG Be­kannt­ga­be des Ta­rif­ver­trags

Der Ar­beit­ge­ber ist ver­pflich­tet, die im Be­trieb an­wend­ba­ren Ta­rif­verträge so­wie rechts­kräfti­ge Be­schlüsse nach § 99 des Ar­beits­ge­richts­ge­set­zes über den nach § 4a Ab­satz 2 Satz 2 an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag im Be­trieb be­kannt­zu­ma­chen.

§ 13 TVG In­kraft­tre­ten

(3) § 4a ist nicht auf Ta­rif­verträge an­zu­wen­den, die am 10. Ju­li 2015 gel­ten.

§ 2a ArbGG Zuständig­keit im Be­schlußver­fah­ren

(1) Die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen sind fer­ner aus­sch­ließlich zuständig für

6. die Ent­schei­dung über den nach § 4a Ab­satz 2 Satz 2 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes im Be­trieb an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag.

§ 58 ArbGG Be­weis­auf­nah­me

(3) Ins­be­son­de­re über die Zahl der in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den Mit­glie­der oder das Ver­tre­ten­sein ei­ner Ge­werk­schaft in ei­nem Be­trieb kann Be­weis auch durch die Vor­le­gung öffent­li­cher Ur­kun­den an­ge­tre­ten wer­den.

§ 99 ArbGG Ent­schei­dung über den nach § 4a Ab­satz 2 Satz 2 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes im Be­trieb an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag

(1) In den Fällen des § 2a Ab­satz 1 Num­mer 6 wird das Ver­fah­ren auf An­trag ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei ei­nes kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags ein­ge­lei­tet.

(2) Für das Ver­fah­ren sind die §§ 80 bis 82 Ab­satz 1 Satz 1, die §§ 83 bis 84 und 87 bis 96a ent­spre­chend an­zu­wen­den.

(3) Der rechts­kräfti­ge Be­schluss über den nach § 4a Ab­satz 2 Satz 2 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes im Be­trieb an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag wirkt für und ge­gen je­der­mann.

(4) 1 In den Fällen des § 2a Ab­satz 1 Num­mer 6 fin­det ei­ne Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens auch dann statt, wenn die Ent­schei­dung über den nach § 4a Ab­satz 2 Satz 2 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes im Be­trieb an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag dar­auf be­ruht, dass ein Be­tei­lig­ter ab­sicht­lich un­rich­ti­ge An­ga­ben oder Aus­sa­gen ge­macht hat. 2 § 581 der Zi­vil­pro­zess­ord­nung fin­det kei­ne An­wen­dung.

14 2. Die zen­tra­le Re­ge­lung des Ge­set­zes ist § 4a TVG. Des­sen Ab­satz 1 nor­miert die Zwe­cke des Ge­set­zes. Die Zweck­set­zung wird in der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung erläutert:

„Es soll ver­mie­den wer­den, dass die Ent­so­li­da­ri­sie­rung der Be­leg­schaf­ten für Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer oh­ne hin­rei­chen­de Schlüssel­po­si­ti­on im Be­triebs­ab­lauf in ei­ne Ent­wer­tung der Schutz­funk­ti­on des Ta­rif­ver­trags münden kann. Neh­men Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer mit be­son­de­ren Schlüssel­po­si­tio­nen in den Be­trie­ben ih­re In­ter­es­sen ge­son­dert wahr, führt dies ten­den­zi­ell zu ei­ner Be­ein­träch­ti­gung ei­ner wirk­sa­men kol­lek­ti­ven In­ter­es­sen­ver­tre­tung durch die übri­gen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer, die kei­ne be­son­de­ren Schlüssel­po­si­tio­nen im Be­triebs­ab­lauf in­ne­ha­ben. Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer oh­ne be­son­de­re Schlüssel­po­si­ti­on im Be­triebs­ab­lauf sind dann selbst kol­lek­tiv nur noch ein­ge­schränkt in der La­ge, auf Au­genhöhe mit der Ar­beit­ge­ber­sei­te zu ver­han­deln. Es han­delt sich hier­bei um ei­nen schlei­chen­den Pro­zess, des­sen - auch ge­samt­wirt­schaft­li­che - Aus­wir­kun­gen schon rein fak­tisch nur schwie­rig rückgängig ge­macht wer­den könn­ten“ (BT­Drucks 18/4062, S. 9).

15 Wenn kon­kur­rie­ren­de Ta­rif­ab­schlüsse nicht den Wert ver­schie­de­ner Ar­beits­leis­tung in­ner­halb ei­ner be­trieb­li­chen Ge­mein­schaft zu­ein­an­der wi­der­spie­gel­ten, son­dern primär Aus­druck der je­wei­li­gen Schlüssel­po­si­tio­nen der un­ter­schied­li­chen Beschäftig­ten­grup­pen im Be­triebs­ab­lauf sei­en, wer­de über­dies die Ver­tei­lungs­funk­ti­on des Ta­rif­ver­trags be­ein­träch­tigt (BT­Drucks 18/4062, S. 11 f.). Bei er­folg­rei­chen Ta­rif­ver­hand­lun­gen ei­ner Ge­werk­schaft ver­rin­ge­re sich der Ver­tei­lungs­spiel­raum für die an­ders- und nicht­or­ga­ni­sier­ten Beschäftig­ten. Die Kon­kur­renz un­ter­schied­li­cher Ta­rif­wer­ke könne darüber hin­aus die Her­stel­lung von Ge­samt­kom­pro­mis­sen gefähr­den, die vor al­lem in wirt­schaft­li­chen Kri­sen­si­tua­tio­nen oft­mals zur Beschäfti­gungs­si­che­rung er­for­der­lich sei­en (a.a.O., S. 8). Auch sei die Be­frie­dungs­funk­ti­on des Ta­rif­ver­trags durch Ta­rif­kol­li­sio­nen be­ein­träch­tigt, weil in­ner­be­trieb­li­che Ver­tei­lungskämp­fe auf­träten und sich ein be­reits ta­rif­ge­bun­de­ner Ar­beit­ge­ber je­der­zeit ei­ner Viel­zahl wei­te­rer For­de­run­gen kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten ge­genüber­se­hen könne (a.a.O., S. 8).
16 3. a) § 4a Abs. 2 Satz 1 TVG stellt klar, dass ein Ar­beit­ge­ber an meh­re­re Ta­rif­verträge ge­bun­den sein kann. § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG nor­miert den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit im Be­trieb. Er greift sub­si­diär, wenn es den Ge­werk­schaf­ten nicht ge­lingt, sich au­to­nom ab­zu­stim­men und Ta­rif­kol­li­sio­nen ent­ste­hen. Ei­ne sol­che liegt vor, wenn sich die Gel­tungs­be­rei­che nicht in­halts­glei­cher Ta­rif­verträge ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten über­schnei­den, an die der Ar­beit­ge­ber nach § 3 TVG ge­bun­den ist. Die Über­schnei­dung muss in räum­li­cher, zeit­li­cher, be­trieb­lich-fach­li­cher und persönli­cher Hin­sicht vor­lie­gen. Nicht in­halts­gleich sind Ta­rif­verträge, wenn un­ter­schied­li­che Ge­genstände ge­re­gelt wer­den oder wenn der­sel­be Ge­gen­stand un­ter­schied­lich ge­re­gelt wird. Die Re­ge­lungs­ge­genstände der Ta­rif­verträge müssen sich nicht de­cken; auch die teil­wei­se Über­schnei­dung wird er­fasst (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 12 f.).
17 Ei­ne Ta­rif­kol­li­si­on wird nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG auf­gelöst: Da­nach fin­det der Ta­rif­ver­trag, der von der Ge­werk­schaft ge­schlos­sen wur­de, die im Be­trieb we­ni­ger Mit­glie­der hat als die ta­ri­fie­ren­de Ge­werk­schaft mit den meis­ten in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den Mit­glie­dern, kei­ne An­wen­dung, „so­weit sich die Gel­tungs­be­rei­che über­schnei­den“. Der Ta­rif­ver­trag der im Be­trieb klei­ne­ren Ge­werk­schaft gilt zwar wei­ter­hin und bin­det die Ge­werk­schaft ins­be­son­de­re an die Frie­dens­pflicht, ver­mit­telt aber kei­ne Ansprüche auf ver­ein­bar­te Leis­tun­gen. Für be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Nor­men im Sin­ne der § 3 Abs. 1 und § 117 Abs. 2 Be­trVG gilt das Mehr­heits­prin­zip al­ler­dings nur nach Maßga­be der Son­der­re­ge­lung in § 4a Abs. 3 TVG; sie wer­den nicht ver­drängt, wenn sie zwar im Min­der­heits­ta­rif­ver­trag ge­re­gelt sind, der Mehr­heits­ta­rif­ver­trag da­zu aber kei­ne Aus­sa­ge trifft. Das soll die Kon­ti­nuität ta­rif­ver­trag­lich ge­schaf­fe­ner be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Ver­tre­tungs­struk­tu­ren si­chern (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 14).
18 Im Be­trieb soll nach dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz da­mit nur der Ta­rif­ver­trag der­je­ni­gen Ge­werk­schaft Wir­kung ent­fal­ten, die dort die meis­ten Mit­glie­der or­ga­ni­sie­ren kann. An­knüpfungs­punkt ist der Be­trieb als die „So­li­dar­ge­mein­schaft“, die ge­mein­sam ar­beits­tech­ni­sche Zwe­cke ver­folgt (BT­Drucks 18/4062, S. 13). Das kann nach § 4a Abs. 2 Satz 4 TVG auch ein ge­mein­sa­mer Be­trieb meh­re­rer Un­ter­neh­men oder ein Be­trieb sein, den ein Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­rif­ver­trag nach § 3 Abs. 1 Nr. 1 bis 3 Be­trVG er­rich­tet. Um Miss­brauch zu ver­hin­dern, gilt dies nach § 4a Abs. 2 Satz 5 TVG nicht, wenn Ein­hei­ten von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en un­ter­schied­li­chen Wirt­schafts­zwei­gen zu­ge­ord­net wer­den.
19 Die Neu­re­ge­lung gilt nach § 13 Abs. 3 TVG nicht für bis zum 10. Ju­li 2015 gel­ten­de Ta­rif­verträge, wo­mit „der be­reits aus­geübten Ta­rif­au­to­no­mie im be­son­de­ren Maße Rech­nung“ ge­tra­gen wer­den soll (BT­Drucks 18/4062, S. 9).
20 b) Ei­ne Ge­werk­schaft, die ei­nen kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trag ge­schlos­sen hat, kann nach § 4a Abs. 4 TVG von der Ar­beit­ge­ber­sei­te die Nach­zeich­nung der Rechts­nor­men ei­nes Ta­rif­ver­trags ei­ner kon­kur­rie­ren­den Ge­werk­schaft ver­lan­gen. Da­mit will der Ge­setz­ge­ber den Nach­tei­len ent­ge­gen­wir­ken, die ei­ner Ge­werk­schaft im Fall ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on ent­ste­hen können; sie könne so die Ta­rif­lo­sig­keit ih­rer Mit­glie­der ver­mei­den (BT­Drucks 18/4062 S. 14). Es kom­me nicht dar­auf an, ob und in­wie­weit der Ta­rif­ver­trag tatsächlich ver­drängt würde, son­dern genüge, wenn ei­ne Ge­werk­schaft po­ten­ti­ell ei­nen Nach­teil er­lei­den könn­te (a.a.O.).
21 Nach § 4a Abs. 4 Satz 2 TVG be­zieht sich der An­spruch auf Nach­zeich­nung auf den Ab­schluss ei­nes Ta­rif­ver­trags, „so­weit sich die Gel­tungs­be­rei­che und Rechts­nor­men“ über­schnei­den. Die Min­der­heits­ge­werk­schaft sol­le über den Mehr­heits­ta­rif­ver­trag nur so viel er­hal­ten, wie dies dem Über­schnei­dungs­be­reich der kon­kur­rie­ren­den Ta­rif­verträge ent­spre­che; nur in­so­weit könne ihr ein dem Aus­gleich zugäng­li­cher Nach­teil ent­ste­hen (BT­Drucks 18/4062, S. 14).
22 c) Nach § 4a Abs. 5 Satz 1 TVG wird die Ar­beit­ge­ber­sei­te ver­pflich­tet, die Auf­nah­me von Ta­rif­ver­hand­lun­gen recht­zei­tig und in ge­eig­ne­ter Wei­se be­kannt­zu­ge­ben. Das die­ne der in­ner­be­trieb­li­chen Ta­rif­pu­bli­zität (BT­Drucks 18/4062, S. 15). Da­ne­ben er­wei­tert der mo­di­fi­zier­te § 8 TVG die Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, ab­ge­schlos­se­ne Ta­rif­verträge im Be­trieb be­kannt­zu­ge­ben.
23 An­de­re Ge­werk­schaf­ten, die nach ih­rer Sat­zung eben­falls ta­ri­fie­ren könn­ten, ha­ben nach § 4a Abs. 5 Satz 2 TVG zu­dem das Recht, vom Ar­beit­ge­ber oder Ar­beit­ge­ber­ver­band an­gehört zu wer­den. Sie sol­len Ge­le­gen­heit er­hal­ten, ih­re Vor­stel­lun­gen und For­de­run­gen münd­lich vor­zu­tra­gen; ein Recht auf Ver­hand­lun­gen oder Teil­nah­me dar­an sei das nicht. Doch han­de­le es sich um ein ma­te­ri­el­les Recht, das die Ge­werk­schaf­ten auch ge­richt­lich gel­tend ma­chen könn­ten. Die Anhörung soll je­doch nicht Vor­aus­set­zung für den Ab­schluss ei­nes an­de­ren Ta­rif­ver­trags oder den Ar­beits­kampf sein; auch ste­he die An­wen­dung des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit nicht un­ter dem Vor­be­halt der Anhörung (BT­Drucks 18/4062, S. 15).
24 d) Wel­cher Ta­rif­ver­trag im Kol­li­si­ons­fall gilt, kann nach § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 Abs. 1 ArbGG auf An­trag ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei ei­nes kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags vom Ar­beits­ge­richt im Be­schluss­ver­fah­ren fest­ge­stellt wer­den. Nicht an­trags­be­rech­tigt sind ein­zel­ne abhängig Beschäftig­te und die Ar­beit­ge­ber, die nicht selbst Par­tei ei­nes kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags sind. Die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts gilt nach § 99 Abs. 3 ArbGG mit Wir­kung für al­le. Das Ge­richt muss die be­trieb­li­che Mehr­heit und da­mit die Zahl der Mit­glie­der ei­ner Ge­werk­schaft in ei­nem Be­trieb fest­stel­len, was nach der de­kla­ra­to­ri­schen Vor­schrift des § 58 Abs. 3 ArbGG durch öffent­li­che Ur­kun­den be­wie­sen wer­den kann (vgl. § 415 Abs. 1 ZPO und Bun­des­re­gie­rung, Ant­wort auf ei­ne Klei­ne An­fra­ge, BT­Drucks 18/4156, S. 17).
25

4. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz enthält kei­ne Re­geln zum Ar­beits­kampf­recht. In der Be­gründung zum Ge­setz­ent­wurf heißt es, dass über die Un­verhält­nismäßig­keit von Ar­beitskämp­fen im Ein­zel­fall im Sin­ne des Prin­zips der Ta­rif­ein­heit ge­richt­lich zu ent­schei­den sei; ein Ar­beits­kampf, der auf ei­nen nicht zur An­wen­dung kom­men­den Ta­rif­ver­trag ge­rich­tet sei, die­ne nicht mehr der Si­che­rung der Ta­rif­au­to­no­mie (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 12).

IV.

26 1. Der Be­schwer­deführer im Ver­fah­ren 1 BvR 1571/15 ist ei­ne im Jahr 1947 ge­gründe­te, ge­werk­schaft­li­che, ge­sund­heits- und be­rufs­po­li­ti­sche In­ter­es­sen­ver­tre­tung der an­ge­stell­ten und be­am­te­ten Ärz­tin­nen und Ärz­te in Deutsch­land, der Mar­bur­ger Bund, Ver­band der an­ge­stell­ten und be­am­te­ten Ärz­tin­nen und Ärz­te e.V., mit - im Jahr 2014 - et­wa 117.000 Mit­glie­dern. Zu sei­nen Auf­ga­ben gehört, die Ar­beits­be­din­gun­gen an­ge­stell­ter Ärz­tin­nen und Ärz­te durch Ta­rif­verträge und sons­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen mit Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­ge­ber­verbänden zu re­geln (§ 2 Abs. 2 Buchst. b der Sat­zung).
27 Für den Mar­bur­ger Bund ver­han­del­te lan­ge die Deut­sche An­ge­stell­ten Ge­werk­schaft (DAG) und dann ver.di - Ver­ei­nig­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft. Das ih­nen über­tra­ge­ne Ver­hand­lungs­man­dat wur­de ver.di im Jahr 2005 je­doch ent­zo­gen, da sich die Be­rufs­grup­pe der Ärz­tin­nen und Ärz­te nicht mehr hin­rei­chend ver­tre­ten sah. Seit 2006 schließt der Mar­bur­ger Bund ei­ge­ne Ta­rif­verträge, wo­bei der be­schwer­deführen­de Bun­des­ver­band ta­ri­fiert, wenn sich die räum­li­chen Gel­tungs­be­rei­che der Ta­rif­verträge über den Zuständig­keits­be­reich ei­nes Lan­des­ver­bands hin­aus er­stre­cken.
28 Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wen­det sich der Mar­bur­ger Bund so­wohl ge­gen § 4a Abs. 1 und Abs. 2 Satz 2 TVG als auch ge­gen § 58 Abs. 3 so­wie § 99 ArbGG und rügt ei­ne Ver­let­zung von Art. 9 Abs. 3 GG.
29 a) Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de sei zulässig. Das Ge­setz ord­ne an, dass kol­li­die­ren­de Ta­rif­verträge ver­drängt wer­den, be­schränke mit­tel­bar das Streik­recht und be­zwe­cke die Of­fen­le­gung des Mit­glie­der­be­stan­des. Der Mar­bur­ger Bund sei da­von selbst, un­mit­tel­bar und ge­genwärtig be­trof­fen. Die Re­ge­lun­gen hätten sich be­reits ne­ga­tiv auf sei­ne Stel­lung als ta­riffähi­ger Ver­hand­lungs­part­ner aus­ge­wirkt; Ta­rif­ver­hand­lun­gen sei­en un­ter Be­ru­fung auf das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­wei­gert wor­den. Er sei ge­zwun­gen, sein ta­rif­po­li­ti­sches Ver­hal­ten zu ändern und Or­ga­ni­sa­ti­onsände­run­gen ein­zu­lei­ten, wie den Wie­der­ein­tritt in Ta­rif­ge­mein­schaf­ten oder die Öff­nung für an­de­re Be­rufs­grup­pen. Die feh­len­de Streikmöglich­keit schwäche die Ver­hand­lungs­po­si­ti­on. Ge­gen die Re­geln bestünden we­der fach­ge­richt­li­che Rechts­be­hel­fe noch außer­ge­richt­li­che Rechts­schutzmöglich­kei­ten; in der Sa­che ge­he es um spe­zi­fisch ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen.
30 b) Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ver­letz­ten die in Art. 9 Abs. 3 GG ga­ran­tier­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Sie schütze die auf ei­ne Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen ge­rich­te­te Ko­ali­ti­on selbst in ih­rem Be­stand, ih­rer or­ga­ni­sa­to­ri­schen Aus­ge­stal­tung und in ih­ren Betäti­gun­gen, da­bei ins­be­son­de­re das au­to­no­me Aus­han­deln von Ta­rif­verträgen. Schon nach dem Wort­laut, wo­nach das Grund­recht für je­der­mann und für al­le Be­ru­fe gel­te, sei auch die Ge­werk­schafts­plu­ra­lität geschützt. § 4a Abs. 2 TVG und § 58 Abs. 3, § 99 ArbGG be­wirk­ten mehr­fa­che Ein­grif­fe in den Schutz­be­reich des Grund­rechts.
31 Die Nicht­an­wen­dung des Ta­rif­ver­trags der Min­der­heits­ge­werk­schaft im Kol­li­si­ons­fall und die dar­aus re­sul­tie­ren­de Be­gren­zung von Ar­beits­kampf­maßnah­men so­wie die Not­wen­dig­keit, den Mit­glie­der­be­stand zum Nach­weis der Mehr­heit ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sier­ter Mit­glie­der im Be­trieb of­fen­zu­le­gen, grei­fe un­mit­tel­bar in die Ta­rif­au­to­no­mie ein. Mit­tel­bar-fak­tisch grei­fe der Ge­setz­ge­ber in Art. 9 Abs. 3 GG ein, in­dem er das Recht auf selbständi­ge Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen und die Or­ga­ni­sa­ti­ons­ho­heit von Ge­werk­schaf­ten be­schränke. Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten sei­en ge­zwun­gen, ge­gen ih­ren Wil­len stra­te­gi­sche Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dun­gen zu tref­fen, wo­durch der Ge­setz­ge­ber die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Ko­ali­tio­nen vor­struk­tu­rie­re und de­ren Chan­cen­gleich­heit be­ein­flus­se. Zu­dem nor­mie­re der Ge­setz­ge­ber mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz das un­aus­ge­spro­che­ne Leit­bild von Bran­chen­ein­heits­ge­werk­schaf­ten, wo­mit er die staat­li­che Neu­tra­litäts­pflicht ver­let­ze.
32 Der sub­si­diäre Cha­rak­ter der Kol­li­si­ons­re­gel las­se den Ein­griff nicht ent­fal­len, weil die Ver­drängung des Min­der­heits­ta­rif­ver­trags Vor­wir­kun­gen nicht als un­be­ab­sich­tig­ten Ne­ben­ef­fekt, son­dern als Haupt­zweck des Ge­set­zes ent­fal­te. Eben­so we­nig ent­fal­le der Ein­griff, weil je­de Ge­werk­schaft die Chan­ce ha­be, ih­rer­seits Mehr­heits­ge­werk­schaft zu wer­den. Das der De­mo­kra­ti­e­theo­rie ent­lehn­te und auf po­li­ti­sche Par­tei­en be­zo­ge­ne Ar­gu­ment pas­se hier nicht. Es sei je­den­falls pro­ble­ma­tisch, dass das Ta­rif­ein­heits­ge­setz Art. 9 Abs. 3 GG als Grund­recht des so­zia­len Aus­gleichs nur auf der Ar­beit­neh­mer­sei­te aus­ge­stal­te. Es bräuch­te be­son­de­re Gründe, war­um der so­zia­le Aus­gleich nicht primär im Verhält­nis des tra­di­tio­nel­len Kon­flikts von Ka­pi­tal und Ar­beit ver­or­tet, son­dern nur im Bin­nen­verhält­nis „Ar­beit“ ge­se­hen wer­de.
33 c) Die Ein­grif­fe in Art. 9 Abs. 3 GG sei­en nicht zu recht­fer­ti­gen. Der Ge­setz­ge­ber ver­fol­ge nur teil­wei­se le­gi­ti­me Zie­le. Das sei­en der Schutz der Ta­rif­au­to­no­mie und die in § 4a Abs. 1 TVG ge­nann­te Si­che­rung der Schutz- und Be­frie­dungs­funk­ti­on des Ta­rif­ver­trags. Nicht le­gi­tim sei da­ge­gen das Ziel, die Ver­tei­lungs- und Ord­nungs­funk­ti­on zu re­geln. Die Ver­tei­lung sei ge­ra­de von den Ko­ali­tio­nen aus­zu­han­deln. Ei­ne wi­der­spruchs­freie Ord­nung der Ar­beits­be­zie­hun­gen im Be­trieb verände­re den Schutz­be­reich von Art. 9 Abs. 3 GG; das not­stands­fes­te Grund­recht er­lei­de so ei­ne form­lo­se Ver­fas­sungsände­rung. Rei­ne Prak­ti­ka­bi­litäts- und Zweckmäßig­keits­erwägun­gen könn­ten zur Recht­fer­ti­gung nicht her­an­ge­zo­gen wer­den. Auf durch Ar­beits­kampf­maßnah­men be­trof­fe­ne Rech­te Drit­ter zie­le das Ge­setz über­haupt nicht ab.
34 Der Ge­setz­ge­ber dürfe auch bei le­gi­ti­mer Ziel­set­zung nur ein­grei­fen, wenn ein kor­rek­tur­bedürf­ti­ger Zu­stand vor­lie­ge, al­so et­wa struk­tu­rel­le Un­gleich­ge­wich­te ein aus­ge­wo­ge­nes Aus­han­deln der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen nicht mehr zu­ließen. Er­for­der­lich sei kei­ne an­ti­zi­pier­te abs­trak­te Möglich­keit, son­dern ei­ne sich über länge­re Zeit kon­kret ne­ga­tiv aus­wir­ken­de Ta­rif­au­to­no­mie­pra­xis. Es ge­be je­doch kei­nen Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen Ta­rifp­lu­ra­lität und den be­haup­te­ten Funk­ti­ons­ein­bußen; in­so­weit fehl­ten be­leg­ba­re Tat­sa­chen.
35 Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei zur Zweck­er­rei­chung nicht ge­eig­net. Es ent­las­te die Ar­beit­ge­ber­sei­te nicht von Ta­rif­ver­hand­lun­gen mit kon­kur­rie­ren­den Ge­werk­schaf­ten und Ta­rif­for­de­run­gen, schaf­fe aber neu­es Kon­flikt­po­ten­zi­al. Ins­be­son­de­re sei ein ag­gres­si­ver Wett­be­werb um Mit­glie­der zu er­war­ten. Das Mehr­heits­prin­zip pas­se schon ka­te­go­ri­al nicht zu ei­nem Frei­heits­recht, das ge­ra­de dem Schutz der Min­der­heit ge­gen den Mehr­heits­wil­len in der De­mo­kra­tie die­ne. Die be­frie­den­de Funk­ti­on des Flächen­ta­rif­ver­trags wer­de in Fra­ge ge­stellt. So­weit mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ei­ne An­reiz­struk­tur ge­schaf­fen wer­den sol­le, dass sich kon­kur­rie­ren­de Ge­werk­schaf­ten ab­stimm­ten, könn­ten die Adres­sa­ten das nicht durch ei­ge­nes Ver­hal­ten er­rei­chen, denn sie sei­en im­mer auch von der Kon­kur­renz­ge­werk­schaft abhängig. Auch das Nach­zeich­nungs­recht in § 4a Abs. 4 TVG sei nicht ge­eig­net, die Min­der­heits­ge­werk­schaft zu schützen; ver­wei­ge­re ihr die Ar­beit­ge­ber­sei­te von vorn­her­ein ei­nen Ta­rif­ab­schluss, könne sie die­ses nicht nut­zen. Der Be­trieb sei nicht ein­deu­tig zu be­stim­men und die Mehr­heits­verhält­nis­se sei­en kaum fest­stell­bar.
36 Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei nicht er­for­der­lich. Es ge­be an­de­re Re­ge­lungsmöglich­kei­ten, die Ta­rif­au­to­no­mie im Sin­ne des Ge­setz­ge­bers zu fördern und we­ni­ger in­ten­siv in die Ko­ali­ti­ons­frei­heit aus Art. 9 Abs. 3 GG ein­zu­grei­fen. Das sei­en bei­spiels­wei­se das Spe­zia­litätsprin­zip, das Mo­dell ei­ner dy­na­mi­schen Re­präsen­ta­ti­vität, die Ein­bin­dung der Min­der­heits­ge­werk­schaft in die Ta­rif­ver­hand­lun­gen zwi­schen Mehr­heits­ge­werk­schaft und Ar­beit­ge­ber, die Syn­chro­ni­sie­rung der Lauf­zeit kon­kur­rie­ren­der Ta­rif­verträge, die Vor­ga­be ei­ner Ver­hand­lungs- oder Streikführer­schaft oder ei­ne zwin­gen­de Sch­lich­tung.
37 Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei nicht verhält­nismäßig im en­ge­ren Sin­ne. Mit den Ka­te­go­ri­en der Mehr­heits- und Min­der­heits­ge­werk­schaft ände­re es das Ge­werk­schafts­gefüge und ha­be er­heb­li­che Vor­wir­kun­gen auf die Ta­ri­fland­schaft. Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten trügen das Ar­beits­kamp­f­ri­si­ko. Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten würden struk­tu­rell deut­lich be­nach­tei­ligt; das sei aber al­len­falls durch ei­ne Ver­fas­sungsände­rung möglich, in­dem in Art. 9 Abs. 3 Satz 1 GG „für al­le Be­ru­fe“ ge­stri­chen wer­de. Ei­ne Gefähr­dung der Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie durch Streikhäufig­keit oder Aus­nut­zung von Schlüssel­po­si­tio­nen sei em­pi­risch nicht nach­weis­bar.
38 2. Der Be­schwer­deführer im Ver­fah­ren 1 BvR 1588/15 ist der im Jahr 1969 ge­gründe­te Ver­band für Ver­kehrs­flug­zeugführer und Flu­g­in­ge­nieu­re in Deutsch­land, Ver­ei­ni­gung Cock­pit e.V., des­sen sat­zungsmäßiger Zweck der Zu­sam­men­schluss des Cock­pit­per­so­nals ist. Er hat et­wa 9.300 Mit­glie­der. Zu den sat­zungsmäßigen Zie­len gehört die Wah­rung und Ver­fol­gung sei­ner be­rufs- und ta­rif­po­li­ti­schen In­ter­es­sen. Die zunächst mit der DAG be­ste­hen­de Ta­rif­ge­mein­schaft en­de­te im Jahr 2000. Seit­dem han­delt Cock­pit ta­rif­po­li­tisch ei­genständig.
39 Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wen­det sich Cock­pit ge­gen § 4a Abs. 1 und Abs. 2 TVG; die wei­te­ren Vor­schrif­ten dien­ten der Um­set­zung die­ser Nor­men. Die Re­ge­lun­gen ver­letz­ten Art. 9 Abs. 3 Satz 1 GG.
40 a) Die zulässi­ge Ver­fas­sungs­be­schwer­de sei be­gründet. Der Ge­setz­ge­ber grei­fe in den Schutz­be­reich der Ko­ali­ti­ons­frei­heit ein, in­dem er ta­riffähi­gen Ko­ali­tio­nen die Fähig­keit neh­me, Ta­rif­verträge ab­zu­sch­ließen, und ein Haf­tungs­ri­si­ko er­zeu­ge, was ver­hin­de­re, Ar­beitskämp­fe durch­zuführen. Das Ge­setz ent­zie­he ei­ner Ge­werk­schaft den Kern­be­reich ih­rer Betäti­gung, was fak­tisch ei­nem Ge­werk­schafts­ver­bot gleich­kom­me. Mit­glie­der von Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten würden ta­rif­los ge­stellt.
41 b) Die­se Ein­grif­fe sei­en nicht zu recht­fer­ti­gen, weil An­halts­punk­te und ins­be­son­de­re em­pi­ri­sche Be­le­ge zu et­wai­gen ne­ga­ti­ven Fol­gen der Ta­rifp­lu­ra­lität im Be­trieb fehl­ten. Das Ge­setz hal­te auch ei­ner Verhält­nismäßig­keitsprüfung nicht stand. Le­gi­ti­me Zwe­cke sei­en die Si­che­rung der Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie und die Ver­hin­de­rung ei­ner Gefähr­dung der Ver­tei­lungs­funk­ti­on in Ta­rif­verträgen. An­de­re als die in § 4a Abs. 1 TVG ge­nann­ten Zie­le könn­ten zur Recht­fer­ti­gung nicht her­an­ge­zo­gen wer­den.
42 Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei al­len­falls mit Blick auf das Gleich­be­hand­lungs­ge­bot al­ler abhängig Beschäftig­ten als As­pekt der Ver­tei­lungs­funk­ti­on von Ta­rif­verträgen ein ge­eig­ne­tes Mit­tel zur Ziel­er­rei­chung. Das Mehr­heits­prin­zip sei da­ge­gen un­ge­eig­net, da es der Pri­vat- und Ta­rif­au­to­no­mie we­sens­fremd und sys­tem­wid­rig sei. Es ber­ge er­heb­li­ches Kon­flikt­po­ten­ti­al und gefähr­de auch bis­lang funk­tio­nie­ren­de Ko­ope­ra­ti­ons­be­zie­hun­gen. Auch Mehr­heits­ge­werk­schaf­ten gäben ein­zel­nen Be­rufs­grup­pen den Vor­zug. Wei­ter­hin könn­ten auch meh­re­re Ge­werk­schaf­ten mit ei­nem Ar­beit­ge­ber ver­han­deln.
43 Es ge­be mil­de­re Mit­tel. Die Re­ge­lung sei im Übri­gen un­zu­mut­bar. Sie schaf­fe kei­nen Aus­gleich, son­dern las­se die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten völlig zurück­tre­ten. Da­ge­gen stünden we­der Prak­ti­ka­bi­litäts­pro­ble­me noch die Gleich­be­hand­lung der Beschäftig­ten. Auch das Anhörungs- und das Nach­zeich­nungs­recht könn­ten den schwer­wie­gen­den Ein­griff in Art. 9 Abs. 3 GG nicht kom­pen­sie­ren.
44 c) Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­let­ze auch völker­recht­li­che Vor­schrif­ten. Es ver­s­toße ge­gen Art. 11 Abs. 1 EM­RK und ge­gen die Übe­r­ein­kom­men der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on (IAO) Nr. 87 und 98.
45 3. Die Be­schwer­deführer im Ver­fah­ren 1 BvR 2883/15 sind der dbb be­am­ten­bund und ta­rif­uni­on (dbb), die Nah­ver­kehrs­ge­werk­schaft (NahVG) so­wie ei­nes ih­rer Mit­glie­der.
46 Der dbb ist als Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on im Sin­ne von § 2 Abs. 2 TVG ein Zu­sam­men­schluss von Ge­werk­schaf­ten und Verbänden des öffent­li­chen Diens­tes so­wie des pri­va­ten Dienst­leis­tungs­sek­tors in Deutsch­land. Nach sei­ner Sat­zung ver­folgt er den Zweck, die Ein­zel­mit­glie­der kol­lek­tiv zu ver­tre­ten und de­ren be­rufs­be­ding­te recht­li­che, wirt­schaft­li­che, so­zia­le und po­li­ti­sche Be­lan­ge zu fördern so­wie Ge­mein­schafts­auf­ga­ben wahr­zu­neh­men. Dies er­folgt ins­be­son­de­re durch das Aus­han­deln und die Ver­ein­ba­rung von Ta­rif­verträgen. Der dbb ist Ver­trags­par­tei zahl­rei­cher Ta­rif­verträge, dar­un­ter für den öffent­li­chen Dienst des Bun­des und der Länder so­wie im Be­reich der Ver­ei­ni­gung der kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber­verbände, und Par­tei zahl­rei­cher Flächen- und Haus­ta­rif­verträge, die er teils al­lein, teils als Mit­glied ei­ner Ta­rif­ge­mein­schaft mit an­de­ren Ge­werk­schaf­ten ver­han­delt und ei­genständig ab­ge­schlos­sen hat.
47 Die NahVG ist über die kom­ba ge­werk­schaft mit­tel­ba­re Mit­glieds­ge­werk­schaft des dbb. Sie ver­folgt nach ih­rer Sat­zung das Ziel, die be­ruf­li­chen, so­zia­len, wirt­schaft­li­chen, recht­li­chen und öko­lo­gi­schen In­ter­es­sen ih­rer Mit­glie­der zu wah­ren und zu fördern. Ins­be­son­de­re will sie die Le­bens- und Ar­beits­be­din­gun­gen ih­rer Mit­glie­der durch den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen ver­bes­sern. Über die NahVG or­ga­ni­siert der dbb bun­des­weit Mit­glie­der in al­len Be­rei­chen des Nah­ver­kehrs. Nach § 16 der Sat­zung be­sch­ließt ei­ne Ta­rif­kom­mis­si­on die ta­rif­po­li­ti­schen Zie­le; Ta­rif­ver­hand­lun­gen führt ei­ne Ver­hand­lungs­de­le­ga­ti­on aus dbb und NahVG.
48 Wei­te­rer Be­schwer­deführer im Ver­fah­ren 1 BvR 2883/15 ist ein bei ei­nem Nah­ver­kehrs­un­ter­neh­men beschäftig­tes Mit­glied der NahVG.
49 Die ge­mein­sa­me Ver­fas­sungs­be­schwer­de rich­tet sich im We­sent­li­chen ge­gen § 4a TVG, ge­gen § 2a Abs. 1 Nr. 6 und § 99 ArbGG so­wie ge­gen den auf § 4a TVG be­zo­ge­nen § 58 Abs. 3 ArbGG. Gerügt wird ins­be­son­de­re ei­ne Ver­let­zung von Art. 9 Abs. 3 GG und Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG.
50 a) Die Be­schwer­deführen­den sei­en be­schwer­de­be­fugt. Dies gel­te nicht nur mit Blick auf Art. 9 Abs. 3 GG, son­dern auch in Be­zug auf Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG, da das Ta­rif­ein­heits­ge­setz of­fen las­se, wie die be­trieb­li­che Mehr­heit der Ge­werk­schafts­mit­glie­der im Ein­zel­nen zu be­stim­men sei.
51 b) Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de sei be­gründet.
52 aa) Mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz grei­fe der Ge­setz­ge­ber nicht nur in die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Ko­ali­tio­nen, son­dern auch in die der ein­zel­nen Ge­werk­schafts­mit­glie­der ein, weil die­se ih­re Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen nicht mehr mit Hil­fe der von ih­nen frei gewähl­ten Ge­werk­schaft ver­bes­sern könn­ten.
53 Es lägen kei­ne zur Recht­fer­ti­gung er­for­der­li­chen hin­rei­chend ge­wich­ti­gen Gründe des Ge­mein­wohls vor. Der Ge­setz­ge­ber ha­be den Sach­ver­halt nicht auf­geklärt, wes­halb schon das Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren man­gel­haft sei. Der Ein­griff sei nicht zu recht­fer­ti­gen. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­let­ze den Grund­satz, dass Ge­werk­schaf­ten geg­ner­un­abhängig sein müss­ten, denn der Zu­schnitt des Be­trie­bes, den das Ta­rif­ein­heits­ge­setz als Be­zugs­größe be­nen­ne, wer­de ent­schei­dend vom Ar­beit­ge­ber be­ein­flusst; er er­hal­te da­mit auf sei­ne Geg­ner Ein­fluss.
54 Der Ein­griff sei un­verhält­nismäßig. Zwar sei die Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie ein le­gi­ti­mes Ziel, doch bestünden hin­sicht­lich der in § 4a Abs. 1 TVG be­nann­ten Teil­zie­le Zwei­fel. So wi­der­spre­che die Ver­tei­lungs­funk­ti­on zur Her­stel­lung in­ner­be­trieb­li­cher Lohn­ge­rech­tig­keit mit Hil­fe des Mehr­heits­prin­zips der in Art. 9 Abs. 3 GG an­ge­leg­ten Au­to­no­mie der Ko­ali­tio­nen. Das Mehr­heits­prin­zip sei auch zur Ver­wirk­li­chung der Schutz- und Be­frie­dungs­funk­ti­on un­ge­eig­net. Es feh­le ein An­reiz zur Ko­ope­ra­ti­on, was be­ste­hen­de Ta­rif­ge­mein­schaf­ten gefähr­de.
55 Die Re­ge­lung sei nicht er­for­der­lich, da zwei­fach über­schießend: Ver­drängt würden al­le Ta­rif­verträge der Min­der­heits­ge­werk­schaft, ob­wohl die ge­woll­te ein­heit­li­che und wi­der­spruchs­freie Ord­nung im Be­trieb nicht gefähr­det sei, wenn al­le sich in­halt­lich nicht über­schnei­den­den Ta­rif­verträge wei­ter zur An­wen­dung kämen. Ver­drängt würden auch Ta­rif­verträge ei­ner Bran­chen­ge­werk­schaft, die aber nicht das Störpo­ten­ti­al hätten, wel­ches der Ge­setz­ge­ber den Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten - zu Un­recht - zu­schrei­be.
56 Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei un­an­ge­mes­sen, denn die den Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten dro­hen­den exis­tenz­gefähr­den­den Nach­tei­le wögen je­den­falls schwe­rer als der höchst un­si­che­re Bei­trag zur Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie.
57 bb) Der Jus­tiz­gewährungs­an­spruch aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG sei ver­letzt, weil der Ge­setz­ge­ber kein ge­richt­li­ches Ver­fah­ren zur Verfügung stel­le, das ei­ne um­fas­sen­de Prüfung in an­ge­mes­se­ner Zeit si­che­re. Mit Blick auf die Ku­mu­la­ti­on un­gelöster Rechts­fra­gen be­ste­he ei­ne ho­he Wahr­schein­lich­keit, dass die Lauf­zeit vie­ler Ta­rif­verträge schon ge­en­det ha­be, be­vor ei­ne rechts­kräfti­ge Ent­schei­dung vor­lie­ge. Ein­zel­ne abhängig Beschäftig­te, die ta­rif­li­che Ansprüche gel­tend mach­ten, sei­en nicht in der La­ge, schlüssig zur An­wend­bar­keit des je­wei­li­gen Ta­rif­ver­trags vor­zu­tra­gen und Be­weis an­zu­bie­ten.
58 4. Be­schwer­deführe­rin im Ver­fah­ren 1 BvR 1043/16 ist die ver.di - Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft. Ihr sat­zungsmäßiger Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­reich um­fasst zahl­rei­che Bran­chen, wes­halb sie als Mul­ti­bran­chen­ge­werk­schaft be­zeich­net wird. Sie ist nach dem In­dus­trie­ver­bands­prin­zip ge­glie­dert und geht nach § 5 Nr. 1 Satz 2 ih­rer Sat­zung vom Grund­satz „Ein Be­trieb - ei­ne Ge­werk­schaft - ein Ta­rif­ver­trag“ aus. Sat­zungsmäßiger Zweck ist un­ter an­de­rem, die wirt­schaft­li­chen und öko­lo­gi­schen, die so­zia­len, be­ruf­li­chen und kul­tu­rel­len In­ter­es­sen der Mit­glie­der zu ver­tre­ten und zu fördern. Der­zeit gehören ver.di et­wa 2 Mil­lio­nen Mit­glie­der an. Ver.di hat et­wa 20.000 Ta­rif­verträge als Haus- und Flächen­ta­rif­verträge auf Lan­des- und Bun­des­ebe­ne ab­ge­schlos­sen, in die meist sämt­li­che im Be­trieb beschäftig­ten Be­rufs­grup­pen ein­be­zo­gen wer­den.
59 Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wen­det sich ver.di un­mit­tel­bar ge­gen § 4a TVG und rügt ei­ne Ver­let­zung von Art. 9 Abs. 3 GG.
60 a) Die Re­ge­lung des § 4a TVG grei­fe mehr­fach in Art. 9 Abs. 3 GG ein. Das gel­te je­den­falls, wenn die in § 4a Abs. 2 TVG nor­mier­te Ver­drängung von Ge­set­zes we­gen un­abhängig von ei­ner Ent­schei­dung im Ver­fah­ren nach § 99 ArbGG ein­tre­te. Wenn sich ver.di in der Min­der­heits­po­si­ti­on befände, wer­de ein for­mell und in­halt­lich wirk­sa­mer Ta­rif­ver­trag ver­drängt, ob­wohl kei­ne Ta­rif­kon­kur­renz vor­lie­ge. Dies gel­te selbst dann, wenn der Mehr­heits­ta­rif­ver­trag Ge­genstände des Min­der­heits­ta­rif­ver­trags gar nicht nor­mie­re. Sei ver.di in der Mehr­heit, lie­ge ein Ein­griff dar­in, dass sich Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten des von ver.di er­ziel­ten Er­geb­nis­ses im We­ge der Nach­zeich­nung be­die­nen könn­ten, oh­ne hierfür fi­nan­zi­el­le und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Mit­tel auf­wen­den zu müssen. Wei­te­re Ein­grif­fe sei­en dar­in zu se­hen, dass die Kol­li­si­ons­re­gel ta­rif­po­li­ti­sche Über­le­gun­gen be­ein­flus­se. Zu­dem ha­be die vom Ar­beit­ge­ber aus­zuüben­de Or­ga­ni­sa­ti­ons­ge­walt über sei­nen Be­trieb un­mit­tel­ba­ren Ein­fluss auf die Mehr- und Min­der­heits­verhält­nis­se und da­mit die Gel­tung aus­ge­han­del­ter Ta­rif­verträge. Als Ein­grif­fe zu wer­ten sei­en auch die mit der Mehr­heits­fest­stel­lung ver­bun­de­nen ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf den Mit­glie­der­be­stand und die Mo­bi­li­sie­rung der Mit­glie­der, die Be­las­tung der Ta­rif­au­to­no­mie mit Blick auf die Sperr­wir­kung nach § 77 Abs. 3 und § 87 Abs. 1 Be­trVG für Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, die auch ein ver­dräng­ter Min­der­heits­ta­rif­ver­trag ent­fal­te, so­wie die Aus­wir­kun­gen auf die Rechtmäßig­keit von Ar­beitskämp­fen.
61 b) Die Ein­grif­fe sei­en nicht zu recht­fer­ti­gen. Selbst wenn man da­von aus­gin­ge, § 4a Abs. 1 TVG ent­hiel­te le­gi­ti­me Zie­le, sei­en die Re­ge­lun­gen nicht verhält­nismäßig. Es feh­le schon an der Ge­eig­net­heit. Be­trieb so­wie Mehr­heits­verhält­nis­se und da­mit auch der an­wend­ba­re Ta­rif­ver­trag sei­en „flüch­ti­ge Ge­bil­de“. Da­mit könn­ten die in § 4a Abs. 1 TVG ge­nann­ten Zie­le nicht er­reicht wer­den. Für be­ste­hen­de Ta­rif­ge­mein­schaf­ten schaf­fe das Ge­setz Fehl­an­rei­ze. Zu­dem bestünden prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten bei der Fest­stel­lung der Mehr­heit.
62 Die Kol­li­si­ons­re­gel sei nicht er­for­der­lich, denn der Min­der­heits­ta­rif­ver­trag wer­de vollständig und da­mit über­schießend ver­drängt. Mil­der wäre es, die ver­drängen­de Wir­kung auf Über­schnei­dungs­be­rei­che zu be­gren­zen und den Ge­mein­schafts­be­trieb aus­zu­neh­men. Je­den­falls für den ge­werk­schaft­li­chen Un­ter­bie­tungs­wett­be­werb ge­be es mit dem Ver­fah­ren zur Fest­stel­lung von Ta­riffähig­keit und Ta­rif­zuständig­keit ein funk­tio­nell äqui­va­len­tes Ver­fah­ren, das die in § 4a Abs. 1 TVG ge­nann­ten Zie­le eher ver­wirk­li­che.
63 Die ge­setz­li­che Re­ge­lung sei un­an­ge­mes­sen. Em­pi­ri­sches Ma­te­ri­al für den vom Ge­setz­ge­ber ge­nann­ten Hand­lungs­be­darf feh­le. Un­zu­mut­bar sei je­den­falls die Ta­rif­lo­sig­keit der Mit­glie­der von Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten. Auch die Mehr­heits­verhält­nis­se könn­ten nicht oder nur viel zu spät fest­ge­stellt wer­den.
64 5. Die Be­schwer­deführe­rin im Ver­fah­ren 1 BvR 1477/16 ist die 1992 als Be­rufs­ver­band von Flug­be­glei­te­rin­nen und Flug­be­glei­tern ge­gründe­te und in der Rechts­form ei­nes ein­ge­tra­ge­nen Ver­eins auf­tre­ten­de Un­abhängi­ge Flug­be­glei­ter Or­ga­ni­sa­ti­on (UFO). Ihr sat­zungsmäßiger Zweck ist die Förde­rung und Wah­rung der Be­lan­ge des Flug­be­glei­ter­per­so­nals so­wie die Ver­fol­gung be­rufs- und ta­rif­po­li­ti­scher In­ter­es­sen, ins­be­son­de­re durch Ab­schluss von Ta­rif­verträgen bei Flug­ge­sell­schaf­ten und Ar­beit­ge­bern, die Flug­be­glei­ter­per­so­nal beschäfti­gen. Im Jahr 2000 nahm UFO Ta­rif­ver­hand­lun­gen mit ei­ner Flug­ge­sell­schaft auf und voll­zog da­mit den Wech­sel vom Be­rufs­ver­band zur Ge­werk­schaft. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die Ta­riffähig­keit von UFO im Jahr 2004 fest­ge­stellt (BAG, Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2004 - 1 ABR 51/03 -, ju­ris, Rn. 30 ff.). Ak­tu­ell or­ga­ni­siert UFO rund 13.000 Flug­be­glei­te­rin­nen und Flug­be­glei­ter über­wie­gend bei der Deut­schen Luft­han­sa.
65 Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wen­det sich UFO ge­gen die Kol­li­si­ons­norm des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG und rügt ei­ne Ver­let­zung von Art. 9 Abs. 3 GG.
66 Die zulässi­ge Ver­fas­sungs­be­schwer­de sei be­gründet, weil die Kol­li­si­ons­re­gel ein nicht zu recht­fer­ti­gen­der Ein­griff in die Ko­ali­ti­ons­frei­heit sei. Sie führe zum Ent­zug der Ta­rif­gel­tung und be­wir­ke, dass Ar­beitskämp­fe für un­zulässig erklärt würden. Die Be­ein­träch­ti­gung wer­de durch die Vor­wir­kun­gen des Ge­set­zes noch verstärkt.
67 Die Ein­grif­fe sei­en nicht zu recht­fer­ti­gen. Das Ge­setz ver­fol­ge kei­nen le­gi­ti­men Zweck. Es feh­le be­reits an Be­le­gen und em­pi­ri­schen Da­ten, wo­nach sich aus Ta­rif- oder Ar­beits­kampfp­lu­ra­lität ei­ne kor­rek­tur­bedürf­ti­ge Gefähr­dung der Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie er­ge­be. Auch ei­ne Gefähr­dung der in § 4a Abs. 1 TVG ge­nann­ten Funk­tio­nen ei­nes Ta­rif­ver­trags sei nicht be­legt. Je­den­falls sei­en die Ein­grif­fe nicht verhält­nismäßig. Das Ge­setz sei zur Er­rei­chung le­gi­ti­mer Zie­le nicht ge­eig­net. Die An­wen­dung des Mehr­heits­prin­zips förde­re den Kampf um Mit­glie­der und set­ze Fehl­an­rei­ze für die in­ter­ge­werk­schaft­li­che Ko­ope­ra­ti­on. Un­ge­eig­net sei auch die An­knüpfung an den Be­trieb und an ei­ne re­la­ti­ve Mehr­heit. Schutz­funk­ti­on und Mehr­heits­prin­zip sei­en un­ver­ein­bar, weil die Mit­glie­der ei­ner Min­der­heits­ge­werk­schaft im Kol­li­si­ons­fall ta­rif- und da­mit schutz­los stünden, was durch das Nach­zeich­nungs­recht nicht aus­ge­gli­chen wer­den könne. Auch feh­le ein Ver­fah­ren zur schnel­len und rechts­si­che­ren Fest­stel­lung der Mehr­heit un­ter Aus­schluss sich wi­der­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen in In­di­vi­du­al­strei­tig­kei­ten.
68

Die Kol­li­si­ons­re­gel sei nicht er­for­der­lich, weil we­ni­ger ein­schnei­den­de und so­gar wirk­sa­me­re Mit­tel wie ei­ne Re­gu­lie­rung des Ar­beits­kampf­rechts oder ei­ne Teil­ver­drängung, so­weit Über­schnei­dun­gen vorlägen, zur Verfügung stünden. Sie sei auch nicht an­ge­mes­sen. Es ent­fal­le das wich­tigs­te von Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­te Recht, ei­ge­ne Ta­rif­verträge für die ei­ge­nen Mit­glie­der zur An­wen­dung zu brin­gen. Nur ein Ge­werk­schafts­ver­bot sei ein in­ten­si­ve­rer Ein­griff. Auf der an­de­ren Sei­te stünden le­dig­lich das ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge In­ter­es­se, möglichst nur mit ei­ner Ge­werk­schaft ver­han­deln zu müssen, und der Wunsch der eta­blier­ten Ge­werk­schaf­ten, vor Kon­kur­renz geschützt zu wer­den. Anhörungs- und Nach­zeich­nungs­rech­te änder­ten an der feh­len­den An­ge­mes­sen­heit nichts. Ein­griffs­verstärkend wir­ke viel­mehr, dass die Ver­drängungs­wir­kung auch dann ein­set­ze, wenn der Mehr­heits­ta­rif­ver­trag nur noch nach­wir­ke oder Ge­genstände des Min­der­heits­ta­rif­ver­trags gar nicht reg­le, dass die Kol­li­si­ons­re­gel un­ab­ding­bar sei und dass sie Vor­wir­kun­gen zei­ti­ge so­wie mit­tel- und lang­fris­tig die Exis­tenz von Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten als re­gelmäßigen Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten gefähr­de.

V.

69

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den des Mar­bur­ger Bun­des und von Cock­pit wa­ren mit Anträgen auf Er­lass ei­ner einst­wei­li­gen An­ord­nung ver­bun­den, das Ta­rif­ein­heits­ge­setz bis zu ei­ner Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che außer Kraft zu set­zen. Die­se hat der Ers­te Se­nat mit Be­schluss vom 6. Ok­to­ber 2015 ab­ge­lehnt (BVerfGE 140, 211).

VI.

70 Zu den Ver­fas­sungs­be­schwer­den Stel­lung ge­nom­men ha­ben die Bun­des­re­gie­rung; aus Sicht der Rechts­pra­xis die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts, der Bund der Rich­te­rin­nen und Rich­ter der Ar­beits­ge­richts­bar­keit (BRA), die Bun­des­rechts­an­walts­kam­mer (BRAK) und die Bun­des­no­tar­kam­mer; von der Beschäftig­ten­sei­te der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB), die Ei­sen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft (EVG) und der Ver­band an­ge­stell­ter Aka­de­mi­ker und lei­ten­der An­ge­stell­ter der che­mi­schen In­dus­trie (VAA), von der Ar­beit­ge­ber­sei­te die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) ge­mein­sam mit dem Ar­beit­ge­ber­ver­band Luft­ver­kehr (AGVL), die Ver­ei­ni­gung der kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber­verbände (VKA), der Bun­des­ver­band Deut­scher Pri­vat­kli­ni­ken (BDPK), der Ar­beit­ge­ber- und Wirt­schafts­ver­band der Mo­bi­litäts- und Ver­kehrs­dienst­leis­ter (Agv Mo­Ve) für die Deut­sche Bahn AG, der Ar­beit­ge­ber­ver­band Deut­scher Ei­sen­bah­nen (AGV­DE) so­wie aus Sicht der For­schung das Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­che In­sti­tut (WSI).
71 1. Die Bun­des­re­gie­rung hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für un­zulässig, je­den­falls aber für un­be­gründet.
72 a) Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz re­agie­re auf ei­ne Ände­rung der recht­li­chen und tatsächli­chen Rah­men­be­din­gun­gen in der Ta­rif­po­li­tik. Da­zu gehöre die Ände­rung der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, das sich im Jahr 2010 endgültig von dem - be­reits zu­vor in Ero­si­on be­grif­fe­nen - Grund­satz der Ta­rif­ein­heit ver­ab­schie­det ha­be. In tatsäch­li­cher Hin­sicht wer­de das bis­he­ri­ge Ko­ope­ra­ti­ons­mo­dell ge­werk­schaft­li­cher In­ter­es­sen­wahr­neh­mung zu­neh­mend durch ein Kon­kur­renz­mo­dell ver­drängt, bei dem ein­zel­ne Be­rufs­grup­pen ih­re In­ter­es­sen verstärkt kon­fron­ta­tiv und auch im Wett­be­werb mit an­de­ren Be­rufs­grup­pen wahrnähmen. Den dar­aus re­sul­tie­ren­den Ri­si­ken be­geg­ne das Ta­rif­ein­heits­ge­setz in der Form in­di­rek­ter Steue­rung.
73 Zen­tra­les Steue­rungs­ziel des Ge­set­zes sei es, Ta­rif­kol­li­sio­nen zu ver­mei­den, weil nur so den sich aus der Ta­rifp­lu­ra­lität er­ge­ben­den Nach­tei­len ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den könne. Die Kol­li­si­ons­re­gel sei nur das Mit­tel, um das ei­gent­li­che Re­ge­lungs­ziel des Ge­set­zes zu ver­wirk­li­chen. Von ihr gin­gen Wir­kun­gen in­di­rek­ter Art als Vor­wir­kun­gen aus, die den Hand­lungs­kon­text der be­tei­lig­ten Ak­teu­re veränder­ten. Es wer­de ei­ne An­reiz­struk­tur ge­schaf­fen, Ta­rif­kol­li­sio­nen durch ko­or­di­nier­tes und ko­ope­ra­ti­ves Vor­ge­hen selbst zu ver­mei­den. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz be­schränke nicht den Wett­be­werb, son­dern ände­re den recht­li­chen Rah­men, in dem die­ser künf­tig statt­fin­den sol­le. Grund­recht­lich ge­be es kei­nen Schutz vor sol­chen Verände­run­gen. Ge­werk­schaf­ten könn­ten sich wei­ter betäti­gen; ihr Be­stand sei nicht gefähr­det. Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit ga­ran­tie­re we­der ein Recht auf Er­folg in die­sem Wett­be­werb noch sei mit ihr ein An­spruch auf Ta­rif­gel­tung ver­bun­den. Selbst wenn man in dem Ge­setz ei­nen Ein­griff sähe, wäre die­ser ge­recht­fer­tigt, da verhält­nismäßig. Die Einschätzungs­präro­ga­ti­ve des Ge­setz­ge­bers rei­che ge­ra­de bei wirt­schaft­li­chen Sach­ver­hal­ten sehr weit.
74 In der münd­li­chen Ver­hand­lung hat die Bun­des­re­gie­rung be­tont, die Neu­re­ge­lung die­ne dem Er­halt der Funk­ti­onsfähig­keit des Ta­rif­ver­trags­sys­tems. Ei­ne verschärf­te Ge­werk­schafts­kon­kur­renz gefähr­de die­se. Das Ge­setz schaf­fe ei­nen Ord­nungs­rah­men als Me­cha­nis­mus zur Si­che­rung der Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit und den An­reiz für die so­li­da­ri­sche Wahr­neh­mung der In­ter­es­sen der Beschäftig­ten und sol­le ins­be­son­de­re die Ge­mein­sam­kei­ten im Ar­beit­neh­mer­la­ger stärken, um Pro­zes­sen der Ent­so­li­da­ri­sie­rung ent­ge­gen­zu­wir­ken.
75

b) Ge­gen die Zulässig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­den bestünden Be­den­ken. Es sei nicht er­sicht­lich, dass sich die Kol­li­si­ons­re­gel des § 4a Abs. 2 TVG ge­genwärtig aus­wir­ke. Al­len­falls sei­en Vor­wir­kun­gen er­kenn­bar. Es feh­le aber auch an der un­mit­tel­ba­ren Be­trof­fen­heit. Zu­dem sei der Grund­satz der Sub­si­dia­rität nicht ge­wahrt, denn zunächst sei­en die Ar­beits­ge­rich­te an­zu­ru­fen.

76 c) Nach Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung sind die Ver­fas­sungs­be­schwer­den je­den­falls un­be­gründet. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­let­ze die Be­schwer­deführen­den we­der in ih­rem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG noch in an­de­ren Rech­ten.
77 aa) Die Ga­ran­tie des Art. 9 Abs. 3 GG sei vom An­satz her ein Frei­heits­recht. Primär be­trof­fen sei die ge­werk­schaft­li­che Betäti­gungs­frei­heit in Form des Rechts, Ta­rif­verträge ab­zu­sch­ließen, zen­tra­ler in­halt­li­cher Prüfungs­maßstab al­so die Ta­rif­au­to­no­mie. Nicht be­trof­fen sei­en hin­ge­gen die Or­ga­ni­sa­ti­ons- und Be­stands­ga­ran­tie so­wie das Streik­recht. Die Ta­rif­au­to­no­mie sei ein von vorn­her­ein norm­ge­prägtes Grund­recht, in dem sich ein sub­jek­tiv-frei­heits­recht­li­cher und ein ob­jek­tiv-in­sti­tu­tio­nel­ler Ge­halt ver­schränk­ten. Die den Ge­setz­ge­ber tref­fen­de Pflicht, ein funk­ti­onsfähi­ges Ta­rif­ver­trags­sys­tem zur Verfügung zu stel­len, könne un­ter­schied­lich um­ge­setzt wer­den; das Grund­ge­setz ga­ran­tie­re kein be­stimm­tes Sys­tem. Da­her könne der Ge­setz­ge­ber ei­ne Sys­te­ment­schei­dung für oder ge­gen die Ta­rif­ein­heit tref­fen.
78 Be­herr­schen­der Grund­ge­dan­ke des Art. 9 Abs. 3 GG sei die so­li­da­ri­sche In­ter­es­sen­durch­set­zung und nicht das Wett­be­werbs­prin­zip. Mit die­ser Ziel­set­zung sei die Ko­ali­ti­ons­frei­heit ein li­be­ra­les Frei­heits­recht mit ei­ner so­zia­len Auf­ga­be. Es sei die im all­ge­mei­nen In­ter­es­se lie­gen­de öffent­li­che Auf­ga­be, das Ar­beits­le­ben durch Ta­rif­verträge sinn­voll zu ord­nen und die Ge­mein­schaft da­durch so­zi­al zu be­frie­den.
79 (1) Das Ge­setz sei kein Ein­griff, son­dern ei­ne bloße Aus­ge­stal­tung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit, weil ein in­ter­ner, im Grund­recht selbst an­ge­leg­ter Zweck ver­folgt wer­de und kei­ne außer­halb des Grund­rechts lie­gen­den Ge­mein­wohl­be­lan­ge ver­wirk­licht wer­den soll­ten. Es sei not­wen­di­ger In­halt des Grund­rechts, die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Trägern wi­der­strei­ten­der In­ter­es­sen zu ko­or­di­nie­ren. Auf­ga­be des Ge­setz­ge­bers sei es, durch Aus­ge­stal­tung Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen, die gewähr­leis­te­ten, dass die so­zia­len Funk­tio­nen erfüllt würden. Le­gi­ti­me Zwe­cke sei­en da­mit im Grund­recht selbst und im nor­ma­ti­ven Leit­bild an­ge­legt. Da es sich um die Re­ge­lung kom­ple­xer, schwer über­schau­ba­rer Zu­sam­menhänge hand­le, könne nicht ver­langt wer­den, dass die künf­ti­ge Ent­wick­lung mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit oder gar Si­cher­heit über­seh­bar sein müsse. Es sei nicht fern­lie­gend, sich auf ei­ne bloße Evi­denz­kon­trol­le zu be­schränken. Je­den­falls aber be­ru­he die Einschätzung der Gefähr­dungs­la­ge durch den Ge­setz­ge­ber auf ei­ner hin­rei­chend tragfähi­gen Grund­la­ge und sei ver­tret­bar.
80 (2) Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz las­se sich recht­fer­ti­gen, weil die Ord­nungs­funk­ti­on der Ta­rif­au­to­no­mie mehr­fach be­ein­träch­tigt sei. Der in­ter­ge­werk­schaft­li­che Wett­be­werb ver­an­las­se ver­mehr­te Ver­hand­lun­gen, die da­zu führ­ten, dass in ei­nem Be­trieb dann ne­ben­ein­an­der meh­re­re, sich wi­der­spre­chen­de ta­rif­li­che Re­ge­lungs­sys­te­me für die­sel­ben Beschäftig­ten­grup­pen gel­ten würden. In wirt­schaft­li­chen Kri­sen­si­tua­tio­nen fal­le es bei Ta­rifp­lu­ra­lität ten­den­zi­ell schwe­rer, Ge­samt­kom­pro­mis­se her­zu­stel­len. Ge­recht­fer­tigt sei auch, ge­gen die Gefähr­dung der Ver­tei­lungs­funk­ti­on vor­zu­ge­hen; hier re­agie­re der Ge­setz­ge­ber auf ei­ne Asym­me­trie in der Ver­hand­lungs­si­tua­ti­on, weil ei­ne klei­ne Grup­pe der Be­leg­schaft über ein Blo­cka­de­po­ten­ti­al verfüge und die Aus­ein­an­der­set­zung über Sach­fra­gen durch stra­te­gi­sche und or­ga­ni­sa­ti­ons­po­li­ti­sche Erwägun­gen der kon­kur­rie­ren­den Ge­werk­schaf­ten über­la­gert würde. Dies be­ein­träch­ti­ge gleich­zei­tig die Be­frie­dungs­funk­ti­on der Ta­rif­verträge, weil der Be­triebs­frie­den un­ter den Ver­tei­lungskämp­fen der kon­kur­rie­ren­den Ge­werk­schaf­ten lei­de und Ar­beit­ge­ber ei­ner Viel­zahl wei­te­rer For­de­run­gen kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten aus­ge­setzt sei­en. Das Ge­setz stärke auch die Schutz­funk­ti­on der Ta­rif­au­to­no­mie für die ein­zel­nen Beschäftig­ten; sie gel­te nicht nur ver­ti­kal zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Beschäftig­ten, son­dern auch ho­ri­zon­tal zwi­schen Beschäftig­ten­grup­pen.
81 (3) Der Ge­setz­ge­ber ha­be die Gren­zen sei­nes Ge­stal­tungs­spiel­raums ein­ge­hal­ten. Ei­ne Verhält­nismäßig­keitsprüfung im übli­chen Sinn sei nicht vor­zu­neh­men. Der vom Ge­setz­ge­ber gewähl­te An­satz sei erst dann ver­fas­sungs­wid­rig, wenn er von vorn­her­ein un­ge­eig­net sei, das an­ge­streb­te Ziel zu er­rei­chen, wofür die ge­setz­ge­be­ri­sche Einschätzung maßgeb­lich sei. Es müsse deut­lich er­kenn­bar sein, dass ei­ne Fehl­einschätzung vor­ge­le­gen ha­be. Die Prüfung müsse sich da­bei auf den primären Re­ge­lungs- und Steue­rungs­me­cha­nis­mus des Ge­set­zes be­zie­hen, und auch die Auflösung mögli­cher Ta­rif­kol­li­sio­nen müsse vor­ran­gig im Zu­sam­men­hang mit die­sem Re­ge­lungs­an­satz ge­se­hen wer­den.
82 Das be­triebs­be­zo­ge­ne Mehr­heits­prin­zip sei ein adäqua­tes Mit­tel, um den Pro­ble­men des Ta­rif­ver­trags, die aus ei­nem Kon­kur­renz­mo­dell ge­werk­schaft­li­cher In­ter­es­sen­wahr­neh­mung erwüch­sen, ent­ge­gen­zu­wir­ken. Es er­zeu­ge ei­nen gleichmäßigen An­reiz zur Ko­ope­ra­ti­on, da kei­ne Ge­werk­schaft an­neh­men könne, in sämt­li­chen Be­trie­ben ei­ner Bran­che oder ei­nes Un­ter­neh­mens die Mehr­heit zu stel­len, auch wenn den Be­tei­lig­ten vor Ort häufig klar sei, wel­che Ge­werk­schaft sich in der Mehr­heit be­fin­de. Die An­knüpfung an das Un­ter­neh­men sei kei­ne Al­ter­na­ti­ve. Sie ga­ran­tie­re nicht, dass die in­ten­dier­te Steue­rungs­wir­kung ge­nau­so gut funk­tio­nie­re. Pro­ble­me bei der Hand­ha­bung des Be­triebs­be­griffs in der Pra­xis sei­en nicht zu befürch­ten, weil die Recht­spre­chung da­mit be­reits um­zu­ge­hen wis­se. Zu­dem sei der Be­trieb nach wie vor die klas­si­sche So­li­dar­ge­mein­schaft der Beschäftig­ten. Des­halb wäre es auch nicht sach­ge­recht, im Sin­ne der dy­na­mi­schen Re­präsen­ta­ti­vität auf den bloßen Über­schnei­dungs­be­reich und da­mit auf ei­ne klei­ne­re Ein­heit als den Be­trieb ab­zu­stel­len.
83 Im Un­ter­schied zum Spe­zia­litätsprin­zip sei das Mehr­heits­prin­zip bes­ser ge­eig­net, Ta­rif­kol­li­sio­nen schon im Vor­feld zu ver­mei­den. Es genüge be­reits die (mögli­che) Mehr­heits­po­si­ti­on ei­ner klei­nen Ge­werk­schaft in nur ei­nem Be­trieb, da­mit sich ei­ne größere Ge­werk­schaft auf sie zu­be­we­gen müsse. Hier ent­ste­he Ko­ope­ra­ti­on durch Nicht­wis­sen. Die Re­ge­lun­gen zum Nach­weis der Mehr­heits­verhält­nis­se und das Ver­fah­ren ih­rer ge­richt­li­chen Fest­stel­lung ent­fal­te­ten ih­re Wir­kung erst, wenn ei­ne Ta­rif­kol­li­si­on ein­ge­tre­ten sei. Die Möglich­keit, die ei­ge­ne Mit­glie­der­zahl durch öffent­li­che Ur­kun­den nach­zu­wei­sen, schütze Grund­rech­te der Ge­werk­schaf­ten und ih­rer Mit­glie­der, da Na­men nicht of­fen­ge­legt wer­den müss­ten. Die Po­si­ti­on von Ge­werk­schaf­ten wer­de durch die Of­fen­le­gung nicht be­ein­träch­tigt, weil sich Mehr­heits­verhält­nis­se ständig veränder­ten und sich auf den kon­kre­ten Be­trieb bezögen, während Ta­rif­ver­hand­lun­gen in der Re­gel be­triebsüberg­rei­fend geführt würden.
84 (4) Die Rech­te von Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten und ih­rer Mit­glie­der würden durch flan­kie­ren­de ver­fah­rens­recht­li­che Vor­keh­run­gen und das Nach­zeich­nungs­recht ge­wahrt. Die Ver­fah­rens­re­gel des § 58 Abs. 3 ArbGG zur Fest­stel­lung der Mehr­heit im Be­trieb ste­he in not­wen­di­gem Zu­sam­men­hang zur Ent­schei­dung für das be­triebs­be­zo­ge­ne Mehr­heits­prin­zip. Sie sei ein An­nex zu den ma­te­ri­el­len Re­ge­lun­gen des Ge­set­zes und tei­le de­ren recht­li­ches Schick­sal. Je­den­falls aber würden die Ge­heim­hal­tungs­in­ter­es­sen der be­tei­lig­ten Ge­werk­schaf­ten wei­test möglich ge­si­chert.
85 Die Bun­des­re­gie­rung ist der Auf­fas­sung, das Ge­setz sei neu­tral for­mu­liert, wen­de sich nicht ein­sei­tig ge­gen Be­rufs­grup­pen- oder Spar­ten­ge­werk­schaf­ten und berück­sich­ti­ge in größtmögli­chem Um­fang die In­ter­es­sen der Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten. Die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung von Mehr­heit und Min­der­heit be­geg­ne kei­nen Be­den­ken, da da­mit le­dig­lich an for­ma­le Kri­te­ri­en an­ge­knüpft wer­de.
86 bb) Auch ei­ne Ver­let­zung des Rechts­staats­prin­zips schei­de aus, weil das Ge­setz ge­nau das reg­le, was be­ab­sich­tigt sei, und dafür ei­nen prak­ti­ka­blen ver­fah­rens­recht­li­chen Me­cha­nis­mus be­reit­stel­le. De­tail­fra­gen sei­en von den da­zu be­ru­fe­nen Fach­ge­rich­ten zu klären.
87 cc) Die Berück­sich­ti­gung von in­ter­na­tio­na­lem Recht führe zu kei­nem an­de­ren Er­geb­nis. Art. 11 EM­RK könne ein­ge­schränkt wer­den, um die Rech­te der an ei­nem Ta­rif­kon­flikt be­tei­lig­ten Ge­werk­schaf­ten zu berück­sich­ti­gen und in Aus­gleich zu brin­gen. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te räume den Ver­trags­staa­ten ei­nen wei­ten Einschätzungs- und Er­mes­sens­spiel­raum bei Maßnah­men ein, die ge­werk­schaft­li­che Rechts­be­zie­hun­gen und Betäti­gun­gen beträfen. Auch die Übe­r­ein­kom­men der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on (IAO) Nr. 87 und Nr. 98 gin­gen nicht über die Grundsätze des Art. 9 Abs. 3 GG hin­aus.
88 2. Die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts stellt die un­ter § 4a TVG fal­len­den und die nicht da­von er­fass­ten Fall­kon­stel­la­tio­nen dar und schil­dert die Ent­schei­dungs­pra­xis des Bun­des­ar­beits­ge­richts. Die Ar­beits­ge­rich­te hätten auf­tre­ten­de Kon­flik­te nach un­ter­schied­li­chen Kri­te­ri­en gelöst. Rechts­strei­tig­kei­ten über Ta­rifp­lu­ra­lität bei bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 TVG sei­en in den letz­ten 25 Jah­ren je­doch sel­ten ge­we­sen. Die Ent­schei­dun­gen hätten kei­ne im Ar­beits­le­ben ty­pi­schen Sach­ver­hal­te be­trof­fen. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ent­hal­te kei­ne aus­drück­li­che Be­stim­mung, was mit den un­ter dem nicht mehr an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag er­wor­be­nen Rech­ten auf lau­fen­de Be­triebs­ren­te oder er­wor­be­nen An­wart­schaf­ten auf künf­ti­ge Be­triebs­ren­te ge­sche­hen sol­le. Ob und un­ter wel­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben das Pro­blem durch die fach­ge­richt­li­che Recht­spre­chung lösbar sei, ha­be das Bun­des­ar­beits­ge­richt noch nicht zu ent­schei­den ge­habt.
89 3. Der Bund der Rich­te­rin­nen und Rich­ter der Ar­beits­ge­richts­bar­keit (BRA) geht da­von aus, dass sich das Ta­rif­ein­heits­ge­setz in der Re­gel nicht auf die Zulässig­keit von Ar­beits­kampf­maßnah­men aus­wir­ke. Das neue Ver­fah­ren zur Fest­stel­lung der Mehr­heits­verhält­nis­se be­ein­träch­ti­ge aber die Rechts­schutz­ga­ran­tie. Dies gel­te ins­be­son­de­re für den In­di­vi­dual­pro­zess von Beschäftig­ten über die An­wend­bar­keit ei­nes Ta­rif­ver­trags. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ge­be den Pro­zess­par­tei­en kei­ne aus­rei­chen­de Hand­ha­be zur Durch­set­zung ih­rer Po­si­tio­nen. Ein Fest­stel­lungs­ver­fah­ren nach § 99 ArbGG sei zur Klärung der Mehr­heits­verhält­nis­se grundsätz­lich ge­eig­net, könne aber von der Beschäftig­ten­sei­te gar nicht und von der Ar­beit­ge­ber­sei­te nur als Ta­rif­ver­trags­par­tei ein­ge­lei­tet wer­den. Zu­dem sei kei­ne Aus­set­zungs­pflicht vor­ge­se­hen.
90 4. Die Bun­des­rechts­an­walts­kam­mer (BRAK) wie­der­holt ih­re be­reits im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren geäußer­ten Be­den­ken ge­gen die Ver­fas­sungsmäßig­keit des Ge­set­zes. Die Ver­drängung ei­nes kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung gel­ten­den Ta­rif­ver­trags sei ein Ein­griff in die Ko­ali­ti­ons­frei­heit, der nicht zu recht­fer­ti­gen sei. Es feh­le der Nach­weis ei­ner Gefähr­dung ei­ner funk­tio­nie­ren­den Ta­rif­au­to­no­mie; zu­dem sei das Ge­setz un­ge­eig­net, in­ner­be­trieb­li­che Ver­tei­lungskämp­fe zu ver­mei­den und den Be­triebs­frie­den zu gewähr­leis­ten.
91 5. Die Stel­lung­nah­me der Bun­des­no­tar­kam­mer be­schränkt sich auf die Be­weis­re­gel des § 58 Abs. 3 ArbGG. Da für je­den ein­zel­nen Beschäftig­ten um­fang­rei­che Fest­stel­lun­gen zu tref­fen sei­en und es auf die ei­ge­ne Wahr­neh­mung der Ur­kund­s­per­son an­kom­me, sei das Ver­fah­ren in der Pra­xis nicht hand­hab­bar.
92 6. Der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB) führt aus, dass er mit sei­nen Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten das Prin­zip der Ta­rif­ein­heit fa­vo­ri­sie­re. Die Re­ge­lung sei zwar un­ter den Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten um­strit­ten, in der Sa­che sei die Ko­di­fi­zie­rung der Ta­rif­ein­heit aber rich­tig. Ei­ne so­li­da­ri­sche Ta­rif­po­li­tik mit bran­chen­ein­heit­li­chen Ta­rif­verträgen für al­le Beschäftig­ten wer­de durch kon­kur­rie­ren­de Ta­rif­verträge in Fra­ge ge­stellt und könne ih­re so­zia­le Wir­kung nicht mehr ent­fal­ten. Würden die un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen der ver­schie­de­nen Beschäftig­ten­grup­pen vor der Ar­beit­ge­ber­sei­te aus­ge­tra­gen, schwäche das die Ge­werk­schaf­ten. Auch der Um­stand, dass die glei­che Tätig­keit im Be­trieb bei An­wen­dung ver­schie­de­ner Ta­rif­verträge un­ter­schied­lich ent­lohnt wer­de, führe zu ei­ner Spal­tung und Schwächung der Beschäftig­ten ins­ge­samt und ei­ner sin­ken­den Ak­zep­tanz von Ge­werk­schaf­ten und Ta­rif­verträgen. Das zeig­ten Re­struk­tu­rie­rungsfälle, da kampf­star­ke Beschäftig­ten­grup­pen mit ty­pi­scher­wei­se si­che­ren Ar­beitsplätzen nicht mehr in Lösun­gen ein­ge­bun­den wer­den könn­ten. Um Ge­schlos­sen­heit der Beschäftig­ten zu er­rei­chen, sei Kon­kur­renz­mi­ni­mie­rung ent­schei­dend.
93 Die vom Ge­setz­ge­ber im Rah­men sei­ner Aus­ge­stal­tungs­kom­pe­tenz ge­schaf­fe­ne Kol­li­si­ons­norm las­se Wett­be­werb zu, förde­re aber, da die Kol­li­si­ons­re­ge­lung nur sub­si­diär gel­te, die au­to­no­me Verständi­gung zwi­schen den Ge­werk­schaf­ten. Die mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ge­fun­de­ne Lösung sei die scho­nen­ds­te der dis­ku­tier­ten Va­ri­an­ten. Auf Über­schnei­dun­gen im persönli­chen Gel­tungs­be­reich be­schränk­te Re­ge­lun­gen würden zu im­mer stärke­rer Dif­fe­ren­zie­rung und da­mit zu Zer­split­te­rung und Zer­glie­de­rung führen. Die Wie­der­einführung des Spe­zia­litäts­grund­sat­zes würde Ge­werk­schaf­ten begüns­ti­gen, die Haus­ta­rif­verträge - und da­mit oft­mals Gefällig­keits­ta­rif­verträge - ab­schlössen.
94 7. Die Ei­sen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft (EVG) schließt sich dem DGB an. Sie weist dar­auf hin, dass ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung des Mehr­heits­prin­zips dann sinn­voll sei, wenn ein ge­mein­sa­mes Vor­ge­hen al­ler Ge­werk­schaf­ten auf frei­wil­li­ger Ba­sis nicht möglich er­schei­ne und Kon­flik­te auf be­trieb­li­cher Ebe­ne es­ka­lier­ten. Der Ge­setz­ge­ber sei nicht ge­hin­dert, das Ta­rif­ver­trags­sys­tem ein­fach­recht­lich aus­zu­ge­stal­ten. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz dürfe je­doch kei­nes­falls als Be­gründung für Ein­grif­fe in das Ar­beits­kampf­recht her­an­ge­zo­gen wer­den.
95 8. Nach Auf­fas­sung des Ver­ban­des an­ge­stell­ter Aka­de­mi­ker und lei­ten­der An­ge­stell­ter der che­mi­schen In­dus­trie (VAA) ver­letzt das Ta­rif­ein­heits­ge­setz die Ko­ali­ti­ons­frei­heit, ins­be­son­de­re weil es klei­nen Ge­werk­schaf­ten unmöglich ge­macht wer­de, Ta­rif­verträge für ih­re Mit­glie­der ab­zu­sch­ließen. Ein­zi­ger Grund für das Ge­setz sei ei­ne auf­grund Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen bei der Bahn und der Luft­han­sa gefühl­te, aber nicht durch Tat­sa­chen be­leg­ba­re Zu­nah­me von Streiks. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­s­toße auch ge­gen in­ter­na­tio­na­le Vor­schrif­ten, kon­kret ge­gen Art. 11 EM­RK und die IAO-Übe­r­ein­kom­men Nr. 87 und 98.
96 9. Die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) hält die er­ho­be­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­den für un­be­gründet. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei mit der Ko­ali­ti­ons­frei­heit, aber auch mit dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz so­wie dem De­mo­kra­tie- und Rechts­staats­prin­zip ver­ein­bar.
97 Ob das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ei­nen Ein­griff in die oder ei­ne Aus­ge­stal­tung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit dar­stel­le, müsse nicht ent­schie­den wer­den, da in bei­den Fällen zu prüfen sei, ob sich die ge­setz­ge­be­ri­sche Maßnah­me bei An­er­ken­nung ei­nes wei­ten ge­setz­ge­be­ri­schen Ge­stal­tungs­spiel­raums als verhält­nismäßig er­wei­se. Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit als vor­be­halt­los gewähr­leis­te­tes Grund­recht könne je­den­falls be­schränkt wer­den, da Funk­ti­ons­eli­ten sich zum Nach­teil an­de­rer Beschäftig­ten­grup­pen ent­so­li­da­ri­siert und auf­grund ih­rer Schlüssel­funk­ti­on höhe­re Gehälter er­zielt hätten. Die Be­frie­dungs­funk­ti­on von Ta­rif­verträgen sei be­ein­träch­tigt, weil sich Ta­rif­kon­flik­te mit zu­neh­men­der An­zahl der in ei­nem Be­trieb be­ste­hen­den Ge­werk­schaf­ten in­ten­si­viert hätten und der Be­triebs­frie­den durch Sta­tus­kon­flik­te nach­hal­tig gestört wer­de. Ta­rifp­lu­ra­lität ste­he zu­dem ei­ner wi­der­spruchs­frei­en Ord­nung der Ar­beits­be­zie­hun­gen ent­ge­gen. Auch wenn dies in der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs nicht aus­drück­lich fest­ge­hal­ten sei, könne das Ge­setz da­durch ge­recht­fer­tigt wer­den, dass es durch Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten, die sich ins­be­son­de­re in der Da­seins­vor­sor­ge eta­bliert hätten, zur Be­ein­träch­ti­gung von Grund­rech­ten Drit­ter und ge­mein­wohl­be­ding­ter Ver­fas­sungsgüter ge­kom­men sei.
98 Die Be­ein­träch­ti­gung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit durch das Ge­setz er­wei­se sich als verhält­nismäßig. Der Ge­setz­ge­ber ha­be bei der Re­gu­lie­rung der Fol­gen des Ko­ali­ti­ons­wett­be­werbs ei­nen großen rechts­po­li­ti­schen Ge­stal­tungs­spiel­raum. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei zur Er­rei­chung sei­ner le­gi­ti­men Zie­le ins­be­son­de­re nicht un­ge­eig­net, weil es in­fol­ge des in­ter­ge­werk­schaft­li­chen Wett­be­werbs um Mit­glie­der zu Un­frie­den in den Be­trie­ben kom­men könne. Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit schütze auch die Kon­kur­renz un­ter den Ge­werk­schaf­ten. Die Fol­gen des Ko­ali­ti­ons­wett­be­werbs reg­le das Ge­setz im Sin­ne ei­ner Ver­mei­dung von Ta­rif­kol­li­sio­nen. Eben­so we­nig ste­he der Eig­nung des Ge­set­zes die vom Ge­setz­ge­ber gewähl­te An­knüpfung an den Be­trieb ent­ge­gen. Auch das ar­beits­ge­richt­li­che Be­schluss­ver­fah­ren nach § 99 ArbGG wer­fe kei­ne Pro­ble­me auf. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei er­for­der­lich, da sich al­ter­na­ti­ve Vor­schläge nicht als mil­de­re, aber ge­nau­so ef­fek­ti­ve Mit­tel er­wie­sen. Mit Blick auf die in die Abwägung ein­zu­stel­len­den Grund­rech­te der Ar­beit­ge­ber so­wie auf die Grund­rech­te Drit­ter und auf wei­te­re ver­fas­sungs­recht­li­che Po­si­tio­nen wer­de die Ko­ali­ti­ons­frei­heit nicht un­verhält­nismäßig ein­ge­schränkt. Die Ta­rif­ein­heit re­gu­lie­re den Wett­be­werb un­ter den Ge­werk­schaf­ten, oh­ne ihn aus­zu­sch­ließen. Die in § 4a Abs. 5 TVG nor­mier­ten In­for­ma­ti­ons- und Aus­tausch­pflich­ten si­cher­ten dies ver­fah­rens­recht­lich ab. Das Ge­setz zwin­ge we­der zu So­li­da­rität noch gefähr­de es die Exis­tenz von Ge­werk­schaf­ten. Das be­triebs­be­zo­ge­ne Mehr­heits­prin­zip sei an­ge­mes­sen, um Ta­rif­kol­li­sio­nen auf­zulösen.
99 10. Die Ver­ei­ni­gung der kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber­verbände (VKA) hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­den mit Blick auf den Grund­satz der Sub­si­dia­rität be­reits für un­zulässig, man­gels Grund­rechts­ver­let­zung aber je­den­falls für un­be­gründet. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei als Aus­ge­stal­tung der Ta­rif­au­to­no­mie mit Art. 9 Abs. 3 GG ver­ein­bar. Die Pro­ble­me im Be­reich der Ver­ei­ni­gung kom­mu­na­ler Ar­beit­ge­ber­verbände, die sich aus dem un­ab­ge­stimm­ten Ne­ben­ein­an­der ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten ergäben, be­leg­ten, dass die Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie be­ein­träch­tigt sei. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz grei­fe nur in ge­rin­gem Um­fang in die ge­werk­schaft­li­che Betäti­gungs­frei­heit ein und las­se Ar­beit­ge­bern wie Ge­werk­schaf­ten großen Frei­raum, ih­re Be­zie­hun­gen zu ge­stal­ten. Ge­werk­schaf­ten zur Ko­ope­ra­ti­on zu mo­ti­vie­ren, sei ei­ne le­gi­ti­me und not­wen­di­ge For­de­rung.
100 11. Aus Sicht des Bun­des­ver­ban­des Deut­scher Pri­vat­kli­ni­ken (BDPK) hätten die ge­trenn­ten Ta­rif­ver­hand­lun­gen von ver.di und Mar­bur­ger Bund deut­li­che Ge­halts­stei­ge­run­gen beim ärzt­li­chen Per­so­nal und da­mit höhe­re Per­so­nal­kos­ten zur Fol­ge ge­habt, die teil­wei­se im Vergütungs­sys­tem nicht re­fi­nan­zier­bar ge­we­sen sei­en. Un­abhängig da­von führe die par­al­le­le Gel­tung von Ta­rif­verträgen meh­re­rer Ge­werk­schaf­ten in den Kli­ni­ken zu kei­nen nen­nens­wer­ten prak­ti­schen Schwie­rig­kei­ten.
101 12. Der Ar­beit­ge­ber- und Wirt­schafts­ver­band der Mo­bi­litäts- und Ver­kehrs­dienst­leis­ter (Agv Mo­Ve) äußert Be­den­ken ge­gen die Zulässig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­den, hält sie der Sa­che nach aber je­den­falls für un­be­gründet. Tatsächli­ches Ziel des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes sei, den Ar­beit­ge­ber im Be­trieb vor den nach­tei­li­gen Fol­gen der An­wen­dung un­ter­schied­li­cher Rechts­nor­men für die ein­heit­li­che Be­leg­schaft zu ver­scho­nen. § 4a TVG ge­stal­te das Ta­rif­recht aus; die Kol­li­si­ons­norm ver­bie­te we­der recht­lich noch fak­tisch den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen und den dar­auf ge­rich­te­ten Ar­beits­kampf. Es sei kein Ge­werk­schafts­ver­bot; der Ge­setz­ge­ber ge­he we­der ge­zielt noch mit­tel­bar ge­gen Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten vor. Ver­meint­lich klei­ne­re Ge­werk­schaf­ten hätten wei­ter­hin die Möglich­keit, die Mehr­heits­po­si­ti­on ein­zu­neh­men. Zu­dem könn­ten sie an­der­wei­tig ta­ri­fie­ren, et­wa auf der Grund­la­ge von Öff­nungs­klau­seln oder in Form von Ta­rif­verträgen mit schuld­recht­li­cher Wir­kung und mit ver­schie­de­nen Gel­tungs­be­rei­chen.
102 13. Der Ar­beit­ge­ber­ver­band Deut­scher Ei­sen­bah­nen (AGV­DE) schließt sich der BDA an. Er weist ergänzend dar­auf hin, dass sei­ne Mit­glieds­un­ter­neh­men aus dem Be­reich der Ei­sen­bahn durch die Ta­rifp­lu­ra­lität mit dem Ef­fekt ständi­ger und lang­wie­ri­ger Ta­rif­ver­hand­lun­gen stark be­trof­fen sei­en. Man be­fin­de sich in ei­nem Teu­fels­kreis des ge­gen­sei­ti­gen Über­bie­tungs­wett­be­werbs der kon­kur­rie­ren­den Ge­werk­schaf­ten, dem die Ar­beit­ge­ber nichts ent­ge­gen­zu­set­zen hätten.
103

14. Das Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­che In­sti­tut (WSI) legt Zah­len­ma­te­ri­al zu den Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen und ih­ren Er­geb­nis­sen seit 2010 vor. Da­nach sei die An­zahl der ta­rif- und ar­beits­kampffähi­gen Be­rufs- und Spar­ten­ge­werk­schaf­ten im Zeit­raum 2010 bis 2015 kon­stant ge­blie­ben. Zu kurz­zei­ti­gen Ar­beits­nie­der­le­gun­gen un­ter Be­tei­li­gung der Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten sei es in 55 von 1370 Ta­rif­kon­flik­ten ge­kom­men. Im We­sent­li­chen sei­en kei­ne Ta­rif­kol­li­sio­nen be­kannt ge­wor­den und die lang­wie­ri­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Be­reich der Bahn durch ge­trenn­te Ta­rif­verträge bei­ge­legt wor­den.

VII.

104

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am 24. und 25. Ja­nu­ar 2017 ei­ne münd­li­che Ver­hand­lung durch­geführt. Geäußert ha­ben sich die Be­schwer­deführen­den und die Bun­des­re­gie­rung so­wie als sach­kun­di­ge Drit­te die BDA, der DGB, der Bund der Rich­te­rin­nen und Rich­ter der Ar­beits­ge­richts­bar­keit (BRA) so­wie der Vor­sit­zen­de Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt im Ru­he­stand Prof. Klaus Be­p­ler.

B.

105

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind über­wie­gend zulässig.

I.

106

Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz trat nach des­sen Art. 3 am Tag nach der Verkündung und da­mit am 10. Ju­li 2015 in Kraft. Al­le Ver­fas­sungs­be­schwer­den gin­gen in­ner­halb der Be­schwer­de­frist von ei­nem Jahr (§ 93 Abs. 3 BVerfGG) und da­mit frist­ge­recht ein.

II.

107

Be­schwer­de­ge­gen­stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind die Kol­li­si­ons­norm des § 4a Abs. 2 TVG und die dar­auf be­zo­ge­nen Re­ge­lun­gen in § 4a Abs. 3 bis 5 TVG und die be­glei­ten­den Re­ge­lun­gen zum Be­schluss­ver­fah­ren nach § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 ArbGG als An­nex zur Kol­li­si­ons­norm.

III.

108 Die Be­schwer­deführen­den sind be­schwer­de­be­fugt. Sie ma­chen sub­stan­ti­iert gel­tend, durch die an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten selbst, ge­genwärtig und un­mit­tel­bar in ih­rem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG ver­letzt zu sein.
109 1. Die Be­schwer­deführen­den sind durch die an­ge­grif­fe­ne Kol­li­si­ons­norm des § 4a Abs. 2 TVG und die da­mit ver­bun­de­nen Vor­wir­kun­gen un­mit­tel­bar be­trof­fen.
110 Be­schwer­deführen­de sind nur dann von ei­ner ge­setz­li­chen Re­ge­lung un­mit­tel­bar be­trof­fen, wenn die­se, oh­ne dass es ei­nes wei­te­ren Voll­zugs­ak­tes bedürf­te, in ih­ren Rechts­kreis ein­greift. Er­for­dert das Ge­setz zu sei­ner Durchführung rechts­not­wen­dig oder auch nur nach der tatsächli­chen staat­li­chen Pra­xis ei­nen be­son­de­ren, vom Wil­len der voll­zie­hen­den Stel­le be­ein­fluss­ten Voll­zugs­akt, müssen Be­schwer­deführen­de grundsätz­lich zunächst die­sen Akt an­grei­fen und den ge­gen ihn eröff­ne­ten Rechts­weg erschöpfen, be­vor sie die Ver­fas­sungs­be­schwer­de er­he­ben (vgl. BVerfGE 1, 97 <101 ff.>; 109, 279 <306>; 133, 277 <312 Rn. 84>; stRspr).
111 Das ist hier nicht der Fall. Zwar ist die von den Be­schwer­deführen­den an­ge­grif­fe­ne Kol­li­si­ons­re­gel des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG bis­lang nicht zur An­wen­dung ge­kom­men. Die Re­ge­lung ist je­doch da­zu ge­eig­net und auch be­wusst dar­auf an­ge­legt, ih­re Wir­kun­gen schon im Vor­feld zu ent­fal­ten; sie be­wirkt da­mit be­reits un­mit­tel­bar spürba­re Rechts­fol­gen (vgl. BVerfGE 53, 366 <389>). Da­zu be­darf es kei­nes wei­te­ren Voll­zugs­ak­tes (vgl. BVerfGE 126, 112 <133>). Da die Re­ge­lun­gen auf ei­ne Ver­schie­bung der Hand­lungs­be­din­gun­gen der Ge­werk­schaf­ten für das Aus­han­deln an­wend­ba­rer Ta­rif­verträge an­ge­legt sind, folgt die un­mit­tel­ba­re Be­trof­fen­heit aus der sich im Verhält­nis der Be­tei­lig­ten un­mit­tel­bar aus­wir­ken­den Not­wen­dig­keit von Dis­po­si­tio­nen zur Ein­stel­lung auf die­se neue Rechts­la­ge (vgl. BVerfGE 88, 384 <399 f.>; 91, 294 <305>; 97, 157 <164>; stRspr). Die An­wen­dung des § 4a Abs. 2 TVG ist da­bei je­den­falls dann zwin­gend vor­ge­schrie­ben, wenn sich die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nicht an­der­wei­tig ei­ni­gen, und in­so­weit als Hand­lungs­rah­men in ih­ren Aus­wir­kun­gen aus Sicht der Be­schwer­deführen­den ge­wiss (vgl. BVerfGE 50, 290 <321>). Sie führt da­zu, dass von den be­schwer­deführen­den Ge­werk­schaf­ten selbst aus­ge­han­del­te ta­rif­ver­trag­li­che Nor­men im Kol­li­si­ons­fall mit ei­nem Ta­rif­ver­trag ei­ner im Be­trieb mit­glie­derstärke­ren Ge­werk­schaft ver­drängt wer­den und ein Ge­werk­schafts­mit­glied da­mit ta­rif­los wer­den kann. Hier­auf müssen sich die Be­schwer­deführen­den be­reits jetzt ein­stel­len.
112 2. Die Be­schwer­deführen­den sind auch selbst be­trof­fen. Ih­re Be­schwer­de­be­fug­nis setzt vor­aus, dass sie selbst in ei­ge­nen Grund­rech­ten ver­letzt sein können. Er­for­der­lich ist dafür nicht, dass die Norm for­mell an sie adres­siert ist (vgl. BVerfGE 50, 290 <320 f.>). Doch muss die Norm ih­re Rechts­po­si­tio­nen verändern (vgl. BVerfGE 77, 308 <326>) und sie nicht nur fak­tisch im Sin­ne ei­ner Re­flex­wir­kung berühren, al­so ei­ne hin­rei­chend en­ge Be­zie­hung zwi­schen den Grund­rechts­po­si­tio­nen der Be­schwer­deführen­den und der Norm be­ste­hen (vgl. BVerfGE 108, 370 <384>; 123, 186 <227>). Das ist hier der Fall.
113 Der dbb ist als Zu­sam­men­schluss von Ge­werk­schaf­ten im Sin­ne des § 2 Abs. 2 TVG in sei­nen Rech­ten aus Art. 9 Abs. 3 GG selbst be­trof­fen, denn auch ei­ne Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on und ein Dach­ver­band können sich grundsätz­lich auf die Ko­ali­ti­ons­frei­heit be­ru­fen (vgl. BAG, Ur­teil vom 11. De­zem­ber 2001 - 3 AZR 512/00 -, ju­ris, Rn. 63; Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 -, ju­ris, ins­bes. Rn. 88 ff.). Zwar sind Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen we­der nach § 2 Abs. 2 noch nach § 2 Abs. 3 TVG ori­ginär ta­riffähig; so­weit zu ih­ren sat­zungs­gemäßen Auf­ga­ben - wie hier nach § 10 Abs. 1 der Sat­zung des dbb - der Ab­schluss von Ta­rif­verträgen gehört, können sie je­doch im ei­ge­nen Na­men Ta­rif­verträge ab­sch­ließen. Das tut der dbb auch.
114 Die Nah­ver­kehrs­ge­werk­schaft ist gleich­falls von den an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen selbst be­trof­fen. Das gilt selbst dann, wenn ih­re Ta­riffähig­keit frag­lich wäre, denn das an­ge­grif­fe­ne Ge­setz kann sich auch auf ih­re Chan­cen, die Ta­riffähig­keit zu er­rei­chen, so­wie auf ih­re bis­lang be­ste­hen­den Ko­ope­ra­ti­ons­be­zie­hun­gen, ih­re ta­rif­po­li­ti­sche Aus­rich­tung und Stra­te­gie aus­wir­ken. Wer aus struk­tu­rel­len Gründen in den Be­trie­ben nur Min­der­hei­ten or­ga­ni­siert, wird we­ni­ger at­trak­tiv, denn es fehlt der An­reiz zum Ge­werk­schafts­bei­tritt, wenn auf­grund der Ver­drängung nach § 4a TVG kaum ei­ge­ne Ta­rif­zie­le ver­wirk­licht wer­den können.
115 Das be­schwer­deführen­de Ge­werk­schafts­mit­glied ist selbst von den an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen be­trof­fen und da­her be­schwer­de­be­fugt. Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz rich­tet sich zwar nicht di­rekt an die ein­zel­nen Ge­werk­schafts­mit­glie­der. Doch be­steht nicht nur ei­ne re­flex­haf­te Be­zie­hung der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen zu ih­rer Grund­rechts­po­si­ti­on. Aus der Nicht­an­wen­dung ei­nes ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trags nach § 4a Abs. 2 TVG im Kol­li­si­ons­fall folgt, dass sie ih­re ta­rif­li­chen Rech­te aus dem ver­dräng­ten Ta­rif­ver­trag ver­lie­ren. Sie müssen sich auf die­ses Ri­si­ko zu­dem be­reits bei der Ent­schei­dung ein­stel­len, ob und wie sie in wel­cher Ge­werk­schaft mit­wir­ken. Art. 9 Abs. 3 GG ga­ran­tiert in­so­weit das Recht der Mit­glie­der ei­ner Ko­ali­ti­on, an de­ren Ar­beit teil­zu­neh­men; sie können da­her Be­ein­träch­ti­gun­gen ih­rer Tätig­keit zu­gleich als Ver­s­toß ge­gen das ei­ge­ne Grund­recht an­fech­ten (vgl. BVerfGE 38, 281 <303> m.w.N.; stRspr).
116 Dass die an­de­ren Be­schwer­deführen­den selbst be­trof­fen sind, ist of­fen­sicht­lich, denn es han­delt sich um Ta­rif­ver­trags­par­tei­en.
117

3. Die Be­schwer­deführen­den sind durch die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ge­genwärtig be­trof­fen. Dafür genügt es, dass die an­ge­grif­fe­ne Vor­schrift ak­tu­ell und nicht nur po­ten­ti­ell wirkt (vgl. BVerfGE 1, 97 <102>), und klar ab­zu­se­hen ist, dass und wie sich die Re­ge­lung aus­wirkt (vgl. BVerfGE 97, 157 <164>; 102, 197 <207>; 114, 258 <277>; 119, 181 <212>). Das ist hier der Fall. Ta­rif­verträge, die ge­genwärtig aus­ge­han­delt wer­den, un­ter­lie­gen den an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen und wer­den ge­ge­be­nen­falls ver­drängt. Die Be­schwer­deführen­den ha­ben zu­dem kon­kre­te Ein­z­elfälle be­nannt, in de­nen Ar­beit­ge­ber un­ter Hin­weis auf das zu er­war­ten­de oder ver­ab­schie­de­te Ta­rif­ein­heits­ge­setz Ta­rif­ver­hand­lun­gen ab­ge­lehnt ha­ben. Auch ste­hen Kündi­gungs­ter­mi­ne lau­fen­der Ta­rif­verträge an, die je­weils da­zu zwin­gen, un­ter Berück­sich­ti­gung der ge­setz­lich an­ge­ord­ne­ten Ta­rif­ein­heit nach der be­trieb­li­chen Mehr­heit neu zu dis­po­nie­ren. Denn bei der Fest­le­gung der Ta­rif­for­de­run­gen muss ei­ne even­tu­el­le Ta­rif­kol­li­si­on berück­sich­tigt wer­den. Der Mar­bur­ger Bund hat dar­ge­legt, dass er auf­grund des an­ge­grif­fe­nen Ge­set­zes kon­kre­te Verände­run­gen in der stra­te­gi­schen Aus­rich­tung im Ver­bands­zweck prüfen muss. Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen müssen al­so in der ta­rif­po­li­ti­schen Aus­rich­tung und Ta­rif­po­li­tik ge­genwärtig be­reits viel­fach berück­sich­tigt wer­den.

IV.

118 Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den wah­ren den Grund­satz der Sub­si­dia­rität (vgl. BVerfGE 123, 148 <172>; 134, 242 <285 Rn. 150>; stRspr).
119 1. Das Ge­setz wirft zwar zahl­rei­che fach­recht­li­che Fra­gen auf, die, da ein Kol­li­si­ons­fall bis­her ver­mie­den wur­de, fach­ge­richt­lich noch nicht geklärt sind. Hin­sicht­lich der von den Re­ge­lun­gen un­mit­tel­bar aus­ge­hen­den Wir­kun­gen im Vor­feld ste­hen den be­schwer­deführen­den Ge­werk­schaf­ten und dem Ge­werk­schafts­ver­band fach­ge­richt­li­che Klärungsmöglich­kei­ten je­doch nicht zu­mut­bar zur Verfügung. Nimmt ei­ne an­ge­grif­fe­ne Re­ge­lung - wie hier - ge­zielt im Vor­feld ei­ner Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zung auf das Ver­hal­ten der Be­schwer­deführen­den Ein­fluss, können sie nicht vor Er­he­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de auf fach­ge­richt­li­chen Rechts­schutz ver­wie­sen wer­den (vgl. BVerfGE 92, 365 <392 f.>).
120 Das ar­beits­ge­richt­li­che Be­schluss­ver­fah­ren zum Kol­li­si­ons­fall nach § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 ArbGG steht erst of­fen, wenn kol­li­die­ren­de Ta­rif­verträge ab­ge­schlos­sen wor­den sind. Doch wur­de nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt, dass auf­grund der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lung be­reits Schwie­rig­kei­ten ent­stan­den sind, über­haupt Ta­rif­ver­hand­lun­gen auf­zu­neh­men und Ta­rif­verträge ab­zu­sch­ließen.
121 Wei­te­re zu­mut­ba­re Rechts­schutzmöglich­kei­ten kom­men nicht in Be­tracht. Ei­ne Leis­tungs­kla­ge auf Durchführung des Ta­rif­ver­trags (grds. BAG, Ur­teil vom 29. April 1992 - 4 AZR 469/91 -, ju­ris, Rn. 20 ff.) hängt eben­falls da­von ab, dass ein Ta­rif­ver­trag ge­schlos­sen wur­de. Des­glei­chen können die Be­schwer­deführen­den nicht auf ei­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung der An­wen­dung ei­nes Ta­rif­ver­trags im Be­trieb (vgl. BAG, Ur­teil vom 21. März 1978 - 1 AZR 11/76 -, ju­ris, Rn. 53; Ur­teil vom 19. Ju­ni 1984 - 1 AZR 361/82 -, ju­ris, Rn. 41) oder auf Auf­nah­me von Ta­rif­ver­hand­lun­gen (vgl. BAG, Ur­teil vom 25. Sep­tem­ber 2013 - 4 AZR 173/12 -, ju­ris, Rn. 23; stRspr) oder auf die Ver­bands­kla­ge nach § 9 TVG in Ver­bin­dung mit § 2 Abs. 1 Nr. 1 ArbGG (vgl. BAG, Ur­teil vom 4. Ju­li 2007 - 4 AZR 491/06 -, ju­ris, Rn. 18) ver­wie­sen wer­den. Da das Ge­setz den Ar­beits­kampf be­wusst nicht re­gelt, kann ei­ne Klärung auch in dies­bezügli­chen Ver­fah­ren nicht er­reicht wer­den.
122

2. Dem be­schwer­deführen­den Ge­werk­schafts­mit­glied steht vorgängi­ger fach­ge­richt­li­cher Rechts­schutz gleich­falls nicht zu­mut­bar zur Verfügung. Es konn­te hier nicht ver­langt wer­den, vor Er­he­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de auf mögli­cher­wei­se ver­dräng­te Ta­rif­leis­tun­gen zu kla­gen. Ei­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung, dass ein künf­ti­ger Ta­rif­ver­trag in ei­nem Ar­beits­verhält­nis zur An­wen­dung kommt (vgl. BAG, Ur­teil vom 26. Au­gust 2015 - 4 AZR 719/13 -, ju­ris, Rn. 10; stRspr), wäre nicht zulässig, weil sie sich auf nicht ab­seh­ba­re künf­ti­ge Ansprüche be­zie­hen würde (vgl. BAG, Ur­teil vom 23. März 2011 - 4 AZR 268/09 -, ju­ris, Rn. 24 f.).

V.

123

Un­zulässig sind die Ver­fas­sungs­be­schwer­den, so­weit sie sich aus­drück­lich ge­gen die be­weis­recht­li­che Re­ge­lung des § 58 Abs. 3 ArbGG wen­den. Es fehlt in­so­weit an der Be­schwer­de­be­fug­nis. Die Re­ge­lung lässt für sich ge­nom­men kei­ne Be­ein­träch­ti­gung von Grund­rech­ten er­ken­nen. Sie zeigt le­dig­lich ei­ne Möglich­keit auf, den Nach­weis über die be­trieb­li­chen Mehr­heits­verhält­nis­se zu führen, ist al­so nur ei­ne Op­ti­on und schließt an­de­re We­ge der Be­weisführung nicht aus.

C.

124

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind über­wie­gend un­be­gründet. Die Re­ge­lun­gen des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes sind in der ge­bo­te­nen Aus­le­gung und Hand­ha­bung weit­ge­hend mit Art. 9 Abs. 3 GG ver­ein­bar.

I.

125

Ge­gen die for­mel­le Ver­fas­sungs­gemäßheit des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes be­ste­hen kei­ne Be­den­ken.

126 1. Die kon­kur­rie­ren­de Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des er­gibt sich aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG, der ne­ben dem Recht der In­di­vi­dual­ar­beits­verträge auch das Ta­rif­ver­trags­recht um­fasst, oh­ne dem Vor­be­halt der Er­for­der­lich­keit des Art. 72 Abs. 2 GG zu un­ter­lie­gen. Die Kom­pe­tenz des Bun­des für die flan­kie­ren­den Re­ge­lun­gen des ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens er­gibt sich je­den­falls aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 1 GG.
127

2. So­weit die Ver­fas­sungs­be­schwer­den vor­brin­gen, der Ge­setz­ge­ber ha­be die Fak­ten nicht hin­rei­chend er­mit­telt, auf die er sei­ne Ent­schei­dun­gen stütze, ver­mag dies ei­nen Ver­fas­sungs­ver­s­toß nicht zu be­gründen. Ei­ne selbständi­ge, von den An­for­de­run­gen an die ma­te­ri­el­le Ver­fas­sungsmäßig­keit des Ge­set­zes un­abhängi­ge Sach­aufklärungs­pflicht folgt aus dem Grund­ge­setz nicht. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bis­her nur in be­stimm­ten Son­der­kon­stel­la­tio­nen ei­ne selbständi­ge Sach­aufklärungs­pflicht des Ge­setz­ge­bers an­ge­nom­men (vgl. et­wa BVerfGE 95, 1 <23 f.> im Fal­le ei­ner Fach­pla­nung durch Ge­setz; BVerfGE 86, 90 <108 f.> bei Ge­mein­de­neu­glie­de­run­gen oder BVerfGE 139, 64 <127 Rn. 130> in Fra­gen der Rich­ter­be­sol­dung). An­sons­ten gilt das Prin­zip, dass die Ge­stal­tung des Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­rens im Rah­men der durch die Ver­fas­sung vor­ge­ge­be­nen Re­geln Sa­che der ge­setz­ge­ben­den Or­ga­ne ist. Das par­la­men­ta­ri­sche Ver­fah­ren ermöglicht zu­dem mit der ihm ei­ge­nen Öffent­lich­keits­funk­ti­on und den folg­lich grundsätz­lich öffent­li­chen Be­ra­tun­gen ge­ra­de durch sei­ne Trans­pa­renz, dass Ent­schei­dun­gen auch in der brei­te­ren Öffent­lich­keit dis­ku­tiert und da­mit die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Kon­trol­le auch der Ge­setz­ge­bung durch die Bürge­rin­nen und Bürger ge­schaf­fen wer­den. Schon des­halb geht Ent­schei­dun­gen von er­heb­li­cher Trag­wei­te grundsätz­lich ein Ver­fah­ren vor­aus, wel­ches der Öffent­lich­keit auch durch die Be­richt­er­stat­tung sei­tens der Me­di­en hin­rei­chend Ge­le­gen­heit bie­tet, Auf­fas­sun­gen aus­zu­bil­den und zu ver­tre­ten, und das die Volks­ver­tre­tung da­zu anhält, Not­wen­dig­keit und Um­fang der zu be­sch­ließen­den Maßnah­men in öffent­li­cher De­bat­te zu klären (BVerfGE 139, 148 <176 f. Rn. 55> m.w.N.). Das Grund­ge­setz ver­traut so dar­auf, dass auch oh­ne Sta­tu­ie­rung ei­ner ei­genständi­gen Sach­aufklärungs­pflicht die Trans­pa­renz und der öffent­li­che Dis­kurs im par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren hin­rei­chen­de Gewähr für ei­ne je­weils aus­rei­chen­de Tat­sa­chen­grund­la­ge der ge­setz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung bie­ten. Denn das Feh­len ei­ner selbständi­gen Sach­aufklärungs­pflicht im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren be­freit den Ge­setz­ge­ber nicht von der Not­wen­dig­keit, sei­ne Ent­schei­dun­gen in Ein­klang mit den ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen, ins­be­son­de­re den Grund­rech­ten, zu tref­fen, und sie in­so­weit - et­wa in Blick auf die Verhält­nismäßig­keits­an­for­de­run­gen - auf hin­rei­chend fun­dier­te Kennt­nis­se von Tat­sa­chen und Wirk­zu­sam­menhängen zu stützen (BVerfG, Ur­teil des Ers­ten Se­nats vom 6. De­zem­ber 2016 - 1 BvR 2821/11 -, www.bverfg.de, Rn. 273 ff. m.w.N.).

II.

128

Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen genügen den An­for­de­run­gen der Nor­men­klar­heit und Be­stimmt­heit. Auch wenn sie kon­kre­ti­sie­rungs- und klärungs­bedürf­ti­ge Be­grif­fe ent­hal­ten, sind sie ei­ner fach­ge­richt­li­chen Klärung oh­ne Wei­te­res zugäng­lich.

III.

129 Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen sind in der ge­bo­te­nen Aus­le­gung und Hand­ha­bung weit­ge­hend mit dem Grund­recht der Ge­werk­schaf­ten und ih­rer Mit­glie­der aus Art. 9 Abs. 3 GG ver­ein­bar. Durch die Re­ge­lun­gen wird der Schutz­ge­halt des Art. 9 Abs. 3 GG (1) be­ein­träch­tigt (2). Dies ist weit­ge­hend ge­recht­fer­tigt; so­weit sich die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen als un­zu­mut­bar er­wei­sen, trifft den Ge­setz­ge­ber ei­ne Pflicht zur Nach­bes­se­rung (3).
130 1. Das Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG ist in ers­ter Li­nie ein Frei­heits­recht. Es schützt die in­di­vi­du­el­le Frei­heit, Ver­ei­ni­gun­gen zur Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen zu bil­den und die­sen Zweck ge­mein­sam zu ver­fol­gen (vgl. BVerfGE 92, 352 <393>), ih­nen fern­zu­blei­ben oder sie zu ver­las­sen (vgl. BVerfGE 116, 202 <218>). Darüber sol­len die Be­tei­lig­ten grundsätz­lich frei von staat­li­cher Ein­fluss­nah­me, selbst und ei­gen­ver­ant­wort­lich be­stim­men können. Geschützt ist da­mit auch das Recht der Ver­ei­ni­gun­gen selbst, durch spe­zi­fisch ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung die in Art. 9 Abs. 3 GG ge­nann­ten Zwe­cke zu ver­fol­gen, wo­bei die Wahl der Mit­tel, die die Ko­ali­tio­nen zur Er­rei­chung die­ses Zwecks für ge­eig­net hal­ten, mit Art. 9 Abs. 3 GG grundsätz­lich ih­nen selbst über­las­sen ist (vgl. BVerfGE 92, 365 <393 f.>; 100, 271 <282>; 116, 202 <219>; stRspr).
131 a) Das Grund­recht schützt al­le ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens­wei­sen. Es um­fasst ins­be­son­de­re die Ta­rif­au­to­no­mie, die im Zen­trum der den Ko­ali­tio­nen ein­geräum­ten Möglich­kei­ten zur Ver­fol­gung ih­rer Zwe­cke steht. Das Aus­han­deln von Ta­rif­verträgen ist ein we­sent­li­cher Zweck der Ko­ali­tio­nen (vgl. BVerfGE 116, 202 <219> m.w.N.). Geschützt ist ins­be­son­de­re der Ab­schluss von Ta­rif­verträgen (vgl. BVerfGE 92, 365 <395>; 94, 268 <283>; 103, 293 <304 ff.>). Dies schließt den Be­stand und die An­wen­dung ab­ge­schlos­se­ner Ta­rif­verträge ein. Vom Schutz des Art. 9 Abs. 3 GG er­fasst sind auch Ar­beits­kampf­maßnah­men, die auf den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen ge­rich­tet sind, je­den­falls so­weit sie er­for­der­lich sind, um ei­ne funk­tio­nie­ren­de Ta­rif­au­to­no­mie si­cher­zu­stel­len (vgl. BVerfGE 84, 212 <224 f.>; 88, 103 <114>; 92, 365 <393 f.>). Das Grund­recht ver­mit­telt je­doch kein Recht auf ab­so­lu­te ta­rif­po­li­ti­sche Ver­wert­bar­keit von Schlüssel­po­si­tio­nen und Blo­cka­de­macht zum ei­ge­nen Nut­zen.
132 b) Art. 9 Abs. 3 GG schützt die Ko­ali­tio­nen auch in ih­rem Be­stand (vgl. BVerfGE 93, 352 <357>; 116, 202 <217>; stRspr). Zu den geschütz­ten Tätig­kei­ten gehört die Mit­glie­der­wer­bung durch die Ko­ali­tio­nen selbst. Dies schafft das Fun­da­ment für die Erfüllung ih­rer in Art. 9 Abs. 3 GG ge­nann­ten Auf­ga­ben. Ins­be­son­de­re durch die Wer­bung neu­er Mit­glie­der si­chern die Ko­ali­tio­nen ih­ren Fort­be­stand (vgl. BVerfGE 93, 352 <357 f.> m.w.N.). Ei­ne Be­stands­ga­ran­tie für ein­zel­ne Ko­ali­tio­nen ist da­mit nicht ver­bun­den. Al­ler­dings ga­ran­tiert Art. 9 Abs. 3 Satz 1 GG die Ko­ali­ti­ons­frei­heit aus­drück­lich für je­der­mann und al­le Be­ru­fe. Da­her wären staat­li­che Maßnah­men mit Art. 9 Abs. 3 GG un­ver­ein­bar, die ge­ra­de dar­auf ziel­ten, be­stimm­te Ge­werk­schaf­ten aus dem Ta­rif­ge­sche­hen her­aus zu drängen oder be­stimm­ten Ge­werk­schaft­s­ty­pen, wie et­wa Be­rufs­ge­werk­schaf­ten, ge­ne­rell die Exis­tenz­grund­la­ge zu ent­zie­hen.
133 c) Geschützt ist die Ko­ali­ti­on auch in ih­rer Aus­rich­tung und Or­ga­ni­sa­ti­on; die Selbst­be­stim­mung über ih­re in­ne­re Ord­nung ist ein we­sent­li­cher Teil der Ko­ali­ti­ons­frei­heit (vgl. BVerfGE 92, 365 <403>; 93, 352 <357>; 100, 214 <223>). Das um­fasst die Ent­schei­dung über die Ab­gren­zung nach Bran­chen oder Fach­be­rei­chen (vgl. BVerfGE 92, 365 <408>) oder nach Be­rufs­grup­pen, denn es gilt auch hier das Prin­zip frei­er so­zia­ler Grup­pen­bil­dung (vgl. BVerfGE 100, 214 <223> m.w.N.). Die Vor­ga­be ei­nes be­stimm­ten Pro­fils wäre un­zulässig. Das Grund­ge­setz schützt viel­mehr die „Ko­ali­tio­nen in ih­rer Man­nig­fal­tig­keit“ (BVerfGE 18, 18 <32 f.>). Da­mit geht die Möglich­keit ein­her, dass es zum Wett­be­werb un­ter den Ko­ali­tio­nen kommt.
134 2. Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen be­ein­träch­ti­gen das Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG.
135 a) Mit der An­ord­nung ei­ner Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags im Kol­li­si­ons­fall nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG geht ei­ne Be­ein­träch­ti­gung mit der Wir­kung ei­nes Ein­griffs in die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit ein­her, die den er­reich­ten Ta­rif­ab­schluss schützt. Die Kol­li­si­ons­re­gel des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG ver­drängt das Er­geb­nis ta­rif­au­to­no­mer Betäti­gung der Ge­werk­schaft und ver­hin­dert, dass die in die­sem Ta­rif­ver­trag ver­ein­bar­ten Rechts­nor­men auf de­ren Mit­glie­der An­wen­dung fin­den und sie auf die ver­ein­bar­ten Leis­tun­gen An­spruch ha­ben.
136 Die Ver­drängungs­re­ge­lung des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG kann zu­dem grund­rechts­be­ein­träch­ti­gen­de Vor­wir­kun­gen ent­fal­ten, denn die dro­hen­de Ver­drängung des ei­ge­nen Ta­rif­ver­trags kann das Ver­hal­ten der Ge­werk­schaf­ten vor Ein­tritt ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on be­ein­flus­sen. Das Ge­setz zielt ge­ra­de auf ei­nen sol­chen vor­wir­ken­den Ef­fekt. Zwar gibt das Ta­rif­ein­heits­ge­setz den Ge­werk­schaf­ten kein be­stimm­tes Ver­hal­ten vor. Es setzt mit der Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags je­doch ei­nen An­reiz, Kol­li­sio­nen zu ver­mei­den. Das wirkt sich für die Ge­werk­schaf­ten im Vor­feld von Ta­rif­ab­schlüssen und da­mit auch auf Ent­schei­dun­gen zum Um­gang mit der Kündi­gung von Ta­rif­verträgen und zu neu­en Ver­hand­lun­gen nach de­ren Aus­lau­fen aus. Die Möglich­keit, dass der ei­ge­ne Ta­rif­ver­trag ver­drängt wer­den könn­te, und die ge­richt­li­che Fest­stel­lung, in ei­nem Be­trieb in der Min­der­heit zu sein, können ei­ne Ge­werk­schaft bei der Mit­glie­der­wer­bung und bei der Mo­bi­li­sie­rung der Mit­glie­der auch für Ar­beits­kampf­maßnah­men schwächen und Ent­schei­dun­gen zur ta­rif­po­li­ti­schen Aus­rich­tung und Stra­te­gie be­ein­flus­sen. Be­ein­flusst wird auch die grund­recht­lich geschütz­te Ent­schei­dung, ob und in­wie­weit mit an­de­ren Ge­werk­schaf­ten ko­ope­riert wird und wel­ches Pro­fil sich ei­ne Ge­werk­schaft gibt, in­dem sie et­wa be­stimmt, wel­che Be­rufs­grup­pen von der ei­ge­nen sat­zungsmäßigen Zuständig­keit er­fasst sein sol­len. Auch die­se Be­ein­flus­sung im Vor­feld be­ein­träch­tigt die freie Grund­rechts­wahr­neh­mung.
137 b) Hin­ge­gen hat der Ge­setz­ge­ber mit den an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen we­der un­mit­tel­bar wir­ken­de An­for­de­run­gen an die Gründung und den Be­stand von Ge­werk­schaf­ten noch an de­ren Pro­fil nor­miert. Das Grund­ge­setz stünde dem Ver­such, die Möglich­keit wirk­sa­mer Ta­rif­ab­schlüsse großen Mul­ti­bran­chen­ge­werk­schaf­ten vor­zu­be­hal­ten oder be­stimm­te Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten ge­zielt aus der Ta­rif­po­li­tik zu ver­drängen, schon we­gen des Wort­lauts des Art. 9 Abs. 3 GG von vorn­her­ein ent­ge­gen, denn ga­ran­tiert ist die Ko­ali­ti­ons­frei­heit aus­drück­lich al­len Be­rufs­grup­pen.
138 c) Auch das in Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Recht, mit den Mit­teln des Ar­beits­kamp­fes auf den je­wei­li­gen Ge­gen­spie­ler Druck und Ge­gen­druck ausüben zu können, um zu ei­nem Ta­rif­ab­schluss zu ge­lan­gen, wird durch die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen nicht be­ein­träch­tigt. Ins­be­son­de­re wird we­der das Streik­recht ein­ge­schränkt noch das mit dem Streik ver­bun­de­ne Haf­tungs­ri­si­ko erhöht.
139 Zwar mag der Schutz von Un­ter­neh­men und Öffent­lich­keit vor zu­neh­men­dem Streik­ge­sche­hen ein Mo­tiv des Ge­setz­ge­bers ge­we­sen sein. Doch hat sich die­ser be­wusst ge­gen Vor­schläge ent­schie­den, Vor­ga­ben für den Ar­beits­kampf zur Ver­mei­dung un­trag­ba­rer Aus­wir­kun­gen auf Drit­te zu re­geln (oben A II 3 b und A III 4 Rn. 10 und 25). Zwar nimmt die Be­gründung zum Ge­setz­ent­wurf auf den Ar­beits­kampf Be­zug (BT­Drucks 18/4062, S. 12). Doch wirkt sich die Kol­li­si­ons­re­gel des § 4a TVG nicht auf die Zulässig­keit von Ar­beits­kampf­maßnah­men aus.
140 Auch das Streik­recht ei­ner Ge­werk­schaft, die in al­len Be­trie­ben nur die klei­ne­re Zahl von Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern or­ga­ni­sie­ren kann, bleibt un­an­ge­tas­tet; das gilt selbst dann, wenn die Mehr­heits­verhält­nis­se be­reits be­kannt sind. Das er­gibt sich schon dar­aus, dass die Kol­li­si­ons­re­gel des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG eben­so wie der An­spruch auf Nach­zeich­nung in § 4a Abs. 4 TVG den Ab­schluss ei­nes wei­te­ren Ta­rif­ver­trags vor­aus­setzt; die­ser muss al­so erkämpft wer­den können. Je­den­falls ist ein Ar­beits­kampf, der sich auf ei­nen Ta­rif­ver­trag rich­tet, der sich mit ei­nem an­de­ren Ta­rif­ver­trag über­schnei­den wird, nicht schon des­halb rechts­wid­rig und ins­be­son­de­re nicht un­verhält­nismäßig. Auch darf die vom Ge­setz­ge­ber be­wusst er­zeug­te Un­si­cher­heit über das Ri­si­ko ei­ner Ver­drängung im Vor­feld ei­nes Ta­rif­ab­schlus­ses we­der bei kla­ren noch bei un­si­che­ren Mehr­heits­verhält­nis­sen für sich ge­nom­men ein Haf­tungs­ri­si­ko ei­ner Ge­werk­schaft für Ar­beits­kampf­maßnah­men be­gründen; dies ha­ben die Ar­beits­ge­rich­te ge­ge­be­nen­falls in ver­fas­sungs­kon­for­mer An­wen­dung der Haf­tungs­re­ge­lun­gen si­cher­zu­stel­len.
141 3. Die Be­ein­träch­ti­gun­gen sind bei der ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­nen Aus­le­gung und Hand­ha­bung der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen weit­ge­hend zu recht­fer­ti­gen. Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit ist wie je­des vor­be­halt­los gewähr­te Grund­recht zu­guns­ten an­de­rer Zie­le mit Ver­fas­sungs­rang be­schränk­bar. Ge­stal­tet der Ge­setz­ge­ber das Verhält­nis kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten un­ter­ein­an­der aus, um struk­tu­rel­le Vor­aus­set­zun­gen dafür her­zu­stel­len oder zu si­chern, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen ei­nen fai­ren Aus­gleich ermögli­chen, kann dies ei­ne Be­schränkung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit grundsätz­lich recht­fer­ti­gen (a). Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ver­fol­gen vor al­lem die­sen le­gi­ti­men Zweck und genügen auch an­sons­ten weit­ge­hend, aber nicht in je­der Hin­sicht, den An­for­de­run­gen des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit (b).
142 a) Die vor­be­halt­los gewähr­leis­te­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit ist durch ge­setz­li­che Be­stim­mun­gen be­schränk­bar, die das Verhält­nis kon­kur­rie­ren­der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en der­sel­ben Sei­te re­geln, um struk­tu­rel­le Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen ei­nen fai­ren Aus­gleich in der Ge­stal­tung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen ermögli­chen.
143 aa) Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit ist zwar vor­be­halt­los gewähr­leis­tet. Sie ist kein Spe­zi­al­fall der all­ge­mei­nen Ver­ei­ni­gungs­frei­heit und un­ter­liegt da­her nicht den Schran­ken des Art. 9 Abs. 2 GG. Das be­deu­tet aber nicht, dass dem Ge­setz­ge­ber je­de Re­ge­lung im Schutz­be­reich die­ses Grund­rechts ver­wehrt wäre. Ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen, die ei­ne Be­ein­träch­ti­gung des Art. 9 Abs. 3 GG be­wir­ken, können zu­guns­ten der Grund­rech­te Drit­ter so­wie sons­ti­ger mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­ter Rech­te und Ge­mein­wohl­be­lan­ge ge­recht­fer­tigt wer­den (vgl. BVerfGE 84, 212 <228>; 92, 365 <403>; 100, 271 <283>; 103, 293 <306>; stRspr).
144 bb) Ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen, die in den Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG fal­len, und die Funk­ti­onsfähig­keit des Sys­tems der Ta­rif­au­to­no­mie her­stel­len und si­chern sol­len, ver­fol­gen ei­nen le­gi­ti­men Zweck (vgl. BVerfGE 84, 212 <225, 228>; 88, 103 <114 f.>; 92, 365 <394 f., 397>; 94, 268 <284>; 116, 202 <224>). Der Ge­setz­ge­ber hat ei­ne ent­spre­chen­de Aus­ge­stal­tungs­be­fug­nis (vgl. BVerfGE 92, 26 <41>). Ins­be­son­de­re wenn das Verhält­nis der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu­ein­an­der berührt wird, die bei­de den Schutz des Art. 9 Abs. 3 GG ge­nießen, be­darf die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der ge­setz­li­chen Aus­ge­stal­tung (vgl. BVerfGE 94, 268 <284>; stRspr). Der Ge­setz­ge­ber hat die Rechts­in­sti­tu­te und Nor­men­kom­ple­xe zu set­zen, die dem Han­deln der Ko­ali­tio­nen und ins­be­son­de­re der Ta­rif­au­to­no­mie Gel­tung ver­schaf­fen (vgl. BVerfGE 50, 290 <368>; 92, 26 <41>).
145 cc) Art. 9 Abs. 3 GG be­rech­tigt den Ge­setz­ge­ber ins­be­son­de­re, Re­ge­lun­gen zum Verhält­nis der sich ge­genüber ste­hen­den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu tref­fen, um struk­tu­rel­le Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen ei­nen fai­ren Aus­gleich ermögli­chen und da­mit - im Sin­ne der Ta­rif­verträgen zu­kom­men­den Rich­tig­keits­ver­mu­tung - an­ge­mes­se­ne Wirt­schafts- und Ar­beits­be­din­gun­gen her­vor­brin­gen können.
146 Grundsätz­lich enthält sich der Staat ei­ner Ein­fluss­nah­me und überlässt die au­to­no­me Ver­ein­ba­rung von Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen zum großen Teil den Ko­ali­tio­nen; da­zu gehören ins­be­son­de­re das Ar­beits­ent­gelt und an­de­re ma­te­ri­el­le Ar­beits­be­din­gun­gen (vgl. BVerfGE 94, 268 <283>; 100, 271 <282>; 103, 293 <304>; 116, 202 <219>). Mit der grund­recht­li­chen Ga­ran­tie der Ta­rif­au­to­no­mie wird ein Frei­raum gewähr­leis­tet, in dem Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber ih­re In­ter­es­sen­ge­gensätze in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung aus­tra­gen können. Die­se Frei­heit fin­det ih­ren Grund in der his­to­ri­schen Er­fah­rung, dass auf die­se Wei­se eher Er­geb­nis­se er­zielt wer­den, die den In­ter­es­sen der wi­der­strei­ten­den Grup­pen und dem Ge­mein­wohl ge­recht wer­den, als bei ei­ner staat­li­chen Sch­lich­tung (BVerfGE 88, 103 <114 f.>). Dem Ta­rif­ver­trag kommt da­her ei­ne Rich­tig­keits­ver­mu­tung zu. Es darf grundsätz­lich da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass das von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en er­ziel­te Ver­hand­lungs­er­geb­nis rich­tig ist und die In­ter­es­sen bei­der Sei­ten sach­ge­recht zum Aus­gleich bringt; ein ob­jek­ti­ver Maßstab, nach dem sich die Rich­tig­keit bes­ser be­ur­tei­len ließe, exis­tiert nicht. Im Zen­trum der Rich­tig­keits­ver­mu­tung steht, dass mit dem kol­lek­ti­ven Ver­trags­sys­tem die struk­tu­rel­le Un­ter­le­gen­heit der ein­zel­nen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer über­wun­den wer­den kann. Das Ta­rif­ver­trags­sys­tem ist dar­auf an­ge­legt, de­ren struk­tu­rel­le Un­ter­le­gen­heit beim Ab­schluss von in­di­vi­du­el­len Ar­beits­verträgen durch kol­lek­ti­ves Han­deln aus­zu­glei­chen und da­mit ein annähernd gleich­ge­wich­ti­ges Aus­han­deln der Löhne und Ar­beits­be­din­gun­gen zu ermögli­chen. Funk­ti­onsfähig ist die Ta­rif­au­to­no­mie folg­lich nur, so­lan­ge zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ein un­gefähres Kräfte­gleich­ge­wicht - Pa­rität - be­steht (vgl. BVerfGE 92, 365 <395>; stRspr). Die Ver­mu­tung der Rich­tig­keit des zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en Aus­ge­han­del­ten greift al­so nur un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen.
147 Da Art. 9 Abs. 3 Satz 1 GG den so­zia­len Schutz der abhängig Beschäftig­ten im We­ge der kol­lek­ti­vier­ten Pri­vat­au­to­no­mie ga­ran­tiert (vgl. BAG, Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 1997 - 7 AZR 811/96 -, ju­ris, Rn. 16; Ur­teil vom 23. März 2011 - 4 AZR 366/09 -, ju­ris, Rn. 21; stRspr) und mit Blick auf das So­zi­al­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 1 GG kommt es dem Ge­setz­ge­ber zu, struk­tu­rel­le Rah­men­be­din­gun­gen dafür zu schaf­fen, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen ei­nen fai­ren Aus­gleich auch tatsächlich ermögli­chen (vgl. schon BVerfGE 44, 322 <341 f.>; 92, 26 <41>). Der Ge­setz­ge­ber ist in­so­fern nicht ge­hin­dert, Rah­men­be­din­gun­gen für das Han­deln der Ko­ali­tio­nen zu ändern (vgl. BVerfGE 84, 212 <228 f.>; 92, 365 <394>); er ist so­gar ver­pflich­tet ein­zu­grei­fen, wenn nach­hal­ti­ge Störun­gen der Funk­ti­onsfähig­keit des Sys­tems vor­lie­gen (vgl. BVerfGE 92, 365 <397>).
148 dd) Der Ge­setz­ge­ber kann zur Si­che­rung der Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie je­doch nicht nur Re­ge­lun­gen in Kraft set­zen, die zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en Pa­rität her­stel­len. Art. 9 Abs. 3 GG be­rech­tigt den Ge­setz­ge­ber auch, Re­ge­lun­gen zum Verhält­nis der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf ei­ner der bei­den Sei­ten zu tref­fen, um struk­tu­rel­le Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen auch in­so­fern ei­nen fai­ren Aus­gleich ermögli­chen und in Ta­rif­verträgen mit der ih­nen in­ne­woh­nen­den Rich­tig­keits­ver­mu­tung an­ge­mes­se­ne Wirt­schafts- und Ar­beits­be­din­gun­gen her­vor­brin­gen können. Wur­den struk­tu­rell aus­ge­gli­che­ne Ver­hand­lungs­be­din­gun­gen bis­lang vor al­lem durch Vor­ga­ben zu si­chern ge­sucht, die das Verhält­nis sich ge­genüber ste­hen­der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en be­tra­fen, schließt dies nicht aus, dass der Ge­setz­ge­ber auch das Verhält­nis kon­kur­rie­ren­der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en aus­ge­stal­tet, die der­sel­ben Sei­te an­gehören. Zur Funk­ti­onsfähig­keit der von Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Ta­rif­au­to­no­mie gehört in­so­weit nicht nur die struk­tu­rel­le Pa­rität zwi­schen Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­sei­te. Zu ihr gehören, wo Ge­werk­schaf­ten oder Ar­beit­ge­ber un­ter­ein­an­der kon­kur­rie­ren, auch Be­din­gun­gen der Aus­hand­lung von Ta­rif­verträgen, wel­che die Ent­fal­tung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit selbst si­chern, in­dem sie die Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen fai­ren Aus­gleich der berühr­ten In­ter­es­sen schaf­fen.
149 ee) Bei der Re­ge­lung der Struk­tur­be­din­gun­gen der Ta­rif­au­to­no­mie verfügt der Ge­setz­ge­ber über ei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve und ei­nen wei­ten Hand­lungs­spiel­raum (vgl. BVerfGE 92, 365 <394>). Das Grund­ge­setz schreibt ihm nicht vor, wie Grund­rechts­po­si­tio­nen im Ein­zel­nen ab­zu­gren­zen sind. Es ver­langt auch kei­ne Op­ti­mie­rung der Kampf­be­din­gun­gen. Grundsätz­lich ist es den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en selbst über­las­sen, ihr Han­deln den sich wan­deln­den Umständen an­zu­pas­sen, um aus­ge­wo­ge­ne Ta­rif­ab­schlüsse zu er­zie­len. Doch ist der Ge­setz­ge­ber auch nicht ge­hin­dert, die Rah­men­be­din­gun­gen der Ta­rif­au­to­no­mie zu ändern, sei es aus Gründen des Ge­mein­wohls, sei es, um gestörte Pa­ritäten wie­der her­zu­stel­len (vgl. BVerfGE 84, 212 <228 f.>; 92, 365 <394>), sei es zur Si­che­rung ei­nes fai­ren Aus­gleichs auf nur ei­ner Sei­te der sich ge­genüber­ste­hen­den Ko­ali­tio­nen.
150 Nur tatsächli­che Schwie­rig­kei­ten und erst recht nur Schwie­rig­kei­ten auf Sei­ten der Ar­beit­ge­ber, die sich dar­aus er­ge­ben, dass meh­re­re Ge­werk­schaf­ten auf­tre­ten, recht­fer­ti­gen ei­ne Be­schränkung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit da­ge­gen grundsätz­lich nicht. Denn ob ei­ne Ko­ali­ti­on sich im Ar­beits­le­ben bil­den und be­haup­ten kann, wird viel­mehr ge­ra­de auch durch den Wett­be­werb un­ter den ver­schie­de­nen Grup­pen be­stimmt (vgl. BVerfGE 55, 7 <24>). Der Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad ei­ner Ko­ali­ti­on, ih­re Fähig­keit zur An­wer­bung und Mo­bi­li­sie­rung von Mit­glie­dern und ähn­li­che Fak­to­ren lie­gen außer­halb der Ver­ant­wor­tung des Ge­setz­ge­bers. Er ist nicht ge­hal­ten, schwa­chen Verbänden Durch­set­zungsfähig­keit bei Ta­rif­ver­hand­lun­gen zu ver­schaf­fen, denn Art. 9 Abs. 3 GG ver­langt kei­ne Op­ti­mie­rung der Kampf­be­din­gun­gen, son­dern ver­pflich­tet den Staat auch in­so­weit zur Neu­tra­lität (vgl. BVerfGE 92, 365 <396>). Des­glei­chen darf der Ge­setz­ge­ber star­ke Verbände nicht ge­zielt schwächen, wenn das im Verhält­nis zur Ge­gen­sei­te den Grund­satz der Pa­rität (oben C III 3 a cc Rn. 145 f.) ver­letzt. Er darf auch nicht ge­zielt ge­gen be­stimm­te Ver­ei­ni­gun­gen be­stimm­ter Be­ru­fe vor­ge­hen (oben C III 1 b und c Rn. 132 und 133).
151 b) Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen genügen bei ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­ner Aus­le­gung und Hand­ha­bung weit­ge­hend, aber nicht in je­der Hin­sicht, den An­for­de­run­gen an die Verhält­nismäßig­keit. Der Ge­setz­ge­ber ver­folgt ein le­gi­ti­mes Ziel (aa) und die Ver­drängung kon­kur­rie­ren­der Ta­rif­verträge ist nicht von vorn­her­ein un­ge­eig­net (bb) oder ein gleich wirk­sa­mes, mil­de­res Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels er­kenn­bar (cc). Zur Si­che­rung der Zu­mut­bar­keit ist al­ler­dings bei der An­wen­dung der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen den grund­recht­lich geschütz­ten In­ter­es­sen hin­rei­chend Rech­nung zu tra­gen, so­weit nicht der Ge­setz­ge­ber zur Nach­bes­se­rung ver­pflich­tet ist (dd).
152 aa) Das vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­te Ziel (1) ist ver­fas­sungs­recht­lich le­gi­tim (2).
153 (1) Zweck der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ist es, An­rei­ze für ein ko­or­di­nier­tes und ko­ope­ra­ti­ves Vor­ge­hen der Ar­beit­neh­mer­sei­te in Ta­rif­ver­hand­lun­gen zu set­zen und so Ta­rif­kol­li­sio­nen zu ver­mei­den (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 9). Da­mit will der Ge­setz­ge­ber die Aus­gangs­be­din­gun­gen für im Ta­rif­ver­trags­sys­tem funk­tio­nie­ren­de Ta­rif­ver­hand­lun­gen si­chern, wel­che er spe­zi­fisch gefähr­det sieht, wenn es auf­grund der Aus­nut­zung be­trieb­li­cher Schlüssel­po­si­tio­nen auf Ar­beit­neh­mer­sei­te zur Ta­rif­kol­li­si­on im Be­trieb kommt. Die Bun­des­re­gie­rung hat in ih­rer schrift­li­chen Stel­lung­nah­me dar­ge­legt, es ge­he um die Si­che­rung der Vernünf­tig­keit der Aus­gangs­be­din­gun­gen der Ta­rif­ver­hand­lun­gen, wie sie für die ge­ne­rel­le Rich­tig­keits­ver­mu­tung des Ta­rif­ver­trags es­sen­ti­ell sei. Nach ih­rer Einschätzung ist in ei­nem Sys­tem erhöhter Ge­werk­schafts­kon­kur­renz bei gleich­zei­ti­ger Ermögli­chung von Ta­rifp­lu­ra­lität die Ver­hand­lungs­sym­me­trie in ver­schie­de­ner Hin­sicht gestört. Aus­weis­lich der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung soll die Ver­hand­lungsstärke ein­sch­ließlich der Ar­beits­kampf­kraft der Ar­beit­neh­mer­sei­te als Gan­ze ge­si­chert wer­den: Nähmen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer mit be­son­de­ren Schlüssel­po­si­tio­nen in den Be­trie­ben ih­re In­ter­es­sen ge­son­dert wahr, führe dies ten­den­zi­ell zu ei­ner Be­ein­träch­ti­gung ei­ner wirk­sa­men kol­lek­ti­ven In­ter­es­sen­ver­tre­tung durch die übri­gen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer. Oh­ne be­son­de­re Schlüssel­po­si­ti­on im Be­triebs­ab­lauf sei­en die­se dann selbst kol­lek­tiv nur noch ein­ge­schränkt in der La­ge, auf Au­genhöhe mit der Ar­beit­ge­ber­sei­te zu ver­han­deln (a.a.O., S. 9). Zu­dem wer­de die Ver­tei­lungs­funk­ti­on des Ta­rif­ver­trags gestört, wenn die kon­kur­rie­ren­den Ta­rif­ab­schlüsse nicht den Wert ver­schie­de­ner Ar­beits­leis­tun­gen in­ner­halb ei­ner be­trieb­li­chen Ge­mein­schaft zu­ein­an­der wi­der­spie­gel­ten, son­dern vor al­lem Aus­druck der je­wei­li­gen Schlüssel­po­si­tio­nen der un­ter­schied­li­chen Beschäftig­ten­grup­pen im Be­triebs­ab­lauf sei­en (a.a.O., S. 11 f.). Bei er­folg­rei­chen Ta­rif­ver­hand­lun­gen ei­ner Ge­werk­schaft ver­rin­ge­re sich der Ver­tei­lungs­spiel­raum für die an­ders- und nicht­or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer (a.a.O., S. 8). Sch­ließlich könne die Kon­kur­renz un­ter­schied­li­cher Ta­rif­wer­ke die Her­stel­lung von Ge­samt­kom­pro­mis­sen gefähr­den, die vor al­lem in wirt­schaft­li­chen Kri­sen­si­tua­tio­nen oft­mals zur Beschäfti­gungs­si­che­rung er­for­der­lich sei­en (a.a.O.).
154 (2) Der Ge­setz­ge­ber ver­folgt da­mit ein le­gi­ti­mes Ziel.
155 (a) Der Ge­setz­ge­ber ist be­rech­tigt, Re­ge­lun­gen zum Verhält­nis der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu tref­fen, um struk­tu­rel­le Vor­aus­set­zun­gen dafür her­zu­stel­len, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen ei­nen fai­ren Aus­gleich ermögli­chen (oben C III 3 a dd Rn. 148). Das gilt ge­ra­de, weil sich der Staat hier ei­ner ma­te­ri­el­len Re­ge­lung der Löhne und sons­ti­ger Ar­beits­be­din­gun­gen weit­ge­hend enthält und de­ren Aus­hand­lung den Ta­rif­part­nern überlässt. Dies folgt so­wohl aus Art. 9 Abs. 3 GG als auch aus dem So­zi­al­staats­prin­zip (Art. 20 Abs. 1 GG) (oben C III 3 a cc Rn. 147). Der Ge­stal­tungs­spiel­raum des Ge­setz­ge­bers fin­det sei­ne Gren­zen je­doch am ob­jek­ti­ven Ge­halt des Art. 9 Abs. 3 GG. Die Ta­rif­au­to­no­mie muss als ein Be­reich ge­wahrt blei­ben, in dem die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ih­re An­ge­le­gen­hei­ten grundsätz­lich selbst­ver­ant­wort­lich und oh­ne staat­li­che Ein­fluss­nah­me re­geln können (BVerfGE 92, 365 <393 f.>). Die­se Gren­ze ist hier nicht über­schrit­ten. § 4a TVG enthält kei­ne ma­te­ri­el­len Lohn- oder Ver­tei­lungs­re­ge­lun­gen, son­dern zielt auf die Struk­tur des von den Ta­rif­part­nern ei­genständig aus­zufüllen­den Ver­hand­lungs­rah­mens. So hat die Bun­des­re­gie­rung im Ver­fah­ren dar­ge­legt, dass das Ta­rif­ein­heits­ge­setz kei­ne be­stimm­te Vor­stel­lung ei­ner ma­te­ria­len Ge­rech­tig­keit zu­grun­de le­ge oder durch­zu­set­zen ver­su­che, son­dern Pro­zes­se des Ver­han­delns, der Ab­stim­mung und der Ko­or­di­na­ti­on zwi­schen den Be­tei­lig­ten an­s­toßen wol­le.
156 (b) Der Ge­setz­ge­ber ver­folgt hier das le­gi­ti­me Ziel, zur Si­che­rung der struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen von Ta­rif­ver­hand­lun­gen das Verhält­nis der Ge­werk­schaf­ten un­ter­ein­an­der zu re­geln, um zu ver­hin­dern, dass sich durch die iso­lier­te Aus­nut­zung ei­ner Schlüssel­po­si­ti­on die struk­tu­rel­len Be­din­gun­gen von Ta­rif­ver­hand­lun­gen in ei­ner Wei­se ent­wi­ckeln, dass ei­ne fai­re Aus­hand­lung von Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen nicht mehr gewähr­leis­tet ist.
157 Bei der Re­ge­lung von Struk­tur­be­din­gun­gen von Ko­ali­ti­ons­frei­heit im All­ge­mei­nen und Ta­rif­au­to­no­mie im Be­son­de­ren verfügt der Ge­setz­ge­ber für die kon­kre­te Ziel­set­zung über ei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve und Ge­stal­tungs­spiel­raum beim Aus­gleich der sich ge­genüber ste­hen­den Rech­te (vgl. BVerfGE 92, 365 <394>). Die­sen Spiel­raum über­schrei­tet er hier nicht. Weil das Auf­tre­ten kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten die Ver­hand­lungs­struk­tu­ren im Ta­rif­ver­trags­sys­tem grund­le­gend be­ein­flus­sen kann, ist der Ge­setz­ge­ber be­fugt, auch die­sen As­pekt der Ta­rif­po­li­tik ge­setz­lich aus­zu­ge­stal­ten. Ins­be­son­de­re darf der Ge­setz­ge­ber dar­auf zie­len, dass der in­ter­ge­werk­schaft­li­che Wett­be­werb nicht zur ta­rif­po­li­ti­schen Schwächung und zum ma­te­ri­el­len Nach­teil sol­cher Ar­beit­neh­mer­grup­pen führt, die nicht über so­ge­nann­te Schlüssel­po­si­tio­nen und ei­ne dar­auf be­ru­hen­de Blo­cka­de­macht im Be­trieb verfügen. Er ist da­bei grundsätz­lich nicht dar­auf be­schränkt, ge­gen be­reits ein­ge­tre­te­ne Funk­ti­onsstörun­gen vor­zu­ge­hen. Auch im Hin­blick auf dro­hen­de Funk­ti­onsstörun­gen verfügt er über ei­nen Einschätzungs­spiel­raum bei der Fra­ge, wann auf­grund tatsäch­li­cher An­halts­punk­te ein le­gis­la­ti­ves Ein­grei­fen ge­bo­ten ist.
158 bb) Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen sind im Sin­ne des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes ge­eig­net, das Ziel zu er­rei­chen, auf der Ar­beit­neh­mer­sei­te ein ko­or­di­nier­tes und ko­ope­ra­ti­ves Vor­ge­hen in Ta­rif­ver­hand­lun­gen zu be­wir­ken, auch wenn nicht ge­wiss ist, dass die­ser Ef­fekt tatsächlich er­zielt wird.
159 (1) Es genügt, dass die Re­ge­lun­gen des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes nicht of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net sind, der Aus­nut­zung von Blo­cka­de­po­si­tio­nen ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer­grup­pen in der Ge­stal­tung der Ar­beits- und Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen im Be­trieb ent­ge­gen­zu­wir­ken. Ver­fas­sungs­recht­lich be­darf es nur der Möglich­keit, dass der er­streb­te Er­folg so gefördert wer­den kann, al­so die Möglich­keit der Zweck­er­rei­chung be­steht (vgl. BVerfGE 90, 145 <172>; 126, 112 <144>; stRspr). Die Re­ge­lun­gen dürfen nur nicht von vorn­her­ein un­taug­lich sein (vgl. BVerfGE 100, 313 <373>), was nicht schon der Fall ist, wenn ih­re Um­set­zung schwie­rig ist, so­fern sie möglich er­scheint (vgl. BVerfGE 110, 141 <164>). Der Ge­setz­ge­ber hat auch hier ei­nen Einschätzungs­spiel­raum für die Be­ur­tei­lung der tatsächli­chen Grund­la­gen ei­ner Re­ge­lung (vgl. BVerfGE 104, 337 <347 f.>). Die Gren­ze liegt dort, wo sich deut­lich er­kenn­bar ab­zeich­net, dass ei­ne Fehl­einschätzung vor­ge­le­gen hat (vgl. BVerfGE 92, 365 <395 f.>).
160 (2) Hier will der Ge­setz­ge­ber mit der Kol­li­si­ons­norm des § 4a Abs. 2 TVG si­cher­stel­len, dass auch bei ei­nem Wett­be­werb der Ge­werk­schaf­ten un­ter­ein­an­der fai­re Be­din­gun­gen für das Aus­han­deln von Ta­rif­verträgen be­ste­hen und ins­be­son­de­re Beschäftig­te in Schlüssel­po­si­tio­nen im Be­trieb ih­re For­de­run­gen nicht völlig los­gelöst von den In­ter­es­sen der an­de­ren Beschäftig­ten gel­tend ma­chen können. Der Ge­setz­ge­ber hat die schar­fe Sank­ti­on der Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags bei Über­schnei­dun­gen nor­miert, um die Ge­werk­schaf­ten zur Ko­ope­ra­ti­on zu be­we­gen und es so gar nicht erst zur Ta­rif­kol­li­si­on im Be­trieb kom­men zu las­sen. Es er­scheint nicht aus­ge­schlos­sen, dass die Re­ge­lun­gen den be­zweck­ten Ko­or­di­nie­rungs­an­reiz tatsächlich ent­fal­ten. Je­den­falls ist nicht er­kenn­bar, dass ei­ne völli­ge Fehl­einschätzung sei­tens des Ge­setz­ge­bers vor­ge­le­gen hätte.
161 Die mit den Ver­fas­sungs­be­schwer­den vor­ge­brach­ten Einwände grei­fen in­so­weit nicht durch. Ins­be­son­de­re der Ein­wand, das Ge­setz knüpfe an den Be­trieb an und da­mit nicht an das für die Ta­rif­po­li­tik zen­tra­le Un­ter­neh­men, stellt die ver­fas­sungs­recht­li­che Eig­nung nicht in Fra­ge. Ei­ne Lösung von Ta­rif­kol­li­sio­nen im Be­trieb kann ei­nen Bei­trag da­zu leis­ten, in Teil­be­rei­chen ei­ne de­struk­ti­ve Ent­wick­lung im Ta­rif­ver­trags­sys­tem zu ver­hin­dern und des­sen Funk­ti­onsfähig­keit zu stärken. Auch der Ein­wand, ei­ne Ta­rif­ein­heits­re­ge­lung nur für den Be­trieb schwäche den Flächen­ta­rif­ver­trag, stellt die Eig­nung der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen, ei­nen An­reiz für die Selbst­ko­or­di­na­ti­on der kon­kur­rie­ren­den Ge­werk­schaf­ten zu set­zen, nicht in Fra­ge.
162 cc) Ge­gen die Er­for­der­lich­keit der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen be­ste­hen kei­ne ver­fas­sungs­recht­lich durch­grei­fen­den Be­den­ken. Der Ge­setz­ge­ber verfügt auch in­so­weit über ei­nen Be­ur­tei­lungs- und Pro­gno­se­spiel­raum. Da­her können Maßnah­men, die der Ge­setz­ge­ber zum Schutz ei­nes wich­ti­gen Zie­les für er­for­der­lich hält, ver­fas­sungs­recht­lich nur be­an­stan­det wer­den, wenn nach den ihm be­kann­ten Tat­sa­chen und im Hin­blick auf die bis­he­ri­gen Er­fah­run­gen fest­stell­bar ist, dass Re­ge­lun­gen, die als Al­ter­na­ti­ven in Be­tracht kom­men, die glei­che Wirk­sam­keit ver­spre­chen, die Be­trof­fe­nen in­des­sen we­ni­ger be­las­ten (vgl. BVerfGE 116, 202 <225>; stRspr). Hier steht je­den­falls kein ein­deu­tig sach­lich gleich­wer­ti­ges, al­so zwei­fels­frei gleich wirk­sa­mes, die Grund­rechts­be­rech­tig­ten aber we­ni­ger be­ein­träch­ti­gen­des Mit­tel zur Verfügung, um den mit dem Ge­setz ver­folg­ten Zweck zu er­rei­chen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prüft hier nicht, ob es bes­se­re Lösun­gen für die hin­ter ei­nem Ge­setz ste­hen­den Pro­ble­me gibt. Der Ge­setz­ge­ber hat sei­nen Be­ur­tei­lungs- und Pro­gno­se­spiel­raum nicht ver­letzt.
163 (1) Der Ge­setz­ge­ber hat sich be­wusst ge­gen al­ter­na­ti­ve Re­ge­lun­gen (oben A II 3 b Rn. 10) zum Um­gang mit Pro­ble­men ent­schie­den, die aus der Kon­kur­renz un­ter­schied­li­cher Ge­werk­schaf­ten und dem Ab­schluss meh­re­rer Ta­rif­verträge mit Gel­tung in ei­nem Be­trieb er­wach­sen können. Er hält das in der ar­beits­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ver­wen­de­te Spe­zia­litätsprin­zip wie auch ein Mo­dell so­ge­nann­ter „dy­na­mi­scher Re­präsen­ta­ti­vität“ nicht für gleich wirk­sam und auch nicht für mil­der als das Mehr­heits­prin­zip; auch ei­ne auf be­stimm­te Be­rei­che wie na­ment­lich die Da­seins­vor­sor­ge be­schränk­te Re­ge­lung wird nicht als gleich wirk­sam an­ge­se­hen. Nicht auf­ge­grif­fen hat der Ge­setz­ge­ber auch die wei­te­ren Vor­schläge zur Ein­be­zie­hung der Min­der­heits­ge­werk­schaft in die Ta­rif­ver­hand­lun­gen zwi­schen Ar­beit­ge­bern und Mehr­heits­ge­werk­schaft, zu ei­ner Syn­chro­ni­sie­rung der Lauf­zei­ten von Ta­rif­verträgen, zu der Vor­ga­be ei­ner Streikführer­schaft der Mehr­heits­ge­werk­schaft oder zur Eta­blie­rung ei­ner be­son­de­ren Sch­lich­tung oder zur Ein­schränkung des Ar­beits­kampf­rech­tes in Be­rei­chen der Da­seins­vor­sor­ge. Dass es sich da­bei um gleich wirk­sa­me und ein­deu­tig we­ni­ger be­las­ten­de Re­ge­lun­gen han­del­te, ist nicht fest­stell­bar.
164 Auch steht mit der An­for­de­rung der Ta­riffähig­keit ein von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­tes ta­rif­ver­trags­recht­li­ches In­stru­ment zur Verfügung, ge­wis­se de­struk­ti­ve Ent­wick­lun­gen in der Ta­rif­po­li­tik zu ver­hin­dern. So si­chert die Recht­spre­chung zur Ta­riffähig­keit, dass nicht je­de Split­ter­ver­ei­ni­gung Ta­rif­verträge erkämp­fen und ab­sch­ließen kann, denn ta­riffähig ist nur die­je­ni­ge Ver­ei­ni­gung, die ein Min­dest­maß an Ver­hand­lungs­ge­wicht und al­so ei­ne ge­wis­se Durch­set­zungs­kraft ge­genüber dem so­zia­len Ge­gen­spie­ler auf­weist (vgl. BVerfGE 58, 233 <248 f.>; 100, 214 <223>; näher BAG, Be­schluss vom 6. Ju­ni 2000 - 1 ABR 10/99 -, ju­ris, Rn. 34; Be­schluss vom 14. De­zem­ber 2010 - 1 ABR 19/10 -, ju­ris, Rn. 81). Die Re­geln des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes ver­mag dies aber of­fen­kun­dig nicht zu er­set­zen. Ei­ne sol­che, durch­set­zungs­schwa­che Ge­werk­schaf­ten aus dem Ta­rif­ge­sche­hen ver­drängen­de An­for­de­rung ist kein ge­eig­ne­tes Mit­tel ge­gen die Aus­nut­zung be­trieb­li­cher Schlüssel­po­si­tio­nen durch ein­zel­ne in­so­weit durch­set­zungs­star­ke Ge­werk­schaf­ten.
165 (2) Der Ein­wand, tatsächlich sei die Ta­rif­au­to­no­mie durch Ta­rif­kol­li­sio­nen nicht gefähr­det und ei­ne Re­ge­lung da­her nicht er­for­der­lich, greift ver­fas­sungs­recht­lich nicht durch. Der Ge­setz­ge­ber ist nicht dar­auf be­schränkt, ge­gen be­reits ein­ge­tre­te­ne Funk­ti­onsstörun­gen vor­zu­ge­hen, son­dern verfügt auch mit Blick auf dro­hen­de Funk­ti­onsstörun­gen über ei­nen Einschätzungs­spiel­raum (oben C III 3 b aa (2) (b) Rn. 157). Den Ge­setz­ge­ber trifft die po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für ei­ne zu­tref­fen­de Er­fas­sung und Be­wer­tung der maßge­ben­den Fak­to­ren. Ver­fas­sungs­recht­lich ist die­se so­lan­ge zu ak­zep­tie­ren, wie sich nicht deut­lich er­kenn­bar ab­zeich­net, dass ei­ne Fehl­einschätzung vor­ge­le­gen hat oder die an­ge­grif­fe­ne Maßnah­me von vorn­her­ein dar­auf hin­ausläuft, ein vor­han­de­nes Gleich­ge­wicht der Kräfte zu stören oder ein Un­gleich­ge­wicht zu verstärken (vgl. BVerfGE 92, 365 <396>) oder sonst ge­gen ver­fas­sungs­recht­li­che Vor­ga­ben zu ver­s­toßen. Das ist hier nicht der Fall.
166 dd) Die mit den an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen sind im Er­geb­nis weit­ge­hend zu­mut­bar. Die Be­ein­träch­ti­gun­gen der Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Be­trof­fe­nen wie­gen schwer (1). Doch ver­folgt der Ge­setz­ge­ber mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ge­wich­ti­ge Zie­le ge­ra­de auch im In­ter­es­se der Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie und mit dem Ziel des so­zia­len Aus­gleichs (2). In der Abwägung er­wei­sen sich die Be­ein­träch­ti­gun­gen des Art. 9 Abs. 3 GG bei teils ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­ner re­strik­ti­ver Aus­le­gung der Re­ge­lun­gen des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes als im We­sent­li­chen zu­mut­bar, weil sich die Be­las­tungs­wir­kun­gen so hin­rei­chend be­schränken las­sen (3). Mit Blick auf den Schutz der Ge­werk­schafts­mit­glie­der aus den Be­rufs­grup­pen, de­ren Ta­rif­ver­trag ver­drängt wird, genügt die Re­ge­lung al­ler­dings in­so­fern nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen, als sie kei­ne Schutz­vor­keh­run­gen ge­gen ei­ne ein­sei­ti­ge Ver­nachlässi­gung der An­gehöri­gen die­ser Be­rufs­grup­pen durch die je­wei­li­ge Mehr­heits­ge­werk­schaft vor­se­hen (4).
167 (1) Die mit den an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen ein­her­ge­hen­den Be­ein­träch­ti­gun­gen der Ko­ali­ti­ons­frei­heit wie­gen schwer. Das gilt so­wohl für die in § 4a Abs. 2 TVG an­ge­ord­ne­te Ver­drängungs­wir­kung selbst (a) als auch für die da­mit ein­her­ge­hen­den, vom Ge­setz­ge­ber be­ab­sich­tig­ten Vor­wir­kun­gen die­ser Re­ge­lung (b).
168 (a) § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG führt im Fall ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on zur Ver­drängung der Rechts­nor­men ei­nes ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trags. Der be­trof­fe­nen Ge­werk­schaft wird da­mit das von ihr Er­reich­te ge­nom­men und ihr Mit­glied hin­sicht­lich die­ses Ta­rif­ver­trags ta­rif­los ge­stellt. Den­noch ist die Ge­werk­schaft wei­ter an die Frie­dens­pflicht und die Ab­re­den zur Lauf­zeit ih­res ei­ge­nen Ta­rif­ver­trags ge­bun­den. Die da­mit ver­bun­de­nen Ver­lus­te können auch durch Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen nicht kom­pen­siert wer­den, da die Sperr­wir­kung der § 77 Abs. 3, § 87 Abs. 1 Be­trVG greift, die sich ent­we­der aus dem an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag oder der durch den ver­dräng­ten Ta­rif­ver­trag be­leg­ten Ta­rifüblich­keit er­gibt. Da­mit trifft § 4a Abs. 2 TVG die Ta­rif­au­to­no­mie als die zen­tra­le Betäti­gungs­form und den Zweck von Ko­ali­tio­nen schwer (oben C III 1 a Rn. 131); die Ver­drängung be­wirkt ei­ne Ent­wer­tung er­reich­ter Ta­rif­ab­schlüsse und be­ein­träch­tigt so den ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­ten Ta­rif­ver­trags­schutz.
169 (b) Von er­heb­li­chem Ge­wicht sind zu­dem die mit den be­ab­sich­tig­ten Vor­wir­kun­gen der Re­ge­lung ver­bun­de­nen Be­ein­träch­ti­gun­gen der Rech­te aus Art. 9 Abs. 3 GG im Vor­feld ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on. Die an­ge­grif­fe­ne Norm be­ein­träch­tigt so be­reits vor ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on die ta­rif­po­li­ti­sche Frei­heit der Ge­werk­schaf­ten und ih­rer Mit­glie­der, die in ei­nem Be­trieb struk­tu­rell oder so­gar of­fen­kun­dig le­dig­lich ei­ne Min­der­heit der Beschäftig­ten or­ga­ni­sie­ren. Für sie be­steht die Ge­fahr, dass sie vom so­zia­len Ge­gen­spie­ler von vorn­her­ein nicht mehr als Ta­rif­part­ner ernst­ge­nom­men wer­den, weil klar oder je­den­falls wahr­schein­lich ist, dass die von ih­nen ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträge nicht zur An­wen­dung kom­men. Die­se Ge­werk­schaf­ten ver­lie­ren an At­trak­ti­vität und Mo­bi­li­sie­rungs­kraft für den Ar­beits­kampf. Mit dem po­ten­ti­el­len Be­deu­tungs­ver­lust und der nach­las­sen­den Ge­stal­tungs­kraft erhöht sich der Druck, die ta­rif­po­li­ti­sche Aus­rich­tung zu ändern. Aus­weis­lich der Stel­lung­nah­men und des Vor­brin­gens in der münd­li­chen Ver­hand­lung ist in Be­trie­ben der­zeit häufig kei­ne Kennt­nis darüber vor­han­den, wel­che Ge­werk­schaft im Verhält­nis zu an­de­ren nach ih­rer Sat­zung über­schnei­dend zuständi­gen Ge­werk­schaf­ten ei­ne Mehr­heit der Beschäftig­ten or­ga­ni­siert. Aus die­ser Un­kennt­nis über die ei­ge­ne re­la­ti­ve Stärke re­sul­tiert ei­ne Un­si­cher­heit über die Durch­setz­bar­keit ei­ge­ner Ta­rif­verträge und ei­ne ta­rif­po­li­ti­sche Schwächung. Dies ist ge­wollt, weil sie die Ver­hand­lungs- und Kom­pro­miss­be­reit­schaft im Sin­ne ei­nes ko­or­di­nier­ten und ko­ope­ra­ti­ven Vor­ge­hens der Ge­werk­schaf­ten fördern soll. Sie be­ein­träch­tigt die grund­recht­lich geschütz­te Frei­heit der in­ne­ren Or­ga­ni­sa­ti­on und Aus­rich­tung. Sind die Mehr­heits­verhält­nis­se hin­ge­gen be­kannt, ist die Ge­werk­schaft, die sich in ei­nem Be­trieb in der Min­der­heit be­fin­det, auf­grund der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen erst recht ge­schwächt, denn dann ist of­fen­kun­dig, dass sie sich in die­sem Be­trieb nicht wird durch­set­zen können.
170 (c) Ei­ne zusätz­li­che Be­ein­träch­ti­gung der ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Betäti­gungs­frei­heit durch die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen liegt schließlich dar­in, dass mit dem Be­schluss­ver­fah­ren zum Kol­li­si­ons­fall nach § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 ArbGG das Ri­si­ko ein­her­geht, of­fen­ba­ren zu müssen, wie hoch die Zahl der Mit­glie­der ist, und da­mit die Kampfstärke in dem Be­trieb of­fen zu le­gen.
171 (2) Das Ta­rif­ein­heits­ge­setz soll die struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen dafür schaf­fen und er­hal­ten, dass Ta­rif­ver­hand­lun­gen ei­nen fai­ren Aus­gleich ermögli­chen. Weil sich der Staat ei­ner ma­te­ri­el­len Re­ge­lung der Löhne und sons­ti­ger Ar­beits­be­din­gun­gen grundsätz­lich enthält und de­ren Aus­hand­lung den Ta­rif­part­nern überlässt, kann er die struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen die­ser Aus­hand­lung re­geln; aus Art. 9 Abs. 3 GG fol­gen ei­ne ent­spre­chen­de Aus­ge­stal­tungs­be­fug­nis und ge­ge­be­nen­falls ein Aus­ge­stal­tungs­auf­trag (oben C III 3 a bb Rn. 144). Die Si­che­rung der Be­din­gun­gen ei­nes funk­ti­onsfähi­gen Ta­rif­ver­trags­sys­tems auch nur auf der Sei­te der Ge­werk­schaf­ten ist von er­heb­li­cher Be­deu­tung dafür, die mit der Ko­ali­ti­ons­frei­heit ver­bun­de­nen Zwe­cke auch tatsächlich zu er­rei­chen. Wie re­al und wie weit­ge­hend die­se Gefähr­dun­gen oh­ne ent­spre­chen­de Re­ak­tio­nen des Ge­setz­ge­bers sind, hat der Ge­setz­ge­ber im Rah­men sei­nes Einschätzungs- und Pro­gno­se­spiel­raums (oben C III 3 a ee Rn. 149) zu be­wer­ten. Dass der Ge­setz­ge­ber die­sen Spiel­raum über­schrit­ten hätte, ha­ben die Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren nicht er­ge­ben.
172 (3) Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes be­ein­träch­ti­gen mit ih­ren Vor­wir­kun­gen auf die Or­ga­ni­sa­ti­on, ta­rif­po­li­ti­sche Aus­rich­tung und Ver­hand­lungsfähig­keit der Ge­werk­schaf­ten und im Fall der Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags mit der Ent­wer­tung des Ver­hand­lungs­er­geb­nis­ses der Min­der­heits­ge­werk­schaft die Ta­rif­au­to­no­mie er­heb­lich. Auch un­ter Berück­sich­ti­gung des ho­hen Ge­wichts der mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­folg­ten Zie­le er­wei­sen sich die­se Be­las­tun­gen in der Ge­samt­abwägung nur dann als zu­mut­bar, wenn ih­nen durch ei­ne re­strik­ti­ve Aus­le­gung der Ver­drängungs­re­ge­lung und ih­rer ver­fah­rens­recht­li­chen Ein­bin­dung Schärfen ge­nom­men wer­den. Teils ist die ein­schränken­de Aus­le­gung und Hand­ha­bung für sich ge­nom­men ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­ten. Im Übri­gen hat der Se­nat für die Be­ur­tei­lung der Zu­mut­bar­keit ei­ne re­strik­ti­ve Aus­le­gung der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen zu­grun­de ge­legt, die als sol­che nicht von Ver­fas­sungs we­gen ge­bo­ten ist. So­weit die Fach­ge­rich­te hier zu an­de­ren Er­geb­nis­sen kom­men, ha­ben die­se die Zu­mut­bar­keit der Re­ge­lun­gen auch in ih­rer Ge­samt­be­las­tung im Blick auf Art. 9 Abs. 3 GG zu berück­sich­ti­gen. So­weit Re­ge­lun­gen zum Be­rufs­grup­pen­schutz feh­len, be­darf es der ge­setz­li­chen Nach­bes­se­rung.
173 Dafür ist von Be­deu­tung, dass die Vor­ga­be der Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags nach § 4a Abs. 2 TVG, so­fern sie schon kraft Ge­set­zes ein­tritt, doch un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ab­be­dun­gen wer­den kann (a). Der kol­li­die­ren­de Min­der­heits­ta­rif­ver­trag wird grundsätz­lich vollständig ver­drängt, doch ist die Ver­drängungs­re­ge­lung re­strik­tiv aus­zu­le­gen und die Ver­drängungs­wir­kung mehr­fach be­schränkt (b). Ta­rif­ver­trag­lich ga­ran­tier­te Leis­tun­gen be­son­de­rer Qua­lität müssen ge­genüber der Ver­drängungs­wir­kung Be­stand ha­ben, um un­zu­mut­ba­re Härten zu ver­mei­den (c). Kommt es zur Ver­drängung der An­wend­bar­keit ei­nes Ta­rif­ver­trags, lebt er grundsätz­lich wie­der auf, wenn der ver­drängen­de Ta­rif­ver­trag en­det (d). Die Re­ge­lung des § 4a Abs. 4 TVG zum An­spruch auf Nach­zeich­nung, der den durch die Ver­drängung er­lit­te­nen Rechts­ver­lust teil­wei­se aus­glei­chen soll, ist ent­spre­chend dem Um­fang der Ver­drängung weit aus­zu­le­gen (e). Wer­den die Vor­ga­ben ei­ner Be­kannt­ga­be von Ta­rif­ver­hand­lun­gen im Be­trieb nach § 4a Abs. 5 Satz 1 TVG und ei­ner Anhörung kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten nach § 4a Abs. 5 Satz 2 TVG ver­letzt, lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen der Ver­drängung nicht vor (f). Das ar­beits­ge­richt­li­che Be­schluss­ver­fah­ren nach § 99 ArbGG ist so zu führen, dass die Mit­glie­derstärke der Ge­werk­schaf­ten nach Möglich­keit nicht of­fen ge­legt wird (g).
174 (a) Das Ge­wicht der Be­ein­träch­ti­gung ist da­durch re­la­ti­viert, dass es die Be­trof­fe­nen in ge­wis­sem Maße selbst in der Hand ha­ben, ob es zur Ver­drängungs­wir­kung kommt oder nicht.
175

(aa) Zwar tritt die Ver­drängungs­wir­kung nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG nach der­zeit wohl über­wie­gen­der Auf­fas­sung kraft Ge­set­zes ein, so­bald es zur Ta­rif­kol­li­si­on kommt (vgl. u.a. Fran­zen, in: ErfK, 17. Aufl. 2017, § 4a TVG Rn. 17; Gie­sen, in: Be­ckOK ArbR, 43. Ed., § 4a TVG Rn. 21; Be­p­ler, in: Boecken/Düwell/Dil­ler/ Ha­nau, Ge­sam­tes Ar­beits­recht, 1. Aufl. 2016, § 4a TVG Rn. 55; a.A. Löwisch, NZA 2015, S. 1369 f.; Grei­ner, in: Hens­s­ler/Moll/Be­p­ler, Der Ta­rif­ver­trag, 2. Aufl. 2016, Teil 9 Rn. 112a). Die Ver­drängung ist da­nach nicht von ei­ner Fest­stel­lung des Ar­beits­ge­richts nach § 99 ArbGG abhängig. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ha­ben es dem­nach nicht in der Hand, die Ver­drängungs­wir­kung da­durch zu ver­mei­den, dass sie kei­nen An­trag nach § 99 ArbGG stel­len. Ei­ne ge­richt­li­che Ent­schei­dung da­zu, wel­cher Ta­rif­ver­trag in ei­nem Be­trieb als von der Mehr­heits­ge­werk­schaft ge­schlos­sen zur An­wen­dung kommt, kann viel­mehr oh­ne Zu­tun der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en im ar­beits­recht­li­chen In­di­vi­du­al­rechts­streit er­fol­gen.

176 Dass der Ge­setz­ge­ber als maßgeb­li­chen Zeit­punkt der Kol­li­si­on in § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG auf den Ab­schluss des kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags ab­stellt, spricht auch dafür, die Ver­drängungs­wir­kung auf die­sen Zeit­punkt zu be­zie­hen; ab dann be­steht kein An­spruch mehr auf von der Min­der­heit im Be­trieb ta­rif­lich ver­ein­bar­te Leis­tun­gen. Zwin­gend ge­bo­ten ist die­se Aus­le­gung in­des­sen von Ver­fas­sungs we­gen nicht.
177 (bb) Ein­flussmöglich­kei­ten der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en be­ste­hen je­doch in­so­fern, als die Re­ge­lung des § 4a TVG ta­rif­dis­po­si­tiv ist.
178 Für die An­nah­me, dass die Kol­li­si­ons­norm des § 4a TVG zur Dis­po­si­ti­on der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en steht (so auch Be­p­ler, in: Däubler/Be­p­ler, Das neue Ta­rif­ein­heits­recht, 1. Aufl. 2016, Rn. 291 ff.; Berg, in: Berg/Ko­cher/Schu­mann, TVG und Ar­beits­kampf­recht, 5. Aufl. 2015, § 4a Rn. 38; a.A. Grei­ner, NZA 2015, S. 769 <774 f.>; Schlie­mann, NZA 2015, S. 1298), spricht, dass der Ge­setz­ge­ber mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz in ers­ter Li­nie auf ei­ne Selbst­steue­rung der Ge­werk­schaf­ten zielt, um über die Vor­wir­kung die­ser Re­ge­lung ei­ne Kol­li­si­on mit der Fol­ge des Ta­rif­ver­lusts zu ver­mei­den. Auch ei­ne Aus­le­gung des § 4a TVG im Lich­te der grund­recht­lich geschütz­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit spricht für des­sen Verständ­nis als dis­po­si­ti­ve Re­ge­lung, weil dies die Spielräume der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en erhöht.
179 Al­ler­dings müssen al­le von der Kol­li­si­ons­norm po­si­tiv oder ne­ga­tiv be­trof­fe­nen Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ver­ein­ba­ren, die Re­ge­lung des § 4a TVG aus­zu­sch­ließen. In­so­weit müssen al­so al­le in ei­nem Be­trieb kol­li­die­rend ta­ri­fie­ren­den Ge­werk­schaf­ten und der Ar­beit­ge­ber übe­r­ein­kom­men. Dies ent­spricht im Er­geb­nis der in § 4a Abs. 2 Satz 1 TVG ge­trof­fe­nen Ent­schei­dung des Ge­setz­ge­bers, Ta­rifp­lu­ra­lität grundsätz­lich zu ak­zep­tie­ren. Die­se Dis­po­si­ti­vität steht im Ein­klang mit dem Ziel des Art. 9 Abs. 3 GG, die Aus­ge­stal­tung ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen so weit wie möglich den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en oh­ne staat­li­che In­ge­renz zu über­las­sen.
180 (b) Die Zu­mut­bar­keit der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lung hängt auch da­von ab, wie weit die Ver­drängungs­wir­kung des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG reicht. Im Er­geb­nis ist die Ver­drängungs­wir­kung nach ih­rer ge­setz­li­chen Aus­ge­stal­tung mehr­fach be­schränkt.
181 (aa) § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG re­gelt die Ver­drängung des kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags der Min­der­heits­ge­werk­schaft, so­weit ei­ne Über­schnei­dung mit dem Ta­rif­ver­trag der Mehr­heits­ge­werk­schaft in räum­li­cher, zeit­li­cher, be­trieb­lich-fach­li­cher und persönli­cher Hin­sicht vor­liegt. So­weit der Mehr­heits­ta­rif­ver­trag in dem­sel­ben Be­trieb für die glei­che Be­rufs­grup­pe Re­ge­lun­gen des Ar­beits­verhält­nis­ses enthält, die mit nicht in­halts­glei­chen Re­ge­lun­gen des Min­der­heits­ta­rif­ver­trags kol­li­die­ren, wird der Min­der­heits­ta­rif­ver­trag grundsätz­lich ins­ge­samt, al­so nicht be­schränkt auf den Kol­li­si­ons­be­reich, ver­drängt. Denn die An­wen­dung der Kol­li­si­ons­re­gel setzt nicht vor­aus, dass sich die Re­ge­lungs­ge­genstände der sich persönlich über­schnei­den­den Ta­rif­verträge völlig de­cken (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 13; BT­Drucks 18/4156, S. 10). Das zeigt schon der Ver­gleich mit § 4a Abs. 3 TVG, der ei­ne in­halt­li­che Über­schnei­dung for­dert, und mit § 4a Abs. 4 Satz 2 TVG, der ei­ne Über­schnei­dung von Gel­tungs­be­rei­chen und Rechts­nor­men vor­aus­setzt, wo­hin­ge­gen in § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG nur von der Über­schnei­dung im „Gel­tungs­be­reich“ die Re­de ist. Die in § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG ge­re­gel­te Ver­drängung er­fasst dann nur die Rechts­nor­men des Min­der­heits­ta­rif­ver­trags, al­so In­halts-, Be­triebs- und be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Nor­men vor­be­halt­lich der Son­der­re­ge­lung in § 4a Abs. 3 TVG, nicht aber schuld­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen. An die Frie­dens­pflicht des ver­dräng­ten Ta­rif­ver­trags sind die Mit­glie­der der Min­der­heits­ge­werk­schaft al­so wei­ter­hin ge­bun­den.
182 So­weit hin­ge­gen kei­ne Über­schnei­dung im persönli­chen Gel­tungs­be­reich zwei­er Ta­rif­verträge vor­liegt, be­steht kei­ne Ta­rif­kol­li­si­on; es gel­ten dann bei­de Ta­rif­verträge je­weils für die Per­so­nen, für die nur sie Re­ge­lun­gen ge­trof­fen ha­ben. Da­mit blei­ben ins­be­son­de­re be­rufs­grup­pen­spe­zi­fi­sche Ta­rif­leis­tun­gen er­hal­ten, wenn ei­ne Bran­chen­ge­werk­schaft im Be­trieb für an­de­re und even­tu­ell auch größere Tei­le der Be­leg­schaft ta­ri­fiert, aber eben nicht für die­je­ni­gen, die in der in die­sem Be­trieb we­ni­ger stark ver­tre­te­nen, aber nicht über­schnei­dend ta­ri­fie­ren­den Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert sind.
183 Nach § 4a Abs. 3 TVG gilt die Ver­drängung für be­stimm­te be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Nor­men auch nur, so­weit ei­ne in­halt­li­che Über­schnei­dung vor­liegt; da­mit will der Ge­setz­ge­ber die Kon­ti­nuität ta­rif­ver­trag­lich ge­schaf­fe­ner be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Ver­tre­tungs­struk­tu­ren si­chern (BT­Drucks 18/4062, S. 14).
184 An ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on fehlt es zu­dem von vorn­her­ein, wenn auf ei­nen an­de­ren Ta­rif­ver­trag le­dig­lich ar­beits­ver­trag­lich Be­zug ge­nom­men wird, denn dann er­gibt sich die Bin­dung aus dem Ver­trag und nicht aus § 3 TVG; es kommt nicht zur Ver­drängung.
185 In an­de­ren Be­trie­ben bleibt nach dem be­triebs­be­zo­ge­nen Kon­zept des Ge­setz­ge­bers ein in ei­nem Be­trieb ver­dräng­ter Ta­rif­ver­trag an­wend­bar.
186 (bb) Darüber hin­aus sind die Ar­beits­ge­rich­te, um die Zu­mut­bar­keit der mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ein­her­ge­hen­den Be­ein­träch­ti­gun­gen der Rech­te aus Art. 9 Abs. 3 GG zu wah­ren, ge­hal­ten, die sich im Gel­tungs­be­reich in ei­nem Be­trieb über­schnei­den­den Ta­rif­verträge im Kol­li­si­ons­fall mit dem Ziel der größtmögli­chen Scho­nung der durch ei­ne Ver­drängung be­ein­träch­tig­ten Grund­rechts­po­si­tio­nen aus­zu­le­gen. Re­ge­lun­gen wer­den ins­be­son­de­re dann nicht ver­drängt, wenn und so­weit es dem Wil­len der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des Mehr­heits­ta­rif­ver­trags ent­spricht, ei­ne ent­spre­chen­de Ergänzung ih­rer Re­ge­lun­gen durch Ta­rif­verträge kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten zu­zu­las­sen (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 13). Die­ser Wil­le kann aus­drück­lich do­ku­men­tiert sein, aber auch im­pli­zit zum Aus­druck kom­men. Be­steht al­so Grund zu der An­nah­me, dass Re­ge­lun­gen kol­li­die­ren­der Ta­rif­verträge ne­ben­ein­an­der be­ste­hen sol­len oder bei ob­jek­ti­vie­ren­der Sicht nicht in den Ge­samt­kom­pro­miss der aus­ge­han­del­ten Leis­tun­gen ein­ge­stellt wur­den, fin­det die Ver­drängung dort aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Gründen zum Schutz ei­nes ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trags nicht statt. So muss die Ver­drängungs­wir­kung nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Gründen auf das be­schränkt wer­den, was auch ob­jek­tiv als an­ders ver­ein­bart an­zu­se­hen ist. Ei­ne Ver­drängung fin­det al­so ih­re Gren­ze, so­weit sub­jek­tiv aus Sicht der Mehr­heits­ge­werk­schaft oder aus ei­ner ob­jek­ti­vier­ten Per­spek­ti­ve ne­ben dem an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag wei­te­re in­halt­li­che Re­ge­lun­gen an­wend­bar blei­ben sol­len. Das ist der Fall, wenn Ta­rif­leis­tun­gen nicht er­kenn­bar un­ter­ein­an­der ver­knüpft sind, weil sie zu ganz ver­schie­de­nen Re­ge­lungs­kom­ple­xen gehören (vgl. zu ge­schlos­se­nen Re­ge­lungs­sys­te­men für be­stimm­te Per­so­nen­krei­se BAG, Ur­teil vom 6. Mai 2009 - 10 AZR 390/08 -, ju­ris, Rn. 29 ff.).
187 (c) Mit dem durch Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­ten Be­stands­schutz für ta­rif­ver­trag­lich ga­ran­tier­te Leis­tun­gen un­ver­ein­bar wäre - auch un­be­scha­det ei­nes un­ter Umständen aus Art. 14 Abs. 1 oder Art. 2 Abs. 1 GG re­sul­tie­ren­den Schut­zes - der Ver­lust lang­fris­tig an­ge­leg­ter, die Le­bens­pla­nung der Beschäftig­ten berühren­der Ansprüche aus dem Min­der­heits­ta­rif­ver­trag durch des­sen Ver­drängung, oh­ne die Möglich­keit ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen im nach­zeich­nungsfähi­gen Mehr­heits­ta­rif­ver­trag zu er­hal­ten. Das be­trifft länger­fris­tig be­deut­sa­me Leis­tun­gen, auf die sich Beschäftig­te in ih­rer Le­bens­pla­nung ty­pi­scher­wei­se ein­stel­len und auf de­ren Be­stand sie be­rech­tig­ter­wei­se ver­trau­en. Der er­satz­lo­se Ver­lust oder die sub­stan­ti­el­le Ent­wer­tung in­so­weit be­reits er­wor­be­ner Ansprüche oder An­wart­schaf­ten in­fol­ge ei­ner Ver­drängung des zu­grun­de lie­gen­den Ta­rif­ver­trags würde un­verhält­nismäßig je­den­falls in die grund­recht­lich geschütz­te Teil­ha­be am Ta­rif­er­geb­nis ein­grei­fen. So läge ei­ne un­zu­mut­ba­re Härte zum Bei­spiel vor, wenn ei­ne ta­rif­ver­trag­lich ver­ein­bar­te, lang­fris­tig an­ge­leg­te Leis­tung zur Al­ters­si­che­rung, zur Ar­beits­platz­ga­ran­tie oder zur Le­bens­ar­beits­zeit, so­weit sie be­reits er­wor­ben ist, durch ei­nen ver­drängen­den Ta­rif­ver­trag ver­lo­ren gin­ge oder sub­stan­ti­ell ent­wer­tet würde, der dafür über­haupt kei­ne Re­ge­lung trifft. Des­glei­chen wäre es et­wa un­zu­mut­bar, wenn auf­grund ei­ner Kol­li­si­on nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG Beschäftig­te da­zu ge­zwun­gen wären, ei­ne un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­de oder be­reits be­gon­ne­ne be­ruf­li­che Bil­dungs­maßnah­me nicht wahr­neh­men zu können oder ab­bre­chen zu müssen.
188 Der Ge­setz­ge­ber hat in § 4a TVG kei­ne Vor­keh­run­gen ge­trof­fen, die si­cher­stel­len, dass sol­che un­zu­mut­ba­ren Härten ver­mie­den wer­den. Die Ge­rich­te müssen von Ver­fas­sungs we­gen bei der An­wen­dung des für die wei­te­re Gewährung sol­cher länger­fris­tig an­ge­leg­ter Leis­tun­gen maßgeb­li­chen Rechts si­cher­stel­len, dass es zu die­sen Härten nicht kommt. Soll­te dies nach gel­ten­dem Recht nicht möglich sein, wären die ent­ge­gen­ste­hen­den Re­ge­lun­gen dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach Art. 100 Abs. 1 GG zur Kon­trol­le ih­rer Ver­fas­sungsmäßig­keit vor­zu­le­gen. Nöti­gen­falls ist der Ge­setz­ge­ber ge­hal­ten, die Zu­mut­bar­keit der Ver­drängung sol­cher Leis­tun­gen zu si­chern.
189 (d) Die be­ein­träch­ti­gen­de Wir­kung der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen wird wei­ter da­durch be­schränkt, dass § 4a Abs. 2 TVG in der Wei­se aus­zu­le­gen ist, dass ei­ne Ver­drängung nur so­lan­ge an­dau­ert, wie der ver­drängen­de Ta­rif­ver­trag läuft und kein wei­te­rer Ta­rif­ver­trag eben­falls ei­ne Ver­drängung be­wirkt. Der ver­dräng­te Ta­rif­ver­trag lebt folg­lich für die Zu­kunft wie­der auf, wenn die Lauf­zeit des ver­drängen­den Ta­rif­ver­trags en­det (vgl. so auch Tre­ber, in: Schaub, Ar­bRHdb, 16. Aufl. 2015, § 203 Rn. 58; Berg, in: Berg/Ko­cher/Schu­mann, TVG und Ar­beits­kampf­recht, 5. Aufl. 2015, § 4a Rn. 46; Fran­zen, in: ErfK, 17. Aufl. 2017, § 4a Rn. 7 f.). Ob und wie­weit - wie in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­tra­gen - ein Wie­der­auf­le­ben zur Ver­mei­dung ei­nes ab­seh­bar kurz­fris­ti­gen Sprin­gens zwi­schen ver­schie­de­nen Ta­rif­wer­ken für ei­ne be­grenz­te Zeit auch im Rah­men der Nach­wir­kung des Mehr­heits­ta­rif­ver­trags aus­zu­sch­ließen ist, ob­liegt der Be­ur­tei­lung der Fach­ge­rich­te.
190 (e) Die Nach­zeich­nungs­op­ti­on in Be­zug auf den Mehr­heits­ta­rif­ver­trag aus § 4a Abs. 4 TVG mil­dert die Be­las­tungs­wir­kun­gen der Ver­drängungs­re­ge­lung für die Be­trof­fe­nen. Die Re­ge­lung be­darf, um die Zu­mut­bar­keit der Ver­drängungs­wir­kung zu si­chern, von Ver­fas­sungs we­gen ei­ner wei­ten Aus­le­gung.
191 Der Nach­zeich­nungs­an­spruch kann nach Maßga­be des § 4a Abs. 4 TVG nur gel­tend ge­macht wer­den, wenn zwei kol­li­die­ren­de Ta­rif­verträge tatsächlich ab­ge­schlos­sen wor­den sind. Er ist je­doch nicht da­von abhängig, dass der Ta­rif­ver­trag der nach­zeich­nen­den Ge­werk­schaft tatsächlich ver­drängt wird, sie al­so im Be­trieb tatsächlich ei­ne Min­der­heit der Beschäftig­ten or­ga­ni­siert. Aus Gründen der Prak­ti­ka­bi­lität genügt viel­mehr, dass ei­ne Ge­werk­schaft po­ten­ti­ell ei­nen Nach­teil er­lei­den könn­te (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 14), oh­ne dass im Zeit­punkt der Nach­zeich­nung die Mehr­heits­verhält­nis­se im Be­trieb be­reits ab­sch­ließend geklärt sein müss­ten (vgl. Gie­sen, in: Be­ckOK ArbR, 43. Ed., § 4a TVG Rn. 23).
192 In­halt und Um­fang des Nach­zeich­nungs­an­spruchs er­ge­ben sich aus § 4a Abs. 4 Satz 2 TVG. Die Re­ge­lung sieht ei­ne Nach­zeich­nung des an­ge­streb­ten Ta­rif­ver­trags vor, so­weit sich die Gel­tungs­be­rei­che und Rechts­nor­men der Ta­rif­verträge über­schnei­den. Dies darf nicht da­hin ver­stan­den wer­den, dass ei­ne Nach­zeich­nung sich nur auf sol­che Ge­genstände er­stre­cken kann, für die in dem ver­dräng­ten Ta­rif­ver­trag aus­drück­lich Re­ge­lun­gen ge­trof­fen wur­den. Bei die­sem Verständ­nis wäre das Nach­zeich­nungs­recht ei­ner Ge­werk­schaft nur auf den tatsächli­chen Über­schnei­dungs­be­reich der Ta­rif­verträge be­schränkt, während die Ver­drängung im Kol­li­si­ons­fall nach § 4a Abs. 2 TVG grundsätz­lich um­fas­send auch jen­seits des sach­li­chen Über­schnei­dungs­be­reichs gel­ten würde.
193 Ei­ne sol­che Aus­le­gung ist mit Art. 9 Abs. 3 GG nicht ver­ein­bar. Der An­spruch auf ei­ne der­art asym­me­tri­sche Teil­nach­zeich­nung kann den Ver­lust der ver­fas­sungs­recht­lich ge­si­cher­ten Rechts­po­si­tio­nen der­je­ni­gen Ge­werk­schaft, de­ren Ta­rif­ver­trag ver­drängt wird, nicht kom­pen­sie­ren. Die Ein­engung des Nach­zeich­nungs­rechts auf den tatsächli­chen Über­schnei­dungs­be­reich hätte zur Fol­ge, dass die von der Ver­drängung be­droh­te oder be­trof­fe­ne Ge­werk­schaft und ih­re Mit­glie­der jen­seits des Über­schnei­dungs­be­reichs er­satz­los verlöre, was sie selbst in ih­rem Ta­rif­ver­trag er­reicht ha­ben, die an­de­re Ge­werk­schaft je­doch - be­ab­sich­tigt oder un­be­ab­sich­tigt - nicht in ih­ren Ta­rif­ver­trag ein­be­zo­gen hat. Es bestünde kein An­spruch auf Leis­tun­gen, die im Ge­samt­pa­ket der ta­rif­li­chen Ver­ein­ba­rung der an­de­ren Ge­werk­schaft ent­hal­ten, im Ver­trag der nach­zeich­nen­den Ge­werk­schaft aber nicht ge­re­gelt sind.
194 Tragfähi­ge Gründe für die Ein­schränkung der Nach­zeich­nung auf den tatsächli­chen Über­schnei­dungs­be­reich sind we­der im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren noch im Rah­men der Ver­fas­sungs­be­schwer­den vor­ge­bracht wor­den und auch sonst nicht er­kenn­bar. Viel­mehr ist § 4a Abs. 4 Satz 2 TVG zum Schutz der Rech­te aus Art. 9 Abs. 3 GG ver­fas­sungs­kon­form da­hin aus­zu­le­gen, dass die Ge­werk­schaft, de­ren Ta­rif­ver­trag im Be­trieb auf­grund ei­ner Kol­li­si­on nicht an­wend­bar ist oder sein wird, ei­nen An­spruch auf Nach­zeich­nung des ver­drängen­den Ta­rif­ver­trags in sei­ner Ge­samt­heit hat. So kor­re­spon­diert das Nach­zeich­nungs­recht zu­min­dest mit der Reich­wei­te der Ver­drängung, kann aber auch über die In­hal­te des ei­ge­nen Ta­rif­ver­trags hin­aus­ge­hen. Der Ver­lust des selbst aus­ge­han­del­ten Ge­samt­pa­ke­tes wird ge­ra­de durch die Op­ti­on in Gren­zen ge­hal­ten, sich in der Sa­che dem ge­sam­ten an­de­ren Ta­rif­ver­trag an­zu­sch­ließen (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 9; zum An­schluss­ta­rif­ver­trag BAG, Be­schluss vom 28. März 2006 - 1 ABR 58/04 -, ju­ris, Rn. 72 f.).
195 (f) Die Be­ein­träch­ti­gung des Grund­rechts aus Art. 9 Abs. 3 GG durch die Ver­drängung ab­ge­schlos­se­ner Ta­rif­verträge wird durch Ver­fah­rens- und Be­tei­li­gungs­rech­te ge­min­dert, die der be­trof­fe­nen Ge­werk­schaft in § 4a Abs. 5 TVG ein­geräumt sind. So ist der Ar­beit­ge­ber nach § 4a Abs. 5 Satz 1 TVG ver­pflich­tet, die Auf­nah­me von Ta­rif­ver­hand­lun­gen recht­zei­tig und in ge­eig­ne­ter Wei­se im Be­trieb be­kannt zu ge­ben; zu­dem hat die nicht selbst ver­han­deln­de, aber nach ih­rer Sat­zung auch ta­rif­zuständi­ge Ge­werk­schaft nach § 4a Abs. 5 Satz 2 TVG ei­nen An­spruch dar­auf, dem Ar­beit­ge­ber ih­re Vor­stel­lun­gen münd­lich vor­zu­tra­gen. Die­ses Vor­trags­recht ist selbständig ein­klag­bar (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 15).
196 Die Be­kannt­ga­be­pflicht und das der be­trof­fe­nen Ge­werk­schaft ein­geräum­te Vor­trags­recht bei den Ta­rif­ver­hand­lun­gen mit ei­ner an­de­ren Ge­werk­schaft die­nen ih­rer Be­tei­li­gung und si­chern so ver­fah­rens­recht­lich ih­re Rech­te aus Art. 9 Abs. 3 GG, die durch die mögli­che Ver­drängung nach § 4a Abs. 2 TVG be­droht sind. Zu­dem ge­ben sie im Vor­feld von Ta­rif­ver­hand­lun­gen Ge­le­gen­heit, Ta­rif­for­de­run­gen auf­ein­an­der ab­zu­stim­men und da­mit Ta­rif­kol­li­sio­nen au­to­nom zu ver­mei­den (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 15). Die­se Ver­fah­rens­po­si­tio­nen dürfen nicht le­dig­lich als bloße For­ma­litäten oder schlich­te Ob­lie­gen­hei­ten be­han­delt wer­den. Bei­de sind viel­mehr als ech­te Rechts­pflich­ten zu ver­ste­hen. Weil die­se Ver­fah­ren hier zum Schutz der Grund­rech­te bei­tra­gen und weil die vom Ge­setz­ge­ber an­ge­streb­te Ko­or­di­na­ti­on und Kol­li­si­ons­ver­mei­dung durch die Ge­werk­schaf­ten nur dann sinn­voll er­fol­gen kann, wenn an­de­re ta­rif­zuständi­ge Ge­werk­schaf­ten tatsächlich im Vor­feld be­tei­ligt wer­den, darf ei­ne Ver­let­zung der Ver­fah­rens­rech­te, die in die­sem Zu­sam­men­hang ver­fas­sungs­recht­li­che Be­deu­tung er­lan­gen, nicht sank­ti­ons­los blei­ben. Nur so lässt sich ih­re hier ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­ne Wirk­sam­keit si­chern. Die an­ge­grif­fe­nen Be­stim­mun­gen des § 4a Abs. 5 TVG sind des­halb so aus­zu­le­gen und an­zu­wen­den, dass der Tat­be­stand ei­ner nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG ver­drängen­den Ta­rif­kol­li­si­on nur erfüllt ist, wenn die Pflich­ten zur Be­kannt­ga­be von Ta­rif­ver­hand­lun­gen und zur Anhörung nicht ver­letzt wor­den sind. So­weit es in der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs heißt, die An­wen­dung des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit ste­he nicht un­ter dem Vor­be­halt der Anhörung (BT­Drucks 18/4062, S. 15), darf dar­aus kein ge­gen­tei­li­ger Schluss ge­zo­gen wer­den. Wel­che An­for­de­run­gen an ei­ne wirk­sa­me Anhörung und Be­kannt­ga­be nach § 4a Abs. 5 TVG zu stel­len sind, ist von den Fach­ge­rich­ten zu kon­kre­ti­sie­ren.
197 (g) Die Be­las­tun­gen, die mit dem Be­schluss­ver­fah­ren nach § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 ArbGG durch ei­ne et­wai­ge Of­fen­le­gung der Mit­glie­derstärke für die Ge­werk­schaf­ten ein­her­ge­hen können, sind im Er­geb­nis zu­mut­bar.
198 Die ge­richt­li­che Fest­stel­lung der Mehr­heits­verhält­nis­se im Be­schluss­ver­fah­ren nach § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 ArbGG birgt die Ge­fahr, dass die Mit­glie­derstärke der Ge­werk­schaf­ten im Be­trieb ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber of­fen ge­legt wird. Dies ist mit Rück­sicht auf die in Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Pa­rität zwi­schen Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber (oben C III 1 a und C III 3 a cc Rn. 131 und 146 f.) nach Möglich­keit zu ver­mei­den. Denn die Un­ge­wiss­heit über die für die tatsächli­che Durch­set­zungs­kraft der Ge­werk­schaft we­sent­li­che Mit­glie­derstärke (vgl. BVerfGE 93, 352 <358>) in ei­ner kon­kre­ten Ver­hand­lungs­si­tua­ti­on ist von be­son­de­rer Be­deu­tung dafür, des­sen Ver­hand­lungs­be­reit­schaft zu fördern und zu ei­nem an­ge­mes­se­nen In­ter­es­sen­aus­gleich zu ge­lan­gen (vgl. BAG, Ur­teil vom 18. No­vem­ber 2014 - 1 AZR 257/13 -, ju­ris, Rn. 30).
199 Die Fach­ge­rich­te ha­ben dem Rech­nung zu tra­gen. Sie müssen un­ter Nut­zung der pro­zess­recht­li­chen Möglich­kei­ten ei­ne Of­fen­le­gung der Mit­glie­der­zah­len so­weit möglich ver­mei­den. Mit dem in das Ar­beits­ge­richts­ge­setz ein­gefügten § 58 Abs. 3 ArbGG eröff­net der Ge­setz­ge­ber je­den­falls die Möglich­keit, die na­ment­li­che Nen­nung der Ge­werk­schafts­mit­glie­der im Be­schluss­ver­fah­ren zu ver­hin­dern (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 16). No­ta­ri­ell kann auch be­schei­nigt wer­den, wer die Mehr­heit im Be­trieb or­ga­ni­siert, um so die Of­fen­le­gung der kon­kre­ten Kampfstärke ei­ner Ge­werk­schaft zu ver­hin­dern. Hier­auf ist im Be­schluss­ver­fah­ren hin­zu­wir­ken. Wenn dies nicht in al­len Fällen ge­lingt, ist das mit Blick auf das hier vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­te Ziel ins­ge­samt zu­mut­bar.
200 (4) Die mit der Ver­drängungs­wir­kung des kol­li­die­ren­den Mehr­heits­ta­rif­ver­trags nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG ver­bun­de­nen Be­ein­träch­ti­gun­gen sind trotz des ho­hen Ge­wichts der mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­folg­ten Zie­le und auch un­ter Berück­sich­ti­gung der ver­fas­sungs­recht­lich ge­for­der­ten Aus­le­gungs- und Hand­ha­bungs­maßga­ben in­so­weit un­verhält­nismäßig, als die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen kei­ne Schutz­vor­keh­run­gen ge­gen ei­ne ein­sei­ti­ge Ver­nachlässi­gung der An­gehöri­gen ein­zel­ner Be­rufs­grup­pen oder Bran­chen durch die je­wei­li­ge Mehr­heits­ge­werk­schaft vor­se­hen.
201 (a) Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer, die in klei­nen Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten or­ga­ni­siert sind, tra­gen auf­grund des Ge­set­zes - wenn auch nicht als ein­zi­ge - das Ri­si­ko, dass der von ih­rer Ge­werk­schaft ver­han­del­te Ta­rif­ver­trag nicht zur An­wen­dung kommt. Die­se Be­las­tung wird im Grund­satz da­durch ge­mil­dert, dass die Ge­werk­schaft den Mehr­heits­ta­rif­ver­trag nach­zeich­nen kann, aus dem sich dann auch für die in der Min­der­heits­ge­werk­schaft or­ga­ni­sier­ten Beschäftig­ten ta­rif­li­che Ar­beits­be­din­gun­gen er­ge­ben. Es feh­len je­doch struk­tu­rel­le Vor­keh­run­gen, die si­chern, dass die In­ter­es­sen die­ser Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer hin­rei­chend Berück­sich­ti­gung fin­den. Oh­ne sol­che Si­che­run­gen ist nicht aus­zu­sch­ließen, dass der im Be­trieb an­wend­ba­re Mehr­heits­ta­rif­ver­trag auch im Fall der Nach­zeich­nung die Ar­beits­be­din­gun­gen und In­ter­es­sen der An­gehöri­gen ein­zel­ner Be­rufs­grup­pen oder Bran­chen, de­ren Ta­rif­ver­trag ver­drängt wird, man­gels wirk­sa­mer Ver­tre­tung die­ser Grup­pe in der Mehr­heits­ge­werk­schaft in un­zu­mut­ba­rer Wei­se über­geht.
202 (aa) Der grund­recht­lich in Art. 9 Abs. 3 GG ga­ran­tier­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit und der Ta­rif­au­to­no­mie liegt die An­nah­me zu­grun­de, dass ge­rech­te Ar­beits­be­din­gun­gen und Löhne grundsätz­lich nicht vom Staat vor­ge­ge­ben wer­den können, son­dern der Aus­hand­lung durch die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ob­lie­gen. Die­ses Sys­tem geht von ei­ner Rich­tig­keits­ver­mu­tung frei aus­ge­han­del­ter Ta­rif­verträge aus, so­fern im Grund­satz die Pa­rität der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en gewähr­leis­tet ist (oben C III 3 a cc und dd Rn. 145 f. und 148).
203 Die vor­lie­gend an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen die­nen dem Funk­tio­nie­ren die­ses Sys­tems, denn sie zie­len auf die Si­che­rung der struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen von Ta­rif­ver­hand­lun­gen im Verhält­nis der Ge­werk­schaf­ten un­ter­ein­an­der. Sie sol­len ver­hin­dern, dass durch die iso­lier­te Aus­nut­zung ei­ner Schlüssel­po­si­ti­on ei­ne fai­re Aus­hand­lung von Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen nicht mehr gewähr­leis­tet ist. Die Rich­tig­keits­ver­mu­tung frei aus­ge­han­del­ter oder erkämpf­ter Ta­rif­verträge setzt auch vor­aus, dass auf Sei­ten der Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich al­le Be­rufs­grup­pen die Chan­ce ha­ben, ih­re In­ter­es­sen wirk­sam zu ver­tre­ten. Die Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG führt je­doch da­zu, dass in ei­nem Be­trieb für ei­ne Be­rufs­grup­pe nur der von der Mehr­heits­ge­werk­schaft aus­ge­han­del­te Ta­rif­ver­trag Gel­tung behält. Da­her be­darf es Vor­keh­run­gen, die struk­tu­rell dar­auf hin­wir­ken, dass die In­ter­es­sen der von der Ver­drängung be­trof­fe­nen Be­rufs­grup­pe im Ta­rif­ver­trag der Mehr­heits­ge­werk­schaft wirk­sam berück­sich­tigt wer­den. Nur dann kann hier die die­sem Ta­rif­ver­trag in­ne­woh­nen­de Rich­tig­keits­ver­mu­tung im Rah­men des Nach­zeich­nungs­rechts zur Gel­tung kom­men.
204 (bb) An sol­chen Re­ge­lun­gen fehlt es. Der Ge­setz­ge­ber hat kei­ne Vor­keh­run­gen ge­trof­fen, die klei­ne­re Be­rufs­grup­pen in ei­nem Be­trieb da­vor schützen, der An­wen­dung ei­nes Ta­rif­ver­trags aus­ge­setzt zu wer­den, der un­ter Be­din­gun­gen aus­ge­han­delt wur­de, in de­nen ih­re In­ter­es­sen struk­tu­rell nicht zur Gel­tung kom­men konn­ten. So kann sich nach § 4a Abs. 2 TVG et­wa auch der Ta­rif­ver­trag ei­ner Bran­chen­ge­werk­schaft durch­set­zen, in der die Be­rufs­grup­pe, de­ren Ta­rif­ver­trag im Be­trieb ver­drängt wird, nur mar­gi­nal oder über­haupt nicht ver­tre­ten ist. Dass auch für die­se Ar­beit­neh­mer­grup­pe ein im Sin­ne der ta­rif­ver­trag­li­chen Rich­tig­keits­ver­mu­tung an­ge­mes­se­nes Ge­samt­er­geb­nis aus­ge­han­delt wäre, kann dann nicht mehr oh­ne Wei­te­res an­ge­nom­men wer­den. Das Ziel des Ge­setz­ge­bers, ei­nen fai­ren Aus­gleich zu fördern, wird nicht er­reicht, wenn ein­zel­ne Be­rufs­grup­pen über­g­an­gen würden. Ei­ne Ver­drängung des Ta­rif­ver­trags, den die­se ab­ge­schlos­sen ha­ben, wäre dann man­gels hin­rei­chen­der Aus­gleichsmöglich­keit bei der Nach­zeich­nung mit dem Schutz der Ko­ali­ti­ons­frei­heit aus Art. 9 Abs. 3 GG nicht ver­ein­bar.
205 (b) Der Ge­setz­ge­ber ist ge­hal­ten, hier Ab­hil­fe zu schaf­fen. Er hat hier­bei ei­nen wei­ten Ge­stal­tungs­spiel­raum für un­ter­schied­li­che Lösungsmöglich­kei­ten.
206 4. Aus den in der Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes zu berück­sich­ti­gen­den völker­recht­li­chen Nor­men (vgl. BVerfGE 74, 358 <370>; 82, 106 <120>; 111, 307 <316 f.>; 120, 180 <200 f.>; 128, 326 <366 ff.>; 137, 273 <320 ff. Rn. 127 ff.>; 138, 296 <355 ff. Rn. 148 ff.>; stRspr) er­ge­ben sich ent­ge­gen des Vor­brin­gens der Ver­fas­sungs­be­schwer­den kei­ne wei­ter­ge­hen­den An­for­de­run­gen an die Ver­fas­sungsmäßig­keit der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen. Das gilt mit Blick auf die Ga­ran­tie der Ko­ali­ti­ons­frei­heit in den für Deutsch­land ver­bind­li­chen Art. 22 des In­ter­na­tio­na­len Pakts über bürger­li­che und po­li­ti­sche Rech­te (IPb­pR) und Art. 8 Abs. 1a des In­ter­na­tio­na­len Pakts über wirt­schaft­li­che, so­zia­le und kul­tu­rel­le Rech­te (IPw­skR; wie Art. 23 der All­ge­mei­nen Erklärung der Men­schen­rech­te - AEMR) und für die Übe­r­ein­kom­men der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on (IAO), wie auch für die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und ih­re Zu­satz­pro­to­kol­le und die Eu­ropäische So­zi­al­char­ta. Der dar­aus er­wach­sen­de Schutz reicht über das nach Art. 9 Abs. 3 GG Ga­ran­tier­te nicht hin­aus.
207 a) Ins­be­son­de­re ga­ran­tiert Art. 11 Abs. 1 Halb­satz 2 EM­RK wie Art. 9 Abs. 3 GG das Recht, zum Schutz der In­ter­es­sen Ge­werk­schaf­ten zu gründen und ih­nen bei­zu­tre­ten. Das um­fasst die in­di­vi­du­el­le und die kol­lek­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit auch ei­ner Ge­werk­schaft und ver­bie­tet die Vor­ga­be ge­werk­schaft­li­cher Mo­no­po­le (vgl. EGMR (GK), Søren­sen and Ras­mus­sen v. Den­mark, Ent­schei­dung vom 11. Ja­nu­ar 2006, Nr. 52562/99 und 52620/99, §§ 64 ff.). Die Kon­ven­ti­ons­staa­ten ha­ben die Pflicht, Ge­werk­schaf­ten das Ein­tre­ten für die In­ter­es­sen ih­rer Mit­glie­der zu ermögli­chen (vgl. EGMR, Matel­ly v. Fran­ce, Ent­schei­dung vom 2. Ok­to­ber 2014, Nr. 10609/10, § 55); grund­le­gen­des Ele­ment der Ko­ali­ti­ons­frei­heit ist auch nach der EM­RK das Recht, Ta­rif­ver­hand­lun­gen zu führen (vgl. EGMR (GK), De­mir and Bay­ka­ra v. Tur­key, Ent­schei­dung vom 12. No­vem­ber 2008, Nr. 34503/97, §§ 147 ff., 154) und das Recht, dass ein ge­schlos­se­ner Kol­lek­tiv­ver­trag auch zur An­wen­dung kommt (a.a.O., § 157).
208 Wer­den die­se Rech­te wie hier be­ein­träch­tigt, muss das ge­setz­lich vor­ge­se­hen sein, ei­nen in Art. 11 Abs. 2 Satz 1 EM­RK ge­nann­ten Zweck ver­fol­gen und als in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ord­nung not­wen­dig er­schei­nen. Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der EM­RK gilt als so­zia­les Recht, wes­halb dem Ge­setz­ge­ber ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum zu­er­kannt wird (vgl. EGMR, Stan­kov and the United Mace­do­ni­an Or­ga­ni­sa­ti­on Ilin­den v. Bul­ga­ria, Ent­schei­dung vom 2. Ok­to­ber 2001, Nr. 29221/95 und 29225/95, § 87; (GK), De­mir and Bay­ka­ra v. Tur­key, Ent­schei­dung vom 12. No­vem­ber 2008, Nr. 34503/97, § 119). Es be­steht kein An­spruch ei­ner Ge­werk­schaft auf spe­zi­el­le Maßnah­men (vgl. EGMR (GK), Sin­di­ca­tul „Păsto­rul cel Bun“ v. Ro­ma­nia, Ent­schei­dung vom 9. Ju­li 2013, Nr. 2330/09, § 134). Viel­mehr hat der EGMR ei­ne schwe­di­sche Re­ge­lung ak­zep­tiert, wo­nach der Ar­beit­ge­ber Ta­rif­ver­hand­lun­gen nur mit der re­präsen­ta­tivs­ten Ge­werk­schaft führen muss (vgl. EGMR, Swe­dish En­gi­ne Dri­vers´ Uni­on v. Swe­den, Ent­schei­dung vom 6. Fe­bru­ar 1976, Nr. 5614/72, §§ 46 f.). Des­glei­chen hat er ei­ne kroa­ti­sche Re­ge­lung un­be­an­stan­det ge­las­sen, die dem Ar­beit­ge­ber zur Her­stel­lung von Pa­rität die Möglich­keit gab, Ver­hand­lun­gen nur mit ei­nem Gre­mi­um zu führen, in dem al­le Ge­werk­schaf­ten ver­tre­ten sind (vgl. EGMR, Hr­vat­ski li­ječnički sin­di­kat v. Croa­tia, Ent­schei­dung vom 27. No­vem­ber 2014, Nr. 36701/09, §§ 32, 57, 59). Die­se Recht­spre­chung geht nicht über die grund­recht­li­chen An­for­de­run­gen hin­aus.
209

b) Das gilt auch für die in Deutsch­land gel­ten­den ein­schlägi­gen Übe­r­ein­kom­men der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on (IAO). Das Übe­r­ein­kom­men Nr. 87 vom 9. Ju­li 1948 über die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit und den Schutz des Ver­ei­ni­gungs­rechts (Ge­setz vom 20. De­zem­ber 1956, BGBl II S. 2072; vgl. auch EGMR, As­so­cia­ted So­cie­ty of Lo­co­mo­ti­ve En­gi­neers & Fire­men (AS­LEF) v. the United King­dom, Ent­schei­dung vom 27. Fe­bru­ar 2007, Nr. 11002/05, § 38; (GK), De­mir and Bay­ka­ra v. Tur­key, Ent­schei­dung vom 12. No­vem­ber 2008, Nr. 34503/97, § 70; En­er­ji Yapı-Yol Sen v. Tur­key, Ent­schei­dung vom 21. April 2009, Nr. 68959/01, § 24) und das Übe­r­ein­kom­men Nr. 98 über die An­wen­dung der Grundsätze des Ver­ei­ni­gungs­rech­tes und des Rech­tes zu Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen vom 1. Ju­li 1949 (ra­ti­fi­ziert mit Ge­setz vom 23. De­zem­ber 1955, BGBl II S. 1122; zur Be­ach­tung durch die Ar­beits­ge­rich­te BVerfGE 96, 152 <170>; fer­ner BVerfGE 98, 169 <206>; 109, 64 <89>; sie­he auch BAG, Ur­teil vom 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 179/11 -, ju­ris, Rn. 133; Ur­teil vom 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 611/11 -, ju­ris, Rn. 76) ge­hen hier über die grund­recht­li­che Gewähr­leis­tung nicht hin­aus. Nach der Spruch­pra­xis der Über­wa­chungs­gre­mi­en der IAO dürfen die Staa­ten be­stimm­te Ge­werk­schaf­ten oder de­ren Mit­glie­der nicht be­son­ders un­terstützen oder fördern, um nicht mit­tel­bar die Ent­schei­dungs­frei­heit der Beschäftig­ten zu be­ein­flus­sen, wel­cher Ge­werk­schaft sie bei­tre­ten (CFA, Ca­se No 981 <Bel­gi­um>, Re­port No 208, Ju­ni 1981, Norm­lex, Rn. 102; Ca­se No 2139 <Ja­pan>, Re­port No 328, Ju­ni 2002, Norm­lex, Rn. 445). Un­ver­ein­bar mit dem Ab­kom­men sind auch Re­ge­lun­gen, wo­nach in ein­zel­nen Bran­chen oder Be­ru­fen nur ei­ne Ge­werk­schaft exis­tie­ren darf (CFA, Ca­se No 956 <New Ze­a­land>, Re­port No 204, No­vem­ber 1980, Norm­lex, Rn. 177; Ca­se No 266 <Por­tu­gal>, Re­port No 65, 1962, Norm­lex, Rn. 61). Als Ver­s­toß ge­gen die IAO-Nor­men wäre es auch an­zu­se­hen, wenn Ge­werk­schafts­gründun­gen un­ter Ver­weis auf das Be­ste­hen ei­ner an­de­ren Ge­werk­schaft ab­ge­lehnt würden (CFA, Ca­se No 103 <United King­dom>, Re­port No 15, 1955, Norm­lex, Rn. 212). Über Art. 9 Abs. 3 GG hin­aus­ge­hen­de An­for­de­run­gen er­ge­ben sich dar­aus nicht.

IV.

210 So­weit mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zu 1 BvR 2883/15 die Ver­ein­bar­keit des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes mit Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG gerügt wird, weil mit den Re­ge­lun­gen zum Be­schluss­ver­fah­ren in § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 ArbGG kein für die Pro­blem­bewälti­gung adäqua­tes Ge­richts­ver­fah­ren ge­schaf­fen wur­de und ei­ne Klärung der Mehr­heits­verhält­nis­se im In­di­vi­du­al­ver­fah­ren nicht rea­lis­tisch sei, er­ge­ben sich dar­aus hier kei­ne über die Si­che­rung der Rech­te aus Art. 9 Abs. 3 GG hin­aus­rei­chen­den An­for­de­run­gen.
211

1. Die Rechts­schutz­gewährung durch die Ge­rich­te be­darf im­mer der Aus­ge­stal­tung durch ei­ne Ver­fah­rens­ord­nung, die auch Re­ge­lun­gen ent­hal­ten kann, die für ein Rechts­schutz­be­geh­ren be­son­de­re for­mel­le Vor­aus­set­zun­gen auf­stel­len und sich da­durch für die Recht­su­chen­den ein­schränkend aus­wir­ken (vgl. BVerfGE 10, 264 <267 f.>; 60, 253 <268 f.>; 77, 275 <284>). Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen müssen mit den Be­lan­gen ei­ner rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens­ord­nung ver­ein­bar sein, dürfen die ein­zel­nen Recht­su­chen­den nicht un­verhält­nismäßig be­las­ten (vgl. BVerfGE 10, 264 <267 f.>; 77, 275 <284>; 88, 118 <123 f.>) und müssen Rechts­schutz in­ner­halb an­ge­mes­se­ner Zeit ermögli­chen (vgl. BVerfGE 55, 349 <369>; 60, 253 <269>; 93, 1 <13>).

212 2. Hier dient das Be­schluss­ver­fah­ren nach § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 ArbGG der Klärung des Um­gangs mit ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on im Be­trieb. Das Ar­beits­ge­richt wird tätig, wenn es von den Par­tei­en ei­nes Ta­rif­ver­trags an­ge­ru­fen wird. Dass die Dau­er die­ses Be­schluss­ver­fah­rens über die Lauf­zeit des in Streit ste­hen­den Ta­rif­ver­trags hin­aus­ge­hen kann, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu be­an­stan­den. Auch be­gründet es kei­ne Ver­let­zung von Art. 2 Abs. 1, Art. 20 Abs. 3 GG, dass die Fest­stel­lung der Mehr­heits­verhält­nis­se pro­zess­recht­li­chen Maßga­ben un­ter­liegt und des­halb nicht in je­dem Fall die tatsächli­chen Verhält­nis­se er­mit­telt wer­den können. Die Ar­beits­ge­rich­te ha­ben in­so­weit nach den pro­zes­sua­len Grundsätzen der Dar­le­gungs- und Fest­stel­lungs­last zu ent­schei­den.
213 a) Der Ge­setz­ge­ber hat - ab­ge­se­hen von dem all­ge­mein für ar­beits­ge­richt­li­che Ver­fah­ren nach § 9 Abs. 1 ArbGG gel­ten­den Be­schleu­ni­gungs­grund­satz - kei­ne spe­zi­fisch ver­fah­rens­be­schleu­ni­gen­den Vor­schrif­ten nor­miert, wie et­wa bei der Be­set­zung der Ei­ni­gungs­stel­le nach § 100 ArbGG. Im re­gulären In­stan­zen­zug ist da­mit nicht ge­si­chert, dass bei über­schau­ba­ren Lauf­zei­ten die An­wend­bar­keit kol­li­die­ren­der Ta­rif­verträge noch während der Lauf­zeit ei­nes Ta­rif­ver­trags fest­ge­stellt wird. Doch verstößt es nicht ge­gen Ver­fas­sungs­recht, wenn die rechts­kräfti­ge Fest­stel­lung nach § 99 ArbGG erst nach Durchführung des Ver­fah­rens er­folgt. Der Ge­setz­ge­ber zielt dar­auf, im Vor­feld zu ei­ner Ko­ope­ra­ti­on zu mo­ti­vie­ren, die sol­che Kol­li­sio­nen ver­mei­det. Ge­lingt das oder ei­ni­gen sich al­le Be­tei­lig­ten auf ein Ne­ben­ein­an­der kol­li­die­ren­der Ta­rif­verträge, entfällt auch das Ver­drängungs­ri­si­ko. Fin­den sich kei­ne ein­ver­nehm­li­chen Lösun­gen, können die be­tref­fen­den Ge­werk­schaf­ten oder Ar­beit­ge­ber das Be­schluss­ver­fah­ren ein­lei­ten. Even­tu­ell zu Un­recht er­brach­te Leis­tun­gen müssen ge­ge­be­nen­falls rück­ab­ge­wi­ckelt wer­den. So­wohl die Ge­werk­schaf­ten als auch die Ar­beit­ge­ber ha­ben zu­dem selbst Ein­fluss auf die Lauf­zei­ten der Ta­rif­verträge und auch auf ein An­trags­recht im Be­schluss­ver­fah­ren, können al­so den Rechts­schutz be­ein­flus­sen.
214

b) Auch für den In­di­vi­dual­pro­zess er­ge­ben sich aus der Be­schränkung der An­trags­be­fug­nis im Be­schluss­ver­fah­ren zur Klärung ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on kei­ne durch­grei­fen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken. Zwar können we­der die Beschäftig­ten selbst noch ein­zel­ne Ar­beit­ge­ber, so­weit die­se nicht selbst Par­tei des Ta­rif­ver­trags sind, das Be­schluss­ver­fah­ren nach § 2a Abs. 1 Nr. 6, § 99 ArbGG zur Klärung der Ta­rif­kol­li­si­on ein­lei­ten. Ist kein sol­ches Be­schluss­ver­fah­ren anhängig, schei­det auch ei­ne Aus­set­zung des In­di­vi­du­al­ver­fah­rens aus, denn der Ge­setz­ge­ber hat sich be­wusst ge­gen ei­ne sol­che Re­ge­lung ent­schie­den (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 16; BT Aus­schuss­druck­sa­che 18 <11> 357 <neu>, S. 46, 63). Das hin­dert die Be­trof­fe­nen aber nicht, sich auf die Wir­kung des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG zu be­ru­fen, die ih­nen be­kann­ten, für die An­wend­bar­keit ei­nes Ta­rif­ver­trags re­le­van­ten Umstände zu sub­stan­ti­ie­ren und ent­spre­chen­de Be­weis­anträge zu stel­len. Dass das Er­geb­nis ei­ner ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung im Übri­gen von den fach­ge­richt­lich näher aus­zu­ta­rie­ren­den Dar­le­gungs- und Be­weis­las­ten abhängt, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

D.

215

Die teil­wei­se Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 4a TVG führt nicht zu des­sen Nich­ti­gerklärung, son­dern nur zur Fest­stel­lung sei­ner Un­ver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz. Bis zu ei­ner Neu­re­ge­lung darf die Vor­schrift mit der Maßga­be an­ge­wen­det wer­den, dass ei­ne Ver­drängungs­wir­kung nach § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG nur in Be­tracht kommt, wenn plau­si­bel dar­ge­legt wer­den kann, dass die Mehr­heits­ge­werk­schaft die In­ter­es­sen der Be­rufs­grup­pen, de­ren Ta­rif­ver­trag ver­drängt wird, ernst­haft und wirk­sam in ih­rem Ta­rif­ver­trag berück­sich­tigt hat. Da­von ist für die Dau­er der Fort­gel­tung der Re­ge­lung in der Über­g­angs­zeit bis zu ei­ner Neu­re­ge­lung durch den Ge­setz­ge­ber ins­be­son­de­re aus­zu­ge­hen, wenn die­se Be­rufs­grup­pen in ei­nem be­stimm­ten Min­dest­maß in der Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert sind, de­ren Ta­rif­ver­trag dann An­wen­dung fin­det, oder wenn die­sen Be­rufs­grup­pen in der Sat­zung der Ge­werk­schaft ein hin­rei­chen­der Ein­fluss auf die für sie re­le­van­ten ta­rif­po­li­ti­schen Ver­bands­ent­schei­dun­gen ein­geräumt ist. Dies näher zu be­ur­tei­len, ob­liegt den Fach­ge­rich­ten.

I.

216

Die Fest­stel­lung ei­ner Ver­fas­sungs­wid­rig­keit ge­setz­li­cher Vor­schrif­ten führt grundsätz­lich zu de­ren Nich­tig­keit. Al­ler­dings kann sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, wie sich aus § 31 Abs. 2 Satz 2 und 3 BVerfGG so­wie § 79 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG er­gibt, auch dar­auf be­schränken, ei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Norm nur für mit der Ver­fas­sung un­ver­ein­bar zu erklären (BVerfGE 109, 190 <235>). Die Un­ver­ein­bar­keits­erklärung kann es mit der An­ord­nung ei­ner Fort­gel­tung der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Re­ge­lung ver­bin­den.

II.

217

In­so­weit es an Vor­keh­run­gen fehlt, die ei­ne hin­rei­chen­de Berück­sich­ti­gung der Be­rufs­grup­pen struk­tu­rell si­cher­stel­len, de­ren Ta­rif­ver­trag durch die Re­ge­lung des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG ver­drängt wird, ist § 4a TVG da­nach für mit der Ver­fas­sung für un­ver­ein­bar zu erklären, die Un­ver­ein­bar­keits­erklärung je­doch mit der An­ord­nung ih­rer Fort­gel­tung bis zu ei­ner vom Ge­setz­ge­ber zu schaf­fen­den Nach­bes­se­rung oder Neu­re­ge­lung zu ver­bin­den. Die Gründe für die teil­wei­se Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der an­ge­grif­fe­nen Vor­schrif­ten be­tref­fen nicht den Kern der Re­ge­lung. An­ge­sichts der großen Be­deu­tung struk­tu­rel­ler Rah­men­be­din­gun­gen für die Aus­hand­lung der Ta­rif­verträge, zu de­ren Gewähr­leis­tung der Ge­setz­ge­ber die Re­ge­lung zur Ta­rif­ein­heit als er­for­der­lich an­se­hen durf­te, und weil die ver­fas­sungs­recht­lich durch­grei­fen­den Be­den­ken durch die hier ge­trof­fe­ne An­ord­nung bis zu ei­ner Neu­re­ge­lung auf­ge­fan­gen wer­den können, ist mit Re­spekt ge­genüber dem Ge­setz­ge­ber die - um den von Ver­fas­sungs we­gen er­for­der­li­chen Be­rufs­grup­pen­schutz ergänz­te - vorüber­ge­hen­de Fort­gel­tung eher hin­zu­neh­men als de­ren Nich­ti­gerklärung.

III.

218

Der Ge­setz­ge­ber hat ei­ne Neu­re­ge­lung, die die ver­fas­sungs­recht­li­che Be­an­stan­dung be­sei­tigt, bis spätes­tens zum 31. De­zem­ber 2018 zu schaf­fen.

E.

219 Mit Blick auf die er­heb­li­che sub­jek­ti­ve und ob­jek­ti­ve Be­deu­tung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren (BVerfGE 79, 365 <366 ff.>) wird un­ter Berück­sich­ti­gung der in § 14 Abs. 1 RVG ge­nann­ten Umstände nach bil­li­gem Er­mes­sen (§ 37 Abs. 2 Satz 2 Halb­satz 1 RVG) ein Ge­gen­stands­wert von 500.000 Eu­ro fest­ge­setzt. Die Fra­ge der Wett­be­werbs­re­gu­lie­rung im Ge­werk­schafts­la­ger ist für die ge­sam­te Ta­rif­po­li­tik und ei­nen Großteil der Ar­beits­welt von er­heb­li­cher Be­deu­tung und wirft ein­fach- wie auch ver­fas­sungs­recht­lich neue Fra­gen auf. Der durch­aus un­ter­schied­li­che Ge­halt der Be­schwer­de­schrif­ten führt nicht zu Ab­sen­kun­gen, da der Wert für die Be­schwer­deführen­den und die All­ge­mein­heit aus­schlag­ge­bend ist (vgl. BVerfGE 79, 365 <370>).
220

Die Aus­la­gen­ent­schei­dung be­ruht auf § 34a Abs. 2 BVerfGG.

F.

221 Die Ent­schei­dung ist im Er­geb­nis und zu C III 3 b und D mit 6 : 2 Stim­men und hin­sicht­lich der Er­for­der­lich­keit ei­ner Über­g­angs­re­ge­lung mit ei­ner wei­te­ren Ge­gen­stim­me er­gan­gen.

Kirch­hof
Eich­ber­ger
Schlu­cke­bier
Ma­sing
Pau­lus
Ba­er
Britz
Ott

Ab­wei­chen­de Mei­nung des Rich­ters Pau­lus und der Rich­te­rin Ba­er zum Ur­teil des Ers­ten Se­nats vom 11. Ju­li 2017

- 1 BvR 1571/15 -

- 1 BvR 1588/15 -

- 1 BvR 2883/15 -

- 1 BvR 1043/16 -

- 1 BvR 1477/16 -

 

1 Wir können dem Ur­teil be­dau­er­li­cher­wei­se nur teil­wei­se zu­stim­men. Es un­terschätzt die tatsächli­chen Be­las­tun­gen und Ge­fah­ren, die das Ta­rif­ein­heits­ge­setz für die grund­recht­lich ga­ran­tier­te Frei­heit der Ge­werk­schaf­ten mit sich bringt, sich selbst­be­stimmt ta­rif­po­li­tisch zu en­ga­gie­ren; es überschätzt zu­gleich die Einschätzungs­spielräume, die dem Ge­setz­ge­ber hier wie sonst auch zu­ste­hen, und ver­min­dert da­durch die Kon­troll- und Über­wa­chungs­funk­ti­on des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. In dem an­zu­er­ken­nen­den Bemühen, ei­nem le­gi­ti­men Ziel des Ge­setz­ge­bers Rech­nung zu tra­gen, der ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen ge­werk­schaft­li­chen Wett­be­werbs durch­aus re­geln darf, ver­kennt das Ur­teil in den Wer­tun­gen zur Zu­mut­bar­keit und in der Ent­schei­dung über die Rechts­fol­gen un­se­res Er­ach­tens, dass das Ge­setz deut­lich über das Ziel hin­aus­schießt.
2 Der Se­nat ist sich hin­sicht­lich der An­for­de­run­gen, die sich aus Art. 9 Abs. 3 GG er­ge­ben, ei­nig. Nicht fol­gen können wir dem Ur­teil je­doch in der ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­wer­tung des Mit­tels, mit dem der Ge­setz­ge­ber die Ta­rif­au­to­no­mie stärken möch­te. Er hat sich im Ta­rif­ein­heits­ge­setz dafür ent­schie­den, mit der Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags ei­nen An­reiz für ge­werk­schaft­li­che Ko­ope­ra­ti­on im Vor­feld von Ta­rif­ver­hand­lun­gen zu set­zen. Die­ser Ein­griff in die Ta­rif­au­to­no­mie, die im Mit­tel­punkt des Art. 9 Abs. 3 GG steht, und die da­mit ein­her­ge­hen­de viel­fa­che Be­ein­träch­ti­gung der ta­rif­po­li­ti­schen Frei­heit der Ge­werk­schaf­ten im Vor­feld ist grund­recht­lich von er­heb­li­chem Ge­wicht. Vor­keh­run­gen des Ge­setz­ge­bers, um dies den­noch als zu­mut­bar zu recht­fer­ti­gen, sind trotz ih­rer grund­recht­li­chen Be­deu­tung un­klar, un­zu­rei­chend oder feh­len ganz. Zwar ver­folgt das Ge­setz ein le­gi­ti­mes Ziel, so­weit es die struk­tu­rel­len Be­din­gun­gen für fai­re Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen si­chern will, doch ist die Sank­ti­on, mit der das er­reicht wer­den soll, zu scharf.
3

Der Se­nat ist sich auch dar­in ei­nig, dass grund­recht­lich geschütz­te Rechts­po­si­tio­nen vom Ge­setz­ge­ber nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt wor­den sind. Nicht fol­gen können wir je­doch der wei­te­ren Ent­schei­dung, dass den­noch ei­ne Fort­gel­tung der de­fi­zitären Re­ge­lun­gen ge­recht­fer­tigt wer­den kann. Erst recht feh­len Gründe für die An­ord­nung ei­ner Über­g­angs­re­ge­lung. Wie das durch­aus kom­ple­xe Pro­blem zu lösen ist, spe­zi­fi­sche Schutz­rech­te in ei­nem Ta­rif­ver­trags­sys­tem zu wah­ren, das mehr­fach un­ter er­heb­li­chem Druck steht, hat nicht der Se­nat zu ent­schei­den, son­dern ist vom Ge­setz­ge­ber zu ge­stal­ten und zu ver­ant­wor­ten. Des­glei­chen können die wei­te­ren grund­recht­li­chen Pro­ble­me des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes, die das Ur­teil auf­zeigt, nicht ein­fach den Fach­ge­rich­ten über­las­sen wer­den; im kol­lek­ti­ven Ar­beits­recht und Ar­beits­kampf­recht sind die­se oh­ne­hin schon mit dem Vor­wurf all­zu weit­rei­chen­der rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung kon­fron­tiert, weil der Ge­setz­ge­ber die po­li­ti­schen Kos­ten kon­tro­ver­ser Re­ge­lun­gen seit lan­gem scheut. In dem grund­recht­lich sen­si­blen Be­reich, den Art. 9 Abs. 3 GG mar­kiert, muss der Ge­setz­ge­ber aber selbst - in dem eben wie­der von den Grund­rech­ten ge­steck­ten Rah­men - für Klar­heit sor­gen. Folg­lich wären auch die wei­te­ren im Ur­teil iden­ti­fi­zier­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen De­fi­zi­te des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes ent­we­der durch zwin­gen­de ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung oder eben durch Neu­re­ge­lung und da­mit vom Ge­setz­ge­ber zu lösen.

A.

4 Ge­mein­sa­mer Aus­gangs­punkt des Ur­teils und - mit dem Ab­schied von ei­ner Be­schränkung des Art. 9 Abs. 3 GG auf ei­nen Kern­be­reichs­schutz (deut­lich BVerfGE 93, 352 <357>; seit­dem stRspr) - primärer Maßstab für die ver­fas­sungs­recht­li­che Be­ur­tei­lung ta­rif­ver­trags­recht­li­cher Re­ge­lun­gen ist das Frei­heits­recht des Art. 9 Abs. 3 GG. Das Ur­teil be­tont zu Recht die Schutz­ge­hal­te ins­be­son­de­re der Ta­rif­au­to­no­mie und der Wahl der ta­rif­po­li­ti­schen Mit­tel ein­sch­ließlich des Ar­beits­kamp­fes so­wie der frei­en Ent­schei­dung je­der Ta­rif­ver­trags­par­tei über das ei­ge­ne Pro­fil. Das Ur­teil mar­kiert auch er­neut die ge­setz­ge­be­ri­sche Auf­ga­be, die Wahr­neh­mung des Frei­heits­rechts durch Ta­rif­ver­trags­recht zu ermögli­chen. Da­bei han­delt es sich ge­ra­de nicht um ei­ne letzt­lich un­be­grenz­te Aus­ge­stal­tungs­be­fug­nis. Nicht nur ist der Ge­setz­ge­ber zu Re­ge­lun­gen wie auch sonst nur in be­son­ders ge­la­ger­ten Fällen ver­pflich­tet (na­ment­lich BVerfGE 94, 268 <284>). Zu­dem darf sich der Ge­setz­ge­ber bei sei­ner Ent­schei­dung, die Ko­ali­ti­ons­frei­heit ein­zu­schränken, nicht auf schlich­te Befürch­tun­gen stützen; ei­ne Ein­schränkung von Art. 9 Abs. 3 GG ist - wie auch sonst - nur auf der Grund­la­ge tatsäch­li­cher An­halts­punk­te zu recht­fer­ti­gen (Rn. 157). Für ei­ne Sor­ge um das Sys­tem muss es „rea­le Gründe“ ge­ben (vgl. BVerfGE 94, 268 <294 ff., 295> - abw. Mei­nung Kühling).
5 Der Ge­setz­ge­ber darf auf Ero­sio­nen der Ta­rif­bin­dung re­agie­ren. Die Her­stel­lung und Si­che­rung ei­nes funk­ti­onsfähi­gen Sys­tems der Ta­rif­au­to­no­mie ist ein le­gi­ti­mer Re­ge­lungs­zweck, der auch Be­ein­träch­ti­gun­gen der durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Rech­te recht­fer­ti­gen kann. Die Vor­stel­lung ei­ner „wi­der­spruchs­frei­en Ord­nung der Ar­beits­be­zie­hun­gen“ (so die Be­gründung zum Ge­setz­ent­wurf BT­Drucks 18/4062, S. 1, 8) gehört ei­ner durch­aus pro­ble­ma­ti­schen Ver­gan­gen­heit an; Art. 9 Abs. 3 GG ist heu­te als Frei­heits­recht mit ei­ner spe­zi­fi­schen so­zia­len Di­men­si­on zu ver­ste­hen. Art. 9 Abs. 3 GG er­teilt auch Hoff­nun­gen auf or­dent­li­che Verhält­nis­se, die letzt­lich auf die Ein­heits­ge­werk­schaft zie­len, ei­ne deut­li­che Ab­sa­ge. Das­sel­be gilt für die vom Ge­setz­ge­ber hin­ge­nom­me­ne Ein­schränkung der Ar­beits­kampf­rech­te durch die Hin­tertür (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 8). Der Ge­setz­ge­ber darf sich auch nicht da­zu her­ge­ben, Ar­beit­ge­ber vor ei­ner Viel­zahl der For­de­run­gen kon­kur­rie­ren­der Ge­werk­schaf­ten zu schützen (so aber die Be­gründung BT­Drucks 18/4062, S. 8; da­ge­gen im Ur­teil Rn. 150). In § 4a Abs. 1 TVG und der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs an­geführ­te Re­ge­lungs­zwe­cke können Be­ein­träch­ti­gun­gen des Art. 9 Abs. 3 GG al­so nur bei sach­ge­rech­tem, dem Frei­heits­recht und den da­mit ein­her­ge­hen­den Mühen ei­nes Ko­ali­ti­ons­plu­ra­lis­mus Rech­nung tra­gen­den Verständ­nis recht­fer­ti­gen. Das Ur­teil stützt sich auf die Be­haup­tung der Bun­des­re­gie­rung im Ver­fah­ren, das an­ge­grif­fe­ne Ge­setz förde­re die Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen Ge­werk­schaf­ten durch ei­nen An­reiz, der zwar als Sank­ti­on scharf ge­fasst, aber doch gut ver­meid­bar sei. Wir hal­ten die­se Einschätzung je­den­falls dann für un­rea­lis­tisch, wenn die Kol­li­si­ons­re­ge­lung des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG von Ge­set­zes we­gen oh­ne ein da­zwi­schen ge­schal­te­tes und von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ge­stalt­ba­res Be­schluss­ver­fah­ren (vgl. § 99 ArbGG) au­to­ma­tisch (al­so ip­so ju­re ) Ta­rif­verträge ver­drängen könn­te und dies auch dann, wenn kei­ne Ta­rif­ver­trags­par­tei ei­nes kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags dies will.
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Am ge­mein­sa­men Aus­gangs­punkt des Ur­teils in Art. 9 Abs. 3 GG als Frei­heits­recht, wo­nach ge­setz­ge­be­ri­sche Vor­ga­ben zur Ta­rif­po­li­tik, die le­gi­ti­men Zwe­cken die­nen, den An­for­de­run­gen der Verhält­nismäßig­keit genügen müssen, ändert das nichts: Im Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG darf der Ge­setz­ge­ber nur sol­che Re­ge­lun­gen in Kraft set­zen, die die Frei­heit zu ta­rif­po­li­ti­schem Han­deln in verhält­nismäßiger Wei­se be­schränken. Ge­lingt dies nicht, muss er neu und an­ders re­geln.

B.

7 Das Ur­teil be­ruht je­doch auf Einschätzun­gen der so­zia­len Wirk­lich­keit, an de­nen durch­aus Zwei­fel be­ste­hen.
8 Schon die zur Be­gründung des Ge­set­zes vor­ge­brach­te The­se, der­zeit würden in Fällen der Ta­rif­kol­li­si­on aus­ge­han­del­te Löhne als un­ge­recht emp­fun­den, was den Be­triebs­frie­den störe (BT­Drucks 18/4062, S. 8, 11 f.), ist we­der sub­stan­ti­iert noch mit Blick auf die Ge­gen­ar­gu­men­te in den Stel­lung­nah­men und die nach­ge­wie­sen lang­fris­tig eher mo­de­ra­ten Lohn­stei­ge­run­gen auch bei star­ken Be­rufs­grup­pen (vgl. Schmidt, in: Leh­mann, Deut­sche und eu­ropäische Ta­ri­fland­schaft im Wan­del, 2013, S. 68 <83 f.>: „Rück­stau in der Lohn­ent­wick­lung“; Lesch, ZPol 2016, S. 155 <159>; Schro­eder/Greef, in: In­dus­tri­el­le Be­zie­hun­gen 4/2008, S. 329 <344 f.>; Rhei­nisch-Westfäli­sches In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung <RWI>, Em­pi­ri­sche Ana­ly­se der Aus­wir­kun­gen der Ta­rifp­lu­ra­lität auf das deut­sche Ta­rif­ver­trags­sys­tem und auf die Häufig­keit von Ar­beitskämp­fen, 2011, S. 27, 43: „we­der dra­ma­ti­sche Verände­run­gen zu be­ob­ach­ten noch zu er­war­ten“) be­legt wor­den. Des­glei­chen können Ta­rif­verträge auf­grund ih­rer be­schränk­ten Bin­dungs­kraft von vorn­her­ein nur re­la­tiv wir­ken, nicht aber ab­so­lut be­frie­den oder überg­rei­fend ord­nen.
9 Auch ist nicht zu über­se­hen, dass die Ge­werk­schaf­ten, die sich jetzt ge­gen ei­ne ge­setz­lich mit­tel­bar er­zwun­ge­ne Ko­ope­ra­ti­on weh­ren, ei­ne sol­che nicht et­wa nie ge­wollt ha­ben, son­dern aus ganz be­stimm­ten Gründen be­en­de­ten: Die In­ter­es­sen der je­wei­li­gen Be­rufs­grup­pe gin­gen in Bran­chen­ge­werk­schaf­ten un­ter, Kom­pro­mis­se gin­gen über länge­re Zeiträume auf Kos­ten ei­ner nu­me­ri­schen Min­der­heit oder die be­ruf­li­che Iden­tität wur­de nicht aus­rei­chend ge­wahrt (vgl. u.a. Schro­eder/Kal­las/Greef, Klei­ne Be­rufs­ge­werk­schaf­ten und Be­rufs­verbände im Wan­del, 2008; Mo­no­pol­kom­mis­si­on, Haupt­gut­ach­ten 2010, BT­Drucks 17/2600, u.a. S. 323, Rn. 892; RWI, Em­pi­ri­sche Ana­ly­se der Aus­wir­kun­gen der Ta­rifp­lu­ra­lität auf das deut­sche Ta­rif­ver­trags­sys­tem und auf die Häufig­keit von Ar­beitskämp­fen, 2011, S. 13. f., 24 ff.). Das Ur­teil misst dem in der Be­wer­tung der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen und auch mit der Über­g­angs­re­ge­lung für die Zeit bis zur Neu­re­ge­lung durch den Ge­setz­ge­ber zu we­nig Be­deu­tung bei.
10 Auch an­de­re zur Ver­tei­di­gung des Ge­set­zes vor­ge­brach­te Be­haup­tun­gen ste­hen auf töner­nen Füßen. Ta­rifp­lu­ra­lität ist schon im Aus­gangs­punkt re­gelmäßig kei­ne Fol­ge de­struk­ti­ver Ge­werk­schafts­kon­kur­renz, son­dern Aus­fluss grund­recht­li­cher Frei­heit und ins­be­son­de­re von Ar­beit­ge­bern sehr häufig ge­wollt (vgl. Ja­cobs, NZA 2008, S. 325 <328>). Kol­li­sio­nen sind sel­ten. Die öffent­lich be­kann­te­ren Kon­flik­te zwi­schen meh­re­ren Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­bern sind im Zu­sam­men­hang mit ganz spe­zi­fi­schen Ent­wick­lun­gen zu se­hen; da­zu gehören die Fol­gen der Pri­va­ti­sie­rung von Staats­un­ter­neh­men, tra­dier­te be­rufs­po­li­ti­sche, in Bran­chen­ge­werk­schaf­ten nicht hin­rei­chend auf­ge­fan­ge­ne Iden­titäten oder auch durch Kom­pro­mis­se in den Kri­sen­jah­ren ge­wach­se­ne Dis­kre­pan­zen der Ar­beits­be­din­gun­gen be­stimm­ter Be­ru­fe im Ver­gleich mit dem Aus­land (vgl. Schmidt, in: Leh­mann, Deut­sche und Eu­ropäische Ta­ri­fland­schaft im Wan­del, 2013, S. 68 <83 f.>). Zu­dem gibt es für die Lösung von Kol­li­si­ons­pro­ble­men seit lan­gem klären­de Ver­fah­ren der Verbände (wie nach der Sat­zung des DGB) oder aber Lösun­gen in Ta­rif­verträgen selbst (wie nach der Sch­lich­tung im Grund­satz­fra­gen­ta­rif­ver­trag bei der Bahn). Auch hier greift die Ent­schei­dung des Grund­ge­set­zes, Ta­rif­po­li­tik mit Art. 9 Abs. 3 GG in ers­ter Li­nie den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en selbst zu über­las­sen. Das ist in der Be­wer­tung der Recht­fer­ti­gung ge­setz­ge­be­ri­scher Ein­schränkun­gen ei­ner grund­recht­lich geschütz­ten Frei­heit stärker zu berück­sich­ti­gen.
11 So­weit hin­ter dem Ur­teil die An­nah­me steht, die Sei­te der Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer wer­de durch den nur als mit­tel­bar be­wer­te­ten Zwang zur Ko­ope­ra­ti­on gestärkt, weil nun die star­ken Be­rufs­grup­pen in Schlüssel­po­si­tio­nen zur Ko­ope­ra­ti­on mit an­de­ren Beschäftig­ten ge­zwun­gen würden, kann dies nur oberflächlich be­ru­hi­gen. Es ist nicht zu über­se­hen, dass die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen auf ei­nen ein­sei­ti­gen po­li­ti­schen Kom­pro­miss zwi­schen den Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen Deut­scher Ge­werk­schafts­bund und Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände zurück­ge­hen (im Ur­teil Rn. 9); dar­an wa­ren all die Ge­werk­schaf­ten, die nun Ver­fas­sungs­be­schwer­de er­ho­ben ha­ben, ge­ra­de nicht be­tei­ligt. Dass nun so­wohl Bran­chen- als auch Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten im Ver­fah­ren weit­hin übe­rein­stim­men­de Be­den­ken ge­gen das Ta­rif­ein­heits­ge­setz geäußert ha­ben, be­legt ein­drucks­voll, dass von Sei­ten der Be­trof­fe­nen kein ge­setz­ge­be­ri­scher Hand­lungs­be­darf ge­se­hen wird.
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Nicht zu über­se­hen ist nach dem Vor­trag in den Ver­fas­sungs­be­schwer­den und der münd­li­chen Ver­hand­lung auch, dass je­den­falls bei ei­ner Gel­tung der Kol­li­si­ons­re­gel oh­ne klären­den ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss im Vor­feld der Ta­rif­ver­hand­lun­gen und Ver­trags­schlüsse nicht et­wa fried­li­che Ko­ope­ra­ti­on, son­dern viel­mehr „Häuserkämp­fe“ um die be­trieb­li­che Mehr­heit zu befürch­ten sind (zu wahr­schein­li­chen Fol­gen Dei­nert, NZA 2009, S. 1176 <1181>; Grei­ner, RdA 2015, S. 36 <43>: „Brand­be­schleu­ni­ger“; Preis, FA 2014, S. 354 <356> und jM 2015, S. 369 <373>; Be­p­ler, RdA 2015, S. 194 <195>; Fran­zen, in: ErfK, 17. Aufl. 2017, § 4a TVG Rn. 15). Zu berück­sich­ti­gen ist da­bei auch, dass der Ge­setz­ge­ber nicht nur scharf sank­tio­niert, wenn Ko­ope­ra­ti­on im Vor­feld nicht ge­lingt, son­dern mit dem be­trieb­li­chen Mehr­heits­prin­zip und der Nach­zeich­nungs­op­ti­on auch struk­tu­rell ganz ein­sei­tig vor­geht: Ver­drängt wird, wer ei­ne ty­pi­scher­wei­se klei­ne Be­rufs­grup­pe or­ga­ni­siert; ei­ne Nach­zeich­nung läuft auf ei­ne „Un­ter­wer­fung“ un­ter frem­de Verträge oh­ne je­des ei­ge­ne ta­rif­po­li­ti­sche Pro­fil hin­aus und hebt so die ta­rif­po­li­ti­sche Frei­heit auf, die von Art. 9 Abs. 3 GG geschützt ist. Hier sind die Er­fah­run­gen des Schei­terns eins­ti­ger ta­rif­po­li­ti­scher Ko­ope­ra­ti­on und die Gefähr­dung noch funk­tio­nie­ren­der Ko­ope­ra­ti­on in jünge­rer Zeit un­ter Ver­weis auf das Ta­rif­ein­heits­ge­setz zu berück­sich­ti­gen. Die im Ver­fah­ren ge­schil­der­ten Fälle, in de­nen Ar­beit­ge­ber schon jetzt ver­wei­gert ha­ben, über­haupt Ta­rif­ver­hand­lun­gen auf­zu­neh­men, so­wie die of­fen­sicht­li­che Still­hal­te­po­li­tik bis zu ei­ner Ent­schei­dung des Se­nats (vgl. Preis, jM 2015, S. 369 <372>), ha­ben un­se­res Er­ach­tens im Ur­teil zu we­nig Be­ach­tung ge­fun­den. Tre­ten die im Ver­fah­ren auf­ge­zeig­ten Fol­gen al­ler­dings in Zu­kunft ein, die ak­tu­ell die Be­wer­tung der Zu­mut­bar­keit im Ur­teil nicht ent­schei­dend prägen, wäre das Ge­setz ver­fas­sungs­recht­lich neu zu be­wer­ten (vgl. BVerfGE 92, 365 <396>).

C.

13 Der ein­ge­schränk­te Blick auf die ta­rif­po­li­ti­sche Rea­lität wirkt sich auf die ver­fas­sungs­recht­li­che Be­wer­tung aus. Wir stim­men dem Ur­teil zwar in der Aus­le­gung des Art. 9 Abs. 3 GG und den da­bei im Ein­klang mit der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Maßstäben in­so­weit zu, als die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen als un­ver­ein­bar mit den grund­recht­li­chen An­for­de­run­gen zu be­wer­ten sind, weil mit ih­nen un­zu­mut­ba­re Be­ein­träch­ti­gun­gen der in Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Rech­te der be­trof­fe­nen Ge­werk­schaf­ten und ih­rer Mit­glie­der ein­her­ge­hen. Un­se­res Er­ach­tens be­trifft dies aber nicht nur den feh­len­den Be­rufs­grup­pen­schutz in ei­nem ver­drängen­den Ta­rif­ver­trag, der nach­ge­zeich­net wer­den kann (Rn. 217). Die Zwei­fel dar­an, dass das Ta­rif­ein­heits­ge­setz ver­fas­sungs­recht­lich zu recht­fer­ti­gen ist, ge­hen deut­lich darüber hin­aus. Denn die auch von der Ent­schei­dung vor­ge­se­he­nen Möglich­kei­ten, die mit den Re­ge­lun­gen ein­her­ge­hen­de Be­las­tung zu re­la­ti­vie­ren (Rn. 174) und zu be­schränken (Rn. 189), glei­chen die grund­recht­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen nicht wirk­sam aus, so sehr das Bemühen des Se­nats an­zu­er­ken­nen ist, für ei­ne ge­wis­se Ent­las­tung zu sor­gen.
14 Es ist schon frag­lich, ob die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen über­haupt ge­eig­net sind, das Ziel der Funk­ti­onsfähig­keit des Ta­rif­ver­trags­sys­tems zu er­rei­chen. Die im Ver­fah­ren mehr­fach an­schau­lich dar­ge­leg­te Wahr­schein­lich­keit, dass der Ge­setz­ge­ber mit dem Kri­te­ri­um der nu­me­ri­schen Mehr­heit von Mit­glie­dern ei­ner Ge­werk­schaft im Be­trieb ganz im Ge­gen­teil hef­ti­ge­re Kon­kur­ren­zen und Sta­tuskämp­fe in ein­zel­nen Be­trie­ben pro­vo­ziert, er­scheint uns hoch. Die Bin­dung an ei­ne Mehr­heit im Be­trieb ist auch ei­ne ho­he Hürde für neue Bran­chen­ge­werk­schaf­ten, über­haupt die Ta­riffähig­keit zu er­lan­gen. Wenn „ei­ne Sei­te al­le Trümp­fe in der Hand hat“, fehlt schließlich je­der An­reiz zur Ko­ope­ra­ti­on (vgl. Grei­ner, RdA 2015, S. 36 f.).
15 Auch hin­sicht­lich der Er­for­der­lich­keit der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen zur Er­rei­chung des Ziels struk­tu­rell fai­rer Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen be­ste­hen er­heb­li­che Zwei­fel. So hat die Ände­rung in der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (im Ur­teil Rn. 7) nicht da­zu geführt, dass die Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie seit­dem be­ein­träch­tigt wur­de. Tatsächlich wur­de schon vor 2010 kei­nes­wegs durchgängig ei­ne Ta­rif­ein­heit im Be­trieb durch­ge­setzt. Die vor­han­de­nen Da­ten zu den Fol­gen der Recht­spre­chungsände­rung greift das Ur­teil be­dau­er­li­cher­wei­se nicht auf. In­so­weit ha­ben auch Befürwor­ter des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes kon­sta­tiert, das „ganz große Cha­os“ sei aus­ge­blie­ben (Krönke, DÖV 2015, S. 788 <791>). Ent­ge­gen der auch in der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs auf­ge­grif­fe­nen Be­haup­tung spe­zi­fi­scher Loh­nun­ge­rech­tig­kei­ten und ent­spre­chen­der Nei­d­ef­fek­te, die so­gar den Be­triebs­frie­den gefähr­de­ten (BT­Drucks 18/4062, S. 8), gibt es tatsächlich zwar punk­tu­ell ho­he Ge­halts­for­de­run­gen, aber durch­aus dann ab­neh­men­de und oft eher mo­de­ra­te Ab­schlüsse und kei­ne ex­trem an­stei­gen­de Ge­halts­ent­wick­lung ein­zel­ner Be­rufs­grup­pen (vgl. Lesch, ZPol 2016, S. 155 ff.; auch RWI, Em­pi­ri­sche Ana­ly­se der Aus­wir­kun­gen der Ta­rifp­lu­ra­lität, 2011, S. 26 f.; Schro­eder, ifo Schnell­dienst 10/2012, S. 3; Kel­ler, Ko­ope­ra­ti­on oder Kon­flikt?, 2015, S. 23; Lesch/Hell­mich, IW po­li­cy pa­per 1/2015, S. 7 ff.). Sch­ließlich hätte mit ei­ner Ver­drängung nur nach ei­nem Be­schluss­ver­fah­ren (dann aber mit Rück­wir­kung, al­so ex tunc) ein mil­de­res, als An­reiz zur Ko­ope­ra­ti­on der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en aber min­des­tens eben­so wirk­sa­mes Mit­tel zur Verfügung ge­stan­den.
16 Tatsächlich ist seit der Ände­rung der Recht­spre­chung 2010 kein nen­nens­wer­ter An­stieg der Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schafts­gründun­gen zu er­ken­nen (vgl. RWI, Em­pi­ri­sche Ana­ly­se der Aus­wir­kun­gen der Ta­rifp­lu­ra­lität, 2011, S. 24 ff.; Bispinck, Zur Rol­le der Be­rufs- und Spar­ten­ge­werk­schaf­ten in der Ta­rif­po­li­tik, Vor­trag 2015). Die vom Ge­setz­ge­ber oh­ne­hin nicht di­rekt adres­sier­te Streikhäufig­keit und -in­ten­sität hat ins­ge­samt nicht zu­ge­nom­men (dif­fe­ren­ziert Lesch/Hell­mich, IW po­li­cy pa­per 1/2015, S. 10 ff.). Fehlt es da­nach nicht schon an der Er­for­der­lich­keit der ge­setz­ge­be­ri­schen Be­schränkung grund­recht­lich geschütz­ter Frei­heit, spricht dies je­den­falls dafür, dass auf die Kol­li­si­ons­re­ge­lung des § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG bis zu ei­ner Neu­re­ge­lung der be­an­stan­de­ten Tei­le durch­aus ver­zich­tet wer­den kann. Da­her ist ei­ne Fort­gel­tungs­an­ord­nung nach den bis­her gel­ten­den Maßstäben nicht zu recht­fer­ti­gen.
17 Die an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lun­gen sind auch nicht nur in dem ei­nen As­pekt des Be­rufs­grup­pen­schut­zes im an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag, son­dern ins­be­son­de­re in der durch das Ur­teil noch ermöglich­ten Aus­le­gung ei­ner Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags oh­ne ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss grund­recht­lich un­zu­mut­bar. Der Ein­griff in die mit der Ko­ali­ti­ons­frei­heit nach Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Ta­rif­au­to­no­mie, der in der Ver­drängung ei­nes ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trags und dem Ver­lust ent­spre­chen­der Leis­tun­gen liegt, und die mas­si­ven ein­schränken­den Wir­kun­gen ei­ner sol­chen Ver­drängung im ge­sam­ten Spek­trum grund­recht­lich geschütz­ten ta­rif­po­li­ti­schen Han­delns ge­hen auch mit Blick auf die le­gi­ti­men Zie­le des Ge­setz­ge­bers zu weit, je­den­falls wenn er von Ge­set­zes we­gen und nicht auf­grund des An­trags ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei ein­tritt. Zu Recht geht das Ur­teil da­von aus, dass auch die Möglich­keit be­steht, § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG nicht so aus­zu­le­gen, dass die Ver­drängung ei­nes kol­li­die­ren­den Ta­rif­ver­trags ip­so ju­re ein­tritt, son­dern die­sen Ver­lust an den ex tunc wir­ken­den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts im Ver­fah­ren nach § 99 ArbGG zu bin­den (Rn. 175 f.; vgl. BVerfGE 140, 211 <213 f. Rn. 4>; auch Preis, in: FA 2014, S. 354 <357>). Das Ur­teil überlässt die Aus­le­gung des Ge­set­zes in­so­weit den Ar­beits­ge­rich­ten. Un­se­res Er­ach­tens ist ei­ne Aus­le­gung, wo­nach dem Be­schluss­ver­fah­ren klären­de Ge­stal­tungs­wir­kung zu­kommt, ver­fas­sungs­recht­lich zwin­gend. Die Bin­dung der Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags an ein Be­schluss­ver­fah­ren schafft Rechts­si­cher­heit und ver­mei­det un­kal­ku­lier­ba­re und das Ta­rif­ver­trags­sys­tem zusätz­lich be­las­ten­de Un­si­cher­hei­ten. Die­se tref­fen sonst ein­zel­ne Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer. Bei ei­ner Gel­tung ip­so ju­re sind auch di­ver­gie­ren­de Ent­schei­dun­gen in in­di­vi­du­al­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten möglich. Oh­ne kla­res Be­schluss­ver­fah­ren be­steht zu­dem ein erhöhter An­reiz für „Häuserkämp­fe“ zur Wer­bung von Mehr­hei­ten in ein­zel­nen Be­trie­ben im Vor­feld von Ta­rif­ab­schlüssen. Dem­ge­genüber ent­spricht die Bin­dung ei­ner Auflösung von Ta­rif­kol­li­sio­nen an ein Be­schluss­ver­fah­ren dem mehr­fach erklärten Ziel des Ge­setz­ge­bers, die in Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Dis­po­si­ti­ons­frei­heit der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en möglichst zu er­hal­ten (vgl. BT­Drucks 18/4062, S. 1, 12). Im Ver­fah­ren hat auch die Bun­des­re­gie­rung be­tont, das Ta­rif­ein­heits­ge­setz sei nur An­reiz­steue­rung, wol­le im Vor­feld wir­ken und die ta­rif­po­li­ti­sche Frei­heit der Ge­werk­schaf­ten weit­ge­hend schützen. Dem­ent­spre­chend wird ei­ne Ta­rifp­lu­ra­lität in § 4a Abs. 2 Satz 1 TVG aus­drück­lich ak­zep­tiert.
18 Wei­ter geht das Ur­teil völlig zu Recht da­von aus, dass es mit Art. 9 Abs. 3 GG un­ver­ein­bar wäre, wenn die Kol­li­si­ons­re­ge­lung auch zum Ver­lust lang­fris­tig an­ge­leg­ter, die Le­bens­pla­nung der Beschäftig­ten berühren­der Ansprüche aus ei­nem Ta­rif­ver­trag führen würde (Rn. 187 f.). Der Ge­setz­ge­ber hat das nicht berück­sich­tigt. Un­se­res Er­ach­tens ist die Re­ge­lung da­her auch in­so­fern nicht mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar. Den Ge­rich­ten zu übe­r­ant­wor­ten, ob und wie dies zu ret­ten ist, und ih­nen na­he­zu­le­gen, sonst das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt letzt­lich noch­mals mit der Fra­ge zu be­fas­sen, ob der Ge­setz­ge­ber hier nicht han­deln muss, ist zwar dem Un­wis­sen darüber ge­schul­det, wie das Ta­rif­ein­heits­ge­setz in der Pra­xis wir­ken wird. Ist aber er­kenn­bar, dass hier grund­recht­lich klar geschütz­te Be­lan­ge ein­fach igno­riert wor­den sind, liegt es in der Ver­ant­wor­tung des Ge­setz­ge­bers, sich für ei­ne von vie­len denk­ba­ren Lösun­gen noch da­zu in sehr un­ter­schied­li­chen Re­ge­lungs­kon­tex­ten - von der be­trieb­li­chen Al­ters­si­che­rung über die In­sol­venz­si­che­rung bis zur Ar­beits­platz­ga­ran­tie, den Al­ters­teil­zei­ten oder Ar­beits­zeit­kon­ten - zu ent­schei­den. Ob und in­wie­weit er da­bei we­gen der Unüber­sicht­lich­keit und Viel­falt der Ma­te­ri­en zu ei­ner Ge­ne­ral­klau­sel Zu­flucht neh­men müss­te, muss in ei­nem al­le Ar­gu­men­te und Be­trof­fe­ne berück­sich­ti­gen­den Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren ent­schie­den wer­den.
19 Sch­ließlich können wir dem Ur­teil auch nicht fol­gen, so­weit es auf der von der Bun­des­re­gie­rung ver­tre­te­nen An­nah­me be­ruht, die Nach­zeich­nung ei­nes Ta­rif­ver­trags ei­ner an­de­ren Ge­werk­schaft hal­te den Ver­lust des ei­ge­nen Ta­rif­ver­trags in Gren­zen (Rn. 194). Da­hin­ter steht ei­ne gefähr­li­che Ten­denz zu ei­ner ver­ein­heit­li­chen­den Vor­stel­lung von Ar­beit­neh­mer­inter­es­sen; die Ausübung des grund­le­gen­den Frei­heits­rechts des Art. 9 Abs. 3 Satz 1 GG wird hier zu­guns­ten von Vor­stel­lun­gen ob­jek­ti­ver Rich­tig­keit zurück­ge­stellt. Das er­scheint an­ge­sichts der heu­ti­gen Struk­tu­ren von Er­werbs­ar­beit nicht nur völlig un­rea­lis­tisch und gibt die Ta­rif­bin­dung preis. In der Sa­che pri­vi­le­giert die Vor­stel­lung, es kom­me nur auf die Bin­dung an, nicht aber auf den kon­kret aus­ge­han­del­ten Ver­trag, die großen Bran­chen­ge­werk­schaf­ten. Dies wi­der­spricht dem Grund­ge­dan­ken des Art. 9 Abs. 3 GG, der auf das selbst­be­stimm­te ta­rif­po­li­ti­sche En­ga­ge­ment von An­gehöri­gen jed­we­den Be­ru­fes setzt. Das Frei­heits­recht des Art. 9 Abs. 3 GG schützt auch die Un­ter­schied­lich­keit der In­ter­es­sen im Ko­ali­ti­ons­plu­ra­lis­mus und recht­fer­tigt kei­nen „Akt der Un­ter­wer­fung“ im Zu­ge „kol­lek­ti­ven Bet­telns“ (vgl. Gaul, Ar­bRB 2015, S. 15 <17>; Be­p­ler, in: Boecken/Düwell/Dil­ler/Ha­nau, Ge­sam­tes Ar­beits­recht, 1. Aufl. 2016, § 4a TVG Rn. 97). Das Ur­teil un­terschätzt in­so­weit die ge­setz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dung, die An­wen­dung ei­nes Ta­rif­ver­trags an schlicht quan­ti­ta­ti­ven Mehr­heits­verhält­nis­sen im Be­trieb zu ori­en­tie­ren. Das fördert nicht nur den für das Ta­rif­ver­trags­sys­tem und auch für fai­re Wett­be­werbs­be­din­gun­gen durch­aus pro­ble­ma­ti­schen Be­triebs­be­zug. Ein quan­ti­ta­ti­ver Re­präsen­ta­ti­ons­mo­dus wi­der­spricht vor al­lem dem Cha­rak­ter der ta­rif­po­li­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­ons- und Hand­lungs­frei­heit des Art. 9 Abs. 3 GG. Viel­mehr ist Plu­ra­lität not­wen­di­ge Fol­ge und ge­ra­de­zu Kenn­zei­chen die­ses frei­heit­li­chen Sys­tems (vgl. Die­te­rich, in: GS für Ul­rich Za­chert, 2010, S. 532 <541>).
20

Sch­ließlich eröff­net das Ur­teil die Möglich­keit, dass im Be­schluss­ver­fah­ren nach § 99 ArbGG die Mehr­heits­verhält­nis­se der Ge­werk­schaf­ten in ei­nem Be­trieb of­fen­ge­legt wer­den. Das Ur­teil be­tont die Pflicht der Fach­ge­rich­te, dies nach Möglich­keit zu ver­mei­den, ak­zep­tiert aber auch, wenn das nicht möglich sein soll­te (Rn. 199). So­lan­ge der Ge­setz­ge­ber hier kei­ne Vor­keh­run­gen trifft, die mit der Of­fen­le­gung ein­her­ge­hen­de Ver­schie­bung der Kampf­pa­rität (vgl. Bay­reu­ther, NZA 2013, S. 1395 f.; Ebertz, RiA 2015, S. 152 <159>; da­zu auch Lin­sen­mai­er, in: ErfK, 17. Aufl. 2017, Art. 9 GG Rn. 41) zu ver­hin­dern, ist die­se je­doch nicht zu­mut­bar. Die Ta­rifp­lu­ra­lität, die der Ge­setz­ge­ber in § 4a Abs. 2 Satz 1 TVG grundsätz­lich ak­zep­tiert, ist dann hin­zu­neh­men (vgl. Tre­ber, in: Hens­s­ler/ Wil­lem­sen/Kalb, Ar­beits­recht Kom­men­tar, 7. Aufl. 2016, § 99 ArbGG Rn. 4, 6).

D.

21 Der Se­nat ist sich zwar ei­nig, dass der Ge­setz­ge­ber de­struk­ti­ven Wett­be­werb re­geln kann. Er ist sich auch ei­nig, dass ei­ne Re­ge­lung, die kei­ner­lei Rück­sicht auf die spe­zi­fi­schen In­ter­es­sen und Bedürf­nis­se der­je­ni­gen nimmt, de­ren Ta­rif­verträge in ei­nem Be­trieb ver­drängt wer­den, nicht mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist. Nicht fol­gen können wir dem Ur­teil aber in der Ent­schei­dung über die Fol­gen die­ser ver­fas­sungs­recht­li­chen Wer­tung.
22 Ist ein nach un­se­rer Über­zeu­gung we­sent­li­cher As­pekt der Aus­ge­stal­tung an­ge­grif­fe­ner Nor­men ver­fas­sungs­wid­rig, hat der Ge­setz­ge­ber die Nich­tig­keit als Re­gel­fol­ge vor­ge­se­hen; § 95 Abs. 3 Satz 1 BVerfGG. Das ist ge­ra­de in dem von uns ge­teil­ten Bemühen, die Spielräume des Ge­setz­ge­bers zu ach­ten, zwar hart, aber ein­deu­tig; es gilt un­se­res Er­ach­tens auch hier. „Fürsorg­lich­keit ge­genüber dem Ge­setz­ge­ber soll­te sich das Ver­fas­sungs­ge­richt ver­sa­gen“ (vgl. BVerfGE 93, 121 <152> - abw. Mei­nung Böckenförde). Die hier an­ge­ord­ne­te Fort­gel­tung ver­fas­sungs­wid­ri­ger Nor­men ist we­der bis zum Aus­gleich ei­ner Un­gleich­heit zwin­gend (vgl. BVerfGE 133, 59 <99>; stRspr) noch zum Schutz über­ra­gen­der Güter des Ge­mein­wohls nach Abwägung ge­bo­ten (vgl. BVerfGE 136, 9 <59>; 141, 220 <351 Rn. 355> m.w.N.), noch ist der dann ein­tre­ten­de Zu­stand von der ver­fas­sungsmäßigen Ord­nung wei­ter ent­fernt (vgl. BVerfGE 132, 372 <394> m.w.N.; 137, 108 <171 f.>; stRspr) als die Si­tua­ti­on seit 2010. Die Re­pa­ra­tur ei­nes Ge­set­zes, das sich als teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig er­weist, weil Grund­rech­te un­zu­mut­bar be­ein­träch­tigt wer­den, gehört nicht zu den Auf­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Wie ei­ne Re­ge­lung aus­ge­stal­tet wer­den muss, um die da­mit ein­her­ge­hen­den Ein­schränkun­gen der Rech­te aus Art. 9 Abs. 3 GG zu­mut­bar wer­den zu las­sen, hat der Ge­setz­ge­ber zu ent­schei­den. Ge­nau dafür steht ihm ein Einschätzungs­spiel­raum zu. Die dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf­ge­ge­be­ne Kon­trol­le der Ein­hal­tung grund­recht­li­cher An­for­de­run­gen an Ge­set­ze, die die in Art. 9 Abs. 3 GG ga­ran­tier­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit auf die­se Wei­se ein­schränken, hätte da­her zu der auch für die Pra­xis kla­ren Ent­schei­dung führen müssen, das Ta­rif­ein­heits­ge­setz je­den­falls in­so­weit für ver­fas­sungs­wid­rig und nich­tig zu erklären, als Ei­nig­keit be­steht, dass die Ver­drängung un­zu­mut­bar ist. Bis zu ei­ner Nach­bes­se­rung durch den Ge­setz­ge­ber hätte § 4a Abs. 2 Satz 2 TVG in­so­weit nicht zur An­wen­dung kom­men dürfen. Gründe, um da­von ab­zu­wei­chen, sind nicht er­kenn­bar.
23 Das Ur­teil an­er­kennt zu Recht die Möglich­keit, das Ta­rif­ein­heits­ge­setz grund­rechts­scho­nend re­strik­tiv aus­zu­le­gen. Um den Be­trof­fe­nen die grund­recht­lich ge­bo­te­nen weit­ge­hen­den Hand­lungs­spielräume zu er­hal­ten, er­scheint ins­be­son­de­re die Bin­dung der Ver­drängung ei­nes Ta­rif­ver­trags an ein von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und nicht nur ein­zel­nen ih­rer Mit­glie­der her­bei­geführ­tes ar­beits­ge­richt­li­ches Be­schluss­ver­fah­ren ver­fas­sungs­recht­lich zwin­gend. Wo der Ge­setz­ge­ber die Wei­chen für ei­ne zu­mut­ba­re Ein­schränkung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit nicht ge­stellt hat, ist er zu­dem selbst ge­fragt. Das Ur­teil hätte nicht mühe­voll fach­recht­li­che Aus­le­gungs­op­tio­nen auf­zei­gen müssen, um den Wünschen des Ge­setz­ge­bers möglichst weit­ge­hend fol­gen zu können. Es hätte zu­guns­ten des Grund­rechts­schut­zes ge­ra­de klei­ner Ge­werk­schaf­ten statt­des­sen die Kon­troll­auf­ga­be des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts auch ge­gen star­ke po­li­ti­sche Mehr­hei­ten wahr­neh­men und ent­schei­den müssen, dass der Ge­setz­ge­ber mit dem Ta­rif­ein­heits­ge­setz ein zu schar­fes Schwert gezückt hat.
24 Die in­di­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Wahr­neh­mung von Frei­heits­rech­ten ist zu­wei­len an­stren­gend, ge­ra­de auch für nicht un­mit­tel­bar in die Aus­ein­an­der­set­zung ver­strick­te Drit­te. Es ist Auf­ga­be des Ge­setz­ge­bers, ih­re Wahr­neh­mung in ei­nen recht­li­chen Rah­men zu stel­len, und Auf­ga­be des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, die Frei­heits­ausübung vor pri­va­tem (Art. 9 Abs. 3 Satz 2 GG) wie un­verhält­nismäßigem ge­setz­ge­be­ri­schem Zu­griff zu schützen. Im Bemühen, selbst ei­nen in­ter­es­sen­ge­rech­ten Aus­gleich her­zu­stel­len, ver­langt der Se­nat von den Fach­ge­rich­ten die Über­prüfung der sach­li­chen An­ge­mes­sen­heit der er­ziel­ten Er­geb­nis­se für ein­zel­ne Be­rufs­grup­pen. Art. 9 Abs. 3 GG hin­ge­gen ver­traut der ei­gen­ver­ant­wort­lich wahr­ge­nom­me­nen Frei­heit.

Pau­lus
Ba­er

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