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Kein Kla­ge­recht bei Frist­ver­säu­mung durch Rechts­an­walt

Ver­säumt der An­walt schuld­haft die Drei­wo­chen­frist für ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge, ist die Frist­ver­säu­mung dem ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer zu­zu­rech­nen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.12.2008, 2 AZR 472/08

27.01.2009. Nach § 4 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) hat ein ge­kün­dig­ter Ar­beit­neh­mer nur drei Wo­chen Zeit, ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ein­zu­rei­chen.

Nach Frist­ab­lauf ist ei­ne Kla­ge zwar im­mer noch zu­läs­sig, aber meist chan­cen­los.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung zu­guns­ten der Ar­beit­ge­ber klar­ge­stellt, dass die Ver­säu­mung der Drei­wo­chen­frist für die Er­he­bung ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge dem Ar­beit­neh­mer auch dann zur Last fällt, wenn ein von ihm be­auf­trag­ter Rechts­an­walt die Frist­ver­säu­mung ver­schul­det hat: BAG, Ur­teil vom 11.12.2008, 2 AZR 472/08.

Ist der Arbeitnehmer der Dumme, wenn ein von ihm beauftragter Anwalt die Dreiwochenfrist für eine Kündigungsschutzklage versäumt?

Ein gekündig­ter Ar­beit­neh­mer muss sich nach § 4 Satz 1 KSchG bin­nen drei Wo­chen ab Zu­gang der schrift­li­chen Kündi­gung ge­gen die­se durch Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge beim Ar­beits­ge­richt (ArbG) weh­ren, will er die Kündi­gung nicht auf sich be­ru­hen las­sen.

Wird nicht oder nicht frist­gemäß Kla­ge er­ho­ben, gilt die Kündi­gung als von An­fang an wirk­sam, § 7 KSchG.

War der Ar­beit­neh­mer al­ler­dings trotz An­wen­dung al­ler ihm nach La­ge der Din­ge zu­zu­mu­ten­den Umstände dar­in ge­hin­dert, die­se Frist ein­zu­hal­ten, gibt § 5 Abs. 1 Satz 1 KSchG dem Ar­beit­neh­mer die Möglich­keit, in­ner­halb von zwei Wo­chen nach Weg­fall des Er­eig­nis­ses, das ihn an der Kla­ge­er­he­bung ge­hin­dert hat, ei­nen An­trag auf nachträgli­che Zu­las­sung der Kla­ge zu stel­len.

Hat der Ar­beit­neh­mer da­ge­gen die ihm bei Wah­rung der Kla­ge­frist ob­lie­gen­de Sorg­falt nicht be­ach­tet und da­her die Versäum­ung der Kla­ge­frist ver­schul­det, kann die Kla­ge nicht nachträglich zu­ge­las­sen wer­den. Da­her stellt sich die Fra­ge, wie der Fall zu be­ur­tei­len ist, dass ein vom Ar­beit­neh­mer mit der Kla­ge­er­he­bung be­auf­trag­ter An­walt es versäumt, die Kla­ge recht­zei­tig zu er­he­ben. Ist das Ver­schul­den des An­walts dem Ar­beit­neh­mer dann zu­zu­rech­nen mit der Fol­ge, dass ei­ne nachträgli­che Zu­las­sung der Kla­ge nicht möglich ist?

Dem Ar­beit­neh­mer ist in die­sem Fall zwar kein ei­ge­nes Ver­schul­den an­zu­las­ten, doch könn­te ihm mögli­cher­wei­se auf­grund von § 85 Abs. 2 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) das Ver­schul­den sei­nes An­walts wie ei­ge­nes Ver­schul­den zu­zu­rech­nen sein. Ob man dies so se­hen muss, ist seit lan­ger Zeit in Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur um­strit­ten.

So geht z.B. das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg in ständi­ger Recht­spre­chung da­von aus, dass die Versäum­ung ei­ner Frist, die auf dem Ver­schul­den ei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten be­ruht, nicht dem Ar­beit­neh­mer nach § 85 Abs. 2 ZPO zu­ge­rech­net wer­den könne (Be­schluss vom 07.05.2004, 8 Ta 6/04 m.w.N.). Die­se An­sicht ver­tre­ten auch das LAG Hamm (Be­schluss vom 27.02.1996, 5 Ta 106/95) so­wie seit 2002 auch das Hes­si­sche LAG (Be­schluss vom 10.09.2002, 15 Ta 98/02).

Dem­ge­genüber sind das LAG Köln (Be­schluss vom 03.11.2005, 7 Ta 306/05), das LAG Rhein­land-Pfalz (Be­schluss vom 17.01.2008, 3 Ta 258/07) so­wie das LAG Nie­der­sach­sen (Be­schluss vom 13.07.2005, 10 Ta 409/05) der Auf­fas­sung, dass sich ein kla­gen­der Ar­beit­neh­mer im Ver­fah­ren auf nachträgli­che Zu­las­sung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge gemäß § 5 KSchG das Ver­schul­den des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten nach § 85 Abs. 2 ZPO zu­rech­nen las­sen muss. Die­ser könne nicht bes­ser ge­stellt wer­den als ein Ar­beit­neh­mer, der sich selbst ver­tre­te.

Mit die­ser ar­beits­recht­li­chen Streit­fra­ge hat­te sich im De­zem­ber 2008 erst­mals auch das BAG zu beschäfti­gen (Ur­teil vom 11.12.2008, 2 AZR 472/08). Dass es Jahr­zehn­te dau­er­te, bis das BAG zu die­sem Streit Stel­lung nahm, hat fol­gen­den Grund:

Nach der bis zum 01.04.2008 be­ste­hen­den Fas­sung des § 5 Abs. 4 KSchG ent­schied die Kam­mer des ArbG über ei­nen An­trag auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung durch Be­schluss. Ge­gen die­sen Be­schluss war (al­lein) die so­for­ti­ge Be­schwer­de zum LAG zulässig. Ge­gen die Ent­schei­dung des LAG konn­te ein wei­te­res Rechts­mit­tel nicht ein­ge­legt wer­den, so dass das BAG die Recht­spre­chung der Ar­beits- und Lan­des­ar­beits­ge­rich­te zur nachträgli­chen Kla­ge­zu­las­sung nicht über­prüfen konn­te.

Nun­mehr wur­de § 5 Abs. 4 KSchG durch das Ge­setz zur Ände­rung des So­zi­al­ge­richts­ge­set­zes und des Ar­beits­ge­richts­ge­set­zes vom 26.03.2008 da­hin­ge­hend geändert, dass das Ver­fah­ren über den An­trag auf nachträgli­che Zu­las­sung mit dem Kla­ge­ver­fah­ren zu ver­bin­den ist. Da­her ist ei­ne Ent­schei­dung über die nachträgli­che Zu­las­sung der Kla­ge durch Zwi­schen- oder En­dur­teil zu tref­fen, so dass sich erst­mals für das BAG bzw. im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren die Möglich­keit er­gibt, über die nachträgli­che Zu­las­sung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge zu ent­schei­den.

Der Streitfall: Gekündigter Arbeitnehmer beauftragt rechtzeitig innerhalb der Dreiwochenfrist einen Anwalt, der daraufhin die Klagefrist "verbaselt"

Der Ar­beit­ge­ber kündig­te ein seit 2006 mit ei­ner Ar­beit­neh­me­rin be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis durch ei­ne schrift­li­che or­dent­li­che Kündi­gung, die der Ar­beit­ne­me­rin am 27.09.2007 zu­ging.

Die gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin be­auf­trag­te dar­auf­hin rasch, nämlich schon am Tag nach dem Zu­gang der Kündi­gung ei­nen Rechts­an­walt mit der Er­he­bung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge.

Am 02.11.2007 stell­te sich dann auf Nach­fra­ge der Ar­beit­neh­me­rin bei ih­rem An­walt her­aus, dass die­ser es versäumt hat­te, die Kla­ge bin­nen drei Wo­chen ab Zu­gang der Kündi­gung ein­zu­rei­chen.

Dar­auf­hin be­auf­trag­te die Kläge­rin ei­nen an­de­ren Rechts­an­walt, der am 20.11.2007 Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein­reich­te und zu­gleich ei­nen An­trag auf Wie­der­ein­set­zung in den vo­ri­gen Stand stell­te. Der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag wur­de da­mit be­gründet, dass sich die Kläge­rin das Ver­schul­den des zu­erst be­auf­trag­ten Rechts­an­walts nicht zu­rech­nen las­sen müsse. Dem­ge­genüber ver­trat die be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin die An­sicht, dass der Kläge­rin das An­walts­ver­schul­den zu­zu­rech­nen sei.

Das Ar­beits­ge­richt Mann­heim wies den An­trag auf Wie­der­ein­set­zung bzw. auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung der Kla­ge zurück (Ur­teil vom 30.01.2008, 9 Ca 476/07), eben­so wie das LAG Ba­den-Würt­tem­berg in der Be­ru­fungs­in­stanz (Ur­teil vom 07.05.2008, 12 Sa 62/08).

Das LAG berück­sich­tig­te da­bei die zum 01.04.2008 in Kraft ge­tre­te­ne Ände­rung des § 5 Abs. 4 KSchG und ver­band das Ver­fah­ren über die nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung mit der Kla­ge in der Haupt­sa­che.

Es ent­schied so­mit über die von der Kläge­rin ge­gen den Be­schluss des ArbG Mann­heim ein­ge­leg­te Be­schwer­de nicht mehr durch Be­schluss, son­dern er­ließ nach münd­li­cher Ver­hand­lung ein Ur­teil. Der An­trag auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung wur­de zurück­ge­wie­sen. Ge­gen die­se Ent­schei­dung wand­te sich die Re­vi­si­on der Kläge­rin.

BAG: Versäumt der Anwalt schuldhaft die Dreiwochenfrist für eine Kündigungsschutzklage, ist die Fristversäumung dem gekündigten Arbeitnehmer zuzurechnen

Auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt wies den An­trag auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung zurück.

So­weit der bis­lang vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung zu ent­neh­men ist, hat das BAG eben­so wie die Vor­in­stan­zen das Ver­schul­den des zu­erst be­auf­trag­ten Rechts­an­walts an der Nicht­ein­hal­tung der Kla­ge­frist gemäß § 85 Abs. 2 ZPO dem­je­ni­gen der Kläge­rin gleich­ge­setzt, d.h. der Kläge­rin den Pflicht­ver­s­toß ih­res Erst­an­walts ge­gen die bei Wah­rung der Kla­ge­frist zu be­ach­ten­de Sorg­falt zu­ge­rech­net.

Auf­grund des so­mit ver­schul­de­ten Versäum­ens der Kla­ge­frist des § 4 Satz 1 KSchG gab auch das BAG dem An­trag auf nachträgli­che Kla­ge­zu­las­sung, der ja nach § 5 Abs. 1 Satz 1 KSchG feh­len­des Ver­schul­den bei der Frist­versäum­ung vor­aus­setzt, nicht statt.

Fa­zit: Mit die­ser Ent­schei­dung ist der oben erwähn­te jah­re­lan­ge Streit­fra­ge darüber, ob § 85 Abs. 2 ZPO auf § 5 KSchG an­wend­bar ist oder ob die Zu­rech­nung ei­nes An­walts­ver­schul­dens gekündig­ten Ar­beit­neh­mern den Zu­gang zu den Ar­beits­ge­rich­ten un­zu­mut­bar er­schwe­re, ver­bind­lich ent­schie­den.

Wer als gekündig­ter Ar­beit­neh­mer ei­nen An­walt mit ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge be­auf­tragt, dem ist zu ra­ten, das möglichst nicht erst ge­gen En­de der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist zu tun. Und er soll­te mit dem An­walt ver­bind­lich ab­spre­chen, wann die­ser Kla­ge er­hebt. Die Ko­pie der Kla­ge­schrift soll­te dem Ar­beit­neh­mer dann möglichst noch in­ner­halb der Kla­ge­frist vor­lie­gen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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