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Kei­ne pau­scha­le Ab­gel­tung „er­for­der­li­cher Über­stun­den“ mit dem Ge­halt

Bun­des­ar­beits­ge­richt be­grenzt zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers for­mu­lar­ver­trag­li­che Über­stun­den­re­ge­lun­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 01.09.2010, 5 AZR 517/09

14.01.2011. Ar­beits­ver­trä­ge wer­den ty­pi­scher­wei­se von Ar­beit­ge­bern vor­for­mu­liert und dem Ar­beit­ge­ber oh­ne Ver­hand­lungs­mög­lich­keit zur Un­ter­zeich­nung vor­ge­legt.

In die­sem Fall sind die ar­beits­ver­trag­li­chen Klau­seln All­ge­mei­ne Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB), die nur wirk­sam sind, wenn sie die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben ein­hal­ten.

AGB dür­fen den Ar­beit­neh­mer nicht über­mä­ßig be­nach­tei­li­gen oder un­ver­ständ­lich sein. Das gilt auch für Re­ge­lun­gen zur Be­zah­lung von Über­stun­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 01.09.2010, 5 AZR 517/09.

Ist die vertragliche Regelung "erforderliche Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten" wirksam?

Ar­beits­verträge sind in der Re­gel For­mu­lar­verträge, d.h. die Ver­trags­be­din­gun­gen wer­den al­lein vom Ar­beit­ge­ber nach sei­nen In­ter­es­sen aus­ge­stal­tet und nicht im Ein­zel­nen mit dem Ar­beit­neh­mer auf glei­cher Au­genhöhe aus­ge­han­delt. Die Ver­trags­be­din­gun­gen in Ar­beits­verträgen sind da­her in al­ler Re­gel All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB).

Dies sind sol­che Ver­trags­be­stim­mun­gen, die der Ar­beit­ge­ber für ei­ne Viel­zahl von Verträgen vor­for­mu­liert und sei­nem Ver­trags­part­ner, dem Ar­beit­neh­mer, ein­sei­tig zur An­nah­me stellt. AGB un­ter­lie­gen ei­ner um­fang­rei­chen Wirk­sam­keits­kon­trol­le, wel­che be­stimmt, ob ei­ne AGB Gel­tung er­langt oder nicht. Die­se Rechts­kon­trol­le rich­tet sich nach den §§ 305 ff. Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).

§ 307 Abs. 1 Satz 1 BGB et­wa be­stimmt, dass AGB, wel­che der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer bei Ver­trags­schluss ge­stellt hat, dann un­wirk­sam sind, wenn sie von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen und der Ar­beit­neh­mer durch sie „ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt“ wird.

Um­strit­ten ist, ob dies auch auf Ver­trags­klau­seln zur Über­stun­den­ab­gel­tung zu­trifft, nach de­nen die Vergütung von Über­stun­den mit dem re­gulären Mo­nats­ge­halt ab­ge­gol­ten ist. Bei sol­chen Pau­scha­lie­rungs­klau­seln geht es nämlich nicht um ei­ne Fra­ge, die im Ge­setz ge­re­gelt ist, son­dern viel­mehr um den Preis der Ar­beit. Ei­ne In­halts­kon­trol­le nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB kann aber dann nicht vor­ge­nom­men wer­den, wenn AGB nicht von ei­ner Ge­set­zes­vor­schrift ab­wei­chen.

Sol­che Preis- bzw. Haupt­leis­tungs­ab­re­den un­ter­lie­gen da­her zwar grundsätz­lich kei­ner Kon­trol­le, die Über­stun­den­ab­gel­tungs­klau­seln müssen aber den­noch zu­min­dest für den Ver­trags­part­ner, hier für den Ar­beit­neh­mer, „trans­pa­rent“, d.h. klar und verständ­lich sein. An­dern­falls sind sie gemäß § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB un­wirk­sam.

Ei­ne weit ver­brei­te­te An­sicht in der Rechts­leh­re nimmt ei­ne Trans­pa­renz bei Über­stun­den­ab­gel­tungs­klau­seln nur dann an, wenn der Ar­beit­neh­mer den Klau­seln ent­neh­men kann, „was auf ihn zu­kommt“, da sie den Um­fang der zusätz­li­chen un­be­zahl­ten Über­stun­den von vorn­her­ein fest­le­gen.

Stellt sich die Fra­ge, ob ei­ne aus­rei­chen­de Trans­pa­renz dann ge­ge­ben ist, wenn ei­ne Über­stun­den­ab­gel­tungs­klau­sel für „er­for­der­li­che Über­stun­den“ kei­ne zusätz­li­che Vergütung vor­sieht und ei­ne 45- St­un­den Wo­che ver­ein­bart wur­de, bzw. ar­beits­zeit­recht­li­che Schran­ken be­ste­hen, die we­nig Raum für Über­stun­den las­sen. Die­se Fra­ge hat nun das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) be­ant­wor­tet (BAG, Ur­teil vom 01.09.2010, 5 AZR 517/09).

Der Fall: Leiter eines Hochregallagers will 102 Überstunden bezahlt bekommen - Arbeitgeber weigert sich mit Hinweis auf den Arbeitsvertrag

Der Ar­beit­neh­mer ist als Lei­ter ei­nes Hoch­re­gal­la­gers bei dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber beschäftigt. Die Par­tei­en ha­ben zu­letzt 2006 ei­nen schrift­li­chen, vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­stal­te­ten For­mu­lar­ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen. Das Mo­nats­ge­halt des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers be­lief sich auf 3.000,00 EUR brut­to mit ei­ner Wo­chen­ar­beits­zeit von 45 St­un­den. Der Ar­beits­ver­trag ent­hielt zu­dem fol­gen­de Klau­sel:

„Mit der vor­ste­hen­den Vergütung sind er­for­der­li­che Über­stun­den des Ar­beit­neh­mers mit ab­ge­gol­ten.“

Der Ar­beit­neh­mer konn­te nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses auf­grund sei­nes Ar­beits­zeit­kon­tos, wel­ches ei­ne Wo­chen­ar­beits­zeit von 45 Soll­stun­den vor­sah, nach­wei­sen, dass sich ein Mehr­ar­beits­zeit­gut­ha­ben von 102 St­un­den an­ge­lau­fen hat­te. Dies ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig. Die Vergütung die­ser Über­stun­den lehn­te der Ar­beit­ge­ber al­ler­dings mit Hin­weis auf die ver­trag­li­che Über­stun­den­ab­gel­tungs­klau­sel ab. Der Ar­beit­neh­mer leg­te da­ge­gen Kla­ge ein.

So­wohl das Ar­beits­ge­richt Pa­der­born, als auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm (Ur­teil vom 18.03.2009, 2 Sa 1108/08) ga­ben der Kla­ge statt.

BAG: Eine pauschale formularvertragliche Überstundenabgeltung ist unklar und deshalb unwirksam

Auch das BAG er­ach­te­te die strei­ti­ge Klau­sel für un­wirk­sam.

Über ei­ne Be­zah­lung der 102 Über­stun­den war im Er­geb­nis gar kei­ne Vergütungs­ab­re­de ge­trof­fen wor­den, so das BAG. Denn die for­mu­lar­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Über­stun­den­ab­gel­tungs­klau­sel, die ei­ne gleich­zei­ti­ge Ab­gel­tung der „er­for­der­li­chen Über­stun­den“ mit dem mo­nat­li­chen Brut­to­ge­halt vor­sieht, ist nach dem BAG un­klar und folg­lich un­wirk­sam.

Für ei­nen "durch­schnitt­li­chen Ar­beit­neh­mer" ist ei­ne Ver­trags­be­stim­mung, die ei­ne pau­scha­le Be­glei­chung ge­leis­te­ter Über­stun­den mit dem re­gulären Ge­halt vor­sieht, nämlich nur dann klar und verständ­lich, wenn sich ihr gleich­zei­tig auch ent­neh­men lässt, wel­che Ar­beits­leis­tun­gen da­von be­trof­fen sind und so­mit nicht ge­son­dert vergütet wer­den, so das BAG.

Schon bei Ver­trags­schluss muss dem Ar­beit­neh­mer deut­lich wer­den, wel­che zusätz­li­chen Ar­beits­leis­tun­gen er auf An­wei­sun­gen des Ar­beit­ge­bers hin oh­ne Vergütung er­brin­gen muss. Nur so erfährt er, was ihn im schlech­tes­ten Fall er­war­tet.

Ar­beit­neh­mer können in Fällen wie dem hier ent­schie­de­nen der Ver­trags­klau­sel al­ler­dings nicht ent­neh­men, wel­che An­zahl von Über­stun­den be­reits mit der re­gulären mo­nat­li­chen Vergütung be­gli­chen sein sol­len und wel­che vom Ar­beit­ge­ber ge­son­dert zu be­zah­len sind. Vor al­lem ei­ne Be­gren­zung sol­cher Über­stun­den, die oh­ne zusätz­li­che Vergütung zu leis­ten sind, auf die zulässi­ge Höchst­ar­beits­zeit nach dem Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) er­gibt sich we­der aus der Klau­sel noch aus an­de­ren ar­beits­ver­trag­li­chen Be­stim­mun­gen, so das BAG. Der vor­lie­gen­de Ar­beits­ver­trag deu­te­te viel­mehr dar­auf hin, dass Über­schrei­tun­gen der ge­setz­li­chen Höchst­ar­beits­zei­ten vom Ar­beit­neh­mer hin­ge­nom­men wer­den muss­ten.

Die im Streit­fall ge­trof­fe­ne Über­stun­den­ab­gel­tungs­klau­sel war da­her un­wirk­sam. So­mit be­stand gar kei­ne ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung bzgl. der Vergütung von Über­stun­den.

Dann aber gel­ten die ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen. Und gemäß § 612 BGB ha­ben Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch ge­gen den Ar­beit­ge­ber auf Be­zah­lung ih­rer Ar­beits­leis­tung, d.h. auch der ge­leis­te­ten Über­stun­den. Denn wer nur 1.800,00 EUR brut­to pro Mo­nat für ei­ne voll­zei­ti­ge Tätig­keit ver­dient, hat ei­ne "ob­jek­ti­ve" bzw. be­rech­tig­te Er­war­tung, dass Über­stun­den ge­son­dert be­zahlt wer­den. Das wa­ren im Streit­fall 102 St­un­den.

Fa­zit: Ver­trags­be­stim­mun­gen ei­nes For­mu­lar­ar­beits­ver­tra­ges, wel­che die pau­scha­le Ab­gel­tung von Über­stun­den mit dem re­gulären Mo­nats­lohn re­geln, müssen im­mer ei­ne Ein­gren­zung da­nach vor­neh­men, wie vie­le der Über­stun­den nicht ge­son­dert vergütet wer­den. An­dern­falls sind sie un­klar und da­mit un­wirk­sam. Ei­ne zulässi­ge Be­stim­mung lie­ge et­wa dann vor, wenn sie vor­sieht, dass ei­ne Über­schrei­tung der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Wo­chen­ar­beits­zeit von wöchent­lich bis zu zehn Pro­zent be­reits mit dem Mo­nats­lohn ab­ge­gol­ten und so­mit nicht ge­son­dert zu be­zah­len ist.

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Letzte Überarbeitung: 5. Oktober 2015

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