Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Betriebsrat: Benachteiligung, Abmahnung, Betriebsratsmitglied
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 7 ABR 7/12
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 04.12.2013
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Hannover, Beschluss vom 17.08.2010, 6 BV 14/10
Landesarbeitsgericht Niedersachsen, Beschluss vom 30.11.2011, 16 TaBV 75/10
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

7 ABR 7/12
16 TaBV 75/10
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Nie­der­sach­sen


Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
4. De­zem­ber 2013

BESCHLUSS

Schie­ge, Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le

In dem Be­schluss­ver­fah­ren mit den Be­tei­lig­ten

1.

An­trag­stel­ler, Be­schwer­deführer und Rechts­be­schwer­deführer,

2.

3.

Be­schwer­deführer und Rechts­be­schwer­deführer,

4. ...,


- 2 -

hat der Sieb­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 4. De­zem­ber 2013 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Lin­sen­mai­er, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Kiel, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmidt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Busch und Strip­pel­mann für Recht er­kannt:


Die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats ge­gen den Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen vom 30. No­vem­ber 2011 - 16 TaBV 75/10 - wird zurück­ge­wie­sen.


Auf die Rechts­be­schwer­de des Be­tei­lig­ten zu 3. wird der Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen vom 30. No­vem­ber 2011 - 16 TaBV 75/10 - teil­wei­se auf­ge­ho­ben.


Die Ar­beit­ge­be­rin wird ver­pflich­tet, die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 ge­genüber dem Be­tei­lig­ten zu 3. aus des­sen Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen.

Im Übri­gen wird die Rechts­be­schwer­de des Be­tei­lig­ten zu 3. zurück­ge­wie­sen.

Von Rechts we­gen!

Gründe

A. Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Be­rech­ti­gung ei­ner dem Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den er­teil­ten Ab­mah­nung so­wie in die­sem Zu­sam­men­hang über Fest-stel­lungs- und Un­ter­las­sungs­ansprüche.


Die zu 2. be­tei­lig­te Ar­beit­ge­be­rin be­treibt ein psych­ia­tri­sches und psy­cho­so­ma­ti­sches Fach­kran­ken­haus. In die­sem ist der zu 1. be­tei­lig­te 15-köpfi­ge Be­triebs­rat ge­bil­det, des­sen frei­ge­stell­ter Vor­sit­zen­der der Be­tei­lig­te zu 3. ist.

Am 4. De­zem­ber 2009 in­for­mier­te die bei der Ar­beit­ge­be­rin beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin L die Geschäfts­lei­tung an­hand ei­nes Form­blatts „Mel­dung über
 


- 3 -

ein be­son­de­res Vor­komm­nis“ darüber, dass sie ge­se­hen ha­be, wie der Haus-meis­ter Herr B am 2. De­zem­ber 2009 ei­nen Heim­be­woh­ner be­schimpft und den rech­ten Arm zu ei­nem Schlag er­ho­ben ha­be, der Heim­be­woh­ner aber - da er sich ge­duckt ha­be - nicht ge­trof­fen wor­den sei. We­gen die­ser Mel­dung wand­te sich Herr B an den Be­triebs­rat. Am 9. De­zem­ber 2009 führ­te der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de ge­mein­sam mit ei­nem wei­te­ren Be­triebs­rats­mit­glied - dem vor­mals Be­tei­lig­ten zu 4., des­sen Ar­beits­verhält­nis mitt­ler­wei­le be­en­det und das Ver­fah­ren in­so­weit ein­ge­stellt ist - ein Gespräch mit Frau L. Mit Schrei­ben vom sel­ben Tag teil­te Frau L der Geschäfts­lei­tung mit:


„...
ich möch­te Sie über den Be­such der Be­triebs­rats­mit­glie­der Herr V und Herr F be­rich­ten und mich gleich­zei­tig über die Art und Wei­se des Um­gangs mit mir bei Ih­nen be­schwe­ren.


Um ca. 10.00 Uhr ka­men Herr V und Herr F auf Wohn­be­reich 1, um mit mir ein Gespräch zu führen. Herr V schick­te die bei­den dienst­ha­ben­den Pfle­ger ... und ... aus dem Dienst­zim­mer, wo­durch al­les für mich ei­nen verhörar­ti­gen Cha­rak­ter be­kam. Ich das auch so­fort ge­sagt und be­schrie­ben, dass es mir nicht gut geht. Herr V spiel­te es her­un­ter. Mir wur­de ein schlech­tes Ge­wis­sen ein­ge­re­det, ich soll­te die Satz­stel­lung und For­mu­lie­run­gen über­den­ken oder soll­te ei­ne Zeich­nung mit Da­tum und Un­ter­schrift an­fer­ti­gen.


Herr F zeich­ne­te auch et­was vor, das ich un­ter­zeich­nen soll­te, wenn ich es für rich­tig hielt. Ha­be mich ge­wei­gert, hat­te nach dem Gespräch so ein schul­di­ges, schlech­tes Gefühl.


Herr V ver­such­te sein An­lie­gen run­ter­zu­spie­len Zi­tat: ‚... A, kann ich mich dar­auf ver­las­sen, dass es beim Ab­weh­ren bleibt, was Du ge­se­hen hast. Ich muss nämlich noch ein Schrei­ben für ... auf­set­zen:‘ Das wa­ren sei­ne Wor­te.


Über­le­ge, es be­darf doch nur der For­mu­lie­rung. Ich ha­be auf mein Schrei­ben vom 4.12.09 ver­wie­sen... Bei­de sind dann ge­gan­gen.
...“

- 4 -

Zu die­ser Be­schwer­de äußer­ten sich der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de und das Be­triebs­rats­mit­glied mit ei­nem Schrei­ben an die Geschäfts­lei­tung vom 16. De­zem­ber 2009. Das Schrei­ben lau­tet aus­zugs­wei­se:

„...
die Be­schwer­de von Frau L vom 09.12.09 hat uns sehr über­rascht. Un­se­re Er­in­ne­rung an den Ab­lauf des Gespräches vom 09.12.09 un­ter­schei­det sich er­heb­lich von der Schil­de­rung der Kol­le­gin L.


Un­se­re Ab­sicht war es, uns von Frau L den zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­halt bezüglich des Vor­falls vom 02.12.09 zwi­schen Herrn B und dem Be­woh­ner, Herrn ..., aus Ih­rer Sicht erläutern zu las­sen, nach­dem Herr B uns sei­ne Sicht­wei­se ge­schil­dert hat­te.


Das un­se­re Bemühun­gen um Sach­aufklärung evtl. miss-ver­stan­den wur­den, macht uns be­trof­fen.
...“

Mit Schrei­ben vom 13. Ja­nu­ar 2010 er­teil­te die Ar­beit­ge­be­rin dem Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den (eben­so wie mit ei­nem wei­te­ren Schrei­ben dem vor­mals zu 4. be­tei­lig­ten Be­triebs­rats­mit­glied) ei­ne „Ab­mah­nung“ mit fol­gen­dem Wort­laut:

„...
Von un­se­rem An­ge­bot, ein ge­mein­sa­mes Gespräch zu führen, ha­ben Sie kei­nen Ge­brauch ge­macht. Wie be­reits an­gekündigt, mah­nen wir Sie hier­mit we­gen des Vor­falls vom 09.12.2009 - Frau L - aus­drück­lich ab.


Nach den glaub­haf­ten Be­kun­dun­gen von Frau L, de­nen Sie im We­sent­li­chen nicht wi­der­spro­chen ha­ben, ha­ben Sie in un­zulässi­ger Wei­se ver­sucht, Frau L zu ver­an­las­sen, ih­re Be­ob­ach­tun­gen zu dem Vor­fall am 02.12.2009 - B/... - zu­guns­ten des Herrn B zu kor­ri­gie­ren. Auch als BR-Vor­sit­zen­der und frei­ge­stell­tes BR-Mit­glied sind Sie an Ge­setz und Recht ge­bun­den, darüber­hin­aus be­steht auch die Ver­pflich­tung zur Rück­sicht­nah­me auf die Rech­te und In­ter­es­sen an­de­rer Ar­beit­neh­mer wei­ter. Nach dem von Frau L be­kannt ge­mach­ten Gesprächs­ver­lauf be­steht für uns der drin­gen­de Ver­dacht, dass Sie auch aus straf­recht­li­cher Sicht in un­zulässi­ger Wei­se ver­sucht ha­ben, Druck auf Frau L aus­zuüben, um die­se zu ver­an­las­sen, ih­re tatsächli­chen Wahr­neh­mun­gen an­ders dar­zu­stel­len, als wie


- 5 -

sie sie wahr­ge­nom­men hat. Dies ist ei­ne schwer­wie­gen­de Ver­let­zung auch Ih­rer ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen. Sie ha­ben da­mit auch ge­gen das Rück­sicht­nah­me-und Über­maßver­bot ver­s­toßen.


Wir mah­nen Sie des­halb ab und wei­sen dar­auf­hin, dass wir uns für den Fall ei­ner Wie­der­ho­lung vor­be­hal­ten, das mit Ih­nen be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis auch außer­or­dent­lich zu kündi­gen.
...“
 

Der Be­triebs­rat hat mit dem beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­lei­te­ten Be­schluss­ver­fah­ren - so­weit für die Rechts­be­schwer­de noch von Be­deu­tung - die Fest­stel­lung be­gehrt, dass die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 un­wirk­sam sei und ei­ne Be­hin­de­rung und Störung der Ar­beit des Be­triebs­rats so­wie des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den dar­stel­le. Nach­dem das Lan­des­ar­beits­ge­richt den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den (eben­so wie das wei­te­re Mit­glied des Be­triebs­rats) am Ver­fah­ren be­tei­ligt hat, hat die­ser im Be­schwer­de­ver­fah­ren gleich­lau­ten­de Fest­stel­lun­gen be­gehrt und darüber hin­aus - eben­so wie der Be­triebs­rat hilfs­wei­se - von der Ar­beit­ge­be­rin die Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus sei­ner Per­so­nal­ak­te so­wie die Ver­pflich­tung ver­langt, es künf­tig zu un­ter­las­sen, ge­genüber Be­triebs­rats­mit­glie­dern Ab­mah­nun­gen für Hand­lun­gen zu er­tei­len, die als Man­dats­ausübung an­zu­se­hen sei­en. Der Be­triebs­rat und der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de ha­ben die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ih­re Ansprüche sei­en im Be­schluss­ver­fah­ren zu ver­fol­gen. Die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 sei be­triebs­ver­fas­sungs­wid­rig. Sie zie­le auf ei­ne Störung und Be­hin­de­rung der Ar­beit des Be­triebs­rats und des Be­tei­lig­ten zu 3. in sei­ner Funk­ti­on als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der.


Der Be­triebs­rat und der Be­tei­lig­te zu 3. ha­ben - so­weit für die Rechts­be­schwer­de von In­ter­es­se - be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass


1. die Ab­mah­nung des Be­tei­lig­ten zu 3. vom 13. Ja­nu­ar 2010 un­wirk­sam ist und
 


- 6 -

2. so­wohl ei­ne Be­hin­de­rung und Störung der Ar­beit des Be­triebs­rats als auch der Ar­beit des Be­tei­lig­ten zu 3. ist, so­wie beim Lan­des­ar­beits­ge­richt außer­dem - der Be­triebs­rat hilfs­wei­se und der Be­tei­lig­te zu 3. un­be­dingt -,

3. die Ar­beit­ge­be­rin zu ver­pflich­ten, die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 ge­genüber dem Be­tei­lig­ten zu 3. zurück­zu­neh­men und aus des­sen Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen,

4. die Ar­beit­ge­be­rin zu ver­pflich­ten, es zu un­ter­las­sen, ge­genüber Mit­glie­dern des Be­triebs­rats in­di­vi­du­al-recht­li­che Ab­mah­nun­gen für Hand­lun­gen zu er­tei­len, die als Betäti­gung des Be­triebs­rats­man­dats an­zu­se­hen sind.


Die Ar­beit­ge­be­rin hat be­an­tragt, die Anträge ab­zu­wei­sen; der An­trags­er­wei­te­rung in der Be­schwer­de­instanz hat sie wi­der­spro­chen. Sie hat sich auf den Stand­punkt ge­stellt, es feh­le dem Be­triebs­rat an der An­trags­be­fug­nis. In der be­rech­tig­ten Ab­mah­nung des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den we­gen der Ver­let­zung sei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Rück­sicht­nah­me­pflich­ten lie­ge kei­ne Störung oder Be­hin­de­rung der Ar­beit des Be­triebs­rats oder sei­ner Mit­glie­der.
 

Das Ar­beits­ge­richt hat die - bei ihm al­lein anhängi­gen Anträge zu 1. und zu 2. - als un­zulässig ab­ge­wie­sen und zur Be­gründung aus­geführt, der Be­triebs­rat ver­fol­ge die­se Anträge in der nicht zulässi­gen Ver­fah­rens­art des Be­schluss­ver­fah­rens. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­schwer­den des Be­triebs­rats und des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den - auch hin­sicht­lich der Anträge zu 3. und zu 4. - zurück­ge­wie­sen. Mit ih­ren Rechts­be­schwer­den ver­fol­gen der Be­triebs­rat und der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de ih­re Anträge wei­ter. Die Ar­beit­ge­be­rin be­an­tragt die Zurück­wei­sung der Rechts­be­schwer­de und führt in ih­rer Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung ua. aus: „... ganz un­abhängig von der of­fe­nen Fra­ge, ob der An­trags­er­wei­te­rung ein ent­spre­chen­der Be­schluss des“ Be­triebs­rats „über­haupt zu Grun­de liegt“.
 


- 7 -

B. Die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats ist un­be­gründet. Die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den hat hin­sicht­lich des An­trags zu 3. Er­folg; im Übri­gen ist sie un­be­gründet.


I. Die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­schwer­de des Be­triebs­rats ge­gen den sei­ne Haupt­anträge zu 1. und zu 2. ab­wei­sen­den ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss im Er­geb­nis zu Recht zurück­ge­wie­sen. Die Anträge sind be­reits un­zulässig. Auch die Hilfs­anträge zu 3. und zu 4. hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt im Er­geb­nis zu Recht ab­ge­wie­sen. Der mit ei­ner zulässi­gen An­trags­er­wei­te­rung in der Be­schwer­de­instanz an­ge­brach­te Hilfs­an­trag zu 3. ist zwar zulässig, aber un­be­gründet. Der Hilfs­an­trag zu 4. ist un­zulässig.


1. Der Be­triebs­rat ver­folgt sämt­li­che Anträge in der zu­tref­fen­den Ver­fah­rens­art des Be­schluss­ver­fah­rens. An­ders als das Ar­beits­ge­richt - hin­sicht­lich der Anträge zu 1. und zu 2. - hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Fra­ge der Ver­fah­rens­art nicht pro­ble­ma­ti­siert. Zu Recht hat es im Be­schluss­ver­fah­ren ent­schie­den. Bei den vier er­ho­be­nen Ansprüchen des Be­triebs­rats han­delt es sich um „An­ge­le­gen­hei­ten aus dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz“ iSv. § 2a Abs. 1 Nr. 1 ArbGG, bei de­nen nach § 2a Abs. 2, § 80 Abs. 1 ArbGG das Be­schluss­ver­fah­ren statt­fin­det. Der Be­triebs­rat be­ruft sich auf sei­ne Rech­te als Träger der be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Ord­nung. Es geht ihm um Fest­stel­lun­gen der Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen den Be­triebs­par­tei­en und um be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che (Leis­tungs-)Ansprüche. Ei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Strei­tig­keit entfällt nicht schon des­halb, weil es in die­sem Zu­sam­men­hang um ei­ne dem Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den als Ar­beit­neh­mer er­teil­te Ab­mah­nung geht. Ent­schei­dend ist, ob sich das Ver­fah­ren auf das be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Verhält­nis der Be­triebs­part­ner be­zieht. Das ist hier der Fall. Ein Ur­teils­ver­fah­ren könn­te der Be­triebs­rat man­gels Par­teifähig­keit gar nicht be­trei­ben. Nur im Be­schluss­ver­fah­ren ist er nach § 10 Satz 1 Halbs. 2 ArbGG be­tei­lig­tenfähig.

2. Die (Haupt-)Anträge zu 1. und zu 2. sind un­zulässig. 



- 8 -

a) Al­ler­dings fehlt es dem Be­triebs­rat für die­se Anträge nicht an der er­for­der­li­chen An­trags­be­fug­nis iSv. § 81 Abs. 1 ArbGG.


aa) Im ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren ist ein Be­tei­lig­ter an­trags­be­fugt iSv. § 81 Abs. 1 ArbGG, wenn er ei­ge­ne Rech­te gel­tend macht. Eben­so wie die Pro­zessführungs­be­fug­nis im Ur­teils­ver­fah­ren dient die An­trags­be­fug­nis im Be­schluss­ver­fah­ren da­zu, Po­pu­lar­k­la­gen aus­zu­sch­ließen. Im Be­schluss­ver­fah­ren ist die An­trags­be­fug­nis ge­ge­ben, wenn der An­trag­stel­ler durch die be­gehr­te Ent­schei­dung in sei­ner kol­lek­tiv­recht­li­chen Rechts­po­si­ti­on be­trof­fen sein kann. Das ist re­gelmäßig der Fall, wenn er ei­ge­ne Rech­te gel­tend macht und dies nicht von vorn­her­ein als aus­sichts­los er­scheint (vgl. BAG 5. März 2013 - 1 ABR 75/11 - Rn. 17; 21. Au­gust 2012 - 3 ABR 20/10 - Rn. 26 mwN; 17. Ju­ni 2009 - 7 ABR 96/07 - Rn. 9).


bb) Da­nach ist der Be­triebs­rat für die Haupt­anträge an­trags­be­fugt. Er stützt bei­de Fest­stel­lungs­be­geh­ren auf ei­ne (be­haup­te­te) Störung und Be­hin­de­rung sei­ner Ar­beit. Nach sei­nem Vor­brin­gen in der An­trags­be­gründung nimmt er Be­zug auf die Schutz­be­stim­mung des § 78 Satz 1 Be­trVG, der er - je­den­falls auch - ei­ne gre­mi­en­schutz­be­zo­ge­ne In­ten­ti­on bei­misst. Da­mit macht er ein ei-ge­nes Recht gel­tend. Es er­scheint nicht „auf der Hand lie­gend“ aus­ge­schlos­sen, die be­gehr­ten Fest­stel­lun­gen auf § 78 Satz 1 Be­trVG zu stützen.


b) Der Fest­stel­lungs­an­trag zu 1. ist aber un­zulässig, weil er nicht die Vor­aus­set­zun­gen des § 256 Abs. 1 ZPO erfüllt.


aa) Nach dem im ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren an­wend­ba­ren § 256 Abs. 1 ZPO kann die ge­richt­li­che Fest­stel­lung des Be­ste­hens ei­nes Rechts­verhält­nis­ses be­an­tragt wer­den, wenn der An­trag­stel­ler ein recht­li­ches In­ter­es­se an ei­ner ent­spre­chen­den als­bal­di­gen rich­ter­li­chen Ent­schei­dung hat (vgl. zB BAG 24. April 2007 - 1 ABR 27/06 - Rn. 15, BA­GE 122, 121). Rechts­verhält­nis iSv. § 256 Abs. 1 ZPO ist je­des durch die Herr­schaft ei­ner Rechts­norm über ei­nen kon­kre­ten Sach­ver­halt ent­stan­de­ne recht­li­che Verhält­nis ei­ner Per­son zu ei­ner an­de­ren Per­son oder zu ei­ner Sa­che. Da­bei sind ein­zel­ne Rech­te und Pflich­ten eben­so Rechts­verhält­nis­se wie die Ge­samt­heit ei­nes ein-
 


- 9 -

heit­li­chen Schuld­verhält­nis­ses. Kein Rechts­verhält­nis iSv. § 256 Abs. 1 ZPO sind da­ge­gen abs­trak­te Rechts­fra­gen, bloße Ele­men­te ei­nes Rechts­verhält­nis­ses oder recht­li­che Vor­fra­gen. Die Klärung sol­cher Fra­gen lie­fe dar­auf hin­aus, ein Rechts­gut­ach­ten zu er­stel­len. Das ist den Ge­rich­ten ver­wehrt (vgl. BAG 18. Ja­nu­ar 2012 - 7 ABR 73/10 - Rn. 35 mwN, BA­GE 140, 277). So ist et­wa die Wirk­sam­keit ei­nes Rechts­geschäfts kein zulässi­ger Ge­gen­stand ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge (vgl. BAG 1. Ju­li 2009 - 4 AZR 261/08 - Rn. 21 mwN, BA­GE 131, 176).


bb) Die be­gehr­te Fest­stel­lung, dass die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 un­wirk­sam ist, be­trifft kein fest­stel­lungsfähi­ges Rechts­verhält­nis. Der An­trag ist auf die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit ei­ner Erklärung ge­rich­tet. Der Sa­che nach er­strebt der Be­triebs­rat mit ihm die recht­li­che Be­gut­ach­tung ei­ner Vor­fra­ge für ei­nen An­spruch auf Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te.


c) Der Fest­stel­lungs­an­trag zu 2. ist un­zulässig, weil er be­reits nicht hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO ist. Zu­dem liegt auch ihm kein Rechts­verhält­nis iSv. § 256 Abs. 1 ZPO zu­grun­de.


aa) Nach der im Be­schluss­ver­fah­ren ent­spre­chend an­wend­ba­ren Vor­schrift des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO muss die An­trags­schrift die be­stimm­te An­ga­be des Ge­gen­stands und des Grun­des des er­ho­be­nen An­spruchs so­wie ei­nen be­stimm­ten An­trag ent­hal­ten. Das ist er­for­der­lich, um zu klären, worüber das Ge­richt ent­schei­det und wie der ob­jek­ti­ve Um­fang der Rechts­kraft ei­ner Sach­ent­schei­dung iSv. § 322 Abs. 1 ZPO ist (vgl. BAG 12. Ja­nu­ar 2011 - 7 ABR 94/09 - Rn. 14 mwN).


bb) Die­sem Er­for­der­nis wird der An­trag zu 2. nicht ge­recht. Würde ihm statt­ge­ge­ben, blie­be un­klar, wor­in ge­nau die „Be­hin­de­rung“ und „Störung“ der Ar­beit des Be­triebs­rats und sei­nes Vor­sit­zen­den durch die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 liegt.


cc) Außer­dem be­trifft der An­trag zu 2. kein Rechts­verhält­nis iSv. § 256 Abs. 1 ZPO. Er zielt auf die Fest­stel­lung, dass ei­ne be­stimm­te Maßnah­me der


- 10 -

Ar­beit­ge­be­rin ei­ne Be­hin­de­rung und Störung der Ar­beit des Be­triebs­rats und sei­nes Vor­sit­zen­den ist. Da­mit um­fasst er die Do­ku­men­ta­ti­on ei­ner Tat­sa­che und de­ren recht­li­che Be­wer­tung, die al­len­falls mögli­che Vor­fra­gen oder Ele­men­te von Leis­tungs- und Un­ter­las­sungs­ansprüchen sein können. Es ist aber nicht Auf­ga­be der Fest­stel­lungs­kla­ge oder des Fest­stel­lungs­an­trags, Vor­fra­gen et­wa für ei­ne künf­ti­ge Leis­tungs- oder Un­ter­las­sungs­kla­ge zu klären (vgl. da­zu zB BAG 5. Ok­to­ber 2000 - 1 ABR 52/99 - zu B II 2 der Gründe mwN).


3. Der da­mit zur Ent­schei­dung an­fal­len­de Hilfs­an­trag zu 3. ist zulässig, aber un­be­gründet.


a) Der Be­triebs­rat hat die­sen - ech­ten - Even­tual­an­trag erst­mals in der Be­schwer­de­instanz an­ge­bracht. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts liegt dar­in kei­ne un­zulässi­ge An­trags­er­wei­te­rung.


aa) Nach § 87 Abs. 2 Satz 3 Halbs. 2 iVm. § 81 Abs. 3 ArbGG kann ein An­trag im Be­schluss­ver­fah­ren (auch) noch in der Be­schwer­de­instanz geändert wer­den. In der Er­wei­te­rung des Streit- oder Ver­fah­rens­ge­gen­stands ei­nes anhängi­gen Ver­fah­rens liegt grundsätz­lich ei­ne An­tragsände­rung. Gemäß § 87 Abs. 2 Satz 3 Halbs. 2 iVm. § 81 Abs. 3 Satz 1 und Satz 2 ArbGG ist ei­ne Ände­rung des An­trags zulässig, wenn die übri­gen Be­tei­lig­ten zu­stim­men, die Zu­stim­mung we­gen rüge­lo­ser Ein­las­sung der Be­tei­lig­ten als er­teilt gilt oder das Ge­richt die Ände­rung für sach­dien­lich hält. Nach § 81 Abs. 3 Satz 3 ArbGG ist die Ent­schei­dung, dass ei­ne Ände­rung des An­trags nicht vor­liegt oder zu­ge­las­sen wird, un­an­fecht­bar. An ei­ne Nicht­zu­las­sung der An­tragsände­rung durch das Be­schwer­de­ge­richt we­gen ei­ner von die­sem nicht an­ge­nom­me­nen Sach­dien­lich­keit ist das Rechts­be­schwer­de­ge­richt da­ge­gen nicht ge­bun­den. Im Übri­gen ist für die Be­ur­tei­lung der Zulässig­keit ei­ner An­tragsände­rung § 264 ZPO auch im Be­schluss­ver­fah­ren ent­spre­chend an­wend­bar, selbst wenn dies in § 81 Abs. 3 ArbGG nicht aus­drück­lich aus­ge­spro­chen ist (so be­reits BAG 14. Ja­nu­ar 1983 - 6 ABR 39/82 - zu II 2 der Gründe, BA­GE 41, 275; vgl. auch BAG 10. März 2009 - 1 ABR 93/07 - Rn. 24, BA­GE 130, 1; 26. Ju­li 2005 - 1 ABR 16/04 - zu B II 1 b der Gründe; 29. Ju­ni 2004 - 1 ABR 32/99 - zu B II 1 der Gründe, BA­GE 111, 191). § 264 Nr. 2 ZPO be­stimmt, dass ua. dann kei­ne Kla-


- 11 -

geände­rung vor­liegt, wenn oh­ne Ände­rung des Kla­ge­grun­des der Kla­ge­an­trag in der Haupt­sa­che er­wei­tert wird.

bb) Da­nach ist der Hilfs­an­trag zu 3. selbst dann zulässig, wenn er kei­ne nach § 264 Nr. 2 ZPO zulässi­ge An­trags­er­wei­te­rung dar­stel­len soll­te. Es spricht be­reits man­ches dafür, dass der Be­triebs­rat auf­grund des­sel­ben Tat­sa­chen­kom­ple­xes le­dig­lich ei­ne an­de­re Rechts­fol­ge be­gehrt (Ent­fer­nung der Ab­mah­nung und nicht Fest­stel­lung ih­rer Un­wirk­sam­keit) und dem­nach sei­nen An­trag le­dig­lich iSv. § 264 Nr. 2 ZPO er­wei­tert. Je­den­falls wäre die An­tragsände­rung sach­dien­lich iSv. § 81 Abs. 3 Satz 1 ArbGG. Zu Un­recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Sach­dien­lich­keit der von ihm an­ge­nom­me­nen An­tragsände­rung mit der Erwägung ver­neint, in der Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 lie­ge kei­ne Be­ein­träch­ti­gung iSd. § 78 Be­trVG und oh­ne­hin sei der Be­triebs­rat für ei­nen in­di­vi­du­al­recht­li­chen Be­sei­ti­gungs­an­spruch nicht an­trags­be­fugt. Da­mit hat es die Sach­dien­lich­keit zu Un­recht da­nach be­ur­teilt, ob der geänder­te An­trag Aus­sicht auf Er­folg hat. Je­den­falls die Fra­ge der An­trags­be­fug­nis und die Be­gründet­heit des mit der An­trags­er­wei­te­rung an­ge­brach­ten Be­geh­rens sind für des­sen Sach­dien­lich­keit nicht maßgeb­lich. Vor­lie­gend dient der An­trag zu 3. - so man in ihm ei­ne An­tragsände­rung iSv. § 87 Abs. 2 Satz 3 Halbs. 2 iVm. § 81 Abs. 3 ArbGG sieht - da­zu, den Streitstoff der Be­tei­lig­ten im Rah­men des anhängi­gen Ver­fah­rens vollständig aus­zuräum­en und ins­be­son­de­re zu klären, wel­che Ansprüche dem Be­triebs­rat im Zu­sam­men­hang mit Ab­mah­nun­gen zu­ste­hen, die Be­triebs­rats­mit­glie­dern er­teilt wur­den. Oh­ne Zu­las­sung der An­trags­er­wei­te­rung würde ein neu­es Ver­fah­ren der Be­tei­lig­ten her­aus­ge­for­dert. Auch ist mit dem An­trag zu 3. kein völlig neu­er Streitstoff zur Be­ur­tei­lung und Ent­schei­dung ge­stellt. Viel­mehr geht es - wie be­reits bei den Haupt­anträgen - um die Rechtmäßig­keit der Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 so­wie um Fra­gen der An­trags­be­fug­nis des Be­triebs­rats.


b) Der Zulässig­keit der An­trags­er­wei­te­rung in der Be­schwer­de­instanz steht nicht ent­ge­gen, dass die Ar­beit­ge­be­rin in ih­rer Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung ei­ne ent­spre­chen­de Be­schluss­fas­sung des Be­triebs­rats in Fra­ge ge­stellt hat. Zur Ein­le­gung ei­nes Rechts­mit­tels - auch ei­ner Be­schwer­de, mit der ggf.


- 12 -

ei­ne An­trags­er­wei­te­rung und -ände­rung ver­folgt wird - ge­gen ei­ne den Be­triebs­rat be­schwe­ren­de Ent­schei­dung durch ei­nen Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­ten be­darf es prin­zi­pi­ell kei­ner ge­son­der­ten Be­schluss­fas­sung des Be­triebs­rats. Nach den auch im Be­schluss­ver­fah­ren gel­ten­den Vor­schrif­ten des § 81 ZPO iVm. § 46 Abs. 2 ArbGG ermäch­tigt die ein­mal er­teil­te Pro­zess­voll­macht im Außen­verhält­nis in den zeit­li­chen Gren­zen des § 87 ZPO zu al­len den Rechts­streit be­tref­fen­den Pro­zess­hand­lun­gen ein­sch­ließlich der Ein­le­gung von Rechts­mit­teln (vgl. BAG 6. De­zem­ber 2006 - 7 ABR 62/05 - Rn. 12 mwN; 16. No­vem­ber 2005 - 7 ABR 12/05 - Rn. 17 mwN, BA­GE 116, 192; 9. De­zem­ber 2003 - 1 ABR 44/02 - zu B I 1 c der Gründe, BA­GE 109, 61; 11. Sep­tem­ber 2001 - 1 ABR 2/01 - zu B I der Gründe). § 81 ZPO ermäch­tigt da­mit grundsätz­lich eben­so zu ei­ner - nicht sel­ten auf ei­nen recht­li­chen Hin­weis des Ge­richts oh­ne­hin an­ge­zeig­ten - Mo­di­fi­ka­ti­on oder Ände­rung der An­trag­stel­lung, selbst wenn sie wie vor­lie­gend erst in der Be­schwer­de­instanz er­folgt. Das gilt je­den­falls dann, wenn - wie hier - mit ei­ner An­trags­ab­wand­lung und -er­wei­te­rung sach­dien­li­che Anträge ge­stellt und kei­ne gänz­lich an­de­ren, mit dem ein­ge­lei­te­ten Ver­fah­ren nicht mehr im Zu­sam­men­hang ste­hen­de Ver­fah­rens­ge­genstände ein­ge­bracht wer­den.


c) Der An­trag ist zulässig. 


aa) Er be­darf al­ler­dings der Aus­le­gung. Nach dem Wort­laut des An­trags ver­langt der Be­triebs­rat ne­ben der Ent­fer­nung der Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 aus der Per­so­nal­ak­te des Be­tei­lig­ten zu 3. auch de­ren „Rück­nah­me“. Das soll aber er­sicht­lich le­dig­lich das Ent­fer­nungs­ver­lan­gen un­ter­strei­chen und kein ei­genständi­ges Be­geh­ren dar­stel­len. Bei ei­nem in­di­vi­du­al­recht­lich er­streb­ten Ab­mah­nungs­ent­fer­nungs­an­spruch wird die mit dem Kla­ge­an­trag ver­lang­te „Rück­nah­me und Ent­fer­nung“ der Ab­mah­nung re­gelmäßig als ein­heit­li­cher An­spruch auf Be­sei­ti­gung der durch die Ab­mah­nung er­folg­ten Be­ein­träch­ti­gung des Persönlich­keits­rechts ver­stan­den. Nur wenn der Kla­ge­be­gründung ent­nom­men wer­den kann, der Kläger be­geh­re ne­ben ei­ner Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te bei­spiels­wei­se den Wi­der­ruf dar­in ent­hal­te­ner Äußerun­gen, kann ein An­trag auf Rück­nah­me der Ab­mah­nung in die­sem Sin­ne


- 13 -

aus­zu­le­gen sein (vgl. BAG 19. Ju­li 2012 - 2 AZR 782/11 - Rn. 15 mwN, BA­GE 142, 331). Dies gilt auch für den hier im Be­schluss­ver­fah­ren ver­folg­ten Ab­mah­nungs„rück­nah­me“an­trag. Im vor­lie­gen­den Streit­fall be­ste­hen kei­ne An­halts-punk­te dafür, dass der Be­triebs­rat ne­ben der Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te sei­nes Vor­sit­zen­den ei­nen wei­ter­ge­hen­den An­spruch auf Wi¬der­ruf von Äußerun­gen ver­folgt.


bb) Der Be­triebs­rat ist an­trags­be­fugt iSv. § 81 Abs. 1 ArbGG. Er macht den Ab­mah­nungs­ent­fer­nungs­an­spruch als - nach sei­ner Auf­fas­sung aus § 78 Be­trVG fol­gen­des - ei­ge­nes Recht gel­tend. Es er­scheint nicht von vorn­her­ein als aus­sichts­los, den streit­be­fan­ge­nen An­spruch auf die­se kol­lek­tiv­recht­li­che Schutz­be­stim­mung zu stützen. Ob das vom Be­triebs­rat ver­folg­te Recht tatsächlich be­steht, ist ei­ne Fra­ge der Be­gründet­heit.


d) Der An­trag ist un­be­gründet. Ent­ge­gen der An­sicht des Be­triebs­rats kann der gel­tend ge­mach­te An­spruch nicht auf § 78 Satz 1 Be­trVG gestützt wer­den.


aa) Zu Guns­ten des Be­triebs­rats kann un­ter­stellt wer­den, dass die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 sei­nem Vor­sit­zen­den zu Un­recht er­teilt wor­den ist und der Be­triebs­rat - und sein Vor­sit­zen­der - da­mit in der Ausübung ih­rer Tätig­keit ent­ge­gen § 78 Satz 1 Be­trVG gestört oder be­hin­dert wor­den sind. Je­den-falls trägt § 78 Satz 1 Be­trVG die vom Be­triebs­rat er­streb­te Rechts­fol­ge nicht.


(1) Al­ler­dings ist der Be­triebs­rat vom Schutz des § 78 Satz 1 Be­trVG er­fasst. Zwar dürfen nach dem Wort­laut von § 78 Satz 1 Be­trVG die „Mit­glie­der“ ua. des Be­triebs­rats in der Ausübung ih­rer Tätig­keit nicht gestört oder be­hin­dert wer­den. § 78 Satz 1 Be­trVG schützt aber (auch) den Be­triebs­rat als Gre­mi­um (vgl. BAG 12. No­vem­ber 1997 - 7 ABR 14/97 - zu B 1 der Gründe). Die Norm be­zweckt ei­nen Schutz der Tätig­keit der Be­triebs­ver­fas­sungs­or­ga­ne und ih­rer Mit­glie­der. Dies folgt deut­lich aus der Ge­set­zes­be­gründung, wo­nach der Schutz­be­reich des § 78 Be­trVG ge­genüber dem der Vorgänger­re­ge­lung des § 53 Be­trVG 1952 - in der der Be­triebs­rat ge­nannt war - er­wei­tert und nicht be-
 


- 14 -

schränkt wer­den soll­te. In der Ge­set­zes­be­gründung heißt es (BT-Drucks. VI/1786 S. 47):


„Die Schutz­be­stim­mung des § 78 ent­spricht im we­sent­li­chen § 53 des gel­ten­den Rechts. Sie dehnt je­doch ih­ren Gel­tungs­be­reich auf die Mit­glie­der al­ler nach dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz mögli­chen In­sti­tu­tio­nen aus, da in­so­weit ei­ne glei­che Schutz­bedürf­tig­keit be­steht.“


Dass der Be­triebs­rat als Gre­mi­um geschützt wird, zeigt außer­dem ein sys­te­ma­ti­scher Ver­gleich mit § 119 Abs. 1 Nr. 2 Be­trVG, nach dem die Be­hin­de­rung und Störung der Tätig­keit ua. „des Be­triebs­rats“ straf­be­wehrt ist.


(2) Auch ist der Be­griff der Be­hin­de­rung in § 78 Satz 1 Be­trVG um­fas­send zu ver­ste­hen. Er er­fasst je­de un­zulässi­ge Er­schwe­rung, Störung oder gar Ver­hin­de­rung der Be­triebs­rats­ar­beit. Ein Ver­schul­den oder ei­ne Be­hin­de­rungs­ab­sicht des Störers ist nicht er­for­der­lich (vgl. BAG 20. Ok­to­ber 1999 - 7 ABR 37/98 - zu B I 2 b bb der Gründe mwN).


bb) Es muss aber letzt­lich nicht ent­schie­den wer­den, ob ei­ne Be­hin­de­rung der Be­triebs­rats­ar­beit in dem Um­stand lie­gen kann, dass der Ar­beit­ge­ber ein Be­triebs­rats­mit­glied un­zulässig ab­mahnt. Je­den­falls folgt aus § 78 Satz 1 Be­trVG kein An­spruch des Be­triebs­rats auf Ent­fer­nung ei­ner Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te ei­nes sei­ner Mit­glie­der.


(1) Ei­ne Rechts­fol­ge ist in § 78 Satz 1 Be­trVG nicht aus­drück­lich ge­re­gelt. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts steht dem Be­triebs­rat bei ei­ner Störung oder Be­hin­de­rung sei­ner Ar­beit durch den Ar­beit­ge­ber ein Un­ter­las­sungs­an­spruch zu. Ein sol­cher An­spruch folgt aus dem Zweck der Vor­schrift, die Erfüllung von Be­triebs­rats­auf­ga­ben zu si­chern (vgl. BAG 12. No­vem­ber 1997 - 7 ABR 14/97 - zu B 2 der Gründe mwN). Auch kann im Ein­zel­fall et­wa ei­ne Zu­tritts­ver­wei­ge­rung durch die Ar­beit­ge­be­rin ei­ne un­zulässi­ge Be­hin­de­rung der Amtstätig­keit des Be­triebs­rats dar­stel­len und ei­nen An­spruch des Be­triebs­rats nach § 78 Satz 1 Be­trVG auf Dul­dung des Zu­tritts be­gründen (vgl. BAG 20. Ok­to­ber 1999 - 7 ABR 37/98 - zu B I 2 b bb der Gründe mwN). Im Schrift­tum wird eben­so ganz über­wie­gend an­ge­nom­men, dass aus § 78 Be­trVG



- 15 -

Hand­lungs-, Dul­dungs- und Un­ter­las­sungs­ansprüche des Be­triebs­rats und sei­ner Mit­glie­der fol­gen können (vgl. DKKW-Busch­mann 13. Aufl. § 78 Rn. 22 und 39; ErfK/Ka­nia 14. Aufl. § 78 Be­trVG Rn. 5; Fit­ting 26. Aufl. § 78 Rn. 13 und 25; Kreutz GK-Be­trVG 10. Aufl. § 78 Rn. 38 f.; Thüsing in Ri­char­di Be­trVG 14. Aufl. § 78 Rn. 16; Schaub/Koch ArbR-HdB 15. Aufl. § 230 Rn. 26; aA Hein­ze DB 1983 Bei­la­ge Nr. 9, 15).


(2) Der Be­triebs­rat hat je­doch kei­nen aus § 78 Satz 1 Be­trVG fol­gen­den An­spruch auf Ent­fer­nung ei­ner Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds. Hier­bei han­delt es sich um ein höchst­persönli­ches Recht des be­trof­fe­nen Be­triebs­rats­mit­glieds. Per­so­nal­ak­ten - auch von Be­triebs­rats­mit­glie­dern - sind ei­ne Samm­lung von Ur­kun­den und Vorgängen, die die persönli­chen und dienst­li­chen Verhält­nis­se ei­nes Mit­ar­bei­ters be­tref­fen und in ei­nem in­ne­ren Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­verhält­nis ste­hen (vgl. BAG 19. Ju­li 2012 - 2 AZR 782/11 - Rn. 18 mwN, BA­GE 142, 331). Ent­spre­chend kann der Be­triebs­rat - wie sich mit­tel­bar aus § 83 Be­trVG er­gibt - nicht die Vor­la­ge der ge­sam­ten Per­so­nal­ak­te ver­lan­gen (vgl. BAG 20. De­zem­ber 1988 - 1 ABR 63/87 - zu B II 1 b der Gründe, BA­GE 60, 311). Würde man dem Be­triebs­rat ein ei­genständi­ges Recht auf „Be­rei­ni­gung“ der Per­so­nal­ak­te zu­er­ken­nen, tan­gier­te dies das durch Art. 1 und Art. 2 GG gewähr­leis­te­te all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht des be­trof­fe­nen Be­triebs­rats­mit­glieds. Das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht dient in ers­ter Li­nie dem Schutz ide­el­ler In­ter­es­sen, ins­be­son­de­re dem Schutz des Wert- und Ach­tungs­an­spruchs der Persönlich­keit (vgl. BGH 1. De­zem­ber 1999 - I ZR 49/97 - zu II 1 der Gründe, BGHZ 143, 214). In­so­weit ste­hen dem Träger des Persönlich­keits­rechts Ansprüche zu und nicht ei­nem drit­ten Gre­mi­um. Dem Be­triebs­rat kommt kein - im We­ge der Rechts­fort­bil­dung an­zu­neh­men­des - kol­lek­tiv­recht­lich be­gründe­tes Recht zu, hin­ter dem die In­di­vi­du­al­rech­te der Be­triebs­rats­mit­glie­der zurück­zu­tre­ten hätten. Es be­steht schließlich kein un­ab­weis­ba­res Bedürf­nis für ei­ne rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung zur Be­gründung ei­nes Ab­mah­nungs­ent­fer­nungs­an­spruchs des Be­triebs­rats. Der Be­triebs­rat ist im Fall ei­ner Störung oder Be­hin­de­rung sei­ner Tätig­keit ver­fah­rens­recht­lich nicht recht­los ge­stellt. Er kann dem mit Un­ter­las-


- 16 -

sungs­be­geh­ren - ggf. auch im We­ge des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes - be­geg­nen.


4. Der Hilfs­an­trag zu 4., mit dem der Be­triebs­rat die Ver­pflich­tung der Ar­beit­ge­be­rin zu ei­nem näher be­zeich­ne­ten Un­ter­las­sen be­gehrt, ist un­zulässig. Zwar hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die von ihm hier­in ge­se­he­ne An­trags­er­wei­te­rung und -ände­rung als sach­dien­lich und da­mit zulässig er­ach­tet (§ 87 Abs. 2 Satz 3 Halbs. 2 iVm. § 81 Abs. 3 Satz 1 ArbGG). Auch ist die­se Ent­schei­dung nach § 81 Abs. 3 Satz 3 ArbGG un­an­fecht­bar. Die Zulässig­keit des An­trags schei­tert fer­ner nicht am Feh­len der An­trags­be­fug­nis des Be­triebs­rats iSv. § 81 Abs. 1 ArbGG. Der Be­triebs­rat stützt den gel­tend ge­mach­ten Un­ter­las­sungs­an­spruch auf die Schutz­be­stim­mung des § 78 Be­trVG. Da­mit macht er ei­ne ei­ge­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Rechts­po­si­ti­on gel­tend. Hin­ge­gen ist der An­trag nicht hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO.


a) Ein Un­ter­las­sungs­an­trag muss - be­reits aus rechts­staat­li­chen Gründen - ein­deu­tig er­ken­nen las­sen, was vom Schuld­ner ver­langt wird. Nur wenn die da­nach ge­bo­te­nen Ver­hal­tens­wei­sen hin­rei­chend er­kenn­bar sind, kann ei­ne der ma­te­ri­el­len Rechts­kraft zugäng­li­che Sach­ent­schei­dung er­ge­hen. Ei­ne Ent­schei­dung, die ei­ne Un­ter­las­sungs­pflicht aus­spricht, muss grundsätz­lich zur Zwangs­voll­stre­ckung ge­eig­net sein. Die Prüfung, wel­che Ver­hal­tens­wei­sen der Schuld­ner un­ter­las­sen soll, darf nicht durch ei­ne un­ge­naue An­trags­for­mu­lie­rung und ei­nen dem ent­spre­chen­den ge­richt­li­chen Ti­tel aus dem Er­kennt­nis- in das Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert wer­den. Genügt ein An­trag - ggf. nach ei­ner vom Ge­richt vor­zu­neh­men­den Aus­le­gung - die­sen An­for­de­run­gen nicht, ist er als un­zulässig ab­zu­wei­sen (vgl. BAG 14. Sep­tem­ber 2010 - 1 ABR 32/09 - Rn. 14 mwN; 17. März 2010 - 7 ABR 95/08 - Rn. 13 mwN, BA­GE 133, 342).


b) Da­nach ist der Hilfs­an­trag zu 4. nicht hin­rei­chend be­stimmt. Er ließe für die Ar­beit­ge­be­rin als in An­spruch ge­nom­me­ne Be­tei­lig­te bei ei­ner dem An­trag statt­ge­ben­den Ent­schei­dung nicht ein­deu­tig er­ken­nen, was von ihr ver­langt wird. Die For­mu­lie­rung „Hand­lun­gen ..., die als Betäti­gung des Be­triebs­rats­man­dats an­zu­se­hen sind“ ist va­ge und in­ter­pre­ta­ti­ons­bedürf­tig. Sie lässt man-


- 17 -

gels nähe­rer Be­schrei­bung nicht annähernd er­ken­nen, um wel­che Sach­ver­hal­te es dem Be­triebs­rat geht. Auch un­ter Hin­zu­zie­hung der An­trags­be­gründung er­gibt sich nicht mit der ge­bo­te­nen Ein­deu­tig­keit, was Ge­gen­stand des Un­ter­las­sungs­be­geh­rens ist. Die Prüfung, wel­che Maßnah­men der Schuld­ner zu un­ter­las­sen hat, darf aber grundsätz­lich nicht in das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert wer­den.


II. Die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den ist teil­wei­se un­be­gründet. Hin­sicht­lich der Anträge zu 1., 2. und 4. hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Be­schwer­de im Er­geb­nis zu Recht zurück­ge­wie­sen. Be­zo­gen auf den An­trag zu 3. ist die Rechts­be­schwer­de be­gründet. Der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de hat ei­nen - im Be­schluss­ver­fah­ren zu prüfen­den - An­spruch auf Ent­fer­nung der Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te.


1. Der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de ver­folgt sei­ne Anträge in der zulässi­gen Ver­fah­rens­art des Be­schluss­ver­fah­rens.


a) Die Anträge zu 1., 2. und 4. be­zie­hen sich auf das be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Verhält­nis der Be­triebs­part­ner und be­tref­fen da­mit ei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che An­ge­le­gen­heit iSd. § 2a Abs. 1 Nr. 1 ArbGG, in der nach § 2a Abs. 2, § 80 Abs. 1 ArbGG das Be­schluss­ver­fah­ren statt­fin­det.


b) Das gilt eben­so für den An­trag zu 3. Bei die­sem An­trag schei­det sei­ne Ver­fol­gung im Be­schluss­ver­fah­ren auch nicht des­halb aus, weil ne­ben der kol­lek­tiv­recht­li­chen Rechts­po­si­ti­on des An­trag­stel­lers als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der sei­ne in­di­vi­du­al­recht­li­che Rechts­po­si­ti­on als Ar­beit­neh­mer be­trof­fen ist.


aa) Nach § 48 Abs. 1 ArbGG gel­ten ua. für die Zulässig­keit der Ver­fah­rens­art die §§ 17 bis 17b des Ge­richts­ver­fas­sungs­ge­set­zes (GVG) - mit be­stimm­ten Maßga­ben - ent­spre­chend. Nach § 17 Abs. 2 Satz 1 GVG ent­schei­det das Ge­richt des zulässi­gen Rechts­wegs den Rechts­streit un­ter al­len in Be­tracht kom­men­den recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten. In ent­spre­chen­der Gel­tung des § 17 Abs. 2 Satz 1 GVG kommt da­mit den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen ggf. ei­ne ver­fah­rensüber­schrei­ten­de Sach­ent­schei­dungs­kom­pe­tenz zu. Die­se setzt vor­aus,
 


- 18 -

dass Ge­gen­stand des Ver­fah­rens ein ein­heit­li­cher Streit­ge­gen­stand im Sin­ne ei­nes ein­heit­li­chen pro­zes­sua­len An­spruchs ist. Liegt hin­ge­gen ei­ne Mehr­heit pro­zes­sua­ler Ansprüche vor, ist für je­den die­ser Ansprüche die Ver­fah­rens­art ge­son­dert zu prüfen (vgl. - zur Rechts­weg­zuständig­keit - BGH 27. No­vem­ber 2013 - III ZB 59/13 - Rn. 14 mwN).


bb) Bei der kol­lek­tiv­recht­li­chen und der in­di­vi­du­al­recht­li­chen Rechts­po­si­ti­on des mit dem An­trag zu 3. ver­folg­ten Ver­lan­gens han­delt es sich nicht um zwei Streit- oder Ver­fah­rens­ge­genstände. Nach dem für den Zi­vil- und Ar­beits­ge­richts­pro­zess ein­sch­ließlich des ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens gel­ten­den sog. zwei­glied­ri­gen Streit­ge­gen­stands­be­griff wird der Ge­gen­stand ei­nes ge­richt­li­chen Ver­fah­rens durch den kon­kret ge­stell­ten An­trag (Kla­ge­an­trag) und den ihm zu­grun­de lie­gen­den Le­bens­sach­ver­halt (Kla­ge­grund) be­stimmt (vgl. zB BAG 8. De­zem­ber 2010 - 7 ABR 69/09 - Rn. 16 mwN). Vor­lie­gend ver­langt der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de von der Ar­beit­ge­be­rin, die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen. Aus­ge­hend von sei­nem Tat­sa­chen­vor­trag kom­men als An­spruchs­grund­la­gen kol­lek­tiv- oder in­di­vi­du­al­recht­li­che Re­ge­lun­gen in Fra­ge. Es liegt da­mit ei­ne An­spruchs­kon­kur­renz - und kei­ne ob­jek­ti­ve An­spruchshäufung - vor.


2. Im Er­geb­nis zu­tref­fend hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt den Anträgen zu 1., 2. und 4. nicht statt­ge­ge­ben. Un­ge­ach­tet von Fra­gen der An­trags­be­fug­nis nach § 81 Abs. 1 ArbGG und der (sub­jek­ti­ven) An­trags­er­wei­te­rung in der Be­schwer­de­instanz nach § 87 Abs. 2 Satz 3 Halbs. 2 iVm. § 81 Abs. 3 ArbGG sind die Anträge - wie be­reits aus­geführt - un­zulässig. Dem Fest­stel­lungs­an­trag zu 1. liegt kein Rechts­verhält­nis iSv. § 256 Abs. 1 ZPO zu­grun­de. Das gilt eben­so für den - oh­ne­hin nicht hin­rei­chend iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO be­stimm­ten - Fest­stel­lungs­an­trag zu 2. Der Un­ter­las­sungs­an­trag zu 4. ent­spricht nicht dem Be­stimmt­heits­er­for­der­nis des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO.


3. Hin­ge­gen ist der zulässi­ge An­trag zu 3. be­gründet. Das hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­kannt.
 


- 19 -

a) Der An­trag ist zulässig. 


aa) Er be­darf aber der Aus­le­gung. Eben­so wie beim an­trag­stel­len­den Be­triebs­rat um­fasst er (nur) das Ver­lan­gen ei­ner Ab­mah­nungs­ent­fer­nung. Auch beim an­trag­stel­len­den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den be­ste­hen kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass er ne­ben der Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus sei­ner Per­so­nal­ak­te ei­nen wei­ter­ge­hen­den An­spruch auf Wi­der­ruf von Äußerun­gen ver­folgt. In die­sem Verständ­nis ist der An­trag zulässig, ins­be­son­de­re hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO.


bb) Der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de ist an­trags­be­fugt iSv. § 81 Abs. 1 ArbGG. Er berühmt sich in sei­ner Funk­ti­on als Be­triebs­rats­mit­glied ei­nes ei­ge­nen Rechts, des­sen Be­ste­hen nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen er­scheint.

cc) Die in dem An­trag lie­gen­de - sub­jek­ti­ve - An­trags­er­wei­te­rung in der Be­schwer­de­instanz ist als An­tragsände­rung sach­dien­lich und da­mit trotz Wi­der­spruchs der Ar­beit­ge­be­rin zulässig, § 87 Abs. 2 Satz 3 Halbs. 2 iVm. § 81 Abs. 3 ArbGG.


(1) Be­tei­lig­te an ei­nem Be­schluss­ver­fah­ren können - auch erst im Lau­fe des Ver­fah­rens - grundsätz­lich ei­nen ei­ge­nen Sach­an­trag stel­len, so­fern sie an­trags­be­fugt sind. Die Stel­lung ei­nes (neu­en) Sach­an­trags ist un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des § 81 Abs. 3 ArbGG als An­tragsände­rung auch erst­mals in der Be­schwer­de­instanz zulässig (vgl. BAG 31. Ja­nu­ar 1989 - 1 ABR 60/87 - zu B II 2 b der Gründe).


(2) Die Vor­aus­set­zun­gen des § 81 Abs. 3 ArbGG lie­gen vor. Die An­tragsände­rung war sach­dien­lich. Der Streit der Be­tei­lig­ten kann mit ihr - endgültig - bei­ge­legt und ein wei­te­res Ver­fah­ren ver­mie­den wer­den, oh­ne dass ein völlig neu­er Streitstoff in das Ver­fah­ren ein­geführt wor­den ist.


b) Der An­trag ist be­gründet. Es braucht nicht ent­schie­den zu wer­den, ob der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de nach § 78 Satz 1 und Satz 2 Be­trVG von der Ar­beit­ge­be­rin ver­lan­gen kann, die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen. Der streit­be­fan­ge­ne An­spruch folgt je­den­falls aus


- 20 -

ei­ner ent­spre­chen­den An­wen­dung von §§ 242, 1004 Abs. 1 Satz 1 BGB. Ei­ne Prüfung die­ses - in­di­vi­du­al­recht­li­chen - An­spruchs kann (auch) im vor­lie­gen­den Be­schluss­ver­fah­ren er­fol­gen. Nach § 48 Abs. 1 ArbGG iVm. § 17 Abs. 2 Satz 1 GVG ist die Sa­che in der zulässi­gen Ver­fah­rens­art des Be­schluss­ver­fah­rens un­ter al­len in Be­tracht kom­men­den recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten zu ent­schei­den.


aa) Ar­beit­neh­mer können in ent­spre­chen­der An­wen­dung von §§ 242, 1004 Abs. 1 Satz 1 BGB die Ent­fer­nung ei­ner zu Un­recht er­teil­ten Ab­mah­nung aus ih­rer Per­so­nal­ak­te ver­lan­gen. Der An­spruch be­steht, wenn die Ab­mah­nung ent­we­der in­halt­lich un­be­stimmt ist, un­rich­ti­ge Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen enthält, auf ei­ner un­zu­tref­fen­den recht­li­chen Be­wer­tung des Ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers be­ruht oder den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ver­letzt, und auch dann, wenn selbst bei ei­ner zu Recht er­teil­ten Ab­mah­nung kein schutzwürdi­ges In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers mehr an de­ren Ver­bleib in der Per­so­nal­ak­te be­steht (BAG 19. Ju­li 2012 - 2 AZR 782/11 - Rn. 13 mwN, BA­GE 142, 331).


bb) Da­nach kann der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de als Ar­beit­neh­mer ver­lan­gen, dass die Ab­mah­nung vom 13. Ja­nu­ar 2010 aus sei­ner Per­so­nal­ak­te ent­fernt wird. Die Ab­mah­nung ist be­reits in­halt­lich un­be­stimmt. Sie erschöpft sich in - von der Ar­beit­ge­be­rin ge­trof­fe­nen - recht­li­chen Wer­tun­gen des Ver­hal­tens des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den während des Gesprächs mit der Ar­beit­neh­me­rin L am 9. De­zem­ber 2009. Im Text der Ab­mah­nung sind kei­ne kon­kre­ten Tat­sa­chen - zum kon­kre­ten Gesprächs­ver­lauf oder zu getätig­ten Äußerun­gen - an­ge­ge­ben. Für den ab­ge­mahn­ten Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den ist da­mit nicht er­sicht­lich, auf wel­che Tat­sa­chen und wel­chen Sach­ver­halt die Ar­beit­ge­be­rin ih­re for­mu­lier­ten Vorwürfe stützt, er ha­be „in un­zulässi­ger Wei­se ver­sucht, Frau L zu ver­an­las­sen, ih­re Be­ob­ach­tun­gen zu dem Vor­fall am 02.12.2009 - B/... - zu­guns­ten des Herrn B zu kor­ri­gie­ren“ und es be­ste­he „der drin­gen­de Ver­dacht“, er ha­be „aus straf­recht­li­cher Sicht in un­zulässi­ger Wei­se ver­sucht ..., Druck auf Frau L aus­zuüben, um die­se zu ver­an­las­sen, ih­re tatsächli­chen Wahr­neh­mun­gen an­ders dar­zu­stel­len, als wie sie sie wahr­ge­nom­men hat“. Bei ei­ner der­ar­ti­gen „Ab­mah­nung“ ist es dem Ab­ge­mahn­ten gar nicht möglich, sein Ver­hal­ten
 


- 21 -

ein­zu­rich­ten und zu er­ken­nen, bei wel­chen Hand­lun­gen er im Wie­der­ho­lungs­fall mit ei­ner Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses rech­nen muss.


Lin­sen­mai­er 

Kiel 

Schmidt

Busch 

Strip­pel­mann

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 7 ABR 7/12  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880