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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Betriebsrat: Beschluss, Betriebsrat: Sitzung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 7 AS 6/13
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 22.01.2014
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Darmstadt, Beschluss vom 24.3.2011 - 10 BV 15/10
Hessisches Landesarbeitsgericht, Beschluss vom 17.9.2012 - 16 TaBV 109/11
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

7 AS 6/13
1 ABR 2/13 (A)
Bun­des­ar­beits­ge­richt


BESCHLUSS

In dem Be­schluss­ver­fah­ren mit den Be­tei­lig­ten

1.

An­trag­stel­le­rin und Rechts­be­schwer­deführe­rin,

2.

An­trag­stel­le­rin und Rechts­be­schwer­deführe­rin,

3.

Be­schwer­deführer,


hat der Sieb­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 22. Ja­nu­ar 2014 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt

- 2 -

Lin­sen­mai­er, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Zwan­zi­ger und die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmidt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­te­rin­nen Do­nath und Gmo­ser be­schlos­sen:


Der Sieb­te Se­nat hält an sei­ner Rechts­auf­fas­sung, ein Be­schluss des Be­triebs­rats zu ei­nem nicht in der Ta­ges­ord­nung auf­geführ­ten Punkt könne auch bei ein­stim­mi­ger Be­schluss­fas­sung wirk­sam nur ge­fasst wer­den, wenn al­le Be­triebs­rats­mit­glie­der an­we­send sind, nicht fest.


Gründe

I. Der Ers­te Se­nat möch­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die La­dung zu ei­ner Be­triebs­rats­sit­zung oh­ne Mit­tei­lung der Ta­ges­ord­nung nicht zur Un­wirk­sam­keit ei­nes in die­ser Be­triebs­rats­sit­zung ge­fass­ten Be­schlus­ses führt, wenn sämt­li­che Mit­glie­der des Be­triebs­rats recht­zei­tig ge­la­den sind, der Be­triebs­rat be­schlussfähig iSd. § 33 Abs. 2 Be­trVG ist und die an­we­sen­den Be­triebs­rats­mit­glie­der ein­stim­mig be­schlos­sen ha­ben, über den Re­ge­lungs­ge­gen­stand des später ge­fass­ten Be­schlus­ses zu be­ra­ten und ab­zu­stim­men; nicht er­for­der­lich sei, dass in die­ser Sit­zung al­le Be­triebs­rats­mit­glie­der an­we­send sind.


Da­mit würde der Ers­te Se­nat von der Recht­spre­chung des Sieb­ten Se­nats (28. Ok­to­ber 1992 - 7 ABR 14/92 - zu B II 2 b der Gründe; 24. Mai 2006 - 7 AZR 201/05 - Rn. 19; 10. Ok­to­ber 2007 - 7 ABR 51/06 - Rn. 12, BA­GE 124, 188; vgl. auch schon BAG 28. April 1988 - 6 AZR 405/86 - zu II 3 c der Gründe, BA­GE 58, 221) ab­wei­chen. Nach die­ser setzt die Ände­rung oder Ergänzung ei­ner fest­ge­setz­ten Ta­ges­ord­nung auf ei­ner Be­triebs­rats­sit­zung vor­aus, dass der vollzählig ver­sam­mel­te Be­triebs­rat ein­stim­mig sein Ein­verständ­nis erklärt, den Be­ra­tungs­punkt in die Ta­ges­ord­nung auf­zu­neh­men und darüber zu be­sch­ließen; an­dern­falls könne ein Be­schluss des Be­triebs­rats zu ei­nem nicht in der Ta­ges­ord­nung auf­geführ­ten Punkt nicht wirk­sam ge­fasst wer­den (BAG 24. Mai 2006 - 7 AZR 201/05 - Rn. 19 mwN).

Der Ers­te Se­nat hat da­her gem. § 45 Abs. 3 Satz 1 ArbGG an­ge­fragt, ob der Sieb­te Se­nat an sei­ner Rechts­auf­fas­sung festhält.
 


- 3 -

II. Der Sieb­te Se­nat hält an sei­ner Rechts­auf­fas­sung, ein Be­schluss des Be­triebs­rats zu ei­nem nicht in der Ta­ges­ord­nung auf­geführ­ten Punkt könne auch bei ein­stim­mi­ger Be­schluss­fas­sung wirk­sam nur ge­fasst wer­den, wenn al­le Be­triebs­rats­mit­glie­der an­we­send sind, nicht fest.


1. Das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz re­gelt die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner wirk­sa­men Be­schluss­fas­sung des Be­triebs­rats nicht ab­sch­ließend. Es be­stimmt in § 33 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG le­dig­lich, dass die Be­schlüsse des Be­triebs­rats, so­weit in die­sem Ge­setz nichts an­de­res be­stimmt ist, mit der Mehr­heit der Stim­men der an­we­sen­den Mit­glie­der ge­fasst wer­den. Fer­ner re­gelt § 33 Abs. 2 Halbs. 1 Be­trVG, dass der Be­triebs­rat nur be­schlussfähig ist, wenn min­des­tens die Hälf­te der Be­triebs­rats­mit­glie­der an der Be­schluss­fas­sung teil­nimmt.


2. Die An­fra­ge des Ers­ten Se­nats ver­langt kei­ne ab­sch­ließen­de Be­ant­wor­tung der Fra­ge, wel­che Vor­aus­set­zun­gen für die Wirk­sam­keit ei­nes Be­triebs­rats­be­schlus­ses un­ver­zicht­bar sind und wel­che Ver­fah­rens­verstöße zur Un­wirk­sam­keit ei­nes Be­triebs­rats­be­schlus­ses führen. Al­ler­dings spricht vie­les für die Be­ur­tei­lung des Ers­ten Se­nats, nach der nicht je­der Ver­s­toß ge­gen die for­mel­len An­for­de­run­gen ei­ner Be­triebs­rats­sit­zung die Un­wirk­sam­keit ei­nes dar­in ge­fass­ten Be­schlus­ses zur Fol­ge hat, son­dern nur ein sol­cher, der so schwer­wie­gend ist, dass der Fort­be­stand des Be­schlus­ses von der Rechts­ord­nung nicht hin­ge­nom­men wer­den kann (BAG 9. Ju­li 2013 - 1 ABR 2/13 (A) - Rn. 38).


3. Der Sieb­te Se­nat teilt auch die Auf­fas­sung des Ers­ten Se­nats, wo­nach die Be­ach­tung des § 29 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG und die dort aus­drück­lich an­ge­ord­ne­te La­dung der Be­triebs­rats­mit­glie­der ein­sch­ließlich et­wai­ger Er­satz­mit­glie­der un­ter Mit­tei­lung der Ta­ges­ord­nung als we­sent­lich für die Wirk­sam­keit ei­nes in der Sit­zung ge­fass­ten Be­triebs­rats­be­schlus­ses an­zu­se­hen ist (BAG 9. Ju­li 2013 - 1 ABR 2/13 (A) - Rn. 40 ff.). Dies ent­spricht der ständi­gen Recht­spre­chung des Sieb­ten Se­nats (BAG 28. Ok­to­ber 1992 - 7 ABR 14/92 - zu B II 2 a der Gründe; 24. Mai 2006 - 7 AZR 201/05 - Rn. 17; 10. Ok­to­ber 2007 - 7 ABR 51/06 - Rn. 12, BA­GE 124, 188).

4. Im Übri­gen schließt sich der Sieb­te Se­nat un­ter Auf­ga­be sei­ner bis­he­ri­gen Rechts­auf­fas­sung der An­sicht des Ers­ten Se­nats an, wo­nach es für die
 


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Hei­lung ei­nes Ver­fah­rens­man­gels iSd. § 29 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG nach dem Zweck die­ser La­dungs­vor­schrift aus­reicht, dass al­le Be­triebs­rats­mit­glie­der ein­sch­ließlich er­for­der­li­cher Er­satz­mit­glie­der recht­zei­tig zur Sit­zung ge­la­den wor­den sind und die be­schlussfähig (§ 33 Abs. 2 Be­trVG) Er­schie­ne­nen in die­ser Sit­zung ei­ne Ergänzung oder Er­stel­lung der Ta­ges­ord­nung ein­stim­mig be­sch­ließen (BAG 9. Ju­li 2013 - 1 ABR 2/13 (A) - Rn. 49). Auch an der Be­gründung für sei­ne bis­he­ri­ge Auf­fas­sung, wo­nach ei­ne Hei­lung nur bei An­we­sen­heit al­ler Be­triebs­rats­mit­glie­der möglich sei, hält der Sieb­te Se­nat nach er­neu­ter Prüfung nicht fest.


a) Das vom Se­nat bis­lang an­geführ­te Ar­gu­ment, ein ver­hin­der­tes Be­triebs­rats­mit­glied müsse an­hand der zu­vor er­folg­ten Mit­tei­lung der Ta­ges­ord­nung Ge­le­gen­heit ha­ben, sei­ne Be­triebs­rats­kol­le­gen außer­halb der Sit­zung über sei­ne Auf­fas­sung zu un­ter­rich­ten und sie hier­von zu über­zeu­gen (vgl. BAG 24. Mai 2006 - 7 AZR 201/05 - Rn. 20), trägt, wie der Ers­te Se­nat zu­tref­fend ausführt, nicht (BAG 9. Ju­li 2013 - 1 ABR 2/13 (A) - Rn. 46). Im Fal­le der zeit­wei­li­gen Ver­hin­de­rung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds rückt das Er­satz­mit­glied gem. § 25 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 Be­trVG mit al­len Rech­ten und Pflich­ten in des­sen Stel­lung ein. Schützens­wer­te Ein­flussmöglich­kei­ten auf die Wil­lens­bil­dung des Gre­mi­ums ste­hen dem zeit­wei­lig ver­hin­der­ten Be­triebs­rats­mit­glied nicht zu.


b) Der Sieb­te Se­nat schließt sich dem Ers­ten Se­nat auch in der Be­ur­tei­lung an, die Mit­tei­lung der Ta­ges­ord­nung die­ne nicht da­zu, dem ein­zel­nen Be­triebs­rats­mit­glied die Auflösung ei­ner et­wai­gen Ter­mins­kol­li­si­on zu ermögli­chen (BAG 9. Ju­li 2013 - 1 ABR 2/13 (A) - Rn. 47). Zwar hat ein Be­triebs­rats­mit­glied im Fal­le ei­ner Pflich­ten­kol­li­si­on ei­gen­ver­ant­wort­lich zu be­ur­tei­len, wel­che Pflicht von ihm vor­ran­gig wahr­zu­neh­men ist. Es darf die­se Be­ur­tei­lung aber nicht da­von abhängig ma­chen, ob es die Be­triebs­rats­sit­zung un­ter Berück­sich­ti­gung der Ta­ges­ord­nung für wich­tig oder un­wich­tig hält. Je­den­falls ver­dient ein Be­triebs­rats­mit­glied, das ei­ne be­stimm­te Ta­ges­ord­nung für un­wich­tig er­ach­tet, kei­nen Schutz da­vor, dass die an­we­sen­den Be­triebs­rats­mit­glie­der ei­nen wei­te­ren Ta­ges­ord­nungs­punkt ein­stim­mig auf die Ta­ges­ord­nung set­zen. Im Übri­gen würde das Ar­gu­ment, ein Be­triebs­rats­mit­glied müsse un­ter Würdi­gung der Ta­ges­ord­nung ent­schei­den können, ob es sich für ver­hin­dert erklärt, kon­se­quen­ter­wei­se
 


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da­zu führen, dass ei­ne Ergänzung der Ta­ges­ord­nung nur bei vollständi­ger An­we­sen­heit al­ler ori­ginär gewähl­ten Be­triebs­rats­mit­glie­der möglich und bei Her­an­zie­hung von Er­satz­mit­glie­dern, al­so bei Feh­len auch nur ei­nes ori­ginär gewähl­ten Be­triebs­rats­mit­glieds aus­ge­schlos­sen wäre. Da­mit wäre ins­be­son­de­re in größeren Be­triebsräten, bei de­nen häufig ein oder meh­re­re Be­triebs­rats­mit­glie­der zeit­wei­lig ver­hin­dert sind, ei­ne Ergänzung der Ta­ges­ord­nung weit­ge­hend unmöglich. Hier­durch würde aber die prak­ti­sche Be­triebs­rats­ar­beit er­heb­lich er­schwert. Dies gilt ins­be­son­de­re für An­ge­le­gen­hei­ten der Mit­be­stim­mung bei per­so­nel­len Ein­zel­maßnah­men, in de­nen dem Be­triebs­rat nach sei­ner Un­ter­rich­tung nur ein Zeit­raum von ei­ner Wo­che zur Verfügung steht, nach des­sen un­ge­nutz­tem Ab­lauf die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats als er­teilt gilt (vgl. § 99 Abs. 3 Satz 1 und Satz 2, § 102 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 Be­trVG).


5. Sch­ließlich weist der Ers­te Se­nat auch zu­tref­fend dar­auf hin, dass das wei­ter­hin gel­ten­de Er­for­der­nis der Ein­stim­mig­keit der Be­schluss­fas­sung das ein­zel­ne Be­triebs­rats­mit­glied da­vor schützt, über be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che An­ge­le­gen­hei­ten be­fin­den zu müssen, mit de­nen es sich aus sei­ner Sicht noch nicht an­ge­mes­sen be­fasst und über die es sich noch kei­ne ab­sch­ließen­de Mei­nung ge­bil­det hat (BAG 9. Ju­li 2013 - 1 ABR 2/13 (A) - Rn. 50).


6. Von ei­ner wei­te­ren Be­gründung sieht der Sieb­te Se­nat im Hin­blick auf die zu­tref­fen­den Ausführun­gen des Ers­ten Se­nats ab.


Lin­sen­mai­er 

Schmidt 

Zwan­zi­ger

R. Gmo­ser 

Do­nath

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