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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Altersdiskriminierung, Diskriminierung, Sozialplan: Abfindungsanspruch
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 1 AZR 857/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 26.03.2013
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Göttingen, Urteil vom 9.2.2011 - 4 Ca 363/10
Landesarbeitsgericht Niedersachsen, Urteil vom 29.9.2011 - 7 Sa 323/11
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

1 AZR 857/11
7 Sa 323/11
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Nie­der­sach­sen

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

26. März 2013

UR­TEIL

Klapp, Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 26. März 2013 durch die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts Schmidt, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Linck und Prof. Dr. Koch so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Pla­tow und Rath für Recht er­kannt:
 


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1. Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen vom 29. Sep­tem­ber 2011 - 7 Sa 323/11 - wird zurück­ge­wie­sen.


2. Der Kläger hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Höhe ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung.

Der im Ja­nu­ar 1946 ge­bo­re­ne Kläger war seit 1987 bei der Be­klag­ten als Phar­ma­re­fe­rent im Außen­dienst beschäftigt. Er be­zog zu­letzt ei­ne durch­schnitt­li­che Brut­to­mo­nats­vergütung von 5.325,00 Eu­ro.

Am 19. Ju­ni 2009 ver­ein­bar­te die Be­klag­te mit dem bei ihr ge­bil­de­ten Be­triebs­rat aus An­lass der Ein­stel­lung des Außen­diens­tes zum 1. Ju­li 2009 ei­nen So­zi­al­plan. Dar­in ist be­stimmt:


„...

II. Höhe der Ab­fin­dung

1. Je­der nach den Kri­te­ri­en die­ses So­zi­al­plans an­spruchs­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer erhält ei­nen Be­trag, der sich nach fol­gen­der For­mel er­rech­net:


Brut­to­mo­nats­vergütung x Be­triebs­zu­gehörig­keit
x Fak­tor aus nach­ste­hen­der Ta­bel­le

Al­ter Fak­tor
30 - 39 0,7
40 - 45 0,8
46 - 50 0,9
51 - 59 1,0
60 - 62 0,3
> 62 0
...

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5. Min­dest- und Höchst­be­trag der Ab­fin­dung

Die Ab­fin­dung beträgt min­des­tens 2 Brut­to­mo­nats­gehälter.

Die Höhe der Ab­fin­dung ist be­grenzt auf höchs­tens 200.000,- € brut­to.“

Die Be­klag­te kündig­te dem Kläger we­gen der Ein­stel­lung des Außen­diens­tes zum 31. Ja­nu­ar 2010 und zahl­te ihm die Min­dest­ab­fin­dung in Höhe von 10.650,00 Eu­ro. Die vom Kläger er­ho­be­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge wur­de rechts­kräftig ab­ge­wie­sen.


Der Kläger hat gel­tend ge­macht, ihm stünde ei­ne So­zi­al­plan­ab­fin­dung mit dem für die Grup­pe der 51- bis 59-jähri­gen Ar­beit­neh­mer maßgeb­li­chen Mul­ti­pli­ka­ti­ons­fak­tor von 1,0 zu. Die Ver­rin­ge­rung der Ab­fin­dung ab dem 60. Le­bens­jahr sei al­ters­dis­kri­mi­nie­rend.


Der Kläger be­an­tragt, 


die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­ne Ab­fin­dung in Höhe von 112.251,00 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 16. Ju­li 2010 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt. 


Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit sei­ner Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sei­nen Zah­lungs­an­trag wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe


Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen.

I. Der zum Zeit­punkt des Aus­schei­dens aus dem Ar­beits­verhält­nis 64-jähri­ge Kläger hat kei­nen An­spruch auf ei­ne wei­te­re Ab­fin­dung nach dem be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz (§ 75 Abs. 1 Be­trVG). Die un­ter­schied­li­che Be­rech­nung der Ab­fin­dung für Beschäftig­te, die



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zum Zeit­punkt der recht­li­chen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses der Grup­pe der 51- bis 59-Jähri­gen und Ar­beit­neh­mern, die das 62. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, ist wirk­sam. Die un­mit­tel­bar auf dem Merk­mal des Al­ters be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung die­ser Ar­beit­neh­mer­grup­pen ist nach § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG zulässig.

1. So­zi­alpläne un­ter­lie­gen, wie an­de­re Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, der ge­richt­li­chen Rechtmäßig­keits­kon­trol­le. Sie sind dar­auf­hin zu über­prüfen, ob sie mit höher­ran­gi­gem Recht, wie ins­be­son­de­re dem be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz, ver­ein­bar sind.


a) Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ha­ben nach § 75 Abs. 1 Be­trVG darüber zu wa­chen, dass je­de Be­nach­tei­li­gung von Per­so­nen aus den in der Vor­schrift ge­nann­ten Gründen un­ter­bleibt. § 75 Abs. 1 Be­trVG enthält nicht nur ein Über­wa­chungs­ge­bot, son­dern ver­bie­tet zu­gleich Ver­ein­ba­run­gen, durch die Ar­beit­neh­mer auf­grund der dort auf­geführ­ten Merk­ma­le be­nach­tei­ligt wer­den. Der Ge­setz­ge­ber hat die in § 1 AGG ge­re­gel­ten Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­te in § 75 Abs. 1 Be­trVG über­nom­men. Die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der Be­triebs­an­gehöri­gen aus ei­nem in § 1 AGG ge­nann­ten Grund ist da­her nur un­ter den im All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen zulässig. Sind die­se erfüllt, ist auch der be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Gleich­be­han­dungs­grund­satz ge­wahrt.

b) Nach § 7 Abs. 1 AGG dürfen Beschäftig­te nicht we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des be­nach­tei­ligt wer­den. Be­stim­mun­gen in Ver­ein­ba­run­gen, die ge­gen die­ses Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot ver­s­toßen, sind nach § 7 Abs. 2 AGG un­wirk­sam. Der Be­griff der Be­nach­tei­li­gung be­stimmt sich nach § 3 AGG. Ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung liegt nach § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde. Ei­ne un­mit­tel­bar auf dem Al­ter be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung kann aber nach § 10 AGG un­ter den dort ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen zulässig sein. § 10 Satz 1 und Satz 2 AGG ge­stat­ten die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters, wenn die­se ob­jek­tiv und


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an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist und wenn die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.


c) Nach § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG können die Be­triebs­par­tei­en ei­ne nach Al­ter oder Be­triebs­zu­gehörig­keit ge­staf­fel­te Ab­fin­dungs­re­ge­lung vor­se­hen, in der sie die we­sent­lich vom Al­ter abhängen­den Chan­cen auf dem Ar­beits­markt durch ei­ne verhält­nismäßig star­ke Be­to­nung des Le­bens­al­ters er­kenn­bar berück­sich­ti­gen, oder auch Beschäftig­te von den Leis­tun­gen des So­zi­al­plans aus­sch­ließen, weil die­se, ggf. nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I, ren­ten­be­rech­tigt sind. Mit die­ser Vor­schrift hat der Ge­setz­ge­ber den Be­triebs­par­tei­en ei­nen Ge­stal­tungs- und Be­ur­tei­lungs­spiel­raum eröff­net, der es ih­nen un­ter den dar­in be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ermöglicht, das Le­bens­al­ter als Be­mes­sungs­kri­te­ri­um für die So­zi­al­plan­ab­fin­dung her­an­zu­zie­hen.


aa) Mit der Re­ge­lung in § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG woll­te der Ge­setz­ge­ber den Be­triebs­par­tei­en ent­spre­chend dem zu­kunfts­ge­rich­te­ten Entschädi­gungs­cha­rak­ter von So­zi­al­plan­leis­tun­gen ermögli­chen, die­se bei „ren­ten­na­hen“ Ar­beit­neh­mern stärker an den tatsächlich ein­tre­ten­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­len zu ori­en­tie­ren, die ih­nen durch den be­vor­ste­hen­den Ar­beits­platz­ver­lust und ei­ne dar­auf zurück­ge­hen­de Ar­beits­lo­sig­keit dro­hen. Durch die­se Ge­stal­tungsmöglich­keit kann das An­wach­sen der Ab­fin­dungshöhe, das mit der Ver­wen­dung der Pa­ra­me­ter Be­triebs­zu­gehörig­keit und/oder Le­bens­al­ter bei der Be­mes­sung der Ab­fin­dung zwangsläufig ver­bun­den ist, bei ab­neh­men­der Schutz­bedürf­tig­keit im In­ter­es­se der Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit zu­guns­ten der jünge­ren Ar­beit­neh­mer be­grenzt wer­den (BAG 23. März 2010 - 1 AZR 832/08 - Rn. 17).


bb) § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG er­fasst nach sei­nem Wort­laut nur den Aus­schluss von älte­ren Ar­beit­neh­mern, die ent­we­der un­mit­tel­bar nach dem Aus­schei­den oder im An­schluss an den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I durch den Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind. Die Vor­schrift ist glei­cher­maßen an­wend­bar, wenn die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zwar nicht un­mit­tel­bar nach dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I ren­ten­be­rech­tigt sind, die Ab­fin­dung aber aus­rei­chend be­mes­sen ist, um die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le aus­zu­glei­chen, die sie in der Zeit nach der Erfüllung ih­res Ar­beits­lo­sen­geld­an-
 


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spruchs bis zum frühestmögli­chen Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te er­lei­den. Dies ist stets der Fall, wenn die Ab­fin­dungshöhe für die­sen Zeit­raum den Be­trag der zu­letzt be­zo­ge­nen Ar­beits­vergütung er­reicht. Die von der Be­triebsände­rung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer sind dann wirt­schaft­lich so ge­stellt, als wäre das Ar­beits­verhält­nis bis zu dem Zeit­punkt fort­ge­setzt wor­den, in dem sie nach dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I naht­los ei­ne Al­ters­ren­te be­zie­hen können (BAG 23. März 2010 - 1 AZR 832/08 - Rn. 19).


cc) Die Aus­ge­stal­tung des durch § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG eröff­ne­ten Ge­stal­tungs- und Be­ur­tei­lungs­spiel­raums un­ter­liegt al­ler­dings noch ei­ner wei­te­ren Verhält­nismäßig­keitsprüfung nach § 10 Satz 2 AGG. Die von den Be­triebs­par­tei­en gewähl­te So­zi­al­plan­ge­stal­tung muss ge­eig­net sein, das mit § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG ver­folg­te Ziel tatsächlich zu fördern und darf die In­ter­es­sen der be­nach­tei­lig­ten (Al­ters-)Grup­pe nicht un­verhält­nismäßig stark ver­nachlässi­gen.


2. Die an das Le­bens­al­ter an­knüpfen­de Ab­fin­dungs­be­rech­nung im So­zi­al­plan vom 19. Ju­ni 2009 verstößt nicht ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot in § 7 Abs. 1 AGG.


a) Die Re­ge­lun­gen des So­zi­al­plans vom 19. Ju­ni 2009 sind nach dem am 18. Au­gust 2006 in Kraft ge­tre­te­nen AGG idF des Ge­set­zes zur Ände­rung des Be­triebs­ren­ten­ge­set­zes und an­de­rer Ge­set­ze vom 2. De­zem­ber 2006 (BGBl. I S. 2742) und nach § 75 Abs. 1 Be­trVG in der seit dem 18. Au­gust 2006 gel­ten­den Fas­sung zu be­ur­tei­len.


b) Die Be­triebs­par­tei­en ha­ben bei der Gewährung der So­zi­al­plan­leis­tun­gen nach dem Le­bens­al­ter un­ter­schie­den. Die Ab­fin­dung be­rech­net sich nach der For­mel Brut­to­mo­nats­vergütung x Be­triebs­zu­gehörig­keit x Fak­tor. Der Fak­tor beträgt in der Al­ters­grup­pe der 30- bis 39-Jähri­gen 0,7 und steigt in drei wei­te­ren Schrit­ten für die 51- bis 59-Jähri­gen auf 1,0. Für die 60- bis 62-Jähri­gen beträgt er 0,3 und für die älter als 62-Jähri­gen 0. Für die­se ver­bleibt die Min­dest­ab­fin­dung von zwei Brut­to­mo­nats­gehältern. Hier­in liegt ei­ne un­mit­tel­bar an das Al­ter an­knüpfen­de Un­gleich­be­hand­lung.


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c) Die Vor­aus­set­zun­gen des § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG lie­gen vor. 


aa) Der Kläger gehört der Per­so­nen­grup­pe an, die das 62. Le­bens­jahr voll­endet hat. Die­se Ar­beit­neh­mer wa­ren nach ih­rem Aus­schei­den aus dem Ar­beits­verhält­nis und ei­ner sich dar­an an­sch­ließen­den Ar­beits­lo­sig­keit für die Dau­er von 24 Mo­na­ten durch den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I ab­ge­si­chert (§ 127 Abs. 2, Abs. 1 Nr. 2 SGB III idF des Sieb­ten Ge­set­zes zur Ände­rung des Drit­ten Bu­ches So­zi­al­ge­setz­buch und an­de­rer Ge­set­ze vom 8. April 2008 [BGBI. I S. 681]). Zusätz­lich er­hiel­ten sie zum Aus­gleich der mit dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld ver­bun­de­nen Ein­kom­mens­ein­bußen ei­nen pau­scha­len Aus-gleich in Höhe von zwei Brut­to­mo­nats­ver­diens­ten. Im An­schluss an den Ar­beits­lo­sen­geld­be­zug hat­ten sie nach § 237 Abs. 1 Nr. 3 Buchst. a Alt. 1 SGB VI zu­min­dest An­spruch auf Al­ters­ren­te we­gen Ar­beits­lo­sig­keit. Hat­ten die die­ser Grup­pe an­gehören­den Ar­beit­neh­mer das 63. Le­bens­jahr voll­endet, konn­ten sie nach Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums für Ar­beits­lo­sen­geld nach § 35 iVm. § 235 Abs. 2 Satz 1 SGB VI Re­gel­al­ters­ren­te be­zie­hen.


bb) Die Be­gren­zung der den Ar­beit­neh­mern nach voll­ende­tem 23 62. Le­bens­jahr gewähr­ten So­zi­al­plan­leis­tun­gen ist an­ge­mes­sen und er­for­der­lich iSd. § 10 Satz 2 AGG.

(1) Nach der Se­nats­recht­spre­chung ha­ben So­zi­alpläne ei­ne zu­kunfts­be­zo­ge­ne Aus­gleichs- und Über­brückungs­funk­ti­on. Geld­leis­tun­gen in Form ei­ner Ab­fin­dung stel­len kein zusätz­li­ches Ent­gelt für die in der Ver­gan­gen­heit er-brach­ten Diens­te dar, son­dern sol­len die vor­aus­sicht­lich ent­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Fol­gen ei­nes durch Be­triebsände­rung ver­ur­sach­ten Ar­beits­platz­ver­lus­tes aus­glei­chen oder zu­min­dest ab­mil­dern. Die Be­triebs­par­tei­en können die­se Nach­tei­le auf­grund ih­res Be­ur­tei­lungs- und Ge­stal­tungs­spiel­raums in ty­pi­sier­ter und pau­scha­lier­ter Form aus­glei­chen (vgl. BAG 7. Ju­ni 2011 - 1 AZR 34/10 - Rn. 31, BA­GE 138, 107). Da­zu können sie die übermäßige Begüns­ti­gung, die älte­re Beschäftig­te mit langjähri­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit bei ei­ner am Le­bens­al­ter und an der Be­triebs­zu­gehörig­keit ori­en­tier­ten Ab­fin­dungs­be­rech­nung er­fah­ren, durch ei­ne Kürzung für ren­ten­na­he Jahrgänge zurückführen, um ei­ne aus ih­rer Sicht ver­tei­lungs­ge­rech­te Ab­mil­de­rung der wirt­schaft­li-


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chen Fol­gen der Be­triebsände­rung zu­guns­ten der jünge­ren Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen (BAG 23. März 2010 - 1 AZR 832/08 - Rn. 29).


(2) Die Er­stre­ckung der Be­rech­nungs­re­gel für die Grup­pe der 51- bis 59- Jähri­gen auf die Grup­pe der Ar­beit­neh­mer, die das 62. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, hätte Beschäftig­te mit länge­ren Beschäfti­gungs­zei­ten über­pro­por­tio­nal begüns­tigt. Die Be­triebs­par­tei­en konn­ten bei die­sen Jahrgängen da­von aus­ge­hen, dass die­se selbst bei fort­be­ste­hen­der Ar­beits­lo­sig­keit nach dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I durch die re­du­zier­te Ab­fin­dung und die In­an­spruch­nah­me ei­ner vor­ge­zo­ge­nen Al­ters­ren­te weit­ge­hend wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind. Ei­ne ver­gleich­ba­re Ab­si­che­rung konn­ten die Be­triebs­par­tei­en bei den ren­ten­fer­nen Jahrgängen nicht pro­gnos­ti­zie­ren. Selbst wenn die­se ei­ne An­schluss­beschäfti­gung fin­den, ver­lie­ren die ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer ih­re bis­he­ri­ge kündi­gungs­schutz­recht­li­che Stel­lung und gehören bei künf­ti­gen Per­so­nal­re­du­zie­run­gen re­gelmäßig zu den Beschäftig­ten, de­nen we­gen ih­rer kur­zen Be­triebs­zu­gehörig­keit vor­ran­gig gekündigt wird. Über­dies können sie re­gelmäßig bei der Neu­be­gründung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ihr bis­he­ri­ges Ar­beits­ent­gelt er­zie­len, was, eben­so wie die vor­an­ge­hen­den Zei­ten ei­ner Ar­beits­lo­sig­keit, zu Nach­tei­len in ih­rer Ren­ten­bio­gra­fie führt.


(3) Die In­ter­es­sen der über 62-jähri­gen Ar­beit­neh­mer sind im So­zi­al­plan vom 19. Ju­ni 2009 bei der Aus­ge­stal­tung der sie be­tref­fen­den Aus­gleichs­re­ge­lun­gen an­ge­mes­sen be­ach­tet wor­den. Die Be­triebs­par­tei­en ha­ben die­se Beschäftig­ten­grup­pe nicht von So­zi­al­plan­leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen, son­dern ih­nen ei­nen An­spruch auf die Min­dest­ab­fin­dung von zwei Brut­to­mo­nats­ver­diens­ten gewährt. Dies ist nicht zu be­an­stan­den, da die­se Grup­pe un­mit­tel­bar nach dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld zu­min­dest An­spruch auf vor­zei­ti­ges Al­ters­ru­he­geld hat. Der zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses 64-jähri­ge Kläger hat­te so­gar ein Jahr nach sei­nem Aus­schei­den An­spruch auf die Re­gel­al­ters­ren­te. Ei­nen vollständi­gen Aus­gleich al­ler wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le muss­ten die Be­triebs­par­tei­en an­ge­sichts der be­grenzt zur Verfügung ste­hen­den So­zi­al­plan­mit­tel und der an­de­ren Ar­beit­neh­mern vor­aus­sicht­lich ent­ste­hen­den Nach­tei­le nicht vor­se­hen.



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II. Der Durchführung ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 Abs. 3 AEUV be­darf es nicht.

1. Der Se­nat hat be­reits in sei­nen Ent­schei­dun­gen vom 23. März 2010 (- 1 AZR 832/08 - Rn. 18) und vom 26. Mai 2009 (- 1 AZR 198/08 - Rn. 41, BA­GE 131, 61) ein­ge­hend be­gründet, dass die zum Verständ­nis und zur An­wen­dung von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (Richt­li­nie 2000/78/EG) her­an­zu­zie­hen­den Grundsätze of­fen­kun­dig, je­den­falls aber durch die jünge­re Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (5. März 2009 - C-388/07 - [Age Con­cern Eng­land] Slg. 2009, I-1569; 16. Ok­to­ber 2007 - C-411/05 - [Pa­la­ci­os de la Vil­la] Slg. 2007, I-8531; 22. No­vem­ber 2005 - C-144/04 - [Man­gold] Slg. 2005, I-9981) als geklärt an­zu­se­hen sind, so dass ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 Abs. 3 AEUV zur Zulässig­keit ei­ner auf dem Al­ter be­ru­hen­den Un­gleich­be­hand­lung bei So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen nicht ge­bo­ten ist.


2. Die Ver­ein­bar­keit der Se­nats­recht­spre­chung mit Uni­ons­recht wird über­dies durch das Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs vom 6. De­zem­ber 2012 (- C-152/11 - [Odar]) voll­umfäng­lich bestätigt. In die­sem hat der Ge­richts­hof über die Ver­ein­bar­keit ei­ner So­zi­al­plan­re­ge­lung mit Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ent­schie­den. Auch der Ge­richts­hof geht da­von aus, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung von älte­ren Ar­beit­neh­mern bei der Be­rech­nung der So­zi­al­plan­ab­fin­dung durch ein le­gi­ti­mes Ziel iSv. Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt sein kann, wenn der So­zi­al­plan die Gewährung ei­nes Aus­gleichs für die Zu­kunft, den Schutz der jünge­ren Ar­beit­neh­mer so­wie die Un­terstützung bei ih­rer be­ruf­li­chen Wie­der­ein­glie­de­rung und ei­ne ge­rech­te Ver­tei­lung der be­grenz­ten fi­nan­zi­el­len Mit­tel be­zweckt (EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar], Rn. 42 f., 45). Ei­ne in Abhängig­keit von Le­bens­al­ter und Be­triebs­zu­gehörig­keit be­rech­ne­te Ab­fin­dung könne bei Ar­beit­neh­mern, die im Zeit­punkt der Ent­las­sung durch den mögli­chen Be­zug ei­ner vor­ge­zo­ge­nen ge­setz­li­chen Al­ters­ren­te wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, ge­min-



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dert wer­den (EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar], Rn. 48). Die­se Grundsätze ent­spre­chen der Se­nats­recht­spre­chung.


3. Es ist uni­ons­recht­lich nicht ge­bo­ten, dem Kläger als Ab­fin­dung zu­min­dest ei­nen Be­trag in Höhe der Hälf­te der für die 51- bis 59-Jähri­gen be­rech­ne­ten Ab­fin­dung zu­zu­spre­chen. Die Ausführun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs in der Rechts­sa­che Odar las­sen ein sol­ches Verständ­nis von Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG nicht zu.

a) Das Ar­beits­ge­richt München hat den Ge­richts­hof im Ver­fah­ren nach Art. 267 AEUV ua. nach der Ver­ein­bar­keit der im Aus­gangs­rechts­streit maß-geb­li­chen Re­ge­lung ei­ner als „Vor­sorg­li­cher So­zi­al­plan“ be­zeich­ne­ten Ver­ein­ba­rung mit den Vor­ga­ben der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­fragt (EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar], Rn. 30). Nach die­ser be­rech­net sich die Ab­fin­dung nach den Fak­to­ren Le­bens­al­ter, Be­triebs­zu­gehörig­keit und Brut­to­mo­nats­ent­gelt (Stan­dard­for­mel). Für Mit­ar­bei­ter nach Voll­endung des 55. Le­bens­jah­res sieht der „Vor­sorg­li­che So­zi­al­plan“ ei­ne geänder­te Be­rech­nung vor, die von der Zeit bis zum frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt abhängig ist (Son­der­for­mel). Soll­te die nach der Stan­dard­for­mel be­rech­ne­te Ab­fin­dung größer sein als die­je­ni­ge nach der Son­der­for­mel, kommt die ge­rin­ge­re Sum­me zur Aus­zah­lung. Die­se darf je­doch die Hälf­te der Stan­dard­for­mel­ab­fin­dung nicht un­ter­schrei­ten.

b) Der Ge­richts­hof hat zwar die im „Vor­sorg­li­chen So­zi­al­plan“ vor­ge­nom­me­ne Be­rech­nung der Ab­fin­dung auf der Grund­la­ge des frühestmögli­chen Ren­ten­be­ginns als mit Uni­ons­recht für ver­ein­bar ge­hal­ten (EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar], Rn. 54). Hier­auf kann der Kläger sei­nen An­spruch je­doch nicht stützen. Der Ge­richts­hof hat nicht ver­langt, dass die Ab­fin­dung von ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mern stets die Hälf­te der für an­de­re Ar­beit­neh­mer gel­ten­den Ab­fin­dungs­for­mel be­tra­gen muss. Ei­ne sol­che Aus­sa­ge enthält die Ent­schei­dung nicht. Die vor­ge­nann­ten Ausführun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs sind ein­zel­fall­be­zo­gen und be­schränken sich auf die Ver­ein­bar­keit ei­ner be­stimm­ten na­tio­na­len So­zi­al­plan­re­ge­lung mit Uni­ons­recht. Sie ent­hal­ten le­dig­lich ei­nen Hin­weis des Ge­richts­hofs an das vor­le­gen­de Ge­richt, mit dem
 


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die­sem ei­ne sach­dien­li­che Ant­wort auf sei­ne Vor­la­ge­fra­ge ge­ge­ben wer­den soll­te (vgl. EuGH 15. April 2010 - C-433/05 - [Sand­ström], Rn. 35, Slg. 2010, I-2885).


c) Der Durchführung ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens be­darf es in­so­weit nicht. Es ist of­fen­sicht­lich, dass die Zu­er­ken­nung ei­nes hälf­ti­gen Ab­fin­dungs­be­trags durch das Uni­ons­recht nicht vor­ge­ge­ben wird. Sie würde zu in­kohären­ten und sys­tem­wid­ri­gen Er­geb­nis­sen führen. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof hat die Min­de­rung der nach der Stan­dard­for­mel be­rech­ne­ten Ab­fin­dung bei ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mern als le­gi­ti­mes Ziel an­er­kannt. Könn­ten die­se un­abhängig von der Zeit bis zu ei­ner vor­zei­ti­gen Be­zugsmöglich­keit ei­ner vor­zei­ti­gen Al­ters­ren­te stets die Hälf­te der nach der Stan­dard­for­mel zu be­rech­nen­den Ab­fin­dung be­an­spru­chen, er­hiel­ten Ar­beit­neh­mer, die - wie der Kläger - bei ih­rem Aus­schei­den aus dem Ar­beits­verhält­nis nur noch kur­ze Zeit vor dem Er­rei­chen der vor­zei­ti­gen Al­ters­gren­ze ste­hen, die glei­che Ab­fin­dung wie sol­che Ar­beit­neh­mer, die die­sen Zeit­punkt erst nach Ab­lauf von meh­re­ren Jah­ren er­rei­chen. Ei­ne sol­che pau­scha­le Ab­fin­dungs­be­rech­nung wi­derspräche der Über­brückungs­funk­ti­on von So­zi­alplänen.

Schmidt 

Koch 

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