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EuGH, Ur­teil vom 17.11.2016, C-216/15 - Be­triebs­rat Ruhr­land­kli­nik

   
Schlagworte: Arbeitnehmerbegriff: DRK-Schwestern, Arbeitnehmerüberlassung: DRK-Schwestern
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-216/15
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 17.11.2016
   
Leitsätze:

Art.1 Abs.1 und 2 der Richtlinie 2008/104/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. November 2008 über Leiharbeit ist dahin auszulegen, dass die durch einen Verein, der keinen Erwerbszweck verfolgt, gegen ein Gestellungsentgelt erfolgende Überlassung eines Vereinsmitglieds an ein entleihendes Unternehmen, damit das Mitglied bei diesem hauptberuflich und unter dessen Leitung gegen eine Vergütung Arbeitsleistungen erbringt, in den Anwendungsbereich der Richtlinie fällt, sofern das Mitglied aufgrund dieser Arbeitsleistung in dem betreffenden Mitgliedstaat geschützt ist, was zu prüfen Sache des vorlegenden Gerichts ist. Dies gilt auch, wenn das Mitglied nach nationalem Recht kein Arbeitnehmer ist, weil es mit dem Verein keinen Arbeitsvertrag geschlossen hat.

Vorinstanzen: Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 17.03.2015, 1 ABR 62/12 (A)
Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Beschluss vom 06.07.2012, 6 TaBV 30/12
Arbeitsgericht Essen, Beschluss vom 02.02.2012, 3 BV 94/11
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Fünf­te Kam­mer)

17. No­vem­ber 2016(*)

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - Richt­li­nie 2008/104/EG - Leih­ar­beit - An­wen­dungs­be­reich - Be­griff ‚Ar­beit­neh­mer' - Be­griff ‚wirt­schaft­li­che Tätig­keit' - Pfle­ge­per­so­nal oh­ne Ar­beits­ver­trag, das
von ei­nem Ver­ein, der kei­nen Er­werbs­zweck ver­folgt, ei­ner Ge­sund­heits­pfle­ge­ein­rich­tung über­las­sen wird"

In der Rechts­sa­che C-216/15

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 17. März 2015, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 12. Mai 2015, in dem Ver­fah­ren

Be­triebs­rat der Ruhr­land­kli­nik gGmbH

ge­gen

Ruhr­land­kli­nik gGmbH

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Fünf­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten J. L. da Cruz Vila9a, des Vi­ze­präsi­den­ten des Ge­richts­hofs A. Tiz­za­no (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­te­rin M. Ber­ger so­wie der Rich­ter A. Borg Bart­het und F. Bilt­gen,

Ge­ne­ral­an­walt: H. Saug­man­ds­gaard Oe,

Kanz­ler: M. Alek­se­jev, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 20. April 2016, un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- des Be­triebs­rats der Ruhr­land­kli­nik gGmbH, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt G. Her­get,

- der Ruhr­land­kli­nik gGmbH, ver­tre­ten durch die Rechts­anwälte C.-M. Alt­haus und S. Schröder, der tsche­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Smo­lek und J. Vlüil als Be­vollmäch­tig­te,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. van Beek, G. Braun und E. Schmidt als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 6. Ju­li 2016 fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Richt­li­nie 2008/104/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 19. No­vem­ber 2008 über Leih­ar­beit (ABl. 2008, L 327, S. 9).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen dem Be­triebs­rat der Ruhr­land­kli­nik gGmbH (im Fol­gen­den: Be­triebs­rat) und der Ruhr­land­kli­nik gGmbH we­gen der Über­las­sung von Frau K., Mit­glied der DRK-Schwes­tern­schaft Es­sen e. V. (im Fol­gen­den: Schwes­tern­schaft), an die Ruhr­land­kli­nik.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3 Die Erwägungs­gründe 10 und 12 der Richt­li­nie 2008/104 lau­ten:

„(10) In Be­zug auf die In­an­spruch­nah­me der Leih­ar­beit so­wie die recht­li­che Stel­lung, den Sta­tus und die Ar­beits­be­din­gun­gen der Leih­ar­beit­neh­mer las­sen sich in­ner­halb der Uni­on große Un­ter­schie­de fest­stel­len.

(12) Die vor­lie­gen­de Richt­li­nie legt ei­nen dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en, trans­pa­ren­ten und verhält­nismäßigen Rah­men zum Schutz der Leih­ar­beit­neh­mer fest und wahrt gleich­zei­tig die Viel­falt der Ar­beitsmärk­te und der Ar­beits­be­zie­hun­gen.“

4 Art.1 Abs. 1 und 2 die­ser Richt­li­nie be­stimmt:

„(1) Die­se Richt­li­nie gilt für Ar­beit­neh­mer, die mit ei­nem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men ei­nen Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen ha­ben oder ein Beschäfti­gungs­verhält­nis ein­ge­gan­gen sind und die ent­lei­hen­den Un­ter­neh­men zur Verfügung ge­stellt wer­den, um vorüber­ge­hend un­ter de­ren Auf­sicht und Lei­tung zu ar­bei­ten.

(2) Die­se Richt­li­nie gilt für öffent­li­che und pri­va­te Un­ter­neh­men, bei de­nen es sich um Leih­ar­beits­un­ter­neh­men oder ent­lei­hen­de Un­ter­neh­men han­delt, die ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit ausüben, un­abhängig da­von, ob sie Er­werbs­zwe­cke ver­fol­gen oder nicht.“

5 Art. 2 der Richt­li­nie sieht vor:

„Ziel die­ser Richt­li­nie ist es, für den Schutz der Leih­ar­beit­neh­mer zu sor­gen und die Qua­lität der Leih­ar­beit zu ver­bes­sern, in­dem die Ein­hal­tung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Leih­ar­beit­neh­mern gemäß Ar­ti­kel 5 ge­si­chert wird und die Leih­ar­beits­un­ter­neh­men als Ar­beit­ge­ber an­er­kannt wer­den, wo­bei zu berück­sich­ti­gen ist, dass ein an­ge­mes­se­ner Rah­men für den Ein­satz von Leih­ar­beit fest­ge­legt wer­den muss, um wirk­sam zur Schaf­fung von Ar­beitsplätzen und zur Ent­wick­lung fle­xi­bler Ar­beits­for­men bei­zu­tra­gen.“

6 In Art. 3 der Richt­li­nie heißt es:

„(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie be­zeich­net der Aus­druck

a) ‚Ar­beit­neh­mer‘ ei­ne Per­son, die in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat nach dem na­tio­na­len Ar­beits­recht als Ar­beit­neh­mer geschützt ist;

c) ‚Leih­ar­beit­neh­mer‘ ei­nen Ar­beit­neh­mer, der mit ei­nem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men ei­nen Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen hat oder ein Beschäfti­gungs­verhält­nis ein­ge­gan­gen ist, um ei­nem ent­lei­hen­den Un­ter­neh­men über­las­sen zu wer­den und dort un­ter des­sen Auf­sicht und Lei­tung vorüber­ge­hend zu ar­bei­ten;

(2) Die­se Richt­li­nie lässt das na­tio­na­le Recht in Be­zug auf die Be­griffs­be­stim­mun­gen von ‚Ar­beits­ent­gelt‘, ‚Ar­beits­ver­trag‘, ‚Beschäfti­gungs­verhält­nis‘ oder ‚Ar­beit­neh­mer‘ un­berührt.

…“

7 Art.5 („Grund­satz der Gleich­be­hand­lung“) Abs. 1 Un­terabs.1 der Richt­li­nie 2008/104 lau­tet:

„Die we­sent­li­chen Ar­beits- und Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen der Leih­ar­beit­neh­mer ent­spre­chen während der Dau­er ih­rer Über­las­sung an ein ent­lei­hen­des Un­ter­neh­men min­des­tens den­je­ni­gen, die für sie gel­ten würden, wenn sie von je­nem ge­nann­ten Un­ter­neh­men un­mit­tel­bar für den glei­chen Ar­beits­platz ein­ge­stellt wor­den wären.“

Deut­sches Recht

8 § 99 des zu­letzt durch Ge­setz vom 20. April 2013 (BGBl. 2013 I S. 868) geänder­ten Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes (Be­trVG) lau­tet in der für das Aus­gangs­ver­fah­ren maßgeb­li­chen Fas­sung:

„(1) In Un­ter­neh­men mit in der Re­gel mehr als zwan­zig wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern hat der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat vor je­der Ein­stel­lung, … zu un­ter­rich­ten, ihm die er­for­der­li­chen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen vor­zu­le­gen und Aus­kunft über die Per­son der Be­tei­lig­ten zu ge­ben; er hat dem Be­triebs­rat un­ter Vor­la­ge der er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen Aus­kunft über die Aus­wir­kun­gen der ge­plan­ten Maßnah­me zu ge­ben und die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu der ge­plan­ten Maßnah­me ein­zu­ho­len. …“

(2) Der Be­triebs­rat kann die Zu­stim­mung ver­wei­gern, wenn

1. die per­so­nel­le Maßnah­me ge­gen ein Ge­setz, … ver­s­toßen würde,

…“

9 § 1 Abs. 1 des zu­letzt durch Ge­setz vom 28. April 2011 (BGBl. 2011 I S. 642) geänder­ten Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­set­zes (AÜG) lau­tet in der ab dem 1. De­zem­ber 2011 gel­ten­den Fas­sung:

„Ar­beit­ge­ber, die als Ver­lei­her Drit­ten (Ent­lei­hern) Ar­beit­neh­mer (Leih­ar­beit­neh­mer) im Rah­men ih­rer wirt­schaft­li­chen Tätig­keit zur Ar­beits­leis­tung über­las­sen wol­len, bedürfen der Er­laub­nis. Die Über­las­sung von Ar­beit­neh­mern an Ent­lei­her er­folgt vorüber­ge­hend. …“

Aus­gangs­rechts­streit und Vor­la­ge­fra­ge

10

Die Ruhr­land­kli­nik be­treibt in Es­sen (Deutsch­land) ei­ne sta­ti­onäre Kli­nik. Im Jahr 2010 schloss sie mit der Schwes­tern­schaft ei­nen Ge­stel­lungs­ver­trag, nach dem es die Schwes­tern­schaft ge­gen ein Ge­stel­lungs­ent­gelt, das die Per­so­nal­kos­ten und ei­ne drei­pro­zen­ti­ge Ver­wal­tungs­kos­ten­pau­scha­le um­fasst, über­nimmt, An­gehöri­ge der pfle­gen­den Be­ru­fe bei die­ser Kli­nik ein­zu­set­zen. Die­ses Pfle­ge­per­so­nal be­steht aus Ver­eins­mit­glie­dern der Schwes­tern­schaft, die be­rech­tigt sind, ei­nen Be­ruf in der Kran­ken- und Ge­sund­heits­pfle­ge aus­zuüben.

11 Die Schwes­tern­schaft ist als ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein, der kei­ne ei­gen­wirt­schaft­li­chen Zwe­cke ver­folgt, Mit­glied im Ver­band der Schwes­tern­schaf­ten vom Deut­schen Ro­ten Kreuz e. V. Ih­re Mit­glie­der üben ih­re Be­rufstätig­keit haupt­be­ruf­lich aus, ent­we­der bei der Schwes­tern­schaft oder im Rah­men von Ge­stel­lungs­verträgen in Ein­rich­tun­gen der Krank­heits- und Ge­sund­heits­pfle­ge. In letz­te­rem Fall un­ter­lie­gen sie den fach­li­chen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Wei­sun­gen der be­tref­fen­den Ein­rich­tung.
12 Nach ih­rer Mit­glie­der­ord­nung zahlt die Schwes­tern­schaft an ih­re Mit­glie­der ei­ne mo­nat­li­che Vergütung, de­ren Be­rech­nung sich nach den für die je­wei­li­ge Tätig­keit übli­chen Kri­te­ri­en rich­tet, und er­stat­tet u. a. Rei­se- und Um­zugs­kos­ten. Da­ne­ben er­hal­ten die Mit­glie­der ent­spre­chend den für die­sen Tätig­keits­be­reich gel­ten­den Vor­schrif­ten ei­ne An­wart­schaft auf ein zusätz­li­ches Ru­he­geld so­wie An­spruch auf Er­ho­lungs­ur­laub. Die Mit­glie­der er­hal­ten zu­dem ei­ne Fort­zah­lung der Vergütung bei ei­ner durch Krank­heit oder Un­fall ver­ur­sach­ten Ar­beits­unfähig­keit.
13 Das Rechts­verhält­nis zwi­schen der Schwes­tern­schaft und ih­ren Mit­glie­dern ist je­doch nicht ar­beits­ver­trag­lich ge­re­gelt. Rechts­grund­la­ge für die von den Mit­glie­dern ge­schul­de­ten Diens­te ist da­her ihr Ver­eins­bei­tritt zur Schwes­tern­schaft und die da­mit ver­bun­de­ne Pflicht, den Ver­eins­bei­trag in der Leis­tung von Diens­ten in persönli­cher Abhängig­keit zu er­brin­gen.
14 Frau K. ist als Ver­eins­mit­glied der Schwes­tern­schaft ei­ne der Schwes­tern. Sie soll­te ab dem 1. Ja­nu­ar 2012 auf der Grund­la­ge des zwi­schen der Ruhr­land­kli­nik und der Schwes­tern­schaft ge­schlos­se­nen Ge­stel­lungs­ver­trags im Pfle­ge­dienst der Ruhr­land­kli­nik ein­ge­setzt wer­den.
15 Mit Schrei­ben vom 2. De­zem­ber 2011 ver­wei­ger­te je­doch der Be­triebs­rat sei­ne Zu­stim­mung zur Ein­stel­lung, weil der Ein­satz von Frau K. nicht vorüber­ge­hend sei und da­mit ge­gen § 1 Abs. 1 AÜG ver­s­toße, nach dem die nicht vorüber­ge­hen­de Über­las­sung von Ar­beit­neh­mern an Ent­lei­her ver­bo­ten sei.
16 Die Ruhr­land­kli­nik war der An­sicht, dass für die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung kein Grund be­ste­he, weil § 1 AÜG im vor­lie­gen­den Fall kei­ne An­wen­dung fin­de. Sie setz­te da­her Frau K. vorläufig ein und be­an­trag­te die ge­richt­li­che Er­set­zung der Zu­stim­mung zu de­ren Ein­stel­lung. Die Vor­in­stan­zen ga­ben dem An­trag statt. Hier­ge­gen rief der Be­triebs­rat im We­ge der Rechts­be­schwer­de das vor­le­gen­de Ge­richt, das Bun­des­ar­beits­ge­richt, an.
17 Nach den An­ga­ben des Bun­des­ar­beits­ge­richts gilt das in § 1 Abs. 1 AÜG auf­ge­stell­te Ver­bot der nicht vorüber­ge­hen­den Ar­beit­neh­merüber­las­sung nur für Ar­beit­neh­mer des Ver­lei­hers.
18 Mit­glie­der der Schwes­tern­schaft, wie Frau K., sei­en nach na­tio­na­lem Recht je­doch kei­ne Ar­beit­neh­mer, weil zwi­schen ih­nen und der Schwes­tern­schaft kein Ar­beits­ver­trag be­ste­he, auch wenn sie ge­gen Ent­gelt für ei­nen an­de­ren nach des­sen Wei­sun­gen Ar­beits­leis­tun­gen er­bräch­ten. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts sei nach deut­schem Recht Ar­beit­neh­mer, wer auf­grund ei­nes pri­vat­recht­li­chen Ver­trags im Diens­te ei­nes an­de­ren zur Leis­tung wei­sungs­ge­bun­de­ner, fremd­be­stimm­ter Ar­beit in persönli­cher Abhängig­keit ver­pflich­tet sei.
19 Es fra­ge sich je­doch, ob Frau K., wenn­gleich ihr nach deut­schem Recht nicht die Ar­beit­neh­mer­ei­gen­schaft zu­kom­me, nicht nach dem Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re nach Art. 1 Abs. 1 der Richt­li­nie 2008/104, als Ar­beit­neh­me­rin an­zu­se­hen sein könn­te.
20 Im Hin­blick dar­auf fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt auch, ob die Über­las­sung von Frau K. durch die Schwes­tern­schaft an die Ruhr­land­kli­nik ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit im Sin­ne von Art. 1 Abs. 2 der Richt­li­nie 2008/104 dar­stellt, der den An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie in­so­weit be­grenzt.
21 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat da­her be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

Fin­det Art. 1 Abs. 1 und Abs. 2 der Richt­li­nie 2008/104 An­wen­dung auf die Über­las­sung ei­nes Ver­eins­mit­glieds an ein an­de­res Un­ter­neh­men zur Ar­beits­leis­tung nach des­sen fach­li­cher und or­ga­ni­sa­to­ri­scher Wei­sung, wenn sich das Ver­eins­mit­glied bei sei­nem Ver­eins­bei­tritt ver­pflich­tet hat, sei­ne vol­le Ar­beits­kraft auch Drit­ten zur Verfügung zu stel­len, wofür es von dem Ver­ein ei­ne mo­nat­li­che Vergütung erhält, de­ren Be­rech­nung sich nach den für die je­wei­li­ge Tätig­keit übli­chen Kri­te­ri­en rich­tet, und der Ver­ein für die Über­las­sung den Er­satz der Per­so­nal­kos­ten des Ver­eins­mit­glieds so­wie ei­ne Ver­wal­tungs­kos­ten­pau­scha­le erhält?

Zur Vor­la­ge­fra­ge

22 Mit sei­ner Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art.1 Abs.1 und 2 der Richt­li­nie 2008/104 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die durch ei­nen Ver­ein, der kei­nen Er­werbs­zweck ver­folgt, ge­gen ein Ge­stel­lungs­ent­gelt er­fol­gen­de Über­las­sung ei­nes Ver­eins­mit­glieds an ein ent­lei­hen­des Un­ter­neh­men, da­mit das Mit­glied bei die­sem haupt­be­ruf­lich und un­ter des­sen Lei­tung ge­gen ei­ne Vergütung Ar­beits­leis­tun­gen er­bringt, in den An­wen­dungs­be­reich die­ser Richt­li­nie fällt, ob­wohl das Mit­glied nach na­tio­na­lem Recht kein Ar­beit­neh­mer ist, weil es mit dem Ver­ein kei­nen Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen hat.
23 Nach Art. 1 der Richt­li­nie 2008/104 setzt de­ren An­wen­dung u. a. vor­aus, dass die be­tref­fen­de Per­son „Ar­beit­neh­mer“ im Sin­ne von Abs. 1 die­ses Ar­ti­kels ist, und dass das Leih­ar­beits­un­ter­neh­men, das die Per­son ei­nem ent­lei­hen­den Un­ter­neh­men zur Verfügung stellt, ei­ne „wirt­schaft­li­che Tätig­keit“ im Sin­ne von Abs. 2 die­ses Ar­ti­kels ausübt.
24 Zur Be­ant­wor­tung der Vor­la­ge­fra­ge ist so­mit zu be­stim­men, ob die­se bei­den Vor­aus­set­zun­gen un­ter Umständen wie den in Rn. 22 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten erfüllt sind.

Zum Ar­beit­neh­mer­be­griff

25 Bei der Aus­le­gung des Be­griffs „Ar­beit­neh­mer“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2008/104 ist zu be­ach­ten, dass die­ser Be­griff nach Art.3 Abs.1 Buchst. a der Richt­li­nie für ei­ne Per­son steht, „die in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat nach dem na­tio­na­len Ar­beits­recht als Ar­beit­neh­mer geschützt ist“.
26 Nach dem Wort­laut die­ser Be­stim­mung fällt un­ter den Ar­beit­neh­mer­be­griff im Sin­ne die­ser Richt­li­nie al­so je­de Per­son, die ei­ne Ar­beits­leis­tung er­bringt und die in die­ser Ei­gen­schaft in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat geschützt ist.
27 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs be­steht das we­sent­li­che Merk­mal ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses dar­in, dass ei­ne Per­son während ei­ner be­stimm­ten Zeit für ei­ne an­de­re Per­son nach de­ren Wei­sung Leis­tun­gen er­bringt, für die sie als Ge­gen­leis­tung ei­ne Vergütung erhält, wo­bei die recht­li­che Ein­ord­nung die­ses Verhält­nis­ses nach na­tio­na­lem Recht und sei­ne Aus­ge­stal­tung eben­so wie die Art der zwi­schen bei­den Per­so­nen be­ste­hen­den Rechts­be­zie­hung in­so­weit nicht aus­schlag­ge­bend sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 11. No­vem­ber 2010, Da­no­sa, C-232/09, EU:C:2010:674, Rn. 39 und 40 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
28 Aus Art.1 Abs.1 der Richt­li­nie 2008/104 so­wie aus ih­rem Art. 3 Abs.1 Buchst. c, der den Be­griff „Leih­ar­beit­neh­mer“ be­stimmt, er­gibt sich außer­dem, dass die Richt­li­nie nicht nur auf die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer An­wen­dung fin­det, die mit ei­nem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men ei­nen Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen ha­ben, son­dern auch auf die­je­ni­gen, die mit ei­nem sol­chen Un­ter­neh­men ein „Beschäfti­gungs­verhält­nis“ ein­ge­gan­gen sind.
29 Dar­aus folgt, dass we­der die recht­li­che Ein­ord­nung des zwi­schen der be­tref­fen­den Per­son und dem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men be­ste­hen­den Verhält­nis­ses nach na­tio­na­lem Recht noch die Art ih­rer Rechts­be­zie­hun­gen, noch die Aus­ge­stal­tung die­ses Verhält­nis­ses aus­schlag­ge­bend ist für die Be­zeich­nung die­ser Per­son als Ar­beit­neh­mer im Sin­ne der Richt­li­nie 2008/104. Da­her kann, ent­ge­gen der von der Ruhr­land­kli­nik in ih­ren Erklärun­gen ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, ins­be­son­de­re ei­ne Per­son wie Frau K. nicht al­lein des­halb vom Ar­beit­neh­mer­be­griff im Sin­ne die­ser Richt­li­nie und da­mit von de­ren An­wen­dungs­be­reich aus­ge­schlos­sen sein, weil zwi­schen ihr und dem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men kein Ar­beits­ver­trag be­steht und ihr da­her nach deut­schem Recht nicht die Ar­beit­neh­mer­ei­gen­schaft zu­kommt.
30 Die­ses Er­geb­nis kann nicht da­durch in Fra­ge ge­stellt wer­den, dass die Richt­li­nie 2008/104 nach ih­rem Art.3 Abs. 2 das na­tio­na­le Recht in Be­zug auf die Be­stim­mung des Ar­beit­neh­mer­be­griffs un­berührt lässt.
31 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 29 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, be­sagt Art. 3 Abs. 2 der Richt­li­nie nämlich nur, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber die Be­fug­nis der Mit­glied­staa­ten be­ste­hen las­sen woll­te, die un­ter den Ar­beit­neh­mer­be­griff im Sin­ne ih­res na­tio­na­len Rechts fal­len­den und im Rah­men ih­rer in­ner­staat­li­chen Re­ge­lung zu schützen­den Per­so­nen zu be­stim­men, ein As­pekt, des­sen Har­mo­ni­sie­rung nicht Ge­gen­stand der Richt­li­nie 2008/104 ist.
32

Da­ge­gen kann die­se Be­stim­mung nicht so ver­stan­den wer­den, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber da­von ab­ge­se­hen hätte, die Be­deu­tung die­ses Be­griffs im Sin­ne der Richt­li­nie 2008/104 und so­mit de­ren persönli­chen An­wen­dungs­be­reich selbst fest­zu­le­gen. Denn wie sich aus den Rn. 25 und 26 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, hat es der Uni­ons­ge­setz­ge­ber nicht den Mit­glied­staa­ten über­las­sen, die­sen Be­griff ein­sei­tig zu be­stim­men, son­dern hat des­sen Kon­tu­ren in Art. 3 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie selbst um­ris­sen, wie er dies im Übri­gen auch bezüglich der Be­stim­mung des Leih­ar­beit­neh­mer­be­griffs in Art.3 Abs.1 Buchst.c der Richt­li­nie ge­tan hat.

33 So­mit ist der Ar­beit­neh­mer­be­griff im Sin­ne der Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen, dass er je­de Per­son er­fasst, die ein Beschäfti­gungs­verhält­nis in dem in Rn.27 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Sin­ne hat und die in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat auf­grund der Ar­beits­leis­tung, die sie er­bringt, geschützt ist.
34 Die­se Aus­le­gung wird durch die Zie­le be­kräftigt, die mit der Richt­li­nie 2008/104 ver­folgt wer­den.
35

Aus den Erwägungs­gründen 10 und 12 der Richt­li­nie 2008/104 er­gibt sich nämlich, dass sich in Be­zug auf die recht­li­che Stel­lung, den Sta­tus und die Ar­beits­be­din­gun­gen von Leih­ar­beit­neh­mern in­ner­halb der Uni­on große Un­ter­schie­de fest­stel­len las­sen und die Richt­li­nie des­halb ei­nen dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en, trans­pa­ren­ten und verhält­nismäßigen Rah­men zum Schutz die­ser Ar­beit­neh­mer fest­le­gen und gleich­zei­tig die Viel­falt der Ar­beitsmärk­te und der Ar­beits­be­zie­hun­gen wah­ren soll. Da­her ist es nach Art. 2 die­ser Richt­li­nie de­ren Ziel, für den Schutz der Leih­ar­beit­neh­mer zu sor­gen und die Qua­lität der Leih­ar­beit zu ver­bes­sern, in­dem die Ein­hal­tung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Leih­ar­beit­neh­mern ge­si­chert wird und die Leih­ar­beits­un­ter­neh­men als Ar­beit­ge­ber an­er­kannt wer­den, wo­bei zu berück­sich­ti­gen ist, dass ein an­ge­mes­se­ner Rah­men für den Ein­satz von Leih­ar­beit fest­ge­legt wer­den muss, um wirk­sam zur Schaf­fung von Ar­beitsplätzen und zur Ent­wick­lung fle­xi­bler Ar­beits­for­men bei­zu­tra­gen.

36 Ei­ne Be­schränkung des Ar­beit­neh­mer­be­griffs im Sin­ne der Richt­li­nie 2008/104 auf Per­so­nen, die nach na­tio­na­lem Recht un­ter die­sen Be­griff fal­len, ins­be­son­de­re auf die­je­ni­gen Per­so­nen, die mit dem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men ei­nen Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen ha­ben, könn­te die Ver­wirk­li­chung die­ser Zie­le gefähr­den und folg­lich die prak­ti­sche Wirk­sam­keit der Richt­li­nie durch ei­ne übermäßige und un­ge­recht­fer­tig­te Ein­schränkung ih­res An­wen­dungs­be­reichs be­ein­träch­ti­gen.
37 Ei­ne sol­che Be­schränkung würde es den Mit­glied­staa­ten oder den Leih­ar­beits­un­ter­neh­men nämlich ermögli­chen, nach ih­rem Be­lie­ben be­stimm­ten Per­so­nen­grup­pen den mit der Richt­li­nie an­ge­streb­ten Schutz - ins­be­son­de­re die Gel­tung des in Art. 5 der Richt­li­nie ent­hal­te­nen Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Leih­ar­beit­neh­mern und den vom ent­lei­hen­den Un­ter­neh­men un­mit­tel­bar Beschäftig­ten - zu ver­weh­ren, ob­wohl sich das zwi­schen die­sen Per­so­nen und dem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men be­ste­hen­de Beschäfti­gungs­verhält­nis von dem Verhält­nis, das zwi­schen den­je­ni­gen Beschäftig­ten, de­nen nach na­tio­na­lem Recht die Ar­beit­neh­mer­ei­gen­schaft zu­kommt, und ih­rem Ar­beit­ge­ber be­steht, nicht we­sent­lich un­ter­schei­den würde.
38 Das vor­le­gen­de Ge­richt gibt an, dass die Schwes­tern­schaft Frau K. der Ruhr­land­kli­nik über­las­sen möch­te, da­mit sie haupt­be­ruf­lich und un­ter Lei­tung der Ruhr­land­kli­nik Leis­tun­gen im Pfle­ge­dienst er­bringt, wofür sie ei­ne mo­nat­li­che Vergütung erhält, de­ren Be­rech­nung sich nach den in der Kran­ken- und Ge­sund­heits­pfle­ge übli­chen Kri­te­ri­en rich­tet. Im Licht der in der Vor­la­ge­ent­schei­dung ent­hal­te­nen Ausführun­gen scheint sich das zwi­schen Frau K. und der Schwes­tern­schaft be­ste­hen­de Verhält­nis da­her nicht we­sent­lich von dem Verhält­nis zu un­ter­schei­den, das zwi­schen den Ar­beit­neh­mern ei­nes Leih­ar­beits­un­ter­neh­mens und die­sem be­steht.
39 Darüber hin­aus geht aus den dem Ge­richts­hof vor­ge­leg­ten Ak­ten her­vor, dass die Mit­glie­der der Schwes­tern­schaft ein­sch­ließlich Frau K. über ei­ne Rei­he von Rech­ten verfügen, die mit den Rech­ten, die Per­so­nen zu­ste­hen, die nach deut­schem Recht als Ar­beit­neh­mer ein­ge­stuft wer­den, teil­wei­se übe­rein­stim­men oder ih­nen gleich­wer­tig sind.
40 So hat das vor­le­gen­de Ge­richt selbst her­vor­ge­ho­ben, dass für die Mit­glie­der zwin­gen­de ar­beits­recht­li­che Schutz­be­stim­mun­gen gälten. Zu­dem un­ter­lie­gen die Mit­glie­der, wie die Ruhr­land­kli­nik und die deut­sche Re­gie­rung auf ei­ne vom Ge­richts­hof gemäß Art. 61 Abs. 1 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung ge­stell­te Fra­ge erläutert ha­ben, ge­nau­so dem So­zi­al­ge­setz­buch wie die Per­so­nen, die nach deut­schem Recht als Ar­beit­neh­mer ein­ge­stuft wer­den.
41 Außer­dem sol­len den Mit­glie­dern nach An­ga­ben der Ruhr­land­kli­nik die für Ar­beit­neh­mer gel­ten­den ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen über Er­ho­lungs­ur­laub, Krank­heits­ur­laub, Mut­ter­schutz­zei­ten und El­tern­zeit so­wie Ent­gelt­fort­zah­lung bei durch Krank­heit oder Un­fall ver­ur­sach­ter Ar­beits­unfähig­keit zu­gu­te­kom­men. Sie genössen auch den­sel­ben Schutz wie Ar­beit­neh­mer der Ruhr­land­kli­nik in Be­zug auf die Teil­nah­me an der Wil­lens­bil­dung ih­res Un­ter­neh­mens, er­hiel­ten die­sel­be Vergütung und un­terlägen den­sel­ben Ar­beits­be­din­gun­gen wie die­se. Sch­ließlich könn­ten sie nur aus wich­ti­gem Grund aus der Schwes­tern­schaft aus­ge­schlos­sen wer­den.
42 In An­be­tracht des­sen liegt es da­her na­he, dass die Mit­glie­der der Schwes­tern­schaft in Deutsch­land auf­grund der von ih­nen er­brach­ten Ar­beits­leis­tung geschützt sind, was zu prüfen je­doch Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts ist.
43 Nach al­le­dem ist der Be­griff „Ar­beit­neh­mer“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2008/104 da­hin aus­zu­le­gen, dass er je­de Per­son er­fasst, die ei­ne Ar­beits­leis­tung er­bringt, d. h., die während ei­ner be­stimm­ten Zeit für ei­ne an­de­re Per­son nach de­ren Wei­sung Leis­tun­gen er­bringt, für die sie als Ge­gen­leis­tung ei­ne Vergütung erhält, und die auf­grund die­ser Ar­beits­leis­tung in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat geschützt ist, wo­bei die recht­li­che Ein­ord­nung ih­res Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses nach na­tio­na­lem Recht, die Art der zwi­schen den bei­den Per­so­nen be­ste­hen­den Rechts­be­zie­hung und die Aus­ge­stal­tung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses un­er­heb­lich sind. Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, zu prüfen, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen im vor­lie­gen­den Fall erfüllt sind und ob Frau K. folg­lich als Ar­beit­neh­me­rin im Sin­ne die­ser Richt­li­nie ein­zu­stu­fen ist.

Zum Be­griff „wirt­schaft­li­che Tätig­keit“

44 Bezüglich der Aus­le­gung des Be­griffs „wirt­schaft­li­che Tätig­keit“ im Sin­ne von Art. 1 Abs. 2 der Richt­li­nie 2008/104 ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs je­de Tätig­keit, die dar­in be­steht, Güter oder Dienst­leis­tun­gen auf ei­nem be­stimm­ten Markt an­zu­bie­ten, wirt­schaft­li­chen Cha­rak­ter hat (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 18. Ju­ni 1998, Kom­mis­si­on/Ita­li­en, C-5/96, EU:C:1998:303, Rn. 36, vom 6. Sep­tem­ber 2011, Scat­to­lon, C-08/10, EU:C:2011:542, Rn. 43, und vom 23. Fe­bru­ar 2016, Kom­mis­si­on/Un­garn, C-79/14, EU:C:2016:108, Rn. 149).
45 Im vor­lie­gen­den Fall bie­tet die Schwes­tern­schaft Dienst­leis­tun­gen auf dem Markt für die Über­las­sung von Pfle­ge­per­so­nal bei Ein­rich­tun­gen der Krank­heits- und Ge­sund­heits­pfle­ge in Deutsch­land an, wofür sie ein Ge­stel­lungs­ent­gelt erhält, das die Per­so­nal- und die Ver­wal­tungs­kos­ten um­fasst.
46 Ent­ge­gen dem Vor­brin­gen der Ruhr­land­kli­nik ist es nach dem Wort­laut von Art. 1 Abs. 2 der Richt­li­nie 2008/104 und nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs (vgl. u. a. Ur­teil vom 3. De­zem­ber 2015, Pfo­ten­hil­fe-Un­garn, C-01/14, EU:C:2015:793, Rn. 30 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung) in­so­weit ir­re­le­vant, dass die Schwes­tern­schaft kei­nen Er­werbs­zweck ver­folgt. Dies gilt eben­so für die Rechts­form der als Ver­ein ge­gründe­ten Schwes­tern­schaft, weil sie nicht im Vor­aus über den wirt­schaft­li­chen Cha­rak­ter ent­schei­det.
47 Folg­lich ist da­von aus­zu­ge­hen, dass ein Ver­ein wie die Schwes­tern­schaft, der an Ein­rich­tun­gen der Krank­heits- und Ge­sund­heits­pfle­ge ge­gen ein Ge­stel­lungs­ent­gelt, das die Per­so­nal- und die Ver­wal­tungs­kos­ten um­fasst, Pfle­ge­per­so­nal überlässt, ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit im Sin­ne von Art. 1 Abs. 2 der Richt­li­nie 2008/104 ausübt.
48 Nach al­le­dem ist auf die Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 1 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2008/104 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die durch ei­nen Ver­ein, der kei­nen Er­werbs­zweck ver­folgt, ge­gen ein Ge­stel­lungs­ent­gelt er­fol­gen­de Über­las­sung ei­nes Ver­eins­mit­glieds an ein ent­lei­hen­des Un­ter­neh­men, da­mit das Mit­glied bei die­sem haupt­be­ruf­lich und un­ter des­sen Lei­tung ge­gen ei­ne Vergütung Ar­beits­leis­tun­gen er­bringt, in den An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie fällt, so­fern das Mit­glied auf­grund die­ser Ar­beits­leis­tung in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat geschützt ist, was zu prüfen Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts ist. Dies gilt auch, wenn das Mit­glied nach na­tio­na­lem Recht kein Ar­beit­neh­mer ist, weil es mit dem Ver­ein kei­nen Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen hat.

Kos­ten

49 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Fünf­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

Art.1 Abs.1 und 2 der Richt­li­nie 2008/104/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 19. No­vem­ber 2008 über Leih­ar­beit ist da­hin aus­zu­le­gen, dass die durch ei­nen Ver­ein, der kei­nen Er­werbs­zweck ver­folgt, ge­gen ein Ge­stel­lungs­ent­gelt er­fol­gen­de Über­las­sung ei­nes Ver­eins­mit­glieds an ein ent­lei­hen­des Un­ter­neh­men, da­mit das Mit­glied bei die­sem haupt­be­ruf­lich und un­ter des­sen Lei­tung ge­gen ei­ne Vergütung Ar­beits­leis­tun­gen er­bringt, in den An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie fällt, so­fern das Mit­glied auf­grund die­ser Ar­beits­leis­tung in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat geschützt ist, was zu prüfen Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts ist. Dies gilt auch, wenn das Mit­glied nach na­tio­na­lem Recht kein Ar­beit­neh­mer ist, weil es mit dem Ver­ein kei­nen Ar­beits­ver­trag ge­schlos­sen hat.

Da Cruz Vi­laça

Tiz­za­no

Ber­ger

Borg Bart­het

Bilt­gen

 

Der Kanz­ler

A. Ca­lot Es­co­bar

 

Der Präsi­dent der Fünf­ten Kam­mer

J. L. da Cruz Vi­laça

* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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