Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Aufhebungsvertrag
   
Gericht: Landesarbeitsgericht berlin-Brandenburg
Akten­zeichen: 6 Sa 1442/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 05.11.2010
   
Leit­sätze: Der Ar­beit­ge­ber ist nicht ver­pflich­tet, den Ar­beit­neh­mer darüber zu be­leh­ren, dass es schwie­ri­ger ist, sich von ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag zu lösen, als ge­gen ei­ne frist­lo­se Kündi­gung vor­zu­ge­hen.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Potsdam, Urteil vom 20.05.2010, 8 Ca 155/10
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt
Ber­lin-Bran­den­burg

6 Sa 1442/10
8 Ca 155/10
Ar­beits­ge­richt Pots­dam
Geschäfts­zei­chen
(bit­te im­mer an­ge­ben)

Verkündet
am 05. Nov. 2010

S., RHS
als Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Rechts­streit

pp 

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Kam­mer 6,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 8. Ok­to­ber 2010
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt C. als Vor­sit­zen­den
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter K. und Z.
für Recht er­kannt:

1. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Pots­dam vom 20.05.2010 - 8 Ca 155/10 – geändert.
2. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.
3. Die Kläge­rin hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.
4. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

Die am …… 1953 ge­bo­re­ne Kläge­rin stand seit dem 17. De­zem­ber 1998 als Mit­ar­bei­te­rin im Wa­renser­vice in den Diens­ten der Be­klag­ten, die in ih­rem Be­trieb in der Re­gel mehr als zehn Ar­beit­neh­mer beschäftigt. Das Ent­gelt der Kläge­rin be­lief sich zu­letzt auf 883,16 Eu­ro brut­to mo­nat­lich bei ei­ner Ar­beits­zeit von 20 Wo­chen­stun­den.

Am 14. De­zem­ber 2009 be­ob­ach­te­te ein Mit­ar­bei­ter der Haus­de­tek­tei der Be­klag­ten auf ei­nem Über­wa­chungs­mo­ni­tor, dass die Kläge­rin nach En­de ih­rer Ar­beits­zeit ei­nem Ei­mer im Pult der Kos­me­tik­ab­tei­lung vier Päck­chen Pa­pier­ta­schentücher ent­nahm und da­von zwei ih­rer Nich­te über­reich­te und zwei selbst ein­steck­te. Nach­dem die Kläge­rin und ih­re Nich­te ih­re Einkäufe be­zahlt hat­ten, for­der­te der De­tek­tiv sie auf, mit ins Büro zu kom­men. In ei­ner dort ab­ge­ge­be­nen „Stel­lung­nah­me“ (Abl. Bl. 62 d.A.) gab die Kläge­rin als Erklärung für ihr Ver­hal­ten an, ih­re Nich­te ha­be erzählt, Schnup­fen zu ha­ben.

Bei der am Nach­mit­tag des fol­gen­den Ta­ges in Ge­gen­wart der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den durch­geführ­ten Anhörung der Kläge­rin wies der Geschäfts­lei­ter des Wa­ren­hau­ses die­se dar­auf hin, dass das Ar­beits­verhält­nis ent­we­der durch frist­lo­se Kündi­gung oder durch Auf­he­bungs­ver­trag be­en­det wer­de. Ob­wohl die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de der Kläge­rin zu er­ken­nen gab, dass der Be­triebs­rat ei­ner Kündi­gung wohl nicht zu­stim­men wer­de, die­se gleich­wohl aus­ge­spro­chen wer­den könne, un­ter­zeich­ne­te die Kläge­rin ei­nen so­dann auf­ge­setz­ten Ver­trag über ei­ne Auf­he­bung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31. De­zem­ber 2009 (Abl. Bl. 8 und 9 d.A.).

Mit Schrei­ben ih­res späte­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 17. De­zem­ber 2009 an die Geschäftsführung der Be­klag­ten (Abl. Bl. 10 und 11 d.A.) ließ die Kläge­rin ih­re Ver­trags-erklärung we­gen Dro­hung mit ei­nem emp­find­li­chen Übel an­fech­ten. In ei­nem im Übri­gen in­halts­glei­chen Schrei­ben vom sel­ben Tag an de­ren ört­li­chen Geschäfts­lei­ter (Abl. Bl. 23 und 24 d.A.) wi­der­rief sie außer­dem vor­sorg­lich ih­re Ver­trags­erklärung und for­der­te die Geschäftsführung zur Erklärung über ei­ne Ge­neh­mi­gung voll­macht­lo­sen Han­delns auf.

Das Ar­beits­ge­richt Pots­dam hat fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en über den 31. De­zem­ber 2009 hin­aus fort­be­stan­den ha­be, und die Be­klag­te zu­gleich ver­ur­teilt, die Kläge­rin bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Rechts­streits wei­ter­zu­beschäfti­gen. Zur Be­gründung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt, zwar ent­fal­le die Wi­der­recht­lich­keit ei­ner Dro­hung be­reits dann, wenn ein Un­ter­lie­gen des Ar­beit­neh­mers im Kündi­gungs­schutz­pro­zess möglich sei. Dies sei hier je­doch nicht der Fall ge­we­sen. Der Kläge­rin sei zwar aus ei­ner Dienst­an­wei­sung be­kannt ge­we­sen, dass ab­ge­schrie­be­ne Wa­re zu ver­nich­ten sei. Ei­ne sol­che Wei­sung ent­spre­che auch grundsätz­lich bil­li­gem Er­mes­sen, um übermäßigen oder von den Mit­ar­bei­tern durch „Un­acht­sam­keit“ in­iti­ier­ten Bruch zu ver­hin­dern. Da nach al­ler Le­bens­er­fah­rung die Mit­ar­bei­ter ih­re Ta­schen­tuchpäck­chen nicht ge­mein­sam in ei­nem Ei­mer ver­wahr­ten und Kun­den nicht vollständi­ge Pa­ckun­gen ge­ra­de in Su­permärk­ten gehäuft verlören, könne auch ein (Über­gangs-)Ei­gen­tum der Be­klag­ten un­ter­stellt wer­den. Die un­er­laub­te An­eig­nung ei­ner sol­chen Sa­che sei oh­ne Rück­sicht auf de­ren ma­te­ri­el­len Wert grundsätz­lich ge­eig­net ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung „an sich“ zu recht­fer­ti­gen.

Die von ei­nem verständi­gen Ar­beit­ge­ber er­wo­ge­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung er­wei­se sich je­doch man­gels Ab­mah­nung der Kläge­rin als un­verhält­nismäßig, wie auch aus der ab­sch­ließen­den In­ter­es­sen­abwägung fol­ge. An­ge­sichts des­sen, dass es sich um Bruch­wa­re ge­han­delt ha­be, sei kei­ne rechts­feind­li­che Ge­sin­nung der Kläge­rin er­kenn­bar, be­wusst den In­ter­es­sen der Be­klag­ten zu­wi­der zu han­deln. Of­fen­bar ha­be nie­mand mit Lei­tungs­funk­ti­on über­prüft, ob die Wei­sung zum Um­gang mit Bruch­wa­re, die oh­ne­hin kon­kre­ter hätte ge­fasst wer­den können, auch gänz­lich um­ge­setzt wer­de. Die Kläge­rin als Mit­ar­bei­te­rin im Wa­renser­vice be­klei­de kei­ne Ver­trau­ens­stel­lung. Es sei um die An­eig­nung ei­ner Sa­che ge­gan­gen, die für die Be­klag­te über­haupt kei­nen wirt­schaft­li­chen Wert mehr ge­habt ha­be. Ei­ne Auf­wei­chung der be­trieb­li­chen Dis­zi­plin durch Mit­nah­me nicht mehr ver­kaufsfähi­ger Ta­schen­tuchpäck­chen ha­be die Be­klag­te nicht vor­ge­tra­gen. Von be­son­de­rem Ge­wicht sei schließlich auch ge­we­sen, dass das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin be­reits über 20 Jah­re störungs­frei be­stan­den ha­be.

Über den Be­en­di­gungs­ter­min hin­aus ste­he der Kläge­rin bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Pro­zes­ses aus dem ver­trag­li­chen Beschäfti­gungs­an­spruch ein Wei­ter­beschäfti­gungs-an­spruch zu, oh­ne dass dem ein über­wie­gen­des schutz­wer­tes In­ter­es­se der Be­klag­ten ent­ge­gen­ste­he.

Ge­gen die­ses ihr am 22. Ju­ni 2010 zu­ge­stell­te Ur­teil rich­tet sich die am 2. Ju­li 2010 ein­ge­leg­te und am 2. Au­gust 2010 be­gründe­te Be­ru­fung der Be­klag­ten. Sie bemängelt, dass das Ar­beits­ge­richt bei der In­ter­es­sen­abwägung fälsch­lich den Prüfungs­maßstab für ei­ne tatsächlich aus­ge­spro­che­ne frist­lo­se Kündi­gung an­ge­legt ha­be und da­bei auch noch von ei­ner fal­schen Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit der Kläge­rin aus­ge­gan­gen sei. Zur da­ma­li­gen Zeit sei vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg ge­ra­de aus­drück­lich bestätigt wor­den, dass auch ein Dieb­stahl ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen grundsätz­lich ge­eig­net sei, ein Ar­beits­verhält­nis auch nach lan­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit zu be­en­den. Die an­geb­li­che Dro­hung ih­res Be­triebs­lei­ters ha­be dar­in be­stan­den, dass die­ser erklärt ha­be, in ähn­lich ge­la­ger­ten Fällen sei das Ar­beits­verhält­nis gekündigt oder durch ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag be­en­det wor­den. Als wirt­schaft­li­che Schädi­gung sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Nich­te der Kläge­rin oh­ne die bei­den ihr über­reich­ten Päck­chen Ta­schentücher we­gen ih­res an­geb­li­chen Schnup­fens wohl ei­ne ent­spre­chen­de Pa­ckung aus der Wa­ren­aus­la­ge ge­nom­men und an der Kas­se be­zahlt hätte. Ei­ne Ver­trau­ens­stel­lung hätten im Ein­zel­han­del al­le Ar­beit­neh­mer, die un­mit­tel­bar und oh­ne Über­wa­chung auch außer­halb sog. Kon­troll­zo­nen mit Wa­ren in Berührung kämen, wie dies bei der Kläge­rin bei der Ab­ho­lung von Wa­re im La­ger der Fall ge­we­sen sei.

Zur Ver­tre­tungs­macht ih­res ört­li­chen Geschäfts­lei­ters ver­weist die Be­klag­te auf ei­nen Aus­hang vom 1. Ju­li 2009 nebst An­la­ge (Abl. Bl. 60 f d.A.) und be­haup­tet, dass sich die­ser auch sei­ner­zeit schon im Ori­gi­nal am Schwar­zen Brett be­fun­den ha­be.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Kla­ge un­ter Auf­he­bung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie meint, es lie­ge be­reits kei­ne hin­rei­chen­de Be­ru­fungs­be­gründung vor. Da­bei ha­be die Be­klag­te über­se­hen, dass sich der Le­bens­sach­ver­halt, der ursprüng­lich der Dro­hung zu­grun­de ge­legt wor­den sei, gar nicht er­eig­net ha­be, wie von der Be­klag­ten erst­in­stanz­lich un­strei­tig ge­stellt wor­den sei. Ob­wohl dem Geschäfts­lei­ter die durch den Auf­he­bungs­ver­trag be­wirk­te deut­li­che Ver­schlech­te­rung ih­rer Rechts­po­si­ti­on auf­grund sei­ner langjähri­gen Er­fah­rung be­kannt ge­we­sen sei, ha­be er die­sen As­pekt trotz ei­ner ent­spre­chen­den Of­fen­ba­rungs­pflicht ab­sicht­lich nicht an­ge­spro­chen. Dar­aus er­ge­be sich für sie zu­gleich ein Scha­den­er­satz­an­spruch, auf­grund des­sen sich die Be­klag­te so be­han­deln las­sen müsse, als ha­be sie ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus­ge­spro­chen.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens wird auf den Tat­be­stand des an­ge­foch­te­nen Ur­teils und die in der Be­ru­fungs­in­stanz ge­wech­sel­ten Schriftsätze Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

1. Die Be­ru­fung ist zulässig.

Die Be­klag­te hat ih­re frist­gemäß und form­ge­recht ein­ge­leg­te Be­ru­fung den An­for­de­run­gen des § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG i.V.m. § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO ent­spre­chend be­gründet, in­dem sie den Prüfungs­maßstab des Ar­beits­ge­richts be­an­stan­det und des­sen Er­heb­lich­keit für die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung dar­ge­legt hat. Dass sich die Be­klag­te nicht mit ih­rer Ver­ur­tei­lung zur vorläufi­gen Wei­ter­beschäfti­gung der Kläge­rin be­fasst hat, war unschädlich, weil es sich da­bei um ei­nen von der Ent­schei­dung über den Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses zur Kläge­rin abhängi­gen Fol­ge­an­spruch han­delt (da­zu BAG, Ur­teil vom 02.04.1987 – 2 AZR 418/86 – AP BGB § 626 Nr. 96 zu B I 1 der Gründe).

2. Die Be­ru­fung ist be­gründet.

Das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin hat auf­grund des Auf­he­bungs­ver­tra­ges vom 15. De­zem­ber 2009 am En­de die­ses Jah­res ge­en­det, wes­halb die Be­klag­te auch nicht zur vorläufi­gen Wei­ter­beschäfti­gung der Kläge­rin ver­pflich­tet ist.

2.1 Der Auf­he­bungs­ver­trag vom 15. De­zem­ber 2009 mit den Un­ter­schrif­ten des ört­li­chen Geschäfts­lei­ters der Be­klag­ten und der Kläge­rin erfüll­te das Schrift­for­mer­for­der­nis gemäß §§ 125 Satz 1, 126 Abs. 1 und 2 Satz 1, 623 BGB.

2.2 Der Auf­he­bungs­ver­trag war nicht auf­grund Wi­der­rufs der Kläge­rin mit Schrei­ben ih­res späte­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 17. De­zem­ber 2009, der gemäß § 178 Satz 2 BGB ge­genüber dem Ver­tre­ter erklärt wer­den konn­te, un­wirk­sam. Der Kläge­rin stand nämlich kein Wi­der­rufs­recht nach § 178 Satz 1 BGB zu, weil kein Man­gel der Ver­tre­tungs­macht vor­ge­le­gen hat­te. Es war viel­mehr da­von aus­zu­ge­hen, dass der Geschäfts­lei­ter von der Be­klag­ten für den Ab­schluss von Auf­he­bungs­verträgen mit den Mit­ar­bei­tern sei­nes Mark­tes be­vollmäch­tigt war (§ 167 Abs. 1 BGB).

Hier­zu hat die Be­klag­te die Ab­lich­tung ei­nes ent­spre­chen­den zwei­sei­ti­gen Aus­hangs vom 1. Ju­li 2009 zur Ak­te ge­reicht. Ihr erst­in­stanz­li­ches schriftsätz­li­ches Be­strei­ten ei­ner Voll­machts­er­tei­lung und der Exis­tenz ei­nes Aus­hangs hat die Kläge­rin bei ih­rer Anhörung in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung da­hin ab­ge­schwächt, nicht sa­gen zu können, ob sich ein sol­cher Aus­hang da­mals am Schwar­zen Brett be­fun­den ha­be. Ob dar­in mit Rück­sicht auf den Zweck ei­nes Schwar­zen Bret­tes als Me­di­um zur Un­ter­rich­tung der Mit­ar­bei­ter (da­zu BAG, Ur­teil vom 22.05.1980 – 2 AZR 577/78 – zu B III 1 b der Gründe) über­haupt ei­ne zulässi­ge Erklärung mit Nicht­wis­sen i.S.d. § 138 Abs. 4 ZPO zu se­hen war, konn­te letzt­lich da­hin­ste­hen. Je­den­falls enthält die Über­tra­gung von Auf­ga­ben, de­ren ord­nungs­gemäße Erfüllung ei­ne ent­spre­chen­de Voll­macht er­for­dert, still­schwei­gend zu­gleich de­ren kon­klu­den­te Er­tei­lung (BAG, Ur­teil vom 15.03.1995 – 7 AZR 737/94 – BA­GE 79, 275 = AP BAT § 2 SR 2y Nr. 10 zu II 2 der Gründe). So verhält es sich beim Lei­ter ei­nes größeren SB-Wa­ren­hau­ses mit zahl­rei­chen Mit­ar­bei­tern, der sei­ne Auf­ga­be nur dann ef­fek­tiv erfüllen kann, wenn er kurz­fris­tig selbst per­so­nel­le Ein­zel­maßnah­men zu tref­fen ver­mag.

2.3 Der Auf­he­bungs­ver­trag ist nicht da­durch in Weg­fall ge­kom­men, dass die Kläge­rin ih­re Ver­trags­erklärung mit Rück­wir­kung gemäß § 142 Abs. 1 BGB an­ge­foch­ten hat, weil sie kei­nen Grund zur An­fech­tung hat­te. Denn die Kläge­rin ist nicht wi­der­recht­lich durch Dro­hung zur Ab­ga­be ih­rer Ver­trags­erklärung be­stimmt wor­den (§ 123 Abs. 1 Alt.2 BGB).

2.3.1 Al­ler­dings war vom Vor­lie­gen ei­ner Dro­hung aus­zu­ge­hen. Zwar soll der Geschäfts­lei­ter nach der Dar­stel­lung der Be­klag­ten in Kla­ger­wi­de­rung und Be­ru­fungs­be­gründung die Kläge­rin le­dig­lich dar­auf hin­ge­wie­sen ha­ben, dass in ähn­lich ge­la­ger­ten Fällen der Weg­nah­me von Wa­ren das Ar­beits­verhält­nis durch Kündi­gung oder Auf­he­bungs­ver­trag be­en­det wor­den sei. Nach der nicht mit ei­nem Tat­be­stands­be­rich­ti­gungs­an­trag gemäß § 320 Abs. 1 ZPO an­ge­grif­fe­nen und auch mit der Be­ru­fungs­be­gründung nicht be­an­stan­de­ten Dar­stel­lung im an­ge­foch­te­nen Ur­teil ging der Hin­weis des Geschäfts­lei­ters da­ge­gen da­hin, dass das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin ent­we­der durch frist­lo­se Kündi­gung oder durch Auf­he­bungs­ver­trag be­en­det wer­de. Je­den­falls dar­in kam der für ei­ne Dro­hung er­for­der­li­che Nöti­gungs­wil­le zum Aus­druck und han­del­te es sich nicht um ei­nen schich­ten Hin­weis auf ver­schie­de­ne recht­li­che Ge­stal­tungsmöglich­kei­ten (zu die­ser Un­ter­schei­dung BAG, Ur­teil vom 28.02.1980 – 2 AZR 330/78 – zu III 2b der Gründe).

2.3.2 Die Dro­hung der Be­klag­ten war nicht wi­der­recht­lich.

2.3.2.1 Wi­der­recht­lich i.S.d. § 123 Abs. 1 BGB ist die Dro­hung mit ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung, wenn ein verständi­ger Ar­beit­ge­ber ei­ne sol­che Kündi­gung nicht ernst­haft in Erwägung zie­hen durf­te. Nicht er­for­der­lich ist, dass sich die an­ge­droh­te Kündi­gung in ei­nem Kündi­gungs­schutz­pro­zess als rechts­beständig er­wie­sen hätte. Von dem Ar­beit­ge­ber kann nicht ver­langt wer­den, dass er bei sei­ner Abwägung ge­ne­rell die Be­ur­tei­lung des Tat­sa­chen­ge­richts „trifft“. Nur wenn der Ar­beit­ge­ber un­ter Abwägung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les da­von aus­ge­hen muss, die an­ge­droh­te Kündi­gung wer­de im Fall ih­res Aus­spruchs ei­ner ar­beits­ge­richt­li­chen Über­prüfung mit ho­her Wahr­schein­lich­keit nicht stand­hal­ten, darf er die außer­or­dent­li­che Kündi­gung nicht in Aus­sicht stel­len, um da­mit den Ar­beit­neh­mer zum Ab­schluss ei­ner Be­en­di­gungs­ver­ein­ba­rung zu ver­an­las­sen (BAG, Ur­teil vom 28.11.2007 – 6 AZR 1108/06 – BA­GE 125, 70 = AP BGB § 620 Auf­he­bungs­ver­trag Nr. 36 R 48). Die Dro­hung mit ei­ner Kündi­gung wird dem­ent­spre­chend nur dann für wi­der­recht­lich ge­hal­ten, wenn der Dro­hen­de selbst nicht an sei­ne Be­rech­ti­gung glaubt oder sein Rechts­stand­punkt nicht mehr ver­tret­bar ist (BGH, Ur­teil vom 19.04.2005 – X ZR 15/04 – NJW 2005, 2766 zu II 6a der Gründe).

2.3.2.2 Die­ser Be­ur­tei­lungs­maßstab war ent­ge­gen der An­sicht der Kläge­rin im vor­lie­gen­den Fall nicht et­wa des­halb nicht an­zu­le­gen, weil sich die Be­klag­te we­gen Ver­let­zung ei­ner Pflicht zur Rück­sicht­nah­me nach § 241 Abs. 2 BGB scha­den­er­satz­pflich­tig ge­macht hätte und sich des­halb hätte so be­han­deln las­sen müssen, als ha­be sie ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus­ge­spro­chen. Die Pflicht zur Rück­sicht­nah­me auf die In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers mag im Fal­le des An­ge­bots ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges noch ei­nen Hin­weis auf ei­ne dro­hen­de Sperr­zeit für den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld gemäß § 144 SGB III um­fas­sen. Nicht da­ge­gen braucht der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer darüber zu be­leh­ren, dass es schwie­ri­ger ist, sich von ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag zu lösen, als ge­gen ei­ne frist­lo­se Kündi­gung vor­zu­ge­hen. Dies gin­ge über ei­ne bloße Rück­sicht­nah­me auf die In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers hin­aus, son­dern mach­te den Ar­beit­ge­ber zu des­sen Sach­wal­ter un­ter Auf­ga­be sei­ner ei­ge­nen In­ter­es­sen. Ei­ne Aufklärungs­pflicht kann sich nur auf die ar­beits- und so­zi­al­recht­li­chen Fol­gen ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags be­zie­hen (da­zu BAG, Ur­teil vom 13.11.1996 – 10 AZR 340/96 – AP BGB § 620 Auf­he­bungs­ver­trag Nr. 4 zu II 1 c der Gründe), nicht da­ge­gen auf die Möglich­keit, sich von die­sem wie­der zu lösen (ähn­lich Thüsing RdA 2005, 257, 268; Kai­ser, Anm. BAG EzA BGB § 611 Auf­he­bungs­ver­trag Nr. 13 zu IV). Des­halb kam es auf die oh­ne­hin er­kenn­bar ins Blaue auf­ge­stell­te Be­haup­tung der Kläge­rin nicht an, der Geschäfts­lei­ter ha­be die Ver­schlech­te­rung ih­rer Rechts­po­si­ti­on ab­sicht­lich nicht an­ge­spro­chen.

2.3.2.3 Die Be­klag­te hat­te nicht da­von aus­ge­hen müssen, dass ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ei­ner ar­beits­ge­richt­li­chen Über­prüfung mit ho­her Wahr­schein­lich­keit nicht stand­hal­ten würde. Viel­mehr war die An­nah­me ver­tret­bar, dass die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung gemäß § 626 Abs. 1 BGB vor­la­gen. Da­nach kann das Ar­beits­verhält­nis aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­ren dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann.

2.3.2.3.1 Die rechts­wid­ri­ge und vorsätz­li­che Ver­let­zung des Ei­gen­tums oder Vermögens des Ar­beit­ge­bers oder auch nur ein da­hin­ge­hen­der Ver­such sind stets, auch wenn die Sa­chen nur ei­nen ge­rin­gen Wert be­sit­zen, als wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung an sich ge­eig­net (BAG, Ur­teil vom 11.12.2003 – 2 AZR 36/03 – AP BGB § 626 Nr. 179 zu II 1 c der Gründe). Auch wenn es sich um Sa­chen han­delt, die als sog. Bruch­wa­re nicht mehr in den Ver­kauf ge­bracht wer­den sol­len, ändert dies nichts dar­an, dass es al­lein Sa­che des Ar­beit­ge­bers bleibt, darüber zu be­stim­men, wie da­mit ver­fah­ren wer­den soll.

2.3.2.3.2 Es war da­von aus­zu­ge­hen, dass die von der Kläge­rin dem Ei­mer im Pult der Kos­me­tik­ab­tei­lung ent­nom­me­nen Ta­schen­tuchpäck­chen im Ei­gen­tum der Be­klag­ten stan­den. Denn es wi­der­spricht je­der Le­bens­er­fah­rung, dass die Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten ih­re ei­ge­nen Ta­schen­tuchpäck­chen ge­mein­sam in ei­nem Ei­mer ver­wahr­ten oder die­ser mit von Kun­den ver­lo­re­nen vollständi­gen Päck­chen gefüllt war, wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend aus­geführt hat. So­weit die Kläge­rin vor­ge­bracht hat, In­halt des Ei­mers sei­en ne­ben Bruch­wa­re wohl auch pri­va­te Rest­bestände an­de­rer Mit­ar­bei­ter ge­we­sen, han­del­te es sich um ei­ne durch nichts be­leg­te Ver­mu­tung. Je­den­falls hat die für die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes An­fech­tungs­rechts dar­le­gungs- und be­weis­be­las­te­te Kläge­rin da­mit nicht schlüssig be­haup­tet, al­le vier dem Ei­mer ent­nom­me­nen Päck­chen hätten im Ei­gen­tum ih­rer Kol­le­gen ge­stan­den, oh­ne dass es auf die Fra­ge an­kam, ob die Be­klag­te auf­grund der Ver­mi­schung gemäß §§ 947 Abs. 2, 948 Abs. 1 BGB Al­lein­ei­gen­tum oder gemäß § 947 Abs. 1 BGB bloß Mit­ei­gen­tum er­wor­ben hat­te. Hin­zu kam, dass die Kläge­rin aus­weis­lich des von ihr zur Ak­te ge­reich­ten und in­halt­lich in Be­zug ge­nom­me­nen Gedächt­nis­pro­to­kolls ih­rer Nich­te (Abl. Bl. 99 f. d.A.) selbst da­von ge­spro­chen hat, dass es sich um „ab­ge­schrie­be­ne Wa­re von ka­put­ten Pa­ke­ten Ta­schentüchern“ han­de­le.

2.3.2.3.3 Die Be­klag­te brauch­te nicht zu er­war­ten, dass die im Fal­le ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ge­bo­te­ne In­ter­es­sen­abwägung mit ho­her Wahr­schein­lich­keit zu ih­ren Las­ten aus­ge­gan­gen wäre.

2.3.2.3.3.1 Dafür kam es ent­ge­gen de­ren An­sicht nicht dar­auf an, dass der Geschäfts­lei­ter hin­sicht­lich des Ver­s­toßes ge­gen die be­trieb­li­che An­wei­sung über den Um­gang mit Bruch­wa­re von ei­nem fal­schen Le­bens­sach­ver­halt aus­ge­gan­gen war. Ob ein verständi­ger Ar­beit­ge­ber ei­ne frist­lo­se Kündi­gung ernst­haft er­wo­gen hätte, rich­tet sich nicht nach dem tatsächlich sub­jek­ti­ven Wis­sens­stand des kon­kre­ten Ar­beit­ge­bers oder sei­nes Ver­tre­ters. Maßgeb­lich ist viel­mehr der ob­jek­tiv mögli­che und da­mit hy­po­the­ti­sche Wis­sens­stand (BAG, Ur­teil vom 16.11.1979 – 2 AZR 1041/77 – BA­GE 32, 194 = AP BGB § 123 Nr. 21 zu I. 3 a der Gründe).

2.3.2.3.3.2 Da­nach war zu­guns­ten der Kläge­rin zunächst zu berück­sich­ti­gen, dass der wirt­schaft­li­che Scha­den der Be­klag­ten äußerst ge­ring war und dass es bei der Ver­wen­dung von Pa­pierküchen­rol­len und Pa­pier­ta­schentüchern in der Ab­tei­lung of­fen­bar seit länge­rer Zeit zu ei­nem Ver­s­toß ge­gen die An­wei­sung über den Um­gang mit Bruch­wa­re ge­kom­men war, oh­ne dass hier­ge­gen durch Vor­ge­setz­te ein­ge­schrit­ten wur­de. Die­ser Ver­s­toß be­schränk­te sich je­doch dar­auf, die Pa­piertücher zur Be­sei­ti­gung von Ver­schmut­zun­gen in den Re­ga­len und die Ta­schentücher bei Be­darf im Be­trieb zu be­nut­zen. Dies war der Kläge­rin auch durch­aus be­wusst, wie sich ih­rer ent­spre­chen­den Äußerung gemäß dem Gedächt­nis-pro­to­koll ih­rer Nich­te ent­neh­men lässt. Über die­se Pra­xis, die hin­sicht­lich des Ge­brauchs der Wischtücher aus Sicht der Mit­ar­bei­ter so­gar noch dem In­ter­es­se der Be­klag­ten ent­spro­chen ha­ben mag und sich hin­sicht­lich der Ta­schentücher gleich­sam spie­gel­bild­lich auf die Be­frie­di­gung ei­nes spon­ta­nen Be­darfs be­schränk­te, ging es je­doch deut­lich hin­aus, wenn die Kläge­rin auf Be­kun­dung ih­rer Nich­te, sehr erkältet zu sein, die­ser nicht nur ein Päck­chen Ta­schentücher aushändig­te, son­dern so­gleich de­ren zwei und sie sich bei die­ser Ge­le­gen­heit selbst zwei wei­te­re Päck­chen ein­steck­te. Mit die­ser auf Ver­schaf­fung ei­nes pri­va­ten Vor­rats ge­rich­te­ten Ver­hal­tens­wei­se hat die Kläge­rin ei­nen sol­chen Grad an Ei­gen­nutz und Un­zu­verlässig­keit of­fen­bart, dass es ei­nem verständi­gen Ar­beit­ge­ber nicht ver­dacht wer­den konn­te, das Ar­beits­verhält­nis zu ihr frist­los be­en­den zu wol­len. Da­bei hat die Kläge­rin auch bei ih­rer Anhörung vor der Be­ru­fungs­kam­mer nicht ein­mal zu sa­gen ver­mocht, ob ih­re Nich­te über­haupt drin­gend auf die Ta­schentücher an­ge­wie­sen war, weil die­ser die Na­se lief und sie kei­ne ei­ge­nen Ta­schentücher mehr be­saß. Auch war die Ver­sor­gung der Nich­te mit zwei Päck­chen Ta­schentüchern durch­aus ge­eig­net, die­se da­von ab­zu­hal­ten, bei der Be­klag­ten ei­ne gan­ze Pa­ckung da­von zu er­wer­ben, wo­mit de­ren In­ter­es­sen zusätz­lich berührt wa­ren.

2.3.2.3.3.3 Das Fehl­ver­hal­ten der Kläge­rin be­traf auch den Kern­be­reich ih­rer Ar­beits­auf­ga­be ei­ner Mit­ar­bei­te­rin im Wa­renser­vice. Dar­an änder­te der Um­stand, dass ih­re Ar­beits­zeit ge­ra­de be­en­det war, nichts. Zwar wa­ren da­mit Schlecht­leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen, nicht je­doch Verstöße ge­gen ih­re Pflicht, das Ei­gen­tum der Be­klag­ten zu re­spek­tie­ren und nicht in­ter­es­se­wid­rig darüber zu verfügen.

2.3.2.3.3.4 Da die Kläge­rin als Mit­ar­bei­te­rin im Wa­renser­vice Zu­gang zum La­ger hat­te, wo sie an­ders als im Ver­kaufs­be­reich oh­ne Kon­trol­le mit den Wa­ren in Berührung kam, be­fand sie sich auch in ei­ner Stel­lung, für die Ver­trau­enswürdig­keit un­ver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung ist. Da­bei war das von der Kläge­rin bis da­hin er­wor­be­ne Maß an Ver­trau­en in die Kor­rekt­heit ih­rer Auf­ga­ben­erfüllung kei­nes­falls so groß wie vom Ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, weil ihr Ar­beits­verhält­nis nicht be­reits mehr als 20 Jah­re, son­dern le­dig­lich 11 Jah­re un­be­an­stan­det be­stan­den hat­te (zu die­sem As­pekt BAG, Ur­teil vom 10.06.2010 – 2 AZR 541/09 – ju­ris R 46 ff.).

2.3.2.3.3.5 Sch­ließlich brauch­te ein verständi­ger Ar­beit­ge­ber nicht ei­ne Ab­mah­nung für ei­ne aus­rei­chen­de Re­ak­ti­on zu hal­ten. Zwar kann ei­ne Ab­mah­nung auch bei Störun­gen im Ver­trau­ens­be­reich er­for­der­lich sein, wenn es um steu­er­ba­res Ver­hal­ten geht und ei­ne Wie­der­her­stel­lung des Ver­trau­ens er­war­tet wer­den kann (BAG, Ur­teil vom 04.06.1997 – 2 AZR 526/96 – BA­GE 86, 95 = AP BGB § 626 Nr. 137 zu II 1 d der Gründe). Dies ist je­doch nicht der Fall bei ei­nem Ver­hal­ten, des­sen Pflicht­wid­rig­keit für den Ar­beit­neh­mer oh­ne wei­te­res er­kenn­bar und des­sen Hin­nah­me durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist (BAG, Be­schluss vom 10.02.1999 – 2 ABR 31/98 – BA­GE 91, 30 = AP KSchG Nr. 1969 § 15 Nr. 42 zu B II 5 der Gründe). So ver­hielt es sich im vor­lie­gen­den Fall, wo der Kläge­rin klar sein muss­te, dass sie mit der Her­aus­ga­be von zwei Päck­chen Ta­schentüchern an ei­ne be­triebs­frem­de Per­son und das Ein­ste­cken ei­ner ent­spre­chen­den Men­ge für den Ei­gen­ge­brauch nach Dienst­schluss deut­lich über die auf in­ner­be­trieb­li­che Vorgänge be­schränk­te Pra­xis der Mit­ar­bei­ter ih­rer Ab­tei­lung hin­aus­ging.

2.3.2.3.3.6 Die Be­klag­te brauch­te auch nicht des­halb ei­ne Ab­mah­nung für aus­rei­chend zu hal­ten, weil der De­tek­tiv die Kläge­rin nicht be­reits vor der Kas­se ab­ge­fan­gen hat, was die­se be­an­stan­det hat. Ab­ge­se­hen da­von, dass die Kläge­rin durch das Ein­ste­cken der bei­den Päck­chen be­reits deut­lich ge­macht hat­te, die­se kei­nes­falls be­zah­len zu wol­len und ein­zel­ne Päck­chen bei der Be­klag­ten oh­ne­hin nicht verkäuf­lich sind, hat­te der De­tek­tiv da­mit kei­ne sog. Verführungs­si­tua­ti­on ge­schaf­fen, die im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung der­ge­stalt Berück­sich­ti­gung soll fin­den können, ei­ne Ab­mah­nung als mil­de­re Maßnah­me ge­genüber ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung aus­rei­chen zu las­sen (da­zu BAG, Ur­teil vom 18.11.1999 – 2 AZR 743/98 – BA­GE 93, 1 = AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 32 zu II 1 c aa der Gründe).

3. Ne­ben­ent­schei­dun­gen

3.1 Als un­ter­le­ge­ne Par­tei hat die Kläge­rin gemäß § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

3.2 Die Vor­aus­set­zun­gen des § 72 Abs. 2 ArbGG für ei­ne Zu­las­sung der Re­vi­si­on wa­ren nicht erfüllt. We­der war ei­ne Di­ver­genz er­kenn­bar (Nr. 1), noch wa­ren ent­schei­dungs-er­heb­li­che Rechts­fra­gen von grundsätz­li­cher Be­deu­tung zu be­ant­wor­ten (Nr. 2). Zu ei­ner Ver­let­zung des An­spruchs der Kläge­rin auf recht­li­ches Gehör (Nr. 3), die als Grund für ei­ne Zu­las­sung durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt selbst oh­ne­hin selt­sam an­mu­tet, ist es nach An­sicht der Kam­mer nicht ge­kom­men. So­weit der Kläger­ver­tre­ter un­ter Be­ru­fung auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs (Ur­teil vom 21.12.2004 - XI ZR 17/03 – ju­ris zu II 1 a der Gründe) von der Kam­mer ei­ne Of­fen­le­gung ih­rer Rechts­auf­fas­sung be­gehrt hat, brauch­te dem nicht ent­spro­chen zu wer­den. Es genügte viel­mehr, in Erfüllung der Pro­zessförde­rungs­pflicht nach § 139 Abs. 1 BGB das Sach- und Streit­verhält­nis mit den Par­tei­en nach der tatsächli­chen und recht­li­chen Sei­te zu erörtern, Fra­gen zu stel­len und den Par­tei­en bzw. ih­ren Ver­tre­tern Ge­le­gen­heit zu ge­ben, sich zu al­len er­heb­li­chen Tat­sa­chen zu erklären. Auf ei­nen recht­li­chen Ge­sichts­punkt, mit dem auch ein ge­wis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter nicht zu rech­nen brauch­te, hat die Kam­mer ih­re Ent­schei­dung nicht ge­stellt. Zu ei­ner Of­fen­le­gung ih­rer oh­ne­hin erst auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung ge­bil­de­ten Rechts­auf­fas­sung be­stand des­halb kei­ne Ver­an­las­sung (vgl. BAG, Be­schluss vom 31.08.2005 – 5 AZN 187/05 – AP ArbGG 1979 § 72a Recht­li­ches Gehör Nr. 7 zu II 1 der Gründe; eben­so BVerwG, Be­schluss vom 24.07.2008 – 6 PB 18/08 – NZA-RR 2009, 37 R 3; BVerfG, Be­schluss vom 05.11.1986 - 1 BvR 706/85 - BVerfGE 74, 1 zu II 1 b der Gründe).

3.3 Die Ausführun­gen im nach­ge­reich­ten Schrift­satz der Kläge­rin vom 26. Ok­to­ber 2010 sind von der Kam­mer bei ih­ren Erwägun­gen zu 3.2 berück­sich­tigt wor­den und ha­ben kei­nen An­lass ge­ge­ben, die münd­li­che Ver­hand­lung gemäß § 156 ZPO, § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG wie­der zu eröff­nen.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil ist kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.

C.

K. 

Z.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 6 Sa 1442/10  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880