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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Aufhebungsvertrag, Klageverzicht, Aufhebungsvertrag: Klageverzicht, Aufhebungsvertrag: Anfechtung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Akten­zeichen: 16 Sa 879/13
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 07.11.2013
   
Leit­sätze:

1. Die Erklärung in ei­nem vom Ar­beit­ge­ber vor­for­mu­lier­ten Auf­he­bungs­ver­trag, wo­nach der Ar­beit­neh­mer auf „Be­denk­zeit, die Möglich­keit ei­nes Wi­der­rufs“ ver­zich­tet, ist nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB in­trans­pa­rent, wenn sie nicht den Hin­weis enthält, dass ta­rif­lich ein Wi­der­rufs­recht be­steht. Die In­trans­pa­renz wird verstärkt durch den gleich­zei­ti­gen Ver­zicht auf ei­ne Rei­he wei­te­rer auch ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ner Hin­wei­se des Ar­beit­ge­bers. Als Ver­brau­cher­ver­trag sind zu­dem nach § 310 Abs. 3 Nr. 3 BGB die den Ver­trags­schluss be­glei­ten­den Umstände wie z.B. Über­rum­pe­lung zu berück­sich­ti­gen.

2. Ei­ne sol­che Ver­zichts­erklärung ist außer­dem un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gend im Sin­ne des § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB, wenn der Auf­he­bungs­ver­trag kei­ne die In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers berück­sich­ti­gen­de Re­ge­lun­gen enthält und so­gar die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 28. ei­nes Mo­nats vor­sieht.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Gelsenkirchen, Urteil vom 28.05.2013, 1 Ca 157/13
Nachfolgend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.03.2015, 6 AZR 82/14
   

Te­nor:

Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Gel­sen­kir­chen vom 28.05.2013 – 1 Ca 157/13 – ab­geändert.

Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis über den 28.12.2012 hin­aus fort­be­steht.

Die Be­klag­te trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges.

Der am 16.09.1979 ge­bo­re­ne, le­di­ge Kläger war seit dem 15.08.2001 zunächst als Aus­zu­bil­den­der, da­nach als Kauf­mann im Ein­zel­han­del und seit dem Jah­re 2005 als Ab­tei­lungs­lei­ter (Erst­kraft) bei der Be­klag­ten beschäftigt. Die­se be­treibt ein Un­ter­neh­men des Ein­zel­han­dels, das in Deutsch­land über 500 Fi­lia­len mit rund 25.000 Mit­ar­bei­tern hat. Der Kläger war in der G1er Fi­lia­le der Be­klag­ten tätig. Die­se beschäftigt et­wa 60
Mit­ar­bei­ter. Seit et­wa zwei Jah­ren steht ihr der Fi­li­al­lei­ter M1 J1 vor.

Das Ar­beits­verhält­nis rich­te­te sich nach dem schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag vom 15.07.2004, der un­ter Nr. 11 zur Ta­rif­gel­tung die fol­gen­de Re­ge­lung enthält:

„So­weit in die­sem Ar­beits­ver­trag und even­tu­el­len Nachträgen nichts an­de­res ver­ein­bart wur­de, gel­ten die für den Be­trieb je­weils ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge in ih­rer je­weils gülti­gen Fas­sung. Dies sind die Ta­rif­verträge des Ein­zel­han­dels Nord­rhein-West­fa­len.

..."

Durch Ände­rungs­ver­trag vom 11.10.2005 wur­de dem Kläger die Po­si­ti­on ei­ner Er­satz­kraft in der Fi­lia­le G1 über­tra­gen. Er er­ziel­te zu­letzt ein mo­nat­li­ches Ein­kom­men von 2.654,29 € brut­to.

§ 11 Abs. 10 Man­tel­ta­rif­ver­trag Ein­zel­han­del NRW lau­tet:

„Auflösungs­verträge bedürfen der Schrift­form. Je­de der Par­tei­en kann ei­ne Be­denk­zeit von drei Werk­ta­gen in An­spruch neh­men. Ein Ver­zicht hier­auf ist schrift­lich zu erklären."

Am 27.12.2012 nahm der Kläger in der Pau­se im Pau­sen­raum der Fi­lia­le ei­ne Fer­tig­sup­pe, ei­ne so­ge­nann­te „Heiße Tas­se" mit ei­nem Ver­kaufs­wert von 0,99 € bis 1,09 € zu sich. Ei­ne wei­te­re geöff­ne­te Pa­ckung hat­te er zu­vor in den dor­ti­gen Müll­ei­mer ge­wor­fen. Die Her­kunft der bei­den Pa­ckun­gen, die im Wa­ren­be­stand der Fi­lia­le geführt wer­den, ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig.

Am 28.12.2012 wur­de der Kläger in das Büro des Fi­li­al­lei­ters J1 zu ei­nem Gespräch ge­ru­fen. Der Grund für die­ses Gespräch war ihm zu­vor nicht mit­ge­teilt wor­den. Im Bei­sein der Be­zirks­lei­te­rin W1 wur­de ein ca. 1 1/2-stündi­ges Gespräch mit dem Kläger geführt. Dem Kläger wur­de vor­ge­hal­ten, dass er am Vor­tag zwei Fer­tig­sup­pen aus dem La­ger­be­stand der Be­klag­ten ent­nom­men und ver­zehrt ha­be, oh­ne die­se in die Lis­te der Per­so­nalkäufe ein­zu­tra­gen bzw. be­zahlt zu ha­ben. Zur Her­kunft der „Heißen Tas­se" be­fragt, erklärte der Kläger, er ha­be die Sup­pe von ei­nem Kun­den er­hal­ten, der re­kla­miert ha­be, dass die Sup­pe geöff­net ge­we­sen sei. Der Kun­de ha­be we­der ei­ne neue Sup­pe noch sein Geld zurück­ver­langt. Die zwei­te Sup­pe ha­be er zwi­schen dem 19. und 22.12.2012 in der ei­ge­nen Fi­lia­le ge­kauft. Die Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten hiel­ten dem Kläger dar­auf­hin ei­ne so­ge­nann­te Jour­nal-Re­cher­che aus den Kas­sen­da­ten der Fi­lia­le vor, aus der sich er­gab, dass in der an­ge­ge­be­nen Zeit kei­ne der­ar­ti­ge Sup­pe ver­kauft wor­den war, wo­zu sich der Kläger nicht erklären konn­te. Sie kündig­ten an, man wer­de we­gen des Dieb­stahls der Sup­pen die frist­lo­se Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­spre­chen und Straf­an­zei­ge er­stat­ten. Zu­dem ha­be der Kläger mit ei­ner Sperr­zeit beim Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld zu rech­nen. So­dann leg­ten sie dem Kläger ei­nen fer­tig vor­be­rei­te­ten Auf­he­bungs­ver­trag mit dem Da­tum des 27.12.2012 vor und for­der­ten ihn auf, die­sen zur Ver­mei­dung der an­gekündig­ten Kon­se­quen­zen zu un­ter­zeich­nen. Dem Kläger, der erklärt hat, dass er sich völlig über­for­dert fühle und die ein­zel­nen Punk­te, die in dem Auf­he­bungs­ver­trag an­ge­ge­ben wor­den sei­en, über­haupt nicht so schnell er­fas­sen könne, wur­de die von ihm er­be­te­ne kur­ze Be­denk­zeit, um an­de­re Per­so­nen um Rat zu fra­gen und er­for­der­li­chen­falls ju­ris­ti­schen Rat ein­zu­ho­len, nicht gewährt. Sch­ließlich un­ter­schrieb der Kläger den Auf­he­bungs­ver­trag.

Der Auf­he­bungs­ver­trag enthält die fol­gen­den Re­ge­lun­gen:

1. Die Par­tei­en sind sich darüber ei­nig, dass das be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis zum 28.12.2012 be­en­det wird.

2. Das Ar­beits­verhält­nis wird bis zu die­sem Da­tum ord­nungs­gemäß ab­ge­rech­net und der 15 sich er­ge­ben­de Net­to­be­trag an den Ar­beit­neh­mer aus­be­zahlt.

3. Der Ar­beit­neh­mer er­bringt sei­ne Ar­beits­leis­tung bis zum Aus­tritts­ter­min.

4. Die Par­tei­en sind sich darüber ei­nig, dass be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche in Na­tu­ra ab­ge­gol­ten sind.

5. Da­mit sind sämt­li­che ge­gen­sei­ti­gen fi­nan­zi­el­len Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis, be­kann­te oder un­be­kann­te, ab­ge­gol­ten.

6. Ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch ge­gen die Ar­beit­ge­be­rin be­steht nicht.

7. Der Ar­beit­neh­mer wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ver­bind­li­che Auskünf­te über so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Fol­gen die­ser Ver­ein­ba­rung, ins­be­son­de­re über Sperr- und Ru­he­zei­ten, nur die zuständi­ge Agen­tur für Ar­beit ge­ben kann.

8. Der Ar­beit­neh­mer ver­zich­tet aus­drück­lich auf Be­denk­zeit, die Möglich­keit ei­nes Wi­der­rufs so­wie auf wei­te­re Hin­wei­se der Ar­beit­ge­be­rin bezüglich et­wai­ger ar­beits-, steu­er- so­wie so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Kon­se­quen­zen aus die­sem Auf­he­bungs­ver­trag.

9. Die Ver­trags­par­tei­en ver­zich­ten auf die Ein­le­gung von Rechts­mit­teln (Kla­ge etc.).

10. Soll­te ei­ne Be­stim­mung die­ser Ver­ein­ba­rung un­wirk­sam sein, wird die Wirk­sam­keit der übri­gen Be­stim­mun­gen hier­von nicht berührt. Die Par­tei­en ver­pflich­ten sich, die un­wirk­sa­me Be­stim­mung durch ei­ne die­ser in In­ter­es­sen­la­ge und Be­deu­tung möglichst na­he­kom­men­den wirk­sa­men Ver­ein­ba­rung zu er­set­zen."

Noch mit Schrei­ben sei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 28.12.2012 erklärte der Kläger die An­fech­tung sei­ner Erklärung, er mach­te zu­dem die Sit­ten­wid­rig­keit des Auf­he­bungs­ver­tra­ges gel­tend und for­der­te die Be­klag­te auf, die­sen als ge­gen­stands­los an­zu­se­hen und das Ar­beits­verhält­nis mit ihm fort­zu­set­zen.

Mit sei­ner am 10.01.2013 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge ver­folgt er die­sen An­spruch wei­ter.

Durch Ur­teil vom 28.05.2013 hat das Ar­beits­ge­richt nach Be­weis­auf­nah­me die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Es hat die­se zwar trotz des im Auf­he­bungs­ver­trag erklärten Ver­zichts auf Rechts­be­hel­fe für zulässig ge­hal­ten, da die­ser Ver­zicht gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB rechts­un­wirk­sam sei. Der Auf­he­bungs­ver­trag sei auch nicht durch ei­nen wirk­sa­men Wi­der­ruf des Klägers ge­gen­stands­los ge­wor­den. Auf das ta­rif­ver­trag­li­che Wi­der­rufs­recht ha­be der Kläger gemäß § 11 Abs. 10 des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges für den Ein­zel­han­del in Nord­rhein-West­fa­len durch die Un­ter­zeich­nung des Auf­he­bungs­ver­tra­ges wirk­sam ver­zich­tet. Die un­ter Zif­fer 8 ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung sei wirk­sam. Dies ent­spre­che der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts. Die Un­wirk­sam­keit der Klau­sel fol­ge auch nicht aus § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB. Der Kläger ha­be schließlich den Auf­he­bungs­ver­trag nicht gemäß § 123 Abs. 1 BGB we­gen wi­der­recht­li­cher Dro­hung wirk­sam an­ge­foch­ten. Nach der durch­geführ­ten Be­weis­auf­nah­me sei er zum Zeit­punkt der Dro­hung zu­min­dest drin­gend verdäch­tig ge­we­sen, ei­ne ge­gen das Ei­gen­tum der Be­klag­ten ge­rich­te­te Straf­tat be­gan­gen zu ha­ben, in­dem er zwei Pa­ckun­gen „Heiße Tas­se" aus dem La­ger der Be­klag­ten weg­ge­nom­men ha­be, oh­ne die­se zu be­zah­len.

Ge­gen die­ses Ur­teil, auf das we­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­li­chen Sach- und Streit­stands Be­zug ge­nom­men wird, und das dem Kläger am 04.07.2013 zu­ge­stellt wor­den ist, hat die­ser am 05.07.2013 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se zu­gleich be­gründet.

Der Kläger ver­weist dar­auf, dass kein Grund er­sicht­lich sei, war­um ihm die Be­denk­zeit von drei Ta­gen nach dem Man­tel­ta­rif­ver­trag für den Ein­zel­han­del in Nord­rhein-West­fa­len nicht ein­geräumt wor­den sei. Wenn der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer mit der Ab­sicht, das Ar­beits­verhält­nis so­fort, al­so auf der Stel­le zu be­en­den, ur­plötz­lich und oh­ne ir­gend­ei­ne Vor­war­nung kon­fron­tie­re, so müsse ihm das in dem Man­tel­ta­rif­ver­trag fest­ge­leg­te Recht ei­ner Be­denk­zeit von drei Ta­gen gewährt wer­den. Wenn in die­sem Auf­he­bungs­ver­trag zu­gleich ein Ver­zicht auf ei­ne Be­denk­zeit nie­der­ge­legt sei, so wi­der­spre­che es dem Sinn und Zweck die­ser in dem Man­tel­ta­rif­ver­trag ge­trof­fe­nen Re­ge­lung, da ge­ra­de für die plötz­li­che und un­er­war­te­te Kon­fron­ta­ti­on mit ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag die Be­denk­zeit ja vor­ge­se­hen wor­den sei. Um ganz si­cher zu sein, dass er, der Kläger, die­sen Auf­he­bungs­ver­trag nicht zu Fall brin­ge, ha­be die Be­klag­te in den vor­be­rei­te­ten Text gleich den Ver­zicht zum Wi­der­ruf der Ver­trags­erklärung auf­ge­nom­men und darüber hin­aus auch gleich noch den un­wirk­sa­men Ver­zicht auf die Ein­le­gung ei­nes Rechts­mit­tels. Es sei of­fen­kun­dig, dass die Be­klag­te ein­sei­tig al­le Rech­te, die nor­ma­ler­wei­se ei­nem Ar­beit­neh­mer zuständen, die­sem ha­be ab­schnei­den wol­len. Der Auf­he­bungs­ver­trag schütze ihn, den Kläger, in kei­ner Wei­se. Es sei nicht er­kenn­bar, wie­so es für ihn vor­teil­haft ge­we­sen sein sol­le, ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag ab­zu­sch­ließen, der nicht ein­mal an ei­nem Mo­nats­en­de oder Jah­res­en­de wirk­sam ge­wor­den sei, son­dern we­ni­ge Ta­ge vor dem Mo­nats­en­de. Bei ei­ner Be­wer­bung sei es für je­den neu­en po­ten­ti­el­len Ar­beit­ge­ber völlig klar, dass es sich um ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag han­de­le, der an­stel­le ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung zu­stan­de ge­kom­men sei. Nach al­le­dem sei das Vor­brin­gen der Be­klag­ten sit­ten­wid­rig ge­we­sen.

Der Kläger be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Gel­sen­kir­chen vom 28.05.2013 – 1 Ca 30 157/13 – fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en über den 28.12.2012 hin­aus fort­be­steht.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil als zu­tref­fend und ver­weist ins­be­son­de­re dar­auf, dass die ta­rif­li­che Be­denk­zeit nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ein Wi­der­rufs­recht be­gründe, das ab­ding­bar sei, wenn die Par­tei­en ei­nen schrift­li­chen Ver­zicht erklärten. Dies sei vor­lie­gend ge­sche­hen.

Zum wei­te­ren Sach­vor­trag der Par­tei­en im Be­ru­fungs­ver­fah­ren wird auf die zwi­schen ih­nen ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Be­ru­fung des Klägers ist be­gründet.

Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ist durch den Auf­he­bungs­ver­trag vom 28.12.2012 nicht 37 auf­gelöst wor­den. Der Kläger hat sei­ne Zu­stim­mung zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses wirk­sam wi­der­ru­fen. Dem steht we­der ent­ge­gen, dass der Kläger im Auf­he­bungs­ver­trag vom 28.12.2012 in Zif­fer 9 auf die Ein­le­gung von Rechts­mit­teln – Kla­ge etc. – ver­zich­tet und in Zif­fer 8 aus­drück­lich auf Be­denk­zeit und die Möglich­keit ei­nes Wi­der­rufs ver­zich­tet hat.

I

Das Ar­beits­ge­richt ist zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass der im Auf­he­bungs­ver­trag erklärte Ver­zicht auf Rechts­be­hel­fe gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam ist. Nach die­ser Vor­schrift sind All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen un­wirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen.

1.

a) Die Klau­sel über den Ver­zicht auf die Ein­le­gung von Rechts­mit­teln, wo­bei die Kla­ge aus­drück­lich ge­nannt ist, stellt ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung im Sin­ne des § 305 Abs. 1 BGB dar. Hier­bei han­delt es sich um für ei­ne Viel­zahl von Verträgen vor­for­mu­lier­te Ver­trags­be­din­gun­gen, die ei­ne Ver­trags­par­tei, der Ver­wen­der, der an­de­ren Ver­trags­par­tei bei Ab­schluss des Ver­trags stellt. Aus dem In­halt und der äußeren Ge­stal­tung der in ei­nem Ver­trag ver­wen­de­ten Be­din­gun­gen kann sich ein vom Ver­wen­der zu wi­der­le­gen­der An­schein dafür er­ge­ben, dass sie zu Mehr­fach­ver­wen­dun­gen for­mu­liert wor­den sind (BAG vom 06.09.2007, 2 AZR 722/06, NZA 2008, 219, Rd­nr. 18). Ver­trags­be­din­gun­gen sind für ei­ne Viel­zahl von Verträgen be­reits dann for­mu­liert, wenn ih­re drei­ma­li­ge Ver­wen­dung be­ab­sich­tigt ist.

Im Ent­schei­dungs­fall spricht be­reits das äußere Er­schei­nungs­bild des ge­sam­ten Auf­he­bungs­ver­tra­ges dafür, dass die­ser nicht nur vor­for­mu­liert, son­dern sei­ne Ver­wen­dung für ei­ne Viel­zahl von Fällen vor­ge­se­hen war. Für den Auf­he­bungs­ver­trag wur­de ein Brief­kopf der Zen­tra­le der Be­klag­ten in U1 ver­wandt. Außer­dem fin­det sich hier ei­ne U1er Te­le­fon­num­mer. Darüber hin­aus sind die ver­wen­de­ten Be­din­gun­gen für die vor­lie­gen­de Sach­la­ge nicht ein­schlägig. Dies gilt für Zif­fer 3 des Auf­he­bungs­ver­tra­ges, wo­nach der Ar­beit­neh­mer sei­ne Ar­beits­leis­tung bis zum Aus­tritts­ter­min er­bringt. Der Aus­tritts­ter­min war je­doch der Tag der Un­ter­zeich­nung und vor­ge­se­he­nen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, der 28.12.2012.

b) Un­abhängig hier­von ist nach § 310 Abs. 3 Abs. 2 BGB selbst dann ei­ne In­halts­kon­trol­le vor­zu­neh­men, wenn die Be­klag­te den Auf­he­bungs­ver­trag nur ein­mal ver­wen­den woll­te. Auf die zu­tref­fen­de Be­gründung des Ar­beits­ge­richts wird Be­zug ge­nom­men. Dass der Auf­he­bungs­ver­trag von der Be­klag­ten vor­for­mu­liert war, ist zwi­schen den Par­tei­en außer Streit.

2.

Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend an­ge­nom­men, dass der Kla­ge­ver­zicht den Kläger un­an­ge­mes­sen im Sin­ne des § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB be­nach­tei­ligt.

Der for­mu­larmäßige Ver­zicht auf die Er­he­bung ei­ner Kla­ge ist nach § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB kon­trollfähig. Er stellt im vor­lie­gen­den Fall nicht die Haupt­leis­tung der Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung dar. Dies ist viel­mehr die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 28.12.2012. Hier­zu enthält der Kla­ge­ver­zicht le­dig­lich ei­ne Ne­ben­ab­re­de.

Wie das Ar­beits­ge­richt un­ter Hin­weis auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 06.09.2007 (2 AZR 722/06, NZA 2008, 219) rich­tig her­aus­ge­stellt hat, ist der rei­ne Kla­ge­ver­zicht oh­ne je­de ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Kom­pen­sa­ti­on un­an­ge­mes­sen. Ei­ne Kom­pen­sa­ti­on ist dem Auf­he­bungs­ver­trag nicht zu ent­neh­men. So en­det das Ar­beits­verhält­nis am Tag des Ver­trags­ab­schlus­ses, dem 28.12.2012, was für das be­ruf­li­che Fort­kom­men des Klägers zu er­heb­li­chen Pro­ble­men führt. Die Be­klag­te hat sich nicht ein­mal be­reit­ge­fun­den, das Ar­beits­verhält­nis um we­ni­ge Ta­ge, bis zum 31.12.2012 zu verlängern, wo­mit die Chan­cen des Klägers auf dem Ar­beits­markt oh­ne wei­te­res ver­bes­sert wor­den wären. Auch im Übri­gen enthält die Ver­ein­ba­rung kei­ne für den Kläger güns­ti­gen Re­ge­lun­gen. Hin­sicht­lich even­tu­el­ler Ur­laubs­ansprüche des Klägers ist un­ter Zif­fer 4 zu­dem ei­ne Re­ge­lung ge­trof­fen wor­den, die dar­auf ab­zielt, mögli­che Ansprüche des Klägers zu ver­ei­teln. Vor al­lem aber im Hin­blick dar­auf, dass die durch die Be­klag­te ver­an­lass­te Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses den Grund­rechts­schutz des Klägers aus Art. 12 Abs. 1 GG berührt, ist das In­ter­es­se des Klägers dar­an, die Rechtmäßig­keit der Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung ge­richt­lich über­prüfen zu las­sen, hoch zu ver­an­schla­gen. Aus die­sem Grun­de gel­ten die für den Ver­zicht auf die Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ent­wi­ckel­ten Grundsätze eben­so für ei­ne durch den Ar­beit­ge­ber ver­an­lass­te ein­ver­nehm­li­che Auf­he­bung des Ar­beits­verhält­nis­ses, oh­ne dass es dar­auf an­kommt, aus wel­chem Grund es zum Ab­schluss der Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung ge­kom­men ist.

II

Die Kla­ge ist auch be­gründet. Der Auf­he­bungs­ver­trag vom 28.12.2012 ist durch das an­walt­li­che Schrei­ben vom 28.12.2012 wirk­sam wi­der­ru­fen wor­den.

1.

Dem Kläger steht das ta­rif­ver­trag­li­che Wi­der­rufs­recht nach § 11 Abs. 10 Man­tel­ta­rif­ver­trag 51 Ein­zel­han­del NRW zu. Da­nach kann je­de Par­tei ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges ei­ne Be­denk­zeit von drei Ta­gen in An­spruch neh­men. Hier­durch ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en das endgülti­ge Zu­stan­de­kom­men des Auflösungs­ver­tra­ges hin­aus­schie­ben und ein Wi­der­rufs­recht be­gründen wol­len (BAG vom 24.01.1985, 2 AZR 317/84, DB 1985, 1485).

2.

Auf das ta­rif­lich ein­geräum­te Wi­der­rufs­recht kann al­ler­dings ver­zich­tet wer­den. In­so­weit sieht der Ta­rif­ver­trag vor, dass ein Ver­zicht auf die Be­denk­zeit schrift­lich zu erklären ist. Ein sol­cher Ver­zicht kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts in die Ver­trags­ur­kun­de auf­ge­nom­men und muss nicht ge­son­dert vom übri­gen Ver­trags­text oder in ei­ner be­son­de­ren Ur­kun­de erklärt wer­den (BAG vom 24.01.1985, aaO.).

3.

Nach Nr. 8 der Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung vom 28.12.2012 ver­zich­tet der Ar­beit­neh­mer aus­drück­lich auf Be­denk­zeit, die Möglich­keit ei­nes Wi­der­rufs so­wie auf wei­te­re Hin­wei­se der Ar­beit­ge­be­rin bezüglich et­wai­ger ar­beits-, steu­er- so­wie so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Kon­se­quen­zen aus dem Auf­he­bungs­ver­trag. Mit die­ser Ver­trags­klau­sel ist zum ei­nen der ta­rif­li­che Be­griff der „Be­denk­zeit" , zum an­de­ren aber auch die durch die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ge­trof­fe­ne Qua­li­fi­zie­rung als Wi­der­ruf aus­drück­lich auf­ge­nom­men wor­den. Den­noch hält sie ei­ner AGB-Kon­trol­le nicht stand. Es liegt ein Ver­s­toß ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot vor.

a) Nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB kann sich die zur Un­wirk­sam­keit ei­ner All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gung führen­de un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung auch aus ih­rer man­geln­den Klar­heit und Verständ­lich­keit er­ge­ben. Durch ei­ne kla­re und verständ­li­che Re­ge­lung wird dem Ver­trags­part­ner auch die Ent­schei­dung darüber ermöglicht, ob über­haupt ein Ver­trag mit dem ent­spre­chen­den In­halt ge­schlos­sen wird. Ei­ne
maßgeb­li­che Funk­ti­on des Trans­pa­renz­ge­bo­tes nach § 307 Abs. 2 Satz 2 BGB liegt zu­dem dar­in, den Ver­trags­part­ner zu ei­ner in­for­mier­ten Ver­trags­schluss­ent­schei­dung zu befähi­gen (Klumpp in AGB-Ar­beits­recht § 307, Rd­nr. 79; MK-BGB/Wurm­nest, § 307 Rz. 55 mit Hin­weis auf BGH vom 12.10.2005, IV ZR 162/03, NJW 2005, 3559, Rd­nr. 44). Durch die In­trans­pa­renz wird ein Nach­teil für den Ver­trags­part­ner ver­deckt.

Im vor­lie­gen­den Fall er­gibt sich die In­trans­pa­renz der Ver­trags­klau­sel dar­aus, dass zum ei­nen nicht klar­ge­stellt wird, dass in dem auf das Ar­beits­verhält­nis an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag ei­ne Be­denk­zeit vor­ge­se­hen ist, die zum Wi­der­ruf der Auflösungs­ver­ein­ba­rung be­rech­tigt. Wird da­von aus­ge­gan­gen, dass im All­ge­mei­nen beim Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges we­der ei­ne Be­denk­zeit noch die Möglich­keit ei­nes Wi­der­rufs be­steht, so ist die Klau­sel des­halb ir­reführend, weil sie vor die­sem Hin­ter­grund den Ein­druck er­weckt, dass der Ver­zicht kei­ne be­son­de­re Be­deu­tung be­sitzt. Dies gilt auch des­halb, weil mit dem Ver­zicht auf wei­te­re Hin­wei­se bezüglich et­wai­ger ar­beits-, steu­er- so­wie so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Kon­se­quen­zen aus dem Auf­he­bungs­ver­trag die Be­deu­tung ver­schlei­ert wird, die dem­ge­genüber der Ver­zicht auf die Be­denk­zeit für den Ar­beit­neh­mer be­sitzt. Durch die­se Re­ge­lung wird von dem er­heb­li­chen Nach­teil, der durch den Ver­zicht auf die Be­denk­zeit für den Ar­beit­neh­mer ent­steht, ab­ge­lenkt.

b) Bei der Be­ur­tei­lung der un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung sind, da es sich vor­lie­gend um ei­nen Ver­brau­cher­ver­trag han­delt, nach § 310 Abs. 3 Nr. 3 BGB auch die den Ver­trags­schluss be­glei­ten­den Umstände zu berück­sich­ti­gen. Da­zu gehören be­son­de­re persönli­che Ei­gen­schaf­ten des in­di­vi­du­el­len Ver­trags­part­ners, die sich auf die Ver­hand­lungsstärke aus­wir­ken, Be­son­der­hei­ten der kon­kre­ten Ver­trags­ab­schluss­si­tua­ti­on, wie z.B. Über­rum­pe­lung, Be­leh­rung so­wie un­ty­pi­sche Son­der­in­ter­es­sen des Ver­trags­part­ners (BAG vom 31.08.2005, 5 AZR 545/04, NZA 2006, 324; Kreft in AGB-Ar­beits­recht, § 310 Rd­nr. 40; Stof­fels, AGB-Recht, 2. Aufl., Rd­nr. 478).

Zwi­schen den Par­tei­en ist un­strei­tig, dass der Kläger am 28.12.2012 in das Büro des Fi­li­al­lei­ters ge­ru­fen wur­de, wo er mit dem Vor­wurf, ei­nen Dieb­stahl be­gan­gen zu ha­ben, kon­fron­tiert wur­de. An die­sem Gespräch nahm ne­ben dem Fi­li­al­lei­ter M1 J1 die Be­zirks­lei­te­rin W1 teil. Dem Kläger wur­de ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung in Aus­sicht ge­stellt, es wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass er in ei­nem sol­chen Fall mit ei­ner drei­mo­na­ti­gen Sper­re für den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld be­legt und ge­gen ihn ei­ne Straf­an­zei­ge er­stat­tet wer­de (§ 144 Abs. 1 Nr. 1 SGB III). Ihm wur­de die Möglich­keit der ein­ver­nehm­li­chen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch den vor­be­rei­te­ten Auf­he­bungs­ver­trag vom 27.12.2012 ge­ge­ben.

Nach dem Sach­vor­trag des Klägers hat die­ser erklärt, dass er sich völlig über­for­dert fühle, er könne die ein­zel­nen Punk­te, die in dem Auf­he­bungs­ver­trag an­ge­ge­ben wor­den sei­en, nicht so schnell er­fas­sen und sei sich auch nicht über die Trag­wei­te ei­nes sol­chen Ver­tra­ges im Kla­ren. Er ha­be um ei­ne kur­ze Be­denk­zeit ge­be­ten, um noch an­de­re Per­so­nen um Rat fra­gen zu können und er­for­der­li­chen­falls auch ju­ris­ti­schen Rat ein­zu­ho­len. Dies sei ihm ver­sagt wor­den, er sei vor die Kon­se­quenz ge­stellt wor­den, ent­we­der so­fort zu un­ter­schrei­ben oder die in Aus­sicht ge­stell­ten Nach­tei­le in Kauf zu neh­men. Die­ser Sach­vor­trag des Klägers ist gemäß § 138 Abs. 3 ZPO als un­strei­tig zu wer­ten und dem­ent­spre­chend im Tat­be­stand des Ur­teils dar­ge­stellt wor­den. Die Be­klag­te hat hier­zu kei­ne Stel­lung ge­nom­men. Sie hat zwar erklärt, den Vor­trag in der Kla­ge­schrift zu den Er­eig­nis­sen vom 27. und 28.12.2012 zu be­strei­ten, je­doch nur so­weit er nicht von ih­ren ei­ge­nen Ausführun­gen ab­wei­che. Dies ist nicht der Fall, da die Be­klag­te auf den dar­ge­stell­ten Sach­vor­trag des Klägers nicht ein­ge­gan­gen ist.

Mit sei­nen Hin­wei­sen hat der Kläger Ge­sichts­punk­te zur Spra­che ge­bracht, die für die In­trans­pa­renz der in Fra­ge ste­hen­den Ver­trags­klau­sel von Be­deu­tung sind. Er hat zum ei­nen ei­ne Be­denk­zeit gel­tend ge­macht, zum an­de­ren aber auch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass er die ein­zel­nen Punk­te nicht so schnell er­fas­sen könne. Nach den obi­gen Ausführun­gen ist die­ser Ge­sichts­punkt ge­ra­de für die Ver­ein­ba­rung un­ter Nr. 8 des Auf­he­bungs­ver­tra­ges nach­voll­zieh­bar. Im Übri­gen ist der Hin­weis auf ei­ne drei­mo­na­ti­ge Sper­re für den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld des­halb ir­reführend, weil der Kläger die­se nicht durch den Ab­schluss des vor­ge­leg­ten Auf­he­bungs­ver­tra­ges ver­mei­den konn­te.

4.

a) Der Ver­zicht auf Be­denk­zeit und die Möglich­keit des Wi­der­rufs enthält darüber hin­aus ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne des § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB. Da­nach sind Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen un­wirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen. Un­an­ge­mes­sen ist je­de Be­ein­träch­ti­gung ei­nes recht­lich
an­er­kann­ten In­ter­es­ses des Ar­beit­neh­mers, die nicht durch be­gründe­te und bil­li­gens­wer­te In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers ge­recht­fer­tigt ist oder durch gleich­wer­ti­ge Vor­tei­le aus­ge­gli­chen wird (BAG vom 21.04.2005, 8 AZR 425/04, NZA 2005, 1053; vom 06. 09. 2007, aaO). Die Fest­stel­lung ei­ner un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung setzt ei­ne wech­sel­sei­ti­ge Berück­sich­ti­gung und Be­wer­tung recht­lich an­zu­er­ken­nen­der In­ter­es­sen der Ver­trags­part­ner vor­aus. Bei die­sem Vor­gang sind auch grund­recht­lich geschütz­te Rechts­po­si­tio­nen zu be­ach­ten. Es be­darf ei­ner um­fas­sen­den Würdi­gung der bei­den Po­si­tio­nen un­ter Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben. Da­bei ist auch die Stel­lung der Klau­sel im Ge­samt­ver­trag zu berück­sich­ti­gen, eben­so wie kom­pen­sie­ren­de oder sum­mie­ren­de Ef­fek­te. Zur In­halts­kon­trol­le sind da­bei Art und
Ge­gen­stand, Zweck und be­son­de­re Ei­gen­art des je­wei­li­gen Geschäfts zu be­ach­ten. Zu prüfen ist, ob der Klau­sel­in­halt bei der in Re­de ste­hen­den Art des Rechts­geschäfts ge­ne­rell un­ter Berück­sich­ti­gung der ty­pi­schen In­ter­es­sen der be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners er­gibt (BAG vom 18.12.2008, 8 AZR 81/08, ju­ris m.w.N.). Un­an­ge­mes­sen­heit liegt vor, wenn der Ver­wen­der miss­bräuch­lich ei­ge­ne In­ter­es­sen auf Kos­ten des Ver­trags­part­ners durch­zu­set­zen ver­sucht, oh­ne des­sen In­ter­es­sen hin­rei­chend zu berück­sich­ti­gen und ihm ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zu­zu­ge­ste­hen. Wo be­rech­tig­te In­ter­es­sen des Ver­wen­ders vor­lie­gen, müssen den­noch die In­ter­es­sen des Ver­trags­part­ners in­so­fern berück­sich­tigt wer­den, als ih­re Ver­drängung durch das be­rech­tig­te In­ter­es­se des Ver­wen­ders nicht ge­recht­fer­tigt ist. Es ist der Grund­satz der Er­for­der­lich­keit und Verhält­nismäßig­keit zu be­ach­ten (s. hier­zu auch BGH vom 05.06.1997, VII ZR 324/95, NJW 1997, 2598; BGH vom 26.05.1986, XIII ZR 218/85, NJW 1986, 3134; Wolf in Wolf/L./P., AGB-Recht, § 307 158).

b) Die un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Klägers er­gibt sich aus ei­nem nicht hin­rei­chen­den Aus­gleich der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen der Par­tei­en. Wird da­von ab­ge­se­hen, dass das Ar­beits­verhält­nis ein­ver­nehm­lich und nicht durch ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung be­en­det wird, was als für den Kläger po­si­ti­ver Ge­sichts­punkt be­trach­tet wer­den kann, so enthält die Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung kei­ner­lei für den Kläger güns­ti­ge Ver­trags­ver­ein­ba­run­gen. Auch in­so­weit ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass durch das gewähl­te Be­en­di­gungs­da­tum des 28.12.2012 die Rech­te des Klägers verkürzt wor­den sind. Ei­ne Kündi­gung hätte erst bei ih­rem Zu­gang wirk­sam wer­den können, was aus tatsächli­chen Gründen, mögli­cher­wei­se, die Be­en­di­gung zum 29.12.2012 oder gar zum 31.12.2012 zur Fol­ge ge­habt hätte. Darüber hin­aus be­hin­dert ei­ne Be­en­di­gung zum 28.12.2012 den Kläger dau­er­haft in sei­nem be­ruf­li­chen Fort­kom­men. In dem Kläger er­teil­ten Zeug­nis ist das En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses am 28.12.2012 aus­ge­wie­sen. In­dem die Be­klag­te nicht ein­mal be­reit war, das Ar­beits­verhält­nis bis zum 31.12.2012 fort­zu­set­zen, hat sie sich über die be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Klägers in er­heb­li­cher Wei­se hin­weg­ge­setzt.

Nr. 2 der Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung, in dem die ord­nungs­gemäße Ab­rech­nung des Ar­beits­verhält­nis­ses und die Aus­zah­lung des Net­to­be­tra­ges an den Kläger ver­ein­bart wor­den ist, enthält ei­ne Selbst­verständ­lich­keit. Nr. 3, die vor­sieht, dass der Ar­beit­neh­mer sei­ne Ar­beits­leis­tung bis zum Aus­tritts­ter­min er­bringt, ist für den vor­lie­gen­den Fall, in dem das Ar­beits­verhält­nis am 28.12.2012 en­den soll­te, oh­ne Be­lang. So­weit die Par­tei­en un­ter Nr. 4 darüber ei­nig wa­ren, dass be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche in Na­tu­ra ab­ge­gol­ten sind, führt die­ser Tat­sa­chen­ver­gleich für den Fall, dass dem Kläger noch Rest­ur­laubs­ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis zu­stan­den und grundsätz­lich Über­tra­gungs­gründe gemäß § 15 Nr. 7 MTV Ein­zel­han­del NRW vor­la­gen, so­gar zu ei­ner Verkürzung der Rech­te des Klägers. Ob die Re­ge­lung un­ter Nr. 5 des Auf­he­bungs­ver­tra­ges mit § 11 Nr. 13 MTV Ein­zel­han­del NRW im Ein­klang steht, kann vor­lie­gend da­hin­ste­hen. Je­den­falls er­ge­ben sich sum­mie­ren­de dem Kläger zum Nach­teil ge­rei­chen­de Ef­fek­te auch in­so­weit, als ne­ben dem Ver­zicht auf Be­denk­zeit und der Möglich­keit ei­nes Wi­der­rufs in Nr. 8 in Nr. 9 auf die Ein­le­gung von Rechts­mit­teln (Kla­ge etc.) ver­ein­bart wur­de. Mit dem wei­te­ren Ver­zicht in Nr. 8 auf Hin­wei­se der Ar­beit­ge­be­rin bezüglich et­wai­ger ar­beits-, steu­er- so­wie so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Kon­se­quen­zen aus dem Auf­he­bungs­ver­trag hat sich die Be­klag­te zu­dem von jeg­li­cher Ver­ant­wor­tung frei­ge­zeich­net, ob­wohl sie nach § 2 Abs. 2 Nr. 3 SGB III ge­setz­lich ver­pflich­tet ist, Ar­beit­neh­mer vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses frühzei­tig un­ter an­de­rem über die Ver­pflich­tung zur Mel­dung bei der Agen­tur für Ar­beit zu in­for­mie­ren.

Der Auf­he­bungs­ver­trag vom 28.12.2012 ent­spricht da­mit auch nicht dem Grund­ge­dan­ken des § 779 BGB, wo­nach ei­ne recht­li­che Un­klar­heit ein­ver­nehm­lich, durch Ver­gleich oder ver­gleichsähn­lich be­rei­nigt wer­den kann. Die­se Vor­schrift setzt ein ge­gen­sei­ti­ges Nach­ge­ben vor­aus, zielt al­so auf ei­nen ge­gen­sei­ti­gen In­ter­es­sen­aus­gleich ab (vgl. BAG vom 15.09.2009, 3 AZR 173/08, NZA 2010, 342). Im vor­lie­gen­den Fall hat die Be­klag­te aber nicht nach­ge­ge­ben. Sie hat die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu ei­nem Ter­min her­bei­geführt, den sie bei Aus­spruch ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung kaum hätte ein­hal­ten können. Durch den Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges wer­den für den Ar­beit­neh­mer die Möglich­kei­ten ei­ner ge­richt­li­chen Über­prüfung der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­dem er­heb­lich er­schwert. Mit der Kla­ge­ver­zichts­ver­ein­ba­rung un­ter Nr. 9 des Auf­he­bungs­ver­tra­ges hat die Be­klag­te zu­dem den Ver­such un­ter­nom­men, ih­re Rechts­po­si­ti­on oh­ne Rück­sicht auf die In­ter­es­sen des Klägers in­so­weit zu ver­bes­sern und die­sem die Möglich­keit ei­ner ge­richt­li­chen Über­prüfung zu neh­men.

III

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 91 Abs. 1 ZPO.

Die Re­vi­si­on ist gemäß § 72 Abs. 2 ArbGG zu­ge­las­sen wor­den.

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