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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Aufwendungsersatz, Lehrer
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 9 AZR 455/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 12.03.2013
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Stade, Urteil vom 24.6.2010 - 1 Ca 33/10
Landesarbeitsgericht Niedersachsen, Urteil vom 2.5.2011 - 8 Sa 1258/10
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


9 AZR 455/11
8 Sa 1258/10
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Nie­der­sach­sen

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

12. März 2013

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

be­klag­tes, be­ru­fungs­be­klag­tes, re­vi­si­ons­kla­gen­des und re­vi­si­ons­be­klag­tes Land,

pp.

Kläger, Be­ru­fungskläger, Re­vi­si­ons­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 12. März 2013 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Suckow und
 


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Klo­se so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Neu­mann und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Leit­ner für Recht er­kannt:


1. Die Re­vi­si­on des be­klag­ten Lan­des ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen vom 2. Mai 2011 - 8 Sa 1258/10 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Der Kläger hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu drei Vier­teln, das be­klag­te Land hat sie zu ei­nem Vier­tel zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Der Kläger be­gehrt von dem be­klag­ten Land die Er­stat­tung des Kauf­prei­ses für ein Schul­buch.


Der Kläger ist beim be­klag­ten Land als Leh­rer an­ge­stellt. Er hat­te im Schul­jahr 2008/2009 in der fünf­ten Klas­se an der Haupt­schu­le in B Ma­the­ma­tik zu un­ter­rich­ten. Träger der Schu­le ist die Stadt B. Das be­klag­te Land stell­te dem Kläger das von der Klas­sen­kon­fe­renz für den Un­ter­richt be­stimm­te Schul­buch zu Be­ginn des Schul­jah­res im Au­gust 2008 nicht zur Verfügung. Be­reits im Vor­jahr hat­te der Kläger das be­klag­te Land er­folg­los auf­ge­for­dert, ihm ein für den Un­ter­richt er­for­der­li­ches Schul­buch zu über­las­sen. Nach­dem der Lei­ter der Haupt­schu­le die Über­las­sung des für den Ma­the­ma­tik­un­ter­richt im Schul­jahr 2008/2009 benötig­ten Schul­buchs aus der Schul­bi­blio­thek ab­ge­lehnt hat­te, kauf­te der Kläger das Buch selbst. Der Kläger, der be­reit war, das Schul­buch dem be­klag­ten Land zu übe­reig­nen, ver­lang­te von die­sem oh­ne Er­folg die Er­stat­tung des Kauf­prei­ses in Höhe von 14,36 Eu­ro.


Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, 


das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, an ihn 14,36 Eu­ro nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 6. April 2009 zu zah­len.
 


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Das be­klag­te Land hat die Ab­wei­sung der Kla­ge mit der Be­gründung be­an­tragt, die Kos­ten für Lehr­mit­tel und da­mit auch für Schulbücher ha­be die Stadt B als Träge­rin der Haupt­schu­le zu tra­gen. Der Kläger sol­le sich an die Ge­mein­de wen­den oder die Kos­ten für den Er­werb des Schul­buchs im Rah­men der Steu­er­erklärung gel­tend ma­chen.


Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Auf die Be­ru­fung des Klägers hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts - so­weit für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren von In­ter­es­se - ab­geändert und der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Mit der von dem Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on be­gehrt das be­klag­te Land die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils.


Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on des be­klag­ten Lan­des ist nicht be­gründet. Zu Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt das kla­ge­ab­wei­sen­de Ur­teil des Ar­beits­ge­richts auf die Be­ru­fung des Klägers ab­geändert. Das be­klag­te Land ist ver­pflich­tet, dem Kläger den Kauf­preis für das Schul­buch zu er­stat­ten.

I. Der An­spruch des Klägers folgt aus ei­ner ent­spre­chen­den An­wen­dung des § 670 BGB.

1. Gemäß § 670 BGB ist der Auf­trag­ge­ber zum Er­satz ver­pflich­tet, wenn der Be­auf­trag­te zum Zwe­cke der Ausführung des Auf­trags Auf­wen­dun­gen macht, die er den Umständen nach für er­for­der­lich hal­ten darf. § 670 BGB kann auf Ar­beits­verhält­nis­se ent­spre­chend an­ge­wen­det wer­den (st. Rspr., vgl. BAG 12. April 2011 - 9 AZR 14/10 - Rn. 25 mwN). Macht der Ar­beit­neh­mer im In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers Auf­wen­dun­gen, die nicht durch die Vergütung ab­ge­gol­ten sind, ist der Ar­beit­ge­ber des­halb zum Er­satz die­ser Auf­wen­dun­gen ver­pflich­tet (vgl. BAG 16. Ok­to­ber 2007 - 9 AZR 170/07 - Rn. 23, BA­GE 124, 210).



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a) Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung des § 670 BGB lie­gen vor. Der Kauf­preis für das Schul­buch ist ei­ne Auf­wen­dung, die der Kläger zwecks Er­brin­gung der ver­trag­lich ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung und da­mit im In­ter­es­se des be­klag­ten Lan­des tätig­te. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des be­klag­ten Lan­des ist es ei­nem an­ge­stell­ten Leh­rer grundsätz­lich nicht zu­mut­bar, die Kos­ten für die Be­schaf­fung von Ar­beits­mit­teln, die zur sach­ge­rech­ten Durchführung des Un­ter­richts zwin­gend er­for­der­lich sind, selbst zu tra­gen (vgl. zu be­am­te­ten Lehr­kräften: OVG Rhein­land-Pfalz 26. Fe­bru­ar 2008 - 2 A 11288/07 - zu (1) der Gründe). Darüber, dass der Kläger oh­ne das Schul­buch nicht ord­nungs­gemäß Ma­the­ma­tik­un­ter­richt hätte er­tei­len können, be­steht kein Streit.


b) Der Ein­wand des be­klag­ten Lan­des, der Kläger ha­be das Buch zu Be­ginn des Schul­jah­res vor­schnell ei­genmäch­tig er­wor­ben und ihm da­mit die Möglich­keit ei­ner an­der­wei­ti­gen Be­schaf­fung ge­nom­men, ver­hilft der Re­vi­si­on nicht zum Er­folg. Nach den von der Re­vi­si­on nicht an­ge­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts hat das be­klag­te Land we­der vor noch kurz nach dem Be­ginn des Schul­jah­res Dis­po­si­tio­nen ge­trof­fen, die auf die Be­schaf­fung oder Über­las­sung des für ei­nen ord­nungs­gemäßen Ma­the­ma­tik­un­ter­richt er­for­der­li­chen Schul­buchs ge­rich­tet wa­ren. Viel­mehr hat es dem Kläger meh­re­re Mo­na­te nach Be­ginn des Schul­jah­res - wie be­reits im Vor­jahr - in ei­nem Schrei­ben vom 7. No­vem­ber 2008 mit­ge­teilt, Lehr­mit­tel wie Schulbücher sei­en nicht von ihm, son­dern vom Schulträger zur Verfügung zu stel­len.

c) Die Re­vi­si­on rügt ver­geb­lich, der Kläger ha­be das Schul­buch für den Ei­gen­be­darf er­wor­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist in den Ent­schei­dungs­gründen da­von aus­ge­gan­gen, der Kläger ha­be le­dig­lich die Nut­zung des Bu­ches er­strebt, nicht aber endgülti­ges Ei­gen­tum an ihm be­gründen wol­len. Der Se­nat ist an die­se Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts ge­bun­den (§ 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Denn das be­klag­te Land hat sie nicht in gehöri­ger Wei­se an­ge­grif­fen, ins­be­son­de­re hat es nicht die Be­rich­ti­gung des Tat­be­stands nach § 320 Abs. 1 ZPO be­an­tragt. Zwar be­han­delt § 320 ZPO nur die Be­rich­ti­gung des


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Tat­be­stands, nicht auch die der Ent­schei­dungs­gründe. Zum Tat­be­stand im Sin­ne die­ser Norm gehört je­doch auch das in den Ent­schei­dungs­gründen ent­hal­te­ne tatsächli­che Vor­brin­gen der Par­tei­en (vgl. BAG 23. Fe­bru­ar 2005 - 4 AZR 139/04 - zu II 4 b bb (1) der Gründe, BA­GE 114, 33).

d) So­weit das be­klag­te Land sei­ne Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on in Ab­re­de stellt, über­sieht es, dass § 670 BGB im Streit­fall al­lein es selbst, nicht aber die Stadt B ver­pflich­tet.


aa) Gemäß § 112 Abs. 1 Halb­satz 1 des Nie­dersäch­si­schen Schul­ge­set­zes (NSchG) idF vom 3. März 1998 (Nds. GVBl. S. 137), zu­letzt geändert durch Art. 3 des Ge­set­zes vom 17. Ju­li 2012 (Nds. GVBl. S. 244), trägt das be­klag­te Land die persönli­chen Kos­ten für die Lehr­kräfte an öffent­li­chen Schu­len. Zu den persönli­chen Kos­ten zählen die Per­so­nal­aus­ga­ben im Sin­ne des Lan­des­haus­halts­rechts und die Rei­se­kos­ten (§ 112 Abs. 2 Satz 1 NSchG). Dem­ge­genüber fal­len dem Schulträger die sächli­chen Kos­ten der öffent­li­chen Schu­len zur Last (§ 113 Abs. 1 Satz 1 NSchG). Hier­zu gehören auch die persönli­chen Kos­ten, so­weit die­se nicht das be­klag­te Land trägt (§ 113 Abs. 1 Satz 2 NSchG).

bb) Die ge­nann­ten Vor­schrif­ten re­geln die Kos­ten­tra­gungs­pflicht im In­nen­verhält­nis zwi­schen Dienst­herr und Schulträger. Die Stel­lung des be­klag­ten Lan­des als Schuld­ner des von dem Kläger er­ho­be­nen Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruchs wird durch et­wai­ge Er­stat­tungs­ansprüche des be­klag­ten Lan­des ge­genüber der Stadt B nicht berührt. Selbst wenn der Kläger ei­nen Er­stat­tungs­an­spruch ge­gen die Stadt B hätte, ent­las­te­te dies das be­klag­te Land nicht. In die­sem Fal­le ständen dem Kläger zwei Schuld­ner ge­genüber, de­ren Haf­tung sich nach den Re­geln über die Ge­samt­schuld (§ 421 BGB) rich­te­te.


2. Das be­klag­te Land ist ver­pflich­tet, den zu er­stat­ten­den Be­trag mit ei­nem Zins­satz iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 6. April 2009 zu ver­zin­sen, § 286 Abs. 1 Satz 1, § 288 Abs. 1 BGB.


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II. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 1 Satz 1 Alt. 2, § 97 Abs. 1, §§ 565, 516 Abs. 3 Satz 1 ZPO. Der Kläger hat sei­ne Re­vi­si­on zurück­ge­nom­men. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten war nicht er­folg­reich.

Brühler 

Klo­se 

Suckow

Leit­ner 

Neu­mann

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