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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Betriebsbuße, Mitbestimmung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 1 ABR 100/88
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 17.10.1989
   
Leit­sätze:

Auf Verstöße des Ar­beit­neh­mers ge­gen sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten kann der Ar­beit­ge­ber mit in­di­vi­du­al-recht­li­chen Mit­teln, ei­ner Ab­mah­nung, ei­ner Ver­set­zung, ei­ner Kündi­gung oder ei­ner ver­ein­bar­ten Ver­trags­stra­fe re­agie­ren. Hin­sicht­lich sol­cher Maßnah­men ist der Be­triebs­rat nur nach §99 bzw 5 102 Be­trVG zu be­tei­li­gen. Da­bei ist es un­er­heb­lich, ob die gerügten Verstöße sol­che ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung oder sol­che ge­gen An­ord­nun­gen hin­sicht­lich des Ar­beits­ver­hal­tens sind.

Sank­tio­nen für Verstöße des Ar­beit­neh­mers ge­gen sei­ne ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen, die über die in­di­vi­du­al­recht­li­chen Möglich­kei­ten des Ar­beit­ge­bers hin­aus­ge­hen, sind nur als Be­triebs­bußen möglich.

Be­triebs­bußen können nur auf­grund ei­ner zwi­schen den Be­triebs­part­nern ver­ein­bar­ten Be­triebs­bußen­ord­nung und nur für Verstöße ge­gen die Re­geln über das Ord­nungs­ver­hal­ten verhängt wer­den.

Aus dem Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats hin­sicht­lich der Auf­stel­lung ei­ner Be­triebs­bußen­ord­nung und der Verhängung von Be­triebs­bußen im Ein­zel­fall folgt - so­lan­ge ei­ne Be­triebs­bußen­ord­nung nicht be­steht - nicht, daß bei ei­ner vom Ar­beit­ge­ber gleich­wohl verhäng­ten Be­triebs­buße der Be­triebs­rat mit­zu­be­stim­men hat. Die ein­sei­tig vom Ar­beit­ge­ber verhäng­te Be­triebs­buße ist viel­mehr un­wirk­sam.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt am Main, Beschluß vom 6.10.1987 - 8 BV 18/87
Landesarbeitsgericht Frankfurt am Main, Beschluß vom 18.10.1988 - 5 TaBV 168/87
   


1 ABR 100/88
5 TaBV 168/87 Frank­furt am Main

Verkündet am
17. Ok­to­ber 1989

Zeu­ner,

Amts­in­spek­tor

als Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le 

Im Na­men des Vol­kes!

Be­schluß

In dem Be­schlußver­fah­ren


un­ter Be­tei­li­gung

pp.



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hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts in der Sit­zung vom 17. Ok­to­ber 1989 durch den Präsi­den­ten Pro­fes­sor Dr. Kis­sel, die Rich­ter Mat­thes und Pro­fes­sor Dr. Wel­ler so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Schmidt und Dr. Wohl­ge­muth be­schlos­sen:

Auf die Rechts­be­schwer­de der Grup­pen­ver­tre­tung wird fest­ge­stellt, daß der Grup­pen­ver­tre­tung bei durch den Ar­beit­ge­ber ge­genüber Flug­be­glei­tern aus­ge­spro­che­nen beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen ein Mit­be­stim­mungs­recht zu­steht.

In­so­weit wird der Be­schluß des Lan­des­ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 18. Ok­to­ber 1988 - 5 TaBV 168/87 - auf­ge­ho­ben und der Be­schluß des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 6. Ok­to­ber 1987 - 8 Bv 18/87 - ab­geändert.

Im übri­gen wird die Rechts­be­schwer­de zurück­ge­wie­sen.

V o n R e c h t s w e g e n !



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G r ü n d e :


A. Die Grup­pen­ver­tre­tung der Ste­war­des­sen/Ste­wards - im fol­gen­den nur Grup­pen­ver­tre­tung - ist die auf­grund des Ta­rif­ver­tra­ges Per­so­nal­ver­tre­tung für das Bord­per­so­nal vom 15. No­vem­ber 1972 (TV PV) ge­bil­de­te Be­triebs­ver­tre­tung der Flug­be­glei­ter der Deut­schen Luft­han­sa (im fol­gen­den nur Ar­beit­ge­ber).

Der Ar­beit­ge­ber re­agiert auf Ver­hal­tens­wei­sen sei­ner Mit­ar­bei­ter, die er als Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Pflich­ten an­sieht, mit ei­nem Schrei­ben, das von ihm als "Er­mah­nung", "Rüge" oder "schwer­wie­gen­de Rüge" be­zeich­net wird. Die­se Schrei­ben wer­den zur Per­so­nal­ak­te des Mit­ar­bei­ters ge­nom­men und ver­blei­ben dort drei Jah­re, bei ei­ner schwer­wie­gen­den Rüge fünf Jah­re, so­fern nicht vor Ab­lauf die­ser Frist ei­ne er­neu­te Er­mah­nung oder Rüge er­folgt. Al­le die­se Schrei­ben sind mit dem Hin­weis ver­bun­den, daß der Mit­ar­bei­ter im Wie­der­ho­lungs­fall mit wei­ter­ge­hen­den ar­beits­recht­li­chen Maßnah­men rech­nen müsse. In ei­nem "PS" zu die­sem Schrei­ben heißt es wei­ter:

"Die­ses Schrei­ben gibt die Mei­nung der Geschäfts­lei­tung wie­der. Es stellt kei­ne Ord­nungs­maßnah­me im Sin­ne ei­ner Be­triebs­bußen­ord­nung dar, zu der die Mit­wir­kung der Per­so­nal­ver­tre­tung er­for­der­lich wäre."

Ent­spre­chend die­ser Pra­xis schrieb der Ar­beit­ge­ber am 5. Sep­tem­ber 1986 an den Flug­be­glei­ter F. wie folgt:

"Wir ha­ben lei­der Ver­an­las­sung, Sie dar­auf an­zu­spre­chen, daß Sie Ih­re ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten nur man­gel­haft erfüllt ha­ben. Wie uns der Brie-

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fing­dienst F mit­teil­te, er­schie­nen Sie zu Ih­rem Ein­satz LH am 22.08.1986 mit ei­ner Ver­spätung von 100 Mi­nu­ten. Aus die­sem Grun­de mußte ein Stand­by ak­ti­viert wer­den und kam zum Ein­satz.

Ihr Ver­hal­ten se­hen wir als Nicht­be­ach­tung der in der DV FLU 1.4.10. - 11. nie­der­ge­leg­ten Be­stim­mun­gen an.

Nach­dem wir Sie be­reits am 14.06.1984 we­gen ei­nes Ein­satz­versäum­nis­ses ab­mah­nen mußten, er­tei­len wir Ih­nen hier­mit ei­ne RÜGE mit dem Hin­weis, daß Sie im Wie­der­ho­lungs­fall mit wei­ter­ge­hen­den ar­beits­recht­li­chen Maßnah­men zu rech­nen ha­ben."

Das Schrei­ben enthält das übli­che "PS" so­wie ei­ne Mit­tei­lung über die Auf­be­wah­rungs­frist des Schrei­bens in der Per­so­nal­ak­te. Bei die­sem Schrei­ben hat der Ar­beit­ge­ber wie auch sonst in al­len gleich­ge­la­ger­ten Fällen die Grup­pen­ver­tre­tung nicht be­tei­ligt.

Die in dem Schrei­ben erwähn­te "DV FLU" ist ein um­fang­rei­ches Hand­buch, das die Dienst­vor­schrif­ten für Flug­be­glei­ter enthält. Im Vor­wort heißt es, daß die­se Dienst­vor­schrif­ten auf dem Recht des Ar­beit­ge­bers be­ru­hen, zur Wah­rung sei­ner Geschäfts­in­ter­es­sen, ins­be­son­de­re zur ord­nungs­gemäßen Durchführung des Flug­be­trie­bes, sei­nen Mit­ar­bei­tern Wei­sun­gen zu er­tei­len. Die Dienst­vor­schrif­ten sei­en un­trenn­ba­rer Be­stand­teil des mit dem Flug­be­glei­ter ab­ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­tra­ges.

Die Grup­pen­ver­tre­tung be­zeich­net die­se Schrei­ben als "beförde­rungs­hem­men­de Mißbil­li­gun­gen" der Flug­be­glei­ter. Die beförde­rungs­hem­men­de Wir­kung die­ser Schrei­ben lei­tet sie aus dem fol­gen­den Sach­ver­halt ab:

In 6 Abs. 3 des Ta­rif­ver­tra­ges über den Förde­rungs­auf­stieg
 


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und den Cock­pit-Crew-Tausch vom 7. April 1979 heißt es:

Erfüllen meh­re­re ge­eig­ne­te Be­wer­ber die fest­ge­setz­ten Be­din­gun­gen, wer­den die aus­ge­schrie­be­nen Stel­len nach der Se­nio­rität be­setzt, es sei denn, der Be­wer­ber hat ei­ne vor­ge­schrie­be­ne Ver­weil­dau­er noch nicht erfüllt bzw. sei­ne Förde­rung würde ei­ne Um­schu­lungs­quo­te über­stei­gen.

In den Aus­schrei­bungs­richt­li­ni­en des Ar­beit­ge­bers für freie Stel­len im Rah­men der in­ner­be­trieb­li­chen Stel­len­be­set­zung heißt es, daß als nicht ge­eig­net im Sin­ne des 5 6 Abs. 3 des Ta­rif­ver­tra­ges über den Förde­rungs­auf­stieg der Be­wer­ber gilt,

der in­ner­halb der letz­ten zwölf Mo­na­te durch ei­ne Rüge we­gen Ver­s­toßes ge­gen die in­ne­re Ord­nung ab­ge­mahnt wor­den ist bzw. An­laß zu we­sent­li­chen schrift­li­chen Be­an­stan­dun­gen we­gen Ver­s­toßes ge­gen die äußere Ord­nung ge­ge­ben hat.

Die Grup­pen­ver­tre­tung ist der An­sicht, ihr ste­he bei sol­chen beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen ein Mit­be­stim­mungs­recht zu. Nach § 77 Abs. 1 Nr. 1 TV PV ha­be sie - so­weit ei­ne ge­setz­li­che oder ta­rif­li­che Re­ge­lung nicht be­steht - mit­zu­be­stim­men bei:

1. Fra­gen der Ord­nung des Be­trie­bes und des Ver­hal­tens der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb.
...

Die beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen stell­ten sich als ei­ne Be­triebs­buße dar, de­ren Verhängung mit­be­stim­mungs­pflich­tig sei. Der Ar­beit­ge­ber rüge da­mit ein Ver­hal­ten ei­nes Mit­ar­bei­ters ge­gen die kol­lek­ti­ve Ord­nung des Be­trie­bes. Die­se Rüge ge­he über ei­ne bloße Ab­mah­nung hin­aus, da sie in der Drei­tei­lung "Er­mah­nung", "Rüge" und "schwer­wie­gen­de Rüge" ei­ne nach der Schwe­re des

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gerügten Ver­hal­tens ab­ge­stuf­te Sank­ti­on ent­hal­te und darüber hin­aus au­to­ma­tisch zu ei­ner Beförde­rungs­sper­re führe, da der so gerügte Mit­ar­bei­ter nicht mehr als ge­eig­net für ei­ne Förde­rung gel­te. Auch die Rüge ge­genüber dem Flug­be­glei­ter F. ha­be ei­nen Ver­s­toß ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung zum Ge­gen­stand. Durch des­sen ver­späte­te Dienst­auf­nah­me sei die­se kol­lek­ti­ve Ord­nung be­ein­träch­tigt wor­den, was sich schon dar­aus er­ge­be, daß ein Stand­by ha­be ak­ti­viert wer­den müssen. Da sie bei die­ser Rüge nicht be­tei­ligt wor­den sei, sei die dem Flug­be­glei­ter F. ge­genüber aus­ge­spro­che­ne Rüge un­wirk­sam.

Die Grup­pen­ver­tre­tung hat da­her im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren be­an­tragt

1. fest­zu­stel­len, daß die dem Flug­be­glei­ter F. ge­genüber aus­ge­spro­che­ne schrift­li­che Rüge vom 5. Sep­tem­ber 1986 rechts­un­wirk­sam ist,

2. dem Ar­beit­ge­ber zu un­ter­sa­gen, beförde­rungs­hem­men­de Mißbil­li­gun­gen ge­genüber Flug­be­glei­tern oh­ne Zu­stim­mung der Grup­pen­ver­tre­tung bzw. Er­set­zung der Zu­stim­mung durch den Spruch ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le aus­zu­spre­chen,

hilfs­wei­se,

fest­zu­stel­len, daß der Grup­pen­ver­tre­tung bei durch den Ar­beit­ge­ber ge­genüber Flug­be­glei­tern aus­ge­spro­che­nen beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen ein Mit­be­stim­mungs­recht zu­steht.

Der Ar­beit­ge­ber hat be­an­tragt, die Anträge ab­zu­wei­sen. Er ist der An­sicht, die ge­nann­ten Schrei­ben sei­en recht­lich als Ab­mah­nun­gen zu wer­ten, bei de­nen der Grup­pen­ver­tre­tung kein Mit­be­stim­mungs­recht zu­ste­he. Den Schrei­ben kom­me kein Straf­cha­rak­ter

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zu. Die Stu­fen­fol­ge der Ab­mah­nun­gen und die Fris­ten für de­ren Til­gung lägen al­lein im In­ter­es­se der Ar­beit­neh­mer. Ge­genüber dem Flug­be­glei­ter F. sei kein Ver­s­toß ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung, son­dern le­dig­lich ein Ver­s­toß ge­gen ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten gerügt wor­den.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Anträge der Grup­pen­ver­tre­tung ab­ge­wie­sen, das Lan­des­ar­beits­ge­richt de­ren Be­schwer­de zurück­ge­wie­sen. Mit der zu­ge­las­se­nen Rechts­be­schwer­de ver­folgt die Grup­pen­ver­tre­tung ih­re Anträge wei­ter, während der Ar­beit­ge­ber um Zurück­wei­sung der Rechts­be­schwer­de bit­tet.

B. Die Rechts­be­schwer­de der Grup­pen­ver­tre­tung ist teil­wei­se be­gründet. Die beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen der Flug­be­glei­ter un­ter­lie­gen ih­rer Mit­be­stim­mung. Im übri­gen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Anträge zu Recht ab­ge­wie­sen.

I. Nicht al­le Anträge der Grup­pen­ver­tre­tung sind zulässig.

1. Der An­trag der Grup­pen­ver­tre­tung fest­zu­stel­len, daß die Rüge ge­genüber dem Flug­be­glei­ter F. un­wirk­sam sei, ist ent­ge­gen der
An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts un­zulässig. Nach § 256 ZPO, der auch im Be­schlußver­fah­ren An­wen­dung fin­det, kann nur die Fest­stel­lung ei­nes Rechts­verhält­nis­ses be­an­tragt wer­den. Die Un­wirk­sam­keit ei­ner Maßnah­me be­trifft aber nicht die Fest­stel­lung ei­nes
Rechts­verhält­nis­ses, son­dern hat die Fest­stel­lung ei­ner Tat­sa­che zum In­halt. Ein auf ei­ne sol­che Fest­stel­lung ge­rich­te­ter An­trag ist nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Se­nats un­zulässig

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(Ur­teil vom 12. Sep­tem­ber 1984, BA­GE 46, 322 = AP Nr. 81 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf; zu­letzt Ur­teil vom 27. Ju­ni 1989 - 1 AZR 404/88 -, zur Veröffent­li­chung vor­ge­se­hen).

Al­ler­dings hat der Sieb­te Se­nat in sei­nem Ur­teil vom 28. April 1982 (BA­GE 39, 32 = AP Nr. 4 zu § 87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße) den An­trag ei­nes Ar­beit­neh­mers auf Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit ei­ner als Dis­zi­pli­nar­maßnah­me aus­ge­spro­che­nen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses für zulässig ge­hal­ten. Er hat dies da­mit be­gründet, daß der Ar­beit­neh­mer an ei­ner sol­chen Fest­stel­lung ein recht­li­ches In­ter­es­se ha­be, da da­mit eben­so wie bei der Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung un­mit­tel­bar über den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­schie­den wer­de. Auf den An­trag der Grup­pen­ver­tre­tung kann die­se Über­le­gung nicht über­tra­gen wer­den. Aus ei­ner Ent­schei­dung über die Un­wirk­sam­keit der Rüge ge­genüber dem Flug­be­glei­ter F. er­ge­ben sich kei­ner­lei Aus­wir­kun­gen auf das Rechts­verhält­nis der Grup­pen­ver­tre­tung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber. Es fehlt da­her auch an dem er­for­der­li­chen Fest­stel­lungs­in­ter­es­se.

So­weit das Lan­des­ar­beits­ge­richt sich in­so­weit auf die Ent­schei­dung des Se­nats vom 10. Ju­ni 1986 (BA­GE 52, 150 = AP Nr. 26 zu § 80 Be­trVG 1972) be­zieht, mißver­steht es die­se Ent­schei­dung. In die­ser Ent­schei­dung hat der Se­nat für ei­nen An­trag des Be­triebs­rats auf Fest­stel­lung ei­ner be­stimm­ten Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers das Fest­stel­lungs­in­ter­es­se des­we­gen be­jaht, weil der Be­triebs­rat da­mit ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers zum Streit­ge­gen­stand ge­macht hat, die ge­ra­de ihm ge­genüber be­ste­hen soll­te.

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Da­mit ging es um die Fest­stel­lung ei­nes Rechts­verhält­nis­ses un­mit­tel­bar zwi­schen Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber.

Der An­trag der Grup­pen­ver­tre­tung fest­zu­stel­len, daß die dem Flug­be­glei­ter F. ge­genüber aus­ge­spro­che­ne Rüge un­wirk­sam sei, ist darüber hin­aus auch des­we­gen un­zulässig, weil die Grup­pen­ver­tre­tung da­mit le­dig­lich ein Recht gel­tend macht, das al­len­falls dem Flug­be­glei­ter F. ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber zu­steht. Für ei­ne sol­che in­di­vi­du­al­recht­li­che Strei­tig­keit ist je­doch das Be­schlußver­fah­ren nicht ge­ge­ben. In­so­weit han­delt es sich nicht um ei­ne An­ge­le­gen­heit aus dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz im Sin­ne von 5 2 a Abs. 1 Nr. 1 ArbGG (vgl. die Ent­schei­dung des Se­nats vom 17. Ok­to­ber 1989 - 1 ABR 75/88 -, zur Veröffent­li­chung vor­ge­se­hen).

2. Der Un­ter­las­sungs­an­trag und der hilfs­wei­se ge­stell­te Fest­stel­lungs­an­trag der Grup­pen­ver­tre­tung sind ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beit­ge­bers zulässig. Die­sen Anträgen fehlt es nicht an der er­for­der­li­chen Be­stimmt­heit. Un­ter den Be­tei­lig­ten ist nicht im Streit, wel­che Maßnah­men des Ar­beit­ge­bers mit den "beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen" an­ge­spro­chen sind. Es sind dies die in ständig wie­der­keh­ren­der und gleich­blei­ben­der Form er­fol­gen­den schrift­li­chen Er­mah­nun­gen, Rügen und schwer­wie­gen­den Rügen, um de­ren Mit­be­stim­mungs­pflich­tig­keit die Be­tei­lig­ten strei­ten und de­ren Un­ter­las­sung die Grup­pen­ver­tre­tung be­gehrt, so­lan­ge ihr Mit­be­stim­mungs­recht nicht be­ach­tet wor­den ist.

II. Nur der auf die Fest­stel­lung ih­res Mit­be­stim­mungs­rechts ge-

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rich­te­te Fest­stel­lungs­an­trag der Grup­pen­ver­tre­tung ist zulässig.

1. Die Grup­pen­ver­tre­tung sieht in den beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen durch den Ar­beit­ge­ber zu Recht die Verhängung ei­ner Be­triebs­buße.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat wie­der­holt aus­ge­spro­chen, daß das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG auch das Recht be­inhal­te, so­wohl bei der Auf­stel­lung ei­ner Bußord­nung als auch bei der Verhängung ei­ner Be­triebs­buße im Ein­zel­fall mit­zu­be­stim­men (Ur­teil des Se­nats vom 5. De­zem­ber 1975, RA­GE 27, 366 = AP Nr. 1 zu §87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße; Ur­teil vom 30. Ja­nu­ar 1979 - 1 AZR 342/76 AP Nr. 2 zu § 87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße; vgl. auch Ur­teil des Sieb­ten Se­nats vom 28. April 1982, BA­GE 39, 32 = AP Nr. 4 zu § 87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße). Was für Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­rats nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG gilt, muß an­ge­sichts der wort­glei­chen Re­ge­lung in § 77 Abs. 1 Nr. 1 TV PV auch für Mit­be­stim­mungs­rech­te der Per­so­nal­ver­tre­tun­gen und da­mit auch der Grup­pen­ver­tre­tung gel­ten.

Ge­gen die­se Recht­spre­chung und ge­gen die An­nah­me ei­ner "Straf­ge­walt" der Be­triebs­part­ner über die Ar­beit­neh­mer sind wie­der­holt Be­den­ken gel­tend ge­macht wor­den. Die­se sind in der ge­nann­ten Ent­schei­dung des Sieb­ten Se­nats vom 28. April 1982 (aa0) im ein­zel­nen dar­ge­legt wor­den. Auch der Se­nat hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 22. Ok­to­ber 1985 (RA­GE 50, 29 = AP Nr. 18 zu § 87 Be­trVG 1972 Lohn­ge­stal­tung) auf die­se Be­den­ken ver­wie­sen. Der Se­nat hält je­doch an der auf­ge­zeig­ten Recht­spre­chung fest.

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2. Das von der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts bis­her be­jah­te Recht der Be­triebs­part­ner zur Auf­stel­lung ei­ner Bußord­nung und zur Verhängung von Be­triebs­bußen folgt aus der den Be­triebs­part­nern in 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG gewähr­ten Be­fug­nis, Fra­gen der Ord­nung des Be­trie­bes und des Ver­hal­tens der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb ge­mein­sam und in der Re­gel durch Be­triebs­ver­ein­ba­rung nor­ma­tiv zu re­geln.

a) Die­se be­trieb­li­che Ord­nung als Ge­gen­stand der Mit­be­stim­mung ist das Re­gel­werk, das das Zu­sam­men­le­ben und Zu­sam­men­wir­ken der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb ord­net. Zweck der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats ist es, den Ar­beit­neh­mern an der Ge­stal­tung die­ser be­trieb­li­chen Ord­nung ei­ne gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be zu gewähren (Be­schluß des Se­nats vom 24. März 1981, BA­GE 35, 150 = AP Nr. 2 zu § 87 Be­trVG 1972 Ar­beits­si­cher­heit). Der Se­nat hat da­bei die mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Re­ge­lun­gen, die das Ord­nungs­ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer zum Ge­gen­stand ha­ben, un­ter­schie­den von den­je­ni­gen Re­geln und Maßnah­men, die das Ar­beits­ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers zum Ge­gen­stand ha­ben oder in sons­ti­ger Wei­se le­dig­lich das Verhält­nis der Ar­beit­neh­mer zum Ar­beit­ge­ber be­tref­fen (Be­schluß vom 24. No­vem­ber 1981, BA­GE 37, 112 = AP Nr. 3 zu § 87 Be­trVG 1972 Ord­nung des Be­trie­bes; BA­GE 37, 212 = AP Nr. 6 zu § 87 Be­trVG 1972 Lohn­ge­stal­tung; Be­schluß vom 10. April 1984 - 1 ABR 67/82 - AP Nr. 4 zu § 95 Be­trVG 1972). Die­se be­trieb­li­che Ord­nung, bei de­ren Ge­stal­tung der Be­triebs­rat mit­zu­be­stim­men hat, wird be­stimmt ein­mal durch die in ihr ent­hal­te­nen all­ge­meingülti­gen ver­bind­li­chen Ver­hal­tens­re­geln für eben die­ses Ord­nungs­ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer. Das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats
 


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und da­mit die ge­mein­sa­me Re­ge­lungs­be­fug­nis der Be­triebs­part­ner ist je­doch nicht auf die bloße Nor­mie­rung sol­cher all­ge­meingülti­ger und ver­bind­li­cher Ver­hal­tens­re­geln be­schränkt. In­halt des auf die be­trieb­li­che Ord­nung be­zo­ge­nen Re­gel­wer­kes können auch Re­geln sein, die der Durch­set­zung und Be­wah­rung die­ser be­trieb­li­chen Ord­nung die­nen, sei es, daß sie be­son­de­re An­rei­ze zur Be­ach­tung der be­trieb­li­chen Ord­nung schaf­fen (vgl. die ge­nann­te Ent­schei­dung des Se­nats vom 24. März 1981, aa0, für ei­nen Si­cher­heits­wett­be­werb), sei es, daß sie die Über­wa­chung der Ein­hal­tung die­ser be­trieb­li­chen Ord­nung re­geln (vgl. die Ent­schei­dung des Se­nats vom 10. No­vem­ber 1987, BA­GE 56, 313 = AP Nr. 24 zu 5 77 Be­trVG 1972 für die Über­wa­chung ei­nes all­ge­mei­nen Al­ko­hol­ver­bots). Das Re­gel­werk kann aber auch Vor­schrif­ten darüber ent­hal­ten, wie Verstöße ge­gen die­se be­trieb­li­che Ord­nung zu sank­tio­nie­ren sind, und das Ver­fah­ren re­geln, in dem sol­che Sank­tio­nen verhängt wer­den. Dem Kom­plex die­ser Re­ge­lun­gen gehören ei­ne be­trieb­li­che Bußord­nung und et­wai­ge Vor­schrif­ten über die Verhängung ei­ner Be­triebs­buße im Ein­zel­fall an, de­ren Mit­be­stim­mungs­pflich­tig­keit das Bun­des­ar­beits­ge­richt in den ge­nann­ten Ent­schei­dun­gen be­jaht hat. Ei­ne sol­che Bußord­nung ein­sch­ließlich der Vor­schrif­ten über das Verhängen von Be­triebs­bußen können die Be­triebs­part­ner ver­ein­ba­ren, oh­ne daß hier darüber zu ent­schei­den wäre, wie weit die Straf­ge­walt der Be­triebs­part­ner bei ei­ner sol­chen Bußord­nung geht und wel­che Bußen für Verstöße ge­gen die be­trieb­li­che Ord­nung al­len­falls vor­ge­se­hen wer­den können (vgl. da­zu die schon ge­nann­te Ent­schei­dung des Sieb­ten Se­nats vom 28. April 1982, aa0, hin­sicht­lich ei­ner Ent­las­sung als Be­triebs­buße).

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b) Be­triebs­bußen als Sank­ti­on für ei­nen Ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers ge­gen die nor­ma­tiv ge­re­gel­te Ord­nung des Be­trie­bes können je­doch nur verhängt wer­den, wenn ei­ne von den Be­triebs­part­nern ver­ein­bar­te Bußord­nung be­steht und die­se Be­triebs­bußen für be­stimm­te Verstöße vor­sieht. So­lan­ge es an ei­ner sol­chen be­trieb­li­chen Bußord­nung fehlt, fehlt auch für die Verhängung von Be­triebs­bußen je­de Rechts­grund­la­ge. Vom Ar­beit­ge­ber gleich­wohl verhäng­te Be­triebs­bußen sind un­wirk­sam.

Wenn Be­triebs­bußen als Sank­tio­nen für Verstöße ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung zulässig sind, dann stel­len sie "Stra­fen" für ein von die­ser Ord­nung ver­bo­te­nes Ver­hal­ten dar. Wie für Kri­mi­nal­stra­fen muß dann aber auch für Be­triebs­stra­fen, Be­triebs­bußen, der Grund­satz gel­ten, daß sol­che Stra­fen nur zulässig sind, wenn zu­vor der Straf­tat­be­stand ein­sch­ließlich sei­ner Straf­fol­ge nor­miert wor­den ist. Der Grund­satz "nul­la poe­na si­ne le­ge" muß auch hin­sicht­lich ei­ner be­trieb­li­chen Straf­ge­walt und da­mit ei­ner Be­triebs­buße gel­ten. Da­mit setzt je­de Be­triebs­buße das Vor­han­den­sein ei­ner mit­be­stimm­ten Be­triebs­bußen­ord­nung vor­aus, die den An­for­de­run­gen hin­sicht­lich der aus­rei­chen­den Be­stimmt­heit bußbe­wehr­ter Tat­bestände und der ver­wirk­ten Buße genügt. Oh­ne ei­ne sol­che Bußord­nung kann ei­ne Be­triebs­buße auch nicht un­ter Be­tei­li­gung und Zu­stim­mung des Be­triebs­rats verhängt wer­den. Eben­so­we­nig wie ein Ge­richt oh­ne ein ent­spre­chen­des Straf­ge­setz ei­ne Stra­fe aus­spre­chen kann, können die Be­triebs­part­ner auch nicht ge­mein­sam oh­ne ei­ne Bußord­nung ei­ne Be­triebs­buße aus­spre­chen.

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Dar­auf läuft aber das Be­geh­ren der Grup­pen­ver­tre­tung hin­aus, wenn sie mit ih­rem An­trag vom Ar­beit­ge­ber die Un­ter­las­sung beförde­rungs­hem­men­der Mißbil­li­gun­gen be­gehrt, so­lan­ge sie die­sen nicht zu­ge­stimmt hat oder ih­re Zu­stim­mung durch ei­nen Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le er­setzt wor­den ist. Da­mit ist der Un­ter­las­sungs­an­trag un­be­gründet.

3. Die vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­nen beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen stel­len sich als Be­triebs­bußen dar. Sie ge­hen über das hin­aus, was dem Ar­beit­ge­ber an in­di­vi­du­al­recht­li­chen Mit­teln zur Verfügung steht, um auf ein Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers zu re­agie­ren, das er als Ver­let­zung von Pflich­ten des Ar­beit­neh­mers an­sieht.

a) Der Ar­beit­ge­ber kann ein Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers, das er als ei­ne Ver­let­zung sei­ner Pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag an­sieht, "ab­mah­nen". In­halt ei­ner Ab­mah­nung ist es, ein be­stimm­tes Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers als Ver­trags­ver­let­zung auf­zu­zei­gen, für die Zu­kunft die Ein­hal­tung der ver­trag­li­chen Pflich­ten zu for­dern und für den Fall ei­nes er­neu­ten Ver­s­toßes Fol­ge­run­gen für das Ar­beits­verhält­nis an­zu­dro­hen. Ei­ne sol­che Be­an­stan­dung wird re­gelmäßig als "Ab­mah­nung" be­zeich­net, je­doch kommt es auf die äußer­li­che Be­zeich­nung nicht an, so daß auch ei­ne "Rüge" oder ein "Ver­weis" oder ähn­lich be­zeich­ne­te Be­an­stan­dun­gen nur ei­ne Ab­mah­nung dar­stel­len können (BAG Ur­teil vom 7. No­vem­ber 1979 - 5 AZR 962/77 - AP Nr. 3 zu ö 87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße). Ei­ne sol­che Ab­mah­nung un­ter­liegt nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats (BAG Ur­teil vom 30. Ja­nu­ar 1979 - 1 AZR 342/76 - AP Nr. 2 zu

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87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße). Wird sie zur Per­so­nal­ak­te ge­nom­men, kann dem Ar­beit­ge­ber auf An­trag des Ar­beit­neh­mers auf­ge­ge­ben wer­den, die Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te zu ent­fer­nen, wenn die­se zu Un­recht er­folgt ist, sei es, daß das gerügte Ver­hal­ten in Wahr­heit nicht statt­ge­fun­den hat, sei es, daß die­ses Ver­hal­ten kei­ne Ver­let­zung von Ver­trags­pflich­ten dar­stellt.

b) Die Ab­mah­nung ist nicht die ein­zi­ge Möglich­keit, mit der der Ar­beit­ge­ber auf Pflicht­ver­let­zun­gen des Ar­beit­neh­mers re­agie­ren kann. In Be­tracht kommt auch ei­ne Ver­set­zung des Ar­beit­neh­mers oder schließlich ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung. Greift der Ar­beit­ge­ber zu sol­chen Maßnah­men, so un­ter­lie­gen die­se der im Be­triebs­ver­fas­sungs­recht ge­re­gel­ten Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats et­wa nach § 99 oder § 102 Be­trVG. Darüber hin­aus be­steht die Möglich­keit, im Ar­beits­ver­trag nach § 339 BGB ei­ne Ver­trags­stra­fe zu ver­ein­ba­ren (vgl. Ur­teil. des Fünf­ten Se­nats vom 5. Fe­bru­ar 1986 - 5 AM 564/84 - AP Nr. 12 zu § 339 BGB). We­der hin­sicht­lich der Ver­ein­ba­rung ei­ner sol­chen Ver­trags­stra­fe-noch hin­sicht­lich de­ren Gel­tend­ma­chung durch den Ar­beit­ge­ber be­steht ein Be­tei­li­gungs­recht des Be­triebs­rats.

c) Bei der Gel­tend­ma­chung die­ser ge­nann­ten Möglich­kei­ten, auf ein vom Ar­beit­ge­ber nicht für rich­tig ge­hal­te­nes Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers zu re­agie­ren, ist der Ar­beit­ge­ber nicht auf die­je­ni­gen Fälle be­schränkt, in de­nen der Ar­beit­neh­mer ge­gen die­je­ni­gen Pflich­ten ver­s­toßen hat, die le­dig­lich sein Ar­beits­ver­hal­ten, sei­ne Ar­beits­leis­tung be­tref­fen. Auch Verstöße ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung, die das Ord­nungs­ver­hal­ten der Ar­beit-

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neh­mer im oben dar­ge­leg­ten Sin­ne re­gelt, können vom Ar­beit­ge­ber ab­ge­mahnt wer­den. Ei­ne Ab­mah­nung we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen ein be­trieb­li­ches Rauch- oder Al­ko­hol­ver­bot wird nicht des­we­gen mit-be­stim­mungs­pflich­tig, weil dar­in ein Ver­s­toß ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung liegt. Ei­ne Kündi­gung we­gen die­ses Ver­s­toßes be­darf nur der Anhörung des Be­triebs­rats nach 5 102 Be­trVG, nicht aber als Sank­ti­on ei­nes Ver­s­toßes ge­gen die be­trieb­li­che Ord­nung und da­mit als "Be­triebs­buße" nach 5 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG sei­ner Zu­stim­mung. Denn auch ein Ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung ist ein Ver­s­toß ge­gen die Pflich­ten des Ar­beit­neh­mers aus dem Ar­beits­ver­trag. Die­ser schul­det auf­grund sei­nes Ar­beits­ver­tra­ges auch die Be­ach­tung der be­trieb­li­chen Ord­nung. Der Ar­beit­ge­ber kann die­sen Ver­s­toß als ar­beits­ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers mit­be­stim­mungs­frei ab­mah­nen (Ur­teil des Se­nats vom 30. Ja­nu­ar 1979 - 1 AZR 342/76 - AP Nr. 2 zu F 87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße). Dar­aus folgt, daß sich ei­ne Re­ak­ti­on des Ar­beit­ge­bers auf ei­nen Re­gel­ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers nicht des­we­gen schon als - mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge - Be­triebs­buße dar­stellt, weil sich die­ser Ver­s­toß ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung rich­tet und nicht nur ei­ne Ver­let­zung der Ar­beits­pflicht zum In­halt hat.

Da­mit un­ter­schei­den sich Verstöße des Ar­beit­neh­mers ge­gen die Re­geln über das Ord­nungs­ver­hal­ten von Verstößen ge­gen die

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Re­geln über das Ar­beits­ver­hal­ten pur da­durch, daß die Be­triebs­part­ner nach § 87 Abs. 1 1 Be­trVG für Verstöße ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung- und nur für die­se - zusätz­li­che Sank­tio­nen, Be­triebs­bußen, vor­se­hen können. Wel­cher Art die­se Be­triebs­bußen sein sol­len, bleibt im. Rah­men ih­rer Re­ge­lungs­be­fug­nis der Ver­ein­ba­rung der Be­triebs­part­ner über­las­sen, mag es sich um förm­li­che Be­an­stan­dun­gen in Form von "Rügen", "Ver­wei­sen", "stren­gen Ver­wei­sen", um den zeit­wei­li­gen Aus­schluß von Vergüns­ti­gun­gen, um Geld­bußen oder ähn­li­che Dis­zi­pli­nar­mit­tel han­deln.

d) Die vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­nen beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen führen für den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zu ei­ner be­fris­te­ten Beförde­rungs­sper­re.

§ 6 Abs. 3 des Förde­rungs­ta­rif­ver­tra­ges be­stimmt, daß bei meh­re­ren ge­eig­ne­ten Be­wer­bern ei­ne aus­ge­schrie­be­ne Stel­le nach der Se­nio­rität zu be­set­zen ist. Von die­ser Aus­wahl neh­men die vom Ar­beit­ge­ber prak­ti­zier­ten Richt­li­ni­en die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer aus, die in­ner­halb des letz­ten Jah­res durch ei­ne Rüge ab­ge­mahnt wor­den sind oder An­laß zu we­sent­li­chen schrift­li­chen Be­an­stan­dun­gen ge­ge­ben ha­ben. Das gilt un­abhängig da­von, ob das gerügte oder be­an­stan­de­te Ver­hal­ten als sol­ches et­was über die im kon­kre­ten Fall ge­for­der­te Eig­nung ei­nes Be­wer­bers aus­sagt oder nicht. Zwar kann es für den Ein­zel­fall oder auch im Re­gel­fall zu­tref­fen, daß ein Ar­beit­neh­mer, der we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen die in­ne­re Ord­nung durch ei­ne Rüge ab­ge­mahnt wor­den ist, für die zu be­set­zen­de Stel­le schon des­we­gen ob­jek­tiv nicht ge­eig­net ist. Zwin­gend ist ei­ne sol­che An­nah­me je­doch nicht. Ein Ar­beit­neh­mer, der we­gen ir-
 


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gend­ei­nes Ver­s­toßes ge­gen die in­ne­re Ord­nung ab­ge­mahnt wor­den ist, kann gleich­wohl noch ge­eig­net im Sin­ne von 6 Abs. 3 Förde­rungs­ta­rif­ver­trag sein.

Sch­ließt aber ei­ne beförde­rungs­hem­men­de Mißbil­li­gung den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer au­to­ma­tisch auch in den Fällen für ein Jahr von der Förde­rung aus, in de­nen er trotz des gerügten Ver­hal­tens als ge­eig­ne­ter Be­wer­ber in Be­tracht zu zie­hen wäre, so stellt dies ei­ne zusätz­li­che Sank­ti­on für das gerügte Ver­hal­ten dar, die über ei­ne bloße Ab­mah­nung hin­aus­geht. Dar­auf, ob sich die Förde­rungs­sper­re in­ner­halb der Jah­res­frist im Ein­zel­fall aus­wirkt oder nicht, weil für ei­ne Förde­rungs­ent­schei­dung kein An­laß be­steht, kommt es ent­ge­gen der An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht an. Oh­ne Be­deu­tung ist auch, daß der Ar­beit­ge­ber die beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen im Schrei­ben selbst aus­drück­lich nur als Ab­mah­nung be­wer­tet. Sein auf­grund der Richt­li­ni­en prak­ti­zier­tes Ver­hal­ten, der be­fris­te­te Aus­schluß von ei­ner Förde­rung, schließt ei­ne sol­che Be­wer­tung aus.


4. Re­agiert da­mit der Ar­beit­ge­ber re­gelmäßig auf Verstöße der Ar­beit­neh­mer ge­gen ih­re ver­trag­li­chen Pflich­ten - je­den­falls ab ei­ner ge­wis­sen Schwe­re des Ver­s­toßes - nicht nur mit ei­ner Ab­mah­nung, son­dern mit zusätz­li­chen Sank­tio­nen, so er­greift er da­mit Maßnah­men, die nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG bzw. nach § 77 Abs. 1 Nr. 1 TV PV der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats bzw. der Grup­pen­ver­tre­tung un­ter­lie­gen. Zusätz­li­che Sank­tio­nen, Be­triebs­bußen, können nur un­ter Be­ach­tung der in den ge­nann­ten Vor­schrif­ten ge­re­gel­ten Mit­be­stim­mungs­rech­te der Grup­pen­ver­tre­tung in Be-
 


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tracht kom­men.

Da­her ist der An­trag der Grup­pen­ver­tre­tung fest­zu­stel­len, daß ihm beim Aus­spruch beförde­rungs­hem­men­der Mißbil­li­gun­gen ein Mit­be­stim­mungs­recht zu­steht, be­gründet. Mit die­sem An­trag be­gehrt die Grup­pen­ver­tre­tung ei­ne Ent­schei­dung des In­halts, daß der Ar­beit­ge­ber al­lein zum Aus­spruch sol­cher beförde­rungs­hem­men­der Mißbil­li­gun­gen nicht be­rech­tigt ist. Daß die Grup­pen­ver­tre­tung selbst hin­sicht­lich des In­halts ih­res Mit­be­stim­mungs­rechts bei beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gun­gen von der - wie dar­ge­legt - ir­ri­gen Vor­stel­lung aus­ging, die­sem Mit­be­stim­mungs­recht wer­de schon da­durch genügt, daß sie ei­ner kon­kre­ten beförde­rungs­hem­men­den Mißbil­li­gung zu­stimmt oder darüber ei­ne Ei­ni­gungs­stel­le ent­schei­det, ist in­so­weit oh­ne Be­deu­tung. Die­se Vor­stel­lung mag dar­auf be­ru­hen, daß im Re­gel­fall dem Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats auch dann Genüge ge­tan ist, wenn der Be­triebs­rat der ein­zel­nen mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Maßnah­me, ge­ge­be­nen­falls auch form­loS, zu­stimmt. Daß die­ser Grund­satz aus Rechts­gründen auf die Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats und da­mit auch der Grup­pen­ver­tre­tung hei der Verhängung von Be­triebs­bußen nur zu­trifft, wenn zu­vor ei­ne Be­triebs­bußen­ord­nung ge­schaf­fen wor­den ist, führt nicht zur Un­be­gründet­heit des Fest­stel­lungs­an­tra­ges.


Darüber, ob ei­ne zwi­schen den Be­tei­lig­ten zu ver­ein­ba­ren­de Be­triebs­bußen­ord­nung als Be­triebs­buße auch be­fris­te­te Förde­rungs-sper­ren, ge­ge­be­nen­falls bei wel­chen Verstößen, vor­se­hen kann, ist vor­lie­gend vom Se­nat nicht zu ent­schei­den.

Dr. Kis­sel 

Mat­thes 

Dr. Wel­ler

Dr. Schmidt 

Dr. Wohl­ge­muth

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