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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Betriebsrat, Arbeitsschutzausschuss
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Akten­zeichen: 3 TaBV 1/12
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 09.08.2012
   
Leit­sätze: § 11 Satz 1 ASiG ver­pflich­tet den Ar­beit­ge­ber bei Vor­lie­gen der dort ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen zur Ein­rich­tung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses. Die­ser Norm ist not­falls, ge­ge­be­nen­falls auf An­re­gung des Be­triebs­rats, durch die nach § 12 Abs. 1 ASiG zuständi­ge Behörde Gel­tung zu ver­schaf­fen. We­der das Ar­beits­si­cher­heits­ge­setz noch das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz räum­en dem Be­triebs­rat das Recht ein, ei­ne ent­spre­chen­de ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Ver­pflich­tung im Rah­men ei­nes ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens durch­zu­set­zen (im An­schluss an LAG Ham­burg 27. Sep­tem­ber 1995 - 4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213; a. A. LAG Hes­sen 1. Fe­bru­ar 1996 - 12 TaBV 32/95 - NZA 1997, 114).
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Stuttgart, Beschluss vom 23.11.2011, 14 BV 103/11
   

LArbG Ba­den-Würt­tem­berg Be­schluß vom 9.8.2012, 3 TaBV 1/12

 

Te­nor

1. Die Be­schwer­de des Be­triebs­rats/Be­tei­lig­ten zu 1 ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 23.11.2011 - 14 BV 103/11 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Die Rechts­be­schwer­de wird zu­ge­las­sen.

 

Gründe

I.

Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Ver­pflich­tung der Be­tei­lig­ten zu 2 (i. F.: Ar­beit­ge­be­rin), ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss für die Fi­lia­le 3106 in S. ein­zu­rich­ten.

Bei der Ar­beit­ge­be­rin han­delt es sich um ein Un­ter­neh­men mit Sitz in H. und Fi­lia­len im ge­sam­ten Bun­des­ge­biet.
Für die Fi­lia­le 3106 in S., die we­gen der räum­li­chen Ent­fer­nung vom Haupt­be­trieb nach § 4 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG als selbstständi­ger Be­trieb im Sin­ne des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes gilt und in der 65 Ar­beit­neh­mer tätig sind, ist der an­trag­stel­len­de Be­triebs­rat gewählt.

Die Ar­beit­ge­be­rin hat auf Un­ter­neh­mens­ebe­ne un­ter Be­tei­li­gung des Ge­samt­be­triebs­rats ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss ein­ge­rich­tet.

Der Be­triebs­rat hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass er ver­lan­gen könne, die Ar­beit­ge­be­rin zu ver­pflich­ten, ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss auf Be­triebs­ebe­ne zu er­rich­ten. Nach dem Wort­laut des § 11 ASiG sei Be­zugs­punkt der Be­trieb und nicht das Un­ter­neh­men. Ein un­ter­neh­mens­wei­ter Ar­beits­schutz­aus­schuss rei­che nicht aus.

Der Be­triebs­rat hat erst­in­stanz­lich be­an­tragt:

Der An­trags­geg­ner wird ver­pflich­tet, für den Be­trieb K. 50 - 52, S. - Fi­lia­le 3106 - ei­nen Ar­beits­si­cher­heits­aus­schuss zu bil­den.

Die Ar­beit­ge­be­rin hat die Zurück­wei­sung des An­trags be­an­tragt und zur Be­gründung aus­geführt, dass der Be­triebs­rat nicht ak­tiv­le­gi­ti­miert sei. Ihm ste­he kein Mit­be­stim­mungs­recht im Hin­blick auf die Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses zu. Auch ma­te­ri­ell be­ste­he kei­ne Ver­pflich­tung zur Bil­dung ei­nes sol­chen in der Fi­lia­le 3106, da es sich bei die­ser nicht um ei­nen ei­genständi­gen Be­trieb, son­dern um ei­nen Be­triebs­teil han­de­le, der le­dig­lich nach § 4 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG als selbstständi­ger Be­trieb gel­te. Dem­gemäß sei die Er­rich­tung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses auf Un­ter­neh­mens­ebe­ne fol­ge­rich­tig.

Das Ar­beits­ge­richt hat den An­trag des Be­triebs­rats mit Be­schluss vom 23.11.2011 zurück­ge­wie­sen. Es hat sich zur Be­gründung der im Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ham­burg vom 27. Sep­tem­ber 1995 (4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213) ver­tre­te­nen Auf­fas­sung an­ge­schlos­sen, wo­nach es an ei­nem Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats und da­mit ei­ner An­spruchs­grund­la­ge feh­le. Die ge­gen­tei­li­ge Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hes­sen (Be­schluss vom 1. Fe­bru­ar 1996 - 12 TaBV 32/95 - NZA 1997, 114) über­zeu­ge nicht, weil dort ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats zwar pos­tu­liert, aber nicht be­gründet wor­den sei.

- 2 -

Ge­gen die­sen dem Be­triebs­rat am 30.01.2012 zu­ge­stell­ten Be­schluss rich­tet sich die am 22.02.2012 per Te­le­ax und am 23.02.2012 im Ori­gi­nal ein­ge­gan­ge­ne und nach Verlänge­rung der Be­schwer­de­be­gründungs­frist bis 30.04.2012 am 30.04.2012 aus­geführ­te Be­schwer­de des Be­triebs­rats. Er ver­tritt die Auf­fas­sung, dass der gel­tend ge­mach­te An­spruch aus § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG iVm. § 11 ASiG fol­ge. Das Ar­beits­ge­richt ver­ken­ne, dass die Zahl und Aus­wahl der zu be­tei­li­gen­den Be­triebsärz­te, Fach­kräfte für Ar­beits­si­cher­heit und Si­cher­heits­be­auf­trag­ten der Mit­be­stim­mung un­ter­lie­ge und außer­dem ei­ne ge­setz­li­che Pflicht zur Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses be­ste­he, de­ren Be­fol­gung auch durch behörd­li­che An­ord­nung er­zwun­gen wer­den könne. Wer­de ein Ar­beits­schutz­aus­schuss nicht ge­bil­det, so blei­be dem Be­triebs­rat die Wahr­neh­mung sei­nes Mit­be­stim­mungs­rechts aus § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG iVm. § 11 ASiG ver­sperrt. Da dies vom Ge­setz­ge­ber nicht ge­wollt sein könne, sei es zwin­gend ge­bo­ten, das Mit­be­stim­mungs­recht da­hin­ge­hend aus­zu­wei­ten, dass der Be­triebs­rat die Er­rich­tung des Aus­schus­ses er­zwin­gen könne.

Der Be­triebs­rat be­an­tragt,

den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 23.11.2011 - 14 BV 103/11 - ab­zuändern und der Ar­beit­ge­be­rin auf­zu­ge­ben, für die Fi­lia­le 3106 in S., K. 50 - 52 ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss zu bil­den.

Die Ar­beit­ge­be­rin be­an­tragt,

die Be­schwer­de zurück­zu­wei­sen.

Sie ver­tei­digt den an­ge­foch­te­nen Be­schluss und macht hier­zu ver­tie­fen­de Rechts­ausführun­gen.

Hin­sicht­lich des wei­te­ren Vor­brin­gens der Be­tei­lig­ten in der Be­schwer­de­instanz wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen und das Pro­to­koll der Anhörung vom 09.08.2012 Be­zug ge­nom­men.

II.

A.

Die statt­haf­te, form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te und aus­geführ­te Be­schwer­de des Be­triebs­rats ist auch im Übri­gen zulässig.

B.

In der Sa­che hat die Be­schwer­de des Be­triebs­rats kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat den An­trag zu Recht zurück­ge­wie­sen. Ei­ne An­spruchs­grund­la­ge für das ver­folg­te Be­geh­ren des Be­triebs­rats ist nicht ge­ge­ben.

1. Der An­trag des Be­triebs­rats ist zulässig, ins­be­son­de­re genügend be­stimmt (§ 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO ana­log).

a) Der Be­triebs­rat hat im Anhörungs­ter­min vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt klar­ge­stellt, dass er trotz der in der Wort­wahl ab­wei­chen­den An­trags­fas­sung in ers­ter In­stanz („Ar­beits­si­cher­heits­aus­schuss“) die Ver­pflich­tung der Ar­beit­ge­be­rin zur Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses nach § 11 ASiG er­strebt.

b) Würde der Ar­beit­ge­be­rin auf­ge­ge­ben, ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss für die Fi­lia­le 3106 zu bil­den, so wäre die Ver­pflich­tung der Ar­beit­ge­be­rin da­mit auch in­halt­lich aus­rei­chend deut­lich be­schrie­ben. Da­mit kann sie im Fal­le ei­ner dem An­trag statt­ge­ben­den Ent­schei­dung er­ken­nen, was von ihr ver­langt wird. Dass sie die­se Hand­lun­gen selbst noch näher kon­kre­ti­sie­ren muss, spricht nicht ge­gen die Be­stimmt­heit des An­trags. Die Wahl der ge­eig­ne­ten Maßnah­men ist grundsätz­lich ih­re Sa­che (vgl. BAG 29. April 2004 - 1 ABR 30/02 - BA­GE 110, 252).

2. Der An­trag des Be­triebs­rats hat aber man­gels An­spruchs­grund­la­ge in der Sa­che kei­nen Er­folg.

a) Ein An­spruch des Be­triebs­rats auf Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses er­gibt sich nicht aus § 11 ASiG. 2 von 5 20.09.2016 09:23

- 3 -

aa) § 11 Satz 1 Halbs. 1 ASiG be­stimmt, dass der Ar­beit­ge­ber in Be­trie­ben mit mehr als 20 Beschäftig­ten ein Ar­beits­schutz­aus­schuss zu bil­den hat, so­weit nicht in ei­ner sons­ti­gen Rechts­vor­schrift et­was an­de­res be­stimmt ist.

Da kei­ne ent­ge­gen­ste­hen­de Rechts­vor­schrift exis­tiert (MüArbR/Ko­the 3. Aufl. § 290 Rn. 75) und die Ar­beit­ge­be­rin so­wohl un­ter­neh­mens­weit als auch in der Fi­lia­le 3106 mehr als 20 Ar­beit­neh­mer im Sin­ne des § 11 Satz 1 Halbs. 2 ASiG beschäftigt, ist sie zur Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses ver­pflich­tet. Ob sie die­ser Ver­pflich­tung durch die Ein­rich­tung ei­nes un­ter­neh­mens­wei­ten Ar­beits­schutz­aus­schus­ses nach­ge­kom­men ist, kann da­hin­ge­stellt blei­ben, da der Be­triebs­rat selbst dann, wenn die Fi­lia­le 3106 als Be­trieb im Sin­ne des § 11 Satz 1 Halbs. 1 ASiG an­zu­se­hen wäre, nicht die Er­rich­tung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses für die Fi­lia­le 3106 im We­ge des ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens ver­lan­gen könn­te. Dies er­gibt die Aus­le­gung des § 11 ASiG.

bb) Bei der ein­fach-ge­setz­li­chen Aus­le­gung ist vom Wort­laut, dem sys­te­ma­ti­schen Ge­samt­zu­sam­men­hang, der Ent­ste­hungs­ge­schich­te und dem Zweck, so­weit er im Ge­setz er­kenn­bar Aus­druck ge­fun­den hat, aus­zu­ge­hen (BAG 20. Mai 2008 - 9 AZR 219/07 - NZA 2008, 1237).

aaa) Der Wort­laut des § 11 ASiG spricht ge­gen die vom Be­triebs­rat ver­tre­te­ne Mei­nung. Wenn die­ser un­ter Be­ru­fung auf den Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hes­sen vom 1. Fe­bru­ar 1996 (12 TaBV 32/95, - NZA 1997, 114) meint, dass sich aus der vom Wort­laut her ein­deu­ti­gen Re­ge­lung in § 11 Satz 1 ASiG ein An­spruch des Be­triebs­rats auf Er­rich­tung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses er­ge­be, so folgt dem die Kam­mer nicht. § 11 Satz 1 ASiG sta­tu­iert un­zwei­fel­haft ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, bei Vor­lie­gen der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss zu bil­den. Ei­ne da­von zu tren­nen­de Fra­ge ist, ob der Be­triebs­rat die­se ge­setz­li­che Ver­pflich­tung im We­ge ei­nes ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens durch­set­zen kann. Dafür gibt der Wort­laut des § 11 Satz 1 ASiG, in dem der Be­triebs­rat nicht erwähnt wird, nichts her. Auch Satz 2 des § 11 ASiG be­stimmt nur, dass im Ar­beits­schutz­aus­schuss zwei vom Be­triebs­rat be­stimm­te Be­triebs­rats­mit­glie­der ver­tre­ten sein müssen. Ein An­spruch des Be­triebs­rats, die Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses als sol­che ar­beits­ge­richt­lich durch­zu­set­zen, lässt sich auch die­ser Re­ge­lung nicht ent­neh­men (an­de­rer An­sicht Anz­in­ger/Bien­eck ASiG § 11 Rn. 46; Pie­per Ar­bSchR 5. Aufl. Stich­wort „Ar­beits­si­cher­heits­ge­setz“ Rn. 134: we­gen der Teil­nah­me von Be­triebs­rats­mit­glie­dern be­ste­he hier ei­ne ei­genständi­ge Rechts­po­si­ti­on des Be­triebs­ra­tes).

bbb) Auch die Sys­te­ma­tik des Ar­beits­si­cher­heits­ge­set­zes spricht ge­gen die vom Be­triebs­rat ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung. Nach der durch das ASiG fest­ge­leg­ten öffent­lich-recht­li­chen Ord­nung ist al­lein der Ar­beit­ge­ber für die Ein­hal­tung der Vor­schrif­ten ver­ant­wort­lich (H/S/W/G/N/R-Worz­al­la Be­trVG 8. Aufl. § 87 Rn. 450). Trotz Mit­wir­kung des Be­triebs­rats liegt die al­lei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für die Durchführung des Ar­beits­schut­zes beim Ar­beit­ge­ber (LAG Ham­burg 27. Sep­tem­ber 1995 - 4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213). An wel­chen Maßnah­men der Be­triebs­rat in wel­chem Aus­maß zu be­tei­li­gen ist, ist ge­setz­lich v. a. in § 9 ASiG ge­re­gelt. Nach § 12 ASiG ist es Auf­ga­be der zuständi­gen Behörde, den Ar­beit­ge­ber ge­ge­be­nen­falls im Ein­zel­fall durch ent­spre­chen­de An­ord­nun­gen zur Erfüllung der sich aus dem ASiG er­ge­ben­den Pflich­ten an­zu­hal­ten. Dass da­ne­ben auch noch dem Be­triebs­rat das Recht ein­geräumt sein soll, die sich aus § 11 ASiG er­ge­ben­de Ver­pflich­tung zur Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses aus ei­ge­nem Recht durch­zu­set­zen, ist nicht er­sicht­lich. Hierfür be­steht auch kei­ne Not­wen­dig­keit, da der Be­triebs­rat je­der­zeit gem. § 89 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG die Möglich­keit hat, bei der nach § 12 Abs. 1 ASiG zuständi­gen Behörde auf die ver­meint­li­che Nich­terfüllung der sich aus § 11 ASiG er­ge­ben­den ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Ver­pflich­tung hin­zu­wei­sen (BAG 3. Ju­ni 2003 - 1 ABR 19/02 - BA­GE 106, 188) und ein ent­spre­chen­des behörd­li­ches Tätig­wer­den an­zu­re­gen (vgl. Fit­ting Be­trVG 26. Aufl. § 87 Rn. 327). Auf ei­ne ent­spre­chen­de ge­richt­li­che Fra­ge im Anhörungs­ter­min im Be­schwer­de­ver­fah­ren hat der Be­triebs­rat mit­ge­teilt, dass er bis jetzt von der Möglich­keit, die zuständi­ge Behörde nach § 12 ASiG zum Tätig­wer­den auf­zu­for­dern, kei­nen Ge­brauch ge­macht ha­be (vgl. zum Er­lass ei­ner auf § 12 Abs. 1 ASiG gestütz­ten behörd­li­chen Verfügung VG Han­no­ver 6. Ok­to­ber 1995 - 7 A 4246/95 - Ge­wArch 1996, 28).

- 4 -

cc) Sch­ließlich ent­spricht die hier ver­tre­te­ne Auf­fas­sung auch der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zu ei­ne ähn­lich ge­la­ger­ten Pro­ble­ma­tik im Rah­men des AGG.

Nach § 13 Abs. 1 AGG ha­ben Beschäftig­te im Sin­ne des § 6 Abs. 1 AGG das Recht, sich bei den zuständi­gen Stel­len des Be­triebs, des Un­ter­neh­mens oder der Dienst­stel­le zu be­schwe­ren. Nach § 13 Abs. 2 AGG blei­ben die Rech­te der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tun­gen un­berührt.

Zu die­ser Be­stim­mung wird all­ge­mein die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass hin­sicht­lich der Fra­ge, ob über­haupt ei­ne Be­schwer­de­stel­le ein­ge­rich­tet wer­den soll, kein Mit­be­stim­mungs­recht be­steht (BAG 21. Ju­li 2009 - 1 ABR 42/08 - BA­GE 131, 225; LAG Nürn­berg 19. Fe­bru­ar 2008 - 6 TaBV 80/07 - DB 2009, 71; LAG Ham­burg 17. April 2007 - 3 TaBV 6/07 - LA­GE § 13 AGG Nr. 1).

b) Der ver­folg­te An­spruch kann auch nicht auf § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG iVm. § 11 ASiG gestützt wer­den. Hier­nach hat der Be­triebs­rat Re­ge­lun­gen über die Verhütung von Ar­beits­unfällen und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie über den Ge­sund­heits­schutz im Rah­men der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten oder der Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten mit­zu­be­stim­men, so­weit ei­ne ge­setz­li­che oder ta­rif­li­che Re­ge­lung nicht be­steht.

Ei­ne sol­che ge­setz­li­che Re­ge­lung exis­tiert aber in Ge­stalt des § 11 ASiG. Ge­setz im Sin­ne des § 87 Abs. 1 Ein­lei­tungs­satz Be­trVG ist je­des for­mel­le oder ma­te­ri­el­le Ge­setz, so­weit es sich um ei­ne zwin­gen­de Re­ge­lung han­delt. Dies be­ruht auf der Erwägung, dass für ei­ne be­trieb­li­che Mit­be­stim­mung kein Bedürf­nis mehr be­steht, wenn ei­ne den Ar­beit­ge­ber bin­den­de Re­ge­lung durch Ge­setz oder Ta­rif­ver­trag vor­liegt (BAG 10. März 2009 - 1 ABR 87/07 - BA­GE 129, 364). Zweck des Mit­be­stim­mungs­rechts nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG ist die Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats an be­trieb­li­chen Re­ge­lun­gen, die der Ar­beit­ge­ber zwar auf Grund ei­ner öffent­lich-recht­li­chen Rah­men­vor­schrift zu tref­fen hat, bei de­ren Um­set­zung ihm aber Hand­lungs­spielräume ver­blei­ben. Mit­zu­be­stim­men hat der Be­triebs­rat bei der Ausfüllung die­ses Spiel­raums. Das Mit­be­stim­mungs­recht setzt da­nach ein, wenn ei­ne ge­setz­li­che Hand­lungs­pflicht ob­jek­tiv be­steht und we­gen Feh­lens ei­ner zwin­gen­den Vor­ga­be be­trieb­li­che Re­ge­lun­gen ver­langt, um das vom Ge­setz vor­ge­ge­be­ne Ziel des Ar­beits- und Ge­sund­heits­schut­zes zu er­rei­chen (BAG 15. Ja­nu­ar 2002 - 1 ABR 13/01 - BA­GE 100, 173). Im vor­lie­gen­den Fall geht es aber um die Rechts­fra­ge, ob die Ar­beit­ge­be­rin ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss für die Fi­lia­le 3106 er­rich­ten muss. Ein ausfüllungs­bedürf­ti­ger Hand­lungs­spiel­raum be­steht nicht, wes­halb ein Mit­be­stim­mungs- und da­mit auch ein ent­spre­chen­des Initia­tiv­recht nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG aus­schei­det (LAG Ham­burg 27. Sep­tem­ber 1995 - 4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213; Fit­ting Be­trVG 26. Aufl. § 87 Rn. 327; GK-Wie­se Be­trVG 9. Aufl. § 87 Rn. 668; Löwisch/Kai­ser Be­trVG 6. Aufl. § 87 Rn. 151; Stau­din­ger-Oet­ker BGB Neu­be­ar­bei­tung 2011 § 618 Rn. 226).

c) Auch auf § 89 Be­trVG kann der Be­triebs­rat sein Ver­lan­gen nicht stützen.

Aus § 89 Abs. 1 Be­trVG iVm. § 80 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG folgt ein grund­le­gen­des Über­wa­chungs­recht, § 89 Abs. 2 bis 5 Be­trVG räum­en dem Be­triebs­rat ein brei­tes In­for­ma­ti­ons­recht ein (LAG Ham­burg 27. Sep­tem­ber 1995 - 4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213). Die Vor­schrift des § 89 Be­trVG be­schränkt die Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats je­doch auf des­sen Mit­wir­kung, oh­ne ihm ein Mit­be­stim­mungs­recht zu gewähren (GK-Wie­se Be­trVG 9. Aufl. § 89 Rn. 39; WP/Ben­der Be­trVG 3. Aufl. § 89 Rn. 5).

III.

A.

Die­se Ent­schei­dung er­geht gem. § 2 Abs. 2 GKG ge­richts­kos­ten- und -gebühren­frei.

B.

Die Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de be­ruht auf § 92 Abs. 1 Satz 2 iVm. § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

- 5 -

Die Fra­ge, ob der im Be­trieb ge­bil­de­te Be­triebs­rat die sich aus § 11 Satz 1 ASiG er­ge­ben­de Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss zu bil­den, im We­ge des ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens durch­set­zen kann, hat grundsätz­li­che Be­deu­tung und ist bis­her nicht durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt geklärt.

Es kann da­hin­ge­stellt blei­ben, ob außer­dem der Zu­las­sungs­grund des § 72 Abs. 2 Nr. 2 ArbGG im Hin­blick auf die di­ver­gie­ren­de Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hes­sen vom 1. Fe­bru­ar 1996, die zu der bis 20.08.1996 gülti­gen Fas­sung des § 11 ASiG er­ging, ge­ge­ben wäre.

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