Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Weisungsrecht, Krankheit
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Nürnberg
Akten­zeichen: 7 Sa 592/14
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 01.09.2015
   
Leit­sätze: Der ar­beits­unfähig er­krank­te Ar­beit­neh­mer ist grundsätz­lich nicht ver­pflich­tet, an ei­nem vom Ar­beit­ge­ber an­ge­ord­ne­ten Per­so­nal­gespräch teil­zu­neh­men.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Nürnberg, Urteil vom 04.09.2014, 10 Ca 2110/13
   

Ur­teil:

1. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das En­dur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 04.09.2014 wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung.

Die Kläge­rin steht seit 02.07.2007 in ei­nem Ar­beits­verhält­nis mit der Be­klag­ten.

Die Kläge­rin rich­te­te am 18.03.2013 um 7:24 Uhr fol­gen­de e-mail an den Geschäftsführer der Be­klag­ten, Herrn H...:

. . .

da die an­ge­bo­te­ne be­ruf­li­che Verände­rung schon ein großer Schritt wäre, brauch ich zwin­gend Zeit um dass or­dent­lich zu über­den­den, da­her würd ich die­se Wo­che gern Ur­laub neh­men. Da­mit ich zum 1.4. auch dar­auf vor­be­rei­tet bin. Be­fin­de mich heu­te im Ho­me-of­fice!

 

- 2 -

. . .

Herr H... ant­wor­te­te am sel­ben Tag um 13:12 Uhr eben­falls per e-mail wie folgt:

. . .

wir ha­ben ab­ge­spro­chen, das ich heu­te ein ja/nein er­hal­te. Wir müssen so­fern Du den be­spro­che­nen Schritt ma­chen möch­test ei­ni­ges er­le­di­gen und ich ha­be kei­ne Zeit zu ver­lie­ren – so­mit ist die Wahl des Ur­laub­sti­mings sub­op­ti­mal. Die­sen Ur­laub kann man, wenn al­le Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen sind ger­ne berück­sich­ti­gen – so­weit sind wir aber heu­te noch nicht. Ich er­war­te bis Mitt­woch ein Go oder stand off.

. . .

Ab 20.03.2013 war die Kläge­rin ar­beits­unfähig ge­schrie­ben. Die Ar­beits­unfähig­keit dau­er­te bis 30.06.2013.

Die Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis am 20.03.2013 or­dent­lich zum 31.05.2013.

Die Kläge­rin er­hob ge­gen die Kündi­gung am 02.04.2013 die vor­lie­gen­de Kla­ge zum Ar­beits­ge­richt Nürn­berg.

Die Be­klag­te lud die Kläge­rin mit Schrei­ben vom 26.04.2013 zu ei­nem Per­so­nal­gespräch am 30.04.2013 ein. Mit e-mail vom sel­ben Tag er­kun­dig­te die Kläge­rin sich nach dem An­lass für das Gespräch. Zu dem Per­so­nal­gespräch er­schien die Kläge­rin nicht.

Un­ter dem 02.05.2013 lud die Be­klag­te die Kläge­rin ein wei­te­res Mal zu ei­nem Per­so­nal­gespräch am 06.05.2013 ein. Zum In­halt des Gesprächs äußer­te sich die Be­klag­te nicht.

Die Pro­zess­ver­tre­te­rin der Kläge­rin for­der­te die Be­klag­te un­ter dem 06.05.2013 auf, Aus­kunft zu ge­ben, wel­chen An­lass das gewünsch­te Gespräch ha­be, da die Kläge­rin noch ar­beits­unfähig er­krankt sei.

Zum Per­so­nal­gespräch er­schien die Kläge­rin nicht.

Die Be­klag­te er­teil­te der Kläge­rin des­halb ei­ne Ab­mah­nung.

Am 07.05.2013 lud die Be­klag­te die Kläge­rin zu ei­nem Per­so­nal­gespräch am 10.05.2013 um 12:00 Uhr ein.

 

- 3 -

In ei­nem wei­te­ren Schrei­ben vom 07.05.2013 (Bl. 88) teil­te die Be­klag­te der Kläge­rin u.a. mit, ihr stünden für März 2013 für 13 Ka­len­der­ta­ge kei­ne Vergütungs­ansprüche zu, und for­der­te die Kläge­rin auf, bis 15.05.2013 525,70 € net­to an sie, die Be­klag­te, zurück­zu­zah­len. Die Be­klag­te kündig­te fer­ner an, die Kläge­rin wer­de we­gen der ver­späte­ten Her­ein­sen­dung der Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung vom 26.04.2013, des un­ent­schul­dig­ten Fern­blei­bens von der Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung und we­gen des un­ent­schul­dig­ten Fern­blei­bens vom an­ge­ord­ne­ten Per­so­nal­gespräch vom 06.05.2013 je­weils ei­ne ge­son­der­te Ab­mah­nung er­hal­ten. In dem Schrei­ben heißt es aus­zugs­wei­se:

In die­sem Zu­sam­men­hang er­lau­ben wir uns die An­mer­kung, dass Sie viel­leicht ar­beits­unfähig er­krankt sein mögen, aber doch sehr wohl in der La­ge sind, mit uns als Ar­beit­ge­ber zu spre­chen. Im Rah­men des Per­so­nal­gesprächs ver­lan­gen wir von Ih­nen ja auch kei­ne Ar­beits­leis­tung, son­dern le­dig­lich die Teil­nah­me an ei­nem Gespräch, zu der Sie ar­beits-recht­lich auch ver­pflich­tet sind.

Wir ge­ben Ih­nen auch zur Erörte­rung an­de­rer Un­re­gelmäßig­kei­ten und auf­ge­tre­te­nen Störun­gen im Rah­men des Ar­beits­verhält­nis­ses die Ge­le­gen­heit, zu ei­nem wei­te­ren Per­so­nal­gespräch in un­se­ren Be­triebsräum­en zu er­schei­nen, wel­ches wir hier­mit fest­set­zen für den 10.05.2013 um 12:00 Uhr.

In ei­ner e-mail vom 10.05.2013 um 10:54 teil­te die Be­klag­te der Kläge­rin bzw. ih­ren Pro­zess­ver­tre­tern mit, durch ih­re vor­an­ge­gan­ge­nen Schrei­ben ha­be sie deut­lich ge­macht, dass es nicht um ei­ne Ver­tragsände­rung oder den In­halt des Kla­ge­ver­fah­rens vor dem Ar­beits­ge­richt ge­he, son­dern um die Si­cher­stel­lung und Ver­bes­se­rung der Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung und Erfüllung von Haupt- und Ne­ben­pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis, so­lan­ge die­ses be­ste­he.

Die Kläge­rin er­schien auch zu dem Per­so­nal­gespräch am 10.05.2013 nicht.

Mit Schrei­ben vom 14.05.2013 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis zum 31.07.2013.

Die Kläge­rin er­wei­ter­te die Kla­ge in­so­weit am 29.05.2013.

Außer­dem er­hob sie An­spruch auf Vergütung für den Zeit­raum April bis Au­gust 2013 und auf Wei­ter­beschäfti­gung.

In der Kam­mer­ver­hand­lung vom 13.02.2013 er­ließ das Ar­beits­ge­richt ein Versäum­nisur-teil, mit dem die Kla­ge ab­ge­wie­sen wur­de. Das Versäum­nis­ur­teil wur­de der Kläge­rin am

 

- 4 -

18.02.2014 zu­ge­stellt. Die Kläge­rin leg­te ge­gen das Versäum­nis­ur­teil am 25.02.2014 Ein­spruch ein.

Mit En­dur­teil vom 04.09.2014 hielt das Ar­beits­ge­richt das Versäum­nis­ur­teil vom 13.02.2014 auf­recht, so­weit die Kla­ge im Hin­blick auf die Lohn­ansprüche für April 2013, Mai 2013, Ju­ni 2013, Ju­li 2013 und Au­gust 2013 und den Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch ab­ge­wie­sen wor­den war. Im Übri­gen hob es das Versäum­nis­ur­teil auf und stell­te fest, dass we­der die or­dent­li­che Kündi­gung vom 20.03.2013 noch die or­dent­li­che Kündi­gung vom 14.05.2013 das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en auf­gelöst hätten.

Das Ur­teil wur­de der Be­klag­ten am 16.10.2014 zu­ge­stellt.

Die Be­klag­te leg­te am Mon­tag, 17.11.2014, Be­ru­fung ge­gen das Ur­teil ein und be­gründe­te sie am 09.01.2015. Bis da­hin war die Be­ru­fungs­be­gründungs­frist verlängert wor­den.

Die Be­klag­te stellt klar, die Be­ru­fung rich­te sich nicht ge­gen die Fest­stel­lung des Erst­ge­richts, dass die or­dent­li­che Kündi­gung vom 20.03.2013 das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht be­en­det ha­be.

Die Be­klag­te macht gel­tend, die Kläge­rin sei ver­pflich­tet ge­we­sen, an den von ihr, der Be­klag­ten, an­ge­ord­ne­ten Per­so­nal­gesprächen teil­zu­neh­men. Die ent­spre­chen­de Wei­sung ha­be bil­li­gem Er­mes­sen ent­spro­chen. Auch ein ar­beits­unfähig er­krank­ter Ar­beit­neh­mer ha­be Ne­ben­pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis zu erfüllen und sei hier­zu auch re­gelmäßig in der La­ge. So könne ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment durch­geführt wer­den, wenn der Ar­beit­neh­mer er­krankt sei. Darüber hin­aus führe selbst ei­ne Krank­heit, die den Ar­beit­neh­mer außer Stan­de set­ze, die kon­kret aus­geübte Tätig­keit aus­zuüben, nicht da­zu, dass der Ar­beit­neh­mer nicht auch ver­gleich­ba­re Tätig­kei­ten ausüben könne.

Die Be­klag­te führt aus, für das Per­so­nal­gespräch sei we­der ei­ne Vor­lauf­zeit er­for­der­lich noch sei sie ver­pflich­tet ge­we­sen, der Kläge­rin die Gesprächs­the­men mit­zu­tei­len.

So­wohl das Schrei­ben vom 07.05.2013 (Bl. 88) als auch das Schrei­ben vom 10.05.2013 (Bl. 91) ließen er­ken­nen, dass Ge­gen­stand des Per­so­nal­gesprächs ge­ra­de nicht be­ab­sich­tig­te Ver­tragsände­run­gen ge­we­sen sei­en, son­dern ein­deu­tig Ver­hal­tens­pflich­ten der Kläge­rin. Sch­ließlich kämen auch münd­li­che oder schrift­li­che Wei­sun­gen des Ar­beit­ge-

 

- 5 -

bers während ei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit in Be­tracht. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts sei es so, dass nur dann, wenn von vorn­her­ein fest­ste­he, dass das Per­so­nal­gespräch sich ent­we­der auf ei­ne Ver­tragsände­rung oder aus­sch­ließlich auf den In­halt oder Um­fang der Haupt­leis­tungs­pflich­ten be­schränke, die Teil­nah­me am Per­so­nal­gespräch ver­wei­gert wer­den könne.

Im Ter­min vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg am 01.09.2015 er­schien für die Kläge­rin nie­mand.

Die Be­klag­te be­an­tragt den Er­lass ei­nes Versäum­nis­ur­teils und stellt fol­gen­de Anträge:

I. Das En­dur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 04.09.2014, Az. 10 Ca 2110/13, wird in des­sen Zif­fern I., III. und IV. auf­ge­ho­ben.

II. Das Versäum­nis­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 13.02.2014, Az. 10 Ca 2110/13, bleibt vollständig auf­recht­er­hal­ten.

Die Kläge­rin war im Be­ru­fungs­ver­fah­ren nicht an­walt­lich ver­tre­ten. Ei­ne Be­weis­auf­nah­me hat nicht statt­ge­fun­den.

Ent­schei­dungs­gründe:

Die Be­ru­fung ist zulässig. Sie ist statt­haft, § 64 Ab­satz 1 und Ab­satz 2 c) ArbGG, so­wie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, § 66 Ab­satz 1 Satz 1 und 2 ArbGG.

Die Be­ru­fung ist un­be­gründet.

Ge­gen­stand der Be­ru­fung ist die mit Schrei­ben vom 14.05.2013 zum 31.07.2013 aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung der Be­klag­ten.

Der Er­lass des von der Be­klag­ten be­an­trag­ten Versäum­nis­ur­teils kam nicht in Be­tracht.

 

- 6 -

Zwar war die Kläge­rin im Ter­min am 01.09.2015 säum­ig. Dies führt da­zu, dass das tat-sächli­che Vor­brin­gen der Be­klag­ten als zu­ge­stan­den an­zu­se­hen ist, § 539 Ab­satz 2 ZPO. Die von der Be­klag­ten vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen be­rech­tig­ten die Be­klag­te in­des nicht zum Aus­spruch der streit­ge­genständ­li­chen Kündi­gung vom 14.05.2013.

Ins­be­son­de­re war die Kündi­gung nicht so­zi­al ge­recht­fer­tigt, § 1 KSchG.

Die so­zia­le Recht­fer­ti­gung ei­ner or­dent­li­chen ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung setzt vor­aus, dass der Ar­beit­neh­mer ge­gen ihm ob­lie­gen­de Pflich­ten ver­s­toßen hat.

Die Be­klag­te wirft der Kläge­rin vor, am 10.05.2013 zum wie­der­hol­ten Mal nicht zu dem an­ge­ord­ne­ten Per­so­nal­gespräch er­schie­nen zu sein. Dies trifft zwar zu.

Die Kläge­rin war in­des nicht ver­pflich­tet, an den von der Be­klag­ten an­ge­ord­ne­ten Per­so­nal­gesprächen teil­zu­neh­men.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, der das er­ken­nen­de Ge­richt folgt, kann der Ar­beit­ge­ber nach § 106 Satz 1 und 2 Ge­wO ge­genüber al­len Ar­beit­neh­mern In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung nach bil­li­gem Er­mes­sen näher be­stim­men, so­weit die­se Ar­beits­be­din­gun­gen nicht durch den Ar­beits­ver­trag, Be­stim­mun­gen ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung, ei­nes an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­tra­ges oder ge­setz­li­che Vor­schrif­ten fest­ge­legt sind. Dies gilt auch hin­sicht­lich der Ord­nung und des Ver­hal­tens der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb. Das Wei­sungs­recht be­trifft da­nach zum ei­nen die Kon­kre­ti­sie­rung der Haupt­leis­tungs­pflicht. Es ermöglicht dem Ar­beit­ge­ber, dem Ar­beit­neh­mer be­stimm­te Auf­ga­ben zu-zu­wei­sen und den Ort und die Zeit ih­rer Er­le­di­gung ver­bind­lich fest­zu­le­gen. Dar­in erschöpft sich das Wei­sungs­recht je­doch nicht. Viel­mehr tritt ei­ne nicht ab­sch­ließend auf-zähl­ba­re, je nach den Umständen näher zu be­stim­men­de Viel­zahl von Pflich­ten hin­zu, de­ren Erfüllung un­umgäng­lich ist, um den Aus­tausch der Haupt­leis­tun­gen sinn­voll zu ermögli­chen. Auch hier­auf kann sich das Wei­sungs­recht be­zie­hen. Sch­ließlich kann das Wei­sungs­recht auch den in fast al­len Ar­beits­verhält­nis­sen be­ste­hen­den kol­lek­ti­ven Be­reich be­tref­fen, in dem es um die­je­ni­gen Re­ge­lungs­bedürf­nis­se geht, die durch das Zu­sam­men­wir­ken meh­re­rer Ar­beit­neh­mer im Be­trieb ent­ste­hen. Auch auf die­se Be­rei­che können Wei­sun­gen be­zo­gen sein. Da­ge­gen er­streckt sich das Wei­sungs­recht nicht auf die Be­stand­tei­le des Aus­tausch­verhält­nis­ses, al­so die Höhe des Ent­gelts und den Um­fang der ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung. Da Wei­sun­gen re­gelmäßig kei­nem Form­zwang un­ter-

 

- 7 -

lie­gen, muss dem Ar­beit­ge­ber auch die Möglich­keit zur Verfügung ste­hen, sie münd­lich zu er­tei­len. Das be­inhal­tet die Be­rech­ti­gung, den Ar­beit­neh­mer zur Teil­nah­me an Gesprächen zu ver­pflich­ten, in de­nen der Ar­beit­ge­ber Wei­sun­gen in ei­nem der oben ge­nann­ten Be­rei­che vor­be­rei­ten, er­tei­len oder ih­re Nich­terfüllung be­an­stan­den will. Stets muss der Ar­beit­ge­ber bei Wei­sun­gen bil­li­ges Er­mes­sen wal­ten las­sen (Bun­des­ar­beits­ge­richt – Ur­teil vom 23.06.2009 – 2 AZR 606/08; ju­ris).

Ist der Ar­beit­neh­mer ar­beits­unfähig er­krankt, kom­men Wei­sun­gen bezüglich sei­ner Ar­beits­leis­tung nicht in Be­tracht, da der er­krank­te Ar­beit­neh­mer von der Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung be­freit ist.

Die Kläge­rin war un­strei­tig in der Zeit vom 20.03.2013 an ar­beits­unfähig er­krankt, ins­be­son­de­re an den Ta­gen, an de­nen die Be­klag­te ein Per­so­nal­gespräch führen woll­te. Es be­stand da­her kei­ne Ver­pflich­tung der Kläge­rin, an ei­nem Per­so­nal­gespräch teil­zu­neh­men, das sich auf die Ar­beits­leis­tung be­zie­hen soll­te. Da­bei ist es un­er­heb­lich, ob die Kläge­rin auf­grund ih­res Ge­sund­heits­zu­stan­des in der La­ge ge­we­sen wäre, an dem von der Be­klag­ten gewünsch­ten Gespräch teil­zu­neh­men. Sie war hier­zu nicht ver­pflich­tet. Ei­ne teil­wei­se Ar­beits­unfähig­keit be­steht nicht (vgl. Bun­des­ar­beits­ge­richt ‒ Ur­teil vom 09.04.2014 ‒ 10 AZR 637/13; ju­ris).

Es ist auch nicht er­sicht­lich, dass die Kläge­rin ver­pflich­tet war, an den Per­so­nal­gesprächen teil­zu­neh­men, weil es dar­in um sog. leis­tungs­si­chern­de Ver­hal­tens­pflich­ten hätte ge­hen sol­len.

Zum ei­nen be­steht nach Auf­fas­sung des er­ken­nen­den Ge­richts während ei­ner Ar­beits­unfähig­keit un­abhängig vom The­ma ge­ne­rell kei­ne Ver­pflich­tung, an ei­nem vom Ar­beit­ge­ber an­ge­ord­ne­ten Per­so­nal­gespräch teil­zu­neh­men.

Die­se Fra­ge ist, so­weit er­sicht­lich, höchst­rich­ter­lich noch nicht ent­schie­den wor­den. In der zi­tier­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts war die be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­me­rin nicht ar­beits­unfähig er­krankt.

 

- 8 -

Ist ein Ar­beit­neh­mer ar­beits­unfähig er­krankt, ist er primär nicht ver­pflich­tet, sei­ner Haupt­leis­tungs­pflicht nach­zu­kom­men. Dies gilt auch für Ne­ben­pflich­ten, de­ren Erfüllung da­zu dient, der ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung ord­nungs­gemäß nach­zu­kom­men, bei­spiels­wei­se Pünkt­lich­keit oder das Tra­gen an­ge­mes­se­ner Be­klei­dung oder die be­trieb­li­che So­zi­al­verträglich­keit des Ver­hal­tens. Da auch der­ar­ti­ge Ne­ben­pflich­ten le­dig­lich die Funk­ti­on ha­ben, den Ar­beits­ver­trag ord­nungs­gemäß zu erfüllen, kann die Be­reit­schaft ei­nes ar­beits­unfähig er­krank­ten Ar­beit­neh­mers, dies­bezügli­che Wei­sun­gen in ei­nem Per­so­nal­gespräch ent­ge­gen zu neh­men, vom Ar­beit­ge­ber nicht ver­pflich­tend ge­for­dert wer­den.

Darüber hin­aus ist nicht er­sicht­lich, dass sich das Per­so­nal­gespräch auf die Ord­nung/das Ver­hal­ten der Kläge­rin im Be­trieb be­zie­hen soll­te, das über die be­reits der Kläge­rin schrift­lich er­teil­ten Rügen hin­aus ging. Dies er­gibt sich ins­be­son­de­re we­der aus dem Schrei­ben der Be­klag­ten vom 07.05.2013 noch aus der e-mail vom 10.05.2013. Im Schrei­ben vom 07.05.2013 mach­te die Be­klag­te ei­ne Ge­gen­for­de­rung gel­tend, die sich auf Fehl­ta­ge der Kläge­rin be­zog. Selbst­verständ­lich wäre es sinn­voll ge­we­sen, hätten sich die Par­tei­en in ei­nem Gespräch hierüber aus­ge­tauscht. Darüber hin­aus rügte die Be­klag­te, die Zu­verlässig­keit der Kläge­rin las­se sehr zu wünschen übrig, ins­be­son­de­re wer­de die Ar­beits­unfähig­keit nicht recht­zei­tig mit­ge­teilt und Nach­wei­se nur ver­spätet über­mit­telt. Gleich­zei­tig kündig­te die Be­klag­te der Kläge­rin den Er­halt ver­schie­de­ner Ab­mah­nun­gen an.

Auf­grund die­ser Mit­tei­lun­gen ist nicht er­sicht­lich, was die Be­klag­te mit der Kläge­rin be­spre­chen woll­te, ins­be­son­de­re hat sie dies im vor­lie­gen­den Rechts­streit nicht kon­kret vor­ge­tra­gen.

Selbst wenn die Kläge­rin grundsätz­lich ver­pflich­tet ge­we­sen wäre, trotz ih­rer Er­kran­kung an ei­nem vom Ar­beit­ge­ber an­ge­ord­ne­ten Per­so­nal­gespräch teil­zu­neh­men, galt dies nicht für das streit­ge­genständ­li­che Gespräch am 10.05.2013.

 

- 9 -

Nach § 106 Satz 1 Ge­wO hat der Ar­beit­ge­ber sein Wei­sungs­recht nach bil­li­gem Er­mes­sen aus­zuüben. Ei­ne Leis­tungs­be­stim­mung ent­spricht bil­li­gem Er­mes­sen, wenn die we­sent­li­chen Umstände des Falls ab­ge­wo­gen und die bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen an­ge­mes­sen berück­sich­tigt wor­den sind. Ob die bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen an­ge­mes­sen berück­sich­tigt wor­den sind, un­ter­liegt der ge­richt­li­chen Kon­trol­le. Die Leis­tungs­be­stim­mung nach bil­li­gem Er­mes­sen ver­langt ei­ne Abwägung der wech­sel­sei­ti­gen In­ter­es­sen nach den ver­fas­sungs­recht­li­chen und ge­setz­li­chen Wer­tent­schei­dun­gen, den all­ge­mei­nen Wer­tungs­grundsätzen der Verhält­nismäßig­keit und An­ge­mes­sen­heit so­wie der Ver­kehrs­sit­te und Zu­mut­bar­keit. Das ge­bie­tet ei­ne Berück­sich­ti­gung und Ver­wer­tung der In­ter­es­sen un­ter Abwägung al­ler Umstände des Ein­zel­falls (Bun­des­ar­beits­ge­richt - Ur­teil vom 21.07.2009 - 9 AZR 404/08; ju­ris).

Ge­mes­sen an die­sen Kri­te­ri­en ist nicht er­kenn­bar, dass die Be­klag­te ihr Er­mes­sen in bil­li­ger Wei­se aus­geübt hat.

Die Be­klag­te hat be­reits nicht vor­ge­tra­gen, wel­ches In­ter­es­se sie dar­an hat­te, während der Ar­beits­unfähig­keit der Kläge­rin mit die­ser ein Per­so­nal­gespräch zu führen. Ins­be­son­de­re ist - wor­auf schon das Erst­ge­richt zu­tref­fend hin­ge­wie­sen hat - nicht er­sicht­lich, wel­chen drin­gen­den, un­auf­schieb­ba­ren Gesprächs­be­darf die Be­klag­te hat­te, so dass es für sie nach­tei­lig ge­we­sen wäre, hier­mit zu war­ten, bis die Kläge­rin wie­der ar­beitsfähig war. Dies gilt ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund, dass das Ar­beits­verhält­nis von der Be-klag­ten zum 31.05.2013 gekündigt und hierüber ein Rechts­streit zwi­schen den Par­tei­en anhängig war.

Da die Kündi­gung so­mit aus Rechts­gründen un­wirk­sam ist, war die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Re­vi­si­on wur­de gemäß § 72 Ab­satz 1 Nr. 1 ArbGG zu­ge­las­sen.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Ab­satz 1 Satz 1 ZPO.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 7 Sa 592/14  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880