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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Kündigung, Fristlose Kündigung, Schlägerei
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Düsseldorf
Akten­zeichen: 13 Sa 957/15
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 22.12.2015
   
Leit­sätze: Ein­zel­fall­ent­schei­dung zu ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung, die der Ar­beit­ge­ber da­mit be­gründet hat, der Ar­beit­neh­mer ha­be ei­ne Tätlich­keit be­gan­gen
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Düsseldorf, 11 Ca 1836/15
   

Te­nor:

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 31.07.2015 - 11 Ca 1836/15 - wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

TAT­BESTAND: 

Die Par­tei­en strei­ten über ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung

Der im Fe­bru­ar 1967 ge­bo­re­ne Kläger ist le­dig und kei­ner Per­son un­ter­halts­pflich­tig. Er ist bei der Be­klag­ten bzw. de­ren Rechts­vorgänge­rin seit Sep­tem­ber 1987 tätig, zunächst im Rah­men ei­ner Aus­bil­dung zum Ver­si­che­rungs­kauf­mann und zu­letzt als Ein­kaufs­sach­be­ar­bei­ter ge­gen ein Mo­nats­brut­to­ein­kom­men von durch­schnitt­lich 4.810,78 €. Die Be­klag­te, ein Rechts­schutz­ver­si­che­rer, beschäftigt weit mehr als zehn Ar­beit­neh­mer. Grund­la­ge des Ar­beits­verhält­nis­ses bil­det der Ar­beits­ver­trag vom 17.01.1990 i. V. m. dem vom Kläger ge­gen­ge­zeich­ne­ten Schrei­ben vom 12.04.1990 über die Über­nah­me in ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis (Bl. 16 f. und 18 d. A.).

Der Kläger weist auf­grund ei­ner Krebs­er­kran­kung im Jahr 2002, in de­ren Ver­lauf ihm bei­de Ho­den ent­fernt wur­den, ei­nen Grad der Be­hin­de­rung von 80 % auf. Er lei­det - me­di­zi­nisch be­hand­lungs­bedürf­tig - im­mer wie­der un­ter Pa­nik­at­ta­cken. Im Jahr 2014 be­stand bei ihm ein - letzt­lich un­be­gründe­ter - Ver­dacht auf Darm­krebs und Bauch­spei­chel­drüsen­krebs. We­gen dar­auf zurück­zuführen­den Angst­zuständen be­gab sich der Kläger im Ja­nu­ar 2015 in psy­cho­lo­gi­sche Be­hand­lung. Der be­han­deln­de Psy­cho­lo­ge stell­te ei­ne Angststörung fest.

Während ei­nes Ur­laubs nahm der Kläger am 12.02.2015 - "Wei­ber­fast­nacht" - ab et­wa 15:00 Uhr an ei­ner Kar­ne­vals­fei­er der Be­klag­ten im Erd­ge­schoss des Be­triebs­gebäudes teil. Der Kläger war als "Al Ca­po­ne" ver­klei­det. Zu sei­nem Kostüm gehörten ei­ne schwar­ze Ja­cke, ein Schlips, ei­ne Son­nen­bril­le und ein Hut. Zwei Mit­ar­bei­te­rin­nen der Be­klag­ten ver­such­ten im Ver­lauf des Nach­mit­ta­ges wie­der­holt, dem Kläger - ent­spre­chend der an die­sem Tag im Rhein­land übli­chen Sit­te - mit ei­ner Sche­re die Kra­wat­te ab­zu­schnei­den. Der Kläger pro­tes­tier­te, weil die Kra­wat­te zu sei­nem Kostüm gehöre; er benöti­ge sie zu­dem für ei­ne wei­te­re Fei­er am Kar­ne­vals­sams­tag. Am Abend kam es im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Po­lo­nai­se zu ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen ei­ner der Mit­ar­bei­te­rin­nen, Frau S., und dem Kläger, de­ren Ein­zel­hei­ten zwi­schen den Par­tei­en strei­tig sind. Im An­schluss dar­an sprach ein wei­te­rer Mit­ar­bei­ter, Herr Q., den Kläger an und for­der­te ihn auf, sich zu ent­schul­di­gen. Auch in­so­weit sind die Ein­zel­hei­ten zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. Herr Q. und der Kläger kann­ten sich zu­vor nur vom Se­hen. Sie be­geg­ne­ten sich al­len­falls drei Mal im Jahr per Zu­fall. Bei­de be­ga­ben sich nach draußen zu der sich zu­sam­men mit ei­ner wei­te­ren Mit­ar­bei­te­rin, Frau D., vor dem Gebäude auf­hal­ten­den Frau S.. Auf dem Weg dort­hin leg­te Herr Q. den Arm um den Kläger. Der Kläger ver­such­te, sich bei Frau S. zu ent­schul­di­gen, wo­bei Form und In­halt so­wie die Re­ak­ti­on der An­we­sen­den strei­tig sind. Der Kläger ging so­dann ge­folgt von Herrn Q. durch die Drehtür zurück ins Gebäude. In­nen dreh­te er sich um. Es kam zu ei­ner zwi­schen den Par­tei­en in ih­ren Ein­zel­hei­ten strei­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung. Die­se en­de­te, nach­dem sich ein Drit­ter, Herr S., auf den Kläger stürz­te. Der Kläger blieb ins­ge­samt un­ver­letzt. Der Vor­fall wur­de durch im Foy­er zur Ab­si­che­rung des Gebäudes ge­gen Un­be­fug­te seit über zehn Jah­ren sicht­bar in­stal­lier­te Vi­deo­ka­me­ras auf­ge­zeich­net. Bis zum 16.02.2015 hat­te der Kläger Ur­laub. Am 17.02.2015 hörte ihn die Be­klag­te in An­we­sen­heit der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den zu dem Vor­fall an.

Auf Initia­ti­ve des Be­triebs­rats ent­schul­dig­te sich der Kläger am 18.02.2015 in Ge­gen­wart der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den bei Herrn Q., wel­cher die Ent­schul­di­gung an­nahm. Bei­de ga­ben sich die Hand. Herr Q. teil­te dem Kläger mit, dass er ihn we­der zi­vil­recht­lich noch straf­recht­lich ver­fol­gen wol­le, er sei nicht nach­tra­gend.

Mit Zu­stim­mung des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land vom 12.03.2015 bzw. durch Ver­strei­chen­las­sen der Frist des § 91 Abs. 3 SGB IX kündig­te die Be­klag­te nach Anhörung des bei ihr ge­bil­de­ten Be­triebs­rats un­ter dem 26.02.2015 (Bl. 66 ff. d. A.), wel­cher nicht wi­der­sprach, das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en mit Schrei­ben vom 13.03.2015 frist­los und mit ei­nem wei­te­ren Schrei­ben vom sel­ben Tag vor­sorg­lich hilfs­wei­se außer­or­dent­lich mit ei­ner der ta­rif­li­chen Kündi­gungs­frist ent­spre­chen­den Aus­lauf­frist zum 31.12.2015. Die vom Kläger ge­gen die Be­schei­de des Land­schafts­ver­ban­des ein­ge­leg­ten Wi­dersprüche sind noch nicht be­schie­den.

Anläss­lich sei­ner po­li­zei­li­chen Ver­neh­mung als Zeu­ge stell­te Herr Q. Straf­an­trag ge­gen den Kläger.

Mit sei­ner am 31.03.2015 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge hat sich der Kläger ge­gen die Kündi­gung ge­wandt. Er hat das Feh­len ei­nes wich­ti­gen Grun­des so­wie die Anhörung des Be­triebs­rats als nicht ord­nungs­gemäß gerügt. Im Lau­fe des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens hat er die Kla­ge auf die Zah­lung des rest­li­chen März­ge­halts so­wie des­je­ni­gen für die Mo­na­te April bis Ju­ni 2015, Zah­lung von Vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen für April bis Ju­ni 2015 und die Er­tei­lung von Ab­rech­nun­gen er­wei­tert.

Der Kläger hat be­an­tragt, 

1.fest­zu­stel­len, dass das seit dem 01.09.1987 be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die frist­lo­se Kündi­gung der Be­klag­ten vom 13.03.2015 mit Zu­gang des Schrei­bens am 13.03.2015 sein En­de ge­fun­den hat, son­dern über die­sen Zeit­punkt hin­aus un­gekündigt fort­be­steht;

2.fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en auch nicht durch die hilfs­wei­se frist­lo­se Kündi­gung der Be­klag­ten vom 13.03.2015 un­ter Ein­hal­tung ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist von 7 Mo­na­ten zum Vier­tel­jah­res­schluss bzw. zum 31.12.2015 sein En­de fin­den wird, son­dern über die­sen Zeit­punkt hin­aus un­gekündigt fort­be­steht;

3.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, für die Zeit vom 14.03.2015 bis zum 31.03.2015 das rest­li­che März­ge­halt 2015 in Höhe von 2.682,27 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz hier­aus seit dem 01.04.2015 zu zah­len, abzüglich Ar­beits­lo­sen­geld in Höhe von 877,71 €;

4.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn die Gehälter für die Mo­na­te April 2015 und Mai 2015 in Höhe von je­weils 4.117,28 € brut­to (be­ste­hend aus 3.876,00 € brut­to Grund­ge­halt, 200,00 € brut­to frei­wil­li­ge Zu­la­ge, 40,00 € Ar­beit­ge­ber­an­teil Vermögens­bil­dung, 150,00 € Ar­beit­ge­ber­an­teil Di­rekt­ver­si­che­rung, 25,56 € Ar­beit­neh­mer­an­teil Di­rekt­ver­si­che­rung, 1,28 € Kon­toführungs­gebühren = 8.234,56 € brut­to) nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz­aus je­weils 4.117,28 € brut­to seit dem 01.05.2015 und 01.06.2015 zu zah­len, abzüglich Ar­beits­lo­sen­geld in Höhe von 51,63 € täglich = 1.548,90 € mo­nat­lich;

5.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihm für die Mo­na­te März, April und Mai 2015 nach Durchführung der Zah­lun­gen ei­ne ent­spre­chen­de Ab­rech­nung zu er­tei­len, wo­bei die Be­klag­te 25,56 € brut­to Di­rekt­ver­si­che­rungs­bei­trag für ihn und 150,00 € brut­to als Di­rekt­ver­si­che­rungs­bei­trag für die Be­klag­te oh­ne Ver­steue­rung und So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht aus sei­nem Brut­to­ge­halt an die B.-Le­ben zu zah­len hat, die in den Ge­halts­ab­rech­nun­gen von dem Brut­to­ge­halt des Klägers aus steu­er­li­chen Gründen ab­zu­zie­hen sind;

6.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn das Ge­halt für den Mo­na­te Ju­ni 2015 in Höhe von 4.117,28 € brut­to abzüglich Ar­beits­lo­sen­geld in Höhe von 51,63 € täglich bzw. mo­nat­lich 1.548,90 € net­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz­aus hier­aus seit dem 01.07.2015 zu zah­len;

7.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihm für den Mo­nat Ju­ni 2015 nach Durchführung der Zah­lun­gen ei­ne ent­spre­chen­de Ab­rech­nung zu er­tei­len, wo­bei die Be­klag­te 25,56 € brut­to Di­rekt­ver­si­che­rungs­bei­trag für ihn, 150,00 € brut­to = net­to als Di­rekt­ver­si­che­rungs­bei­trag für die Be­klag­te so­wie bei 100,00 € brut­to = net­to an die B. Le­ben und ei­nen Be­trag von 50,00 € brut­to = net­to mo­nat­lich an den De­ka-Fond bei der Spar­kas­se Düssel­dorf (IBAN: DE020509990000022899, un­ter dem Be­treff T. M. W1311437378) oh­ne Ver­steue­rung und So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht ab­zuführen hat, die in den Ge­halts­ab­rech­nun­gen von sei­nem Brut­to­ge­halt ab­zu­zie­hen sind;

8.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, von sei­nen Gehältern in der Zeit von April bis Mai 2015 ei­nen Be­trag in Höhe von 50,00 € mo­nat­lich an den De­ka-Fond bei der Spar­kas­se Düssel­dorf (IBAN: DE020509990000022899, un­ter dem Be­treff T. M. W1311437378) ab­zuführen.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, 

die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 

Sie hat be­haup­tet, der Kläger ha­be Frau S. bei der Aus­ein­an­der­set­zung im Zu­sam­men­hang mit der Po­lo­nai­se mit ei­nem fes­ten Hand­griff von hin­ten am Hals ge­packt und sei­nen Hin­weis wie­der­holt, man sol­le nicht mehr ver­su­chen, die Kra­wat­te ab­zu­schnei­den. Die­se ha­be das An­fas­sen durch den Kläger als be­fremd­lich emp­fun­den und hier­von Herrn Q. be­rich­tet. Die­ser ha­be den Kläger auf sein Ver­hal­ten an­ge­spro­chen und ihm erklärt, er sol­le sich ent­schul­di­gen. Bei der Sze­ne außer­halb des Gebäudes ha­be Frau D. dem Kläger Vorwürfe ge­macht. Auch Herr Q. ha­be sei­ne Kri­tik und sei­ne Auf­for­de­rung an den Kläger, sich zu ent­schul­di­gen, wie­der­holt. Zurück im Gebäude ha­be der Kläger, ein vol­les Bier­glas in der lin­ken Hand, Herrn Q. mit dem rech­ten Arm an­ge­tippt, ihm dann mit dem Fuß kräftig in den Un­ter­leib ge­tre­ten und mit der rech­ten Faust ins Ge­sicht ge­schla­gen. So­dann ha­be er das Bier­glas von der lin­ken in die rech­te Hand ge­nom­men und das Bier Herrn Q., ei­nem Bril­lenträger aus kürzes­ter Ent­fer­nung ins Ge­sicht geschüttet. Un­mit­tel­bar an­sch­ließend ha­be der Kläger Herrn Q. das lee­re Bier­glas (un­strei­tig Alt­bier­be­cher 0,2 Li­ter) mit der zer­brech­li­chen Vor­der­sei­te mit ei­ner Aus­hol­be­we­gung un­mit­tel­bar über dem lin­ken Au­ge ins Ge­sicht ges­toßen, wo­bei auch des­sen Bril­le ge­trof­fen wor­den und zu Bo­den ge­fal­len sei. Herr Q. sei durch das Bier­glas an der Stirn ver­letzt wor­den. Er ha­be meh­re­re stark blu­ten­de Ver­let­zun­gen er­lit­ten. Ein her­bei­ge­ru­fe­ner Not­arzt ha­be meh­re­re Glas­split­ter ent­fernt und die Wun­den ver­sorgt. Es ha­be kei­ne körper­li­che Be­dro­hung des Klägers ge­ge­ben. Die An­grif­fe sei­en aus­sch­ließlich von ihm aus­ge­gan­gen. Es sei von ei­nem vorsätz­li­chen Han­deln des Klägers aus­zu­ge­hen. Dar­auf, ob und in wel­cher Form ver­ba­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen vor­aus­ge­gan­gen sei­en, kom­me es nicht an. Sie hat die An­sicht ver­tre­ten, auch an­ge­sichts des Um­stan­des, dass sich der Vor­fall vor den Au­gen meh­re­rer Mit­ar­bei­ter ab­ge­spielt ha­be, sei die Kündi­gung ge­recht­fer­tigt. Ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung kom­me nicht in Be­tracht, da sie ih­re Mit­ar­bei­ter vor ähn­li­chen Vorfällen schützen und auch auf de­ren Befürch­tun­gen, ih­nen könne Ver­gleich­ba­res pas­sie­ren, Rück­sicht neh­men müsse. Wer fähig sei, ei­nem Men­schen ein Bier­glas in Au­gennähe ins Ge­sicht zu stoßen, ha­be ei­ne Ein­stel­lung ge­zeigt, wel­che nach ih­rer Auf­fas­sung als Ar­beit­ge­be­rin, die den an­de­ren Mit­ar­bei­tern ge­genüber zur Fürsor­ge ver­pflich­tet sei, den Ver­bleib als Be­leg­schafts­mit­glied für die Zu­kunft aus­sch­ließe.

Der Kläger hat be­haup­tet, er ha­be Frau S. nicht am Hals, son­dern am Arm ge­packt. Er ha­be Angst ge­habt, dass die­se ihn mit der Sche­re ver­let­ze. Auf sei­ne höfli­che Bit­te, die Ver­su­che zum Ab­schnei­den der Kra­wat­te zu un­ter­las­sen, ha­be die­se ihm ent­geg­net: "Was bist Du denn für ein dämli­ches Arsch­loch." Et­wa ei­ne hal­be St­un­de da­nach ha­be Herr Q. ihn an sei­nem Tisch auf­ge­sucht und ihn da­mit be­schimpft, was er "denn für ein dum­mes Arsch­loch und ein dämli­cher Wich­ser" sei, und geäußert: "Was fällt Dir blödes Arsch­loch denn ein, sei­ne Kol­le­gin so zu be­han­deln?" Er ha­be zunächst gar nicht ver­stan­den, was Herr Q. mei­ne, bis er dann den Zu­sam­men­hang mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen Vor­fall her­ge­stellt ha­be. Er ha­be Herrn Q. ge­fragt, was das Gan­ze sol­le, er ha­be nichts ge­tan. Den­noch ha­be die­ser ihn wei­ter mit den ge­nann­ten Wor­ten be­schimpft und den Tisch erst ver­las­sen, als der Kläger ihm sag­te, er ha­be nichts ge­tan, Herr Q. sol­le sich gefälligst "ver­pis­sen". Er, der Kläger, ha­be sich auf die Tanzfläche be­ge­ben. Als er ge­se­hen ha­be, dass Herr Q. mit den Ar­men schwen­kend Droh­gebärden in sei­ne Rich­tung ge­macht ha­be, sei er an den Tisch zurück­ge­kehrt. Herr Q. sei dann aber­mals an den Tisch ge­tre­ten und ha­be ihn er­neut be­schimpft, was er denn "für ein außer­or­dent­li­ches dum­mes Arsch­loch" sei, so ein "blöder Wich­ser" sei ihm "noch nie be­geg­net" und "nur ein Arsch­loch würde sich so ver­hal­ten wie er". Um wei­te­ren Be­lei­di­gun­gen die Grund­la­ge zu ent­zie­hen, ha­be er Herrn Q. mit­ge­teilt, sich bei den bei­den Mit­ar­bei­te­rin­nen ent­schul­di­gen zu wol­len. Draußen ha­be er sich bei Frau S. mit den Wor­ten ent­schul­digt: "Was im­mer ich auch ge­tan ha­ben soll, oder wenn ich Dich un­be­wusst viel­leicht zu hart an­ge­fasst ha­ben soll­te, dann tut es mir leid." Die ihr da­bei an­ge­bo­te­ne Hand ha­be Frau S. nicht an­ge­nom­men, son­dern er­wi­dert: "Ok, Du hast Dich zwar ent­schul­digt, aber trotz­dem bist Du ein blöder Arsch." Er sei dann mit ähn­li­chen Wor­ten auch von Frau D. be­lei­digt wor­den, wor­auf er in das Gebäude zurück­ge­kehrt sei. Er ha­be Herrn Q. noch in der Drehtür ge­be­ten, ihn in Ru­he zu las­sen. In­nen ha­be Herr Q. ihn wei­ter mit den Wor­ten be­schimpft: "Du bist ja doch das dämli­che Arsch­loch, was ich im­mer schon an­ge­nom­men ha­be." Er ha­be ihn zu­dem als "Du dämli­ches Arsch­loch" an­gebrüllt. Er, der Kläger, ha­be sich durch die Ver­fol­gung und die Be­schimp­fun­gen un­ter Druck ge­setzt gefühlt. Herr Q. sei be­droh­lich na­he auf ihn zu­ge­kom­men, bis sie qua­si "Na­se an Na­se" ge­stan­den hätten. Er sei wütend ge­wor­den und ha­be Angst be­kom­men. Er ha­be Herrn Q. dann mit den Wor­ten "Lass mich!" bzw. "Bleib da ste­hen!" mit dem rech­ten Arm von sich weg­ge­drückt. Da­bei ha­be er die­sen an der rech­ten Schul­ter berührt. Als Herr Q. im­mer noch nicht weg­ging, ha­be er mit dem lin­ken Bein nach ihm ge­tre­ten, oh­ne ihn zu tref­fen. Herr Q. ha­be im­mer noch nicht von ihm ab­ge­las­sen. Des­halb ha­be er ei­ne Ab­wehr­be­we­gung mit dem rech­ten Arm ge­macht und da­bei Bier aus sei­nem Glas in das Ge­sicht des Herrn Q. geschüttet. Die­ser sei je­doch auch dann nicht weg­ge­gan­gen. Er ha­be den Ein­druck ge­habt, Herr Q. wer­de noch wüten­der. Es sei ei­ne nicht kon­trol­lier­ba­re Pa­nik in ihm auf­ge­stie­gen. Durch die Son­nen­bril­le und das fla­ckern­de Licht ha­be er Be­we­gun­gen des Herrn Q. nicht klar ein­ord­nen können. Die­ser ha­be ge­zischt: "Jetzt reicht s, Du Arsch". Er ha­be befürch­tet, Herr Q. wer­de ihn körper­lich an­grei­fen, ihn al­so nie­der­schla­gen oder gar ein Mes­ser zie­hen oder Ähn­li­ches. Das sei der Mo­ment ge­we­sen, in dem er nicht mehr klar ha­be den­ken können. Er ha­be mit dem rech­ten Arm in Rich­tung des Herrn Q. ge­schla­gen, um ei­nen mögli­chen An­griff ab­zu­weh­ren, oh­ne im Ein­zel­nen darüber nach­zu­den­ken, was er ei­gent­lich tue. Er ha­be nicht dar­an ge­dacht, dass er noch ein Bier­glas in der Hand hat­te. Er ha­be nicht ge­se­hen, dass Herr Q. an der Stirn ge­blu­tet ha­be und dass sei­ne Bril­le zu Bruch ge­gan­gen sei. Dies und dass er Herrn Q. mit dem Bier­glas ge­trof­fen ha­be, be­strei­te er mit Nicht­wis­sen. Er ha­be le­dig­lich am 18.02.2015 meh­re­re klei­ne­re Schnitt­wun­den an der Stirn von Herr Q. ge­se­hen. Er hat sich dar­auf be­ru­fen, es ha­be sich um ein außer­dienst­li­ches Ver­hal­ten - zu­dem während sei­nes Ur­laubs - ge­han­delt. Er ha­be bis zu die­sem Zeit­punkt min­des­tens sie­ben bis acht Gläser Bier ge­trun­ken.

Mit Ur­teil vom 31.07.2015 hat das Ar­beits­ge­richt nach - al­ler­dings nicht ih­rem In­halt nach pro­to­kol­lier­ter - In­au­gen­schein­nah­me der Vi­deo­auf­zeich­nun­gen die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Es hat ins­be­son­de­re an­ge­nom­men, es ha­be auf­grund vom Kläger be­gan­ge­ner ge­ziel­ter Körper­ver­let­zun­gen ein wich­ti­ger Grund für die frist­lo­se Kündi­gung vor­ge­le­gen. Auch die In­ter­es­sen­abwägung fal­le in An­be­tracht der gefähr­li­chen Körper­ver­let­zung zu sei­nen Las­ten aus. Die Be­triebs­rats­anhörung ent­spre­che den ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen. Über die hilfs­wei­se außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit Aus­lauf­frist sei nicht zu ent­schei­den.

Ge­gen das ihm am 11.08.2015 zu­ge­stell­te Ur­teil hat der Kläger am 07.09.2015 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se mit ei­nem am 09.10.2015 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet.

Zur Be­gründung sei­ner Be­ru­fung führt er aus: 

Er ha­be die Aus­wir­kun­gen des Kar­ne­vals­brauchs auf ihn nach sei­ner Krebs­er­kran­kung und Am­pu­ta­ti­on der Ho­den un­terschätzt. Durch die Be­lei­di­gun­gen und Be­dro­hun­gen sei es zu ei­ner Es­ka­la­ti­on ge­kom­men, weil die Si­tua­ti­on für ihn im Lau­fe des Abends im­mer be­droh­li­cher und be­las­ten­der ge­wor­den sei. Nach sei­ner Auf­fas­sung ha­be die erst­in­stanz­li­che Be­weis­auf­nah­me sei­nen Vor­trag bestätigt, in Not­wehr ge­han­delt zu ha­ben. Er be­haup­tet, er ha­be nach der Rück­kehr in das Gebäude nur er­rei­chen wol­len, dass Herr Q. ihn in Ru­he las­se und weg­ge­he. Nach sei­ner - wenn auch lücken­haf­ten Er­in­ne­rung - ha­be er Herrn Q. mit der Hand ge­schla­gen, in der er zu­vor das Bier­glas ge­hal­ten ha­be; er ha­be ihn aber nicht be­wusst mit der Hand ge­schla­gen, in der er das Bier­glas ge­hal­ten ha­be. Es ha­be sich um ver­zwei­fel­te Ab­wehr­bemühun­gen ge­han­delt. In Ver­bin­dung mit sei­ner Al­ko­ho­li­sie­rung und ei­ner Pa­nik­at­ta­cke ha­be er über­re­agiert und ei­nen so­ge­nann­ten Not­wehr­ex­zess be­gan­gen. Es feh­le da­her ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts an ei­nem schuld­haf­ten Ver­hal­ten, wel­ches zu­dem als außer­dienst­lich ein­zu­stu­fen sei. Auch sei die Be­triebs­rats­anhörung feh­ler­haft er­folgt. In­so­fern ha­be die Be­klag­te dem Be­triebs­rat nur un­genügend die ihr be­kann­ten, der Kündi­gung wi­der­strei­ten­den Umstände und die Vor­ge­schich­te mit­ge­teilt. Ih­re Schil­de­rung des Vor­falls selbst de­cke sich nicht mit den Vi­deo­auf­zeich­nun­gen. Es wer­de nicht deut­lich, dass es sich um ei­ne nach­voll­zieh­ba­re Re­ak­ti­on auf die Si­tua­ti­on ge­han­delt ha­be. Als "kas­trier­ter" männ­li­cher Ar­beit­neh­mer ha­be er ei­ne re­du­zier­te Ag­gres­si­ons­be­reit­schaft.

Der Kläger hat zu­dem im Rah­men des Be­ru­fungs­ver­fah­rens die Kla­ge auf den Zeit­raum bis Ok­to­ber 2015 er­wei­tert. We­gen der Ein­zel­hei­ten wird auf die Schriftsätze vom 09.10.2015 und 20.11.2015 ver­wie­sen.

Er be­an­tragt zu­letzt, 

1.das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 31.07.2015 - 11 Ca 1836/15 - ab­zuändern und fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en we­der durch die frist­lo­se Kündi­gung der Be­klag­ten vom 13.03.2015, noch durch die hilfs­wei­se frist­lo­se Kündi­gung der Be­klag­ten vom 13.03.2015 un­ter Ein­hal­tung ei­ner so­zia­len Aus­lauf­frist von sie­ben Mo­na­ten zum Vier­tel­jah­res­schluss bzw. zum 31.12.2015 sein En­de fin­den wird,

hilfs­wei­se, wird für den Fall des Ob­sie­gens, 

2.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihm das rest­li­che März­ge­halt 2015 in Höhe von 2.682,27 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz hier­aus seit dem 01.04.2015 zu zah­len, abzüglich Ar­beits­lo­sen­geld in Höhe von 877,71 € net­to,

3.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn die Gehälter für die Mo­na­te April, Mai, Ju­ni, Ju­li und Au­gust 2015 in Höhe von je­weils 4.117,28 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz hier­aus seit dem 01.05., 01.06., 01.07., 01.08. und 01.09.2015 zu zah­len, abzüglich Ar­beits­lo­sen­geld in Höhe von 1.548,90 € net­to mo­nat­lich,

4.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn das Ge­halt für den Mo­nat Sep­tem­ber 2015 in Höhe von 4.169,00 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz hier­aus seit­dem 01.10.2015 abzüglich Ar­beits­lo­sen­geld in Höhe von 1.548,90 € net­to mo­nat­lich zu zah­len so­wie das im Ju­ni 2015 zu zah­len­de Ur­laubs­geld in Höhe von 4.117,28 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz hier­aus seit dem 01.07.2015 zu zah­len,

5.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihm Ab­rech­nun­gen über die Zah­lun­gen des Sep­tem­ber­ge­hal­tes 2015 und des Ur­laubs­gel­des zu er­tei­len,

6.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn das Ge­halt für den Mo­nat Ok­to­ber 2015 in Höhe von 4.169,00 € brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz hier­aus seit dem 01.11.2015 abzüglich Ar­beits­lo­sen­geld in Höhe von 1.548,90 € net­to mo­nat­lich zu zah­len,

7.die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, dem Kläger Ab­rech­nun­gen über die Zah­lung des Ok­to­ber­ge­hal­tes 2015 zu er­tei­len.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen. 

Sie ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil un­ter Be­zug­nah­me auf den erst­in­stanz­li­chen Vor­trag. Sie ergänzt ih­re Be­haup­tun­gen da­hin­ge­hend, dass der Kläger bei der sich draußen ab­spie­len­den Sze­ne erklärt ha­be, Frau S. sol­le sich nicht so an­stel­len, er sei schließlich Kampf­sport­ler und die Si­tua­ti­on ha­be schlim­mer für sie aus­ge­hen können. Beim Be­tre­ten des Gebäudes ha­be der Kläger Herrn Q. be­schimpft, wel­cher dann ge­fragt ha­be: "Was hast Du ge­sagt?" Der Kläger ha­be ge­ant­wor­tet, Herr Q. sol­le ihn in Ru­he las­sen, er ha­be vor­hin schon mal ge­sagt, dass er Kampf­sport ma­che. Un­strei­tig be­treibt der Kläger Ai­ki­do, ei­ne Kampf­kunst, bei der auf Wettkämp­fe ver­zich­tet wird.

Auf Be­fra­gen der Be­ru­fungs­kam­mer hat der Kläger erklärt, er wis­se zu der Aus­ein­an­der­set­zung selbst nur noch, dass er Herrn Q. ge­schubst und ge­sagt ha­be, "lass mich end­lich in Ru­he". Das Bier ha­be er ihm nur ver­se­hent­lich ins Ge­sicht geschüttet. Er sei pa­nisch ge­wor­den und ha­be ei­nen Schweißaus­bruch ge­habt. Die Be­ru­fungs­kam­mer hat Be­weis er­ho­ben durch In­au­gen­schein­nah­me der Vi­deo­auf­zeich­nun­gen so­wie durch Ver­neh­mung der Zeu­gen Q. und S.. We­gen des Er­geb­nis­ses der Be­weis­auf­nah­me wird auf die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten vom 10.12. und 22.12.2015 ver­wie­sen.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten bei­der In­stan­zen Be­zug ge­nom­men.

ENT­SCHEI­DUN­GSGRÜNDE: 

A. 

Die Be­ru­fung des Klägers ist zulässig, ins­be­son­de­re un­ter Be­ach­tung der Vor­ga­ben der §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 520 ZPO form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den.

B.  

Die Be­ru­fung ist je­doch nicht be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat die ge­gen die außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung ge­rich­te­te Kla­ge zu­tref­fend ab­ge­wie­sen. Über die nur für den Fall des Ob­sie­gens ge­stell­ten Anträge auf Zah­lung und Ab­rech­nung war da­her nicht zu ent­schei­den. Ent­spre­chen­des gilt für die Kla­ge ge­gen die außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit Aus­lauf­frist. Zwar hat der Kläger den ent­spre­chen­den An­trag nicht aus­drück­lich hilfs­wei­se ge­stellt. Ein un­be­ding­ter An­trag ge­gen ei­ne nur hilfs­wei­se aus­ge­spro­che­ne, später wir­ken­de Kündi­gung ist je­doch nicht nur sinn­los, son­dern wi­der­spricht auch dem wohl­ver­stan­de­nen Kos­ten­in­ter­es­se der kla­gen­den Par­tei (vgl. BAG 21.11.2013 - 2 AZR 474/12 - RN 18 ff, AP SGB V § 164 Nr. 1). Auch das Ar­beits­ge­richt hat - wenn auch oh­ne Be­gründung - den An­trag als ei­nen sol­chen aus­ge­legt, über den we­gen der Wirk­sam­keit der frist­lo­sen Kündi­gung nicht zu ent­schei­den sei - al­so als un­ech­ten Hilfs­an­trag -, oh­ne dass der Kläger dem in der Be­ru­fung wi­der­spro­chen hat.

I. Die außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung der Be­klag­ten vom 13.03.2015 wird den An­for­de­run­gen des § 626 BGB ge­recht.

1. Nach § 626 Abs. 1 BGB kann das Ar­beits­verhält­nis von je­dem Ver­trags­teil aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist oder bis zu der ver­ein­bar­ten Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Die Prüfung, ob ein ge­ge­be­ner Le­bens­sach­ver­halt ei­nen wich­ti­gen Grund in die­sem Sin­ne dar­stellt, voll­zieht sich zwei­stu­fig: Zunächst ist zu prüfen, ob ein be­stimm­ter Sach­ver­halt oh­ne die be­son­de­ren Umstände des Ein­zel­falls als wich­ti­ger Kündi­gungs­grund an sich ge­eig­net ist. Ist dies der Fall, be­darf es so­dann der Prüfung, ob dem Kündi­gen­den die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le je­den­falls bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist zu­mut­bar ist oder nicht (st. Rspr., vgl. nur BAG 16.07.2015 - 2 AZR 85/15 - NZA 2016, 161 mwN; 10.12.2009 - 2 AZR 534/08 - NZA 2010, 698; 26.03.2009 - 2 AZR 953/07 - RN 21 mwN, NZA-RR 2010, 516 = AP BGB § 626 Nr. 220; 27.04.2006 - 2 AZR 386/05 - RN 19, NZA 2006, 977).

In der Re­gel be­darf es ei­ner schuld­haf­ten Pflicht­ver­let­zung. Ei­ne Pflicht­ver­let­zung ist vor­werf­bar, wenn der Ar­beit­neh­mer sei­ne ihr zu­grun­de lie­gen­de Hand­lungs­wei­se steu­ern konn­te. Ein Ver­hal­ten ist steu­er­bar, wenn es vom Wil­len des Ar­beit­neh­mers be­ein­flusst wer­den kann. Dies ist nicht der Fall, wenn dem Ar­beit­neh­mer die Pflich­terfüllung aus von ihm nicht zu ver­tre­ten­den Gründen sub­jek­tiv nicht möglich ist. Ist dies vorüber­ge­hend nicht der Fall, ist er für die­se Zeit von der Pflich­terfüllung be­freit. Der Ar­beit­ge­ber trägt im Kündi­gungs­schutz­pro­zess die Dar­le­gungs- und Be­weis­last auch dafür, dass sol­che Tat­sa­chen nicht vor­ge­le­gen ha­ben, die das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers ge­recht­fer­tigt oder ent­schul­digt er­schei­nen las­sen. Der Um­fang der ihm ob­lie­gen­den Dar­le­gungs­last ist al­ler­dings da­von abhängig, wie sich der Ar­beit­neh­mer auf ei­nen be­stimm­ten Vor­trag einlässt. Nach den Grundsätzen der ab­ge­stuf­ten Dar­le­gungs- und Be­weis­last darf sich der Ar­beit­ge­ber zunächst dar­auf be­schränken, den ob­jek­ti­ven Tat­be­stand ei­ner Ar­beits­pflicht­ver­let­zung dar­zu­le­gen. Er muss nicht je­den er­denk­li­chen Recht­fer­ti­gungs- oder Ent­schul­di­gungs­grund vor­beu­gend aus­sch­ließen. Will der Ar­beit­neh­mer gel­tend ma­chen, er sei aus von ihm nicht zu ver­tre­ten­den Gründen ge­hin­dert ge­we­sen, sei­ne Pflich­ten ord­nungs­gemäß zu erfüllen, muss er die­se Gründe ge­nau an­ge­ben. Be­ruft er sich auf krank­heits­be­ding­te Gründe, kann es er­for­der­lich sein, dass er sub­stan­ti­iert dar­legt, wor­an er er­krankt war und wes­halb er des­halb sei­ne Pflich­ten nicht ord­nungs­gemäß erfüllen konn­te (vgl. ins­ge­samt BAG 03.11.2011 - 2 AZR 748/10 - NZA 2012, 607).

Die Umstände, an­hand de­rer zu be­ur­tei­len ist, ob dem Ar­beit­ge­ber die Wei­ter­beschäfti­gung zu­mut­bar ist oder nicht, las­sen sich nicht ab­sch­ließend fest­le­gen. Zu berück­sich­ti­gen sind aber re­gelmäßig das Ge­wicht und die Aus­wir­kun­gen ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung - et­wa im Hin­blick auf das Maß ei­nes durch sie be­wirk­ten Ver­trau­ens­ver­lus­tes und ih­re wirt­schaft­li­chen Fol­gen -, der Grad des Ver­schul­dens des Ar­beit­neh­mers, ei­ne mögli­che Wie­der­ho­lungs­ge­fahr so­wie die Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses und des­sen störungs­frei­er Ver­lauf (BAG 28.01.2010 - 2 AZR 1008/08 - RN 26 mwN, DB 2010, 1709; 10.11.2005 - 2 AZR 623/04 - RN 38 mwN, NZA 2006, 491). Bei der ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung bil­det der Grad des Ver­schul­dens des Ar­beit­neh­mers im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung ein wich­ti­ges, oft das wich­tigs­te Ab­gren­zungs­kri­te­ri­um (BAG 21.01.1999 - 2 AZR 665/98 - NZA 1999, 863).

Tätlich­kei­ten un­ter Ar­beit­neh­mern sind grundsätz­lich ge­eig­net, ei­nen wich­ti­gen Grund zur Kündi­gung zu bil­den (st. Rspr. des Bun­des­ar­beits­ge­richts, vgl. nur BAG 06.10.2005 - 2 AZR 280/04 - NZA 2006, 431). Bei ei­nem tätli­chen An­griff auf ei­nen Ar­beits­kol­le­gen han­delt es sich um ei­ne schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der ar­beits­ver­trag­li­chen Ne­ben­pflich­ten. Der Ar­beit­ge­ber ist nicht nur al­len Ar­beit­neh­mern ver­pflich­tet, dafür Sor­ge zu tra­gen, dass sie kei­nen Tätlich­kei­ten aus­ge­setzt sind, son­dern hat auch ein ei­ge­nes In­ter­es­se dar­an, dass die be­trieb­li­che Zu­sam­men­ar­beit nicht durch tätli­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen be­ein­träch­tigt wird und nicht durch Ver­let­zun­gen Ar­beits­kräfte aus­fal­len (BAG 18.09.2008 - 2 AZR 1039/06 - DB 2009, 964). Das Be­ste­hen von Scha­dens­er­satz­ansprüchen ändert nichts dar­an, dass Ver­tragsstörun­gen ei­ne or­dent­li­che oder so­gar außer­or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­ti­gen können. Der Ar­beit­ge­ber darf auch berück­sich­ti­gen, wie es sich auf das Ver­hal­ten der übri­gen Ar­beit­neh­mer aus­wirkt, wenn er von ei­ner Kündi­gung ab­sieht. In­so­weit han­delt es sich noch um Fol­gen des Fehl­ver­hal­tens, für das der Ar­beit­neh­mer ein­zu­ste­hen hat (BAG 18.09.2008 aaO). Bei Tätlich­kei­ten un­ter Ar­beits­kol­le­gen be­darf es vor Aus­spruch ei­ner Kündi­gung re­gelmäßig kei­ner Ab­mah­nung. Denn der Ar­beit­neh­mer weiß von vorn­her­ein, dass der Ar­beit­ge­ber ein der­ar­ti­ges Fehl­ver­hal­ten miss­bil­ligt. Dies gilt un­ein­ge­schränkt bei schwe­ren Tätlich­kei­ten. Hier kann schon ein ein­ma­li­ger Vor­fall ei­nen wich­ti­gen Grund zur Kündi­gung dar­stel­len, oh­ne dass der Ar­beit­ge­ber noch ei­ne Wie­der­ho­lungs­ge­fahr be­gründen und den Ar­beit­neh­mer zu­vor ab­mah­nen müss­te (BAG 18.09.2008 aaO mwN).

2. Nach die­sen Grundsätzen ist die außer­or­dent­li­che Kündi­gung ge­mes­sen an § 626 BGB wirk­sam.

a) Die Be­ru­fungs­kam­mer geht auf­grund der durch­geführ­ten In­au­gen­schein­nah­me von fol­gen­dem (Kern-)Sach­ver­halt aus: Nach­dem sich der Zeu­ge Q. nach der Rück­kehr in das Gebäude dem Kläger bis auf 10 bis 15 cm Ge­sichts­ab­stand - al­so durch­aus näher als so­zi­al üblich, aber kei­nes­falls un­mit­tel­bar "Na­se an Na­se" - genähert hat­te, stieß der Kläger ihn mit dem rech­ten Arm von sich weg. An­sch­ließend trat er - ob er­folg­reich oder nicht war nach den Bil­dern nicht zu er­ken­nen - mit dem rech­ten Bein nach ihm. Es folg­te ein wei­te­rer Stoß mit rechts. An­sch­ließend wech­sel­te der Kläger das zu­vor in der lin­ken Hand ge­hal­te­ne Bier­glas in die rech­te Hand und schütte­te dem Zeu­gen Q. den In­halt mit ei­ner aus­ho­len­den Be­we­gung ge­zielt ins Ge­sicht, um ihn für den fol­gen­den Schlag wehr­los zu ma­chen. Der Zeu­ge Q. griff oh­ne ei­ne An­griffs­be­we­gung le­dig­lich zu sei­ner Bril­le. Der Kläger dreh­te das Bier­glas in sei­ner rech­ten Hand so, dass die of­fe­ne Sei­te nach vorn zeig­te und schlug dem Zeu­gen das Glas mit Wucht auf die Stirn über dem lin­ken Au­ge. Da­bei er­litt der Zeu­ge Schnitt­ver­let­zun­gen an der Stirn; es blie­ben Glas­split­ter in der Stirn ste­cken.

Es han­delt sich da­mit zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer um ein ziel­ge­rich­te­tes, rück­sichts­lo­ses Vor­ge­hen und ei­ne schwe­re Tätlich­keit mit ho­hem Ver­let­zungs­ri­si­ko, die nach obi­gen Maßstäben als Kündi­gungs­grund "an sich" ge­eig­net ist.

Die Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer be­ruht im We­sent­li­chen auf fol­gen­den Erwägun­gen:

Zunächst ent­spricht die Ein­las­sung des Klägers, er ha­be dem Zeu­gen Q. das Bier nur ver­se­hent­lich ins Ge­sicht geschüttet, zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer nicht der Wahr­heit. Es gibt be­reits kei­nen Grund dafür, dass der Kläger, der zu­vor sei­nen rech­ten Arm für die Stoßbe­we­gun­gen ver­wen­det hat, das Glas von der lin­ken in die rech­te Hand wech­selt, wenn nicht den, dem Zeu­gen mit der an­sch­ließen­den deut­lich sicht­ba­ren Aus­hol­be­we­gung den In­halt des Gla­ses von un­ten mit ei­nem der­ar­ti­gen Schwung ins Ge­sicht zu schütten, dass sich der be­ob­acht­ba­re "Strah­len­kranz" auf ei­nen teil­wei­se mehr als dop­pel­ten Kopf­durch­mes­ser beläuft. Ei­ne (missglück­te) Ab­wehr­be­we­gung - wie womöglich die bei­den Teil­ak­te zu­vor - konn­te dies auch des­halb nicht dar­stel­len, weil der Ab­stand zum Zeu­gen hierfür zu groß war. Wie der Kläger den Vor­gang den­noch als ein ver­se­hent­li­ches Verschütten dar­stel­len kann, er­sch­ließt sich der Kam­mer nicht. Sei­ne ent­spre­chen­de Be­haup­tung ent­larvt sei­ne Ein­las­sung zu die­sem we­sent­li­chen Teil des Kern­ge­sche­hens da­mit als rei­ne Schutz­be­haup­tung. Dass der Kläger zu der Aus­ein­an­der­set­zung nach aus­drück­li­chem ei­ge­nen Be­kun­den al­len­falls noch va­ge Er­in­ne­run­gen ha­ben will, während der Be­weis­auf­nah­me aber zu der un­mit­tel­bar an­sch­ließen­den Sze­ne spon­tan erklärt hat, er sei (nicht zu Bo­den ge­gan­gen, son­dern) nur in der Ho­cke ge­we­sen, passt sich zwang­los in die­se Be­wer­tung ein.

Bei der von un­ten er­folg­ten Schütt­be­we­gung muss der Kläger das Glas mit der Öff­nung nach oben in der rech­ten Hand ge­hal­ten ha­ben. Hätte er es in die­ser Hal­tung auf die Stirn des Zeu­gen ge­schla­gen, wäre das von der Ka­me­ra auf­ge­nom­me­ne Ex­plo­si­ons­bild, bei dem Scher­ben in al­le Rich­tun­gen, ins­be­son­de­re auch nach un­ten flie­gen, nicht erklärbar. Auch wäre das Glas dann in der Hand des Klägers zer­bro­chen, was kaum oh­ne Ver­let­zun­gen möglich ge­we­sen wäre. Auch der klei­ne Bo­gen in der Schlag­be­we­gung erklärt sich zwang­los da­durch, dass der Kläger beim Rückwärts­schwin­gen des Ar­mes das Glas in der Hand so ge­dreht hat, dass die of­fe­ne Sei­te nach vor­ne ge­rich­tet war. Für die ho­he Wucht des Schla­ges spricht, dass die ent­spre­chen­de Be­we­gung auf den Vi­deo­auf­nah­men nur sche­men­haft als "Licht­blitz" er­kenn­bar ist. Auch ließe sich an­sons­ten das ex­plo­si­ons­ar­ti­ge Auf­sprit­zen der Scher­ben nicht erklären. Die Größe des Ex­plo­si­ons­bil­des schließt zu­dem aus, dass es sich bei den Scher­ben le­dig­lich um die Bril­lengläser han­del­te. Auch könn­ten aus ei­nem Bruch der Bril­lengläser stam­men­de Scher­ben nicht das Ver­let­zungs­bild an der Stirn er­zeu­gen, das der Zeu­ge nach den zur Ak­te ge­reich­ten Fo­tos er­lit­ten hat. Dafür, dass die dort sicht­ba­ren Wun­den nicht von dem hier frag­li­chen Vor­fall herrühren, spricht aus Sicht der Kam­mer nichts. Hier­auf hat sich auch der Kläger nicht be­ru­fen, son­dern im Ge­gen­teil bestätigt, dass er sechs Ta­ge später meh­re­re klei­ne­re Schnitt­wun­den an der Stirn von Herr Q. ge­se­hen hat.

Der fi­na­le Schlag mit dem Glas lässt sich nicht als ei­ne pa­nik­ar­ti­ge Re­ak­ti­on - in der Fol­ge ei­ner krank­haf­ten Angststörung - auf ei­nen befürch­te­ten An­griff durch Herrn Q. ein­ord­nen. Zwar ist zwi­schen den Par­tei­en nicht strei­tig, dass der Kläger grundsätz­lich un­ter ei­ner krank­haf­ten Angststörung lei­det. Zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer spiel­te die­se bei dem frag­li­chen Vor­fall je­doch kei­ne Rol­le. Die Ein­las­sung des Klägers, er ha­be nach ei­nem ver­se­hent­li­chen Verschütten des Bie­res in das Ge­sicht des Zeu­gen Q. ei­ne Pa­nik­at­ta­cke er­lit­ten, hält die Be­ru­fungs­kam­mer wie dar­ge­legt für ei­ne durch die Be­weis­auf­nah­me wi­der­leg­te Schutz­be­haup­tung. Be­reits da­durch wird die Dar­stel­lung des Klägers un­schlüssig, er sei in Pa­nik ge­ra­ten, nach­dem er dem Zeu­gen ver­se­hent­lich Bier ins Ge­sicht geschüttet ha­be, und ha­be nicht mehr klar den­ken können. Mit dem ab­sicht­li­chen Schütten des Bie­res in das Ge­sicht des Zeu­gen hat der Kläger die­sen ge­zielt wehr­los ge­macht, was eben­falls da­ge­gen spricht, dass der nach­fol­gen­de Schlag ei­ne da­nach erst ein­set­zen­de Pa­nik­re­ak­ti­on war. Nach der Körper­hal­tung des Herrn Q., der auf­grund des ihm ins Ge­sicht geschütte­ten Bie­res wehr­los da­stand, hat­te der Kläger zu­dem kei­nen körper­li­chen An­griff zu befürch­ten. Nach dem Er­geb­nis der In­au­gen­schein­nah­me ist zu­dem der vom Kläger Herrn Q. an die­ser Stel­le des Vor­falls in den Mund ge­leg­te Satz ("Jetzt reicht s, Du Arsch") nicht ge­fal­len. Ent­schei­dend hat die Kam­mer in­so­weit dar­auf ab­ge­stellt, dass die­ser be­reits in zeit­li­cher Hin­sicht nicht in der fest­ge­stell­ten Ab­fol­ge der ein­zel­nen Hand­lun­gen un­ter­zu­brin­gen ist. Der letz­te Schlag des Klägers er­folg­te zu ei­nem Zeit­punkt, als der Zeu­ge im An­schluss an das ihm ins Ge­sicht geschütte­te Bier ei­nen der­ar­ti­gen Satz nicht ein­mal vollständig hätte aus­spre­chen können, zu­dem der Kläger zu­vor be­reits zu die­sem Schlag aus­ge­holt und das Glas in der Hand ge­dreht hat­te. Dass der Kläger als Re­ak­ti­on auf den frag­li­chen Satz in Pa­nik ge­ra­ten und erst so­dann - "außer Kon­trol­le" - in Pa­nik zum Schlag mit dem Glas an­ge­setzt hat, ist da­her nach der fest­ge­stell­ten zeit­li­chen Ab­fol­ge unmöglich. Dass auch der Zeu­ge Q. in sei­ner Ver­neh­mung die­se Äußerung nicht bestätigt hat, war für die Be­ru­fungs­kam­mer nicht maßge­bend. Es liegt be­zo­gen auf das in das Ge­sicht Schütten des Bie­res und den an­sch­ließen­den Schlag ei­ne durch­ge­hen­de, "run­de" Be­we­gung des Klägers vor. Auch wäre nach sei­ner Sach­ver­halts­dar­stel­lung nicht erklärbar, wes­halb der Kläger beim Zurück­schwin­gen des rech­ten Ar­mes mit dem ge­ra­de ge­leer­ten Bier­glas die­ses so in der Hand ge­dreht hat, dass beim Schlag das of­fe­ne En­de vor­an ging. Ein der­ar­tig ge­ziel­tes Ver­hal­ten schließt zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer eben­falls aus, dass der Kläger in blin­der Pa­nik um sich ge­schla­gen hat. Dies wird zu­dem da­durch bestätigt, dass er den Schlag mit dem Glas mit Wucht nach vor­ne aus­geführt hat. Zur Über­zeu­gung der Kam­mer sind die bei­den Teil­ak­te "Bier ins Ge­sicht schütten" und "Schlag mit dem Glas" der­art mit­ein­an­der ver­knüpft, dass da­von aus­zu­ge­hen ist, dass der Kläger den Zeu­gen zunächst wehr­los ma­chen woll­te, um so­dann den "fi­na­len" Schlag set­zen zu können. Ob der Kläger ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten beim "Kampf­kunst­trai­ning" er­lernt hat­te, spielt für die Würdi­gung kei­ne Rol­le. Der ge­sam­te Ha­bi­tus des Klägers nach dem (Wie­der-) Be­tre­ten des Foy­ers stell­te sich für die Kam­mer so dar, dass er sich ge­genüber dem Zeu­gen Q. "auf­ge­baut" hat. Er hat sich nicht et­wa auf der Stel­le ge­dreht, son­dern in ei­ner Schritt­fol­ge, die ihn am En­de ei­nen fes­ten Stand fin­den ließ. Auch die an­sch­ließen­de Be­we­gungs­ab­fol­ge - die vom ers­ten bis zum letz­ten Teil­akt le­dig­lich sechs Se­kun­den (20:21:02 bis 20:21:08 Uhr) ge­dau­ert hat - wirkt flüssig, ge­wis­ser­maßen wie ein­stu­diert. Letz­te­res gilt ins­be­son­de­re für das Wehr­los­ma­chen durch Schütten ei­ner Flüssig­keit in das Ge­sicht des Op­fers und den an­sch­ließen­den, von die­sem nicht zu ver­hin­dern­den Schlag. Das vom Kläger an­ge­bo­te­ne Sach­verständi­gen­gut­ach­ten führt in die­sem Zu­sam­men­hang nicht wei­ter. Dass der Kläger grundsätz­lich auf­grund ei­ner Angststörung zu Pa­nik­re­ak­tio­nen neigt, hat die Kam­mer zu sei­nen Guns­ten un­ter­stellt, da dies zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig ist. Ob sich das kon­kret fest­ge­stell­te Ver­hal­ten als Pa­nik­re­ak­ti­on dar­stellt, ist je­doch kei­ne me­di­zi­ni­sche Fra­ge, son­dern ei­ne sol­che der Würdi­gung sei­ner als falsch er­wie­se­nen Ein­las­sung und des durch die Be­ru­fungs­kam­mer fest­ge­stell­ten Ge­sche­hens­ab­laufs. Das ist nicht Auf­ga­be ei­nes Sach­verständi­gen­gut­ach­tens, son­dern ur­ei­ge­ne Auf­ga­be des Ge­richts. Dass der Kläger nach ei­nem ver­se­hent­li­chen Verschütten des Bie­res und ei­ner ge­zisch­ten Äußerung des Zeu­gen Q. in Pa­nik ge­ra­ten ist, ist nach der Be­weis­auf­nah­me durch Au­gen­schein zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer wi­der­legt. Die vom Kläger vor­ge­nom­me­ne Tren­nung des Vor­falls in bloße Ab­wehr­be­we­gun­gen und ei­nen an­sch­ließen­den Not­wehr­ex­zess ist zur Über­zeu­gung der Kam­mer mit den in Au­gen­schein ge­nom­me­nen Vi­deo­auf­nah­men aus den ge­nann­ten Gründen un­ver­ein­bar. Für ei­nen drit­ten Sach­ver­halt hat der Kläger nichts dar­ge­legt, so dass al­lein die An­nah­me ver­bleibt, dass der Kläger durch ein ziel­ge­rich­te­tes, rück­sichts­lo­ses Vor­ge­hen ei­ne schwe­re Tätlich­keit be­gan­gen hat.

Auch die Ein­las­sung des Klägers, er ha­be auf­grund der von ihm ge­tra­ge­nen Son­nen­bril­le und des fla­ckern­den Lichts Be­we­gun­gen des Herrn Q. nicht klar ein­ord­nen können, stellt zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer ei­ne bloße Schutz­be­haup­tung dar. In sämt­li­chen vom Kläger vor­ge­nom­me­nen Ak­tio­nen - sei es im Rah­men der Po­lo­nai­se, am Steh­tisch oder in­ner­halb des Kern­ge­sche­hens - wirkt er ori­en­tiert und ziel­ge­rich­tet. Er hat dem Zeu­gen Q. das Bier treff­si­cher ins Ge­sicht geschüttet. Vor dem fi­na­len Schlag hat der Zeu­ge Q. le­dig­lich sei­ne Hand zu sei­ner Bril­le geführt, al­so nicht auf den Kläger zu. Ein Be­we­gungs­ab­lauf, den der Kläger als Ag­gres­si­on hätte miss­ver­ste­hen können, er­folg­te nicht. Im Übri­gen war deut­lich, dass er auf­grund des ihm in das be­brill­te Ge­sicht geschütte­ten Bie­res wehr­los da­stand und nicht zu ei­ner ei­ge­nen An­griffs­ak­ti­on in der La­ge war.

Ei­ne an­de­re Würdi­gung er­gibt sich auch nicht aus der Vor­ge­schich­te des Kern­sach­ver­hal­tes. Die Be­ru­fungs­kam­mer hat zu­guns­ten des Klägers un­ter­stellt, dass er vor dem kündi­gungs­auslösen­den Vor­fall so­wohl durch die Mit­ar­bei­te­rin­nen S. und D. als auch durch den Zeu­gen Q. in der von ihm be­haup­te­ten Art und Wei­se be­lei­digt wor­den ist. Ent­ge­gen der An­sicht des Klägers hat die Be­weis­auf­nah­me je­doch ge­zeigt, dass die­ses Ver­hal­ten bei ihm nicht zu ei­ner sich im­mer wei­ter stei­gern­den Be­las­tung geführt hat. Die In­au­gen­schein­nah­me hat er­ge­ben, dass der Kläger sich noch um 19:52 Uhr, al­so et­wa ei­ne hal­be St­un­de vor dem Kern­sach­ver­halt, nach ei­nem wei­te­ren Ver­such von Frau S., sei­ne Kra­wat­te ab­zu­schnei­den, hin­ter die­ser in der Po­lo­nai­se ein­ge­ord­net hat. Zwar ist zu­vor deut­lich zu er­ken­nen, dass er ver­sucht hat, Frau S. aus­zu­wei­chen. Ei­ne (emp­fun­de­ne) ernst­li­che Be­dro­hung kann sich zu die­sem Zeit­punkt je­doch an­ge­sichts des Ver­hal­tens des Klägers noch nicht ein­ge­stellt ha­ben. Wenn er das Ver­hal­ten von Frau S. be­reits zu die­sem Zeit­punkt als ständi­ge, un­an­ge­neh­me Belästi­gung emp­fun­den hätte, hätte er sich wohl kaum un­mit­tel­bar hin­ter die­ser wie­der in die Po­lo­nai­se ein­ge­glie­dert, nach­dem er ihr zu­dem le­dig­lich mit dem Zei­ge­fin­ger be­deu­tet hat, ihr Ver­hal­ten nicht zu wol­len. Da­bei ist die Kam­mer da­von über­zeugt, dass es sich bei der ent­spre­chen­den Frau - der "In­dia­ne­rin" - um Frau S. ge­han­delt hat. Zwar hat der Kläger dies zunächst nicht bestäti­gen können. Je­doch ist sie die ein­zi­ge blon­de Frau, mit der sich der Zeu­ge Q. am Steh­tisch auf­ge­hal­ten hat. Auch hat die "In­dia­ne­rin" kurz vor der frag­li­chen Sze­ne das Foy­er nach draußen ver­las­sen. Ei­ne ähn­li­che Be­wer­tung gilt für das Ver­hal­ten von Herrn Q.. Nach­dem die­ser ihn nach der hier un­ter­stell­ten Dar­stel­lung des Klägers zwei Mal be­lei­digt hat, kom­men bei­de den­noch fried­lich ne­ben­ein­an­der ge­hend in das Foy­er. Dass der Kläger sich be­reits zu die­sem Zeit­punkt vom Ver­hal­ten des Zeu­gen in der von ihm ge­schil­der­ten Art be­droht und be­las­tet gefühlt ha­ben will, ist zu­dem nicht da­mit zu ver­ein­ba­ren, dass er auf dem Weg zum Steh­tisch zunächst spon­tan bei ei­ner Grup­pe von drei Mit­ar­bei­tern ste­hen bleibt und ein paar Wor­te wech­selt, sich dann am Steh­tisch ein­ord­net und ein Gespräch mit ei­ner dort ste­hen­den Frau be­ginnt, das er auch dann zunächst nicht un­ter­bricht, son­dern noch für gut zehn Se­kun­den fort­setzt, als der Zeu­ge ihn - die Hand auf die Schul­ter le­gend - an­spricht. Hätte der Kläger be­reits zu die­sem Zeit­punkt die ge­schil­der­te Not und Be­dräng­nis emp­fun­den, hätte er ziel­stre­bi­ger die un­strei­tig be­ab­sich­tig­te Ent­schul­di­gung ge­sucht und sich nicht in der be­schrie­be­nen Wei­se gelöst un­ter den Fei­ern­den be­wegt. Auch das Ver­hal­ten des Zeu­gen Q., der dem Kläger zunächst am Steh­tisch in ei­ner freund­li­chen Art und Wei­se die Hand an die Schul­ter legt, draußen so­dann mit ei­ner Höflich­keits­ges­te mit dem rech­ten Arm dem Kläger den Weg zeigt und an­sch­ließend in freund­schaft­li­cher Art den lin­ken Arm um ihn legt und die­sen je­den­falls auf dem ge­sam­ten auf den Auf­nah­men sicht­ba­ren Weg - et­wa fünf Se­kun­den lang - dort belässt, spricht ge­gen ei­ne be­reits auf­ge­heiz­te At­mo­sphäre zwi­schen bei­den. Dass der Kläger dies in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor der Be­ru­fungs­kam­mer als "Um­klam­me­rung" be­zeich­net hat, passt in sei­ne ver­zerr­te Wie­der­ga­be des Ge­sche­hens­ab­laufs. Es han­delt sich da­her bei sei­nem Ver­hal­ten im
Kern­sach­ver­halt nicht um ei­nen Akt der Ver­zweif­lung, son­dern um ei­ne nach den Umständen nicht verständ­li­che Ag­gres­si­on. Ob - wie der Kläger vorträgt - "kas­trier­te" männ­li­che Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich ei­ne re­du­zier­te Ag­gres­si­ons­be­reit­schaft ha­ben, war aus Sicht der Kam­mer ir­re­le­vant. Das Ver­hal­ten des Klägers be­weist trotz sei­nes Ge­sund­heits­zu­stands ein ho­hes Maß an Ag­gres­si­vität.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers han­del­te es sich nicht um ein außer­dienst­li­ches Ver­hal­ten. Hierfür ist nicht al­lein maßgeb­lich, ob sich ein Ge­sche­hen außer­halb der Ar­beits­zeit ab­ge­spielt hat. Außer­dienst­li­ches Ver­hal­ten im kündi­gungs­recht­li­chen Sinn liegt viel­mehr dann vor, wenn ein Ver­hal­ten ei­nes Ar­beit­neh­mers im pri­va­ten Le­bens­be­reich in Re­de steht (BAG 23.10.2008 - 2 AZR 483/07 - NZA-RR 2009, 362 RN 58). Der Be­zug zum Ar­beits­verhält­nis folgt vor­lie­gend dar­aus, dass die Tat des Klägers auf ei­ner Be­triebs­fei­er in den Räum­en der Be­klag­ten er­folg­te, und dass sich die von ihm be­gan­ge­ne Tätlich­keit ge­gen ei­nen Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten rich­te­te. Selbst wenn man den­noch das fest­ge­stell­te Ver­hal­ten als außer­dienst­lich ein­stu­fen würde, ver­mag dies in An­be­tracht des­sen, dass der Kläger ei­nen Ar­beits­kol­le­gen während ei­ner be­trieb­li­chen Fei­er durch ei­ne schwe­re Tätlich­keit ver­letzt hat, die Eig­nung als Kündi­gungs­grund nicht in Fra­ge zu stel­len.

So­weit der Kläger be­an­tragt hat, ein Sach­verständi­gen­gut­ach­ten darüber ein­zu­ho­len, was auf den Vi­deo­fil­men zu se­hen ist, ver­kennt er, dass die Be­wer­tung ei­nes Au­gen­scheins Auf­ga­be des Ge­richts ist. Für die Würdi­gung der in den Vi­de­os zu se­hen­den Bil­der ist kein be­son­de­rer Sach­ver­stand er­for­der­lich. Ein Lip­pen­le­ser hätte kei­ne wei­ter­ge­hen­den Er­kennt­nis­se er­brin­gen können, da die Lip­pen der Ak­teu­re in Be­zug auf Bild­auflösung und zeit­li­chen Um­fang nicht hin­rei­chend er­kenn­bar wa­ren. Auf die ge­wech­sel­ten Wor­te kam es zur Über­zeu­gung der Kam­mer zu­dem nicht ent­schei­dend an mit der Aus­nah­me, dass sie aus den dar­ge­leg­ten Erwägun­gen die Über­zeu­gung ge­won­nen hat, dass der Zeu­ge Q. den Satz "Jetzt reicht s, Du Arsch" nicht ge­sagt hat, nach­dem der Kläger ihm das Bier ins Ge­sicht geschüttet hat.

Die Fest­stel­lun­gen der Be­ru­fungs­kam­mer be­ru­hen nicht maßgeb­lich auf den Aus­sa­gen der Zeu­gen Q. und S., so dass es auf die An­grif­fe es Klägers be­tref­fend den Wahr­heits­ge­halt ih­rer Aus­sa­gen nicht an­kam.

b) Auch die vor­zu­neh­men­de In­ter­es­sen­abwägung führt nicht zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung. Hierfür wa­ren für die Be­ru­fungs­kam­mer im We­sent­li­chen fol­gen­de Erwägun­gen maßgeb­lich:

Es kommt zunächst nicht ent­schei­dend dar­auf an, dass sich der Kläger und der Zeu­ge Q. vor dem Vor­fall al­len­falls flüch­tig kann­ten und nach der Be­haup­tung des Klägers in un­ter­schied­li­chen Gebäuden tätig wa­ren. Der Kündi­gungs­grund be­steht nicht dar­in, dass die Be­klag­te auf ei­nen fort­be­ste­hen­den Kon­flikt zwi­schen dem Kläger und dem Zeu­gen re­agiert, son­dern dar­in, dass ei­ne Beschäfti­gung des Klägers in der Be­triebs­ge­mein­schaft nach dem ge­zeig­ten Ver­hal­ten nicht mehr in Be­tracht kommt. Die Be­klag­te ist nicht nur al­len Ar­beit­neh­mern ver­pflich­tet, dafür Sor­ge zu tra­gen, dass sie kei­nen Tätlich­kei­ten aus­ge­setzt sind, son­dern hat auch ein ei­ge­nes In­ter­es­se dar­an, dass die be­trieb­li­che Zu­sam­men­ar­beit nicht durch tätli­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen be­ein­träch­tigt wird und nicht durch Ver­let­zun­gen Ar­beits­kräfte aus­fal­len. Sie durf­te auch berück­sich­ti­gen, wie es sich auf das Ver­hal­ten der übri­gen Ar­beit­neh­mer aus­wirk­te, wenn sie von ei­ner Kündi­gung ab­ge­se­hen hätte. Da­bei war es nicht we­sent­lich, ob beim Kläger ei­ne grundsätz­li­che Ge­walt­nei­gung vor­liegt. Ob die­se - wo­bei sich be­reits die Fra­ge der Mess­bar­keit stel­len würde - ob­jek­tiv ge­ge­ben ist, ist nicht ent­schei­dend. Die Ar­beits­kol­le­gen des Klägers können in­so­weit al­lein das vom Kläger ge­zeig­te Ver­hal­ten be­wer­ten. Ins­be­son­de­re in dem frag­li­chen be­trieb­li­chen Mi­lieu - dem ei­ner Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft - stellt sich das fest­ge­stell­te Ver­hal­ten als an sich un­vor­stell­bar dar. Zu­tref­fend be­ruft sich die Be­klag­te dar­auf, ein Mensch, der fähig sei, ei­nem Men­schen ein Bier­glas in Au­gennähe ins Ge­sicht zu stoßen, ha­be ei­ne Ein­stel­lung ge­zeigt, wel­che für sie als Ar­beit­ge­be­rin, die den an­de­ren Mit­ar­bei­tern ge­genüber zur Fürsor­ge ver­pflich­tet sei, den Ver­bleib als Be­leg­schafts­mit­glied für die Zu­kunft aus­sch­ließe. Da nicht al­lein auf den Zeu­gen Q. ab­zu­stel­len ist, stellt sich hier auch nicht die Fra­ge, ob die Be­klag­te ei­ne Um­set­zung/Ver­set­zung als mil­de­res Mit­tel hätte aus­spre­chen müssen.

Ob Herr Q. ar­beits­unfähig war oder oh­ne­hin ei­nen "Brück­en­tag" hat­te, wie der Kläger meint, fällt zu­guns­ten des Klägers letzt­lich nicht er­heb­lich ins Ge­wicht. Maßgeb­lich sind viel­mehr die außer­gewöhn­li­che Rück­sichts­lo­sig­keit und der ho­he Grad an Gefähr­lich­keit sei­nes Ver­hal­tens, der sich letzt­lich nur zufällig nicht ver­wirk­licht hat. Dass der Zeu­ge Q. nicht - womöglich mit der Fol­ge des teil­wei­sen Ver­lus­tes des Au­gen­lichts - am Au­ge ge­trof­fen wur­de, hat­te der Kläger nicht un­ter Kon­trol­le. Auf­grund der Ge­schwin­dig­keit des Schla­ges hätte er auf ei­ne Be­we­gung des Zeu­gen nicht mehr re­agie­ren können, so dass ein (teil­wei­ser) Ver­lust des Au­gen­lichts im Be­reich des Mögli­chen war.

Die An­nah­me des Ar­beits­ge­richts, durch den Vor­fall sei der Be­triebs­frie­den bei der Be­klag­ten gestört, ist ent­ge­gen der An­nah­me des Klägers nicht zu be­an­stan­den. In­so­fern ist nicht er­for­der­lich, dass die Be­klag­te die Re­ak­ti­on ih­rer Be­leg­schaft et­wa im Rah­men ei­ner Um­fra­ge im Ein­zel­nen fest­stellt. Sie durf­te bei le­bens­na­her Be­trach­tung da­von aus­ge­hen, dass die Ver­brei­tung des sich vor ei­ner Viel­zahl von Zeu­gen (al­lein im Foy­er mehr als zehn) ab­spie­len­den Sach­ver­halts im Be­trieb nicht zu kon­trol­lie­ren war und vor dem Hin­ter­grund des be­reits ge­schil­der­ten Mi­lieus er­heb­li­che Auf­merk­sam­keit und Un­ru­he er­reg­te. Die Mit­ar­bei­ter woll­ten an die­sem Tag mit Freu­de Kar­ne­val fei­ern und muss­ten dann mit­er­le­ben, dass der Not­arzt ge­ru­fen wer­den muss­te. Die Wei­ter­beschäfti­gung ei­nes in ei­ner be­trieb­li­chen Ver­an­stal­tung als Schläger in Er­schei­nung ge­tre­te­nen Mit­ar­bei­ters in ih­rer Be­triebs­ge­mein­schaft durf­te sie zu Recht als nicht dar­stell­bar an­se­hen. Wie dar­ge­legt geht die Kam­mer nicht von ei­ner Pa­nik­re­ak­ti­on oder ei­ner aus sons­ti­gen Gründen schuld­lo­sen Hand­lung aus, son­dern von ei­nem ziel­ge­rich­te­ten und vorsätz­li­chen Ver­hal­ten und da­mit von ei­nem ho­hen Grad an Ver­schul­den. Selbst wenn der Kläger - was die Be­ru­fungs­kam­mer un­ter­stellt hat - zu­vor in der von ihm be­haup­te­ten Wei­se be­lei­digt wor­den ist, gab es zu­dem kei­ne Ver­an­las­sung für ei­nen körper­li­chen An­griff auf den Zeu­gen Q.. Zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer war der Kläger auch nicht auf­grund vor­an­ge­gan­ge­nen Al­ko­hol­ge­nus­ses schuld­unfähig. Er war nach ei­ge­nen An­ga­ben mit dem­sel­ben Al­ko­hol­pe­gel noch zu ei­nem ver­ant­wor­tungs­vol­len und auf De­es­ka­la­ti­on ge­rich­te­ten Ver­hal­ten in der La­ge. Bei sämt­li­chen Be­we­gun­gen des Klägers be­reits ab dem Ein­tre­ten in den Ka­me­ra­be­reich ist kei­ner­lei Schwan­ken zu er­ken­nen. Er wirkt in den Gesprächen völlig ori­en­tiert.

Hilfs­wei­se hat die Kam­mer dar­auf ab­ge­stellt, dass auch schuld­lo­se Pflicht­ver­let­zun­gen des Ar­beit­neh­mers aus­nahms­wei­se ei­nen wich­ti­gen Grund zur ver­hal­tens­be­ding­ten Ar­beit­ge­berkündi­gung dar­stel­len können. Ein Fehl­ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers kann die be­trieb­li­che Ord­nung der­art nach­hal­tig stören, dass dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Auf­recht­er­hal­tung die­ses Zu­stan­des selbst dann nicht zu­mut­bar ist, wenn dem Ar­beit­neh­mer sei­ne Ver­trags­pflicht­ver­let­zung nicht vor­werf­bar ist. Stört der Ar­beit­neh­mer durch ei­ne schwe­re Tätlich­keit, schwers­te Be­lei­di­gun­gen etc. schwer­wie­gend die be­trieb­li­che Ord­nung, so muss der Ar­beit­ge­ber un­ter Umständen äußerst schnell hin­rei­chen­de Maßnah­men er­grei­fen, um ein wei­te­res der­ar­ti­ges Fehl­ver­hal­ten, das ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des be­tref­fen­den Ar­beit­neh­mers un­zu­mut­bar macht, durch ei­ne so­for­ti­ge Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit die­sem Ar­beit­neh­mer zu un­ter­bin­den. Für die oft nur durch Sach­verständi­gen­gut­ach­ten mögli­che Klärung der Fra­ge, ob der Ar­beit­neh­mer für sein Fehl­ver­hal­ten auch voll ver­ant­wort­lich ist, bleibt in der­art gra­vie­ren­den Fällen oft kei­ne Zeit mehr. Das für die Ab­gren­zung zwi­schen ver­hal­tens­be­ding­ter und per­so­nen­be­ding­ter Kündi­gung maßgeb­li­che Schwer­ge­wicht der Störung liegt in sol­chen Fällen auch nicht in ei­ner - bei langjähri­ger ord­nungs­gemäßer Ar­beits­leis­tung oft frag­li­chen - feh­len­den Eig­nung des Ar­beit­neh­mers, son­dern al­lein in den ver­schul­de­ten oder un­ver­schul­de­ten Pflicht­verstößen des Ar­beit­neh­mers, die für die Zu­kunft wei­te­re der­ar­ti­ge Pflicht­verstöße in ei­nem un­zu­mut­ba­ren Aus­maß er­war­ten las­sen. Ge­ra­de die Er­kennt­nis, dass auch der ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gungs­grund zu­kunfts­ge­rich­tet ist und des­halb die ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung kei­nen Sank­ti­ons­cha­rak­ter hat, legt es schließlich na­he, bei der Ab­gren­zung, ob zu er­war­ten­de Ar­beits­pflicht­ver­let­zun­gen des Ar­beit­neh­mers sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung un­zu­mut­bar ma­chen, von dem eher sys­tem­frem­den Er­for­der­nis ab­zu­se­hen, es müsse oh­ne je­de Ein­schränkung stets ein Ver­schul­den des Ar­beit­neh­mers vor­lie­gen (vgl. BAG 21.01.1999 - 2 AZR 665/98 - NZA 1999, 863). Zwar hat sich das frag­li­che Ge­sche­hen in der Aus­nah­me­si­tua­ti­on ei­ner Be­triebs­fei­er ab­ge­spielt. Ge­ra­de in An­be­tracht der aus der Si­tua­ti­on selbst un­erklärli­chen Rück­sichts­lo­sig­keit und Ge­walttätig­keit im Vor­ge­hen des Klägers war der Be­klag­ten ein wei­te­res Ab­war­ten und ei­ne Klärung der Schuld­fra­ge un­zu­mut­bar. Mit an­de­ren Wor­ten: Da sich das Ver­hal­ten des Klägers nicht als ei­ne erklärli­che Re­ak­ti­on auf ein vor­an­ge­gan­ge­nes Ge­sche­hen dar­stell­te, konn­te die Be­klag­te nicht hin­rei­chend si­cher aus­sch­ließen, dass es nicht auch in Zu­kunft bei an­de­ren Kon­flikt­si­tua­tio­nen am Ar­beits­platz zu ei­nem sol­chen Ver­hal­ten des Klägers kom­men würde.

Zu­guns­ten des Klägers hat die Kam­mer berück­sich­tigt, dass der Kläger nach sei­nem Vor­brin­gen schlech­te Chan­cen auf dem Ar­beits­markt ha­ben wird, wo­bei ihn al­ler­dings kei­ner­lei Un­ter­halts­pflich­ten tref­fen, so­wie die lan­ge Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses und des­sen zu­vor störungs­frei­er Ver­lauf. Für den Kläger spricht zwar zu­dem, dass er zunächst ver­sucht hat, sich in der Aus­ein­an­der­set­zung um das Ab­schnei­den der Kra­wat­te de­es­ka­lie­rend zu ver­hal­ten, in­dem er ver­sucht hat, sich bei den Da­men, ins­be­son­de­re Frau S., zu ent­schul­di­gen. Da­bei hat die Kam­mer trotz der Aus­sa­ge des Zeu­gen Q. zu­guns­ten des Klägers un­ter­stellt, dass der Kläger kei­ne Ver­ant­wor­tung dafür trug, dass der Ver­such ei­ner Ent­schul­di­gung ge­schei­tert ist. Die Kam­mer hat bei ih­rer Ent­schei­dung zu­dem zu­guns­ten des Klägers un­ter­stellt, dass der Zeu­ge Q. ihn nach der missglück­ten Ent­schul­di­gung (wie­der­um) be­schimpft hat. Die Vi­deo­auf­nah­men bestäti­gen zu­dem, dass die­ser sich so­dann in ag­gres­si­ver Art und Wei­se auf den Kläger zu be­wegt und erst in ei­nem un­an­ge­mes­se­nen Ab­stand von je­den­falls un­ter 15 cm Ge­sichts­ab­stand - wenn auch deut­lich nicht un­mit­tel­bar "Na­se an Na­se" - zum Ste­hen ge­kom­men ist. Denn ein sol­cher Sach­ver­halt könn­te al­len­falls ge­eig­net sein, dass sich die ers­ten fol­gen­den Be­we­gun­gen des Klägers als je­den­falls kündi­gungs­recht­lich ak­zep­ta­ble Hand­lun­gen an­se­hen las­sen. Vom Zeu­gen Q. ist je­doch kei­ner­lei körper­li­cher An­griff getätigt wor­den, der das wei­te­re Ver­hal­ten des Klägers in ei­nem an­de­ren Licht hätte er­schei­nen las­sen können. Mit an­de­ren Wor­ten: Der Zeu­ge mag den Kläger pro­vo­ziert ha­ben, je­doch nicht zu ei­nem Ver­hal­ten, wie es der Kläger so­dann ge­zeigt hat. Zu­tref­fend weist die Be­klag­te dar­auf hin, dass es nur ei­nem glück­li­chen Zu­fall zu ver­dan­ken ist, dass der Zeu­ge Q. kei­ne Ver­let­zung an den Au­gen er­lit­ten hat. Selbst wenn der Kläger ge­zielt die Stirn des Zeu­gen tref­fen woll­te, konn­te er wie dar­ge­legt nicht aus­sch­ließen, dass er den Zeu­gen nicht an der Stirn, son­dern ins­be­son­de­re im Be­reich der Au­gen ver­letz­te. Es han­delt sich da­her nicht nur um ei­ne außer­gewöhn­lich rück­sichts­lo­se Tätlich­keit mit­tels ei­nes gefähr­li­chen Tat­werk­zeugs, son­dern auch um ei­ne sol­che mit ei­nem ganz er­heb­li­chen Gefähr­dungs­po­ten­ti­al für die Ge­sund­heit des Op­fers. Aus den ge­nann­ten Gründen fiel die In­ter­es­sen­abwägung auch nicht des­halb zu­guns­ten des Klägers aus, weil er ge­sund­heit­lich be­ein­träch­tigt war und ist. Bei der vor­zu­neh­men­den Ge­samt­abwägung konn­ten die für den Kläger spre­chen­den Umstände zur Über­zeu­gung der Kam­mer an­ge­sichts der fest­ge­stell­ten schwe­ren Tätlich­keit mit er­heb­li­cher Ver­let­zungs­ge­fahr, wel­che sich zum Teil ver­wirk­licht hat, je­doch nicht da­zu führen, der Be­klag­ten die Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers auch nur bis zum Ab­lauf der (fik­ti­ven) Kündi­gungs­frist (31.12.2015) zu­zu­mu­ten.

An der Würdi­gung der Kam­mer ändert auch nichts, dass sich der Kläger bei dem Zeu­gen Q. ent­schul­digt hat. Weil es hierfür der Initia­ti­ve des Be­triebs­rats be­durf­te, lässt sich aus die­sem Ver­hal­ten nicht er­ken­nen, dass der Kläger selbst die Ver­ant­wor­tung für sein Tun über­nom­men und sei­ne Pflicht­wid­rig­keit ein­ge­se­hen hat. Dem ent­spricht, dass er ver­sucht hat, sein Ver­hal­ten mit­tels Schutz­be­haup­tun­gen in ei­nem güns­ti­ge­ren Licht er­schei­nen zu las­sen/zu ent­schul­di­gen und noch im Rechts­streit dar­an fest­ge­hal­ten hat, er sei an der Sa­che "nicht schuld" ge­we­sen, es ha­be sich um ei­ne "nach­voll­zieh­ba­rer Re­ak­ti­on" ge­han­delt. Auch hat er geäußert, Herr Q. ha­be sei­ne Ent­schul­di­gung an­ge­nom­men, weil die­ser mei­ne, schuld zu sein. Die späte­re Ent­wick­lung bestätigt da­her, dass der Kläger be­zo­gen auf sei­ne Ver­ant­wor­tung für den fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt un­ein­sich­tig ge­blie­ben ist.

Die Kündi­gung schei­tert auch nicht an ei­ner feh­len­den Ab­mah­nung oder man­gels Wie­der­ho­lungs­ge­fahr. Wie dar­ge­legt be­darf es bei ei­ner wie hier vor­lie­gen­den schwe­ren Tätlich­keit ge­genüber ei­nem Ar­beits­kol­le­gen vor Aus­spruch ei­ner Kündi­gung re­gelmäßig kei­ner Ab­mah­nung, da der Ar­beit­neh­mer von vorn­her­ein weiß, dass der Ar­beit­ge­ber ein der­ar­ti­ges Fehl­ver­hal­ten miss­bil­ligt. Selbst wenn die Be­ru­fungs­kam­mer un­ter­stellt, dass ei­ne kon­kre­te Wie­der­ho­lungs­ge­fahr nicht be­stand, mach­te der Be­klag­ten die Rück­sichts­lo­sig­keit des Vor­ge­hens und die Schwe­re der Tätlich­keit ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers un­zu­mut­bar. Im vor­lie­gen­den Fall hat der Kläger zu­dem ei­nen sich nicht weh­ren­den Ar­beits­kol­le­gen in der­art mas­si­ver Wei­se tätlich an­ge­grif­fen, dass die Be­klag­te auch un­ter Berück­sich­ti­gung des Wohl­ver­hal­tens des Klägers während der vor­an­ge­gan­ge­nen langjähri­gen Beschäfti­gung durch­aus zu der An­nah­me be­rech­tigt war, ein der­ar­ti­ges Fehl­ver­hal­ten des Klägers könne sich wie­der­ho­len, z. B. wenn sich der Kläger wie­der­um - zu Recht oder zu Un­recht - durch ei­nen Kol­le­gen bei sei­ner Ar­beit schi­ka­niert oder sonst pro­vo­ziert fühle (vgl. BAG 24.10.1996 - 2 AZR 900/95 - RzK I 5i Nr. 120, ju­ris RN 17).

Ei­ne - wie beim hie­si­gen Kläger vor­lie­gen­de - ta­rif­li­che or­dent­li­che Unkünd­bar­keit ist im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung nicht wei­ter zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers zu wer­ten (BAG 22.10.2015 - 2 AZR 569/14 - ju­ris RN 20). Die Unkünd­bar­keit hat auf die In­ter­es­sen­abwägung kei­nen wei­te­ren Ein­fluss, wenn ein Kündi­gungs­sach­ver­halt vor­liegt, der - wie hier - so schwer­wie­gend ist, dass auch ei­nem ta­rif­lich or­dent­lich künd­ba­ren Ar­beit­neh­mer frist­los hätte gekündigt wer­den können. Dies er­gibt sich schon aus der Un­ab­ding­bar­keit des § 626 Abs. 1 BGB. Auch in die­sen Fällen muss die Ver­trau­ens­grund­la­ge der­maßen schwer gestört sein, dass je­de wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit für den Ar­beit­ge­ber un­zu­mut­bar ist und es auf die Fra­ge, wie lan­ge das Ar­beits­verhält­nis noch dau­er­haft - fik­tiv - be­ste­hen könn­te, nicht an­kommt. Ei­ne außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung ist - auch oh­ne Gewährung ei­ner Aus­lauf­frist - stets dann ge­recht­fer­tigt, wenn es dem Ar­beit­ge­ber nicht ein­mal mehr zu­mut­bar ist, den ta­rif­lich unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mer nur bis zum Ab­lauf der "fik­ti­ven Kündi­gungs­frist der or­dent­li­chen Be­en­di­gungskündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses wei­ter­zu­beschäfti­gen (BAG 02.03.2006 - 2 AZR 53/05 - NZA- RR 2006, 636). Die­se Vor­aus­set­zung ist wie dar­ge­legt ge­ge­ben.

3. Die Ein­hal­tung der Kündi­gungs­erklärungs­frist des § 626 Abs. 2 BGB un­ter­liegt kei­nen Be­den­ken. Die Be­klag­te hat in­ner­halb der Zwei-Wo­chen­frist des § 91 Abs. 2 SGB IX beim In­te­gra­ti­ons­amt den An­trag auf Zu­stim­mung zur Kündi­gung ge­stellt und un­mit­tel­bar nach Zu­stim­mung die Kündi­gung erklärt. In­so­weit hat auch der Kläger kei­ner­lei Rügen er­ho­ben.

II. Ent­ge­gen der An­sicht des Klägers ist die Kündi­gung auch nicht we­gen ei­ner feh­ler­haf­ten Anhörung des Be­triebs­rats nach § 102 Be­trVG un­wirk­sam.

1. Nach § 102 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG ist der Be­triebs­rat vor je­der Kündi­gung zu hören. Gemäß Satz 2 der Be­stim­mung hat ihm der Ar­beit­ge­ber die Gründe für die Kündi­gung mit­zu­tei­len. Nach Satz 3 ist ei­ne oh­ne Anhörung des Be­triebs­rats aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung un­wirk­sam. Der not­wen­di­ge In­halt der Un­ter­rich­tung nach § 102 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG rich­tet sich nach Sinn und Zweck der Anhörung. Die­ser be­steht dar­in, den Be­triebs­rat in die La­ge zu ver­set­zen, sach­ge­recht, d. h. ggf. zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers auf den Ar­beit­ge­ber ein­zu­wir­ken. Der Be­triebs­rat soll die Stich­hal­tig­keit und Ge­wich­tig­keit der Kündi­gungs­gründe über­prüfen und sich über sie ei­ne ei­ge­ne Mei­nung bil­den können. Die Anhörung soll dem Be­triebs­rat nicht die selbständi­ge - ob­jek­ti­ve - Über­prüfung der recht­li­chen Wirk­sam­keit der be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung, son­dern ggf. ei­ne Ein­fluss­nah­me auf die Wil­lens­bil­dung des Ar­beit­ge­bers ermögli­chen. Der In­halt der Un­ter­rich­tung nach § 102 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG ist des­halb grundsätz­lich sub­jek­tiv de­ter­mi­niert. Der Ar­beit­ge­ber muss dem Be­triebs­rat die Umstände mit­tei­len, die sei­nen Kündi­gungs­ent­schluss tatsächlich be­stimmt ha­ben. Dem kommt der Ar­beit­ge­ber dann nicht nach, wenn er dem Be­triebs­rat ei­nen schon aus sei­ner ei­ge­nen Sicht un­rich­ti­gen oder un­vollständi­gen Sach­ver­halt un­ter­brei­tet. Schil­dert er dem Be­triebs­rat be­wusst ei­nen un­rich­ti­gen oder un­vollständi­gen - und da­mit ir­reführen­den - Kündi­gungs­sach­ver­halt, der sich bei der Würdi­gung durch den Be­triebs­rat zum Nach­teil des Ar­beit­neh­mers aus­wir­ken kann, ist die Anhörung un­zu­rei­chend und die Kündi­gung un­wirk­sam. Die sub­jek­ti­ve Über­zeu­gung des Ar­beit­ge­bers von der Re­le­vanz oder Ir­re­le­vanz be­stimm­ter Umstände ist für den Um­fang der Un­ter­rich­tung nach § 102 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG nicht maßgeb­lich, wenn da­durch der Zweck der Be­triebs­rats­anhörung ver­fehlt würde. Der Ar­beit­ge­ber darf ihm be­kann­te Umstände, die sich bei ob­jek­ti­ver Be­trach­tung zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers aus­wir­ken können, dem Be­triebs­rat nicht des­halb vor­ent­hal­ten, weil sie für sei­nen ei­ge­nen Kündi­gungs­ent­schluss nicht von Be­deu­tung wa­ren. In die­sem Sin­ne ist die Be­triebs­rats­anhörung - aus­ge­hend vom sub­jek­ti­ven Kennt­nis­stand des Ar­beit­ge­bers - auch ob­jek­tiv, d. h. durch Sinn und Zweck der Anhörung de­ter­mi­niert (BAG 16.07.2015 - 2 AZR 15/15 - NZA 2016, 99). Ei­ne nähe­re Be­gründung der den Kündi­gungs­ent­schluss tra­gen­den Abwägung ist we­gen des Grund­sat­zes der sub­jek­ti­ven De­ter­mi­nie­rung hin­ge­gen re­gelmäßig nicht er­for­der­lich. Die Anhörung zu der Ab­sicht, das Ar­beits­verhält­nis zu kündi­gen, im­pli­ziert ei­ne Abwägung zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers (BAG 23.10.2014 - 2 AZR 736/13 - NZA 2015, 476). Ei­ner nähe­ren Dar­le­gung der Kündi­gungs­gründe durch den Ar­beit­ge­ber be­darf es al­ler­dings nicht, wenn der Be­triebs­rat bei Ein­lei­tung des Anhörungs­ver­fah­rens be­reits über den er­for­der­li­chen Kennt­nis­stand verfügt, um zu der kon­kret be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung ei­ne sach­ge­rech­te Stel­lung­nah­me ab­ge­ben zu können Für die Wis­sens­zu­rech­nung ist grundsätz­lich der Kennt­nis­stand der Per­so­nen maßge­bend, die zur Ent­ge­gen­nah­me von Erklärun­gen gemäß § 26 Abs. 2 Satz 2 Be­trVG be­rech­tigt sind. Der Be­triebs­rat muss sich al­so die Kennt­nis­se des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den vom Kündi­gungs­sach­ver­halt zu­rech­nen las­sen, so­fern die die­sem über­mit­tel­ten In­for­ma­tio­nen in ei­nem en­gen zeit­li­chen und sach­li­chen Zu­sam­men­hang mit der kon­kret be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung stan­den (vgl. BAG 23.10.2008 - 2 AZR 163/07 - BB 2009, 1758 mwN).

2. Nach die­sen Maßga­ben er­wei­sen sich sämt­li­che Rügen des Klägers als halt­los. Sei­ne ei­ge­nen Ein­las­sun­gen zum Sach­ver­halt wa­ren der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den be­kannt, da die­se bei sei­ner Anhörung zu­ge­gen war, in der er nach ei­ge­nem Be­kun­den sei­ne Dar­stel­lung des Sach­ver­halts um­fas­send und in­klu­si­ve sei­ner ge­sund­heit­li­chen Si­tua­ti­on und der Vor­ge­schich­te geäußert hat. Wel­che Umstände auch im­mer aus sei­ner Sicht für ihn spra­chen: Die­se wa­ren da­her dem Be­triebs­rat be­kannt. Sel­bi­ges gilt für den Um­stand, dass sich der Kläger bei Herrn Q. ent­schul­digt hat, da die­ses Gespräch nicht nur auf Initia­ti­ve, son­dern auch in An­we­sen­heit der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den er­folg­te. Der Be­klag­ten kam es zu­dem - er­sicht­lich - nicht auf Ein­zel­hei­ten des vor­her­ge­hen­den Sach­ver­halts an. Sie hat aus­drück­lich zum Aus­druck ge­bracht, dass sie die körper­li­chen An­grif­fe des Klägers un­abhängig da­von als Kündi­gungs­grund an­sah, ob die­sen ver­ba­le At­ta­cken des Zeu­gen Q. vor­aus­ge­gan­gen wa­ren. Ent­spre­chend hat sie auch nicht dar­auf ab­ge­stellt, dass sich nach ih­rer Über­zeu­gung das Vor­ge­sche­hen an­ders ab­ge­spielt ha­be, als der Kläger an­ge­ge­ben hat. Selbst wenn sie ei­ne der­ar­ti­ge Schluss­fol­ge­rung ge­zo­gen hätte, wäre hier­durch die Ord­nungs­gemäßheit der Be­triebs­rats­anhörung nicht in Zwei­fel zu zie­hen. Der Be­triebs­rat hat­te auf­grund der Teil­nah­me an der Anhörung des Klägers al­le In­for­ma­tio­nen und konn­te sich ein ei­ge­nes Bild ma­chen.

C. 

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 64 Abs. 6 ArbGG in Ver­bin­dung mit § 97 Abs. 1 ZPO. Für die Zu­las­sung der Re­vi­si­on be­stand kein ge­setz­lich vor­ge­se­he­ner An­lass.

RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG: 

Ge­gen die­ses Ur­teil ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. 

We­gen der Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird auf § 72a ArbGG ver­wie­sen.

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