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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Kündigung, Kündigungsfrist
   
Gericht: Sächsisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 3 Sa 406/15
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 19.01.2016
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Leipzig, 3 Ca 184/15
   

Säch­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Zwi­ckau­er Straße 54, 09112 Chem­nitz

Post­fach 7 04, 09007 Chem­nitz

 

Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben:
Az.: 3 Sa 406/15
3 Ca 184/15 ArbG Leip­zig

Verkündet am 19.01.2016

Im Na­men des Vol­kes

UR­TEIL

In dem Rechts­streit

...

hat das Säch­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt - Kam­mer 3 - durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt ... als Vor­sit­zen­den und die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Frau ... und Herrn ... auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 19. Ja­nu­ar 2016

für Recht er­kannt:

1. Auf die Be­ru­fung des Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 12.06.2015 – 3 Ca 184/15 – teil­wei­se ab­geändert und die Kla­ge vollständig ab­ge­wie­sen.

2. Die Kos­ten des Rechts­streits hat die Kläge­rin zu tra­gen.

3. Die Re­vi­si­on wird für die Kläge­rin zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Ei­genkündi­gung des Be­klag­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner ein­zel­ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Kündi­gungs­frist von drei Jah­ren zum Mo­nats­en­de.

Die Kläge­rin be­treibt als Spe­di­ti­ons­un­ter­neh­men u. a. seit 2006/2007 ei­ne Nie­der­las­sung in ..., in der im Streit­zeit­raum ins­ge­samt sie­ben Ar­beit­neh­mer beschäftigt wa­ren. Ih­re Geschäftstätig­keit ba­siert auf nicht lang­fris­ti­gen Verträgen mit Kun­den.

 

– Sei­te 2 –

Sämt­li­chen Mit­ar­bei­tern der ... Nie­der­las­sung stan­den zur Er­le­di­gung ih­rer Auf­ga­ben die­sel­ben In­for­ma­tio­nen über Su­b­un­ter­neh­mer, Ver­trags- und Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner, be­triebs­in­ter­ne Kal­ku­la­ti­on, Preis­ge­stal­tung und Kon­di­tio­nen so­wie die bei der Kläge­rin zur An­wen­dung kom­men­den Be­triebs­sys­te­me zur Verfügung.

An­fang 2014 ließ die Kläge­rin über ih­ren zen­tra­len Ser­ver das Pro­gramm "PC Agent" auf al­len Com­pu­ter­ar­beitsplätzen in ih­rem ... Be­trieb in­stal­lie­ren. Das Pro­gramm ar­bei­tet im Hin­ter­grund und ist vom Be­nut­zer des je­wei­li­gen Com­pu­ters im Rah­men der nor­ma­len Nut­zung grundsätz­lich nicht zu er­ken­nen. Mit ihm können u. a. al­le Tas­ta­tur­an­schläge, Maus­klicks, Be­nut­zer­an- und -ab­mel­dun­gen, be­such­te Web­sites, For­mu­lar­da­ten, emp­fan­ge­ne und ge­sen­de­te E-Mails so­wie Passwörter und Au­then­ti­fi­zie­run­gen pro­to­kol­liert wer­den. Ei­ne In­for­ma­ti­on der Mit­ar­bei­ter über die er­folg­te In­stal­la­ti­on des Pro­gramms er­folg­te nicht. Wel­che Da­ten die Be­klag­te tatsächlich pro­to­kol­lie­ren ließ, ist strei­tig. Zu­min­dest er­folgt ei­ne Über­wa­chung der In­ter­net­nut­zung.

Der Be­klag­te verfügt über ei­ne ab­ge­schlos­se­ne Aus­bil­dung als Kauf­mann für Spe­di­ti­ons- und Lo­gis­tik­diens­te. Un­ter dem 24.11.2009 schloss er mit der Kläge­rin ei­nen An­stel­lungs­ver­trag mit Wir­kung ab dem 01.12.2009 (An­la­ge K 1 zur Kla­ge­schrift vom 18.01.2015; Bl. 6 ff. d. A.), der u. a. fol­gen­de Be­stim­mun­gen enthält:

§ 1
Auf­ga­ben­ge­biet und Kom­pe­ten­zen

Der Ar­beit­neh­mer wird den wei­te­ren Aus­bau und Auf­bau der Ak­ti­vitäten der Fir­ma für die Nie­der­las­sung der ... GmbH in ... in den Be­rei­chen na­tio­na­le/in­ter-na­tio­na­le Char­ter­ver­keh­re als Spe­di­ti­ons­kauf­mann mit ver­ant­wort­li­cher Er­geb­nis­kon­trol­le steu­ern. Er un­terstützt die Geschäftsführung der ... GmbH beim Be­triebs- und Geschäfts­auf­bau. Der Ar­beit­neh­mer be­rich­tet fach­lich und dis­zi­pli­na­risch di­rekt an die Geschäfts­lei­tung der ... GmbH.

 

§ 3
Ar­beits­zeit und Ne­bentätig­keit

Der Ar­beit­neh­mer hat sei­ne vol­le Ar­beits­kraft so­wie sein gan­zes Wis­sen und Können in die Diens­te der Fir­ma zu stel­len. Ver­ein­bart ist ei­ne 45 St­un­den-Wo­che. Die Ker­nar­beits­zeit ist von 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr von Mon­tag bis Frei­tag.

 

§ 4
Nut­zung von In­ter­net und Soft­ware

 

– Sei­te 3 –

Dem Ar­beit­neh­mer ist es un­ter­sagt, das In­ter­net für pri­va­te Zwe­cke zu nut­zen. (...)

 

§ 9
Vergütung

Der Ar­beit­neh­mer erhält ein Mo­nats­ent­gelt in Höhe von € 1.400,- (Ein­tau­send­vier­hun­dert Eu­ro) brut­to. Die­ses Ge­halt wird am En­de ei­nes je­den Mo­nats zur Zah­lung fällig. Die Zah­lung der Vergütung er­folgt bar­geld­los. Hier­mit sind al­le Ansprüche aus Ur­laubs- und Weih­nachts­geld ab­ge­gol­ten.

 

§ 12
Ver­trags­dau­er und Kündi­gung

Der Ver­trag tritt mit Wir­kung vom 01.12.2009 in Kraft und ist auf un­be­stimm­te Zeit ge­schlos­sen. Der Zeit­raum vom 01.12.2009 bis 31.05.2010 gilt als Pro­be­zeit. Während die­ser Pro­be­zeit ist je­de Ver­trags­par­tei be­rech­tigt, das Ar­beits­verhält­nis mit ei­ner Frist von 2 Wo­chen zu kündi­gen. Wird das Ar­beits­verhält­nis fort­geführt, so ist es ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis und kann von je­der Ver­trags­par­tei mit ei­ner Frist von vier Wo­chen zum Mo­nats­en­de gekündigt wer­den. Die Kündi­gung be­darf zu ih­rer Wirk­sam­keit der Schrift­form. Die Fir­ma ist be­rech­tigt, den Ar­beit­neh­mer un­ter Wei­ter­zah­lung sei­ner Bezüge für den Zeit­raum ab Zu­gang der Kündi­gungs­erklärung und der wirk­sa­men Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses von sei­ner Pflicht zur Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung frei zu stel­len.

Ne­ben der oben ge­nann­ten Vergütung er­hielt der Be­klag­te bei ei­nem von ihm in ei­nem Mo­nat er­ziel­ten Rei­nerlös von 10.000,00 € ei­ne Pro­vi­si­on in Höhe von 600,00 € brut­to mo­nat­lich.

Un­ter dem 14.06.2012 un­ter­zeich­ne­ten die Par­tei­en ei­ne Zu­satz­ver­ein­ba­rung zum Ar­beits­ver­trag (An­la­ge K 2 zur Kla­ge­schrift vom 18.01.2015; Bl. 13 d. A.). Die­se hat fol­gen­den In­halt:

1. Ge­halts­erhöhung

Der Ar­beit­ge­ber gewährt dem Ar­beit­neh­mer mit Wir­kung ab 01. Ju­ni 2012 ei­ne Ge­halts­erhöhung. Das Ge­halt be­stimmt sich nun­mehr wie folgt:

Das mo­nat­li­che Brut­to­ge­halt erhöht sich auf 2.400,- €. Ab ei­nem mo­nat­li­chen Rei­nerlös von € 20.000,- (zwan­zig­tau­send Eu­ro) auf 2.800,- €.

2. Die Par­tei­en sind sich ei­nig, dass im Hin­blick auf die außer­or­dent­li­che Ge­halts­erhöhung noch fol­gen­de Ände­run­gen ih­res Ar­beits­ver­tra­ges ver­ein­bart wer­den:

a) Die ge­setz­li­che Kündi­gungs­frist verlängert sich für bei­de Sei­ten auf drei Jah­re zum Mo­nats­en­de.

b) Das ge­genwärtig ver­ein­bar­te Ge­halt wird bis zum Ab­lauf des 30.05.2015 nicht er-höht und bleibt bei ei­ner späte­ren Neu­fest­set­zung wie­der min­des­tens zwei Jah­re un­verändert be­ste­hen.

 

– Sei­te 4 –

c) Der Ar­beit­neh­mer ver­pflich­tet sich, dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Ver­trags­stra­fe in Höhe von zwei Brut­to­mo­nats­gehältern, al­so 4.800,- €, zu be­zah­len, wenn er das Ar­beits­verhält­nis ver­trags­wid­rig be­en­det. Soll­te sich die ver­wirk­te Straf­sum­me im Ein­zel­fall als un­bil­lig er­wei­sen, ist sie durch ge­richt­li­ches Ur­teil zu be­stim­men.

4. In­di­vi­du­al­ver­ein­ba­rung

Die Par­tei­en sind sich ei­nig, dass die­se Ver­ein­ba­rung zwi­schen ih­nen in­di­vi­du­ell aus­ge­han­delt wur­de.

5. Sal­va­to­ri­sche Klau­sel

Sind ein­zel­ne Be­stim­mun­gen die­ses Ver­tra­ges un­wirk­sam, wird da­durch die Wirk­sam­keit des übri­gen Ver­tra­ges nicht berührt.

Die vor­ste­hen­de Re­ge­lung wur­de von der Kläge­rin for­mu­liert und von ih­rem Geschäftsführer dem Be­klag­ten zur Un­ter­schrift vor­ge­legt. Wel­chen In­halt die in die­sem Zu­sam­men­hang geführ­ten Gespräche hat­ten, ist strei­tig.

Am 22.12.2014 stell­te ein Mit­ar­bei­ter der ... Nie­der­las­sung fest, dass das Pro­gramm "PC Agent" Da­ten von den Ar­beits­platz­rech­nern aus­las. Im wei­te­ren Ver­lauf des De­zem­ber kündig­ten sechs der sie­ben Ar­beit­neh­mer der Nie­der­las­sung ..., u. a. der Be­klag­te, ihr Ar­beits­verhält­nis mit der Kläge­rin und nah­men am 01.02.2015 ei­ne Tätig­keit bei ei­nem Wett­be­wer­ber der Kläge­rin auf. Das Kündi­gungs­schrei­ben des Be­klag­ten vom 27.12.2014 (An­la­ge K 3 zur Kla­ge­schrift vom 18.01.2015; Bl. 14 d. A.) hat fol­gen­den Wort­laut:

"Sehr ge­ehr­ter Herr ...,

ich kündi­ge hier­mit ord­nungs­gemäß und frist­ge­recht mei­nen Ar­beits­ver­trag zum 31.01.2015.

Bis zu die­sem Tag stel­le ich Ih­nen mei­ne Ar­beits­kraft voll zur Verfügung. Ich bit­te Sie, mir ein qua­li­fi­zier­tes be­rufsfördern­des Ar­beits­zeug­nis aus­zu­stel­len."

Die Kläge­rin stell­te den Be­klag­ten in der Fol­ge bis zum 31.01.2015 un­ter Fort­zah­lung der Vergütung von der Ar­beits­leis­tung frei.

Mit ih­rer Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Leip­zig hat sich die Kläge­rin ge­gen die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Ab­lauf des 31.01.2015 ge­wandt. Sie be­haup­tet, An­lass für den Ab­schluss der Zu­satz­ver­ein­ba­rung sei ge­we­sen, dass der

 

– Sei­te 5 –

Be­klag­te als geschätz­ter Mit­ar­bei­ter ha­be führungs­ver­ant­wort­lich für den Be­reich "Dis­po­si­ti­on Na­tio­nal" wer­den sol­len und die übri­gen Mit­ar­bei­ter der Nie­der­las­sung in ... (mit Aus­nah­me von Herrn ...) durch ihn hätten an­ge­lei­tet wer­den sol­len. Da auf­grund der führungs­ver­ant­wort­li­chen Po­si­ti­on tief­grei­fen­de Kennt­nis­se im be­triebs­sen­si­blen Be­reich er­for­der­lich ge­we­sen sei­en, hätten die Par­tei­en zunächst ge­mein­sam eru­iert, wie die­se Zu­satz­auf­ga­be beim Brut­to­ge­halt ha­be kom­pen­siert wer­den können. Auf­grund der zusätz­li­chen Ver­ant­wor­tung ha­be dies dem Wunsch des Be­klag­ten ent­spro­chen. Gleich­zei­tig ha­be der Be­klag­te den Wunsch nach Ar­beits­platz­si­cher­heit geäußert. Aber auch sie ha­be we­gen des zukünf­ti­gen Um­gangs des Be­klag­ten mit be­triebs­sen­si­blen Da­ten ei­ne ge­wis­se Gewähr­leis­tung dafür ha­ben wol­len, dass der Be­klag­te dem Be­trieb als be­son­ders qua­li­fi­zier­ter und un­ent­behr­li­cher Mit­ar­bei­ter über ei­ne be­stimm­te Dau­er er­hal­ten blei­be. Vor die­sem Hin­ter­grund hätten sich die Par­tei­en auf die ver­trag­li­che Kündi­gungs­frist ge­ei­nigt. Der Be­klag­te ha­be die Zu­satz­ver­ein­ba­rung mit­ge­stal­tet. Da die Kündi­gungs­frist wech­sel­sei­tig gel­te, sei sie un­pro­ble­ma­tisch zulässig. Ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ha­be der Kläger nicht erklärt. Im Übri­gen ha­be der Be­klag­te auf­grund des ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­bots, PC und In­ter­net pri­vat zu nut­zen, da­mit rech­nen müssen, dass die Ein­hal­tung des Ver­bots über­prüft wer­de.

So­weit für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren noch von Be­deu­tung hat die Kläge­rin be­an­tragt,

fest­zu­stel­len, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis fort­be­steht.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Zur Be­gründung hat er aus­geführt, die Zu­satz­ver­ein­ba­rung sei auf Ver­an­las­sung des Geschäftsführers der Kläge­rin un­ter­zeich­net wor­den. Bei ei­nem ge­mein­sa­men Es­sen am 14.06.2012 ha­be sich der Geschäftsführer bei ihm u. a. er­kun­digt, ob er sich im Un­ter­neh­men wohlfühle und was er von ei­ner Ver­bes­se­rung sei­nes Ver­diens­tes hal­te. Kon­kre­te An­ga­ben zur Höhe ei­ner even­tu­el­len Ge­halts­an­pas­sung

 

– Sei­te 6 –

sei­en eben­so nicht Ge­gen­stand des Gespräches ge­we­sen, wie ei­ne da­mit ver­bun­de­ne Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist. Noch am sel­ben Tag ha­be ihm der Geschäftsführer der Kläge­rin dann die vollständig vor­for­mu­lier­te und vor­ge­fer­tig­te Zu­satz­ver­ein­ba­rung zur Un­ter­schrift vor­ge­legt. Ein­fluss auf den In­halt der Zu­satz­ver­ein­ba­rung ha­be er nicht ge­habt. Die dar­in ent­hal­te­nen Punk­te sei­en we­der be­spro­chen noch aus­ge­han­delt oder dis­ku­tiert wor­den. Bei den in der Zu­satz­ver­ein­ba­rung ent­hal­te­nen Be­stim­mun­gen han­de­le es sich um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen, da die Kläge­rin vom Auf­bau und In­halt ver­gleich­ba­re Re­ge­lun­gen auch mit an­de­ren Mit­ar­bei­tern in ih­rem Un­ter­neh­men ver­ein­bart ha­be. Die Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist sei aus ver­schie­de­nen Gründen un­wirk­sam. Es han­de­le sich um ei­ne über­ra­schen­de Klau­sel, die ihn ent­ge­gen Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­ge. Be­gründe­te und bil­li­gens­wer­te In­ter­es­sen der Kläge­rin an ei­ner der­art lan­gen Kündi­gungs­frist bestünden nicht. Das Ge­halt sei le­dig­lich an den bran­chenübli­chen Durch­schnitt an­ge­passt wor­den. Ei­ne Zu­satz­auf­ga­be sei ihm nicht über­tra­gen wor­den. Er sei we­der führungs­ver­ant­wort­lich ge­we­sen, noch ha­be er an­de­re Kern­kom­pe­ten­zen als die an­de­ren Mit­ar­bei­ter ge­habt. Auch sei er we­der be­son­ders qua­li­fi­ziert, noch für die Kläge­rin un­ent­behr­lich. Auch die wei­te­ren Mit­ar­bei­ter der ... Nie­der­las­sung sei­en – un­strei­tig – gut qua­li­fi­ziert und an de­ren Auf-und Aus­bau be­tei­ligt ge­we­sen. Al­le Mit­ar­bei­ter hätten sich in al­len Ar­bei­ten ver­tre­ten müssen. Zu­dem sei ei­ne der­art lan­ge Kündi­gungs­frist in Spe­di­ti­ons­un­ter­neh­men be­zo­gen auf Spe­di­ti­ons­kauf­leu­te un­gewöhn­lich und unüblich. Ta­rif­verträge für das Spe­di­ti­ons­ge­wer­be sähen der­art lan­ge Kündi­gungs­fris­ten re­gelmäßig nicht vor. Über­durch­schnitt­lich lan­ge Kündi­gungs­fris­ten fänden sich al­len­falls im Be­reich von Tätig­kei­ten ab ei­nem Jah­res­ge­halt von mehr als 200.000,00 €. Aber auch dort sei­en Kündi­gungs­fris­ten von 36 Mo­na­ten eher unüblich. Die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Kündi­gungs­frist stel­le ei­ne ge­gen Art. 12 Abs. 1 GG ver­s­toßen­de Kündi­gungs­er­schwe­rung dar, da sie ihm den Ab­schluss ei­nes neu­en Ar­beits­verhält­nis­ses prak­tisch unmöglich ma­che. Kein neu­er Ar­beit­ge­ber sei be­reit ei­ne der­art lan­ge Vor­lauf-und War­te­frist ein­zu­pla­nen. Un­abhängig von der Fra­ge, ob die Kündi­gungs­frist wirk­sam sei, sei er be­rech­tigt ge­we­sen, sein Ar­beits­verhält­nis zum 31.01.2015 zu be­en­den. Es ha­be ein wich­ti­ger Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung vor­ge­le­gen. Die Kläge­rin ha­be durch die Ver­wen­dung des Pro­gramms "PC Agent" ei­ne

 

– Sei­te 7 –

er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung be­gan­gen, durch die das für ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit er­for­der­li­che Ver­trau­en zerstört wor­den sei. Dem­gemäß ha­be er sich ent­schlos­sen, das Ar­beits­verhält­nis am 27.12.2014 mit ei­ner Aus­lauf­frist zum 31.01.2015 außer­or­dent­lich zu kündi­gen.

Mit sei­nem dem Be­klag­ten am 03.07.2015 zu­ge­stell­ten Ur­teil vom 12.06.2015 hat das Ar­beits­ge­richt nach dem An­trag der Kläge­rin er­kannt. Hier­ge­gen wen­det sich der Be­klag­te mit sei­ner am 27.07.2015 beim Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Be­ru­fung, die er am 28.09.2015 be­gründet hat, nach­dem die Frist zur Be­ru­fungs­be­gründung auf sei­nen am 26.08.2015 ein­ge­gan­ge­nen An­trag bis zum 30.09.2015 verlängert wor­den war.

Der Be­klag­te ver­tritt die An­sicht, das Ar­beits­ge­richt ha­be die ver­trag­li­che Kündi­gungs­frist zu Un­recht als wirk­sam an­ge­se­hen. Das Ar­beits­ge­richt ha­be nicht be­ach­tet, dass die Kläge­rin durch ein­sei­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung rechts­miss­bräuch­lich ei­ge­ne In­ter­es­sen auf sei­ne Kos­ten durch­set­ze, oh­ne sei­ne Be­lan­ge an­ge­mes­sen zu berück­sich­ti­gen und ihm ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zu gewähren. Das erhöhte Ge­halt sei kei­nes­falls üppig ge­we­sen. Zu­dem ha­be die Kläge­rin auch an­de­ren Mit­ar­bei­tern der ... Nie­der­las­sung, die eben­falls als Spe­di­ti­ons­kauf­mann mit ver­ant­wort­li­cher Er­geb­nis­kon­trol­le tätig ge­we­sen sei­en, – un­strei­tig – ein mo­nat­li­ches Ge­halt von 2.300,00 € brut­to und mehr ge­zahlt. Zu berück­sich­ti­gen sei auch, dass sein Ge­halt nach der Zu­satz­ver­ein­ba­rung für min­des­tens zwei Jah­re un­verändert blei­be und er kei­nen Ein­fluss auf den Um­fang ei­ner Erhöhung ha­be. Ihm wer­de auf­grund der lan­gen Kündi­gungs­frist die Möglich­keit ge­nom­men, sich kurz­fris­tig ei­ne bes­ser do­tier­te Stel­le zu su­chen. So­weit das Ar­beits­ge­richt ausführe, der Nach­teil der Kündi­gungs­be­schränkung wer­de da­durch aus­ge­gli­chen, dass die Kläge­rin eben­falls ge­hin­dert sei, das Ar­beits­verhält­nis kurz­fris­tig zu be­en­den, und er sich da­her auf den lang­fris­ti­gen Fort­be­stand sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ein­rich­ten könne, sei dar­auf hin­zu­wei­sen, dass er die­sen Schutz nicht benöti­ge. Auf­grund sei­ner Aus­bil­dung und der Tat­sa­che, dass in ... und Um­ge­bung – un­strei­tig – ei­ne Viel­zahl von Spe­di­tio­nen an­ge­sie­delt sei, die re­gelmäßig nach Per­so­nal such­ten, benöti­ge er kei­nes­falls meh­re­re Jah­re, um ei­nen neu­en Ar­beits­platz zu fin­den. Im Fal­le ei­ner

 

– Sei­te 8 –

Kündi­gung könne er sich für drei Jah­re be­ruf­lich nicht wei­ter­ent­wi­ckeln, da während der Kündi­gungs­frist ar­beit­ge­ber­sei­tig kein In­ter­es­se mehr an sei­ner Wei­ter­bil­dung bestünde. Auch sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Kläge­rin ar­beits­ver­trag­lich be­rech­tigt sei, ihn ab Zu­gang ei­ner Kündi­gung von der Ar­beits­leis­tung frei­zu­stel­len. Aus be­ruf­li­cher Sicht sei ei­ne der­art lan­ge Untätig­keit "tödlich", da ihm das für die Ausübung sei­nes Be­ru­fes er­for­der­li­che ak­tu­el­le Wis­sen vor­ent­hal­ten blei­be. Die ver­ein­bar­te Vergütung stel­le in­so­weit kei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich dar. Die ver­ein­bar­te Pro­vi­si­on ha­be er im Jahr 2013 nicht ein ein­zi­ges Mal ver­dient. Im Jahr 2014 ha­be er für fünf Mo­na­te kei­ne Pro­vi­si­on er­hal­ten. Zu­dem ha­be er – wie al­le an­de­ren Mit­ar­bei­ter auch – ne­ben der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit un­ent­gelt­lich Über­stun­den er­bracht, da er ver­pflich­tet ge­we­sen sei, über sein Dienst­han­dy auch nach En­de der Ar­beits­zeit ein­ge­hen­de Auf­träge an­zu­neh­men und zu be­ar­bei­ten.

Der Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 12.06.2015 – 3 Ca 184/15 – teil­wei­se ab­zuändern und die Kla­ge (ins­ge­samt) ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen

und ver­tei­digt die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung als zu­tref­fend.

Hin­sicht­lich des wei­te­ren Vor­brin­gens der Par­tei­en im zwei­ten Rechts­zug wird auf den In­halt der dort ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf den In­halt des Pro­to­kolls der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 19.01.2016 (Bl. 298 ff. d. A.) Be­zug ge­nom­men.

 

– Sei­te 9 –

Ent­schei­dungs­gründe

I.

Auf die gemäß § 64 Abs. 2 lit. c ArbGG statt­haf­te und auch im Übri­gen zulässi­ge, ins­be­son­de­re form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te so­wie aus­geführ­te Be­ru­fung des Be­klag­ten ist das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 12.06.2015 teil­wei­se ab­zuändern und die Kla­ge vollständig ab­zu­wei­sen. Die Kläge­rin hat ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts kei­nen An­spruch auf die be­gehr­te Fest­stel­lung.

A.

Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend er­kannt, dass die auf Fest­stel­lung des Fort­be­stan­des des Ar­beits­verhält­nis­ses der Par­tei­en über den 31.01.2015 hin­aus ge­rich­te­te Kla­ge gemäß § 256 Abs. 1 ZPO zulässig ist. Die Kläge­rin hat ein recht­li­ches In­ter­es­se dar­an, dass der (Fort-)Be­stand des Rechts-/Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen den Par­tei­en durch rich­ter­li­che Ent­schei­dung als­bald fest­ge­stellt wird. Aus der Fest­stel­lung des Fort­be­stan­des des Ar­beits­verhält­nis­ses der Par­tei­en er­ge­ben sich kraft Ge­set­zes Rechts­pflich­ten für den Be­klag­ten. So wäre die­ser bei Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses u.a. ent­spre­chend § 60 Abs. 1 HGB ver­pflich­tet, sich ei­ner Wett­be­werbstätig­keit zu ent­hal­ten.

Ei­ner Be­schränkung des An­tra­ges auf die Zeit bis zum 31.12.2017 be­darf es aus den vom Ar­beits­ge­richt un­ter I. sei­ner Ent­schei­dungs­gründe ge­nann­ten Gründen nicht.

B.

Ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts ist die Kla­ge nicht be­gründet. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en be­stand bei Schluss der münd­li­chen Be­ru­fungs­ver­hand­lung nicht mehr fort. Es hat viel­mehr auf­grund or­dent­li­cher Kündi­gung des Be-

 

– Sei­te 10 –

klag­ten vom 27.12.2014 un­ter Be­ach­tung der ge­setz­li­chen Kündi­gungs­frist des § 622 Abs. 1 BGB mit Ab­lauf des 31.01.2015 sein En­de ge­fun­den.

1. Ent­ge­gen der Ent­schei­dung des Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 25.03.2015 – 6 Sa­Ga 3/15 – geht das er­ken­nen­de Ge­richt im vor­lie­gen­den Fall mit dem Ar­beits­ge­richt da­von aus, dass der Be­klag­te nach dem in­so­weit ein­deu­ti­gen Wort­laut des Kündi­gungs­schrei­bens vom 27.12.2014 ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung aus­ge­spro­chen hat. Die ver­wand­ten Wor­te „ord­nungs­gemäß und frist­ge­recht“ las­sen ei­ne Aus­le­gung da­hin­ge­hend, dass tatsächlich ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung nach § 626 BGB mit Aus­lauf­frist ge­wollt war, nicht zu. Selbst wenn der Be­klag­te die Kündi­gung in Kennt­nis der ver­trag­li­chen Kündi­gungs­frist von drei Jah­ren zum Mo­nats­en­de aus­ge­spro­chen ha­ben soll­te, muss­te er, um sein Ziel zu er­rei­chen, dass Ar­beits­verhält­nis zum 31.01.2015 zu be­en­den, nicht not­wen­dig ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus­spre­chen, son­dern konn­te sich, wie er es im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren auch tut, auf die Un­wirk­sam­keit der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung und da­mit die An­wend­bar­keit der ge­setz­li­chen Kündi­gungs­frist be­ru­fen.

2. Die or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten hat das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en un­ter Be­ach­tung der Kündi­gungs­frist des § 622 Abs. 1 BGB mit Ab­lauf des 31.05.2015 be­en­det. Die in der Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom 14.06.2012 ver­ein­bar­te Kündi­gungs­frist von drei Jah­ren zum Mo­nats­en­de ist gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam, denn sie be­nach­tei­ligt den Be­klag­ten ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen.

a) Die Wirk­sam­keit der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung ist an § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB zu mes­sen, denn § 307 BGB fin­det je­den­falls gemäß § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB auf die Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom 14.06.2012 An­wen­dung.

§ 307 BGB fin­det gemäß § 310 Abs. 3 Nr. 3 BGB bei Verträgen zwi­schen ei­nem Un­ter­neh­mer und ei­nem Ver­brau­cher (Ver­brau­cher­verträge) auf vor­for­mu­lier­te Ver­trags­be­din­gun­gen auch dann An­wen­dung, wenn die­se nur zur ein­ma­li­gen Ver­wen-

 

– Sei­te 11 –

dung be­stimmt sind und der Ver­brau­cher auf­grund der Vor­for­mu­lie­rung auf ih­ren In­halt kei­nen Ein­fluss neh­men konn­te.

(1) Bei der Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom 14.06.2012 han­delt es sich um ei­nen "Ver­brau­cher­ver­trag".

Die Kläge­rin ist Un­ter­neh­me­rin im Sin­ne von § 14 Abs. 1 BGB. Sie han­del­te als ju­ris­ti­sche Per­son bei Ab­schluss der Zu­satz­ver­ein­ba­rung in Ausübung ih­rer ge­werb­li­chen Tätig­keit. Hierüber be­steht zwi­schen den Par­tei­en kein Streit.

Der Be­klag­te sei­ner­seits han­del­te bei Un­ter­zeich­nung der Zu­satz­ver­ein­ba­rung als Ver­brau­cher im Sin­ne von § 13 BGB. § 13 BGB er­fasst auch Ar­beit­neh­mer beim Ab­schluss von Ar­beits­verträgen (vgl. BAG, Ur­teil vom 25.05.2005 – 5 AZR 572/04 – Rz. 41 ff., NZA 2005,1111, 1115 f.).

(2) Die Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom 14.06.2012 ist von der Kläge­rin vor­for­mu­liert wor­den.

Vor­for­mu­liert sind Be­din­gun­gen schon dann, wenn sie von der ei­nen Sei­te vor Ver­trags­schluss auf­ge­zeich­net oder in sons­ti­ger Wei­se fi­xiert wor­den sind (so BAG, Ur­teil vom 12.12.2013 – 8 AZR 829/12 – Rz. 29, m. w. N., NZA 2014, 905, 907).

Dass die Zu­satz­ver­ein­ba­rung im vor­ste­hen­den Sin­ne von der Kläge­rin vor­for­mu­liert wor­den ist, steht zwi­schen den Par­tei­en nicht im Streit. Un­be­strit­ten hat der Geschäftsführer der Kläge­rin dem Be­klag­ten die Zu­satz­ver­ein­ba­rung aus­ge­druckt zur Un­ter­schrift vor­ge­legt. Strei­tig ist al­lein, in­wie­weit der Be­klag­te im Vor­feld in­halt­lich Ein­fluss neh­men konn­te.

(3) Ent­ge­gen der An­sicht der Kläge­rin ist schließlich auch da­von aus­zu­ge­hen, dass der Be­klag­te im Sin­ne von § 310 Abs. 3 Nr. 3 BGB auf­grund der Vor­for­mu­lie­rung kei­nen Ein­fluss auf den In­halt der Zu­satz­ver­ein­ba­rung neh­men konn­te.

 

– Sei­te 12 –

Die Möglich­keit der Ein­fluss­nah­me setzt vor­aus, dass der Ver­wen­der den ge­set­zes-frem­den Kern­ge­halt sei­ner AGB bzw. vor­for­mu­lier­ten Ver­trags­be­din­gun­gen ernst­haft zur Dis­po­si­ti­on stellt und dem Ver­wen­dungs­geg­ner Ge­stal­tungs­frei­heit zur Wah­rung sei­ner In­ter­es­sen einräumt. Das Merk­mal des „Ein­fluss­neh­mens“ in § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB ent­spricht dem „Aus­han­deln“ in § 305 Abs. 1 Satz 3 BGB. Die Möglich­keit der Ein­fluss­nah­me ist nicht be­reits dann aus­zu­sch­ließen, wenn der vor­for­mu­lier­te Text be­ste­hen bleibt. In al­ler Re­gel schlägt sich ei­ne Be­reit­schaft zum Aus­han­deln zwar in Ände­run­gen des vor­for­mu­lier­ten Tex­tes nie­der. Bleibt es nach Erörte­rung bei dem vor­for­mu­lier­ten Text, weil der Be­trof­fe­ne nun­mehr mit die­sem ein­ver­stan­den ist, so kann der Ver­trag gleich­falls als das Er­geb­nis ei­nes Aus­han­delns be­trach­tet wer­den. Vor­aus­set­zung dafür ist aber, dass sich der Ver­wen­der deut­lich und ernst­haft zu even­tu­ell gewünsch­ten Abände­run­gen der zu tref­fen­den Ver­ein­ba­rung be­reit erklärt und dass dies dem an­de­ren Teil bei Ab­schluss des Ver­trags be­wusst war. Die Möglich­keit der Ein­fluss­nah­me muss sich da­bei auf die kon­kre­te Klau­sel be­zie­hen, de­ren An­wend­bar­keit oder Aus­le­gung im Streit steht. Vor­for­mu­lier­te Be­din­gun­gen in ei­nem Ver­trags­werk, die nicht aus­ge­han­delt wur­den, sind wei­ter­hin am Recht der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen zu mes­sen. Dies folgt aus der Ver­wen­dung des Wor­tes „so­weit“ in § 305 Abs. 1 Satz 3 und § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB. Ist die Möglich­keit der Ein­fluss­nah­me strei­tig, muss der Ver­wen­der – nach den Grundsätzen der ab­ge­stuf­ten Dar­le­gungs­last – den Vor­trag des Ver­wen­dungs­geg­ners, er ha­be kei­ne Ein­flussmöglich­keit ge­habt, qua­li­fi­ziert be­strei­ten, in­dem er kon­kret dar­legt, wie er Klau­seln zur Dis­po­si­ti­on ge­stellt hat und aus wel­chen Umständen dar­auf ge­schlos­sen wer­den kann, der Ver­wen­dungs­geg­ner ha­be die Klau­seln frei­wil­lig ak­zep­tiert (so BAG, Ur­teil vom 12.12.2013 – 8 AZR 829/12 – Rz. 31, m. w. N., NZA 2014, 905, 907 f.).

Aus­ge­hend von den vor­ste­hen­den Grundsätzen hat die Kläge­rin kei­ne hin­rei­chen­den Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, die die An­nah­me recht­fer­ti­gen könn­ten, die Zu­satz­ver­ein­ba­rung, ins­be­son­de­re die Re­ge­lung be­tref­fend die Kündi­gungs­frist, sei "aus­ge­han­delt" wor­den. Die Kläge­rin be­haup­tet sel­ber nicht, dass der Be­klag­te kon­kre­te Vor­stel­lun­gen zur Höhe sei­nes zukünf­ti­gen Ge­halts und der zukünf­tig gel­ten­den Kündi­gungs­frist geäußert hat. Im Hin­blick auf die Kündi­gungs­frist spricht die Kläge- 

 

– Sei­te 13 –

rin le­dig­lich da­von, der Be­klag­te ha­be den Wunsch nach Ar­beits­platz­si­cher­heit geäußert. Ei­nem sol­chen Wunsch kann je­doch in vie­ler­lei Hin­sicht Rech­nung ge­tra­gen wer­den. Dass dem Be­klag­ten ge­ra­de an ei­ner der­art lan­gen Kündi­gungs­frist ge­le­gen war, die ihn sel­ber in sei­ner Hand­lungs­frei­heit mas­siv ein­schränk­te, hat die Kläge­rin nicht be­haup­tet. Zu­dem er­gibt sich aus der For­mu­lie­rung der Zu­satz­ver­ein­ba­rung, dass die – vom Be­klag­ten si­cher­lich frei­wil­lig ak­zep­tier­te, da iso­liert be­trach­tet aus­sch­ließlich po­si­ti­ve – Ge­halts­erhöhung in Abhängig­keit zu den Re­ge­lun­gen un­ter Zif­fer 2 der Zu­satz­ver­ein­ba­rung stand, da die­se Ände­run­gen aus­drück­lich "im Hin­blick auf die außer­or­dent­li­che Ge­halts­erhöhung" ver­ein­bart wor­den sind. Dar­aus folgt, dass die Kläge­rin die Ge­halts­erhöhung nur zu­sam­men mit den Ände­run­gen un­ter Zif­fer 2 gewähren woll­te. Dass sie ge­ra­de die­se Abhängig­keit ernst­haft zur Dis­po­si­ti­on ge­stellt hat, sie dem Be­klag­ten al­so ei­ne Ge­halts­erhöhung auch oh­ne die Ände­run­gen un­ter Zif­fer 2 gewährt hätte, ist nicht er­sicht­lich. So­weit un­ter Zif­fer 3 der Zu­satz­ver­ein­ba­rung aus­geführt ist, "die Par­tei­en sind sich ei­nig, dass die­se Ver­ein­ba­rung zwi­schen ih­nen in­di­vi­du­ell aus­ge­han­delt wor­den ist", ist dies le­dig­lich ei­ne für das Ge­richt un­ver­bind­li­che Nie­der­schrift ei­ner Rechts­mei­nung der Par­tei­en. Die­se hin­dert das Ge­richt nicht, das Ver­hal­ten der Par­tei­en auf der Grund­la­ge der ak­tu­el­len Rechts­la­ge und Recht­spre­chung an­ders zu be­ur­tei­len.

b) Die Re­ge­lung des § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB steht der An­wend­bar­keit des § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB im vor­lie­gen­den Fall nicht ent­ge­gen.

Nach § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB un­ter­fal­len Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der un­ein­ge­schränk­ten In­halts­kon­trol­le nur dann, wenn durch sie von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen­de oder die­se ergänzen­de Re­ge­lun­gen ver­ein­bart wer­den.

Die Re­ge­lung zur Kündi­gungs­frist un­ter Zif­fer 2. a) der Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom 14.06.2012 enthält be­reits nach ih­rem Wort­laut ei­ne von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen­de Re­ge­lung, denn die Par­tei­en ha­ben ei­ne über die in § 622 BGB ge­re­gel­ten Kündi­gungs­fris­ten zeit­lich hin­aus­ge­hen­de Kündi­gungs­frist ver­ein­bart.

 

– Sei­te 14 –

c) Die un­ter Zif­fer 2. a) der Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom 14.06.2012 ver­ein­bar­te Kündi­gungs­frist von drei Jah­ren zum Mo­nats­en­de be­nach­tei­ligt den Be­klag­ten ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen.

(1) Nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB sind Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen un­wirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner ent­ge­gen Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen. Ei­ne for­mu­larmäßige Ver­trags­be­stim­mung ist un­an­ge­mes­sen, wenn der Ver­wen­der durch ein­sei­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung miss­bräuch­lich ei­ge­ne In­ter­es­sen auf Kos­ten sei­nes Ver­trags­part­ners durch­zu­set­zen ver­sucht, oh­ne von vorn­her­ein auch des­sen Be­lan­ge hin­rei­chend zu berück­sich­ti­gen und ihm ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zu gewähren. Die Fest­stel­lung ei­ner un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung setzt ei­ne wech­sel­sei­ti­ge Berück­sich­ti­gung und Be­wer­tung recht­lich an­zu­er­ken­nen­der In­ter­es­sen der Ver­trags­part­ner vor­aus. Bei die­sem Vor­gang sind grund­recht­lich geschütz­te Rechts­po­si­tio­nen zu be­ach­ten. Zur Be­ur­tei­lung der Un­an­ge­mes­sen­heit ist ein ge­ne­rel­ler, ty­pi­sie­ren­der, vom Ein­zel­fall los­gelöster Maßstab an­zu­le­gen. Im Rah­men der In­halts­kon­trol­le sind da­bei Art und Ge­gen­stand, be­son­de­rer Zweck und be­son­de­re Ei­gen­art des je­wei­li­gen Geschäfts zu berück­sich­ti­gen. Zu prüfen ist, ob der Klau­sel­in­halt bei der in Re­de ste­hen­den Art des Rechts­geschäfts ge­ne­rell un­ter Berück­sich­ti­gung der ty­pi­schen In­ter­es­sen der be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners er­gibt. Die im Ar­beits­recht gel­ten­den Be­son­der­hei­ten sind gemäß § 310 Abs. 4 Satz 2 BGB an­ge­mes­sen zu berück­sich­ti­gen (so BAG, Ur­teil vom 21.01.2015 – 10 AZR 84/14 – Rz. 59, m. w. N., NZA 2015, 871, 877). Be­trifft die In­halts­kon­trol­le – wie hier – ei­nen Ver­brau­cher­ver­trag be­darf es gemäß § 310 Abs. 3 Nr. 3 BGB bei der Be­ur­tei­lung der un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung auch der Berück­sich­ti­gung der den Ver­trags­schluss be­glei­ten­den Umstände. Zu den kon­kret-in­di­vi­du­el­len Be­gleit­umständen gehören bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung des Ge­set­zes un­ter Berück­sich­ti­gung des 16. Erwägungs­grun­des zur Richt­li­nie 93/13/EWG des Ra­tes vom 5. April 1993 über miss­bräuch­li­che Klau­seln in Ver­brau­cher­verträgen ins­be­son­de­re (1) persönli­che Ei­gen­schaf­ten des in­di­vi­du­el­len Ver­trags­part­ners, die sich auf die Ver­hand­lungsstärke aus­wir­ken, (2) Be­son­der­hei­ten der kon­kre­ten Ver­trags­ab­schluss­si­tua­ti­on, wie z. B. Über­rum­pe­lung, Be­leh­rung

 

– Sei­te 15 –

so­wie (3) un­ty­pi­sche Son­der­in­ter­es­sen des Ver­trags­part­ners. Die Berück­sich­ti­gung die­ser Umstände kann so­wohl zur Un­wirk­sam­keit ei­ner nach ge­ne­rell-abs­trak­ter Be­trach­tung wirk­sa­men Klau­sel als auch zur Wirk­sam­keit ei­ner nach ty­pi­sier­ter In­halts­kon­trol­le un­wirk­sa­men Klau­sel führen (so BAG, Ur­teil vom 25.09.2008 – 8 AZR 717/07 – Rz. 37, m. w. N., NZA, 2009, 370, 373).

(2) Im Er­geb­nis der wech­sel­sei­ti­gen Berück­sich­ti­gung und Be­wer­tung recht­lich an­zu­er­ken­nen­der In­ter­es­sen der Par­tei­en des vor­lie­gen­den Rechts­streits ist fest-zu­stel­len, dass die Kläge­rin durch ein­sei­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung miss­bräuch­lich ei­ge­ne In­ter­es­sen auf Kos­ten des Be­klag­ten durch­zu­set­zen ver­sucht hat, oh­ne von vorn­her­ein auch des­sen Be­lan­ge hin­rei­chend zu berück­sich­ti­gen und ihm ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zu gewähren.

So­weit das Ar­beits­ge­richt un­ter wört­li­cher Wie­der­ho­lung der Be­gründung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (Ur­teil vom 25.09.2008 – 8 AZR 717/07 – Rz. 38, NZA, 2009, 370, 373 f.) zur An­ge­mes­sen­heit ei­ner ver­trag­li­chen Kündi­gungs­frist von zwei Mo­na­ten zum je­weils 31.07. ei­nes Jah­res aus­geführt hat, dass der Nach­teil der Kündi­gungs­be­schränkung für den Be­klag­ten durch den Vor­teil aus­ge­gli­chen wer­de, sich eben­falls lang­fris­tig auf das Wei­ter­be­ste­hen sei­nes Ar­beits­ver­tra­ges ein­rich­ten zu können, kann dem be­zo­gen auf die hier streit­ge­genständ­li­che Kündi­gungs­frist von drei Jah­ren zum Mo­nats­en­de nicht ge­folgt wer­den. Die Möglich­keit, sich bei ei­ner ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Kündi­gung "recht­zei­tig" um ei­nen neu­en Ar­beits­platz bemühen zu können, ist je­den­falls bei ei­ner Bin­dung von mehr als ei­nem Jahr ein rein theo­re­ti­scher Vor­teil. Be­trach­tet man Stel­len­an­zei­gen in Zeit­schrif­ten und im In­ter­net, so sucht kein Ar­beit­ge­ber ei­nen Mit­ar­bei­ter mit "gewöhn­li­chen" Ar­beits­auf­ga­ben ei­nes Spe­di­ti­ons­kauf­manns für ei­ne Ein­stel­lung in drei Jah­ren. So­weit ei­ne Ein­stel­lung nicht "ab so­fort" be­ab­sich­tigt ist, lie­gen die Ein­stel­lungs­ter­mi­ne re­gelmäßig nur ge­ringfügig in der Zu­kunft. Ei­ne sinn­vol­le Nut­zung ei­ner über ein Jahr hin­aus­ge­hen­den Kündi­gungs­frist für Be­wer­bun­gen auf ei­nen "gewöhn­li­chen" Ar­beits­platz schei­det da­mit prak­tisch aus. Dies mag an­ders sein, wenn es um her­aus­ge­ho­be­ne Po­si­tio­nen in Wis­sen­schaft und Wirt­schaft geht, die z. B. bei al­ters­be­ding­ten Abgängen vor­aus­schau­end neu mit ent­spre­chend qua­li­fi­zier­tem und re­nom­mier­tem Fach­per-

 

– Sei­te 16 –

so­nal be­setzt wer­den sol­len. Um sol­cher­art Stel­len geht es im vor­lie­gen­den Fall je­doch of­fen­sicht­lich nicht.

In der Pra­xis führt ei­ne dreijähri­ge Kündi­gungs­frist für ei­nen "gewöhn­li­chen" Ar­beit­neh­mer da­zu, dass er ei­nen naht­lo­sen Über­gang in ein neu­es, mögli­cher­wei­se bes­ser do­tier­tes Ar­beits­verhält­nis nicht pla­nen kann. Da er im Zeit­punkt der Kündi­gung re­gelmäßig kein neu­es Ar­beits­verhält­nis für die Zeit nach Ab­lauf der Kündi­gungs­frist in Aus­sicht hat, trägt er das Ri­si­ko, bei Aus­schei­den aus dem al­ten Ar­beits­verhält­nis mit lee­ren Händen da­zu­ste­hen und zusätz­lich noch ei­ne 12wöchi­ge Sperr­zeit beim Ar­beits­lo­sen­geld und Min­de­rung der An­spruchs­dau­er we­gen Ar­beits­auf­ga­be nach §§ 148, 159 SGB III zu er­hal­ten. Selbst wenn – wie der­zeit im Fal­le des Be­klag­ten – im Zeit­punkt der Kündi­gungs­erklärung auf­grund der zu die­sem Zeit­punkt ge­ge­be­nen wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen ei­ne ho­he Wahr­schein­lich­keit für die Er­lan­gung ei­ner neu­en, evtl. bes­ser do­tier­ten Stel­le in drei Jah­ren be­steht, ist über ei­nen der­art lan­gen Zeit­raum nicht vor­her­seh­bar, ob sich die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht ent­schei­dend zum Nach­teil des Ar­beit­neh­mers ändern wer­den.

Zu Recht weist der Be­klag­te zu­dem dar­auf hin, dass auch ein verständi­ger Ar­beit­ge­ber nach Er­halt der Ar­beit­neh­merkündi­gung kein In­ter­es­se mehr dar­an hat, den Ar­beit­neh­mer noch fort­zu­bil­den oder ihm ei­ne Vergütungs­erhöhung zu gewähren. Dies führt da­zu, dass der Ar­beit­neh­mer in Fällen feh­len­der Ta­rif­bin­dung – wie hier – für drei Jah­re von der all­ge­mei­nen Ein­kom­mens­ent­wick­lung ab­ge­kop­pelt ist. Dies mag bei der der­zei­ti­gen In­fla­ti­ons­ra­te als un­er­heb­lich er­schei­nen. Bei der ge­bo­te­nen ge­ne­rel­len Be­trach­tungs­wei­se müssen aber auch denk­ba­re höhe­re In­fla­ti­ons­ra­ten berück­sich­tigt wer­den, die ge­ra­de bei Mo­nats­gehältern bis 2.800,00 € brut­to zu ei­ner deut­lich spürba­ren Re­du­zie­rung des Le­bens­stan­dards führen können, oh­ne dass der ge­bun­de­ne Ar­beit­neh­mer durch ei­nen kurz­fris­ti­gen Ar­beit­ge­ber­wech­sel dar­auf re­agie­ren kann.

Ei­ne wei­te­re Be­ein­träch­ti­gung der In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers er­gibt sich dann, wenn – wie hier – die dreijähri­ge Kündi­gungs­frist mit der Möglich­keit des Ar­beit­ge-

 

– Sei­te 17 –

bers ver­knüpft ist, den Ar­beit­neh­mer ab Zu­gang der Kündi­gung bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist un­ter Fort­zah­lung der Vergütung von der Ar­beits­leis­tung frei­zu­stel­len. Die Kom­bi­na­ti­on aus lan­ger Kündi­gungs­frist und Möglich­keit der Frei­stel­lung führt da­zu, dass sich die Chan­ce des Ar­beit­neh­mers auf die Er­lan­gung ei­ner An­schluss­beschäfti­gung (wei­ter) ver­schlech­tert. Ei­ne mögli­che dreijähri­ge Untätig­keit ist ver­gleich­bar ei­ner Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit, die be­kann­ter­maßen die Ver­mitt­lungs­chan­cen auf dem Ar­beits­markt ver­rin­gert.

Rich­tig ist, dass Art. 12 Abs. 1 GG es nicht ge­bie­tet, dem Ar­beit­neh­mer ei­nen je-der­zei­ti­gen Be­rufs- bzw. Ar­beits­platz­wech­sel zu ermögli­chen (vgl. BAG, Ur­teil vom 25.09.2008 – 8 AZR 717/07 – Rz. 31, NZA, 2009, 370, 372 f.). An­de­rer­seits darf ihm ein Wech­sel des Ar­beits­plat­zes aber auch nicht un­zu­mut­bar er­schwert wer­den. Hier­von ist aber bei ei­nem "gewöhn­li­chen" Ar­beit­neh­mer nach dem Vor­ste­hen­den im Fal­le ei­ner dreijähri­gen Kündi­gungs­frist aus­zu­ge­hen. Die Tat­sa­che, dass der Ge­setz­ge­ber mit der Re­ge­lung des § 15 Abs. 4 Tz­B­fG zum Aus­druck ge­bracht hat, dass er ei­ne ver­trag­li­che Bin­dung des Ar­beit­neh­mers von bis zu 5,5 Jah­ren oh­ne Möglich­keit ei­ner vor­zei­ti­gen or­dent­li­chen Kündi­gung grundsätz­lich für zulässig hält, steht ei­ner ab­wei­chen­den Be­wer­tung im Rah­men des § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB nicht ent­ge­gen. § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB ge­bie­tet nach den oben dar­ge­leg­ten Grundsätzen die Prüfung, ob der Klau­sel­ver­wen­der durch ein­sei­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tung miss­bräuch­lich ei­ge­ne In­ter­es­sen auf Kos­ten sei­nes Ver­trags­part­ners durch­zu­set­zen ver­sucht. Dies kann auch dann der Fall sein, wenn er sich im All­ge­mei­nen zulässi­ger Ge­stal­tungs­mit­tel be­dient. Auch dann kann die er­for­der­li­che Ge­samt­be­trach­tung ei­ne Un­an­ge­mes­sen­heit der Ver­trags­klau­sel er­ge­ben. So liegt der Fall hier.

Die bei Ver­trags­schluss vor­lie­gen­den In­ter­es­sen der Kläge­rin recht­fer­ti­gen die Länge der ver­trag­li­chen Kündi­gungs­frist nicht. Zu Recht hat das Ar­beits­ge­richt al­ler­dings aus­geführt, dass bei der un­strei­ti­gen Kon­kur­renz­si­tua­ti­on im Raum ... ein Spe­di­ti­ons­un­ter­neh­men ty­pi­scher­wei­se ein be­son­de­res In­ter­es­se dar­an hat, be­son­ders gu­te Mit­ar­bei­ter mit ei­ner länge­ren Kündi­gungs­frist zu bin­den. Ei­ne länge­re Kündi­gungs­frist ermöglicht es zu­dem ei­nem Ar­beit­ge­ber ge­ra­de in ei­nem en­gen

 

– Sei­te 18 –

Markt, in Ru­he ge­eig­ne­tes neu­es Per­so­nal aus­zuwählen und ei­nen rei­bungs­lo­sen Über­gang durch ei­ne im Rah­men der Kündi­gungs­frist mögli­che Ein­ar­bei­tung zu er­rei­chen. Die­se an sich schützens­wer­ten Rechts­po­si­tio­nen wer­den durch ei­ne dreijähri­ge Kündi­gungs­frist je­doch über­si­chert. Die Kläge­rin hat kei­ne Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, die die An­nah­me recht­fer­ti­gen könn­ten, für den Be­trieb ei­nes der Kläge­rin ver­gleich­ba­ren Spe­di­ti­ons­un­ter­neh­mens sei­en qua­li­fi­zier­te Spe­di­ti­ons­kauf­leu­te nicht in ei­ner kürze­ren Frist als drei Jah­ren auf dem Ar­beits­markt zu er­lan­gen und ein­zu­ar­bei­ten. Die Kläge­rin ist, so­weit er­sicht­lich, nicht in ei­nem der­art spe­zi­el­len Markt­seg­ment tätig, als dass es hierfür auf dem Markt nur we­nig Per­so­nal gäbe, wel­ches auch noch lang­fris­tig ein­ge­ar­bei­tet wer­den müss­te. Dass der Be­klag­te über für den Be­trieb er­for­der­li­che Spe­zi­al­kennt­nis­se verfügt, ist eben­falls nicht vor­ge­tra­gen. Ei­ne be­son­de­re Bin­dung der Kun­den an das ein­ge­setz­te Per­so­nal ist nicht zu er­ken­nen. Un­strei­tig ar­bei­tet die Kläge­rin in ei­nem Be­reich mit nicht lang­fris­ti­gen Ver­trags­be­zie­hun­gen. So­weit die Kläge­rin ein In­ter­es­se dar­an hat, im Fal­le ei­nes Wech­sels ih­rer Mit­ar­bei­ter Geschäfts­ge­heim­nis­se zu wah­ren, ist ei­ne verlänger­te Kündi­gungs­frist kein ge­eig­ne­tes Mit­tel, den Ab­fluss von ak­tu­el­len Geschäfts­ge­heim­nis­sen mit dem Mit­ar­bei­ter zu ei­nem Kon­kur­renz­un­ter­neh­men zu ver­hin­dern. Oh­ne nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot, kann ein Mit­ar­bei­ter mit sei­nem ak­tu­el­len Wis­sen so­wohl bei ei­ner ge­setz­li­chen als auch bei ei­ner dreijähri­gen Kündi­gungs­frist un­mit­tel­bar zu ei­nem Kon­kur­ren­ten wech­seln. Erst die Kom­bi­na­ti­on von dreijähri­ger Kündi­gungs­frist und gleich­zei­ti­ger Frei­stel­lung, führt da­zu, dass der Mit­ar­bei­ter bei ei­nem Wech­sel über kein ak­tu­ell bei ei­nem Kon­kur­ren­ten ver­wert­ba­res Wis­sen mehr verfügt. Die­se Kom­bi­na­ti­on ist aber gemäß § 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB als un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung an­zu­se­hen, weil sich aus § 74 a Abs. 1 Satz 3 HGB der we­sent­li­che ge­setz­li­che Grund­ge­dan­ke er­gibt, dass ein Wett­be­werbs­ver­bot nicht länger als zwei Jah­re be­ste­hen darf.

Sch­ließlich stellt die in der Zu­satz­ver­ein­ba­rung fest­ge­leg­te Vergütung des Be­klag­ten kei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich für die sich aus der dreijähri­gen Kündi­gungs­frist er­ge­ben­den Nach­tei­le dar. Zu Recht ver­weist die Kläge­rin zwar dar­auf, dass die Erhöhung von 1.000,00 € brut­to er­heb­lich war; an­ge­sichts des mehr als be­schei­de­nen Aus­gangs­wer­tes er­gibt sich durch sie je­doch ins­ge­samt al­len­falls ei­ne

 

– Sei­te 19 –

an­ge­mes­se­ne Vergütung. Da­von geht im Übri­gen auch die Kläge­rin sel­ber aus, wenn sie be­haup­tet, die Par­tei­en hätten zunächst ge­mein­sam eru­iert, wie die dem Be­klag­ten – ver­meint­lich – über­tra­ge­ne Zu­satz­auf­ga­be beim Brut­to­ge­halt ha­be kom­pen­siert wer­den können. Nach ih­rem ei­ge­nen Vor­brin­gen stellt da­mit die erhöhte Vergütung ei­nen Aus­gleich für die – ver­meint­lich – über­tra­ge­ne Zu­satz­auf­ga­be dar, nicht je­doch für die verlänger­te Kündi­gungs­frist. Die ver­ein­bar­te Vergütung ist auch ty­pi­scher­wei­se nicht aus­rei­chend, die oben ge­nann­ten, sich für den Ar­beit­neh­mer bei ei­ner Ei­genkündi­gung er­ge­ben­den Ri­si­ken zu kom­pen­sie­ren. Der Ar­beit­neh­mer wird nicht in die La­ge ver­setzt, aus­rei­chen­de Rück­la­gen für den Fall zu bil­den, dass er im Fal­le der Ei­genkündi­gung kei­ne An­schluss­beschäfti­gung fin­det. In­so­weit wäre min­des­tens ei­ne Ab­de­ckung ei­ner zwölfwöchi­gen Ein­kom­mens­lo­sig­keit er­for­der­lich, die sich auf­grund der mögli­chen Sperr­zeit beim Ar­beits­lo­sen­geld er­ge­ben kann. Ein Brut­to­ge­halt von bis zu 2.800,00 € wird aus Sicht des er­ken­nen­den Ge­richts je­doch re­gelmäßig nicht aus­rei­chen, um in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von drei Jah­ren ent­spre­chen­de Rück­la­gen ne­ben den Aus­ga­ben für ei­nen an­ge­mes­se­nen Le­bens­stil zu bil­den.

II.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO. Die Kläge­rin hat als un­ter­le­ge­ne Par­tei die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on für den Be­klag­ten folgt aus § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG. Es gilt da­her die nach­fol­gen­de

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der Kläge­rin/Be­ru­fungs­be­klag­ten

Re­vi­si­on

ein­ge­legt wer­den.

 

– Sei­te 20 –

Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb

ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat

schrift­lich oder in elek­tro­ni­scher Form beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­legt wer­den.
Die An­schrift des Bun­des­ar­beits­ge­richts lau­tet:

Post­fach, 99112 Er­furt

oder

Hu­go-Preuß-Platz 1, 99084 Er­furt

Te­le­fon: (03 61) 26 36 - 0

Te­le­fax: (03 61) 26 36 - 20 00.

Sie ist gleich­zei­tig in­ner­halb

ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten

schrift­lich oder in elek­tro­ni­scher Form zu be­gründen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift und die Be­gründung der Re­vi­si­on müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net oder mit ei­ner qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Si­gna­tur nach dem Si­gna­tur­ge­setz ver­se­hen sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

1. Rechts­anwälte,
2. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­ber­verbänden so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände und Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
3. Ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfüllen.

In den Fällen der Zif­fern 2 und 3 müssen die Per­so­nen, die die Re­vi­si­ons­schrift und die Be­gründung un­ter­zeich­nen oder mit ei­ner qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Si­gna­tur nach dem Si­gna­tur­ge­setz ver­se­hen, die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

Bezüglich der Möglich­kei­ten elek­tro­ni­scher Ein­le­gung und Be­gründung der Re­vi­si­on - ei­ne Ein­le­gung per E-Mail ist aus­ge­schlos­sen! - wird ver­wie­sen auf die Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr beim Bun­des­ar­beits­ge­richt vom 9. März 2006 (BGBl. I S. 519).

Die Re­vi­si­on kann nur dar­auf gestützt wer­den, dass das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf der Ver­let­zung ei­ner Rechts­norm be­ruht.
Für den Be­klag­ten/Be­ru­fungskläger ist ge­gen die Ent­schei­dung kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.

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