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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigungsschutzklage: Verzicht, Abwicklungsvertrag, Ausgleichsklausel, Allgemeine Geschäftsbedingungen: Ausgleichsklausel, AGB-Kontrolle, Ausgleichsklausel
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Niedersachsen
Akten­zeichen: 5 Sa 1099/13
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 27.03.2014
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Hannover - 1 Ca 65/13
   

IM NA­MEN DES VOL­KES


UR­TEIL

5 Sa 1099/13

1 Ca 65/13 ArbG Han­no­ver

In dem Rechts­streit

 

Verkündet am:
27.03.2014

Kap­pen­berg,
Ge­richts­an­ge­stell­te
als Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le


Kläger und Be­ru­fungskläger,

Proz.-Bev.:


ge­gen


Be­klag­te und Be­ru­fungs­be­klag­te,

Proz.-Bev.:


hat die 5. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 27. März 2014 durch

den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Ku­bi­cki,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herrn Sa­cher,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herrn Pröttel
für Recht er­kannt:

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Han­no­ver vom 06.09.2013 – 1 Ca 65/13 – wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.
Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung, wo­bei als Vor­fra­ge zu klären ist, ob der Kläger rechts­wirk­sam auf das Recht, Kündi­gungs­schutz­kla­ge zu er­he­ben, ver­zich­tet hat.

Der Kläger ist seit dem 01.03.2002 bei der Be­klag­ten als Flei­scher in der Pro­duk­ti­on beschäf-tigt. Nach länge­rer Er­kran­kung und er­folg­rei­cher Wie­der­ein­glie­de­rung nahm er am 01.03.2013 sei­ne Ar­beit wie­der voll­schich­tig auf. Zu­vor führ­ten der Kläger und der Geschäftsführer der Be­klag­ten meh­re­re Gespräche, in de­nen es um die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ging. Die ge­nau­en Ein­zel­hei­ten sind strei­tig.

Am 05.03.2013 überg­ab der Geschäftsführer der Be­klag­ten dem Kläger ei­ne Kündi­gung vom 28.02.2013 aus be­triebs­be­ding­ten Gründen zum 30.06.2013. Zu­gleich un­ter­zeich­ne­ten bei­de ei­ne Ab­wick­lungs­ver­ein­ba­rung, in wel­cher sich die Be­klag­te ver­pflich­te­te, dem Kläger ein qua-li­fi­zier­tes End­zeug­nis mit gu­ter Leis­tungs- und Führungs­be­wer­tung zu er­tei­len und die­ser aus­drück­lich auf die Er­he­bung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge ver­zich­te­te.

Mit Schrei­ben vom 14.03.2013 erklärte der Kläger die An­fech­tung/den Wi­der­ruf der Erklärun-gen der Ab­wick­lungs­ver­ein­ba­rung.

Mit sei­ner beim Ar­beits­ge­richt am 26.03.2013 ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge hat er die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung gel­tend ge­macht. Er hat ins­be­son­de­re die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Ver­zicht auf die Er­he­bung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge sei un­wirk­sam.

Er hat be­an­tragt,
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 28.02.2013 zum 30.06.2013 auf­gelöst wor­den ist.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,
die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

We­gen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten des ge­sam­ten erst­in­stanz­li­chen Sach- und Streit­stan­des wird auf den vollständi­gen, über­sicht­li­chen und wohl­ge­ord­ne­ten Tat­be­stand des an­ge­foch­te­nen Ur­teils (Bl. 2 bis 5 des­sel­ben, Bl. 91 bis 94 der Ge­richts­ak­te) ver­wie­sen.

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Mit Ur­teil vom 06.09.2013 hat das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. We­gen der ge­nau­en Ein­zel­hei­ten der recht­li­chen Würdi­gung wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils (dort Bl. 5 bis 11 des­sel­ben, Bl. 94 bis 100 der Ge­richts­ak­te) ver­wie­sen.

Die­ses Ur­teil ist dem Kläger am 02.10.2013 zu­ge­stellt wor­den. Mit ei­nem am 23.10.2013 ein-ge­gan­ge­nen Schrift­satz hat er Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se mit ei­nem am 02.01.2014 ein­ge-gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet, nach­dem zu­vor das Lan­des­ar­beits­ge­richt mit Be­schluss vom 02.12.2013 die Rechts­mit­tel­be­gründungs­frist bis zum 02.01.2014 verlängert hat­te.

Mit sei­ner Be­ru­fung ver­folgt der Kläger voll­umfäng­lich das erst­in­stanz­li­che Ziel des Kündi-gungs­schut­zes wei­ter. Er wie­der­holt und ver­tieft sein erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen. Ins­be­son-de­re be­haup­tet er – wie auch erst­in­stanz­lich – der Geschäftsführer der Be­klag­ten ha­be ihm über den In­halt des Ab­wick­lungs­ver­tra­ges getäuscht, er ha­be auf die Wor­te des Geschäfts-führers ver­traut und da­her die Ver­ein­ba­rung un­ter­schrie­ben, oh­ne sie zu­vor ge­le­sen zu ha­ben. Darüber hin­aus meint er, sei der Kla­ge­ver­zicht un­wirk­sam. Ei­ne kom­pen­sa­to­ri­sche Ge-gen­leis­tung sei nicht vor­han­den. Die Rechts­auf­fas­sung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils, wel­ches ei­ne kom­pen­sa­to­ri­sche Ge­gen­leis­tung in der Er­tei­lung ei­nes Zeug­nis­ses mit der Ge­samt­no­te „gut“ an­nimmt, sei rechts­ir­rig. Hier­bei sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Kündi­gung ins­ge­samt schwer­wie­gen­de Mängel auf­wei­se. Das Gefälle zwi­schen dem Ge­ben des Ar­beit­neh­mers und der Ge­gen­leis­tung des Ar­beit­ge­bers sei der­art groß, dass ei­ne Kom­pen­sa­ti­on nicht ernst­haft an­ge­nom­men wer­den könne. Ei­ne Ge­gen­leis­tung kom­me auch des­we­gen nicht in Fra­ge, weil er ei­nen An­spruch auf ein gu­tes Zeug­nis ha­be. Sein Ar­beits­verhält­nis ha­be völlig be­ans­tan-dungs­frei und oh­ne je­de Kri­tik be­stan­den. Er sei im­mer pünkt­lich ge­we­sen, ha­be nie­mals ver-schla­fen und ins­be­son­de­re auch des­we­gen ein gu­tes Zeug­nis ver­dient. Sch­ließlich ha­be nach ei­ner mo­der­nen Ten­denz in der Recht­spre­chung ein Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich ei­nen An-spruch auf ein gu­tes Zeug­nis.

Der Kläger be­an­tragt,
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Han­no­ver vom 06.09.2013, AZ: 1 Ca 65/13 ab-zuändern und fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 28.02.2013 zum 30.06.2013 auf­gelöst wor-den ist.

Die Be­klag­te be­an­tragt,
die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil.

We­gen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens der Par­tei­en in der Be­ru­fung wird auf ih­re Schriftsätze vom 02.01. und 28.01.2014 so­wie auf das Sit­zungs­pro­to­koll vom 27. März 2014 ver­wie­sen.

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Ent­schei­dungs­gründe

A.
Die Be­ru­fung ist zulässig. Sie ist statt­haft so­wie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den (§§ 64, 66 ArbGG und 519, 520 ZPO).

B.
Die Be­ru­fung ist un­be­gründet. Zu Recht und mit zu­tref­fen­der Be­gründung hat das an­ge­foch-te­ne Ur­teil die Kündi­gungs­schutz­kla­ge ab­ge­wie­sen. Die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung hat das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en zum 30.06.2013 be­en­det. Die so­zia­le Recht­fer­ti­gung der Kündi­gung gemäß § 1 Abs. 1 KSchG so­wie ei­ne evtl. Rechts­un­wirk­sam­keit gemäß §§ 134 BGB, 85 SGB IX sind nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, weil der Kläger rechts­wirk­sam mit der auf den 28.02.2013 da­tie­ren­den und am 05.03.2013 un­ter­schrie­be­nen Ab­wick­lungs­ver­ein­ba­rung auf die Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ver­zich­tet hat.

I.
Zunächst ein­mal macht sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt die über­zeu­gen­den Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils zu ei­gen, ver­weist auf die­se und stellt dies fest (§ 69 Abs. 2 ArbGG).

II.
Das Vor­brin­gen der Par­tei­en in der Be­ru­fung so­wie der Sach- und Streit­stand im Übri­gen ver-an­las­sen fol­gen­de ergänzen­de An­mer­kun­gen:

1.
So­weit es die An­fech­tung gemäß §§ 142 Abs. 1, 119 Abs. 1 ers­te Al­ter­na­ti­ve, 123 BGB an­be­langt, steht je­dem mögli­cher­wei­se in Be­tracht kom­men­den An­fech­tungs­grund (In­halts­irr­tum oder arg­lis­ti­ge Täuschung) der Um­stand ent­ge­gen, dass der Kläger sei­nen be­haup­te­ten Irr­tum über den In­halt der Ab­wick­lungs­ver­ein­ba­rung nicht be­wei­sen kann. Er kann ins­be­son­de­re sei­ne Be­haup­tung nicht be­wei­sen, er ha­be die­ses Schriftstück un­ter­schrie­ben, oh­ne es ge­le-sen zu ha­ben.

a)
Ab­ge­se­hen von sei­nem zweit­in­stanz­lich erklärten Be­weis­an­tritt „Par­tei­ver­neh­mung“ gibt es zu­guns­ten des dar­le­gungs- und be­weis­be­las­te­ten Klägers kei­ner­lei wei­te­re Be­weis­mit­tel. Bezüglich sei­nes be­haup­te­ten Irr­tums über den In­halt des Ver­tra­ges, gestützt auf das Vor­brin­gen, er ha­be die­sen Ver­trag un­ge­le­sen un­ter­schrie­ben, ist die­ser Be­weis­an­tritt von vorn­her­ein nur als Ver­neh­mung der ei­ge­nen Par­tei aus­zu­le­gen. Denn der Geschäftsführer der Be­klag­ten

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kann er­sicht­lich nichts da­zu ausführen, ob der Kläger den In­halt des Ab­wick­lungs­ver­tra­ges un­ge­le­sen un­ter­schrie­ben und da­mit nicht zur Kennt­nis ge­nom­men hat.

Der Ver­neh­mung der ei­ge­nen Par­tei gemäß § 447 ZPO steht das feh­len­de Ein­verständ­nis der Be­klag­ten ent­ge­gen. Die Be­klag­te hat der förm­li­chen Par­tei­ver­neh­mung des Klägers aus­drück­lich wi­der­spro­chen. Ei­ne Par­tei­ver­neh­mung von Amts we­gen gemäß § 448 ZPO kommt nicht in Be­tracht, weil es für die Be­haup­tung des Klägers nicht ein­mal an­satz­wei­se ir­gend­ei­ne Form des nach die­ser Vor­schrift er­for­der­li­chen „An­fangs­be­wei­ses“ gibt.

b)
Auch die in­for­ma­to­ri­sche Anhörung des Klägers gemäß § 141 ZPO ver­moch­te nicht die vol­le rich­ter­li­che Über­zeu­gung gemäß § 286 ZPO zu be­gründen.

aa)
Die vol­le rich­ter­li­che Über­zeu­gung er­for­dert das Vor­han­den­sein ei­ner persönli­chen Ge­wiss­heit beim Rich­ter, wel­che den Zwei­feln Schwei­gen ge­bie­tet, oh­ne sie völlig aus­zu­sch­ließen. Sie ver­langt kei­ne ab­so­lu­te Ge­wiss­heit. Dies hieße, die Gren­ze men­sch­li­cher Er­kennt­nisfähig­keit zu igno­rie­ren. Aus­rei­chend und er­for­der­lich ist ei­ne persönli­che Ge­wiss­heit, die den Zwei­feln Schwei­gen ge­bie­tet, oh­ne sie völlig aus­zu­sch­ließen (BGH, Ur­teil vom 17.02.1970, Az.: 3 ZR 139/67 - BGHZ 53, 245 - 256; Ur­teil vom 06.06.1973, Az.: IV ZR 164/71 - BGHZ 61, 165 - 169). Mehr als die sub­jek­ti­ve Über­zeu­gung wird nicht ge­for­dert, ab­so­lu­te Ge­wiss­heit zu ver­lan­gen hieße die Gren­ze men­sch­li­cher Er­kennt­nisfähig­keit zu igno­rie­ren. An­de­rer­seits reicht we­ni­ger als die vol­le Über­zeu­gung von der Wahr­heit nicht für das Be­wie­sen­sein aus. Ein bloßes Glau­ben, Wähnen, für wahr­schein­lich hal­ten, be­rech­tigt den Rich­ter nicht zu Be­ja­hung des strei­ti­gen Tat­be­stands­merk­mals. Die rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung ist kein aus­sch­ließlich lo­gi­scher Pro­zess, sie ist abhängig von der in­di­vi­du­el­len Einschätzung der be­ur­tei-len­den Rich­ter (Zöller-Gre­ger, 29. Aufl., § 286 Rd­Nr. 13).


bb)
Die­ser Grad der Über­zeu­gung ist al­lein auch Grund der in­for­ma­to­ri­schen Anhörung des Klä-gers gemäß § 141 ZPO nicht er­bracht wor­den. Zu sei­nen Guns­ten ist si­cher­lich her­vor­zu­he­ben, dass er bei der persönli­chen Be­fra­gung ei­nen red­li­chen und ehr­li­chen Ein­druck auf die Be­ru­fungs­kam­mer ge­macht hat. An­der­seits hat er, wie so vie­le an­de­re Pro­zess­par­tei­en auch, im We­sent­li­chen das wie­der­ge­ge­ben, was schriftsätz­lich vor­ge­tra­gen wor­den war. Dies über-rascht nicht, und ent­spricht sei­ner Par­tei­rol­le. Auf­grund die­ser Par­tei­rol­le steht das Be­ru­fungs­ge­richt sei­nen Äußerun­gen durch­aus kri­tisch ge­genüber. Zwei­fel dar­an, ob es wirk­lich so war, dass er den Ab­wick­lungs­ver­trag nicht ge­le­sen son­dern so­gleich un­ter­schrie­ben hat, blei-ben nach wie vor be­ste­hen. Dies auch schon des­halb, weil der vor­ge­leg­te Ab­wick­lungs­ver-

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trag, der noch nicht ein­mal aus ei­ner hal­ben Sei­te Text be­steht, klar, knapp und präzi­se ab­ge­fasst ist. Vie­le Men­schen er­fas­sen sei­nen Sinn­ge­halt auf den ers­ten Blick.

2.
Die Un­wirk­sam­keit der Kla­ge­ver­zichts­ver­ein­ba­rung er­gibt sich auch nicht aus § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB.

a.
Die­se Vor­schrift fin­det auf die Kla­ge­ver­zichts­ver­ein­ba­rung An­wen­dung. Sie ist von der Be-klag­ten vor­for­mu­liert wor­den, so dass je­den­falls § 310 Abs. 3 Nr. 2 BGB ein­schlägig ist. Es kann auf sich be­ru­hen, ob die­ser Ver­trags­text zur mehr­ma­li­gen oder nur zur ein­ma­li­gen Ver-wen­dung be­stimmt war.

b.
aa 1)
Nach der erst­in­stanz­lich zu­tref­fend zi­tier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist der rei­ne Kla­ge­ver­zicht gemäß § 307 Abs.1 Satz 1 oh­ne je­de ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Kom­pen­sa­ti­on un­an­ge­mes­sen. Weil die Ab­spra­che „Kla­ge­ver­zicht ge­gen Kom­pen­sa­ti­on“ Haupt­ge­gen­stand der Ver­ein­ba­rung ist, ist ei­ne In­halts­kon­trol­le von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung aus­ge­schlos­sen. Dies gilt un­abhängig da­von, wie hoch die Ge­gen­leis­tung ausfällt. Die Ar­beits­ge­rich­te dürfen nicht auf­grund von § 307 BGB in die Ver­hand­lungs­pa­rität der Ver­trags­part­ner ein­grei­fen. Dies hat of­fen­sicht­lich auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­ner Grund­satz­ent­schei­dung (BAG, Ur­teil vom 06.09.2007, AZ: 2 AZR 722/06 – DB 2008, 411) er­kannt, wenn es her­vor­hebt, die Be­lan­ge des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers würden nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt, da die­sem durch den Ver­zicht oh­ne je­de Ge­gen­leis­tung das Recht ei­ner ge­richt­li­chen Über­prüfung der Kündi­gung ge­nom­men wer­de (BAG a.a.O. Rand­num­mer 37). Die Art der ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Kom­pen­sa­ti­on sei in die­sem Zu­sam­men­hang nicht mehr re­le­vant.

aa 2)
Von die­sem Grund­satz ist si­cher­lich dann ei­ne Aus­nah­me zu ma­chen, wenn der Ar­beit­ge­ber er­kenn­bar die­se Recht­spre­chung um­ge­hen will, um mit ei­nem Ent­ge­gen­kom­men, wel­ches be­griff­lich schon nicht mehr die Be­zeich­nung „Ge­gen­leis­tung“ ver­dient, sei­ne Zie­le durch­zu­set­zen will. Bei ei­ner Ab­fin­dungs­zah­lung von bei­spiels­wei­se 10,00 € wäre die­se Gren­ze deut­lich über­schrit­ten. Bei ei­ner Ab­fin­dungs­leis­tung von 250,00 € lässt sich die Kom­pen­sa­ti­on be­griff­lich nicht ver­nei­nen, mag auch der Rechts­an­wen­der das un­gu­te Gefühl ei­ner Un­ge­rech-tig­keit ha­ben. Die­ses all­ge­mei­ne Ge­rech­tig­keits­gefühl muss hin­ter der kla­ren ge­setz­li­chen Dog­ma­tik zurück­tre­ten, die ge­bie­tet, dass im Rah­men des Rech­tes der all­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen gemäß §§ 305 ff. BGB Leis­tung und Ge­gen­leis­tung nicht auf An­ge­mes-

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sen­heit über­prüft wer­den. Das BGB, wel­ches auch im drit­ten Jahr­tau­send im­mer noch die Grund­la­ge für die Be­ur­tei­lung rechts­geschäft­li­chen Han­delns ist, geht zu Recht da­von aus, dass die Ver­trags­part­ner gleich­wer­tig ein­an­der ge­genüber­ste­hen und selbst über den Wert von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung ent­schei­den. Oh­ne nähe­ren ge­setz­li­chen An­halts­punkt darf ein Ge­richt dort nicht ein­grei­fen.

bb
Ge­mes­sen an oben dar­ge­stell­ten Rechts­grundsätzen ist die Er­tei­lung ei­nes gu­ten Zeug­nis­ses (mit der No­te gut) ei­ne sub­stan­ti­ier­te Ge­gen­leis­tung, wel­ches zur Wirk­sam­keit des Kla­ge­ver-zich­tes führt.

bb1)
Oh­ne ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung hätte der Kläger nur ei­nen An­spruch auf ein durch­schnitt­li­ches Zeug­nis mit der Ab­schluss­no­te „zur vol­len Zu­frie­den­heit“ ge­habt. Der Ge­sichts­punkt ei­ner Ge­gen­leis­tung entfällt nicht schon un­ter dem Ge­sichts­punkt des Erfüllens ei­ner oh­ne­dies be­ste­hen­den Ver­bind­lich­keit.

In­so­weit folgt das Be­ru­fungs­ge­richt der klas­sisch tra­di­tio­nel­len Rechts­auf­fas­sung, der zu­fol­ge in ei­nem Zeug­nis­pro­zess der Ar­beit­neh­mer Tat­sa­chen vor­tra­gen muss, die ei­ne von der durch­schnitt­li­chen Be­no­tung „zur vol­len Zu­frie­den­heit“ ab­wei­chen­de gu­te Be­no­tung recht­fer­ti­gen, wo­hin­ge­gen der Ar­beit­ge­ber Tat­sa­chen vor­tra­gen muss, die ei­ne un­ter­durch­schnitt­li­che Be­no­tung be­gründen. Ein Ar­beit­neh­mer wird in ei­nem Zeug­nis­pro­zess nicht schon sei­ner Dar­le­gungs­last ge­recht, wenn er all­ge­mein und un­kon­kret vorträgt, sei­ne Ar­beits­leis­tung sei be-an­stan­dungs­frei ge­we­sen.

Dem­zu­fol­ge lässt sich im vor­lie­gen­den Fall deut­lich fest­stel­len: Bei dem erst- und zwei­tin-stanz­li­chen Sach­vor­tag der Par­tei­en hätte der Kläger le­dig­lich in ei­nem Zeug­nis­pro­zess ein durch­schnitt­li­ches Zeug­nis er­hal­ten können. Sein Sach­vor­trag bzw. sei­ne Be­gründung, wes­we­gen ihm ein Zeug­nis mit ei­ner gu­ten Be­no­tung zu­ste­he, ist zu we­nig kon­kret und pro­zes­su­al un­zu­rei­chend.

bb2)
Stand dem Kläger nur ein durch­schnitt­li­ches Zeug­nis zu, dann enthält die Auf­wer­tung sei­ner Zeug­nis­be­no­tung ein sub­stan­ti­el­les Ent­ge­gen­kom­men, wel­ches da­zu führt, dass der Kla­ge­ver­zicht nicht mehr „oh­ne je­de Ge­gen­leis­tung“ er­folgt ist. Die Auf­wer­tung des Zeug­nis­ses um ei­ne No­ten­stu­fe lässt sich kei­nes­falls als völlig wert­lo­se Ge­gen­leis­tung qua­li­fi­zie­ren, die den of­fen­sicht­lich durch­schau­ba­ren Ver­such ei­ner Um­ge­hung der BAG-Recht­spre­chung dar­stellt. Die­se Auf­wer­tung ist nicht mit ei­ner Ba­ga­tell­ab­fin­dung von bei­spiels­wei­se 10,00 € ver­gleich-

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bar. Un­abhängig von ei­nem ma­te­ri­el­len Wert, der ge­ge­ben ist – bei Be­wer­bun­gen ist ein sol­ches Zeug­nis die „Vi­si­ten­kar­te“ ei­nes Ar­beit­neh­mers – stellt ei­ne gu­te Zeug­nis­be­ur­tei­lung für vie­le Ar­beit­neh­mer ei­ne wich­ti­ge An­er­ken­nung und Wertschätzung ih­rer ge­leis­te­ten Ar­beit dar, was im Übri­gen auch die Pra­xis ei­nes Zeug­nis­pro­zes­ses zeigt. Dort wird er­fah­rungs­gemäß ein ums an­de­re Mal er­bit­tert um die Ab­schluss­no­te ge­strit­ten.

cc)
Der for­mu­larmäßige Kla­ge­ver­zicht und die in die­ser Ver­ein­ba­rung ent­hal­te­ne Ver­pflich­tung der Be­klag­ten, dem Kläger ein Zeug­nis mit der No­te „gut“ zu er­tei­len, ste­hen auch in ei­nem Ge­gen­sei­tig­keits­verhält­nis, was von den Pro­zess­par­tei­en nicht wei­ter pro­ble­ma­ti­siert wor­den ist. In­so­fern liegt der Fall an­ders als die vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG, Ur­teil vom 21.06.2011, Az: 9 AZR 203/10 - NZA 2011, 1338 - 1342) pro­ble­ma­ti­sier­te Fall­kon­stel­la­ti­on der in ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag ent­hal­te­nen Aus­gleichs­klau­sel. Die An­nah­me ei­nes Ge­gen­sei­tig­keits­verhält­nis­ses recht­fer­tigt sich be­reits dar­aus, dass je­de Par­tei im Rah­men ei­ner Ge-samt­ver­ein­ba­rung ei­ne Erklärung ab­gibt bzw. ein Ent­ge­gen­kom­men ge­genüber der an­de­ren Par­tei zeigt, zu der sie iso­liert ge­se­hen nicht ver­pflich­tet ge­we­sen ist. Der Ar­beit­neh­mer muss nicht auf sein Recht, Kündi­gungs­schutz­kla­ge zu er­he­ben, ver­zich­ten und im Ge­gen­zug da­zu braucht der Ar­beit­ge­ber ihm nicht die Er­tei­lung ei­nes gu­ten Zeug­nis­ses zu­zu­si­chern.

Nach al­le­dem ist der Kla­ge­ver­zicht wirk­sam und die Be­ru­fung war zurück­zu­wei­sen.

C.
Der Kläger hat gemäß § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Be­ru­fung zu tra­gen. Gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG war die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­zu­las­sen.


Rechts­mit­tel­be­leh­rung


Ge­gen die­ses Ur­teil fin­det, wie sich aus der Ur­teils­for­mel er­gibt, die Re­vi­si­on statt.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils, die Re­vi­si­ons­be­gründung in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils bei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­hen.

Die An­schrift des Bun­des­ar­beits­ge­richts lau­tet:

Post­fach, 99113 Er­furt
oder
Hu­go-Preuß-Platz 1, 99084 Er­furt.
Te­le­fax-Nr.: (0361) 26 36 – 20 00

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Auf die Möglich­keit der Ein­rei­chung elek­tro­ni­scher Do­ku­men­te beim Bun­des­ar­beits­ge­richt nach § 46 c ArbGG i. V. m. den be­son­de­ren Vor­aus­set­zun­gen nach der Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr beim Bun­des­ar­beits­ge­richt vom 09. März 2006, BGBl. 2006 Teil I Nr. 12, S. 519 f., aus­ge­ge­ben zu Bonn am 15. März 2006, wird hin­ge­wie­sen.

Vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt müssen sich die Par­tei­en durch Pro­zess­be­vollmäch­tig­te ver­tre­ten las­sen. Als Be­vollmäch­tig­te sind außer Rechts­anwälten nur die in § 11 Ab­satz 2 Satz 2 Nr. 4 und 5 ArbGG be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen zu­ge­las­sen. Die­se müssen in Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt durch Per­so­nen mit Befähi­gung zum Rich­ter­amt han­deln.

Die Re­vi­si­ons­schrift, die Re­vi­si­ons­be­gründungs­schrift und die sons­ti­gen wech­sel­sei­ti­gen Schriftsätze im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren sol­len 7-fach – für je­den wei­te­ren Be­tei­lig­ten ein Ex­em­plar mehr – ein­ge­reicht wer­den.

Ku­bi­cki 

Herr Sa­cher 

Herr Pröttel

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