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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Diskriminierung, Ethnische Herkunft
   
Gericht: Arbeitsgericht Stuttgart
Akten­zeichen: 17 Ca 8907/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 15.04.2010
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen:
   

Ar­beits­ge­richt Stutt­gart

Ak­ten­zei­chen: 17 Ca 8907/09

 

Ur­teil vom 15.04.2010

 

1. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

2. Die Kläge­rin hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

3. Der Streit­wert wird auf € 5.000,00 fest­ge­setzt.

 

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um Entschädi­gungs­ansprüche we­gen Be­nach­tei­li­gung.

Die 1961 ge­bo­re­ne Kläge­rin, die be­reits 1988 aus dem Ge­biet der da­ma­li­gen DDR in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land um­sie­del­te und die seit 1991 im Großraum S. für ver­schie­de­ne Un­ter­neh­men als Buch­hal­te­rin tätig wur­de, be­warb sich Mit­te Ju­li 2009 auf ei­ne von der Be­klag­ten aus­ge­schrie­be­ne Buch­hal­te­rin­nen­stel­le. Mit Schrei­ben vom 03.08.2009 reich­te die Be­klag­te, für das In­ter­es­se der Kläge­rin dan­kend, gleich­wohl ihr ab­sa­gend die Be­wer­bungs­un­ter­la­gen und da­bei auch den von der Kläge­rin er­stell­ten Le­bens­lauf zurück. Auf Letz­te­rem hat­te ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Be­klag­ten den Ver­merk „Os­si“ mit ei­nem da­ne­ben ein­ge­kreis­ten Mi­nus­zei­chen an­ge­bracht und im Übri­gen zu Tätig­keits­zei­ten der Kläge­rin vor 1988 an 2 Stel­len „DDR“ ver­merkt.

Die Kläge­rin ist der Auf­fas­sung, durch die­se an­ge­brach­ten Ver­mer­ke wer­de do­ku­men­tiert, dass ih­re Be­wer­bung nur we­gen ih­rer Her­kunft er­folg­los ge­blie­ben sei. Die­se Her­kunft sei im Sin­ne des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ei­ne eth­ni­sche Her­kunft, wes­halb ih­re Be­nach­tei­li­gung gemäß § 15 AGG nicht entschädi­gungs­los blei­ben könne, zu­mal die an­ge­brach­ten Ver­mer­ke sie persönlich sehr be­trof­fen hätten.

Die Kläge­rin be­an­tragt:

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin ei­ne Entschädi­gung nebst Ver­zugs­zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit Rechtshängig­keit zu be­zah­len. Die Höhe der Entschädi­gung wird in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt, soll­te aber € 5.000,00 brut­to nicht un­ter­schrei­ten.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie ist der Auf­fas­sung, die Be­zeich­nung „Os­si“ sei nicht dis­kri­mi­nie­rend und ih­re Ab­leh­nungs­ent­schei­dung sei nicht auf die Her­kunft der Kläge­rin, son­dern auf be­ruf­li­che, qua­li­ta­ti­ve Be­den­ken gestützt. Der Be­griff des Ge­set­zes ste­he im Übri­gen im Zu­sam­men­hang mit dem Ver­bot der Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung, wes­halb die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 1, 15 AGG nicht erfüllt sei­en.
We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens wird auf die Schriftsätze der Par­tei­en nebst An­la­gen, ins­be­son­de­re wird auf ABl. 11 (Le­bens­lauf der Kläge­rin) Be­zug ge­nom­men. Auf die Pro­to­kol­le vom 13.10.2009 und 15.04.2010 wird ver­wie­sen.

 

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Kla­ge ist un­be­gründet, da ein Be­nach­tei­li­gungs­fall gemäß § 1 AGG nicht ge­ge-ben ist.

1. Nach § 1 AGG soll ei­ne Be­nach­tei­li­gung u.a. „aus Gründen der Ras­se oder we­gen der eth­ni­schen Her­kunft“ ver­hin­dert oder be­sei­tigt wer­den. Über die­se Vor­aus­set­zung wie auch de­ren Entschädi­gungs­fol­ge gemäß § 15 Abs. 2 AGG strei­ten die Par­tei­en, wo­bei der Tat­be­stand da­von ge­prägt ist, dass der der Kläge­rin zurück­ge­reich­te Le­bens­lauf die Ver­mer­ke „(-) Os­si“ und an 2 Stel­len „DDR“, auf­ge­bracht von ei­ner Mit­ar­bei­te­rin der Be­klag­ten, enthält.

a) Mit der Li­te­ra­tur ist grundsätz­lich da­von aus­zu­ge­hen, dass der Be­griff eth­ni­sche Her­kunft weit aus­zu­le­gen ist (vgl. z.B. Bau­er u.a., AGG, 2. Aufl., § 1 Rd­Nr. 18; Däubler u.a., AGG, 2. Aufl., § 1 Rd­Nr. 27). Bei der Aus­le­gung kann der Be­griff von der Dis­kus­si­on um die Men­schen­rech­te nach 1945 nicht los­gelöst wer­den. Die­se Dis­kus­si­on mag für ei­ne großzügi­ge In­ter­pre­ta­ti­on des Be­grif­fes dien­lich sein. Sie ist ge­prägt u.a. durch Art. 1 und Art. 55 der Char­ta der Ver­ein­ten Na­tio­nen vom 26.06.1945, wo­nach „Pro­ble­me wirt­schaft­li­cher, so­zia­ler, kul­tu­rel­ler und hu­ma­nitärer Art un­ter Ach­tung vor den Men­schen­rech­ten … oh­ne Un­ter­schied der Ras­se, des Ge­schlechts, der Spra­che oder der Re­li­gi­on“ gelöst wer­den sol­len. Die all­ge­mei­ne Erklärung der Men­schen­rech­te vom 10.12.1948 schließt „ir­gend­ei­ne Un­ter­schei­dung wie et­wa nach Ras­se, Far­be, Ge­schlecht, Spra­che, Re­li­gi­on, po­li­ti­scher oder sons­ti­ger Über­zeu­gung, na­tio­na­ler oder so­zia­ler Her­kunft, nach Ei­gen­tum, Ge­burt oder sons­ti­gen Umständen“ aus. In ähn-li­chem Sin­ne re­gelt Art. 14 der Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 04.11.1950 (EM­RK) den Aus­schluss un­ter­schied­li­cher Be­hand­lung we­gen u.a. „… der na­tio­na­len oder so­zia­len Her­kunft, Zu­gehörig­keit zu ei­ner na-tio­na­len Min­der­heit, des Vermögens, der Ge­burt oder des sons­ti­gen Sta­tus …“. Erst-mals in der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on vom 07.12.2000 und so-dann im Ver­trag zur Gründung der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft in sei­ner Fas­sung vom 16.04.2003 wer­den Be­nach­tei­li­gun­gen „aus Gründen der eth­ni­schen Her­kunft“ ta­bui­siert.

Aus die­sem völker­recht­li­chen Kon­text wird deut­lich, dass der Be­griff der eth­ni­schen Her­kunft auf der ma­ni­fes­tier­ba­ren Un­ter­schied­lich­keit der Men­schen gründet. Da­her be­darf die­ser Be­griff ei­ner wei­te­ren Er­hel­lung.
 

b) Wenn die­ser Be­griff auf das grie­chi­sche Wort „eth­nos“ ba­siert und des­sen Über­tra­gung in die deut­sche Spra­che „Volk“ oder „Volks­zu­gehörig­keit“ be­deu­tet, wird deut­lich, dass die eth­ni­sche Her­kunft im Sin­ne von § 1 AGG mehr als nur die Her­kunft aus ei­nem Ort, ei­nem Land­strich, ei­nem Land oder ei­nem ge­mein­sa­men Ter­ri­to­ri­um be­inhal­tet. Der Be­griff der Eth­nie kann nur mit Sinn erfüllt wer­den, wenn er die ge­mein­sa­me Ge­schich­te und Kul­tur, die Ver­bin­dung zu ei­nem be­stimm­ten Ter­ri­to­ri­um und ein Gefühl der so­li­da­ri­schen Ge­mein­sam­keit für ei­ne be­stimm­ba­re Po­pu­la­ti­on von Men­schen dar­stell­bar macht. Da­zu mögen ei­ne ge­mein­sa­me Spra­che, tra­di­ier­te Ge­wohn­hei­ten und Ähn­li­ches gehören.

c) Die dem Rechts­streit zu­grun­de lie­gen­de Be­zeich­nung „Os­si“ mag dem Ele­ment ei­nes „Ter­ri­to­ri­ums“ im Be­griff der Eth­nie ent­spre­chen (die ehe­ma­li­ge DDR/die Neu­en Bun-desländer). Ei­ne ge­mein­sa­me Spra­che prägt ihn je­doch nicht, da in den ost­deut­schen Ländern Dia­lek­te von säch­sisch bis platt­deutsch ge­spro­chen wer­den, wo­bei un­ter­schied­li­che Dia­lek­te oh­ne­hin nicht ei­ner ge­mein­sa­men Spra­che ent­ge­gen­ste­hen. Auch die Ge­schich­te der nach 1989 ent­stan­de­nen Be­zeich­nung „Os­si“ ist viel zu jung, um seit­her ei­ne ab­grenz­ba­re Po­pu­la­ti­on be­schrei­ben zu können. Dass die da­ma­li­ge DDR und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ge­sell­schafts­po­li­tisch un­ter­schied­li­che Ent­wick­lun­gen bis 1989 auf­zei­gen, lässt die (ehe­ma­li­gen) Bürger der bei­den staat­li­chen Räume nicht als ab­grenz­ba­re Eth­ni­en von je­weils ei­ge­ner Art be­schrei­ben, denn die ge­mein­sa­me Ge­schich­te seit Ab­schaf­fung der Klein­staa­te­rei, die ge­mein­sa­me Kul­tur der letz­ten 250 Jah­re, die von Dia­lekt­un­ter­schie­den ab­ge­se­he­ne ge­mein­sa­me Spra­che ma­chen deut­lich, dass im 21. Jahr­hun­dert re­gio­na­le Un­ter­schei­dungsmöglich­kei­ten we­der Schwa­ben noch Bay­ern noch „Wes­sis“ noch in Ost­deutsch­land Ge-bo­re­ne zu je­weils von­ein­an­der ab­grenz­ba­ren Eth­ni­en wer­den las­sen.

d) § 75 Be­trVG steht nicht in Wi­der­spruch zu § 1 AGG: Zwar ge­bie­tet der an Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ge­rich­te­te Auf­trag, je­de Be­nach­tei­li­gung von Ar­beit­neh­mern u.a. we-gen ih­rer eth­ni­schen Her­kunft oder „ih­rer Ab­stam­mung oder sons­ti­gen Her­kunft“ zu un­ter­las­sen. Die­ses wei­ter­ge­hen­de Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot, das kei­ne in­di­vi­du­al­recht­li­chen Scha­den­er­satz- oder Entschädi­gungs­ansprüche nor­miert, hat auf der Ebe­ne des Be­trie­bes an­de­re Auf­ga­ben, als das sank­ti­ons­be­wehr­te Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des § 1 AGG. Auf Be­triebs­ebe­ne soll dafür ge­sorgt wer­den, dass lands­mann­schaft­li­che Dif­fe­ren­zie­run­gen aus­ge­schlos­sen sind.


2. Die Be­zeich­nung „Os­si“ kann (was die Be­klag­te in Ab­re­de stellt) dis­kri­mi­nie­rend, weil mit ei­nem Wert­ur­teil be­legt, ge­meint, sie kann dis­kri­mi­nie­rend (so der Vor­trag der Kläge­rin) zu ver­ste­hen sein. Da nach § 1 AGG in­des­sen nicht je­de denk­ba­re Be­nach­tei­li­gung be­sei­tigt oder ver­hin­dert wer­den soll und vor al­lem da die Be­zeich­nung nicht dem Tat­be­stands­merk­mal „eth­ni­sche Her­kunft“ zu­ge­ord­net wer­den kann, er­weist sich die auf § 15 Abs. 2 AGG gestütz­te Kla­ge als un­be­gründet. Sie ist ab­zu­wei­sen.

Da die Kläge­rin un­ter­le­gen ist, hat sie die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen. Der Streit­wert­fest­set­zung lie­gen die §§ 61 ArbGG, 3 ZPO und da­bei das im Klag­an­trag zum Aus-druck ge­brach­te In­ter­es­se der Kläge­rin zu­grun­de.
Ei­ner ge­son­der­ten Ent­schei­dung über die Zulässig­keit der von Ge­set­zes we­gen zulässi­gen Be­ru­fung (§ 64 Abs. 2a ArbGG) be­darf es nicht.

 


 

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