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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Gewerkschaft, Gewerkschaft: Mitgliederwerbung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Akten­zeichen: 2 Sa 24/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 08.09.2010
   
Leit­sätze:

Ein be­trieb­li­ches Zu­gangs­recht der Ge­werk­schaf­ten zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung in ei­nen kirch­li­chen Be­trieb ist in der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 je­den­falls dann ver­neint wor­den, wenn die Ge­werk­schaft im kirch­li­chen Be­trieb be­reits durch Mit­glie­der ver­tre­ten ist.

Die­ser Be­schluss ent­fal­tet im kirch­li­chen Be­reich auch nach Auf­ga­be der Kern­be­reichs­leh­re zu Art. 9 Abs. 3 GG im Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 14.11.1995 wei­ter­hin Bin­dungs­wir­kung gemäß § 31 Abs. 1 BVerfGG.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Heilbronn, Urteil vom 4.03.2010, 7 Ca 693/09
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ba­den-Würt­tem­berg

 

Verkündet

am 08.09.2010

Ak­ten­zei­chen (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben)

2 Sa 24/10

7 Ca 693/09 (ArbG Heil­bronn - Kn. Crails-heim)

Hag­dorn
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

 

Ur­teil

In dem Rechts­streit

- Kläge­rin/Be­ru­fungskläge­rin -

Proz.-Bev.:

ge­gen

- Be­klag­te/Be­ru­fungs­be­klag­te-

Proz.-Bev.:

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 2. Kam­mer -
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Hen­sin­ger,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Bohn
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Fi­scher
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 04.08.2010

für Recht er­kannt:

1. Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar-beits­ge­richts Heil­bronn - Kam­mern Crails­heim - vom 04.03.2010 (Az.: 7 Ca 693/09) wird auf de­ren Kos­ten zu-rück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob die be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin in ih­rem kirch­li­chen Be­trieb den Zu­tritt be­triebs­frem­der Be­auf­trag­ter der kla­gen­den Ge­werk­schaft zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung dul­den muss.

Die Kläge­rin ist ei­ne im Be­trieb der Be­klag­ten ver­tre­te­ne Ein­zel­ge­werk­schaft. Die Be­klag­te be­treibt das Dia­ko­nie-Kli­ni­kum mit den Kli­nik­stand­or­ten S. H. und G. In die­sen Stand­or­ten wer­den der­zeit ca. 1.300 Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­neh­me­rin­nen beschäftigt. Das Kran­ken­haus-Haupt­gebäude, D. Straße in S. H. hat die Be­klag­te vom Evan­ge­li­schen Dia­ko­nie­werk S. H. e.V. ge­mie­tet. Mit Ab­schluss des Miet­ver­tra­ges und der Ge­brauchsüber­las­sung an die Be­klag­te ist das Haus­recht in die­sem Gebäude auf die Be­klag­te über­ge­gan­gen. Der Evan­ge­li­sche Dia­ko­nie­werk S. H. e.V. ist gemäß sei­ner Sat­zung vom 29.03.2007 (Bl. 53 - 62 d. zweit­in­stanz­li­chen Ak­te) Mit­glied im Dia­ko­ni­schen Werk der Evan­ge­li­schen Kir­che in W. e.V. Laut sei­ner Sat­zung ver­steht er Dia­ko­nie als ge­leb­ten Glau­ben der christ­li­chen Ge­mein­de und Ant­wort auf die Verkündi­gung des Evan­ge­li­ums. Das Evan­ge­li­sche Dia­ko­nie­werk ist u.a. an ge­meinnützi­gen Ka­pi­tal­ge­sell­schaf­ten be­tei­ligt, u.a. an der Ge­sund­heits­hol­ding S. H. gGmbH, zu der auch die Be­klag­te gehört. Das Evan­ge­li­sche Dia­ko­nie­werk be­tont in sei­ner Sat­zung sei­ne Ver­bun­den­heit mit Kir­che und Dia­ko­nie (§ 4). Gem. § 9 der Sat­zung be­steht der Vor­stand aus min­des­tens 3 Mit­glie­dern: der Vor­sit­zen­den/dem Vor­sit­zen­den des Vor­stands, der Obe­rin und dem kaufmänni­schen Vor­stand. Die Vor­stands­vor­sit­zen­de/der Vor­stands­vor­sit­zen­de muss Mit­glied der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che und soll or­di­nier­te Theo­lo­gin/or­di­nier­ter Theo­lo­ge sein. Ih­re/sei­ne Wahl durch die Mit­glie­der­ver­samm­lung er­folgt nach Fühlung­nah­me mit dem Evan­ge­li­schen Ober­kir­chen­rat der W. Lan­des­kir­che und dem Dia­ko­ni­schen Werk der Evan­ge­li­schen Kir­che in W.. Die Obe­rin muss Mit­glied der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che sein.

Im Dia­ko­nie-Kli­ni­kum ar­bei­ten auch zahl­rei­che Mit­glie­der der Ge­mein­schaft der H. Schwes­tern und Brüder, die die Be­klag­te auf bis zu 10 % al­ler Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter schätzt. Nach den ver­laut­bar­ten Zie­len der Be­klag­ten bil­den die Mit­glie­der der Ge­mein­schaft der H. Schwes­tern und Brüder und al­le Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter im Dia­ko­nie-Kli­ni­kum ei­ne Dienst­ge­mein­schaft. Bei der Be­klag­ten ist ei­ne Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung gemäß dem Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tungs­ge­setz (EKD) ge­bil­det. Ein Be­triebs­rat ist nicht vor­han­den. Die Be­klag­te ver­steht sich als kirch­li­che Ein­rich­tung, in der ein spe­zi­fisch kir­chen­ei­ge­ner, so­ge­nann­ter Drit­ter Weg ge­gan­gen wird, wo­nach die Fest­le­gung der Ar­beits­be­din­gun­gen (z. B.

 

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AVR) durch ei­ne pa­ritätisch von Mit­ar­bei­ter­sei­te und Kir­chen­lei­tung be­setz­te Kom­mis­si­on er­folgt.

Die Kläge­rin möch­te im Haupt­haus des Dia­ko­nie-Kli­ni­kums an ge­eig­ne­ter Stel­le über ei­ne ei­ge­ne An­schlag­ta­fel oder über ei­nen fes­ten Platz an ei­ner vor­han­de­nen An­schlag­ta­fel verfügen und dort durch be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al an­brin­gen las­sen können. Sie ist der Auf­fas­sung, dass sich die mit der Kla­ge gel­tend ge­mach­ten Ansprüche aus Art. 9 Abs. 3 GG er­ge­ben. Zum Recht auf ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung gehörten u. a. die Selbst­dar­stel­lung und Mit­glie­der­wer­bung durch die Ko­ali­ti­on und ih­re Mit­glie­der. Der Schutz des Art. 9 Abs. 3 GG be­schränke sich nicht auf die­je­ni­gen Tätig­kei­ten, die für die Er­hal­tung und Si­che­rung des Be­stan­des der Ko­ali­ti­on un­erläss­lich sei­en. Zwar neh­me die Be­klag­te als Ein­rich­tung der Dia­ko­nie an dem Selbst­be­stim­mungs­recht teil, das Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV) den Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten gewähre. Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten be­ste­he gem. Art. 137 Abs. 3 WRV al­ler­dings „in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes“. Bei dem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG han­de­le es sich um ein „für al­le gel­ten­des Ge­setz“ in die­sem Sin­ne. Zwar ge­rie­ten das Grund­recht der Ko­ali­ti­ons­frei­heit und das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten in Kon­flikt, wenn - wie vor­lie­gend - ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung ih­ren Ar­beit­neh­mern oder de­ren Ge­werk­schaft das Recht auf ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung ver­weh­re. Bei ei­ner sol­chen Kol­li­si­on zwi­schen Grund­rech­ten auf der ei­nen und dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht auf der an­de­ren Sei­te müsse im We­ge der Abwägung ei­ne Lösung im Sin­ne prak­ti­scher Kon­kor­danz ge­fun­den wer­den. Zu­tref­fend ge­he das Bun­des­ar­beits­ge­richt des­halb in sei­nem Ur­teil vom 28.02.2006 zur ge­werk­schaft­li­chen Mit­glie­der­wer­bung in säku­la­ren Be­trie­ben da­von aus, dass die Ge­rich­te ko­or­di­nie­ren­de Re­ge­lun­gen ent­wi­ckeln müssen, die gewähr­leis­ten, dass die auf­ein­an­der be­zo­ge­nen Grund­rechts­po­si­tio­nen trotz ih­res Ge­gen­sat­zes ne­ben­ein­an­der be­ste­hen können. Wäge man die ent­ge­gen­ste­hen­den Po­si­tio­nen - die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Kläge­rin und das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht der Be­klag­ten - ge­gen­ein­an­der ab, so dränge sich ein Über­ge­wicht der Be­lan­ge der Kläge­rin auf. Kirch­li­che Be­lan­ge würden durch die Ansprüche der Kläge­rin nicht - je­den-falls aber nicht nach­hal­tig - be­ein­träch­tigt. An­de­rer­seits würde die Kläge­rin in ih­rer ko­ali­ti­onsmäßigen Betäti­gung er­heb­lich be­hin­dert, wäre es ihr ver­wehrt, im Be­trieb der Be­klag­ten durch be­triebs­frem­de Be­auf­trag­te das im An­trag be­zeich­ne­te In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al auf ei­ner An­schlag­ta­fel an­brin­gen zu können.

Der Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 17.02.1981 (2 BvR 384/78) ent­fal­te kei­ne Bin­dungs­wir­kung mehr. Die Bin­dungs­wir­kung sei er­lo­schen, weil das Bun­des­ver­fas-sungs­ge­richt in sei­nem Be­schluss vom 14.11.1995 (1 BvR 601/92) ein tra­gen­des Ele­ment

 

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sei­ner da­ma­li­gen Be­gründung als un­zu­tref­fend er­kannt ha­be. Der Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 17.02.1981 be­ru­he auf dem tra­gen­den Grund­satz der so­ge­nann­ten Kern­be­reichs­theo­rie. Nach die­ser Theo­rie sei die ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung der Ge­werk­schaf­ten durch Art. 9 Abs. 3 GG nur in den Gren­zen des Un­erläss­li­chen gewähr­leis­tet wor­den. Die­se Kern­be­reichs­theo­rie ha­be das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Be­schluss vom 14.11.1995 auf­ge­ge­ben. Da­mit sei ein tra­gen­der Grund für die Ent­schei­dung vom 17.02.1981 ent­fal­len. Die durch Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­te ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung der Ge­werk­schaf­ten sei nicht auf das Un­erläss­li­che be­schränkt. Fol­ge­rich­tig ha­be sich auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 28.02.2006 nicht mehr an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes aus dem Jah­re 1981 als ge­bun­den er­ach­tet.

Die Be­klag­te ist der Auf­fas­sung, dass ein Zu­tritts­recht, wie im vor­lie­gen­den Fall, schon auf­grund des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 schei­te­re. In die­ser Ent­schei­dung sei bin­dend fest­ge­stellt wor­den, dass kein für al­le gel­ten­des Ge­setz im Sin­ne von Art. 137 Abs. 3 WRV exis­tie­re, das be­triebs­frem­den Ge­werk­schafts­an­gehöri­gen ein Zu­tritts­recht zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen einräume. In sei­nem Be­schluss vom 14.11.1995 ha­be das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur klar­ge­stellt, dass der Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG nicht von vorn­her­ein nur auf ei­nen Kern­be­reich der Ko­ali­ti­ons­betäti­gung be­schränkt sei. Zur Fra­ge, ob Art. 9 Abs. 3 GG zwin­gend ge­bie­te, auch oh­ne ein­fach­ge­setz­li­che Grund­la­ge ein ge­werk­schaft­li­ches Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­gehöri­ger zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen an­zu­neh­men, sei kei­ne Aus­sa­ge ge­trof­fen wor­den.

Die Be­klag­te ist wei­ter der Mei­nung, dass der Kläge­rin in kirch­li­chen Be­trie­ben kein Zu­tritts­recht zu­ste­he. Zum ei­nen bedürfe ein Zu­gangs­an­spruch be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­be­auf­trag­ter zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen ei­nes for­mel­len Ge­set­zes. Im Übri­gen führe ei­ne Güter­abwägung im vor­lie­gen­den Fall da­zu, dass dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht der Vor­rang ge­genüber dem Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­gehöri­ger ein­zuräum­en sei. Dies wer­de be­reits aus dem Wort­laut des Art. 137 Abs. 3 WRV deut­lich, wo­nach das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten „in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes“ gel­te. Hier­an wer­de deut­lich, dass tra­gen­de Recht­s­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung auf dem Spiel ste­hen müssen, um die Gren­ze des Selbst­be­stim­mungs­rech­tes der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten zu er­rei­chen. Nur drin­gen­de Gründe des Ge­mein­wohls oder ein Ver­s­toß ge­gen das Willkürver­bot könn­ten des­halb ei­nen Ein­griff in das kirch­li­che Selbst-be­stim­mungs­recht recht­fer­ti­gen. Ein Aus­hang am Schwar­zen Brett der Be­klag­ten durch be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te ge­gen den Wil­len der Be­klag­ten würde ei­ne Ver­let­zung des aus Art. 137 Abs. 3 WRV ab­ge­lei­te­ten Rechts auf kirch­li­che Selbst­be­stim­mung dar­stel­len.

 

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Das Ar­beits­ge­richt hat mit Ur­teil vom 04.03.2010 die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil führt aus, dass der Kläge­rin ein Zu­tritts­recht zum Be­trieb der Be­klag­ten nicht zu­ste­he. Zum ei­nen sieht sich das an­ge­foch­te­ne Ur­teil an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 gemäß § 31 BVerfGG ge­bun­den. Zum an­de­ren ste­he der Kläge­rin ein An­spruch auf Dul­dung des Zu­tritts zum Be­trieb der Be­klag­ten aus Art. 9 Abs. 3 GG nicht zu. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten wird auf die Gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ver­wie­sen.

Ge­gen das der Kläge­rin am 18.03.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil rich­tet sich die am 06.04.2010 ein-ge­leg­te und am 23.04.2010 aus­geführ­te Be­ru­fung der Kläge­rin. Die Kläge­rin ver­tieft das erst­in­stanz­li­che Vor­brin­gen und be­an­tragt zu­letzt:

Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil auf­zu­he­ben und die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len,

1. der Kläge­rin ei­ne An­schlag­ta­fel (Schwar­zes Brett) im Flur­be­reich, der den Spei­se­saal u. a. mit den Per­so­nalaufzügen ver­bin­det, des Haupt­hau­ses, D. Straße , zur Verfügung zu stel­len,

hilfs­wei­se

zu dul­den, dass die Kläge­rin dort ein ei­ge­nes Schwar­zes Brett auf­stellt,

2. zu dul­den, dass die Kläge­rin an dem von ihr auf­ge­stell­ten oder dem ihr zur Verfügung ge­stell­ten Schwar­zen Brett durch je­weils ei­ne/ei­nen be­triebs­frem­de(n) Be­auf­trag­te(n), die/der der Be­klag­ten zu­vor na­ment­lich be­nannt wur­de, zu ver­ein­bar­ten Zei­ten - höchs­tens aber zwei Mal pro Wo­che - In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al über ih­re Or­ga­ni­sa­ti­on und/oder Betä-ti­gung an­bringt oder ent­fernt,

hilfs­wei­se,

zu dul­den, dass die Kläge­rin die­ses In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al durch je­weils ei­ne/ei­nen be­triebs­frem­de(n) Be­auf­trag­te(n),

 

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die/der der Be­klag­ten zu­vor na­ment­lich be­nannt wur­de, zu ver­ein­bar­ten Zei­ten - höchs­tens aber zwei Mal pro Wo­che - am be­ste­hen­den Schwar­zen Brett auf ei­ner Fläche von min-des­tens vier DIN-A-Sei­ten an­bringt oder ent­fernt.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil und ver­tieft ihr erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen.


Ent­schei­dungs­gründe

I.

Die gemäß § 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Kläge­rin ist frist­ge­recht ein­ge­legt und aus­geführt wor­den. Im Übri­gen sind Be­den­ken an der Zulässig­keit der Be­ru­fung nicht ver­an­lasst.

II.

In der Sa­che hat die Be­ru­fung der Kläge­rin kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat die zulässi­ge Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen. Der Kläge­rin steht im kirch­li­chen Be­trieb der Be­klag­ten ein Zu­tritts­recht zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung nicht zu. Die er­ken­nen­de Kam­mer sieht sich an den Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 17.02.1981 ge­bun­den. In die­ser Ent­schei­dung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die An­sicht ver­tre­ten, dass dem Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­be­auf­trag­ter in ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung ei­ne Rechts­grund­la­ge feh­le und je­den­falls dann ge­gen das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht ver­s­toße, wenn die Ge­werk­schaft in die­ser Ein­rich­tung be­reits durch Mit­glie­der ver­tre­ten ist.

1. Die zulässi­ge, ins­be­son­de­re in Sin­ne des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO hin­rei­chend be­stimm­te Kla­ge ist nicht be­gründet. Die er­ken­nen­de Kam­mer sieht sich gemäß § 31 Abs. 1 BVerfGG an den Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 17.02.1981 ge­bun-den.

 

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1.1 Gemäß § 31 Abs. 1 BVerfGG bin­den die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs-ge­richts die Ver­fas­sungs­or­ga­ne des Bun­des und der Länder so­wie al­le Ge­rich­te und Behörden. Nach ganz über­wie­gen­der Auf­fas­sung sind die sich aus dem Te­nor und den tra­gen­den Gründen der Ent­schei­dung er­ge­ben­den Grundsätze für die Aus­le­gung der Ver­fas­sung von den Ge­rich­ten und Behörden in al­len künf­ti­gen Fällen zu be­ach­ten (BVerfG 20.01.1966 - 1 BvR 140/62 - AP Nr. 3 zu § 90 BVerfGG, Rn. 40; BAG 28.02.2006 - 1 AZR 460/04 - AP Nr. 127 zu Art. 9 GG; Maunz/Schmidt-Bleib­treu/Klein/Be­th­ge, BVerfGG, § 31 Rn. 96). Tra­gend für ei­ne Ent­schei­dung sind die­je­ni­gen Tei­le der Ent­schei­dungs­be­gründung, die aus der De­duk­ti­on des Ge­richts nicht hin­weg­zu­den­ken sind, oh­ne dass sich das im Te­nor for­mu­lier­te Er­geb­nis ändert (BAG 19.01.1982 - 1 AZR 279/81 - AP Nr. 10 zu Art. 140 GG, Ju­ris Rn. 38). Nicht tra­gend sind da­ge­gen bei Ge­le­gen­heit der Ent­schei­dung ge­mach­te Rechts­ausführun­gen, die außer­halb des Be­gründungs­zu­sam­men­hangs ste­hen. Bei der Be­ur­tei­lung, ob ein tra­gen­der Grund vor­liegt, ist von der nie­der­ge­leg­ten Be­gründung in ih­rem ob­jek­ti­ven Ge­halt aus­zu­ge­hen (BVerfG 18.01.2006 - 2 BvR 2194/99 - BVerfGE 115, 97, Ju­ris Rn. 31).

1.2 Im Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 (2 BvR 384/78 - AP Nr. 9 zu Art. 140 GG) hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt das Ur­teil des Bun­de­sar-beits­ge­richts vom 14.02.1978 auf­ge­ho­ben, weil es das ver­fas­sungsmäßige Recht der Be­schwer­deführe­rin, ei­ner kirch­li­chen Ein­rich­tung, aus Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 WRV ver­let­ze. In dem die­sem Be­schluss zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­halt ging es eben­falls um die Fra­ge, ob Ge­werk­schaf­ten das Recht zu­steht, in ka­ri­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen der Kir­chen durch Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te, die in den be­tref­fen­den Ein­rich­tun­gen selbst nicht beschäftigt sind, zu in­for­mie­ren, zu wer­ben und Mit­glie­der zu be­treu­en. In sei­ner Be­gründung (Gründe C II. 4., Ju­ris Rn. 62 ff.) führt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus, dass ein Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­gehöri­ger in ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung nur dann be­jaht wer­den könn­te, wenn das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht durch ein „für al­le gel­ten­des Ge­setz“ im Sin­ne von Art. 137 Abs. 3 WRV ei­ne ver­fas­sungs­recht­lich zulässi­ge Ein­schränkung er­fah­ren hätte. An ei­ner sol­chen ge­setz­li­chen Re­ge­lung feh­le es. Aus Art. 9 Abs. 3 GG las­se sich ein sol­ches Recht auch nicht durch Aus­le­gung ab­lei­ten. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­he in ständi­ger Recht­spre­chung da­von aus, das Art. 9 Abs. 3 GG die Ko­ali­ti­ons­frei­heit und da­mit auch das Betäti­gungs­recht der Ko­ali­tio­nen nur in ei­nem Kern­be­reich schütze. Art. 9 Abs. 3 GG verbürge ver­fas­sungs­kräftig ge­werk­schaft­li­che Betäti­gung je­den­falls nur in­so­weit, als die­se für

 

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die Er­hal­tung und Si­che­rung der Exis­tenz der Ko­ali­ti­on als un­erläss­lich be­trach­tet wer­den müsse. Dass oh­ne be­rufs­ver­band­li­ches Zu­tritts­recht für be­triebs­ex­ter­ne Ge­werk­schafts­an­gehöri­ge die Er­hal­tung und Si­che­rung der Ko­ali­ti­on gefähr­det wäre, das Zu­tritts­recht des­halb als un­erläss­lich be­trach­tet wer­den müss­te und so­mit durch Art. 9 Abs. 3 GG pos­tu­liert wäre, sei je­den­falls dort, wo die Ge­werk­schaft be­reits in Be­trie­ben und An­stal­ten durch Mit­glie­der ver­tre­ten ist, mit Si­cher­heit aus­zu­sch­ließen. We­der Art. 9 Abs. 3 GG noch die in sei­nem Um­feld ge­wach­se­nen Rechts­grundsätze und wis­sen­schaft­li­chen Mei­nun­gen, erst recht nicht das streng dua­lis­ti­sche Sys­tem des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes böten hin­rei­chen­de An­satz­punk­te, die es er­lau­ben würden, die Gren­zen der rich­ter­li­chen Ge­set­zes­bin­dung auf die­sem kon­flikt­sträch­ti­gem Ge­biet so weit zu zie­hen und hier die „Sa­che des Ge­setz­ge­bers“, nämlich „die Trag­wei­te der Ko­ali­ti­ons­frei­heit zu be­stim­men und Be­fug­nis­se der Ko­ali­tio­nen aus­zu­ge­stal­ten und näher zu re­geln“, dem Rich­ter zu über-bürden.

1.3 Im Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 14.11.1995 (1 BvR 601/92, AP Nr. 80 zu Art. 9 GG) hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die in jah­re­lan­ger Recht-spre­chung zu Art. 9 Abs. 3 GG von bei­den Se­na­ten (vgl. BVerfG 14.11.1995, aaO, Ju­ris Rn. 21) ver­tre­te­ne Kern­be­reichs­leh­re (je nach Stand­punkt) klar­ge­stellt, mo­di-fi­ziert oder auf­ge­ge­ben. Auch in nach­fol­gen­den Ent­schei­dun­gen des 1. Se­na­tes des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes ist im­mer be­tont wor­den, dass der Schutz des Grund­rech­tes in Art. 9 Abs. 3 GG nicht auf ei­nen Kern­be­reich re­du­ziert wer­den könne (z. B. BVerfG 24.04.1996 - 1 BvR 712/86 - Rn. 101; BVerfG 24.02.1999 - 1 BvR 123/93 - Rn. 27; BVerfG 27.04.1999 - 1 BvR 2203/93, 1 BvR 897/95 - Ju­ris Rn. 49).

Dem Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 14.11.1995 lag ei­ne Ver­fas-sungs­be­schwer­de ei­nes Ar­beit­neh­mers zu­grun­de, der von sei­nem Ar­beit­ge­ber ei­ne Ab­mah­nung er­hal­ten hat­te, weil er während der Ar­beits­zeit für sei­ne Ge­werk­schaft ge­wor­ben hat­te. In die­ser Ent­schei­dung führt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus (Gründe B. I. 3., Ju­ris Rn. 20 ff.), dass die Mit­glie­der­wer­bung durch die Ko­ali­tio­nen nicht nur in dem Maße grund­recht­lich geschützt sei, in dem sie für die Er­hal­tung und Si­che­rung des Be­stan­des der Ge­werk­schaft un­erläss­lich sei. Der Grund­rechts­schutz er­stre­cke sich viel­mehr auf al­le Ver­hal­tens­wei­sen, die ko­ali­ti­ons­spe­zi­fisch sei­en. Ob ei­ne ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Betäti­gung für die Wahr­neh­mung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit un­erläss­lich sei, könne dem­ge­genüber erst bei Ein­schränkun­gen die­ser Frei­heit Be­deu­tung er­lan­gen. In­so­weit gel­te für Art. 9 Abs. 3 GG nichts an­de­res als

 

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für die übri­gen Grund­rech­te. Al­ler­dings könn­ten For­mu­lie­run­gen in frühe­ren Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes den Ein­druck er­we­cken, als schütze Art. 9 Abs. 3 GG je­den­falls die ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung von vorn­her­ein nur in ei­nem in­halt­lich eng be­grenz­ten Um­fang. Aus­gangs­punkt der Kern­be­reichs­for­mel sei je­doch die Über­zeu­gung, dass das Grund­ge­setz die Betäti­gungs­frei­heit der Ko­ali­ti­on nicht schran­ken­los gewähr­leis­te, son­dern ei­ne Aus­ge­stal­tung durch den Ge­setz­ge­ber zu­las­se. Mit der Kern­be­reichs­for­mel um­schrei­be das Ge­richt die Gren­ze, die da­bei zu be­ach­ten sei. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ha­be aber da­mit den Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG nicht von vorn­her­ein auf den Be­reich des Un­erläss­li­chen be­schränken wol­len. Der Se­nat sei auch nicht von der frühe­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes ab­gerückt. Glei­ches gel­te für die Ent­schei­dung vom 14.11.1995. Es wer­de dar­in nur ei­ne Klar­stel­lung vor­ge­nom­men, die we­gen der - nicht fern­lie­gen­den - Miss­verständ­nis­se, zu de­nen die frühe­ren Ent­schei­dung geführt hätten, ver­an­lasst wäre.

1.4 Die Bin­dungs­wir­kung des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 entfällt nicht da­durch, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.11.1995 und auch da­nach die Kern­be­reichs­for­mel zur Be­stim­mung der kol­lek­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit auf­ge­ge­ben hat.

Zunächst ist fest­zu­hal­ten, dass das von der Be­klag­ten be­trie­be­ne Dia­ko­nie-Kli­ni­kum ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung ist und der Be­klag­ten des­halb das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht gem. Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV zu­steht. Gem. Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV sind nicht nur die or­ga­ni­sier­te Kir­che und de­ren recht­lich selbstständi­gen Tei­le, son­dern al­le der Kir­che in be­stimm­ter Wei­se zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen oh­ne Rück­sicht auf ih­re Rechts­form Ob­jek­te, bei de­ren Ord­nung und Ver­wal­tung die Kir­che grundsätz­lich frei ist, wenn die Ein­rich­tun­gen nach kirch­li­chem Selbst­verständ­nis ih­rem Zweck oder ih­rer Auf­ga­be ent­spre­chend be­ru­fen sind, ein Stück des Auf­trags der Kir­che wahr­zu­neh­men und zu erfüllen (BVerfG 17.02.1981 aaO, Ju­ris Rn. 57 m. w. N.). Wei­ter­hin ist für das Verständ­nis der Bin­dungs­wir­kung des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 von Be­deu­tung, dass vor­lie­gend bei der Be­klag­ten un­strei­tig Mit­glie­der der Kläge­rin beschäftigt sind.

Zwar geht die er­ken­nen­de Kam­mer da­von aus, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.11.1995 die frühe­re Kern­be­reichs­leh­re zu Art. 9 Abs. 3 GG nicht nur von Miss­verständ­nis­sen klar­ge­stellt, son­dern - oh­ne es aus-

 

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drück­lich zu erwähnen und da­mit nicht zu ei­ner Vor­la­ge an das Ple­num des Bun-des­ver­fas­sungs­ge­richts gem. § 16 BVerfG ver­pflich­tet zu sein - auf­ge­ge­ben hat. Mit der Auf­ga­be der Kern­be­reichs­leh­re zu Art. 9 Abs. 3 GG und da­mit der Auf­ga­be der Be­schränkung des Schutz­be­rei­ches des Art. 9 Abs. 3 GG auf den Be­reich des Un-erläss­li­chen ist je­doch noch kei­ne Aus­sa­ge ge­trof­fen, ob Art. 9 Abs. 3 GG es zwin­gend ge­bie­tet, auch oh­ne ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung ein ge­werk­schaft­li­ches Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­gehöri­ger zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen an­zu­neh­men. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt selbst hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.11.1995 be­tont, dass es auch in die­sem Be­schluss nicht von sei­ner frühe­ren Recht­spre­chung und da­mit auch nicht von der Ent­schei­dung vom 17.02.1981 abrücken möch­te (BVerfG aaO, Ju­ris Rn. 25). Der 1. Se­nat hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.12.1995 nur den Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG über den Kern­be­reich hin­aus er­wei­tert, oh­ne zu den in der Ent­schei­dung vom 17.02.1981 ge­zo­ge­nen Gren­zen der rich­ter­li­chen Ge­set­zes­bin­dung Stel­lung zu neh­men. Da­mit kann nach Auf­fas­sung der er­ken­nen­den Kam­mer nicht da­von ge­spro­chen wer­den, dass tra­gen­de Ent­schei­dungs­gründe des Be­schlus­ses vom 17.02.1981 auf­ge­ge­ben wor­den sind.

Auch in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur wird - so­weit er­sicht­lich - ganz über­wie­gend die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass der Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981, so­weit er sich mit ei­nem Zu­tritts­recht für be­triebs­frem­de Ge­werk-schafts­be­auf­trag­te in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen beschäftigt, in de­nen Mit­glie­der der Ge­werk­schaft ver­tre­ten sind, wei­ter­hin Bin­dungs­wir­kung nach § 31 Abs. 1 BVerfG ent­fal­tet (Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 4. Auf­la­ge, § 11 Rn. 22; ders. Münch-ner Hand­buch Ar­beits­recht, 3. Auf­la­ge § 329 Rn. 19; Geh­ring/Thie­le in Schlie­mann, Das Ar­beits­recht im BGB, 2. Auf­la­ge, § 630 An­hang Kir­chen­ar­beits­recht, Rn. 252; Dütz, Ge­werk­schaft­li­che Betäti­gung in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen 1982, Sei­te 14; Ot-to, Die ver­fas­sungs­recht­li­che Gewähr­leis­tung der ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Betäti­gung 1982, Sei­te 28 ff.; Däubler, Ge­werk­schafts­rech­te im Be­trieb, 10. Auf­la­ge, § 14 Rn. 409 f.). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in sei­nem Ur­teil vom 28.02.2006 die­se Fra­ge aus­drück­lich of­fen ge­las­sen (BAG aaO Rn. 34).

1.5 Die Bin­dungs­wir­kung des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 entfällt nach An­sicht des Be­ru­fungs­ge­richts auch nicht des­halb, weil sich die dem Le­bens­sach­ver­halt zu­grun­de lie­gen­den Verhält­nis­se grund­le­gend geändert ha­ben. Es ist all­ge­mein an­er­kannt, dass die Bin­dungs­wir­kung gem. § 31 Abs. 1 BVerfG ob­jek­ti­ve Gren­zen hat, die im Fall ei­ner we­sent­li­chen Ände­rung

 

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der Le­bens­verhält­nis­se er­reicht sind - clau­su­la re­bus sic stan­ti­bus (Maunz/Schmidt-Bleib­treu/Klein/Be­th­ge,. aaO, § 31 Rn. 100 m. w. N.). Im Ge­gen­satz zu „schnell­le­bi­gen Be­rei­chen“, wo sich die Le­bens­verhält­nis­se in­ner­halb we­ni­ger Jah­re dra­ma­tisch ändern (Stichwörter: Da­ten­schutz, me­di­zi­ni­scher Fort­schritt, Glo­ba­li­sie­rung) ist bei der vor­lie­gen­den Fra­ge des Zu­gangs­rechts von Ge­werk­schaf­ten zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen in den letz­ten Jah­ren kei­ne umwälzen­de Verände­rung des zu­grun­de lie­gen­den Le­bens­sach­ver­halts fest­zu­stel­len.

2. Zwar ist die vor­lie­gen­de Kla­ge schon des­halb ab­zu­wei­sen, weil das Ge­richt sich gem. § 31 Abs. 1 BVerfG an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 ge­bun­den sieht. Im Hin­blick auf die wei­te­re Be­gründung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils, das auch ei­ne An­spruchs­grund­la­ge für die vor­lie­gen­den Ansprüche ver­neint, möch­te das Be­ru­fungs­ge­richt kurz fol­gen­de Ausführun­gen ma­chen:
Die er­ken­nen­de Kam­mer teilt die Rechts­auf­fas­sung der Kläge­rin, dass sich die mit der Kla­ge gel­tend ge­mach­ten Ansprüche aus Art. 9 Abs. 3 GG er­ge­ben. Mit­glie­der­wer­bung der Ge­werk­schaf­ten und In­for­ma­ti­on der Ar­beit­neh­mer über ih­re Or­ga­ni­sa­ti­on und Ak­ti-vitäten gehören (auch bei kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen) zur ko­ali­ti­onsmäßigen Betäti­gung. Dem­ge­genüber steht das in Art. 137 Abs.3 WRV ver­an­ker­te kirch­li­che Selbst­be­stim-mungs­recht der Be­klag­ten. Wenn ei­ne Ge­werk­schaft Zu­tritt zu ei­ner kirch­li­chen Ein­rich-tung - wie im vor­lie­gen­den Fall we­gen Mit­glie­der­wer­bung - be­gehrt, kommt es zu ei­ner Kol­li­si­on zwi­schen dem Grund­recht auf Ko­ali­ti­ons­frei­heit und dem kirch­li­chen Selbst­be-stim­mungs­recht. Bei ei­ner sol­chen Kol­li­si­on muss ei­ne Lösung im We­ge der Abwägung der wi­der­strei­ten­den Grund­rech­te ge­fun­den wer­den. Bei die Abwägung der ent­ge­gen-ste­hen­den Po­si­tio­nen der Par­tei­en kommt die er­ken­nen­de Kam­mer zum Er­geb­nis, dass die Be­lan­ge der Kläge­rin vor­lie­gend über­wie­gen. Das An­brin­gen von In­for­ma­ti­ons- und Wer­be­ma­te­ri­al durch be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te am be­ste­hen­den Schwar­zen Brett der Be­klag­ten be­ein­träch­tigt das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht nur in ei­nem ge­rin­gen Maß. Da­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass in der Kläge­rin or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer bei der Be­klag­ten durch­aus für ih­re Ge­werk­schaft am Ar­beits­platz wer­ben dürfen. Wei­ter ist zu berück­sich­ti­gen, dass der In­halt des von der Kläge­rin am Schwar­zen Brett auf­gehäng­ten Wer­be­ma­te­ri­als we­der den Be­triebs­frie­den gefähr­den noch den Be­triebs­ab­lauf stören darf (vgl. da­zu BAG 14.02.1978 - 1 AZR 280/77 - AP Nr. 26 zu Art. 9 GG, Ju­ris Rn. 36).

III.

 

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Da so­mit die Be­ru­fung der Kläge­rin kei­nen Er­folg ha­ben konn­te, hat sie die Kos­ten ih­res er­folg­lo­sen Rechts­mit­tels gem. § 64 Abs. 6 ArbGG i. V. m. § 97 Abs. 1 ZPO zu tra­gen.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on be­ruht auf § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

 

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

1. Ge­gen die­ses Ur­teil kann die Kläge­rin schrift­lich Re­vi­si­on ein­le­gen. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Re­vi­si­ons­be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

ein­ge­hen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­on und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

a. Rechts­anwälte,
b. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
c. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfüllen.

In den Fällen der lit. b und c müssen die han­deln­den Per­so­nen die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

2. Für die Be­klag­te ist ge­gen die­ses Ur­teil ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. Auf § 72a ArbGG wird hin­ge­wie­sen.

 


Hen­sin­ger

Bohn

Fi­scher

 

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