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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Übergangsversorgung, Altersbefristung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 9 AZR 398/14
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 23.02.2016
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 25.9.2013 - 41 Ca 6779/13
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 28.2.2014 - 8 Sa 1960/13
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

9 AZR 398/14
8 Sa 1960/13
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Ber­lin-Bran­den­burg 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
23. Fe­bru­ar 2016

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 23. Fe­bru­ar 2016 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer und Klo­se so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Ro­pertz und Lücke für Recht er­kannt:

 

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1. Auf die Re­vi­si­on der Kläge­rin wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 28. Fe­bru­ar 2014 - 8 Sa 1960/13 - auf­ge­ho­ben.

2. Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 25. Sep­tem­ber 2013 - 41 Ca 6779/13 - ab­geändert.

Es wird fest­ge­stellt, dass die Kläge­rin ge­gen die Be­klag­te aus dem Ta­rif­ver­trag Über­g­angs­ver­sor­gung für das Bord­per­so­nal LTU ei­nen An­spruch auf Ver­schaf­fung ei­ner Ver­si­che­rung im Rah­men ei­nes Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges hat.

3. Von den Kos­ten des Rechts­streits hat die Be­klag­te 3/4 zu tra­gen, die Kläge­rin 1/4.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob die Kläge­rin An­spruch auf Ein­be­zie­hung in ei­ne Grup­pen­ver­si­che­rung für ei­ne Über­g­angs­ver­sor­gung hat.

Die Kläge­rin hat das 30. Le­bens­jahr voll­endet und ist seit dem 31. Ja­nu­ar 2005 bei der Be­klag­ten und de­ren Rechts­vorgänge­rin als Flug­be­glei­te­rin beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det der zwi­schen der LTU Luft­trans­port-Un­ter­neh­men GmbH & Co. KG und der Deut­schen An­ge-stell­ten-Ge­werk­schaft ge­schlos­se­ne „Ta­rif­ver­trag Über­g­angs­ver­sor­gung für das Bord­per­so­nal der LTU“ in der Fas­sung vom 3. De­zem­ber 1997 (im Fol­gen­den TV-ÜV) An­wen­dung, den die Be­klag­te zum 31. De­zem­ber 2012 kündig­te und der ua. fol­gen­de Re­ge­lun­gen enthält:

㤠2
Ge­gen­stand

1. Die un­ter den Gel­tungs­be­reich die­ses Ta­rif­ver­tra­ges fal­len­den Ar­beit­neh­mer er­hal­ten die Möglich­keit, im Rah­men ei­nes Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges ei­ne persönli­che Über­g­angs­ver­sor­gung für die Zeit von

 

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der ta­rif­ver­trag­li­chen Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses mit voll­ende­tem 60. Le­bens­jahr bis zum Be­ginn der Al­ters­ren­te bzw. der vor­ge­zo­ge­nen Al­ters­ren­te aus der An­ge­stell­ten­ver­si­che­rung in Form ei­ner Ver­si­che­rung für den Er­le­bens­fall mit Bei­tragsrück­gewähr im To­des­fall ab­zu­sch­ließen.

2. Die Ar­beit­neh­mer sind ver­pflich­tet, die zum Ab­schluss der Ver­si­che­rung er­for­der­li­chen Erklärun­gen ab­zu­ge­ben.

3. Die Prämi­en der Ver­si­che­run­gen wer­den vom Ar­beit­ge­ber ge­tra­gen und an den Ver­si­che­rer ab­geführt. Die Ar­beit­neh­mer tra­gen die dar­auf ent­fal­len­den Steu­ern und den Ar­beit­neh­mer­an­teil von et­wai­gen So­zi­al­ab­ga­ben.

§ 3
Ver­si­che­rer/Ver­si­che­rungs­neh­mer

Ver­si­che­rer ist ... Ver­si­che­rungs­neh­mer ist der je­wei­li­ge Ar­beit­neh­mer.

§ 4
Ver­si­che­rungs­be­ginn und -dau­er

1. Ver­si­che­rungs­be­ginn ist der 01. Ja­nu­ar 1986 für die zu die­sem Zeit­punkt beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer, so­weit sie das 30. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben.

Für die übri­gen Ar­beit­neh­mer be­steht das Recht zum Ab­schluss die­ser Ver­si­che­rung bei Ein­tritt in das Beschäfti­gungs­verhält­nis, frühes­tens je­doch nach Voll­endung des 30. Le­bens­jah­res des je­wei­li­gen Ar­beit­neh­mers.

2. Der Ab­lauf der Ver­si­che­rung wird auf die Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res ab­ge­stellt.

...“

Der Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trag iSd. § 2 TV-ÜV wur­de am 31. De­zem­ber 1991 ge­schlos­sen.

In dem zwi­schen der Be­klag­ten, der LTU Luft­trans­port-Un­ter­neh­men GmbH (Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten) und der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di ge­schlos­se­nen „Ta­rif­ver­trag über die Fort­gel­tung be­ste­hen­der Re­ge­lun­gen für das Ka­bi­nen­per­so­nal der LTU im Rah­men ei­ner be­ab-

 

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sich­tig­ten In­te­gra­ti­on in die Air Ber­lin PLC & Co. Luft­ver­kehrs KG“ vom 25. März 2011 (im Fol­gen­den TV-Fort­gel­tung) heißt es aus­zugs­wei­se:

㤠3
Fort­gel­tung be­ste­hen­der kol­lek­tiv­recht­li­cher Re­ge­lun­gen

1. Für die Ka­bi­nen­ar­beit­neh­mer gemäß § 1 die­ses Ta­rif­ver­tra­ges gel­ten so­wohl für den Fall ei­ner in­di­vi­du­al­recht­li­chen Über­nah­me als auch für den Fall ei­ner ge­setz­lich an­ge­ord­ne­ten Rechts­nach­fol­ge, wie et­wa gemäß Ver­schmel­zung laut Um­wG oder gemäß § 613a BGB die in § 3 Abs. 4 ab­sch­ließend ge­nann­ten Ta­rif­verträge in den ge­nann­ten Fas­sun­gen auch bei Air Ber­lin kol­lek­tiv­recht­lich fort. In die­sem Rah­men fin­den die in­so­weit ent­spre­chend bei Air Ber­lin be­ste­hen­den Re­ge­lun­gen kei­ne An­wen­dung.

...

4. Ta­rif­verträge, die nach Maßga­be von § 3 Abs. 1 fort­gel­ten, sind die fol­gen­den Ta­rif­verträge in ih­rer zum Zeit­punkt der In­te­gra­ti­on je­weils gel­ten­den Fas­sung/Nach­fol­ge­re­ge­lung:

a) Man­tel­ta­rif­ver­trag für das Ka­bi­nen­per­so­nal der LTU (der­zeit MTV Nr. 12 vom 25.03.2011). ...

...

c) Ta­rif­ver­trag Über­g­angs­ver­sor­gung für das Ka­bi­nen­per­so­nal der LTU vom 01.01.1986 in der Fas­sung vom 03.12.1997 nebst Ergänzungs-ver­ein­ba­run­gen. Die im Ta­rif­ver­trag Über­g­angs­ver­sor­gung LTU § 5 Abs. 2 vor­ge­se­he­ne Re­ge­lung zur re­gelmäßigen An­pas­sung gilt un­verändert fort.

...“

So­wohl der „Man­tel­ta­rif­ver­trag Nr. 11 Ka­bi­nen­per­so­nal LTU“ vom 7. De­zem­ber 2007 (MTV Nr. 11) als auch der „Man­tel­ta­rif­ver­trag Nr. 12 für das Ka­bi­nen­per­so­nal der LTU“ vom 25. März 2011 (MTV Nr. 12) ent­hal­ten fol­gen­de Re­ge­lung:

 

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㤠47
Er­rei­chen der Al­ters­gren­ze

Das Ar­beits­verhält­nis en­det - oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf - mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem die Zah­lung ei­ner Al­ters­ren­te durch den ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs-träger ein­tritt, spätes­tens je­doch mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem der Ar­beit­neh­mer das 60. Le­bens­jahr voll­endet hat.“

Die Kläge­rin ver­lang­te von der Be­klag­ten im Jahr 2012 oh­ne Er­folg die Ein­be­zie­hung in die Grup­pen­ver­si­che­rung für ei­ne Über­g­angs­ver­sor­gung gemäß dem TV-ÜV. Nach­dem sie ih­ren ursprüng­li­chen Haupt­an­trag auf Ver­ur­tei­lung der Be­klag­ten zur An­nah­me ih­res An­ge­bots auf Ab­schluss ei­nes Ver­si­che­rungs­ver­trags in der Re­vi­si­ons­ver­hand­lung zurück­ge­nom­men hat, hat die Kläge­rin zu­letzt be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass sie ge­gen die Be­klag­te aus dem Ta­rif-ver­trag Über­g­angs­ver­sor­gung für das Bord­per­so­nal LTU ei­nen An­spruch auf Ver­schaf­fung ei­ner Ver­si­che­rung im Rah­men ei­nes Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trags hat;

hilfs­wei­se die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die von ihr über­sand­ten Ver­si­che­rungs­un­ter­la­gen an die A Ak­ti­en­ge­sell­schaft wei­ter­zu­lei­ten.

Die Be­klag­te hat die Ab­wei­sung der Kla­ge be­an­tragt. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die Kläge­rin die Vor­aus­set­zun­gen für die Auf­nah­me in die Über­g­angs­ver­sor­gung nach dem TV-ÜV nicht erfülle, da das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin man­gels wirk­sa­mer ta­rif­li­cher Be­fris­tung nicht mit dem 60. Le­bens­jahr en­de und da­her die Über­g­angs­ver­sor­gung nicht er­for­der­lich wer­de. Der mit der ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lung ver­folg­te Zweck könne da­her nicht er­reicht wer­den.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts zurück­ge­wie­sen und die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen. Mit ih­rer Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin ihr Be­geh­ren auf Ver­schaf­fung ei­ner Über­g­angs­ver­sor­gung wei­ter.

 

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Ent­schei­dungs­gründe

A. Die zulässi­ge Re­vi­si­on der Kläge­rin ist be­gründet. Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge - so­weit für die Re­vi­si­on von In­ter­es­se - zu Un­recht ab­ge­wie­sen. Die Kläge­rin hat gemäß ih­rem zu­letzt ge­stell­ten Haupt­an­trag An­spruch auf Fest­stel­lung, dass die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, ihr ei­ne Über­g­angs­ver­sor­gung zu ver­schaf­fen. Der Hilfs­an­trag ist da­mit nicht zur Ent­schei­dung an­ge­fal­len.

I. Die Fest­stel­lungs­kla­ge ist zulässig. Das nach § 256 Abs. 1 ZPO er­for­der­li­che Fest­stel­lungs­in­ter­es­se ist ge­ge­ben. Durch ei­ne ge­richt­li­che Fest­stel­lung, ob die Kläge­rin ei­nen An­spruch auf Ver­schaf­fung ei­ner Ver­si­che­rung im Rah­men des Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trags nach dem TV-ÜV hat, ist ei­ne sach­gemäße, ein­fa­che Er­le­di­gung sämt­li­cher Streit­punk­te zu er­rei­chen. Auch pro­zess­wirt­schaft­li­che Erwägun­gen zwin­gen vor­lie­gend nicht zur Leis­tungs­kla­ge. Ei­ne auf ein­zel­ne Mit­wir­kungs­hand­lun­gen ge­rich­te­te Leis­tungs­kla­ge (wie zB auf Wei­ter­lei­tung der An­trags­un­ter­la­gen) würde le­dig­lich ein­zel­ne Leis­tun­gen im Rah­men des - mögli­cher­wei­se ei­ne Viel­zahl ver­schie­de­ner Mit­wir­kungs­hand­lun­gen um­fas­sen­den - Ver­schaf­fungs­an­spruchs er­fas­sen.

II. Der zu­letzt ge­stell­te Haupt­an­trag ist be­gründet. 

1. Die Kläge­rin hat nach dem TV-ÜV An­spruch auf Ver­schaf­fung ei­ner Ver­si­che­rung im Rah­men des Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trags.

a) Die Be­zug­nah­me­klau­sel im Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en um­fasst den TV-ÜV.

b) Die Kläge­rin erfüllt die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen des § 2 Nr. 1 TV-ÜV.

aa) Da­nach er­hal­ten die un­ter den Gel­tungs­be­reich die­ses Ta­rif­ver­trags fal­len­den Ar­beit­neh­mer die Möglich­keit, im Rah­men ei­nes Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trags ei­ne persönli­che Über­g­angs­ver­sor­gung für die Zeit von der ta­rif-ver­trag­li­chen Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses mit voll­ende­tem

 

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60. Le­bens­jahr bis zum Be­ginn der Al­ters­ren­te bzw. der vor­ge­zo­ge­nen Al­ters­ren­te aus der An­ge­stell­ten­ver­si­che­rung in Form ei­ner Ver­si­che­rung für den Er-le­bens­fall mit Bei­tragsrück­gewähr im To­des­fall ab­zu­sch­ließen. Nach § 4 Nr. 1 Abs. 2 TV-ÜV be­steht das Recht zum Ab­schluss der Ver­si­che­rung bei Ein­tritt in das Beschäfti­gungs­verhält­nis, je­doch frühes­tens nach Voll­endung des 30. Le­bens­jah­res.

bb) Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind erfüllt. 

(1) Die Kläge­rin fällt als Flug­be­glei­te­rin in den persönli­chen Gel­tungs­be­reich des TV-ÜV (§ 1 TV-ÜV).

(2) Zu­dem hat sie nach der zulässi­ger­wei­se in den Ent­schei­dungs­gründen vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­trof­fe­nen Fest­stel­lung (vgl. nur BAG 22. Ok­to­ber 2015 - 6 AZR 538/14 - Rn. 21 mwN) das 30. Le­bens­jahr voll­endet.

cc) An wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen ist das Recht zum Ab­schluss der Ver­si­che­rung nicht ge­knüpft. Ins­be­son­de­re setzt der An­spruch nicht vor­aus, dass das Ar­beits­verhält­nis ta­rif­ver­trag­lich wirk­sam be­fris­tet ist.

(1) Zwar knüpft § 2 Nr. 1 TV-ÜV an die ta­rif­li­che Be­fris­tungs­re­ge­lung an, wo­nach das Ar­beits­verhält­nis - oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf - spätes­tens mit Ab­lauf des Mo­nats en­det, in dem der Ar­beit­neh­mer das 60. Le­bens­jahr voll­endet hat (BAG 12. De­zem­ber 2012 - 5 AZR 93/12 - Rn. 52). Zu­tref­fend ist auch der recht­li­che Aus­gangs­punkt des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dass die­se ta­rif­li­che Be­fris­tung auf die Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res un­wirk­sam ist (vgl. hier­zu BAG 23. Ju­ni 2010 - 7 AZR 1021/08 - Rn. 13 ff.). Je­doch folgt dar­aus nicht zwangsläufig, dass der An­spruch auf Ver­schaf­fung ei­ner Über­g­angs­ver­sor­gung nicht be­steht. Un­ge­ach­tet der Un­wirk­sam­keit die­ser ta­rif­li­chen Be­fris­tungs­re­ge­lung führt erst ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses über das Be­fris­tungs­en­de hin­aus da­zu, dass die durch die Über­g­angs­ver­sor­gung zu schließen­de Ver­sor­gungslücke und da­mit der Rechts­grund der Leis­tung des Ver­si­che­rungs­schut­zes nachträglich wegfällt (vgl. BAG 12. De­zem­ber 2012 - 5 AZR 93/12 - Rn. 51 f.).

 

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(2) Die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses über die ta­rif­lich (un­wirk­sam) vor­ge­se­he­ne Be­fris­tung hin­aus lässt le­dig­lich nachträglich den Rechts­grund oder zu­min­dest den mit dem TV-ÜV ver­folg­ten Zweck, der Über­brückung ei­ner Ver­sor­gungslücke, die we­gen des an sich ta­rif­ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen Aus­schei­dens ent­steht (BAG 12. De­zem­ber 2012 - 5 AZR 93/12 - Rn. 52), ent­fal­len. Dies kann al­len­falls be­rei­che­rungs­recht­li­che Ansprüche der Ar­beit­ge­be­rin be­gründen.

(a) Die­se Aus­le­gung folgt aus der Ta­rif­his­to­rie. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ha­ben die vom Sieb­ten Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts mit Ent­schei­dung vom 23. Ju­ni 2010 (- 7 AZR 1021/08 -) für un­wirk­sam er­ach­te­te ta­rif­li­che Be­fris­tungs­re­ge­lung in § 47 MTV Nr. 11 in den MTV Nr. 12 vom 25. März 2011 über­nom­men. Mit dem TV-Fort­gel­tung vom 25. März 2011 hat die Be­klag­te zu­dem die Fort­gel­tung des MTV Nr. 12 und zu­gleich des TV-ÜV ver­ein­bart. Da­mit hat sie zu er­ken­nen ge­ge­ben, dass sie in Kennt­nis der Un­wirk­sam­keit der Be­fris­tungs­re­ge­lung so­wohl an die­ser Re­ge­lung als auch an der Über­g­angs­ver­sor­gung fest­hal­ten will. Die Be­klag­te be­ruft sich oh­ne Er­folg dar­auf, aus § 3 Nr. 1 TV-Fort­gel­tung fol­ge le­dig­lich der Wil­le der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, dass wirk­sa­me kol­lek­tiv­recht­li­che Re­ge­lun­gen nun­mehr ihr ge­genüber gel­ten soll­ten. Über die Wirk­sam­keit oder die Un­wirk­sam­keit ta­rif­li­cher Re­ge­lun­gen hätten sich die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en kei­ne Ge­dan­ken ge­macht. Die­se Aus­le­gung hat im Ta­rif­wort­laut kei­nen Nie­der­schlag ge­fun­den. Es wur­de in § 3 Nr. 4 Buchst. c TV-Fort­gel­tung aus­drück­lich auch die Fort­gel­tung des TV-ÜV ver­ein­bart. Für ei­ne Fort­gel­tung vor­be­halt­lich der Wirk­sam­keit der Re­ge­lun­gen fin­det sich im Ta­rif­wort­laut kein An­halts­punkt. Zu­dem erklärt das Ar­gu­ment der Be­klag­ten nicht, wes­halb die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en trotz Kennt­nis der Ent­schei­dung über die Un­wirk­sam­keit der ta­rif­li­chen Be­fris­tungs­re­ge­lung (BAG 23. Ju­ni 2010 - 7 AZR 1021/08 -) noch am 25. März 2011 die Re­ge­lung in § 47 MTV Nr. 11 un­verändert in den MTV Nr. 12 über­nom­men ha­ben.

(b) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist der Zweck der Über­g­angs­ver­sor­gung auch nicht ge­gen­stands­los ge­wor­den. Der von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en mit dem TV-ÜV an­ge­streb­te Zweck der Sch­ließung ei­ner auf­grund

 

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der ta­rif­li­chen Be­fris­tungs­re­ge­lung ent­ste­hen­den Ver­sor­gungslücke kann trotz der Un­wirk­sam­keit der Be­fris­tungs­re­ge­lung wei­ter­hin er­reicht wer­den. Denn die­se Be­fris­tungs­re­ge­lung führt trotz ih­rer Un­wirk­sam­keit zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, wenn der Ar­beit­neh­mer nicht von sich aus ak­tiv wird und bin­nen der von § 17 Satz 1 Tz­B­fG vor­ge­ge­be­nen Frist Kla­ge beim Ar­beits­ge­richt auf Fest­stel­lung er­hebt, dass das Ar­beits­verhält­nis auf­grund der Be­fris­tung nicht be­en­det ist. Sonst gilt die Be­fris­tung als von An­fang an rechts­wirk­sam (§ 17 Satz 2 Tz­B­fG iVm. § 7 Halbs. 1 KSchG) und es kommt auf­grund der ta­rif­li­chen Be­fris­tungs­re­ge­lung zu ei­ner durch die Über­g­angs­ver­sor­gung zu schließen­den Ver­sor­gungslücke.

c) Auch aus dem Grup­pen­ver­si­che­rungs­ver­trag er­gibt sich nichts an­de­res. Ei­ne Ein­schränkung da­hin ge­hend, dass die Ver­si­che­rungs­leis­tung von der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch die Be­fris­tung abhängig sein soll, enthält der Ver­trag nicht. Erst recht macht er den Bei­tritt zur Grup­pen­ver­si­che­rung nicht von der Wirk­sam­keit der ta­rif­li­chen Be­fris­tung abhängig.

2. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten steht dem Recht der Kläge­rin, von der Be­klag­ten die Ver­schaf­fung des Ver­si­che­rungs­schut­zes zu ver­lan­gen, auch nicht der Grund­satz von Treu und Glau­ben ent­ge­gen.

a) Der Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) bil­det ei­ne al­len Rech­ten im­ma­nen­te In­halts­be­gren­zung und ver­bie­tet ua. die miss­bräuch­li­che Ausübung von Rech­ten (vgl. BAG 16. April 2013 - 9 AZR 731/11 - Rn. 32, BA­GE 145, 8; Pa­landt/Grüne­berg 75. Aufl. § 242 BGB Rn. 38 ff.). Die Rechts­ausübung ist dann miss­bräuch­lich und da­mit un­zulässig, wenn der Be­rech­tig­te kein schutzwürdi­ges Ei­gen­in­ter­es­se ver­folgt oder über­wie­gen­de schutzwürdi­ge In­ter­es­sen der Ge­gen­par­tei ent­ge­gen­ste­hen und die Rechts­ausübung im Ein­zel­fall zu ei­nem grob un­bil­li­gen, mit der Ge­rech­tig­keit nicht mehr zu ver­ein­ba­ren­den Er­geb­nis führen würde (Jau­er­nig/Man­sel BGB 16. Aufl. § 242 Rn. 37; sh. auch Pa­landt/Grüne­berg aaO Rn. 50). Das ist zB dann der Fall, wenn der Gläubi­ger ver­pflich­tet ist, die ver­lang­te Leis­tung so­fort wie­der her­aus­zu­ge­ben. In die­sem Fall wäre das Er­he­ben ei­nes sol­chen An­spruchs nur ge­eig­net, dem Schuld­ner unnöti­ge Be­schwer­nis­se und zusätz­li­che In­sol­venz­ri­si­ken auf­zubü r-

 

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den, oh­ne dass dies dem Gläubi­ger le­gi­ti­me Vor­tei­le brin­gen würde (MüKoBGB/ Schu­bert 7. Aufl. § 242 Rn. 440 mwN; vgl. auch Pa­landt/Grüne­berg aaO Rn. 52 mwN; PWW/Schmidt-Kes­sel/Kram­me 10. Aufl. § 242 Rn. 49; Jau­er­nig/Man­sel aaO Rn. 39).

b) Ge­mes­sen dar­an ist das Ver­lan­gen der Kläge­rin nach Ver­schaf­fung des Ver­si­che­rungs­schut­zes nicht rechts­miss­bräuch­lich. We­der ist das In­ter­es­se der Kläge­rin an der ta­rif­ver­trag­li­chen Über­g­angs­ver­sor­gung ent­fal­len noch hat die Be­klag­te ein schutzwürdi­ges In­ter­es­se an der Ver­wei­ge­rung der Leis­tung. Denn die Be­klag­te hat mit dem Ab­schluss des TV-Fort­gel­tung vom 25. März 2011 zu er­ken­nen ge­ge­ben, dass sie in Kennt­nis der Un­wirk­sam­keit der Be­fris­tungs­re­ge­lung so­wohl an die­ser Re­ge­lung als auch an der Über­g­angs­ver­sor­gung fest¬hal­ten will. Zu­dem kann es grundsätz­lich wei­ter­hin auf­grund der ta­rif­li­chen Be­fris­tungs­re­ge­lung zu ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und da­mit zu ei­ner durch die Über­g­angs­ver­sor­gung zu schließen­den Ver­sor­gungslücke kom­men. Es steht vor­lie­gend nicht si­cher fest, dass die Über­g­angs­ver­sor­gung zweck­los und der Wert des von der Be­klag­ten zu ver­schaf­fen­den Ver­si­che­rungs­schut­zes in je­dem Fall nach § 812 Abs. 1 iVm. Abs. 2 BGB zurück­zu­er­stat­ten ist.

B. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 91 Abs. 1, § 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO.

Brühler 

Klo­se 

Krasshöfer

Ro­pertz 

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