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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Urlaubsabgeltung, Urlaub: Krankheit, Urlaub
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 9 AZR 302/12
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 05.10.2013
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Essen, Urteil vom 28.09.2011 - 6 Ca 1516/11
Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 23.02.2012 - 5 Sa 1370/11
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


9 AZR 302/12
5 Sa 1370/11
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Düssel­dorf

Im Na­men des Vol­kes!


Verkündet am
15. Ok­to­ber 2013


UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Kläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 15. Ok­to­ber 2013 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­desa­reits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer und Klo­se so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Kran­zusch und Lücke für Recht er­kannt:
 


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1. Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 23. Fe­bru­ar 2012 - 5 Sa 1370/11 - auf­ge­ho­ben.


2. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Es­sen vom 28. Sep­tem­ber 2011 - 6 Ca 1516/11 - ab­geändert.


Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

3. Die Kläge­rin hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand
 

Die Kläge­rin ver­langt von der Be­klag­ten die Ab­gel­tung ge­setz­li­chen Ur­laubs nach dem BUrlG und nach § 125 SGB IX so­wie des ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs.


Die 1959 ge­bo­re­ne Kläge­rin war vom 20. No­vem­ber 2000 bis zum 31. März 2011 als Verkäufe­r­in bei der Be­klag­ten beschäftigt. Nach Ziff. 11 des zwi­schen ih­nen ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­trags vom 23. Ok­to­ber 2000 fan­den die Be­stim­mun­gen des je­weils gülti­gen Ta­rif­ver­trags „des Ta­rif­part­ners, bei dem EU­REST Mit­glied ist“, An­wen­dung. Zum Ur­laub enthält § 8 des Man­tel­ta­rif­ver­trags zwi­schen der EU­REST DEU­TSCH­LAND GmbH und der Ge­werk­schaft NGG vom 16. März 2004 (MTV) ua. fol­gen­de Be­stim­mun­gen:

„§ 8 - Ur­laub

...
2. Dau­er des Ur­laubs

Der Ur­laub beträgt bei Zu­grun­de­le­gung ei­ner 5-Ta­ge-Wo­che:

für Ar­beit­neh­mer/in­nen, die vor dem 1. April 2004 ein­ge­tre­ten sind
...

- ab Voll­endung des 30. Le­bens­jah­res 30 Ar­beits­ta­ge

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...


9. Über­trag­bar­keit des Ur­laubs
Der Ur­laub muss im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den. Ei­ne Über­tra­gung auf das nächs­te Ka­len­der­jahr ist nur statt­haft, wenn drin­gen­de be­trieb­li­che oder in der Per­son des/der Ar­beit­neh­mer/in lie­gen­de Gründe dies recht­fer­ti­gen. Im Fal­le der Über­tra­gung muss der Ur­laub in den ers­ten drei Mo­na­ten des fol­gen­den Ka­len­der­jah­res gewährt und ge­nom­men wer­den.


10. Ab­gel­tung des Ur­laubs
Ei­ne Ab­gel­tung des Ur­laubs ist zu ver­mei­den.

Bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche sind noch während der Zu­gehörig­keit des/der Ar­beit­neh­mer/in zum Be­trieb zu erfüllen. Las­sen dies drin­gen­de be­trieb­li­che Verhält­nis­se nicht zu oder schei­det der/die Ar­beit­neh­mer/in frist­los aus dem Ar­beits­verhält­nis aus, ist der Ur­laub ab­zu­gel­ten.

...

§ 14 - Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses

1. Be­en­di­gungs­gründe

Das Ar­beits­verhält­nis en­det

...

- mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem Be­rufs- oder Er­werbs­unfähig­keit im Sin­ne der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ein­tritt.

...“


Das Brut­to­mo­nats­ge­halt der Kläge­rin be­trug zu­letzt 1.917,00 Eu­ro. Sie war seit dem 29. März 2006 durch­ge­hend ar­beits­unfähig krank. Nach dem Be­zug von Kran­ken­geld er­hielt sie zunächst ei­ne be­fris­te­te und ab dem 1. April 2011 ei­ne un­be­fris­te­te Ren­te we­gen Er­werbs­min­de­rung. Für die Kläge­rin ist zu­min­dest seit 2007 ei­ne Schwer­be­hin­de­rung fest­ge­stellt. Die Be­klag­te rech­ne­te zu­letzt ei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung in Höhe von 5.664,10 Eu­ro brut­to ab und zahl­te den sich er­ge­ben­den Net­to­be­trag an die Kläge­rin aus. In der Ent­gel­tab­rech­nung ist der Be­trag als „Ur­laubs­ab­gel­tung/Tag“ aus­ge­wie­sen.
 


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Mit Schrei­ben vom 28. April 2011 mach­te die Kläge­rin ua. ih­ren An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung für die Jah­re 2006 bis ein­sch­ließlich 2007 gel­tend.


Die Kläge­rin be­an­sprucht mit ih­rer Kla­ge die Ab­gel­tung von 179 Ur­laubs­ta­gen mit je­weils 87,14 Eu­ro brut­to für die Jah­re 2006 bis ein-schließlich 2011.


Die Kläge­rin hat be­an­tragt, 


die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie 9.933,96 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit Kla­ge­zu­stel­lung zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 


Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge in Höhe von 9.933,96 Eu­ro statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­klag­te ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 9.672,54 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen zu zah­len. Mit ih­rer Re­vi­si­on ver­folgt die Be­klag­te ih­ren Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag wei­ter.


Ent­schei­dungs­gründe

A. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist be­gründet. 


Die Kläge­rin hat kei­nen An­spruch gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG iVm. § 8 Ziff. 10 MTV auf wei­te­re Ab­gel­tung von Ur­laub. Zwar macht sie nach der Recht­spre­chung des Se­nats zu Recht gel­tend, auch während des Be­zugs der Ren­te we­gen Er­werbs­min­de­rung sei­en Ur­laubs­ansprüche ent­stan­den (BAG 7. Au­gust 2012 - 9 AZR 353/10 - Rn. 8 ff., BA­GE 142, 371). Die in den Jah­ren 2006 bis ein­sch­ließlich 2009 ent­stan­de­nen Ur­laubs­ansprüche sind je­doch noch vor der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter­ge­gan­gen. Die Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche für die Jah­re 2010 und 2011 sind durch Zah­lung erfüllt.


I. Die ge­setz­li­chen und ta­rif­li­chen Ur­laubs­ansprüche der Kläge­rin aus den Jah­ren 2006 bis 2009 sind 15 Mo­na­te nach Ab­lauf des je­wei­li­gen Ur­laubs­jah­res
 


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und da­mit vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­lo­schen. Ab­gel­tungs­ansprüche konn­ten nicht mehr ent­ste­hen. Be­steht die Ar­beits­unfähig­keit auch am 31. März des zwei­ten auf das Ur­laubs­jahr fol­gen­den Jah­res fort, so ge­bie­tet auch das Uni­ons­recht kei­ne wei­te­re Auf­recht­er­hal­tung des Ur­laubs­an­spruchs (vgl. EuGH 22. No­vem­ber 2011 - C-214/10 - [KHS] Rn. 38, Slg. 2011, I-11757). Der zunächst auf­recht­er­hal­te­ne Ur­laubs­an­spruch er­lischt so­mit zu die­sem Zeit­punkt (vgl. BAG 7. Au­gust 2012 - 9 AZR 353/10 - Rn. 32 ff., BA­GE 142, 371). Dies gilt auch dann, wenn der Ar­beit­neh­mer mit dem En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums aus­schei­det (BAG 12. März 2013 - 9 AZR 292/11 - Rn. 14 mwN). Der MTV sieht zu­guns­ten der Kläge­rin kei­ne länge­re Über­tra­gungs­dau­er vor. Nach § 8 Ziff. 9 Satz 3 MTV muss der über­tra­ge­ne Ur­laub in den ers­ten drei Mo­na­ten des fol­gen­den Ka­len­der­jah­res gewährt und ge­nom­men wer­den.


II. Für das Jahr 2010 und an­tei­lig für das Jahr 2011 be­an­sprucht die Kläge­rin die Ab­gel­tung von ins­ge­samt 44 Ta­gen Ur­laub. Die­ser An­spruch ist gemäß § 362 Abs. 1 BGB er­lo­schen.


1. Bei dem gel­tend ge­mach­ten Ab­gel­tungs­be­trag je Ur­laubs­tag in Höhe von 87,14 Eu­ro brut­to er­gibt sich bei 44 Ur­laubs­ta­gen ein Zah­lungs­an­spruch in Höhe von 3.834,16 Eu­ro brut­to. Nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts zahl­te die Be­klag­te auf die Gel­tend­ma­chung der Kläge­rin mit Schrift­satz vom 28. April 2004 ins­ge­samt 5.664,10 Eu­ro brut­to Ur­laubs­ab­gel­tung.

2. Die Be­klag­te nahm bei die­ser Zah­lung kei­ne nach Ur­laubs­jah­ren dif­fe­ren­zier­te Leis­tungs­be­stim­mung iSv. § 366 Abs. 1 BGB vor. Sie gab in der Ab­rech­nung als Leis­tungs­zweck der Zah­lung von 5.664,10 Eu­ro nur „Ur­laubs­ab­gel­tung/Tag“ an. Dies war nach §§ 133, 157 BGB so zu ver­ste­hen, dass jeg­li­cher et­waig be­ste­hen­der Ab­gel­tungs­an­spruch erfüllt wer­den soll­te (BAG 16. Ju­li 2013 - 9 AZR 914/11 - Rn. 19). So­weit das Lan­des­ar­beits­ge­richt im Tat­be­stand sei­ner Ent­schei­dung an­ge­nom­men hat, die Be­klag­te ha­be in­so­weit auf die ge­setz­li­chen Ur­laubs­ansprüche für die Jah­re 2008 bis 2011 ge­leis­tet, ist dies rechts­feh­ler­haft. Die­se An­nah­me be­ruht auf der un­wirk­sa­men nachträgli­chen Til­gungs­be­stim­mung der Be­klag­ten im Schrift­satz vom 26. Sep­tem­ber 2011. Die Be­stim­mung muss nach dem Wort­laut des Ge­set­zes bei der Leis­tung er­fol-
 


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gen, ei­ne nachträgli­che Be­stim­mung ist grundsätz­lich un­wirk­sam (vgl. BGH 26. März 2009 - I ZR 44/06 - Rn. 46; 23. Fe­bru­ar 1999 - XI ZR 49/98 - zu II 2 b der Gründe, BGHZ 140, 391).


B. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 91 Abs. 1 ZPO. 


Brühler 

Klo­se 

Krasshöfer

Kran­zusch 

M. Lücke

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