Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Elternzeit: Massenentlassung, Massenentlassung: Elternzeit
   
Gericht: Bundesverfassungsgericht
Akten­zeichen: 1 BvR 3634/13
Typ: Beschluss
Ent­scheid­ungs­datum: 08.06.2016
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt, Urteil vom 06.04.2011, 2 Ca 2422/10
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 31.10.2011, 17 Sa 761/11
Bundesarbeitsgericht (BAG), Urteil vom 25.04.2013, 6 AZR 49/12
Nachgehend BAG, Urteil vom 27.01.2017, 6 AZR 442/16
   

BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT

1 BvR 3634/13

IM NA­MEN DES VOL­KES

In dem Ver­fah­ren

über

die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

der Frau V…,

- Be­vollmäch­tig­te:

1. Rechts­an­walt Jo­hann S. Po­li­tis,
Born­s­traße 1, 20146 Ham­burg,

2. Rechts­an­walt Al­brecht Lüders,
Feld­s­traße 60 IV, 20357 Ham­burg -

ge­gen
 

a) den Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 12. No­vem­ber 2013 - 6 AZR 624/13 (F) -,
 

b) das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 25. April 2013 - 6 AZR 49/12 -,
 

c) das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 31. Ok­to­ber 2011 - 17 Sa 761/11 -,
 

d) das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 6. April 2011 - 2 Ca 2422/10 -

hat die 3. Kam­mer des Ers­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts durch

den Vi­ze­präsi­den­ten Kirch­hof,

den Rich­ter Ma­sing

und die Rich­te­rin Ba­er

am 8. Ju­ni 2016 ein­stim­mig be­schlos­sen:


1. Das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 25. April 2013 - 6 AZR 49/12 - ver­letzt die Be­schwer­deführe­rin in ih­ren Grund­rech­ten aus Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 in Ver­bin­dung mit Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 und Ar­ti­kel 3 Ab­satz 3 in Ver­bin­dung mit Ab­satz 2 des Grund­ge­set­zes. Die Sa­che wird an das Bun­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen.

2. Im Übri­gen wird die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men.

3. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat der Be­schwer­deführe­rin die Hälf­te ih­rer not­wen­di­gen Aus­la­gen zu er­stat­ten.

4. Der Wert des Ge­gen­stands der an­walt­li­chen Tätig­keit für das Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren wird auf 25.000 € (in Wor­ten: fünf­und­zwan­zig­tau­send Eu­ro) fest­ge­setzt.

G r ü n d e :

A.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de rich­tet sich ge­gen Ur­tei­le des Ar­beits­ge­richts, des Lan­des­ar­beits­ge­richts und des Bun­des­ar­beits­ge­richts so­wie die Ver­wer­fung der Anhörungsrüge durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt als un­zulässig in ei­nem Kündi­gungs­schutz­rechts­streit.

I.

Die Be­schwer­deführe­rin war bei ei­ner Flug­ge­sell­schaft, ei­ner der Be­klag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens (im Fol­gen­den: Be­klag­te), als Mit­glied des Bo­den­per­so­nals beschäftigt. Die Be­klag­te stell­te sämt­li­che Flüge nach, von und in Deutsch­land ein und kündig­te des­we­gen sämt­li­chen Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern mit Ar­beits­platz in Deutsch­land.

Nach­dem die Be­klag­te den ört­li­chen Be­triebs­rat an­gehört und ei­ne Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge für al­le Ar­beits­verhält­nis­se vor Ort er­stat­tet hat­te, sprach sie im De­zem­ber 2009 und Ja­nu­ar 2010 Kündi­gun­gen aus. Die­se er­wie­sen sich mit Ur­tei­len des Bun­des­ar­beits­ge­richts als un­wirk­sam, weil trotz Vor­lie­gens ei­ner Mas­sen­ent­las­sung das nach § 17 Abs. 2 KSchG er­for­der­li­che Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren mit dem Ge­samt­be­triebs­rat nicht ord­nungs­gemäß durch­geführt wor­den sei.

Die Be­schwer­deführe­rin be­fand sich da­mals in El­tern­zeit. Nach­dem die für den Ar­beits­schutz zuständi­ge obers­te Lan­des­behörde die Kündi­gung während der El­tern­zeit nach § 18 Abs. 1 Satz 2 und 3 BEEG in der Fas­sung vom 5. De­zem­ber 2006 (im Fol­gen­den: BEEG al­ter Fas­sung) für zulässig erklärt hat­te, kündig­te die Be­klag­te im März 2010 auch das Ar­beits­verhält­nis der Be­schwer­deführe­rin.

Die hier­ge­gen er­ho­be­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge wur­de vom Ar­beits­ge­richt ab­ge­wie­sen; die Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt blieb er­folg­los. Mit der zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folg­te die Be­schwer­deführe­rin ihr Rechts­schutz­ziel wei­ter. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt wies die Re­vi­si­on zurück. Die Kündi­gung sei nicht an­zei­ge­pflich­tig ge­we­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be - wie die Pro­zess­par­tei­en - of­fen­sicht­lich über­se­hen, dass kei­ne Mas­sen­ent­las­sung vor­ge­le­gen ha­be, da die Kündi­gung der Be­schwer­deführe­rin nicht im Zu­sam­men­hang mit der Kündi­gung der an­de­ren Beschäftig­ten er­folgt sei und da­mit nicht in die 30-Ta­ge-Frist des § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG fal­le. Dies sei kei­ne Über­ra­schungs­ent­schei­dung, weil den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung nach ent­spre­chen­dem Hin­weis Ge­le­gen­heit zur Äußerung ge­ge­ben wor­den sei.

Die hier­ge­gen er­ho­be­ne Anhörungsrüge ver­warf das Bun­des­ar­beits­ge­richt als un­zulässig.

II.

Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de rügt die Be­schwer­deführe­rin ei­ne Ver­let­zung von Art. 2, Art. 3, Art. 6, Art. 12, Art. 20 und Art. 103 Abs. 1 GG.

Ei­ne Ver­let­zung des An­spruchs auf recht­li­ches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG lie­ge vor, weil das Bun­des­ar­beits­ge­richt, oh­ne sei­ner Aufklärungs­pflicht nach­zu­kom­men, auf ei­ner un­zu­rei­chen­den Tat­sa­chen­grund­la­ge und oh­ne der Be­schwer­deführe­rin - wie be­an­tragt - ein Schrift­satz­recht zur Fra­ge der Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Mas­sen­ent­las­sung ein­zuräum­en, ent­schie­den ha­be.

Im Übri­gen rügt die Be­schwer­deführe­rin, sie wer­de durch das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund ih­rer El­tern­zeit dis­kri­mi­niert. Hätte ih­re Kündi­gung nicht nach § 18 Abs. 1 Satz 2 und 3 BEEG al­ter Fas­sung der Zulässi­gerklärung durch die für den Ar­beits­schutz zuständi­ge obers­te Lan­des­behörde be­durft, wäre ihr gleich­zei­tig mit den an­de­ren Beschäftig­ten im zeit­li­chen Zu­sam­men­hang mit der Mas­sen­ent­las­sung gekündigt wor­den und ih­re Kündi­gung wäre we­gen Mängeln im Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren nach § 17 Abs. 2 KSchG un­wirk­sam ge­we­sen. Da El­tern­zeit über­wie­gend von Frau­en in An­spruch ge­nom­men wer­de, lie­ge dar­in auch ei­ne ge­gen Art. 3 Abs. 2 GG ver­s­toßen­de fak­ti­sche Be­nach­tei­li­gung von Frau­en. Gleich­zei­tig ver­s­toße die­se Be­nach­tei­li­gung ge­gen Uni­ons­recht.

III.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de dem Bun­des­kanz­ler­amt, dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des In­nern, dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz und für Ver­brau­cher­schutz, dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les, dem Hes­si­schen Mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz so­wie den bei­den Be­klag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens zu­ge­stellt. Von der ein­geräum­ten Ge­le­gen­heit zur Äußerung ha­ben die bei­den Be­klag­ten Ge­brauch ge­macht. Sie sind der An­sicht, der Be­schwer­deführe­rin sei hin­rei­chend Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben wor­den, so dass kei­ne Über­ra­schungs­ent­schei­dung vor­lie­ge. Die Be­schwer­deführe­rin sei auch nicht dis­kri­mi­niert wor­den. Auf­grund der nach § 18 BEEG al­ter Fas­sung er­for­der­li­chen behörd­li­chen Zulässi­gerklärung ha­be ihr erst zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt gekündigt wer­den können. Wenn über­haupt ei­ne Be­nach­tei­li­gung ein­ge­tre­ten sei, wer­de die­se da­mit kom­pen­siert.

Die Ak­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens wur­den bei­ge­zo­gen.

B.

Nicht zur Ent­schei­dung an­zu­neh­men ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de, so­weit sie sich ge­gen die Ur­tei­le von Ar­beits­ge­richt und Lan­des­ar­beits­ge­richt so­wie ge­gen den die Anhörungsrüge ver­wer­fen­den Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts rich­tet. Sie ist in­so­weit nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert be­gründet (§ 23 Abs. 1 Satz 2 Halb­satz 1, § 92 BVerfGG).

Ei­ne der Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Übri­gen statt­ge­ben­de Ent­schei­dung kann die Kam­mer tref­fen, da die maßgeb­li­chen Fra­gen vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­reits ent­schie­den sind und die Ver­fas­sungs­be­schwer­de in die­sem Um­fang zulässig und of­fen­sicht­lich be­gründet ist (§ 93b Satz 1 i.V.m. § 93c Abs. 1 Satz 1 BVerfGG). In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sind die An­wen­dung des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes des Art. 3 Abs. 1 GG, so­weit ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen der El­tern­schaft in Fra­ge steht (vgl. BVerfGE 130, 240 <254 f.>), und Fra­gen der fak­ti­schen Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en, wel­che die vor­lie­gen­de Be­schwer­de auf­wirft (vgl. BVerfGE 37, 217 <244 ff.>; 97, 35 <43>; 104, 373 <393>; 109, 64 <89>; 113, 1 <15 f.>; 121, 241 <254 f.>; 126, 29 <53>; 132, 72 <97 Rn. 57>), geklärt.

I.

Die ge­gen das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts ge­rich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist zulässig und be­gründet.

1. Das Re­vi­si­ons­ur­teil ver­letzt den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz aus Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 6 Abs. 1 GG.

a) Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG ge­bie­tet, al­le Men­schen vor dem Ge­setz gleich zu be­han­deln so­wie we­sent­lich Glei­ches gleich und we­sent­lich Un­glei­ches un­gleich zu be­han­deln. Ver­bo­ten ist da­her auch ein gleich­heits­wid­ri­ger Begüns­ti­gungs­aus­schluss, bei dem ei­ne Begüns­ti­gung ei­nem Per­so­nen­kreis gewährt, ei­nem an­de­ren Per­so­nen­kreis aber vor­ent­hal­ten wird. Da­bei gilt ein stu­fen­lo­ser am Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ori­en­tier­ter ver­fas­sungs­recht­li­cher Prüfungs­maßstab, des­sen In­halt und Gren­zen sich nicht abs­trakt, son­dern nur nach den je­weils be­trof­fe­nen un­ter­schied­li­chen Sach- und Re­ge­lungs­be­rei­chen be­stim­men las­sen. Je nach Re­ge­lungs­ge­gen­stand und Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­len reicht er vom bloßen Willkürver­bot bis zu ei­ner stren­gen Bin­dung an Verhält­nismäßig­keits­er­for­der­nis­se (vgl. BVerfGE 132, 179 <188 Rn. 30>; 133, 377 <407 Rn. 73 f.>; stRspr). Die An­for­de­run­gen verschärfen sich des­to mehr, je we­ni­ger die Merk­ma­le für Ein­zel­ne verfügbar sind oder je mehr sie sich den in Art. 3 Abs. 3 GG be­nann­ten Merk­ma­len annähern (vgl. BVerfGE 88, 87 <96>; 132, 179 <189 Rn. 31>; 133, 377 <408 Rn. 77>). Ei­ne stren­ge­re Bin­dung des Ge­setz­ge­bers kann sich auch aus den je­weils be­trof­fe­nen Frei­heits­rech­ten er­ge­ben (vgl. BVerfGE 130, 240 <254>; stRspr).

b) Da­nach verstößt es ge­gen Art. 3 Abs. 1 GG, die Be­schwer­deführe­rin im Zu­sam­men­hang mit ih­rer El­tern­zeit, die un­mit­tel­bar an die ver­fas­sungs­recht­lich in Art. 6 Abs. 1 GG geschütz­te El­tern­schaft an­knüpft, vom An­wen­dungs­be­reich des Mas­sen­ent­las­sungs­schut­zes aus­zu­sch­ließen.

aa) Der Aus­schluss von den Schutz­wir­kun­gen der Re­geln zur Mas­sen­ent­las­sung be­ruht auf der Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, den Mas­sen­ent­las­sungs­schutz auch für Per­so­nen in El­tern­zeit aus­sch­ließlich an­hand des Zeit­punkts des Zu­gangs der Kündi­gung zu be­stim­men. Ins­be­son­de­re in Fällen der Be­triebs­still­le­gung er­gibt sich dar­aus ein ge­rin­ge­res Schutz­ni­veau für Per­so­nen, die nach dem Wil­len des Ge­setz­ge­bers be­son­ders schutzwürdig sind und des­halb be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz ge­nießen. Denn im Fal­le ei­ner Be­triebs­still­le­gung erklärt die zuständi­ge obers­te Lan­des­behörde die Kündi­gung trotz der El­tern­zeit re­gelmäßig für zulässig (vgl. BAG, Ur­teil vom 27. Fe­bru­ar 2014 - 6 AZR 301/12 -, ju­ris, Rn. 20; Gall­ner, in: Er­fur­ter Kom­men­tar, 16. Aufl. 2016, § 18 BEEG Rn. 11; All­ge­mei­ne Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten zum Kündi­gungs­schutz bei El­tern­zeit, Ziff. 1, Ziff. 2.1.1.). Die Verzöge­rung durch das Ab­war­ten auf die­se Erklärung führt aber da­zu, dass die Kündi­gung erst außer­halb des für ei­ne Mas­sen­ent­las­sung im Sin­ne von § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG re­le­van­ten 30-Ta­ge-Zeit­raums aus­ge­spro­chen wer­den kann. Dann grei­fen die­se Schutz­me­cha­nis­men nicht.

bb) An die Recht­fer­ti­gung die­ser nach­tei­li­gen Be­hand­lung von Per­so­nen in El­tern­zeit sind we­gen des Zu­sam­men­hangs mit Art. 6 Abs. 1 GG erhöhte An­for­de­run­gen zu stel­len. Die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung kann ins­be­son­de­re nicht da­durch ge­recht­fer­tigt wer­den, dass § 18 Abs. 1 BEEG al­ter Fas­sung be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz eröff­net. Zwar kann ei­ne Be­nach­tei­li­gung grundsätz­lich durch an­der­wei­ti­ge begüns­ti­gen­de Re­ge­lun­gen aus­ge­gli­chen wer­den (vgl. BVerfGE 113, 1 <23>; zum Aus­gleich spe­zi­fi­scher Be­nach­tei­li­gung BVerfGE 74, 163 <180>; 85, 191 <207>; 92, 91 <109>). Dies ist hier je­doch nicht der Fall. Der Kündi­gungs­schutz bei Mas­sen­ent­las­sung und bei El­tern­zeit un­ter­schei­det sich; das wirkt sich auch in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on aus. So führen zwar in bei­den Fällen le­dig­lich for­ma­le Ver­let­zun­gen zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gun­gen. Je­doch sta­tu­iert § 17 KSchG höhe­re for­ma­le An­for­de­run­gen, in­dem ei­ner­seits nach Abs. 1 ei­ne An­zei­ge­pflicht ge­genüber der Agen­tur für Ar­beit be­gründet wird, um die­se frühzei­tig in die La­ge zu ver­set­zen, die Fol­gen der Ent­las­sun­gen für die Be­trof­fe­nen möglichst zu mil­dern, an­de­rer­seits nach Abs. 2 aber auch der Be­triebs­rat um­fas­send zu un­ter­rich­ten und mit ihm zu be­ra­ten ist, wel­che Möglich­kei­ten be­ste­hen, Ent­las­sun­gen zu ver­mei­den oder ein­zu­schränken (vgl. Kiel, in: Er­fur­ter Kom­men­tar, 16. Aufl. 2016, § 17 KSchG Rn. 27). Die Ge­stal­tungs­op­ti­on des Be­triebs­ra­tes und die frühzei­ti­ge Ein­schal­tung der Agen­tur für Ar­beit schon vor Aus­spruch der Kündi­gung wer­den den­je­ni­gen ge­nom­men, die auf­grund be­son­de­rer Schutz­nor­men aus dem Ver­fah­ren der Mas­sen­ent­las­sung her­aus­fal­len. Die­ser Nach­teil wird auch nicht da­durch kom­pen­siert, dass es auf­grund des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens, mit dem das Kündi­gungs­ver­bot auf­ge­ho­ben wer­den soll, re­gelmäßig zu ei­nem späte­ren Kündi­gungs­ter­min kommt.

cc) Hier wirkt sich für die Be­schwer­deführe­rin der Ver­lust der ver­fah­rens­recht­li­chen Ab­si­che­rung durch den Mas­sen­ent­las­sungs­schutz nach­tei­lig aus. Oh­ne den re­gulären Mas­sen­ent­las­sungs­schutz hat ihr Ar­beits­verhält­nis früher ge­en­det als das der an­de­ren Beschäftig­ten, de­ren Kündi­gun­gen we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen die Vor­schrif­ten des Mas­sen­ent­las­sungs­schut­zes un­wirk­sam wa­ren.

2. Die Hand­ha­bung des Kündi­gungs­schut­zes durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt verstößt im kon­kre­ten Fall zu­dem ge­gen den spe­zi­el­len Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG in sei­ner Verstärkung durch das Gleich­stel­lungs­ge­bot des Art. 3 Abs. 2 GG.

a) Nach Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG darf nie­mand we­gen sei­nes Ge­schlechts be­nach­tei­ligt oder be­vor­zugt wer­den. Das Ge­schlecht darf auch auf­grund des Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­bots in Art. 3 Abs. 2 GG grundsätz­lich nicht zum An­knüpfungs­punkt und zur Recht­fer­ti­gung für recht­lich oder fak­tisch be­nach­tei­li­gen­de Un­gleich­be­hand­lun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den. Das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot gilt auch dann, wenn ei­ne Re­ge­lung nicht auf ei­ne ver­bo­te­ne Un­gleich­be­hand­lung an­ge­legt ist, son­dern in ers­ter Li­nie - oder gänz­lich - an­de­re Zie­le ver­folgt (vgl. BVerfGE 85, 191 <206>; 121, 241 <254>). Es ist je­doch nicht ent­schei­dend, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung un­mit­tel­bar und aus­drück­lich an das Ge­schlecht an­knüpft (vgl. BVerfGE 126, 29 <53>). Ei­ne grundsätz­lich un­zulässi­ge An­knüpfung an das Ge­schlecht kann - wie nach dem Recht der Eu­ropäischen Uni­on und nach völker­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen (vgl. BVerfGE 126, 29 <53 f.>) - auch dann vor­lie­gen, wenn ei­ne ge­schlechts­neu­tral for­mu­lier­te Re­ge­lung über­wie­gend Frau­en nach­tei­lig trifft (vgl. BVerfGE 97, 35 <43>; 104, 373 <393>; 121, 241 <254 f.>), denn Art. 3 Abs. 2 GG bie­tet Schutz auch vor fak­ti­schen Be­nach­tei­li­gun­gen. Die Ver­fas­sungs­norm zielt auf die An­glei­chung der Le­bens­verhält­nis­se von Frau­en und Männern (vgl. BVerfGE 87, 1 <42>; 109, 64 <89>; 113, 1 <15>; 126, 29 <53 f.>); Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG stellt aus­drück­lich klar, dass sich das Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­bot auf die ge­sell­schaft­li­che Wirk­lich­keit er­streckt (vgl. BVerfGE 92, 91 <109>; 109, 64 <89>).

b) Die Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, ei­ne Kündi­gung un­ter­fal­le nur dann den für Mas­sen­ent­las­sun­gen gel­ten­den Re­ge­lun­gen, wenn sie in­ner­halb der 30-Ta­ge-Frist des § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG zu­ge­he, führt zu ei­ner fak­ti­schen Be­nach­tei­li­gung we­gen des Ge­schlechts. Zwar knüpft die Schlech­ter­stel­lung an die El­tern­schaft an. Doch trifft sie da­mit Frau­en in er­heb­lich höhe­rem Maß als Männer, weil El­tern­zeit je­den­falls bis­lang in evi­dent höhe­rem Maß von Frau­en in An­spruch ge­nom­men wird. So nah­men bei­spiels­wei­se im Jah­re 2013 27,7 % al­ler Mütter mit dem jüngs­ten Kind un­ter drei Jah­ren El­tern­zeit, aber nur 2,4 % der ent­spre­chen­den Väter. Im Jahr 2014 be­fan­den sich 41,5 % der er­werbstäti­gen Mütter mit dem jüngs­ten Kind un­ter drei Jah­ren, aber nur 2,0 % der ent­spre­chen­den Väter in El­tern­zeit (Er­geb­nis­se der sta­tis­ti­schen Er­he­bun­gen nach De­sta­tis, Zah­len & Fak­ten, In­di­ka­to­ren: Qua­lität der Ar­beit, Per­so­nen in El­tern­zeit, www.de­sta­tis.de - Ab­ruf 2. Mai 2016 -).

c) Die­se fak­ti­sche Schlech­ter­stel­lung der Be­schwer­deführe­rin auf­grund ih­res Ge­schlechts lässt sich ver­fas­sungs­recht­lich nicht recht­fer­ti­gen. Sind schon kei­ne vor Art. 3 Abs. 1 GG tragfähi­gen Recht­fer­ti­gungs­gründe er­sicht­lich, schei­det ei­ne Recht­fer­ti­gung der mit­tel­ba­ren ge­schlechts­spe­zi­fi­schen Dis­kri­mi­nie­rung erst recht aus (vgl. BVerfGE 126, 29 <54>, m.w.N.).

3. Die Be­nach­tei­li­gung von Per­so­nen mit be­son­de­rem Kündi­gungs­schutz lässt sich da­durch ver­mei­den, dass die ih­nen ge­genüber erklärten Kündi­gun­gen, die al­lein des­halb außer­halb des 30-Ta­ge-Zeit­raums zu­ge­hen, weil zunächst ein an­de­res, nicht gleich­wer­ti­ges behörd­li­ches Ver­fah­ren - hier die Zulässi­gerklärung nach § 18 Abs. 1 Satz 2 BEEG al­ter Fas­sung - durch­zuführen war, so be­han­delt wer­den wie Kündi­gun­gen, für die die Re­geln des Mas­sen­ent­las­sungs­schut­zes gel­ten. Bei Beschäftig­ten mit Son­derkündi­gungs­schutz gilt dann der 30-Ta­ge-Zeit­raum nach § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG auch dann als ge­wahrt, wenn die An­trag­stel­lung bei der zuständi­gen Behörde in­ner­halb die­ses Zeit­raums er­folgt ist (vgl. zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung Gie­seler, in: Gall­ner u.a., Kündi­gungs­schutz­recht, 5. Aufl. 2015, § 626 BGB Rn. 147). Die ein­schlägi­gen ge­setz­li­chen Nor­men sind in­so­fern ei­ner Aus­le­gung zugäng­lich, mit der die Kündi­gun­gen be­son­ders geschütz­ter Per­so­nen nicht iso­liert be­trach­tet wer­den (zum uni­ons­recht­lich ge­prägten Ent­las­sungs­be­griff EuGH, Ur­teil vom 27. Ja­nu­ar 2005, Junk, C-188/03, ju­ris, Rn. 39; EuGH, Ur­teil vom 30. April 2015, USDAW und Wil­son, C-80/14, ju­ris, Rn. 64).

4. Da­hin­ste­hen kann, ob auch ein Ver­s­toß ge­gen wei­te­re Grund­rech­te oder grund­rechts­glei­che Rech­te vor­liegt. Im Hin­blick auf die fest­ge­stell­ten Grund­rechts­ver­let­zun­gen be­darf es ei­ner Prüfung wei­te­rer mögli­cher Verstöße nicht (vgl. BVerfGE 42, 64 <78 f.>).

II.

Das Re­vi­si­ons­ur­teil ist gemäß § 95 Abs. 2 BVerfGG auf­zu­he­ben und die Sa­che an das Bun­des­ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.

III.

Die An­ord­nung der Aus­la­gen­er­stat­tung folgt aus § 34a Abs. 2 BVerfGG. Die Fest­set­zung des Ge­gen­stands­werts be­ruht auf § 37 Abs. 2 Satz 2 in Ver­bin­dung mit § 14 Abs. 1 RVG (vgl. BVerfGE 79, 365 <366 ff.>).

Die­se Ent­schei­dung ist un­an­fecht­bar.

Kirch­hof

Ma­sing

Ba­er

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 1 BvR 3634/13  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880