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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Versetzung: Arbeitsort, Kündigung: Änderungskündigung, Änderungskündigung, Arbeitsort , Weisungsrecht
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 10 AZR 569/12
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 28.08.2013
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 12.7.2011 - 11 Ca 2059/11
Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 22.3.2012 - 15 Sa 1204/11
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


10 AZR 569/12
15 Sa 1204/11
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Düssel­dorf

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

28. Au­gust 2013

UR­TEIL

Jatz, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 28. Au­gust 2013 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Mi­kosch, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmitz-Scho­le­mann und Mest­werdt so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schürmann und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Bick­na­se für Recht er­kannt:
 


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1. Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 22. März 2012 - 15 Sa 1204/11 - wird zurück­ge­wie­sen.


2. Die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens hat die Kläge­rin zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Kläge­rin hat die Un­wirk­sam­keit ei­ner Ver­set­zung und ei­ner vor­sorg­lich aus­ge­spro­che­nen Ände­rungskündi­gung gel­tend ge­macht.


Die Be­klag­te ist ein Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men mit Sitz in Düssel­dorf, das ne­ben Flug­ka­pitänen und Co­pi­lo­ten ca. 100 Flug­be­glei­ter beschäftigt.


Die 1969 ge­bo­re­ne Kläge­rin steht als Flug­be­glei­te­rin in den Diens­ten der Be­klag­ten. Sie war zu­letzt bei ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ge­halt von rund 2.500,00 Eu­ro von Müns­ter/Os­nabrück aus tätig.

In dem Ar­beits­ver­trag der Kläge­rin vom 8. De­zem­ber 1994 heißt es ua.: 


„1. Be­ginn der Tätig­keit

Die Mit­ar­bei­te­rin wird ab 03.12.1994 im Be­reich Flug-be­trieb, Beschäfti­gungs­ort Müns­ter/Os­nabrück, als Flug­be­glei­te­rin ein­ge­stellt.

2. Rech­te und Pflich­ten

Die Rech­te und Pflich­ten der Mit­ar­bei­te­rin er­ge­ben sich aus den ein­schlägi­gen Ge­set­zen, den je­weils gülti­gen Vergütungs­ver­ein­ba­run­gen, den Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen so­wie den Dienst­vor­schrif­ten der Eu­ro­wings AG. Durch ih­re Un­ter­schrift bestätigt die Mit­ar­bei­te­rin gleich­zei­tig den Er­halt der Be­triebs­ver­ein­ba­rung.“

Die Be­triebs­ver­ein­ba­rung Nr. 1 für das Bord­per­so­nal der Eu­ro­wings vom 15. Sep­tem­ber 1993 (im Fol­gen­den: BV Nr. 1) ist sei­ner­zeit von der Ar-
 


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beit­ge­be­rin und ei­ner in­for­mell ein­ge­rich­te­ten „Bord­ver­tre­tung“ ge­schlos­sen wor­den. § 3 Abs. 8 der BV Nr. 1 lau­tet:

„Der Mit­ar­bei­ter kann un­ter Berück­sich­ti­gung sei­ner Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten je nach be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen an ei­nen an­de­ren dienst­li­chen Wohn­sitz ver­setzt wer­den und mit an­de­ren im Rah­men der Geschäftstätig­keit des Flug­be­trie­bes der Eu­ro­wings lie­gen­den Auf-ga­ben im In- und Aus­land be­traut wer­den. Dies gilt auch bei vorüber­ge­hen­dem oder aus­hilfs­wei­sem Ein­satz in Zu­sam­men­hang mit dem Flug- und Ver­kehrs­be­trieb.“

Der Man­tel­ta­rif­ver­trag Nr. 2 für die Beschäftig­ten des Ka­bi­nen­per­so­nals der Eu­ro­wings Luft­ver­kehrs AG vom 15. März 2006 (im Fol­gen­den: MTV Nr. 2), den die Be­klag­te an­wen­det, enthält in § 4 Abs. 6 ua. die nach­fol­gen­den Re­ge­lun­gen:


„a) Der Beschäftig­te kann un­ter Berück­sich­ti­gung sei­ner Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten, je nach den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen, an ei­nen an­de­ren Ein­satz­ort ver­setzt wer­den und mit an­de­ren im Rah­men der Geschäftstätig­keit des Flug­be­trie­bes der Eu­ro­wings lie­gen­den Auf­ga­ben im In- und Aus­land be­traut wer­den. Bei Schwan­ger­schaft ist EW be­rech­tigt, die Beschäftig­te für ei­ne Diensttätig­keit am Bo­den ein-zu­set­zen, so­fern auch die Zu­stim­mung des ört­lich zuständi­gen Bo­den­be­triebs­ra­tes vor­liegt. Hier­bei sind die Be­stim­mun­gen des Mut­ter­schutz­ge­set­zes zu be­ach­ten.

b) Al­le Beschäftig­ten, die zum 01.04.2004 an ei­nen neu­en dienst­li­chen Ein­satz­ort ver­setzt wor­den sind, er­hal­ten auf An­trag die Möglich­keit, auf ei­ge­ne Kos­ten zu ih­rem ehe­ma­li­gen dienst­li­chen Ein­satz­ort oder an ei­ne 4-Ba­se-Sta­ti­on zurück­zu­keh­ren. Für die­se ein­ma­li­ge Rück­kehrmöglich­keit gilt ei­ne Ausch­luss­frist bis zum 30.06.2006. Der Rück­kehr­an­trag muss in­ner­halb die­ser Aus­schluss­frist schrift­lich bei der EW-Per­so­nal­lei­tung ein­ge­gan­gen sein. EW wird ei­ne Vor­lauf­zeit zur Um­set­zung des Rück­kehr­an­tra­ges von 3 Mo­na­ten nach An­trag­stel­lung ein­geräumt, und zwar zum Mo­nats­ers­ten des nach Ab­lauf die­ses 3-Mo­nats­zeit­raums fol­gen­den Ka­len­der­mo­nats.

Die Rück­kehrmöglich­keit gemäß b) Satz 1 gilt nicht für die Beschäftig­ten, de­nen ein un­be­fris­te­ter

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Ar­beits­ver­trag an ei­nem 4-Ba­se-Stand­ort an­ge­bo­ten wur­de.“


Un­ter dem 24. Ja­nu­ar 2011 schlos­sen die Ar­beit­ge­be­rin und die bei ihr auf der Ba­sis des Ta­rif­ver­trags Per­so­nal­ver­tre­tung Nr. 1 vom 19. März/7. April 2008 ge­bil­de­te Per­so­nal­ver­tre­tung für die Ka­bi­nen­mit­ar­bei­ter (im Fol­gen­den: PV Ka­bi­ne) ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich so­wie ei­nen So­zi­al­plan. Aus Ziff. 2 des In­ter­es­sen­aus­gleichs er­gibt sich, dass von den dienst­li­chen Ein­satz­or­ten Köln, Dort­mund, Müns­ter/Os­nabrück, Han­no­ver, München, Nürn­berg, Pa­der­born, Stutt­gart und Ber­lin aus kei­ne Einsätze von Mit­ar­bei­tern mehr er­fol­gen und da­her die die­sen Ein­satz­or­ten zu­ge­ord­ne­ten Ar­beitsplätze ge­stri­chen wer­den. Nach Ziff. 1 des In­ter­es­sen­aus­gleichs wird der Ein­satz der Mit­ar­bei­ter aus­sch­ließlich ab Düssel­dorf oder Ham­burg er­fol­gen. Die Ver­set­zun­gen sol­len zum 1. Ju­ni bzw. 1. Au­gust 2011 durch­geführt wer­den. In Härtefällen können Ar­beit­neh­mer bis zum 31. März 2014 an ih­ren bis­he­ri­gen Ein­satz­or­ten blei­ben (Ziff. 3 Buchst. e des In­ter­es­sen­aus­gleichs). Im So­zi­al­plan vom 24. Ja­nu­ar 2011 sind un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ver­schie­de­ne Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lun­gen an von Ver­set­zun­gen be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer vor­ge­se­hen.

Am 24. März 2011 überg­ab die Be­klag­te der PV Ka­bi­ne das Un­ter­rich­tungs­schrei­ben vom 23. März 2011 und bat um Zu­stim­mung zur be­ab­sich­tig­ten Ver­set­zung der Kläge­rin von ih­rem bis­he­ri­gen Ein­satz­ort nach Düssel­dorf.

Mit Schrei­ben vom 1. April 2011 teil­te die Be­klag­te der Kläge­rin mit, dass sie zum 1. Ju­ni 2011 von ih­rem bis­he­ri­gen dienst­li­chen Ein­satz­ort an den neu­en dienst­li­chen Ein­satz­ort Düssel­dorf ver­setzt wer­de. Ge­gen die­se ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Maßnah­me wehrt sich die Kläge­rin mit ih­rer Kla­ge.

Un­ter dem 31. Mai 2011 kündig­te die Be­klag­te „vor­sorg­lich“ das Ar­beits­verhält­nis zum 30. No­vem­ber 2011 und bot der Kläge­rin zu­gleich die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit neu­em dienst­li­chen Ein­satz­ort Düssel­dorf an. Die Kläge­rin nahm das Ände­rungs­an­ge­bot un­ter Vor­be­halt an. Auch ge­gen die­se Ände­rungskündi­gung wen­det sich die Kläge­rin mit der vor­lie­gen­den Kla­ge.
 


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Die Kläge­rin hat die An­sicht ver­tre­ten, die ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Maßnah­me vom 1. April 2011 sei un­wirk­sam. Es feh­le be­reits an ei­ner recht­li­chen Ver­set­zungs­grund­la­ge. Der Dienst­ort sei ver­trag­lich ver­ein­bart und könne nicht ein­sei­tig geändert wer­den. Die Ver­set­zung ent­spre­che zu­dem nicht bil­li­gem Er­mes­sen. Sie sei nicht durch be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se ge­recht­fer­tigt und tref­fe die Kläge­rin in ih­ren persönli­chen Be­lan­gen übermäßig hart. Die Per­so­nal­ver­tre­tung sei nicht ord­nungs­gemäß über die Ver­set­zung un­ter­rich­tet wor­den. Die Ände­rungskündi­gung sei so­zi­al­wid­rig.


Die Kläge­rin hat be­an­tragt 


1. fest­zu­stel­len, dass die Ver­set­zung der Be­klag­ten vom 1. April 2011 un­wirk­sam ist,

2. fest­zu­stel­len, dass die Ände­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen durch Ände­rungskündi­gung vom 31. Mai 2011 so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt und un­wirk­sam ist.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat die An­sicht ver­tre­ten, die Ver­set­zung sei nicht be­reits nach dem Ar­beits­ver­trag aus­ge­schlos­sen. Der Ver­trag le­ge den Ar­beits­ort nicht fest. Die Ver­set­zung ent­spre­che bil­li­gem Er­mes­sen. Ihr lie­ge die durch den In­ter­es­sen­aus­gleich fest­ge­schrie­be­ne un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung zu­grun­de, in Zu­kunft die Flug­be­glei­ter nur noch von Düssel­dorf und Ham­burg aus ein­zu­set­zen, wo die Umläufe hauptsächlich begönnen. Oh­ne Ver­set­zung müss­ten die nicht in Düssel­dorf oder Ham­burg sta­tio­nier­ten Flug­be­glei­ter - wie bis­her schon in er­heb­li­chem Um­fang - zu den Ab­flug­or­ten ge­bracht wer­den, was un­pro­duk­ti­ve Kos­ten ver­ur­sa­che. Die­se Flug­be­glei­ter stünden dann auf­grund der ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen über die Flug­dienst­zeit nur noch mit ge­rin­ge­ren St­un­den­zah­len zum Ein­satz zur Verfügung. Durch die Ver­la­ge­rung könne des­halb das Ar­beits­zeit­po­ten­zi­al der Flug­be­glei­ter bes­ser ge­nutzt wer­den. Die Ver­set­zung hal­te ei­ner In­ter­es­sen­abwägung stand, zu­mal die Kläge­rin mit an­de­ren be­trof­fe­nen Flug­be­glei­te­rin­nen ge­mein­sam ei­ne Woh­nung am neu­en Ein­satz­ort an­mie­ten und die sie tref­fen­den Nach­tei­le steu­er­lich gel­tend ma­chen könne. Auch se­he der So­zi­al­plan ei­nen ge­wis­sen Aus­gleich vor. Die vor­sorg­lich aus­ge­spro­che­ne Än-



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de­rungskündi­gung sei wirk­sam, weil die an­ge­bo­te­nen Ver­tragsände­run­gen aus den Gründen der Ver­set­zung ge­recht­fer­tigt sei­en.


Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin ih­re Kla­ge­anträge wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on hat kei­nen Er­folg. Die Vor­in­stan­zen ha­ben im Er­geb­nis rich­tig ent­schie­den. Die Kla­ge ist un­be­gründet.

A. Die von der Be­klag­ten aus­ge­spro­che­ne Ver­set­zung ist wirk­sam. Die Be­klag­te war nach dem Ar­beits­ver­trag nicht dar­an ge­hin­dert, der Kläge­rin in Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts ei­nen an­de­ren als den ursprüng­li­chen Ar­beits­ort zu­zu­wei­sen (zu I). Die Ver­set­zung hält auch der er­for­der­li­chen Ausübungs­kon­trol­le stand (§ 106 Ge­wO). Die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, ei­ner Abwägung der Be­lan­ge des Ar­beit­neh­mers mit de­nen des Ar­beit­ge­bers bedürfe es bei Vor­lie­gen ei­ner nicht miss­bräuch­li­chen Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung nicht, ist zwar mit § 106 Ge­wO nicht ver­ein­bar (zu II). Die­se un­zu­tref­fen­de recht­li­che Be­wer­tung hat sich je­doch auf das Er­geb­nis nicht aus­ge­wirkt. Denn die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zur Be­gründung sei­ner Ent­schei­dung selbständig tra­gend in Be­zug ge­nom­me­nen Ent­schei­dungs­gründe des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils recht­fer­ti­gen die Kla­ge­ab­wei­sung. Die vom Ar­beits­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den (zu III). Die Zu­stim­mung der Per­so­nal­ver­tre­tung gilt nach § 99 Abs. 3 Satz 2 Be­trVG als er­teilt (zu IV). Die Ände­rungs­schutz­kla­ge hat kei­nen Er­folg (zu V).


I. Das ver­trag­li­che Wei­sungs­recht der Be­klag­ten um­fasst die Be­fug­nis, der Kläge­rin nach Maßga­be des § 106 Ge­wO ei­nen an­de­ren Ein­satz­ort als den bis­he­ri­gen zu­zu­wei­sen (vgl. für ei­nen gleich ge­la­ger­ten Fall: BAG 26. Sep­tem­ber 2012 - 10 AZR 311/11 -).

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1. Bei der Prüfung der Wirk­sam­keit ei­ner Ver­set­zung, die auf Re­ge­lun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen gemäß § 305 ff. BGB be­ruht, ist zunächst durch Aus­le­gung der In­halt der ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls zu er­mit­teln (im Ein­zel­nen: BAG 25. Au­gust 2010 - 10 AZR 275/09 - Rn. 17 ff., BA­GE 135, 239). Fest­zu­stel­len ist, ob ein be­stimm­ter Tätig­keits­in­halt und Tätig­keits­ort ver­trag­lich fest­ge­legt sind und wel­chen In­halt ein ge­ge­be­nen­falls ver­ein­bar­ter Ver­set­zungs­vor­be­halt hat (BAG 26. Sep­tem­ber 2012 - 10 AZR 311/11 - Rn. 16; 19. Ja­nu­ar 2011 - 10 AZR 738/09 - Rn. 12).

a) Die Be­stim­mung ei­nes Orts der Ar­beits­leis­tung in Kom­bi­na­ti­on mit ei­ner im Ar­beits­ver­trag durch Ver­set­zungs­vor­be­halt ge­re­gel­ten Ein­satzmöglich­keit im ge­sam­ten Un­ter­neh­men ver­hin­dert re­gelmäßig die ver­trag­li­che Be­schränkung auf den im Ver­trag ge­nann­ten Ort der Ar­beits­leis­tung (BAG 26. Sep­tem­ber 2012 - 10 AZR 311/11 - Rn. 18; 19. Ja­nu­ar 2011 - 10 AZR 738/09 - Rn. 15; 13. April 2010 - 9 AZR 36/09 - Rn. 27). Es macht kei­nen Un­ter­schied, ob im Ar­beits­ver­trag auf ei­ne Fest­le­gung des Orts der Ar­beits­leis­tung ver­zich­tet und die­se dem Ar­beit­ge­ber im Rah­men von § 106 Ge­wO vor­be­hal­ten bleibt oder ob der Ort der Ar­beits­leis­tung be­stimmt, aber die Möglich­keit der Zu­wei­sung ei­nes an­de­ren Orts ver­ein­bart wird. In die­sem Fall wird le­dig­lich klar­ge­stellt, dass § 106 Satz 1 Ge­wO gel­ten und ei­ne Ver­set­zungs­be­fug­nis an an­de­re Ar­beits­or­te be­ste­hen soll.


b) Fehlt es an ei­ner Fest­le­gung des In­halts oder des Orts der Leis­tungs­pflicht im Ar­beits­ver­trag, er­gibt sich der Um­fang der Wei­sungs­rech­te des Ar­beit­ge­bers aus § 106 Ge­wO. Auf die Zulässig­keit ei­nes darüber hin­aus ver­ein­bar­ten Ver­set­zungs­vor­be­halts kommt es dann nicht an. Weist der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer ei­nen an­de­ren Ar­beits­ort zu, so un­ter­liegt dies der Ausübungs­kon­trol­le gemäß § 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 Abs. 3 BGB (BAG 26. Sep­tem­ber 2012 - 10 AZR 311/11 - Rn. 19).


2. Die Aus­le­gung des Ar­beits­ver­trags der Kläge­rin er­gibt, dass ihr Ein­satz­ort nicht ver­trag­lich fest­ge­legt ist.
 


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a) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist da­von aus­ge­gan­gen, dass es sich bei dem Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen han­delt, auf die die Vor­schrif­ten des § 305 ff. BGB zur An­wen­dung kom­men. Die Par­tei­en sind die­ser an­ge­sichts des Er­schei­nungs­bil­des des Ar­beits­ver­trags sich auf­drängen­den An­nah­me nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten. Die Aus­le­gung All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen durch das Be­ru­fungs­ge­richt un­ter­liegt der vol­len re­vi­si­ons­recht­li­chen Nach­prüfung (BAG 24. Ok­to­ber 2007 - 10 AZR 825/06 - Rn. 15, BA­GE 124, 259).


b) Der Ar­beits­ver­trag enthält kei­ne das Di­rek­ti­ons­recht be­schränken­de Fest­le­gung des Ar­beits­orts.


aa) Un­ter Ziff. 1 des Ar­beits­ver­trags ist vor­ge­se­hen, dass die Kläge­rin am Beschäfti­gungs­ort Müns­ter/Os­nabrück „ein­ge­stellt“ wird. Dar­in liegt kei­ne ver­trag­li­che Be­schränkung des Di­rek­ti­ons­rechts auf Müns­ter/Os­nabrück als Ar­beits­ort. Die be­tref­fen­de Pas­sa­ge des Ver­trags ist mit „Be­ginn der Tätig­keit“ über­schrie­ben und legt le­dig­lich fest, wo die Ar­beit­neh­me­rin bei Ver­trags­be­ginn ih­re Ar­beit auf­neh­men soll. Die Re­ge­lung be­stimmt nicht den In­halt der ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung, son­dern den Ort ih­rer erst­ma­li­gen Ausübung. Die Re­ge­lung in § 3 Abs. 8 BV Nr. 1, nach der der Mit­ar­bei­ter un­ter Berück­sich­ti­gung sei­ner Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten an ei­nen an­de­ren dienst­li­chen Wohn­sitz ver­setzt wer­den kann, be­schreibt den Um­fang des Wei­sungs­rechts, der aus­drück­lich auch die Ar­beits­leis­tung an an­de­ren Or­ten ein­sch­ließt.


(1) Die BV Nr. 1 ist un­strei­tig kei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung iSd. Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes. Sie gilt dem­nach nicht auf­grund von § 77 Abs. 4 Be­trVG.


(2) Bei der BV Nr. 1 han­delt es sich um vom Ar­beit­ge­ber oh­ne kol­lek­tiv­recht­li­che Grund­la­ge mit Ver­tre­tern der Be­leg­schaft ver­ab­re­de­te All­ge­mei­ne Ar­beits­be­din­gun­gen. Sie gel­ten nur dann, wenn die Par­tei­en des Ar­beits­ver­trags ih­re Gel­tung wirk­sam ver­ein­bart ha­ben.


(3) Letz­te­res ist hier der Fall. Im Ar­beits­ver­trag ist die Gel­tung der „Be­triebs­ver­ein­ba­rung“ aus­drück­lich vor­ge­se­hen. Ge­meint war die BV Nr. 1. Ein Ex­em­plar wur­de der Kläge­rin bei Ver­trags­schluss aus­gehändigt.

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(4) Die da­mit ge­ge­be­ne Be­zug­nah­me auf die All­ge­mei­nen Ar­beits­be­din­gun­gen (BV Nr. 1) als sol­che ist nicht nach § 305 ff. BGB zu be­an­stan­den. So­weit al­ler­dings auf die „je­wei­li­ge“ Fas­sung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung Be­zug ge­nom­men wird, dürf­te dies nach § 308 Nr. 4 BGB un­wirk­sam sein (vgl. BAG 11. Fe­bru­ar 2009 - 10 AZR 222/08 - Rn. 23 ff.; vgl. auch Preis NZA 2010, 361). Hier­auf kommt es aber nicht an, da es al­lein um die bei Ver­trags­schluss aus­gehändig­te Fas­sung geht.


(5) Die in Be­zug ge­nom­me­ne Klau­sel ist hin­rei­chend ein­deu­tig, trans­pa­rent und an­ge­mes­sen. Sie knüpft die Ausübung des Wei­sungs­rechts in Be­zug auf den Ar­beits­ort an be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se und enthält da­mit je­den­falls nicht we­ni­ger stren­ge Vor­aus­set­zun­gen als das Ge­setz.


bb) Zusätz­lich ist die Ver­set­zungs­be­fug­nis durch § 4 Abs. 6 Buchst. a MTV Nr. 2, der für die Par­tei­en kraft Ver­bands­zu­gehörig­keit gilt und eben­falls ei­ne Ver­set­zungsmöglich­keit bei be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen vor­sieht, ge­ge­ben. Der Wort­laut der Re­ge­lung ist na­he­zu iden­tisch mit § 3 Abs. 8 BV Nr. 1.

c) Et­was an­de­res er­gibt sich nicht aus den im Be­reich der Luft­fahrt gel­ten­den Re­ge­lun­gen über Flug-, Dienst- und Ru­he­zei­ten. Nach § 20 Arb­ZG iVm. § 5 Abs. 1 der Zwei­ten Durchführungs­ver­ord­nung zur Be­triebs­ord­nung für Luft­fahrt­gerät (2. DV Luft­BO) bzw. nach Art. 1 iVm. Ziff. 3.1 des An­hangs III Ab­schn. Q OPS 1.1090 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 859/2008 vom 20. Au­gust 2008 (ABl. EU L 254 vom 20. Sep­tem­ber 2008 S. 1, 223) ist die Be­klag­te ver­pflich­tet, für je­des Be­sat­zungs­mit­glied ei­ne Hei­mat­ba­sis an­zu­ge­ben. Aus die­sen Vor­schrif­ten er­gibt sich aber nicht die Ver­pflich­tung, die Hei­mat­ba­sis ar­beits­ver­trag­lich so fest­zu­schrei­ben, dass ei­ne Ände­rung nur im We­ge ei­ner Ände­rungskündi­gung er­fol­gen könn­te. Viel­mehr schließen auch die­se Vor­schrif­ten nicht aus, dass der Ar­beit­ge­ber im Rah­men der ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen im We­ge des Di­rek­ti­ons­rechts die Hei­mat­ba­sis verändert und ge­genüber dem Be­sat­zungs­mit­glied neu be­nennt.


d) Die Ar­beits­pflicht der Kläge­rin hat sich nicht da­durch auf den bis­he­ri­gen Ein­satz­ort räum­lich kon­kre­ti­siert, dass die Kläge­rin seit Ver­trags­be­ginn im We-


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sent­li­chen von dort aus tätig ge­we­sen ist. Ei­ne den Ar­beits­ver­trag abändern­de Ver­ein­ba­rung ha­ben die Par­tei­en nicht - ins­be­son­de­re auch nicht still­schwei­gend - ge­trof­fen.


aa) Es ist nicht grundsätz­lich aus­ge­schlos­sen, dass Ar­beits­pflich­ten sich, oh­ne dass darüber aus­drück­li­che Erklärun­gen aus­ge­tauscht wer­den, nach länge­rer Zeit auf be­stimm­te Ar­beits­be­din­gun­gen kon­kre­ti­sie­ren (vgl. BAG 17. Au­gust 2011 - 10 AZR 202/10 - Rn. 19 mwN). Die Nicht­ausübung des Di-rek­ti­ons­rechts über ei­nen länge­ren Zeit­raum schafft aber re­gelmäßig kei­nen Ver­trau­en­stat­be­stand da­hin ge­hend, dass der Ar­beit­ge­ber von die­sem ver­trag­lich und/oder ge­setz­lich ein­geräum­ten Recht in Zu­kunft kei­nen Ge­brauch mehr ma­chen will. Die Nicht­ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts hat kei­nen Erklärungs­wert. Nur beim Hin­zu­tre­ten be­son­de­rer Umstände, auf­grund de­rer der Ar­beit­neh­mer dar­auf ver­trau­en darf, dass er nicht in an­de­rer Wei­se ein­ge­setzt wer­den soll, kann es durch kon­klu­den­tes Ver­hal­ten zu ei­ner ver­trag­li­chen Be­schränkung der Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts kom­men (vgl. BAG 17. Au­gust 2011 - 10 AZR 202/10 - aaO).


bb) Der­ar­ti­ge be­son­de­re Umstände hat die Kläge­rin nicht vor­ge­tra­gen. Sie sind auch an­sons­ten nicht er­sicht­lich. Al­lein die lan­ge Ver­weil­dau­er am bis­he­ri­gen Ein­satz­ort lässt kei­nen Rück­schluss dar­auf zu, die Par­tei­en hätten - in Abände­rung ih­res Ver­trags - nun­mehr den bis­he­ri­gen Ort zum ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ar­beits­ort be­stimmt. Zu Recht weist das Lan­des­ar­beits­ge­richt dar­auf hin, dass sich Ge­gen­tei­li­ges nicht aus § 4 Abs. 6 MTV Nr. 2 er­gibt. Das Rück­kehr-recht nach des­sen Buchst. b sagt nichts darüber aus, ob die vor­an­ge­gan­ge­ne Be­stim­mung des Ein­satz­orts auf ei­ner Ver­tragsände­rung oder der Ausübung des Wei­sungs­rechts be­ruh­te.


e) Die Auf­fas­sung der Re­vi­si­on, es han­de­le sich bei der Maßnah­me der Be­klag­ten des­halb um ei­ne nur durch Ände­rungskündi­gung durch­setz­ba­re Ver­tragsände­rung, weil die Ver­set­zung mit ei­nem beträcht­li­chen Ein­griff in das Verhält­nis von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung so­wie in wei­te­re maßgeb­li­che In­ter­es­sen der Kläge­rin ver­bun­den sei, greift nicht durch.



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aa) Mit der Ver­set­zung greift die Be­klag­te nicht in das vom Ver­trag fest­ge­leg­te Verhält­nis von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung ein. Die Dau­er der Ar­beits­zeit hat sich eben­so we­nig geändert wie die Höhe der für die Ar­beit zu leis­ten­den Vergütung. Geändert hat sich zu ei­nem ge­wis­sen Teil die von der Kläge­rin während der Ar­beits­zeit zu er­brin­gen­de Tätig­keit. Sie be­steht im We­sent­li­chen nur noch aus der an Bord ver­brach­ten Zeit. Ei­nen An­spruch, die Ar­beits­zeit nicht mit der Ar­beit an Bord zu ver­brin­gen, hat die Kläge­rin nicht. Sie muss jetzt er­heb­lich höhe­re Rei­se­kos­ten für die We­ge zwi­schen Woh­nung und Ar­beits­ort tra­gen. Dies erhöht die mit der Be­rufs­ausübung ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen, ver­rin­gert je­doch nicht die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ar­beits­vergütung.

bb) Auch die wei­te­ren Be­ein­träch­ti­gun­gen des persönli­chen Le­bens der Kläge­rin führen nicht da­zu, dass die Ausübung des Wei­sungs­rechts al­lein um des­wil­len die recht­li­che Qua­lität ei­ner Ver­tragsände­rung auf­wie­se. Die­se Um-stände sind viel­mehr, eben­so wie die Erhöhung der fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen, bei der Ausübungs­kon­trol­le im Rah­men der Prüfung, ob die Be­klag­te bei der Ver­set­zung bil­li­ges Er­mes­sen ge­wahrt hat, zu berück­sich­ti­gen.

II. Die Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, es ha­be bei der hier ge­ge­be­nen Sach­la­ge ei­ner um­fas­sen­den Ausübungs­kon­trol­le nach § 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 BGB in Be­zug auf die Ver­set­zung nicht be­durft, ist un­zu­tref­fend. Sie steht mit dem Ge­setz nicht im Ein­klang.


1. Dem In­ha­ber des Be­stim­mungs­rechts nach § 106 Ge­wO, § 315 Abs. 1 BGB ver­bleibt auch im Fal­le der Ver­set­zung für die rechts­ge­stal­ten­de Leis­tungs­be­stim­mung ein - hier frei­lich auf be­trieb­li­che Gründe be­schränk­ter - nach bil­li­gem Er­mes­sen aus­zufüllen­der Spiel­raum. In­ner­halb des Spiel­raums können dem Be­stim­mungs­be­rech­tig­ten meh­re­re Ent­schei­dungsmöglich­kei­ten zur Verfügung ste­hen. Dem Ge­richt ob­liegt nach § 315 Abs. 3 Satz 1 BGB die Prüfung, ob der Ar­beit­ge­ber als Gläubi­ger die Gren­zen sei­nes Be­stim­mungs­rechts be­ach­tet hat (vgl. BAG 13. Ju­ni 2012 - 10 AZR 296/11 - Rn. 28; BGH 18. Ok­to­ber 2007 - III ZR 277/06 - Rn. 20, BGHZ 174, 48).
 


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2. Die Leis­tungs­be­stim­mung nach bil­li­gem Er­mes­sen (§ 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 BGB) ver­langt ei­ne Abwägung der wech­sel­sei­ti­gen In­ter­es­sen nach ver­fas­sungs­recht­li­chen und ge­setz­li­chen Wer­tent­schei­dun­gen, den all­ge­mei­nen Wer­tungs­grundsätzen der Verhält­nismäßig­keit und An­ge­mes­sen­heit so­wie der Ver­kehrs­sit­te und Zu­mut­bar­keit. In die Abwägung sind al­le Umstände des Ein­zel­falls ein­zu­be­zie­hen. Hier­zu gehören die Vor­tei­le aus ei­ner Re­ge­lung, die Ri­si­ko­ver­tei­lung zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en, die bei­der­sei­ti­gen Bedürf­nis­se, außer­ver­trag­li­che Vor- und Nach­tei­le, Vermögens- und Ein­kom­mens­verhält­nis­se so­wie so­zia­le Le­bens­verhält­nis­se wie fa­mi­liäre Pflich­ten und Un­ter­halts­ver­pflich­tun­gen (BAG 13. April 2010 - 9 AZR 36/09 - Rn. 40; 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 404/08 - Rn. 22; be­reits auch: 28. No­vem­ber 1989 - 3 AZR 118/88 - zu II 1 a der Gründe, BA­GE 63, 267).

a) Be­ruht die Wei­sung auf ei­ner un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung, so kommt die­ser be­son­de­res Ge­wicht zu. Ei­ne un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung führt aber nicht da­zu, dass die Abwägung mit In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wäre und sich die Be­lan­ge des Ar­beit­neh­mers nur in dem vom Ar­beit­ge­ber durch die un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung ge­setz­ten Rah­men durch­set­zen könn­ten. Das un­ter­neh­me­ri­sche Kon­zept ist zwar nicht auf sei­ne Zweckmäßig­keit hin zu über­prüfen. Die Ar­beits­ge­rich­te können vom Ar­beit­ge­ber nicht ver­lan­gen, von ihm nicht ge­woll­te Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Wohl aber kann die Abwägung mit den Be­lan­gen des Ar­beit­neh­mers er­ge­ben, dass ein Kon­zept auch un­ter Ver­zicht auf die Ver­set­zung durch­setz­bar war.


b) Die ge­gen­tei­li­ge Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts fin­det im Ge­setz kei­ne Stütze; § 106 Ge­wO ver­langt ei­ne um­fas­sen­de und of­fe­ne Abwägung al­ler in Be­tracht kom­men­den Be­lan­ge (BAG 17. Au­gust 2011- 10 AZR 202/10 - Rn. 28 ff.). Die un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung ist da­bei ein wich­ti­ger, aber nicht der al­lei­ni­ge, son­dern re­gelmäßig nur ei­ner un­ter meh­re­ren Abwägungs­ge­sichts­punk­ten. Im Ein­zel­fall können be­son­ders schwer­wie­gen­de, zB auch ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers ent­ge­gen­ste­hen (vgl. Be­ckOK ArbR/Till­manns Stand 1. März 2013 Ge­wO § 106 Rn. 52


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mit zahl­rei­chen Nach­wei­sen). Es kommt dar­auf an, ob das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der Durch­set­zung sei­ner Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dung auch im Ein­zel­fall die Wei­sung recht­fer­tigt (BAG 13. Ju­ni 2012 - 10 AZR 296/11 - Rn. 31). Das ist der Fall, wenn die zu­grun­de lie­gen­de un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung die Ver­set­zung auch an­ge­sichts der für den Ar­beit­neh­mer ent­ste­hen­den Nach­tei­le na­he­legt und sie nicht willkürlich oder miss­bräuch­lich er­schei­nen lässt (BAG 26. Sep­tem­ber 2012 - 10 AZR 412/11 - Rn. 37).


3. Ei­ne so­zia­le Aus­wahl wie im Fall des § 1 Abs. 3 KSchG fin­det nicht statt. So­weit es auf die Zu­mut­bar­keit des neu zu­ge­wie­se­nen Ar­beits­orts an­kommt, kann aus den so­zi­al­recht­li­chen Re­geln über die Zu­mut­bar­keit ei­ner Beschäfti­gung kein be­last­ba­rer Maßstab für die ar­beits­recht­li­che Be­ur­tei­lung des Er­mes­sens­ge­brauchs nach § 106 Satz 1 Ge­wO, § 315 BGB bei ei­ner Ver­set­zung ab­ge­lei­tet wer­den (vgl. BAG 17. Au­gust 2011 - 10 AZR 202/10 - Rn. 22, 25).

III. Die An­wen­dung die­ser Maßstäbe auf den Streit­fall er­gibt, dass die Ver­set­zung der Kläge­rin bil­li­gem Er­mes­sen ent­spricht. Die Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, ei­ne ein­zel­fall­be­zo­ge­ne In­ter­es­sen­abwägung ha­be in Fällen der vor­lie­gen­den Art nicht statt­zu­fin­den, steht zwar, wie aus­geführt, nicht mit dem Ge­setz im Ein­klang. Je­doch ist die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt als selbständig tra­gen­de Ent­schei­dungs­be­gründung in Be­zug ge­nom­me­ne Würdi­gung des Ar­beits­ge­richts, die Be­klag­te ha­be bei der Ausübung ih­res Wei­sungs­rechts bil­li­ges Er­mes­sen (§ 106 Ge­wO, § 315 BGB) ge­wahrt, re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.


1. Zu­tref­fend ist die Würdi­gung, dass auf Sei­ten der Be­klag­ten die un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung zur Neu­ord­nung der Sta­tio­nie­rung der Flug­be­glei­ter zu berück­sich­ti­gen ist. Die Zweckmäßig­keit die­ser Neu­ord­nung war auch kei­ner Kon­trol­le zu un­ter­zie­hen. Es sind kei­ne An­halts­punk­te dafür er­sicht­lich, die Neu­ord­nung sei et­wa nur vor­ge­scho­ben, um lästig ge­wor­de­ne Ver­trags­pflich­ten ab­zuschütteln. An­zei­chen für Miss­bräuch­lich­keit der Re­or­ga­ni­sa­ti­on als sol­cher sind nicht er­kenn­bar. An­ge­sichts des Um­stands, dass die Be­klag­te seit dem Ju­ni 2010 ih­re Flug­umläufe na­he­zu aus­sch­ließlich von Düssel­dorf und Ham-
 


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burg be­gin­nen ließ, ist die Ent­schei­dung, dort auch die Flug­be­glei­ter zu sta­tio­nie­ren, na­he­lie­gend. Auch die von der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten Auf­stel­lun­gen über die Aus­las­tung des Per­so­nals mit Flug­ar­beits­zeit zei­gen, dass die ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen ein­leuch­tend sind. Das gilt selbst dann, wenn die Be­klag­te nicht aus je­der ein­zel­nen Ver­set­zung fi­nan­zi­el­len Nut­zen zieht. Ei­ner durch vie­le Ein­zel­maßnah­men um­ge­setz­ten Neu­ord­nung kann die Plau­si­bi­lität nicht mit der Be­gründung ab­ge­spro­chen wer­den, ei­ner oder meh­re­re Teil­ak­te sei­en für sich ge­nom­men nicht ge­winn­brin­gend. Für die Be­ur­tei­lung der un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung ist viel­mehr ihr Ge­samt­kon­zept maßgeb­lich. Die Ent­schei­dung ist er­sicht­lich nicht et­wa nur für ei­nen kur­zen Zeit­raum oder un­ter dem Vor­be­halt als­bal­di­ger Ände­rung ge­trof­fen wor­den. Viel­mehr zeu­gen die um­fang­rei­chen Re­or­ga­ni­sa­tio­nen der Be­klag­ten von dem an­hal­tend, ernst­haft und nach­drück­lich ver­folg­ten Be­stre­ben, ih­re Tätig­keit auf die bei­den Or­te Ham­burg und Düssel­dorf zu kon­zen­trie­ren. Auch der Ab­schluss von In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan so­wie ins­be­son­de­re die Zu­sa­ge, bis zum Jahr 2015 kei­ne be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen aus­zu­spre­chen, zei­gen, dass die Ent­schei­dung der Be­klag­ten auf lang­fris­ti­gen Über­le­gun­gen und Be­rech­nun­gen be­ruht.


2. Das In­ter­es­se der Kläge­rin an der Bei­be­hal­tung ih­res bis­he­ri­gen Ein­satz­orts muss dem­ge­genüber zurück­tre­ten. Un­zu­mut­ba­re persönli­che, fa­mi­liäre oder sons­ti­ge außer­ver­trag­lich ent­stan­de­ne Be­las­tun­gen hat die Kläge­rin nicht vor­ge­tra­gen. Von Be­deu­tung ist da­bei, dass der Tätig­keit ei­ner Flug­be­glei­te­rin ei­ne ge­wis­se Vo­la­ti­lität stets in­ne­wohnt und die Er­war­tung der so­zia­len und sons­ti­gen Vor­tei­le ei­nes orts­fes­ten Ar­beits­ein­sat­zes zu dau­er­haft un­veränder­ten Zei­ten vom Ver­trags­zweck von vorn­her­ein nicht ge­deckt sein kann. Die Ver­set­zung un­ter­streicht die­se Be­son­der­hei­ten, ver­ur­sacht sie aber nicht. Die zwei­fel­los auf­tre­ten­den Un­be­quem­lich­kei­ten und zusätz­lich ent­ste­hen­den Kos­ten muss die Kläge­rin hin­neh­men, wie das Ar­beits­ge­richt nach­voll­zieh­bar an­ge­nom­men hat. Sie ge­hen im Grund­satz nicht über das hin­aus, was Ar­beit­neh­mern re­gelmäßig zu­ge­mu­tet wird, nämlich die Be­las­tun­gen des Wegs zur und von der Ar­beit zu tra­gen. Auf­grund des ab­ge­schlos­se­nen So­zi­al­plans gewährt die Be­klag­te ei­nen nicht un­be­acht­li­chen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich. Ins­be­son-
 


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de­re hat­te die Kläge­rin auch die Möglich­keit, den Miss­lich­kei­ten ei­ner länge­ren An­fahrt zum Ar­beits­ort durch ei­nen Um­zug aus­zu­wei­chen.


IV. Die Ver­set­zung ist nicht nach § 117 Abs. 2, § 99 Be­trVG un­wirk­sam. Die Be­klag­te hat die PV Ka­bi­ne mit Schrei­ben vom 23. März 2011 un­ter­rich­tet. In­wie­fern die Un­ter­rich­tung nicht aus­rei­chend ge­we­sen sein soll, ist nicht er­kenn­bar. Der an­ge­ge­be­ne Ver­set­zungs­grund war die Re­du­zie­rung der Ein­satz­or­te auf zwei. Da­mit war nicht aus­ge­schlos­sen, dass über­g­angs­wei­se noch ein­zel­ne Umläufe von an­de­ren Ein­satz­or­ten aus statt­fan­den. Ins­be­son­de­re sieht die im In­ter­es­sen­aus­gleich vor­ge­se­he­ne Härte­fall­re­ge­lung ei­ne zeit­li­che Über­g­angs­pha­se für die Ver­set­zun­gen aus­drück­lich vor. All dies ändert nichts an der für die Ver­set­zung maßgeb­li­chen Grund­ent­schei­dung. Dass die Be­klag­te ihr be­kann­te und we­sent­li­che Umstände ge­genüber der PV Ka­bi­ne ver­schwie­gen hätte, ist nicht er­sicht­lich. Die Per­so­nal­ver­tre­tung hat auch kei­ne Nach­fra­gen an­ge­bracht. Nach § 99 Abs. 3 Satz 2 Be­trVG gilt ih­re Zu­stim­mung als er­teilt.


V. Die er­ho­be­ne Ände­rungs­schutz­kla­ge ist un­be­gründet. Hat der Ar­beit­neh­mer - wie hier - das Ände­rungs­an­ge­bot des Ar­beit­ge­bers un­ter Vor­be­halt an­ge­nom­men und Ände­rungs­schutz­kla­ge nach § 4 Satz 2 KSchG er­ho­ben, strei­ten die Par­tei­en nicht über die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und da­mit nicht über die Rechts­wirk­sam­keit der aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung, son­dern nur über die Be­rech­ti­gung des An­ge­bots auf Ände­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen. Streit­ge­gen­stand der Ände­rungs­schutz­kla­ge ist al­lein der In­halt der für das Ar­beits­verhält­nis gel­ten­den Ver­trags­be­din­gun­gen (BAG 19. Ju­li 2012 - 2 AZR 25/11 - Rn. 20; 26. Ja­nu­ar 2012 - 2 AZR 102/11 - Rn. 13, BA­GE 140, 328; 26. Au­gust 2008 - 1 AZR 353/07 - Rn. 17). Vom Ar­beit­ge­ber er­streb­te Ände­run­gen, die sich schon durch die Ausübung des Wei­sungs­rechts gemäß § 106 Satz 1 Ge­wO durch­set­zen las­sen, hal­ten sich im Rah­men der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen und sind kei­ne „Ände­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen“ iSv. § 2 Satz 1, § 4 Satz 2 KSchG. Soll der be­ste­hen­de Ver­trags­in­halt nicht geändert wer­den, liegt in Wirk­lich­keit kein Ände­rungs­an­ge­bot vor; die ver­meint­lich erst her­bei­zuführen­den Ver­trags­be­din­gun­gen gel­ten be­reits. Die Ände­rungskündi­gung ist „überflüssig“. Ei­ne Ände­rungs­schutz­kla­ge ist dann un-
 


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be­gründet (BAG 19. Ju­li 2012 - 2 AZR 25/11 - Rn. 21; 26. Ja­nu­ar 2012 - 2 AZR 102/11 - Rn. 14, aaO).

B. Die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens fal­len der Kläge­rin nach § 97 Abs. 1 ZPO zur Last.

Mi­kosch 

Mest­werdt 

Schmitz-Scho­le­mann

Schürmann 

R. Bick­na­se

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