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Eu­ro­pa­rechts­wid­ri­ge Ar­beits­zei­ten bei der Feu­er­wehr

Was tun bei Ver­wei­ge­rung der 48-St­un­den­wo­che?: In ei­ni­gen Bun­des­län­dern ent­spre­chen die Ar­beits­zei­ten für Feu­er­wehr­be­am­te im­mer noch nicht den Vor­ga­ben der Ar­beits­zeit­richt­li­nie
Europafahne

22.06.2009. Die Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 04.11.2003 (Richt­li­nie 2003/88/EG) - "Ar­beits­zeit­richt­li­nie" - schreibt in Art.6 Buch­sta­be b vor, dass die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maß­nah­men tref­fen müs­sen, da­mit die durch­schnitt­li­che Ar­beits­zeit der Ar­beit­neh­mer pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum 48 St­un­den ein­schließ­lich der Über­stun­den nicht über­schrei­tet.

Die­se Re­ge­lung war schon in der na­mens­glei­chen Vor­gän­ger­richt­li­nie vom 23.11.1993 (Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23.11.1993) ent­hal­ten und als de­ren Be­stand­teil bin­nen drei Jah­ren, d.h. bis zum 13.12.1996 in na­tio­na­les Recht um­zu­set­zen.

Au­ßer­dem hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) in vie­len Ent­schei­dun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re auch den al­ler­letz­ten Zwei­fel dar­an aus­ge­räumt, dass Be­reit­schafts­dienst­zei­ten in vol­lem Um­fang als Ar­beits­zei­ten an­zu­se­hen sind. Und selbst­ver­ständ­lich gel­ten die recht­li­chen Vor­ga­ben der Ar­beits­zeit­rich­li­nie auch für Feu­er­wehr­be­am­te (EuGH, Be­schluss vom 14.07.2005, Rs. C-52/04 - Per­so­nal­rat der Feu­er­wehr Ham­burg).

Trotz­dem se­hen die ar­beits­zeit­li­chen Re­ge­lun­gen für Be­am­te der Be­rufs­feu­er­wehr in ei­ni­gen Bun­des­län­dern im­mer noch aus, als gä­be es kei­ne Ar­beits­zeit­rich­li­nie und kei­nen EuGH. Für die Be­trof­fe­nen stellt sich da­her die Fra­ge nach ih­ren recht­li­chen Mög­lich­kei­ten, ge­rin­ge­re Be­reit­schafts­dienst­zei­ten und/oder ei­ne bes­se­re Be­zah­lung der ge­leis­te­ten Mehr­ar­beit durch­zu­set­zen.

Unzureichende Umsetzung der Arbeitszeitrichtlinie im Bereich der Berufsfeuerwehren

Seit dem im Jah­re 2000 er­gan­ge­nen SI­MAP-Ur­teil des EuGH steht fest, dass Be­reit­schafts­dienst­zei­ten in vol­lem Um­fang als Ar­beits­zei­ten im Sin­ne des EU-Ar­beits­zeit­rechts, d.h. der Ar­beits­zeit­rich­li­nie gel­ten (EuGH, Ur­teil vom 03.10.2000, Rs. C-303/98 - SI­MAP).

Und die Schutz­nor­men die­ser Richt­li­nie sind wie erwähnt nach ei­nem Be­schluss des EuGH vom 14.07.2005 (Rs. C-52/04 - Per­so­nal­rat der Feu­er­wehr Ham­burg) auch auf Feu­er­wehr­be­am­te an­zu­wen­den. Auch Tätig­kei­ten, die von Ein­satz­kräften ei­ner staat­li­chen Feu­er­wehr aus­geübt wer­den, fal­len in der Re­gel in den An­wen­dungs­be­reich der Ar­beits­zeit­richt­li­ni­en, so dass die wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit von 48 St­un­den ein­sch­ließlich der Be­reit­schafts­dienst­zei­ten auch für Feu­er­wehr­be­am­te gilt.

Die Bun­desländer, in de­ren Ver­ant­wor­tungs­be­reich die Fest­set­zung der Ar­beits­zei­ten der Lan­des­be­am­ten und zu­gleich auch die Or­ga­ni­sa­ti­on der Be­rufs­feu­er­weh­ren fällt, ha­ben bis­lang nur in ei­ni­gen Fällen die Kon­se­quen­zen aus den vor­ste­hen­den eu­ro­pa­recht­li­chen An­for­de­run­gen an das na­tio­na­le Ar­beits­zeit­recht ge­zo­gen.

Zwar schreibt das Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) die 48-St­un­den­wo­che als Kon­se­quenz der sonntägli­chen Ar­beits­ru­he (§ 9 Arb­ZG) und des Acht­stun­den­tags (§ 3 Arb­ZG) im Grund­satz fest, doch gilt das Arb­ZG nur für Ar­beit­neh­mer und nicht für Be­am­te. Und da­her fin­den sich in ei­ni­gen Bun­desländern im­mer noch Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen (wie zum Bei­spiel in Ber­lin die Ar­beits­zeit­ver­ord­nung vom 16.02.2004, GVBl S.516), die es er­lau­ben, die re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit der Be­am­ten auf über 50 St­un­den fest­zu­le­gen, wenn die Ar­beit ganz oder teil­wei­se in Be­reit­schafts­dienst be­steht.

Die Fra­ge, wel­che Rech­te (Feu­er­wehr-)Be­am­te ha­ben, wenn sie wei­ter­hin "be­harr­lich" über 48 St­un­den pro Wo­che hin­aus zum (Be­reit­schafts-) Dienst her­an­ge­zo­gen wer­den, ist in der letz­ten Zeit mehr­fach ge­richt­lich ent­schie­den wor­den.

Gibt es einen Anspruch auf Freizeitausgleich oder auf Überstundenvergütung?

Die Lan­des­be­am­ten­ge­set­ze se­hen - wie auch der für Bun­des­be­am­te gel­ten­de § 72 BBG - vor, dass der Be­am­te da­zu ver­pflich­tet ist, oh­ne Vergütung über die re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit hin­aus Dienst zu tun, wenn zwin­gen­de dienst­li­che Verhält­nis­se dies er­for­dern und sich die Mehr­ar­beit auf Aus­nah­mefälle be­schränkt.

Über­steigt die an­ge­ord­ne­te oder ge­neh­mig­te Mehr­ar­beit al­ler­dings fünf St­un­den im Mo­nat, so ist im all­ge­mei­nen Frei­zeit­aus­gleich zu gewähren. Ist die­ser aus zwin­gen­den Gründen nicht möglich, "kann" für ei­nen Zeit­raum von bis zu 480 St­un­den im Jahr ei­ne Vergütung gewährt wer­den.

Hierfür wie­der­um gibt es ei­ne zu § 48 Bun­des­be­sol­dungs­ge­setz er­las­se­ne Ver­ord­nung der Bun­des­re­gie­rung, nämlich die Ver­ord­nung über die Gewährung von Mehr­ar­beits­vergütung für Be­am­te (BM­VergV).

§ 3 Abs.1 MVergV er­laubt ei­ne "Über­stun­den­vergütung" aber nur dann,

  • wenn mehr als fünf St­un­den Mehr­ar­beit pro Mo­nat ge­leis­tet wur­den,
  • wenn die Mehr­ar­beit schrift­lich an­ge­ord­net oder ge­neh­migt wur­de und
  • wenn ein Frei­zeit­aus­gleich aus zwin­gen­den dienst­li­chen Gründen in­ner­halb ei­nes Jah­res nicht möglich ist. Außer­dem kann ei­ne Mehr­ar­beits­vergütung für höchs­tens 480 St­un­den pro Jahr ge­leis­tet wer­den (§ 3 Abs.2 MVergV).

Gestützt auf die­se Re­ge­lun­gen hat die ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung bis­lang fol­gen­de Grundsätze auf­ge­stellt:

Im all­ge­mei­nen gibt es kei­nen An­spruch auf zusätz­li­che Be­zah­lung von rechts­wid­rig an­ge­ord­ne­ter Ar­beits­zeit, da An­spruchs­grund­la­ge hierfür al­lein § 3 Abs.1, 2 MVergV sei. Die­se Re­ge­lung setzt aber die schrift­li­che An­ord­nung oder Ge­neh­mi­gung der Mehr­ar­beit vor­aus, was ei­ne Er­mes­sens­ent­schei­dung im Ein­zel­fall meint und nur bei rechtmäßiger Her­an­zie­hung zum Dienst denk­bar ist. Die ge­ne­rel­le und rechts­wid­ri­ge Dienst­ge­stal­tung erfüllt die Vor­aus­set­zun­gen von § 3 MVergV da­her nicht.

Aus die­sen Gründen müss­te man kon­se­quen­ter­wei­se auch ei­nen An­spruch auf Frei­zeit­aus­gleich ab­leh­nen, da auch die­ser gemäß den be­am­ten­ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen vor­aus­setzt, dass die Mehr­ar­beit im Ein­zel­fall und in rechtmäßiger Wei­se "an­ge­ord­net" oder "ge­neh­migt" wur­de - und auch das ist bei all­ge­mein rechts­wid­ri­gen Dienst­zei­ten nicht der Fall. Hier je­doch macht die Recht­spre­chung seit ei­nem Ur­teil des BVerwG vom 28.05.2003 (2 C 27/02) ei­ne Aus­nah­me:

Der An­spruch des Be­am­ten auf Frei­zeit­aus­gleich bei ge­ne­rell un­rechtmäßiger Her­an­zie­hung zur Ar­beit soll sich aus dem Prin­zip von "Treu und Glau­ben" er­ge­ben, falls sich die un­rechtmäßige Her­an­zie­hung zum Dienst auf mehr als fünf St­un­den pro Mo­nat beläuft (OVG NRW, Ur­teil vom 13.10.2005, 1 A 2724/04, Rn.101; VG Göttin­gen, Ur­teil vom 01.02.2006, 3 A 172/04, Rn.52; OVG Saar­louis, Ur­teil vom 19.07.2006, 1 R 20/05, 1.a) der Gründe; VG Mag­de­burg, Ur­teil vom 26.09.2006, 5 A 412/05, Rn.27; VG Bre­men, Ur­teil vom 24.04.2007, 6 K 1008/04).

Was können Betroffene tun?

Es ist den Be­trof­fe­nen da­zu zu ra­ten, schrift­lich ei­nen Aus­gleich von Mehr­ar­beit zu be­an­tra­gen, falls die Mehr­ar­beit un­ter Ein­schluss von Be­reit­schafts­diens­ten die Gren­ze von 48 St­un­den pro Wo­che über­steigt. Der Aus­gleich für die jen­seits die­ser Gren­ze lie­gen­den Wo­chen­stun­den ist in Form von Frei­zeit­aus­gleich, hilfs­wei­se bei ent­ge­gen­ste­hen­den dienst­li­chen Gründen in Form von Mehr­ar­beits­vergütung zu be­an­tra­gen.

Ei­ne Mehr­ar­beits­vergütung ist in der bis­lang veröffent­lich­ten Recht­spre­chung zwar noch nicht zu­ge­spro­chen wor­den, doch ist auch die Zu­er­ken­nung des für den Dienst­herrn fi­nan­zi­ell "harm­lo­se­ren" Frei­zeit­aus­gleichs sys­tem­wid­rig, d.h. mit den o.g. Rechts­vor­schrif­ten an sich nicht ver­ein­bar.

Je­den­falls dann, wenn der aus "Treu und Glau­ben" fol­gen­de Frei­zeit­aus­gleich aus dienst­li­chen Gründen nicht möglich ist, müss­te das Prin­zip von Treu und Glau­ben auch ei­nen An­spruch auf Mehr­ar­beits­vergütung her­ge­ben (vgl. an­deu­tungs­hal­ber OVG NRW, Ur­teil vom 13.10.2005, 1 A 2724/04, Rn.85: "in ers­ter Li­nie").

Soll­te dem An­trag nicht ent­spro­chen wer­den, kann der Dienst­herr auf Zah­lung von Mehr­ar­beits­vergütung, hilfs­wei­se auf Gewährung von Frei­zeit­aus­gleich ver­klagt wer­den.

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Letzte Überarbeitung: 7. Dezember 2016

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