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Bun­des­ar­beits­ge­richt ur­teilt zu Kün­di­gung we­gen In­ter­net­nut­zung.

Kün­di­gung we­gen In­ter­net­nut­zung oh­ne Ab­mah­nung nur, wenn Aus­fall­zei­ten er­heb­lich sind und vom Ar­beit­ge­ber nach­ge­wie­sen wer­den kön­nen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31.05.2007, 2 AZR 200/06

05.06.2007. Ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung kann der Ar­beit­ge­ber im All­ge­mei­nen nur aus­spre­chen, wenn er ei­nen ähn­li­chen Pflicht­ver­stoß des Ar­beit­neh­mers be­reits in der Ver­gan­gen­heit ein­mal ab­ge­mahnt hat. Denn nur dann steht auf­grund der Ab­mah­nung fest, dass ei­ne noch­ma­li­ge Ab­mah­nung als mil­de­res Mit­tel im Ver­gleich zur Kün­di­gung nicht sinn­voll wä­re.

Im Aus­nah­me­fall kann der Ar­beit­ge­ber aber auch oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung ver­hal­tens­be­dingt kün­di­gen, doch muss der Pflicht­ver­stoß dann au­ßer­or­dent­lich gra­vie­rend sein. 

Ei­ne sol­che "ab­mah­nungs­lo­se" Kün­di­gung kann im Ein­zel­fall auch we­gen "aus­ufern­der" pri­va­ter In­ter­net­nut­zung in Be­tracht kom­men. Al­ler­dings muss der Ar­beit­ge­ber dann den ex­tre­men zeit­li­chen Um­fang der Ab­we­sen­heit des Ar­beit­neh­mers von der Ar­beit kon­kret nach­wei­sen kön­nen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31.05.2007, 2 AZR 200/06.

Kann der Arbeitgeber auch ohne vorherige Abmahnung wegen privaten Surfens im Internet kündigen?

In den letz­ten Jah­ren hat­te die Recht­spre­chung im­mer wie­der Fälle zu ent­schei­den, in de­nen Ar­beit­neh­mern we­gen der Nut­zung des be­trieb­li­chen Zu­gangs zum In­ter­net, d.h. we­gen "Sur­fens" im In­ter­net am Ar­beits­platz während der Ar­beit­zeit gekündigt wor­den war.

Un­strei­tig ist mitt­ler­wei­le, dass ein sol­ches Ver­hal­ten ei­ne Kündi­gung recht­fer­tigt, wenn es zu­vor un­ter­sagt wor­den war und/oder wenn der Ar­beit­ge­ber vor Aus­spruch ei­ner Kündi­gung ei­ne Ab­mah­nung aus­ge­spro­chen hat­te.

Pro­ble­ma­tisch sind da­ge­gen Fälle, in de­nen der Ar­beit­ge­ber die Pri­vat­nut­zung des In­ter­nets oh­ne vor­he­ri­ge An­wei­sun­gen und oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung zum An­lass für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung nimmt.

Hier gibt es zwei mitt­ler­wei­le an­er­kann­te Fall­grup­pen, in de­nen die Recht­spre­chung sol­che Kündi­gun­gen ak­zep­tiert:

Zur ei­nen Fall­grup­pe gehören Fälle, in de­nen der Ar­beit­neh­mer - vor al­lem durch Auf­ru­fen kom­mer­zi­el­ler por­no­gra­phi­scher oder gar kin­der­por­no­gra­phi­scher Sei­ten - ei­ne Rufschädi­gung des Ar­beit­ge­bers her­beiführt oder ris­kiert.

Zur an­de­ren Grup­pe zählen Fälle, in de­nen die Pri­vat­nut­zung des In­ter­net ein so ex­tre­mes zeit­li­ches Aus­maß an­ge­nom­men hat, dass dem (oft stun­den­lang sur­fen­den) Ar­beit­neh­mer der Vor­wurf des Ar­beits­zeit­be­trugs ge­macht wer­den kann.

Frag­lich ist bei die­ser - zwei­ten - Fall­grup­pe im­mer wie­der, wie ge­nau der Ar­beit­ge­ber zur Fra­ge der in­ter­net­be­ding­ten Ar­beits­versäum­nis vor­tra­gen muss.

Der Streitfall: Bauleiter ruft vom Dienst-PC aus Internetseiten mit pornografischem Inhalt ab und speichert Bilder ab

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer war bei dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber als Bau­lei­ter beschäftigt. Für sei­ne Tätig­keit stand ihm ein dienst­li­cher PC zur Verfügung, den er nicht al­lein nutz­te und für des­sen Nut­zung der Ar­beit­ge­ber kei­ne Vor­ga­ben ge­macht hat­te.

Bei ei­ner Kon­trol­le des PC stell­te der Ar­beit­ge­ber fest, dass von ihm aus häufig In­ter­net­sei­ten mit vor­wie­gend ero­ti­schem oder por­no­gra­fi­schem In­halt auf­ge­ru­fen und dass Bild­da­tei­en mit sol­chem In­halt ab­ge­spei­chert wor­den wa­ren.

Mit Schrei­ben vom 06.12.2004 kündig­te der Ar­beit­ge­ber das Ar­beits­verhält­nis aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen frist­ge­recht, oh­ne den Ar­beit­neh­mer vor­her ab­ge­mahnt zu ha­ben. Auf das Ar­beits­verhält­nis fand das Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) An­wen­dung.

Der Ar­beit­neh­mer er­hob ge­gen die Kündi­gung Kla­ge und hat­te vor dem Ar­beits­ge­richt Er­folg, wo­hin­ge­gen das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz die Kla­ge ab­wies. Der Ar­beit­ge­ber be­rief sich im Pro­zess vor al­lem dar­auf, der Ar­beit­neh­mer ha­be die während der pri­va­ten In­ter­net­nut­zung nicht er­le­dig­te Ar­beit in Über­stun­den nach­ge­holt und sich die­se ge­son­dert vergüten las­sen.

BAG: Bei einer abmahnungslosen Kündigung wegen "ausufernden" Surfens im Internet muss der Arbeitgeber die Ausfallzeiten konkret belegen können

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schied für den Ar­beit­neh­mer, d.h. hob das klag­ab­wei­sen­de Ur­teil des LAG Rhein­land-Pfalz auf und ver­wies den Rechts­streit zur wei­te­ren Aufklärung an das LAG zurück. Zur Be­gründung heißt es:

Auch wenn der Ar­beit­ge­ber die pri­va­te Nut­zung des In­ter­nets nicht aus­drück­lich un­ter­sagt hat, kann das Pri­vat­sur­fen ei­ne so er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung dar­stel­len, dass der Ar­beit­ge­ber auch bei An­wend­bar­keit des KSchG zu ei­ner or­dent­li­chen ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung be­rech­tigt ist, und zwar aus­nahms­wei­se so­gar oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung.

Ob der durch das Pri­vat­sur­fen be­gan­ge­ne Pflicht­ver­s­toß aber das für ei­ne sol­che Kündi­gung er­for­der­li­che Ge­wicht hat, hängt vom zeit­li­chen Um­fang ab, so das BAG. Kon­kret kommt es auf die Versäum­ung be­zahl­ter Ar­beits­zeit an und auf die sons­ti­gen Umständen, d.h. auf die Art und Wei­se der Nut­zung, auf tech­ni­sche Ge­fahr und/oder auf ei­ne mögli­che Rufschädi­gung des Ar­beit­ge­bers.

Da­mit be­kräftigt das BAG die Li­nie, die es be­reits mit Ur­teil vom 07.07.2005 (2 AZR 581/04) vor­ge­ge­ben hat­te.

Im vor­lie­gen­den Fall hielt das BAG die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen zum Um­fang der Zeit­versäum­nis und zu ggf. zusätz­lich be­gan­ge­nen Pflicht­ver­let­zun­gen für nicht aus­rei­chend, d.h. das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat­te es sich "zu leicht ge­macht".

Fa­zit: Bei Kündi­gun­gen we­gen pri­va­ter Nut­zung des In­ter­nets oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung muss der Ar­beit­ge­ber im De­tail zur Fra­ge der durch das Pri­vat­sur­fen be­ding­ten Zeit­versäum­nis vor­tra­gen, was ggf. mit der Aus­wer­tung von Log­files bzw. ge­spei­cher­ten Zu­griffs­zei­ten ge­lin­gen kann.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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