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Bun­des­ar­beits­ge­richt stärkt Rech­te Be­hin­der­ter

Das Ver­bot der be­hin­de­rungs­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung ge­mäß § 81 Abs.2 Nr.1 und 2 SGB IX al­te Fas­sung setzt kei­ne Schwer­be­hin­de­rung vor­aus: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 03.04.2007, 9 AZR 823/06

20.06.2007. In § 81 Abs.2 Nr.1 und 2 SGB Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) - al­te Fas­sung - fin­det sich ein Ver­bot der be­hin­de­rungs­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung von Ar­beit­neh­mern. Die­ses Ver­bot ist seit Au­gust letz­ten Jah­res im All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­gestz (AGG) ent­hal­ten.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung klar­ge­stellt, dass die­ses ge­setz­li­che Ver­bot auch Ar­beit­neh­mer schützt, die zwar be­hin­dert sind, aber nicht zu­gleich auch schwer­be­hin­dert im Sin­ne des SGB IX.

Ein Ver­stoß ge­gen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot setzt da­her zwar ei­ne Be­hin­de­rung des Ar­beit­neh­mers, aber kei­ne Schwer­be­hin­de­rung vor­aus: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 03.04.2007, 9 AZR 823/06.

Ist das Verbot der Diskriminierung wegen einer Behinderung vom Grad der Behinderung abhängig?

Nach § 81 Abs.2 Nr.1, 2 SGB IX in der vor dem In­kraft­tre­ten des AGG gel­tend Fas­sung hat­te ein schwer­be­hin­der­ter Mensch ei­nen An­spruch auf an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung in Geld, wenn er bei der Be­gründung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses we­gen sei­ner Be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wird.

Die­ser An­spruch ist seit In­kraft­tre­ten des AGG am 18.08.2006 in § 15 AGG ent­hal­ten. Nach dem Wort­laut des SGB IX gal­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot und Entschädi­gungs­norm aber nur dann, wenn der Be­trof­fe­ne schwerbe­hin­dert war, d.h. be­hin­dert mit ei­nen Grad der Be­hin­de­rung von min­des­tens 50 oder ei­nem Schwer­be­hin­der­ten "gleich­ge­stellt" war.

Dem­ge­genüber er­fasst der Be­griff der "Be­hin­de­rung" nach der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) im Sin­ne der Richt­li­nie 2000/78/EG vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf je­de Ein­schränkung, die auf phy­si­sche, geis­ti­ge oder psy­chi­sche Be­ein­träch­ti­gun­gen zurück­zuführen ist und die ein länger an­dau­ern­des Hin­der­nis für die Teil­ha­be am Be­rufs­le­ben bil­det.

Vor die­sem Hin­ter­grund ent­schied das BAG über die Fra­ge, ob § 81 Abs.2 Nr.1, 2 SGB IX al­te Fas­sung auch auf Be­hin­der­te An­wen­dung fin­det, die ei­nen Grad der Be­hin­de­rung von we­ni­ger als 50 auf­wei­sen und auch kei­ne Gleich­stel­lung er­wirkt ha­ben. Die­se Fra­ge hat nun­mehr das BAG im Sin­ne der be­hin­der­ten Men­schen geklärt: BAG, Ur­teil vom 03.04.2007, 9 AZR 823/06

Der Streitfall: Stellenbewerberin mit Neurodermitis wird wegen ihrer Krankheit nicht bei der Parkraumüberwachung eingestellt

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin war we­gen ei­ner Neu­ro­der­mi­tis seit lan­gem be­hin­dert mit ei­nem Grad von 40. Ei­nen An­trag auf Gleich­stel­lung mit ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen hat­te sie nicht ge­stellt.

Im Ok­to­ber 2003 be­warb sie die Kläge­rin beim Land Ber­lin als An­ge­stell­te für den Be­reich Park­raum­be­wirt­schaf­tung und nahm er­folg­reich an der An­stel­lungs­prüfung teil. Bei der ärzt­li­chen Eig­nungs­un­ter­su­chung leg­te sie den Be­scheid des Ver­sor­gungs­am­tes über ih­re Be­hin­de­rung vor.

Dar­auf­hin teil­te ihr das Land Ber­lin mit, dass sie we­gen ih­rer Neu­ro­der­mi­tis für die Tätig­keit im Be­reich der Park­raum­be­wirt­schaf­tung nicht ver­wen­dungsfähig sei und da­her nicht ein­ge­stellt wer­den würde. Ih­re Be­wer­bung sei mit­hin er­folg­los.

Die Be­wer­be­rin zog vor Ge­richt und klag­te auf ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung we­gen der aus ih­rer Sicht er­lit­te­nen be­hin­de­rungs­be­ding­ten Be­nach­tei­li­gung.

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin gab der Kla­ge statt und ver­ur­teil­te die Be­klag­te zu ei­ner Entschädi­gung in Höhe von 12.000,00 EUR. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin wies die Kla­ge da­ge­gen ab. Hier­ge­gen leg­te die Kläge­rin Re­vi­si­on beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein.

BAG: Das Verbot der Diskriminierung wegen einer Behinderung gilt für jeden Grad der Behinderung

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hob das Be­ru­fungs­ur­teil auf und wies die Sa­che zur er­neu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück. Zur Be­gründung heißt es:

Der An­spruch auf Gel­dentschädi­gung we­gen un­ge­recht­fer­tig­ter Be­nach­tei­lung bei der Be­gründung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses gemäß § 81 Abs.2 Nr.1 und 2 SGB IX in der bis zum 17.08.2006 gel­ten­den Fas­sung set­ze ei­ne Ver­let­zung des in die­ser Vor­schrift ge­re­gel­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots vor­aus. Die­ses gel­te nur für Schwer­be­hin­der­te mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von min­des­tens 50 bzw. für Gleich­ge­stell­te.

Da der Ge­setz­ge­ber ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts mit § 81 Abs. 2 SGB IX die Richt­li­nie 2000/78/EG im Hin­blick auf das Merk­mal "Be­hin­de­rung" nicht ord­nungs­gemäß um­ge­setzt ha­be, müsse § 81 Abs. 2 Nr. 1 SGB IX eu­ro­pa­rechts­kon­form aus­ge­legt wer­den.

Nach der Recht­spre­chung des EuGH lie­ge ei­ne Be­hin­de­rung im Sin­ne der Richt­li­nie be­reits bei je­der phy­si­schen, geis­ti­gen und psy­chi­schen Be­ein­träch­ti­gung vor, die ein länger an­dau­ern­des Hin­der­nis für die Teil­ha­be am Be­rufs­le­ben dar­stel­le. Auf ei­nen be­stimm­ten Grad der Be­hin­de­rung kom­me es nach die­ser Recht­spre­chung nicht an. Dies müsse da­her auch für den An­wen­dungs­be­reich des § 81 Abs. 2 SGB IX gel­ten.

Fa­zit: Im Er­geb­nis konn­te sich die Kläge­rin da­her im vor­lie­gen­den Fall auf das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot be­ru­fen. Ob auch ei­ne Entschädi­gung zu zah­len war, muss­te al­ler­dings noch näher auf­geklärt wer­den.

In die­sem Zu­sam­men­hang kann der Ar­beit­ge­ber mit sog. be­rufs­be­zo­ge­nen An­for­de­run­gen ar­gu­men­tie­ren, d.h. er kann die Schlech­ter­stel­lung ei­nes be­hin­der­ten Men­schen je nach La­ge des Fal­les da­mit recht­fer­ti­gen, dass die zu be­set­zen­de Stel­le mit ob­jek­ti­ven An­for­de­run­gen ver­bun­den ist, die der be­hin­der­te Be­wer­ber nicht erfüllt.

Das LAG hat­te da­her näher auf­zuklären, ob die Tätig­keit der Kläge­rin im Be­reich der Park­raum­be­wirt­schaf­tung mit be­stimm­ten An­for­de­run­gen an die körper­li­che Funk­ti­on, die geis­ti­ge Fähig­keit oder die see­li­sche Ge­sund­heit ver­bun­den ist und ob die Kläge­rin die­se Vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2013

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