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Dis­kri­mi­nie­rung: Ab­fin­dungs­kür­zung für Ar­beit­neh­mer im ren­ten­na­hen Al­ter

Se­hen So­zi­al­plä­ne ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen für Ar­beit­neh­mer im ren­ten­na­hen Al­ter vor, liegt dar­in kei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.11.2008, 1 AZR 475/07

16.12.2008. Vie­le So­zi­al­plä­ne se­hen für Ar­beit­neh­mer im ren­ten­na­hen Al­ter ei­ge­ne Ab­fin­dungs­re­ge­lun­gen vor, die zu deut­lich ge­rin­ge­ren Ab­fin­dun­gen füh­ren als bei jün­ge­ren Ar­beit­neh­mern.

Für die be­trof­fe­nen ist das schwer zu ver­ste­hen, denn aus ih­rer Sicht soll die Ab­fin­dung ih­re lang­jäh­ri­ge Leis­tung für den Be­trieb ho­no­rie­ren. Und sie se­hen sich in­fol­ge ih­res Al­terrs dis­kri­mi­niert.

So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen sol­len aber meist nicht die Le­bens­leis­tung ho­no­rie­ren, son­dern die ent­las­sungs­be­ding­ten wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le aus­glei­chen, und die sind nun ein­mal bei Ar­beit­neh­mern im ren­ten­na­hen Al­ter deut­lich ge­rin­ger als bei Ar­beit­neh­mern im Al­ter zwi­schen 45 und 60 Jah­ren. Da­her dür­fen So­zi­al­plä­ne auch künf­tig für Ar­beit­neh­mer im "ren­ten­na­hen" Al­ter deut­lich ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen vor­se­hen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.11.2008, 1 AZR 475/07.

Ist es altersdiskriminierend, wenn Sozialpläne geringere Abfindungen für Arbeitnehmer im "rentennahen" Alter vorsehen?

Bei ei­ner Be­triebsände­rung kann der Be­triebs­rat ei­nen So­zi­al­plan er­zwin­gen, mit dem die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le aus­ge­gli­chen oder ab­ge­mil­dert wer­den, die den Ar­beit­neh­mern in­fol­ge ei­ner Be­triebsände­rung ent­ste­hen. Die wich­tigs­te und am häufigs­ten ver­ein­bar­te So­zi­al­plan­leis­tung be­steht in Ab­fin­dun­gen, die Ar­beit­neh­mer be­an­spru­chen können, wenn sie we­gen der Be­triebsände­rung ent­las­sen wer­den.

Bei der Aus­ar­bei­tung ei­nes So­zi­al­plans müssen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat dar­auf ach­ten, dass Be­nach­tei­li­gun­gen von Ar­beit­neh­mern we­gen ih­res Al­ters ver­mie­den wer­den. Sol­che Be­nach­tei­li­gun­gen sind ge­setz­lich, nämlich durch § 75 Abs.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ver­bo­ten.

Trotz die­ses Ver­bots ent­hal­ten So­zi­alpläne oft Re­ge­lun­gen, de­nen zu­fol­ge Ar­beit­neh­mer ab ei­nem ge­wis­sen Al­ter ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen als jünge­re Kol­le­gen be­an­spru­chen können. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) sind der­ar­ti­ge Un­gleich­be­hand­lun­gen im Hin­blick auf § 75 Abs.1 Be­trVG zulässig, wenn dafür ein sach­li­cher Grund vor­liegt.

Die­ser kann dar­in be­ste­hen, dass den älte­ren Ar­beit­neh­mern we­ni­ger schwe­re wirt­schaft­li­che Nach­tei­le durch die Be­triebsände­rung ent­ste­hen, da sie (bzw. wenn sie) An­spruch ei­ne Ren­te ha­ben, so zum Bei­spiel in Form ei­ner Al­ters­ren­te we­gen Schwer­be­hin­de­rung.

Die Berück­sich­ti­gung ge­setz­li­cher Ren­ten­ansprüche bei So­zi­al­plan-Ab­fin­dungs­for­meln ist nach der Recht­spre­chung grundsätz­lich kei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters. Ob die in ei­nem So­zi­al­plan vor­ge­se­he­ne Kürzung rech­tens ist, rich­tet sich un­ter an­de­rem da­nach, wie hoch die Ge­samt­leis­tun­gen und die ein­zel­nen Ab­fin­dun­gen aus­fal­len.

Frag­lich ist, ob die­se Recht­spre­chung auch im Hin­blick auf das im All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ent­hal­te­ne Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung aus Al­ters­gründen gilt. Und wenn die vor­zei­ti­ge Ren­ten­be­rech­ti­gung auf ei­ner Be­hin­de­rung des Ar­beit­neh­mers be­ruht, stellt sich wei­ter­hin die Fra­ge, ob ei­ne ge­rin­ge­re Ab­fin­dung nicht ge­gen das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung verstößt.

Über die­se Fra­gen hat das BAG mit Ur­teil vom 11.11.2008 (1 AZR 475/07) in ei­nem Fall ent­schie­den, bei dem ein So­zi­al­plan für Ar­beit­neh­mer ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen vor­sah, wenn die Ar­beit­neh­mer im An­schluss an die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te be­an­spru­chen konn­ten.

Der Streitfall: Betriebsbedingt gekündigter schwerbehinderter 60jähriger Arbeitnehmer möchte eine höhere Abfindung, die der Sozialplan für jüngere Arbeitnehmer vorsieht

Der Ar­beit­ge­ber kündig­te den schwer­be­hin­der­ten Kläger, ei­nen langjährig beschäftig­ten Bau­ma­schi­nenführer, we­gen der Sch­ließung ei­ner Nie­der­las­sung or­dent­lich per En­de 2005. Der Kläger war zu die­sem Zeit­punkt ge­ra­de 60 Jah­re alt ge­wor­den und zur vor­zei­ti­gen In­an­spruch­nah­me von Al­ters­ren­te be­rech­tigt. Nach­dem er in der ers­ten Hälf­te des Jah­res 2006 zunächst Ar­beits­lo­sen­geld I in An­spruch ge­nom­men hat­te, be­zog er seit Au­gust 2006 vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te mit ei­nem Ab­schlag von 7,5 %. Ab De­zem­ber 2008 hat­te er An­spruch auf un­ge­min­der­te Al­ters­ren­te.

Der für den Kläger gel­ten­de So­zi­al­plan sah vor, dass Ar­beit­neh­mer, die nach Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te mit Ab­schlägen be­an­spru­chen konn­ten, für je­den Mo­nat der vor­zei­ti­gen In­an­spruch­nah­me der Ren­te ei­ne Ab­fin­dung von pau­schal 160,00 EUR, ins­ge­samt höchs­tens 9.600,00 EUR brut­to er­hal­ten sol­len.

Während die nor­ma­le So­zi­al­plan-Ab­fin­dung für den Kläger auf­grund der Dau­er sei­ner Be­triebs­zu­gehörig­keit, sei­nes Al­ters, sei­ner Schwer­be­hin­de­rung und sei­nes Mo­nats­ein­kom­mens 51.747,23 EUR be­tra­gen hätte, er­hielt er we­gen der Son­der­re­ge­lung für ren­ten­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer nur 5.600,00 EUR Ab­fin­dung.

Der Kläger zog vor das Ar­beits­ge­richt Köln und klag­te die Dif­fe­renz zur "nor­ma­len" Ab­fin­dung ein, im­mer­hin 46.147,23 EUR. Das Ar­beits­ge­richt Köln wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 22.12.2006, 11 Ca 2183/06). Auch die Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln blieb er­folg­los, d.h. das LAG bestätig­te die Kla­ge­ab­wei­sung durch das Ar­beits­ge­richt (LAG Köln, Ur­teil vom 04.07.2007, 14 Sa 201/07).

BAG: Sozialpläne dürfen geringere Abfindungen für vorzeitig rentenberechtigte Arbeitnehmer vorsehen, auch zulasten behinderter Arbeitnehmer

Das BAG wies die Re­vi­si­on des Ar­beit­neh­mers zurück. Zur Be­gründung heißt es in der bis­lang al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

So­zi­alplänen können für Ar­beit­neh­mer, die An­spruch auf vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te ha­ben, ge­rin­ge­re Ab­fin­dungs­ansprüche vor­se­hen. Das gilt auch, wenn der Ren­ten­be­zug mit Ab­schlägen ver­bun­den ist. So­zi­alpläne die­nen nämlich gemäß § 112 Abs.1 Satz 2 Be­trVG dem Aus­gleich oder der Mil­de­rung wirt­schaft­li­cher Nach­tei­le, die Ar­beit­neh­mern in­fol­ge von Be­triebsände­run­gen entstünden. Da­her ha­ben So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen ei­ne „zu­kunfts­be­zo­ge­ne Aus­gleichs- und Über­brückungs­funk­ti­on“, so die Er­fur­ter Rich­ter.

Da­her können die Be­triebs­par­tei­en bei der Be­wer­tung die­ser Nach­tei­le ge­setz­li­che Ren­ten berück­sich­ti­gen. Zwar knüpfen recht­li­che Ansprüche auf vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­ten meist an ein be­stimm­tes Le­bens­al­ter, an das Ge­schlecht oder an ei­ne Schwer­be­hin­de­rung an, so dass ei­ne mit der Ren­ten­be­rech­ti­gung be­gründe­te Min­de­rung ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung auf ei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen die­ser Merk­ma­le hin­ausläuft. Trotz­dem sieht das BAG in der Berück­sich­ti­gung sol­cher Ren­ten we­der ei­ne Ver­let­zung des be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes noch ein Ver­s­toß ge­gen das im AGG ent­hal­te­ne Ver­bot, Per­so­nen we­gen ei­nes die­ser Merk­ma­le zu be­nach­tei­li­gen.

Fa­zit: Ge­rin­ge­re Ab­fin­dung für "Ren­ten­na­he" sind nach An­sicht des BAG we­der ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung beim The­ma Ab­fin­dung noch ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer. Die Be­triebs­part­ner können bei der Aus­ge­stal­tung von So­zi­alplänen ei­ne Re­du­zie­rung von Ab­fin­dungs­ansprüchen zu­las­ten von Ar­beit­neh­mern in ren­ten­na­hem Al­ter in sehr weit­ge­hen­dem Um­fang nach ih­rem Er­mes­sen vor­neh­men.

Dem­ent­spre­chend ha­ben auch unlängst das Ar­beits­ge­richt We­sel (Ur­teil vom 14.02.2008, 5 Ca 3251/07) und in der Be­ru­fung darüber das LAG Düssel­dorf (Ur­teil 22.08.2008, 10 Sa 573/08) ei­ne Min­de­rung von So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen für Ar­beit­neh­mer ab dem 60. Le­bens­jahr für nicht dis­kri­mi­nie­rend bzw. für zulässig ge­hal­ten. In die­sem Fall ver­min­der­te sich die So­zi­al­plan­ab­fin­dung ab dem 60. Le­bens­jahr für je­den wei­te­ren Mo­nat um 1/60stel.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ur­teils­gründe im Voll­text und ei­ne Be­spre­chung der Ur­teils­gründe fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 30. Juni 2016

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