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Bun­des­ar­beits­ge­richt be­stä­tigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers für Er­zie­he­rin­nen­stel­le in Mäd­chen­in­ter­nat.

Müs­sen Er­zie­her in ei­nem Mäd­chen­in­ter­nat auch nachts Auf­sicht in den Schlaf­räu­men füh­ren, kön­nen männ­li­che Be­wer­ber ab­ge­lehnt wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 28.05.2009, 8 AZR 536/08

29.05.2009. Vor gut ei­nem Jahr hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz ent­schie­den, dass der Trä­ger ei­nes Gym­na­si­ums bei der Be­set­zung ei­ner Er­zie­he­rin­nen­stel­le für ein von ihm be­trie­be­nes Mäd­chen­in­ter­nat die Aus­schrei­bung auf weib­li­che Be­wer­ber be­schrän­ken darf, wenn die Tä­tig­keit auch Nacht­diens­te im In­ter­nat be­inhal­ten soll (LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 20.03.2008, 2 Sa 51/08 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/088 Männ­li­che Er­zie­her im Mäd­chen­in­ter­nat?).

In dem Ver­fah­ren hat­te ein we­gen sei­nes Ge­schlechts ab­ge­lehn­ter männ­li­cher Be­wer­ber auf Ent­schä­di­gung we­gen ei­ner an­geb­li­chen ge­schlechts­be­zo­ge­nen Dis­kri­mi­nie­rung ge­klagt und da­mit vor dem LAG kei­nen Er­folg ge­habt.

Die­se Ent­schei­dung des LAG Rhein­land-Pfalz hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ges­tern be­stä­tigt und da­her die Re­vi­si­on des männ­li­chen Be­wer­bers zu­rück­ge­wie­sen: BAG, Ur­teil vom 28.05.2009, 8 AZR 536/08.

Wann stehen Wünsche der Kunden nach bestimmten Eigenschaften der Kundenbetreuer einer Gleichbehandlung von Bewerbern entgegen?

Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) un­ter­sagt Be­nach­tei­li­gun­gen im Be­rufs­le­ben aus Gründen des Ge­schlechts (§ 1 AGG), ins­be­son­de­re bei der Ein­stel­lung von Ar­beit­neh­mern (§ 2 AGG, § 7 AGG).

Da­her müssen freie Stel­len im all­ge­mei­nen ge­schlechts­neu­tral aus­ge­schrie­ben wer­den, d.h. der Ar­beit­ge­ber darf im all­ge­mei­nen bei der Stel­len­aus­schrei­bung nicht ver­laut­ba­ren las­sen, dass er nur Be­wer­ber mit dem „pas­sen­den“ Ge­schlecht sucht (§ 11 AGG). Ein Ver­s­toß ge­gen die­se Pflicht stellt da­her in der Re­gel ei­ne recht­lich ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar.

Ei­ne Aus­nah­me von dem Grund­satz der Gleich­be­hand­lung der Ge­schlech­ter bei der Ein­stel­lung macht das Ge­setz, wenn das Ge­schlecht we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ dar­stellt (§ 8 Abs.1 AGG).

Fälle, die ein­deu­tig un­ter die­se Aus­nah­me­vor­schrift fal­len (weib­li­che Opern­rol­le, Tor­wart ei­ner Hand­ball-Her­ren­mann­schaft), sind sel­ten - und noch sel­te­ner Ge­gen­stand recht­li­cher Strei­tig­kei­ten.

Um­strit­ten sind da­ge­gen die Fälle, in de­nen der Ar­beit­ge­ber bei der Stel­len­aus­schrei­bung ein Ge­schlecht of­fen be­vor­zugt und sich da­bei zur Recht­fer­ti­gung auf „Vor­lie­ben“ sei­ner Kun­den („cust­o­m­er pre­fe­ren­ces“) oder Mit­ar­bei­ter be­ruft.

Lässt man die­ses Ar­gu­ment zu häufig gel­ten, be­steht die Ge­fahr, dass die - vor­han­de­nen oder nur be­haup­te­ten? - Kun­den­vor­lie­ben zur Ver­fes­ti­gung ge­schlechts­be­zo­ge­ner Vor­ur­tei­le führen, d.h. zu sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­ten Be­nach­tei­li­gun­gen, die das AGG ge­ra­de zurück­drängen möch­te.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat­te ges­tern über ei­nen sol­chen Fall der vom Ar­beit­ge­ber be­haup­te­ten Kun­denwünsche zu ent­schei­den (BAG, Ur­teil vom 28.05.2009, 8 AZR 536/08).

Der Streitfall: Männlicher Bewerber für eine Erzieherinnenstelle im Mädcheninternat wird wegen seines Geschlechts abgelehnt

Das Land Rhein­land-Pfalz hat­te für ein von ihm be­trie­be­nes Mädchen­in­ter­nat im We­ge ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung ei­ne „Er­zie­he­rin/Sport­leh­re­rin oder So­zi­alpädago­gin“ ge­sucht, d.h. aus­drück­lich nur ei­ne weib­li­che Lehr­kraft.

Ein männ­li­cher Be­wer­ber, von Be­ruf Di­plom-So­zi­alpädago­ge, hat­te sich ver­geb­lich um die­se Stel­le be­wor­ben. In der Ab­sa­ge wur­de ihm mit­ge­teilt, bei der Stel­len­be­set­zung könn­ten aus­sch­ließlich weib­li­che Kan­di­da­ten berück­sich­tigt wer­den, da die Stel­len­in­ha­be­rin auch Nacht­diens­te im Mädchen­in­ter­nat leis­ten müsse.

Der Be­wer­ber sah sich we­gen sei­nes Ge­schlechts dis­kri­mi­niert und zog vor Ge­richt. Da­bei hat­te er in der ers­ten In­stanz Er­folg, d.h. das Ar­beits­ge­richt Trier ver­ur­teil­te das Land Rhein­land-Pfalz zur Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung (Ur­teil vom 21.11.2007, 1 Ca 1288/07).

Da­ge­gen hob das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz das Ur­teil auf und wies die Kla­ge ab (LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 20.03.2008, 2 Sa 51/08). Zur Be­gründung ver­weist das LAG im we­sent­li­chen dar­auf, dass zu den Pflich­ten der ein­zu­stel­len­den Lehr­kraft auch die Be­treu­ung von Mädchen während der Nacht, d.h. im Nacht­dienst gehören würde. Hier­bei müsse die Schu­le bzw. der Schulträger aber Rück­sicht auf das Scham­gefühl der im Pen­sio­nat woh­nen­den Schüle­rin­nen neh­men.

Über die Ein­zel­hei­ten die­ses Fal­les und sei­ner Ent­schei­dung durch das LAG Rhein­land-Pfalz hat­ten wir be­reits be­rich­tet, als das Ur­teil des LAG be­kannt wor­den war (Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/088 Männ­li­che Er­zie­her im Mädchen­in­ter­nat?).

Nun­mehr hat­te auf­grund der vom Be­wer­ber ein­ge­leg­ten Re­vi­si­on das Bun­des­ar­beits­ge­richt über den Fall zu ent­schei­den.

BAG: Die unterschiedliche Behandlung der Bewerber wegen des Geschlechts war sachlich gerechtfertigt und damit rechtens

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätig­te die Ent­schei­dung des LAG und wies die Re­vi­si­on des Be­wer­bers zurück. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG.

Die zu­las­ten des Klägers bei der Ein­stel­lungs­ent­schei­dung vor­ge­nom­me­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Ge­schlechts war zulässig. Für die Tätig­keit in ei­nem Mädchen­in­ter­nat, die auch mit Nacht­diens­ten ver­bun­den ist, stellt das weib­li­che Ge­schlecht der Stel­len­in­ha­be­rin nach An­sicht des BAG ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de An­for­de­rung im Sin­ne des § 8 Abs. 1 AGG dar.

Aus­drück­lich wird fest­ge­hal­ten, dass es dem Ar­beit­ge­ber grundsätz­lich frei­steht fest­zu­le­gen, wel­che Ar­bei­ten auf ei­nem zu be­set­zen­den Ar­beits­platz zu er­brin­gen sind. Da­mit weist das Bun­des­ar­beits­ge­richt die vom Ar­beits­ge­richt Trier an­ge­stell­te Über­le­gung zurück, der Ar­beit­ge­ber hätte ja die Nacht­diens­te in dem Gym­na­si­um, das ne­ben dem Mädchen­pen­sio­nat auch ein Jun­gen­pen­sio­nat um­fass­te, so ein­tei­len können, dass der Be­wer­ber sei­ne Nacht­diens­te nur im Jun­gen­pen­sio­nat hätte ver­rich­ten können.

Der Kern­satz der Ent­schei­dung lau­tet da­her: Der Träger ei­nes Gym­na­si­ums darf bei der Be­set­zung ei­ner Be­treu­er­stel­le für ein von ihm be­trie­be­nes Mädchen­in­ter­nat die Be­wer­be­r­aus­wahl auf Frau­en be­schränken, wenn die Tätig­keit auch Nacht­diens­te im In­ter­nat be­inhal­ten soll.

Fa­zit: Kun­denwünsche sind je­den­falls dann ei­ne aus­rei­chen­de Recht­fer­ti­gung für die Be­nach­tei­li­gung von Stel­len­be­wer­bern mit dem „fal­schen“ Ge­schlecht, wenn es um die Re­spek­tie­rung des Scham­gefühls geht. Die­se rich­ti­ge Ent­schei­dung des BAG lässt sich auf vie­le Ar­bei­ten über­tra­gen, so zum Bei­spiel auf Verkäufer von Un­terwäsche und Ba­de­be­klei­dung oder auf Ar­beit­neh­mer, zu de­ren Auf­ga­ben die körper­li­che Kon­trol­le oder Un­ter­su­chung von "Kun­den" gehört.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu dem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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