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Ab­mah­nung we­gen is­la­mi­scher Bas­ken­müt­ze in der Schu­le rech­tens

Leh­rern und So­zi­al­ar­bei­te­rin öf­fent­li­cher Schu­len kön­nen re­li­giö­se Be­kennt­nis­se auf ge­setz­li­cher Grund­la­ge ver­bo­ten wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.08.2009, 2 AZR 499/08

24.08.2009. In Nord­rhein-West­fa­len gilt seit 2006 ein ge­setz­li­ches Neu­tra­li­täts­ge­bot für Leh­rer.

Es ist in § 57 Abs.4 Satz 1 des Schul­ge­set­zes für das Land Nord­rhein-West­fa­len ent­hal­ten und ve­bie­tet es Leh­rern, in der Schu­le re­li­giö­se Be­kun­dun­gen ab­zu­ge­ben, die ge­eig­net sind, die Neu­tra­li­tät des Lan­des ge­gen­über den Schü­lern und El­tern zu ge­fähr­den oder zu stö­ren.

Un­ter Be­ru­fung auf die­ses Neu­tra­li­täts­ge­bot hat­te der Schul­trä­ger ei­ner nord­rhein-west­fä­li­schen Ge­samt­schu­le ei­ner mus­li­mi­schen So­zi­al­päd­ago­gin ei­ne Ab­mah­nung er­teilt, weil sie be­harr­lich ei­ne "mus­li­mi­sche Bas­ken­müt­ze" trug. Da­ge­gen ging die So­zi­al­päd­ago­gin vor - ihr Fall lan­de­te schließ­lich beim Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG).

Mit ei­ner vor we­ni­gen Ta­gen er­gan­ge­nen Ent­schei­dung hat das BAG dem Schul­trä­ger recht ge­ge­ben: BAG, Ur­teil vom 20.08.2009, 2 AZR 499/08.

Was ist wichtiger - die relgiöse Neutralität öffentlicher Schulen oder die Religionsfreiheit von Lehrern und Erziehern?

In ei­ner Ent­schei­dung aus dem Jah­re 2003 stell­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) für den Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes klar, dass ein Ver­bot re­li­giöser Be­kun­dun­gen in öffent­li­chen Schu­len nur auf ei­ner ge­setz­li­chen Grund­la­ge möglich ist (BVerfG, Ur­teil vom 24.09.2003, 2 BvR 1436/02). Soll da­her in öffent­li­chen Schu­len ein so­ge­nann­tes Kopf­tuch­ver­bot gel­ten, braucht es dafür ei­ne (lan­des-)ge­setz­li­che Grund­la­ge.

Auf der Grund­la­ge die­ses Ur­teils des BVerfG er­ließ der Lan­des­ge­setz­ge­ber in Nord­rhein-West­fa­len zum 01.08.2006 ein ge­setz­li­ches Neu­tra­litäts­ge­bot für Leh­rer an staat­li­chen Schu­len. Das Neu­tra­litäts­ge­bot ist in § 57 Abs.4 Satz 1 des nord­rhein-westfäli­schen Schul­ge­set­zes ge­re­gelt und lau­tet:

„Leh­re­rin­nen und Leh­rer dürfen in der Schu­le kei­ne po­li­ti­schen, re­li­giösen, welt­an­schau­li­chen oder ähn­li­che äußere Be­kun­dun­gen ab­ge­ben, die ge­eig­net sind, die Neu­tra­lität des Lan­des ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern so­wie El­tern oder den po­li­ti­schen, re­li­giösen, welt­an­schau­li­chen Schul­frie­den zu gefähr­den oder zu stören.“

In der Fol­ge wur­de über die Fra­ge ge­strit­ten, ob die­se lan­des­ge­setz­li­che Vor­ga­be mit den Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes (GG) zu ver­ein­ba­ren ist und ob bzw. un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Sank­tio­nen der Schul­ver­wal­tung bei Verstößen ge­gen das Neu­tra­litäts­ge­bot zulässig sind - oder viel­leicht ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen der Re­li­gi­on dar­stel­len. Über ei­nen sol­chen Fall hat­te das BAG vor ei­ni­gen Ta­gen zu ent­schei­den (Ur­teil vom 20.08.2009, 2 AZR 499/08).

Der Fall des BAG: Muslimische Erzieherin an einer Gesamtschule ersetzt ihr Kopftuch durch eine "islamische Baskenmütze"

In ei­nem aus Nord­rhein-West­fa­len stam­men­den Fall hat­te ei­ne mos­le­mi­sche So­zi­al­ar­bei­te­rin, die seit 1997 an ei­ner öffent­li­chen Schu­le ar­bei­te­te und im­mer schon ein „mos­le­mi­sches Kopf­tuch“ trug, die­ses ge­gen ei­ne an­de­re Art der Kopf­be­de­ckung ein­ge­tauscht, als sie nach Er­lass des ge­setz­li­chen Neu­tra­litäts­ge­bots von der Schul­ver­wal­tung zum Ab­le­gen des Kopf­tuchs auf­ge­for­dert wor­den war.

Als Er­satz des Kopf­tuchs dien­te ei­ne Bas­kenmütze mit Strick­bund, die das Haar, den Haar­an­satz und die Oh­ren kom­plett ver­deck­te. Nach­dem die So­zi­al­ar­bei­te­rin in ei­nem Per­so­nal­gespräch einräumt hat­te, das Kopf­tuch stets aus re­li­giösen Gründen ge­tra­gen zu ha­ben und Fra­gen nach den Gründen für die Bas­kenmütze un­be­ant­wor­tet ließ, er­teil­te ihr das Land Nord­rhein-West­fa­len ei­ne Ab­mah­nung we­gen Ver­s­toßes ge­gen das Neu­tra­litäts­ge­bot.

Hier­ge­gen zog die So­zi­al­ar­bei­te­rin vor das Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, das die ge­gen die Ab­mah­nung ge­rich­te­te Kla­ge eben­so wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf in der Be­ru­fungs­in­stanz zurück­wies (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 10.04.2008, 5 Sa 1836/07). Wir be­rich­te­ten über die­sen Fall be­reits in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/066 Ab­mah­nung we­gen Tra­gens ei­ner „is­la­mi­schen Bas­kenmütze“.

Nun­mehr hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu ent­schei­den.

BAG: Abmahnung wegen beharrlichen Tragens einer islamischer Baskenmütze war rechtlich zulässig

Auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schied zu­las­ten der So­zi­al­ar­bei­te­rin, die da­mit in drei In­stan­zen ver­lor. In der der­zeit nur vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG heißt es zur Be­gründung:

Das 2006 ge­schaf­fe­ne lan­des­ge­setz­li­che Neu­tra­litäts­ge­bot steht, so das BAG, im Ein­klang mit dem GG so­wie den na­tio­na­len und eu­ropäischen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten. Ei­ne Kopf­be­de­ckung wie die von der Kläge­rin im vor­lie­gen­den Fall ge­tra­ge­ne Bas­kenmütze mit Strick­bund, die die Haa­re, den Haar­an­satz und die Oh­ren ei­ner Frau vollständig be­deckt, ist nach An­sicht des BAG als „re­li­giöse Be­kun­dung“ zu be­wer­ten, wenn sie „er­kenn­bar als Er­satz für ein is­la­mi­sches Kopf­tuch ge­tra­gen“ wird. Von ei­nem mo­di­schen Ac­ces­soire könne da­her nicht die Re­de sein.

Fa­zit: Leh­rer und Pädago­gen an öffent­li­chen Schu­len müssen auf Be­klei­dungsstücke ver­zich­ten, die ein re­li­giöses Be­kennt­nis zum Aus­druck brin­gen, wenn dies ge­setz­lich, z.B. in ei­nem Lan­des­schul­ge­setz, so vor­ge­se­hen ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu dem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts we­gen Ver­let­zung der Re­li­gi­ons­frei­heit (Art.4 GG) auf­ge­ho­ben. Den Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27.01.2015 und ei­ne Be­spre­chung die­ser BVerfG-Ent­schei­dung fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 14. September 2016

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