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Arbeitsrecht aktuell
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Ab­schied von der Gleich­stel­lungs­ab­re­de - Teil III

Auch bei der Neu­aus­fer­ti­gung ei­nes Ar­beits­ver­trags nach dem 01.01.2002 ha­ben Ver­wei­se auf Ta­rif­ver­trä­ge rechts­be­grün­den­de Wir­kung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.10.2008, 4 AZR 793/07

21.11.2008. Für Ar­beits­ver­trä­ge, die nach der zum 01.01.2002 in Kraft ge­tre­te­nen Schul­rechts­re­form ver­ein­bart wur­den, gel­ten stren­ge­re Re­geln für die Aus­le­gung des "Klein­ge­druck­ten" im Ar­beits­ver­trag.

Nach ei­ner 2007 ge­än­der­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ha­ben da­her ar­beits­ver­trag­li­che Ver­wei­se auf Ta­rif­ver­trä­ge rechts­be­grün­den­de Wir­kung, auch wenn die Ta­rif­bin­dung des Ar­beit­ge­bers spä­ter weg­fällt.

Frag­lich ist, ob das auch für Ar­beits­ver­trä­ge gilt, die zwar am 01.01.2002 oder spä­ter ver­ein­bart wur­den, die aber nur ein vor dem 31.12.2001 be­grün­de­tes Ar­beits­ver­hält­nis re­geln. Ja, so das BAG in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung: BAG, Ur­teil vom 22.10.2008, 4 AZR 793/07.

Gilt die neue Rechtsprechung des BAG zu Bezugnahmeklauseln für nach 2001 ausgefertigte Arbeitsverträge auch dann, wenn das Arbeitsverhältnis schon vorher bestanden hat?

Ar­beits­verträge ent­hal­ten oft ei­ne Klau­sel, wo­nach ein be­stimm­ter Ta­rif­ver­trag oder ein gan­zes Ta­rif­werk, z.B. „die ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge der Me­tall­in­dus­trie in ih­rer je­weils gel­ten­den Fas­sung“, auf das Ar­beits­verhält­nis an­wend­bar sein sol­len. Sol­che Be­zug­nah­me­klau­seln führen da­zu, dass Ar­beit­neh­mer auch oh­ne Ge­werk­schafts­mit­glied­schaft An­spruch auf ta­rif­li­che Be­zah­lung ha­ben.

Bis zu ei­ner vom BAG mit Ur­teil vom 18.04.2007 (4 AZR 652/05) voll­zo­ge­nen Ände­rung sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung wur­den sol­che Klau­seln als „Gleich­stel­lungs­ab­re­den“ in­ter­pre­tiert, was zur Fol­ge hat­te, das sich Ar­beit­neh­mer (Ge­werk­schafts­mit­glie­der wie Außen­sei­ter) auf sie nicht mehr be­ru­fen konn­ten, wenn die Ta­rif­bin­dung des Ar­beit­ge­bers weg­ge­fal­len war, et­wa we­gen ei­nes Aus­tritts aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band oder we­gen ei­nes Be­triebsüber­gangs und des dar­aus re­sul­tie­ren­den Wech­sels in der Per­son des Ar­beit­ge­bers.

Über die­se Recht­spre­chungsände­rung be­rich­te­ten wir in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/10 Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­ab­schie­det „Gleich­stel­lungs­ab­re­de“ und in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/54 Ab­schied von der Gleich­stel­lungs­ab­re­de - Teil II.

Die neue Li­nie des BAG bzw. sei­nes vier­ten Se­nats lau­tet: Wird in ei­nem am 01.01.2002 oder später ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­trag („Neu­ver­trag“) auf ei­nen Ta­rif­ver­trag in der je­weils gel­ten­den Fas­sung ver­wie­sen, ist der Ar­beit­ge­ber auch nach ei­nem Aus­tritt aus dem ta­rif­sch­ließen­den Ver­band ver­pflich­tet, die nach dem En­de der Ver­bands­mit­glied­schaft ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträge an­zu­wen­den.

Das gilt je­den­falls dann, wenn sich aus dem Ver­trags­wort­laut und den Umständen des Ver­trags­schlus­ses kei­ne An­halts­punk­te für den Wil­len der Par­tei­en er­ge­ben, es soll nur ei­ne Gleich­stel­lung nicht or­ga­ni­sier­ter mit or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mern er­fol­gen und die ver­ein­bar­te Dy­na­mik bei Weg­fall der Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers ent­fal­len („Gleich­stel­lungs­ab­re­de“). Die In­ter­pre­ta­ti­on ei­ner Be­zug­nah­me­klau­sel als bloße Gleich­stel­lungs­ab­re­de ist so­mit nach der geänder­ten Recht­spre­chung die Aus­nah­me und nicht mehr die Re­gel.

Trotz der mitt­ler­wei­le mehr­fach bestätig­ten Ände­rung sei­ner Recht­spre­chung ist nicht ganz klar, ob es dem Ar­beit­ge­ber viel­leicht hel­fen könn­te, wenn er auf den be­reits lan­ge an­dau­ern­den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­weist: Ei­ne nach dem 31.12.2001 aus­ge­fer­tig­te neue Ver­trags­ur­kun­de ist mögli­cher­wei­se nicht wich­tig, wenn das zu­grun­de­lie­gen­de Ar­beits­verhält­nis schon länger, d.h. be­reits am 31.12.2001 be­stand. Zu ei­ner sol­chen Kon­stel­la­ti­on hat das BAG mit Ur­teil vom 22.10.2008, 4 AZR 793/07 Stel­lung ge­nom­men.

Der Streitfall: Arbeitnehmer verlangt Tariflohnerhöhung auf der Grundlage eines im Mai 2002 neu ausgefertigten Arbeitsvertrags

Der am 06.05.1950 ge­bo­re­ne Kläger ist seit dem 01.04.1964 als Schlos­ser bei der Be­klag­ten bzw. ih­rer Rechts­vorgänge­rin beschäftigt. Dem Ar­beits­verhält­nis liegt der schrift­li­che Ar­beits­ver­trag vom 02.05.2002 zu­grun­de. Bis En­de 2005 war die Be­klag­te Mit­glied des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des für die Ge­bie­te Pa­der­born, Büren, War­burg und Höxter e.V. Zwi­schen den Par­tei­en ist strei­tig, ob die Be­klag­te ih­re Mit­glied­schaft mit Ta­rif­bin­dung rechts­wirk­sam be­en­det und mit Wir­kung zum 01.01.2006 ei­ne Mit­glied­schaft oh­ne Ta­rif­bin­dung (OT-Mit­glied­schaft) be­gründet hat.

Ein im April 2006 ge­schlos­se­nes ta­rif­ver­trag­li­ches Lohn­ab­kom­men der Me­tall­bran­che sah ei­ne Ein­mal­zah­lung und ei­ne drei­pro­zen­ti­ge Ent­gel­terhöhung vor. Bei­des be­gehr­te der Ar­beit­neh­mer un­ter Hin­weis auf die in sei­nem Ar­beits­ver­trag ent­hal­te­ne Be­zug­nah­me­klau­sel. Während das in der ers­ten In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Pa­der­born die Kla­ge ab­ge­wie­sen hat (Ur­teil vom 07.12.2006, 1 Ca 1111/06), gab das zweit­in­stanz­lich zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm ihr mit Be­ru­fungs­ur­teil vom 09.08.2007 (15 Sa 170/07) statt.

Da­bei stell­te das LAG Hamm aus­drück­lich fest, dass es sich beim Ar­beits­ver­trag vom 02.05.2002 nicht um ei­nen Alt­ver­trag han­del­te. Es sei un­er­heb­lich, dass durch die­sen Ar­beits­ver­trag kein neu­es Ar­beits­verhält­nis be­gründet wur­de. Ent­schei­dend sei viel­mehr, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch den schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag vom Mai 2002 auf ei­ne neue recht­li­che Grund­la­ge ge­stellt wur­de.

Aus die­sem An­lass hätte die Be­klag­te an­ge­sichts der zu die­sem Zeit­punkt gel­ten­den neu­en ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen der §§ 305 ff. Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ei­nen klar­stel­len­den Zu­satz in den von ihr ent­wor­fe­nen Ar­beits­ver­trag einfügen können, d.h. sie hätte un­miss­verständ­lich deut­lich ma­chen müssen, dass sie die Be­zug­nah­me auf den Ta­rif­ver­trag nur als Gleich­stel­lungs­ab­re­de ver­stan­den wis­sen woll­te.

BAG: Es kommt nicht darauf an, ob das Arbeitsverhältnis schon vor 2002 bestanden hat, sondern auf den Zeitpunkt der Ausfertigung des Vertrags

Das BAG bestätig­te das Ur­teil des LAG Hamm, d.h. es gab dem Ar­beit­neh­mer Recht und ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung der in dem neu­en Ta­rif­ver­trag ent­hal­te­nen Loh­nerhöhung und der Ein­mal­zah­lung. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG wird die Aus­le­gung des Ar­beits­ver­trags durch das LAG Hamm bestätigt.

Es bedürfe, so das BAG, bei nach dem 31.12.2001 ge­schlos­se­nen Ar­beits­verträgen („Neu­verträgen“) be­son­de­rer An­halts­punk­te, um ei­nen Ver­weis auf Ta­rif­verträge als bloße Gleich­stel­lungs­ab­re­de aus­zu­le­gen. Sol­che An­halts­punk­te sah das BAG im vor­lie­gen­den Fall eben­so­we­nig wie das LAG. We­der der Ver­trags­wort­laut noch die Umstände bei Ver­trags­schluss gäben An­halts­punk­te für ei­nen Wil­len der Par­tei­en her, dass die Be­klag­te nicht da­zu ver­pflich­tet sein soll­te, die nach ei­nem Ver­bands­aus­tritt ge­schlos­se­nen Ände­rungs­ta­rif­verträge ge­genüber dem Kläger ar­beits­ver­trag­lich an­zu­wen­den.

Auf das Ar­gu­ment der be­klag­ten Ar­beit­ge­be­rin, der am 02.05.2002 ver­ein­bar­te Ar­beits­ver­trag sei we­gen des zu­vor be­reits be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses kein Neu­ver­trag, geht das BAG in sei­ner Pres­se­mel­dung nicht näher ein. Aus gu­tem Grund, da dem Ar­beit­ge­ber die Be­ach­tung der neu­en Recht­spre­chung des BAG und der die­ser zu­grun­de lie­gen­den geänder­ten Fas­sung des BGB bei Neu­aus­fer­ti­gun­gen von Ar­beits­verträgen möglich und zu­mut­bar ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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