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Ach­tung bei Frei­stel­lung mit Ge­halts­fort­zah­lungs­klau­sel

Ein­ver­nehm­li­che Frei­stel­lung un­ter Ge­halts­fort­zah­lung lässt nur die Ar­beits­pflicht ent­fal­len und er­wei­tert nicht die Zah­lungs­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23.01.2008, 5 AZR 393/07

14.02.2008. Wird ein ge­kün­dig­ter Ar­beit­neh­mer auf­grund ei­nes ge­richt­li­chen Ver­gleichs bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses "un­ter Fort­zah­lung der Be­zü­ge" von der Ar­beit frei­ge­stellt, kann der Ar­beit­ge­ber die Ver­gü­tung un­ter Um­stän­den trotz­dem ver­wei­gern.

Denn ei­ne ein­ver­nehm­li­che Frei­stel­lung un­ter Ge­halts­fort­zah­lung lässt nur die Ar­beits­pflicht ent­fal­len und er­wei­tert nicht oh­ne wei­te­res die Zah­lungs­pflich­ten des Ar­beit­ge­bers.

Ist der Ar­beit­neh­mer wäh­rend der ver­ein­bar­ten Frei­stel­lung län­ger als sechs Wo­chen krank, be­steht da­her kei­ne Zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23.01.2008, 5 AZR 393/07.

Wie weit geht die Zahlungspflicht des Arbeitgebers bei einvernehmlicher "Freistellung unter Fortzahlung der Vergütung"?

Be­en­den Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber ei­nen Kündi­gungs­schutz­pro­zess ein­ver­nehm­lich im We­ge des Ver­gleichs, dau­ert es oft noch Mo­na­te bis zur im Ver­gleich fi­xier­ten - in al­ler Re­gel or­dent­li­chen - Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Ei­ne sol­che Si­tua­ti­on er­gibt sich vor al­lem natürlich dann, wenn der Ver­gleich in ei­nem frühen Zeit­punkt des Pro­zes­ses, et­wa im Güte­ter­min, ab­ge­schlos­sen wird.

Wird der Ar­beit­neh­mer im Rah­men ei­nes sol­chen Ver­gleichs für die Rest­lauf­zeit des Ar­beits­verhält­nis­ses von der Ar­beit frei­ge­stellt, ver­ein­ba­ren die Par­tei­en in der Re­gel, dass dies „un­ter Fort­zah­lung der Vergütung“ ge­sche­hen soll.

Frag­lich ist al­ler­dings im Ein­zel­fall im­mer wie­der, wie weit die recht­li­chen Wir­kun­gen der flos­kel­haf­ten Wen­dung „un­ter Fort­zah­lung der Vergütung“ rei­chen: Je nach La­ge des Fal­les kann mit ei­ner „Vergütungs­fort­zah­lungs­re­ge­lung“ ein un­be­ding­ter Zah­lungs­an­spruch be­gründet wer­den - oder aber auch nur ein Zah­lungs­an­spruch nach Maßga­be ge­setz­li­cher Vor­schrif­ten, der et­wa dann ent­fal­len kann, wenn der Ar­beit­neh­mer nicht zur Ar­beits­leis­tung in der La­ge ist.

Der Fall des BAG: Vereinbarung der Freistellung bei Fortzahlung der Vergütung zu einem Zeitpunkt, zu dem die Arbeitnehmerin schon länger als sechs Wochen krank war

Nach Er­halt ei­ner Kündi­gung er­hob die gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin Kündi­gungs­schutz­kla­ge und schloss Mit­te De­zem­ber 2003 ei­nen ge­richt­li­chen Ver­gleich, dem zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis auf­grund frist­gemäßer ar­beit­ge­ber­sei­ti­ger Kündi­gung aus be­triebs­be­ding­ten Gründen zum 31. März des Fol­ge­jah­res en­den soll­te. Bis zu die­sem Zeit­punkt soll­te die Kläge­rin frei­stellt wer­den. Die am 16.12.2003 ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en lau­te­te im ein­zel­nen:

Das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis wird auf Grund frist­gemäßer, ar­beit­ge­ber­sei­ti­ger Kündi­gung aus be­triebs­be­ding­ten Gründen mit dem 31.03.2004 sein En­de fin­den. Bis zu die­sem Zeit­punkt wird das Ar­beits­verhält­nis ord­nungs­gemäß ab­ge­rech­net, wo­bei die Kläge­rin ab 15.12.2003 un­wi­der­ruf­lich un­ter Fort­zah­lung der Bezüge und un­ter An­rech­nung auf be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche von der Ar­beits­leis­tung frei­ge­stellt wird.

Die Be­son­der­heit die­ses Fal­les be­stand dar­in, dass die Kläge­rin zum Zeit­punkt des Ver­gleichs­schlus­ses (16.12.2003) be­reits mehr als sechs Wo­chen krank­heits­be­dingt ar­beits­unfähig war und da­her bei Ab­schluss des Ver­gleichs kei­nen An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung mehr hat­te.

Als die Par­tei­en später über den Um­fang der Zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers in Streit ge­rie­ten, be­haup­te­te die Kläge­rin, sie hätte be­reits am 15.12.2003 ih­re Ar­beitsfähig­keit wie­der er­langt. Für die­sen Zeit­punkt konn­te die Kläge­rin al­ler­dings kein ärzt­li­ches At­test vor­le­gen.

Ei­ne ärzt­li­che Ge­sund­schrei­bung er­folg­te erst am 26.01.2004. Der Ar­beit­ge­ber zahl­te die re­guläre Vergütung dar­auf­hin für die Zeit vom 26.01. bis zum 31.03.2004, nicht je­doch für die da­vor lie­gen­de Zeit vom 15.12.2003 bis zum 25.01.2004.

Für die­sen Zeit­raum be­gehr­te die Kläge­rin in ei­nem auf die Kündi­gungs­schutz­kla­ge fol­gen­den Pro­zess Zah­lung der Vergütung. Das Ar­beits­ge­richt Bre­men und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men (Ur­teil vom 31.01.2007, 2 Sa 271/06) ga­ben der Kla­ge statt, d.h. sie ver­ur­teil­ten den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung.

BAG: Einvernehmliche Freistellung unter Gehaltsfortzahlung lässt nur die Arbeitspflicht entfallen und erweitert nicht die Zahlungspflichten des Arbeitgebers

Das BAG hob das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf und ver­wies den Rechts­streit zur wei­te­ren Aufklärung des Sach­ver­hal­tes an das LAG zurück. Die­ses hat nun zu klären, ob die Ar­beit­neh­me­rin im strei­ti­gen Zeit­raum ar­beits­unfähig war oder nicht. Der Kern­satz der Be­gründung, so­weit sich die­se der mo­men­tan nur vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG ent­neh­men lässt, lau­tet:

Ver­ein­ba­ren die Par­tei­en, dass ein Ar­beit­neh­mer un­ter Fort­zah­lung der Bezüge un­wi­der­ruf­lich von der Ar­beit frei­ge­stellt wird, führt die Aus­le­gung die­ser Ver­ein­ba­rung im All­ge­mei­nen nur da­zu, dass die Ar­beits­pflicht entfällt, oh­ne dass ein An­spruch auf Ar­beits­vergütung über die ge­setz­li­chen Grund­la­gen hin­aus be­gründet wird.

Wol­len die Par­tei­en, so das BAG, ei­ne ent­spre­chen­de Zah­lungs­pflicht schaf­fen, bedürfe dies ei­ner darüber hin­aus­ge­hen­den „aus­drück­li­chen“ Re­ge­lung. Nach An­sicht des BAG führt ei­ne Frei­stel­lungs­ver­ein­ba­rung „un­ter Fort­zah­lung der Bezüge“ so­mit nicht oh­ne wei­te­res da­zu, dass der Ar­beit­ge­ber zur Fort­zah­lung der Vergütung ver­pflich­tet wäre.

Das ist ein auf den ers­ten Blick merkwürdi­ges Er­geb­nis, fragt sich doch dann, wel­chen Sinn die Klau­sel „un­ter Fort­zah­lung der Bezüge“ ei­gent­lich ha­ben soll - wenn nicht eben den, dass der Ar­beit­neh­mer sei­ne Bezüge er­hal­ten soll.

In die­sem Sin­ne wer­den Frei­stel­lungs­ver­ein­ba­run­gen mit Fort­zah­lungs­klau­sel auch in der Re­gel ver­stan­den. So hat­te das LAG Ber­lin-Bran­den­burg z.B. mit Ur­teil vom 20.04.2007 (6 Sa 162/07) ei­nem Ar­beit­neh­mer Recht ge­ge­ben, der bis zur Rest­lauf­zeit des Ar­beits­verhält­nis­ses auf­grund ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleichs „un­ter Fort­zah­lung der Vergütung“ frei­ge­stellt wor­den war und sich so­dann flugs ei­nen an­de­ren Job such­te: Den mit die­sem Job er­ziel­ten Zwi­schen­ver­dienst muss­te sich der Ar­beit­neh­mer (ent­ge­gen der ge­setz­li­chen Re­gel des § 615 Satz 2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB) nicht an­rech­nen las­sen, da die Frei­stel­lungs­ver­ein­ba­rung mit Fort­zah­lungs­klau­sel in­so­weit rechts­be­gründen­de Wir­kung hat­te.

Trotz­dem ist das Ur­teil des BAG auf­grund der Be­son­der­hei­ten des hier ent­schie­de­nen Fal­les rich­tig:

Da die Ar­beit­neh­me­rin hier im strei­ti­gen Zeit­raum be­reits länger als sechs Wo­chen ar­beits­unfähig er­krankt war (bzw. ih­re Ge­sund­heit nicht hat­te be­wei­sen können), hat­te sie für die­sen Zeit­raum ei­nen An­spruch auf Kran­ken­geld. Die­ser ist ge­genüber der Lohn­zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers vor­ran­gig. Von da­her war ihr Lohn­an­spruch be­reits durch die Zah­lungs­pflicht der Kran­ken­kas­se aus­rei­chend ab­ge­si­chert.

Würde man den Ver­gleich in ih­rem Sin­ne aus­le­gen, würde sich die Fra­ge stel­len, was mit dem An­spruch auf Kran­ken­geld ge­sche­hen soll­te, d.h. ob er auf die Leis­tun­gen des Ar­beit­ge­bers an­zu­rech­nen wäre oder nicht. Und die­se Fra­ge hätte man si­cher­lich ge­re­gelt, wenn man ei­ne Zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers trotz fort­be­ste­hen­der Ar­beits­unfähig­keit hätte ver­ein­ba­ren wol­len.

Fa­zit: Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter soll­ten die­ses Ur­teil als War­nung neh­men und höllisch auf­pas­sen, wenn sie vor Ge­richt Be­en­di­gungs­ver­glei­che mit ei­ner länge­ren Frei­stel­lungs­pha­se ab­sch­ließen. Die in ei­nem sol­chen Ver­gleich in der Re­gel ent­hal­te­ne Ge­halts­fort­zah­lungs­klau­sel soll­te zur Ver­mei­dung un­lieb­sa­mer Über­ra­schun­gen (und zur Ver­mei­dung von Haf­tungs­ri­si­ken) je nach La­ge des Fal­les als un­be­ding­te Zah­lungs­pflicht aus­ge­stal­tet und ggf. be­zif­fert wer­den, wenn der Ar­beit­neh­mer ar­beits­unfähig war oder ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 19. Mai 2016

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