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An­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen in der In­sol­venz bleibt die Aus­nah­me.

BGH be­grenzt die Mög­lich­keit des In­sol­venz­ver­wal­ters, kurz vor Ver­fah­rens­er­öff­nung ge­leis­te­te Lohn­zah­lun­gen durch sog. In­sol­venz­an­fech­tung zu­rück­zu­for­dern: Bun­des­ge­richts­hof, Ur­teil vom 19.02.2009, IX ZR 62/08

28.04.2008. Der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) hat in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung die Mög­lich­keit des In­sol­venz­ver­wal­ters, kurz vor dem In­sol­venz­ver­fah­ren an Ar­beit­neh­mer ge­flos­se­ne Lohn­zah­lun­gen im We­ge der In­sol­venz­an­fech­tung her­aus­zu­ver­lan­gen, zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer er­heb­lich ein­ge­schränkt.

Weiß ein Ar­beit­neh­mer, dem der Ar­beit­ge­ber kurz vor dem In­sol­venz­ver­fah­ren rück­stän­di­ge Lohn­for­de­run­gen zahlt, dass der Ar­beit­ge­ber an­de­ren Ar­beit­neh­mern eben­falls Lohn schul­dig ist, recht­fer­tigt al­lein die­se Kennt­nis nach An­sicht des BGH nicht den Schluss auf die Zah­lungs­un­fä­hig­keit oder Zah­lungs­ein­stel­lung des Ar­beit­ge­bers: BGH, Ur­teil vom 19.02.2009, IX ZR 62/08.

Unter welchen Umständen kann der Insolvenzverwalter die "kurz vor Toresschluss" geleisteten Lohnzahlungen herausverlangen?

In­sol­venz­ver­wal­ter können un­ter be­stimm­ten, in der In­sol­venz­ord­nung (In­sO) ge­re­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen be­stimm­te zu­las­ten der In­sol­venz­mas­se ge­hen­de Zah­lun­gen „an­fech­ten“, d.h. die kurz vor dem In­sol­venz­ver­fah­ren getätig­ten Zah­lun­gen vom Zah­lungs­empfänger her­aus­ver­lan­gen – und zwar auch dann, wenn die­se Zah­lun­gen recht­lich be­gründet wa­ren.

Die­se Möglich­keit der In­sol­venz­fech­tung be­trifft auch Lohn­zah­lun­gen, die vor dem In­sol­venz­ver­fah­ren über das Vermögen des Ar­beit­ge­bers an Ar­beit­neh­mer ei­nes in­sol­ven­ten Un­ter­neh­mens ge­flos­sen sind.

Die An­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen durch den In­sol­venz­ver­wal­ter stand vor kur­zem auf­grund ei­nes Be­richts des ARD-Ma­ga­zins "Re­port" und ei­ner durch die­sen Be­richt an­ge­reg­ten Klei­ne An­fra­ge der Bun­des­tags­frak­ti­on Die Lin­ke im öffent­li­chen In­ter­es­se (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/063: In­sol­venz­ar­beits­recht im Bun­des­tag).

Prak­tisch be­son­ders wich­tig ist die Vor­schrift des § 130 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 In­sO. Auf die­ser Grund­la­ge können an Ar­beit­neh­mer ge­flos­se­ne Lohn­zah­lung für die letz­ten drei Mo­na­te vor dem An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens vom In­sol­venz­ver­wal­ter zurück­ge­for­dert wer­den,

  • wenn der Ar­beit­ge­ber bei der Zah­lung zah­lungs­unfähig war und
  • wenn der Ar­beit­neh­mer dies wuss­te.

Der Kennt­nis der Zah­lungs­unfähig­keit gleich­ge­stellt ist die Kennt­nis von Umständen, die zwin­gend auf die Zah­lungs­unfähig­keit schließen las­sen (§ 133 Abs.2 In­sO).

Doch wann ist ein sol­cher zwin­gen­der Schluss auf die Zah­lungsfähig­keit des Ar­beit­ge­bers aus der Sicht ei­nes Ar­beit­neh­mers möglich? Der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) hat­te Mit­te Fe­bru­ar 2009 die Ge­le­gen­heit, in ei­ner grund­le­gen­den Ent­schei­dung zu die­ser Fra­ge Stel­lung zu neh­men (BGH, Ur­teil vom 19.02.2009, IX ZR 62/08).

Der Streitfall: Angestellter Elektroinstallateur soll bei Lohnzahlung "kurz vor Toresschluss" die Zahlungsunfähigkeit seines Arbeitgebers gekannt haben

Der in­sol­ven­te Ar­beit­ge­ber be­trieb in Thürin­gen ein Bau­un­ter­neh­men mit un­gefähr 40 Ar­beit­neh­mern. Ab Herbst 2003 ge­riet er mit den Lohn- und Ge­halts­zah­lun­gen in Rück­stand und war spätes­tens ab Mai 2004 zah­lungs­unfähig.

Im Ju­ni be­rich­te­te die lo­ka­le Pres­se in all­ge­mei­ner Form über die wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten des Ar­beit­ge­bers und führ­te dies auf die aus­ste­hen­den Zah­lun­gen ei­nes wich­ti­gen Auf­trag­ge­bers zurück. Zu­letzt war je­doch da­von die Re­de, sei­ne Mit­ar­bei­ter könn­ten vor­erst "auf­at­men".

En­de Ju­li 2004 er­hielt ein beim in­sol­ven­ten Un­ter­neh­men an­ge­stell­ter Elek­tro­in­stal­la­teur sei­nen für März und April aus­ste­hen­den Lohn. An­fang Au­gust be­an­trag­te ei­ner der Gläubi­ger des Ar­beit­ge­bers die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens, das Mit­te Ok­to­ber 2004 eröff­net wur­de.

Der in die­sem Zu­sam­men­hang be­stell­te In­sol­venz­ver­wal­ter erklärte die An­fech­tung der En­de Ju­li er­folg­ten Lohn­zah­lun­gen für März und April, d.h. er for­der­te die­se von dem In­stal­la­teur zurück, und zwar im We­ge der Kla­ge vor dem ört­lich zuständi­gen Amts­ge­richt. Mit sei­ner Kla­ge war er in ers­ter In­stanz er­folg­reich, d.h. das Amts­ge­richt (AG) Nord­hau­sen ver­ur­teil­te den Ar­beit­neh­mer auf Rück­zah­lung (AG Nord­hau­sen, Ur­teil vom 20.09.2007, 27 C 482/07).

In der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Land­ge­richt (LG) zog er aber den Kürze­ren (LG Mühl­hau­sen, Ur­teil vom 27.03.2008, 1 S 181/07). In der Be­gründung stell­te das LG dar­auf ab, dass der be­klag­te Ar­beit­neh­mer die Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers im Ju­li 2004 we­der kann­te noch aus den Lohnrückständen und ver­schie­de­nen Pres­se­mit­tei­lun­gen zwin­gend auf die Zah­lungs­unfähig­keit schließen konn­te.

An­ge­sichts die­ser Ent­schei­dung ging der auf Zah­lung kla­gen­de Ver­wal­ter vor dem BGH in Re­vi­si­on.

BGH: Das bloße Wissen darum, dass der Arbeitgeber auch anderen Arbeitnehmern den Lohn nicht zahlen kann, führt noch lange nicht zur Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit

Der Bun­des­ge­richts­hof bestätig­te die Ent­schei­dung des LG und wies die Re­vi­si­on als un­be­gründet zurück (BGH, Ur­teil vom 19.02.2009, IX ZR 62/08).

Weil der be­klag­te Ar­beit­neh­mer von der Zah­lungs­unfähig­keit kei­ne po­si­ti­ve Kennt­nis ge­habt ha­be, könne ihm nur sei­ne Kennt­nis von Be­gleit­umständen vor­ge­hal­ten wer­den, die zwin­gend auf die Zah­lungs­unfähig­keit schließen ließen.

Gin­gen, so der BGH, in die Vor­stel­lun­gen des Gläubi­gers, hier des Ar­beit­neh­mers, (mögli­cher­wei­se fal­sche) Tat­sa­chen­an­nah­men ein, die ei­nen Schluss auf die Zah­lungs­unfähig­keit nicht zwin­gend na­he leg­ten, feh­le es dem Gläubi­ger bzw. Ar­beit­neh­mer an ei­ner für die In­sol­venz­an­fech­tung er­for­der­li­chen Kennt­nis.

Da­nach kann auch ein fal­sches "Hören­sa­gen", z.B. von Lie­fe­ran­ten­leis­tun­gen „auf Rech­nung“ oder von Neu­ein­stel­lun­gen, den an­sons­ten zwin­gen­den Schluss auf die Zah­lungs­unfähig­keit aus­sch­ließen. Be­wer­te der Ar­beit­neh­mer da­ge­gen ein ihm vollständig be­kann­tes, kor­rek­tes Tat­sa­chen­bild falsch, könne er sich nicht dar­auf be­ru­fen, dass er die­sen Schluss nicht ge­zo­gen ha­be.

An­ders als in­sti­tu­tio­nel­le Gläubi­ger oder sol­che mit "In­si­der­wis­sen" tref­fe ei­nen außen­ste­hen­den Kleingläubi­ger zu­dem kei­ne Pflicht, sich nach der Zah­lungsfähig­keit sei­nes Schuld­ners zu er­kun­di­gen.

Dem­ent­spre­chend konn­te der be­klag­te Ar­beit­neh­mer im vor­lie­gen­den Fall Um­fang und Be­deu­tung der Lohnrückstände man­gels Kennt­nis al­ler (an­de­ren) of­fe­nen For­de­run­gen nicht ein­ord­nen. Die Pres­se­mit­tei­lun­gen wa­ren zwar be­sorg­nis­er­re­gend, aber nicht ein­deu­tig. Auch die wöchent­lich ab­ge­hal­te­nen "Ar­beits­be­ra­tun­gen" im Be­trieb wer­te­te der BGH als un­er­gie­big. Letzt­lich konn­te der In­sol­venz­ver­wal­ter die von ihm be­haup­te­ten Ansprüche nicht nach­wei­sen.

Fa­zit: Ma­chen es die Ar­beit­neh­mer ei­nes kurz vor der In­sol­venz ste­hen­den Un­ter­neh­mens wie die drei Äff­chen, d.h. se­hen, hören und sa­gen sie „nichts Böses“, ha­ben In­sol­venz­an­fech­tun­gen, die auf die Rück­zah­lung von Ar­beits­lohn ge­rich­tet sind, künf­tig kaum Er­folgs­aus­sich­ten.

Wer we­der in der Fi­nanz­buch­hal­tung ei­nes Un­ter­neh­mens ein­ge­setzt wird noch Lei­tungs­auf­ga­ben im kaufmänni­schen Be­reich wahr­nimmt, wird sei­ne In­for­ma­tio­nen in al­ler Re­gel nur durch Be­triebs­ver­samm­lun­gen, die Pres­se und den un­ter­neh­mens­in­ter­nen "Busch­funk" er­hal­ten. Auf Be­triebs­ver­samm­lun­gen aber wird ge­ra­de auch in Kri­sen­zei­ten ver­sucht, ei­ne po­si­ti­ve Grund­stim­mung zu ver­mit­teln.

Sch­ließlich dürf­te ein In­sol­venz­ver­wal­ter nur mit großen Mühen vor Ge­richt den Nach­weis führen können, dass ein Ar­beit­neh­mer ne­ga­ti­ve (Pres­se-)Mit­tei­lun­gen, bei­spiels­wei­se über ge­sperr­te Kre­dit­li­ni­en, kann­te.

In­sol­venz­ver­wal­ter müssen folg­lich noch vor­sich­ti­ger als bis­her die Er­folgs­aus­sich­ten ei­ner Lohn­an­fech­tung prüfen, um ei­ne Schmäle­rung der In­sol­venz­mas­se durch sinn­lo­se Pro­zess­kos­ten (und da­mit ver­bun­de­ne Haf­tungs­ri­si­ken für sich selbst) zu ver­mei­den. Be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer sind da­her gut be­ra­ten, Ru­he zu be­wah­ren und frühzei­tig auf an­walt­li­che Hil­fe zurück­zu­grei­fen.

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Letzte Überarbeitung: 6. September 2016

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