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An­spruch auf Er­hö­hung von Teil­zeit auf Voll­zeit

Ar­beit­neh­me­rin er­hält Scha­dens­er­satz we­gen Wei­ge­rung des Ar­beit­ge­bers: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 27.01.2010, 12 Sa 44/09

12.05.2010. Wer in Teil­zeit be­schäf­tigt ist und sei­ne Ar­beits­zeit auf­sto­cken möch­te, ist nicht al­lein auf den gu­ten Wil­len sei­nes Ar­beit­ge­bers an­ge­wie­sen.

Der Ar­beit­ge­ber muss den Ar­beit­neh­mer näm­lich auf des­sen Wunsch bei der Be­set­zung ei­nes ent­spre­chen­den frei­en Ar­beits­plat­zes be­vor­zugt be­rück­sich­ti­gen, es sei denn, dass drin­gen­de be­trieb­li­che Grün­de oder Ar­beits­zeit­wün­sche an­de­rer teil­zeit­be­schäf­tig­ter Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen­ste­hen (§ 9 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz).

Mit den Vor­aus­set­zun­gen ei­nes An­spruchs dar­auf, ei­ne Teil­zeit- auf ei­ne Voll­zeit­stel­le zu er­hö­hen und mit den Fol­gen für den Ar­beit­neh­mer, wenn der Ar­beit­ge­ber ihm zu Un­recht ei­ne Voll­zeit­stel­le ver­wei­gert, be­fasst sich ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg: LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 27.01.2010, 12 Sa 44/09.

Erhöhung von Teilzeit auf Vollzeit

Ar­beit­neh­mer ha­ben ei­nen ge­setz­li­chen An­spruch auf ei­ne dau­er­haf­te Ver­rin­ge­rung ih­rer ver­trag­lich fest­ge­leg­ten Ar­beits­zeit, d.h. auf Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers zu ei­ner ent­spre­chen­den Ver­tragsände­rung, wenn sie in ei­nem Be­trieb mit mehr als 15 Beschäftig­ten ar­bei­ten und dort schon länger als sechs Mo­na­te beschäftigt sind (§ 8 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz - Tz­B­fG).

Dem­ge­genüber be­steht ein An­spruch „in um­ge­kehr­ter Rich­tung“ nicht, d.h. Teil­zeit­kräfte können im All­ge­mei­nen kei­ne Auf­sto­ckung ih­rer Ar­beits­zeit vom Ar­beit­ge­ber „ver­lan­gen“. Das müssen vor al­lem Ar­beit­neh­mer be­den­ken, die ih­re Ar­beits­zeit nach ei­ner El­tern­zeit ver­rin­gert ha­ben: Hier gibt es im All­ge­mei­nen nur dann ei­nen Weg zurück zur Voll­zeittätig­keit, wenn der Ar­beit­ge­ber mit­spielt.

Al­ler­dings können Teil­zeit­kräfte ver­lan­gen, bei der Ver­ga­be frei­er Voll­zeit­stel­len im Be­trieb auf ih­ren Wunsch hin be­vor­zugt berück­sich­tigt zu wer­den. § 9 Tz­B­fG ver­langt vom Ar­beit­ge­ber (un­abhängig von der Größe des Be­triebs), ei­ne Teil­zeit­kraft bei ent­spre­chen­dem Auf­sto­ckungs­ver­lan­gen bei glei­cher Eig­nung be­vor­zugt zu berück­sich­ti­gen - es sei denn, dass „drin­gen­de be­trieb­li­che Gründe oder Ar­beits­zeitwünsche an­de­rer teil­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen­ste­hen“.

Frag­lich ist, ob bzw. un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Auf­sto­ckungs­wunsch ei­ner Teil­zeit­kraft Vor­rang vor den In­ter­es­sen an­de­rer Ar­beit­neh­mer hat. Hier­zu und zu der Fra­ge, wel­che Fol­gen die Miss­ach­tung ei­nes Auf­sto­ckungs­wun­sches für den Ar­beit­ge­ber ha­ben kann, hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung geäußert (Ur­teil vom 27.01.2010, 12 Sa 44/09).

Der Fall des Landesarbeitsgerichts Baden-Württemberg: In Teilzeit beschäftigte Arbeitnehmerin verlangt Vollzeitstelle. Arbeitgeber besetzt Stelle mit Kollegin

Ei­ne Teil­zeit­kraft und al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter von zwei Kin­dern war seit 1983 an ei­ner Uni­ver­sität des be­klag­ten Lan­des als Fremd­spra­chen­se­kretärin beschäftigt. Sie war Di­plomüber­set­ze­rin und ar­bei­te­te halb­tags in ei­nem Se­kre­ta­ri­at der Ab­tei­lung Wirt­schafts- und Ent­wick­lungs­po­li­tik.

Im Ja­nu­ar 2005 be­an­trag­te sie die Her­auf­set­zung ih­rer Ar­beits­zeit auf Voll­zeit. Die­sem Wunsch kam der Ar­beit­ge­ber vorüber­ge­hend nach, in­dem er der Ar­beit­neh­me­rin mit ei­ner Rei­he ergänzen­der Ar­beits­verträge zusätz­li­che Ar­bei­ten über­trug, so dass sie ins­ge­samt auf ei­ne Voll­zeit­stel­le kam. Die­se Auf­sto­ckun­gen ih­rer Ar­beits­zeit wa­ren al­ler­dings al­le­samt nur zeit­lich be­fris­tet im Rah­men von Ver­tre­tun­gen ab­we­sen­der Ar­beits­kol­le­gen.

Als die zu­letzt von der Ar­beit­neh­me­rin ver­tre­te­ne Kol­le­gin aus­schied, wur­de die be­fris­te­te Auf­sto­ckungstätig­keit nicht mehr verlängert.

Die Ar­beit­neh­me­rin for­der­te die Uni­ver­sitäts­ver­wal­tung da­zu auf, sie un­be­fris­tet auf der frei ge­wor­de­nen Stel­le der aus­ge­schie­de­nen Ar­beits­kol­le­gin ein­zu­set­zen. Den­noch wur­de die Stel­le mit ei­ner an­de­ren Kraft be­setzt. De­ren da­durch An­fang 2009 frei ge­wor­de­ne Voll­zeit­stel­le er­hielt die Teil­zeit­kraft eben­falls nicht. An ih­rer Stel­le kam hier ei­ne erst 2007 ein­ge­stell­te und bis da­hin be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin zum Zu­ge.

Dar­auf­hin zog die Über­set­ze­rin vor das Ar­beits­ge­richt mit dem Ziel, das Be­ste­hen ei­nes Voll­zeit­ar­beits­verhält­nis­ses fest­stel­len zu las­sen. Für den Fall der Ab­wei­sung die­ses An­trags be­gehr­te sie die Ver­ur­tei­lung ih­res Ar­beit­ge­bers zur An­nah­me ih­res Auf­sto­ckungs­an­ge­bots. Höchst hilfs­wei­se woll­te sie Zah­lung von An­nah­me­ver­zugs­lohn bzw. von Scha­dens­er­satz in Höhe des ihr ent­gan­ge­nen Voll­zeit­ar­beits­lohns.

Da­mit un­ter­lag sie vor dem Ar­beits­ge­richt Mann­heim (Ur­teil vom 19.05.2009, 5 Ca 576/08).

Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg: Arbeitgeber hätte Arbeitnehmerin berücksichtigen müssen. Anspruch auf Schadensersatz.

Die Kläge­rin hat­te zwar mit ih­rem ei­gent­li­chen Kla­ge­ziel - Beschäfti­gung auf ei­nem Voll­zeit­ar­beits­platz - auch vor dem LAG kei­nen Er­folg, doch ver­ur­teil­te das LAG den Ar­beit­ge­ber im­mer­hin für ei­nen Streit­zeit­raum von sie­ben Mo­na­ten zu ei­nem Scha­dens­er­satz­an­spruch von 9.202,79 EUR brut­to.

Dass die Teil­zeit­kraft mit ih­ren vor­ran­gi­gen Be­geh­ren kei­nen Er­folg hat­te, lag an der zwi­schen­zeit­lich vor­ge­nom­me­nen Be­set­zung der von ihr be­gehr­ten bei­den Stel­len mit an­de­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen. Auf die­sen bei­den Stel­len konn­te der Ar­beit­ge­ber die Kläge­rin da­her nach An­sicht des LAG nicht (mehr) beschäfti­gen, so dass er da­zu, d.h. zu ei­ner unmögli­chen Leis­tung, auch nicht ver­ur­teilt wer­den konn­te.

An­de­rer­seits war das LAG aber auch der Mei­nung, dass der Ar­beit­ge­ber der Kläge­rin auf­grund ih­res Auf­sto­ckungs­be­geh­rens bei der Ver­ga­be der Stel­le, die er mit der erst 2007 ein­ge­stell­ten und bis da­hin be­fris­tet beschäftig­ten Ar­beit­neh­me­rin be­setzt hat­te, den Vor­zug hätte ge­ben müssen. Denn die Kläge­rin sei für die­se Stel­le fach­lich min­des­tens ge­nau­so gut ge­eig­net wie ih­re kon­kur­rie­ren­de Kol­le­gin. An­ge­sichts die­ser Sach­la­ge hätte sich der Ar­beit­ge­ber nur noch auf „drin­gen­de be­trieb­li­che Gründe“ stützen können. Die aber gab es nicht.

Zwar hat­te sich der Ar­beit­ge­ber auf § 99 Abs. 2 Nr. 3, 2. Halb­satz Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) be­ru­fen. Da­nach müssen Ar­beit­ge­ber zur Ver­mei­dung ei­ner an­sons­ten ein­tre­ten­den Be­nach­tei­li­gung be­fris­tet beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer die­se vor­ran­gig bei der Stel­len­ver­ga­be zum Zu­ge kom­men las­sen. Al­ler­dings war für das be­klag­te Land die­se Vor­schrift der Be­triebs­ver­fas­sung gar nicht an­wend­bar, son­dern viel­mehr das Lan­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz Ba­den-Würt­tem­berg. Die­ses enthält aber ei­ne sol­che Re­ge­lung ge­ra­de nicht.

An­de­re Gründe, die dem Auf­sto­ckungs­wunsch der Teil­zeit­sekretärin ent­ge­gen­ste­hen könn­ten, wa­ren im Streit­fall nicht er­kenn­bar. Und nicht nur das: Für die Kläge­rin sprach, dass sie auf­grund ih­rer lan­gen Beschäfti­gungs­zeit und ih­rer Un­ter­halts­pflicht für zwei Kin­der we­sent­lich stärker auf die Voll­zeit­stel­le an­ge­wie­sen war als ih­re Kon­kur­ren­tin. Da­her schie­den drin­gen­de be­trieb­li­che Gründe aus.

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber soll­ten Auf­sto­ckungs­anträge gemäß § 9 Tz­B­fG erns­ter neh­men als hier im Streit­fall das be­klag­te Land. An­dern­falls tra­gen sie das Ri­si­ko, mit der Be­set­zungs­ent­schei­dung zu­las­ten der Teil­zeit­kraft de­ren Rech­te aus § 9 Tz­B­fG zu ver­let­zen, was die dau­er­haf­te Be­las­tung mit Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen in Form von Lohn­mehr­kos­ten zur Fol­ge hat.

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Letzte Überarbeitung: 22. Juli 2014

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