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Arbeitsrecht aktuell
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An­wen­dung des EuGH-Ur­teils in Sa­chen Schultz-Hoff auch ge­gen­über pri­va­ten Ar­beit­ge­bern

Auch Pri­vat­un­ter­neh­men sind ver­pflich­tet, bei mehr­jäh­ri­ger Krank­heit nicht ge­nom­me­nen Ur­laub nach­zu­ge­wäh­ren: Ar­beits­ge­richt Lör­rach, Ur­teil vom 06.02.2009, 3 Ca 161/08

31.03.2009. Das Ar­beits­ge­richt Lör­rach hat in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil klar­ge­stellt, dass die Grund­satz­ent­schei­dung des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) vom 20.01.2009 in Sa­chen Schultz-Hoff (Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06, C-520/06) von den deut­schen Ge­rich­ten auch dann um­zu­set­zen ist, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne Pri­vat­per­son ist.

Auch oh­ne ei­ne Ge­set­zes­än­de­rung müs­sen sich pri­va­te Ar­beit­ge­ber da­her dar­auf ein­stel­len, dass Ur­laubs­an­sprü­che künf­tig nicht zum 31. März des Fol­ge­jah­res ver­fal­len, wenn der Ur­laub bis da­hin we­gen Krank­heit nicht ge­nom­men wer­den konn­te.

Das führt zu er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Mehr­be­las­tun­gen, ist aber nach An­sicht des Ar­beits­ge­richts Lör­rach oh­ne Än­de­rung des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes (BUrlG) von den Ge­rich­ten so um­zu­set­zen: Ar­beits­ge­richt Lör­rach, Ur­teil vom 06.02.2009, 3 Ca 161/08.

Müssen auch Privatunternehmen den bei mehrjähriger Krankheit nicht genommenen Urlaub nachträglich gewähren?

§ 7 Abs. 3 Satz 1 BUrlG sieht vor, dass der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen pro Jahr spätes­tens bis zum 31. De­zem­ber des lau­fen­den Jah­res zu neh­men ist. Ei­ne Über­tra­gung des Ur­laubs auf das Fol­ge­jahr ist ge­setz­lich nur vor­ge­se­hen, wenn der Ur­laub we­gen drin­gen­der be­trieb­li­cher oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­der Gründe nicht ge­nom­men wer­den konn­te (§ 7 Abs. 3 Satz 2 BUrlG). In die­sem Fall tritt al­ler­dings ein endgülti­ger und er­satz­lo­ser Ver­fall des aus dem Vor­jahr über­tra­ge­nen Ur­laubs am 31. März ein.

Die­se Rechts­la­ge galt nach herr­schen­der Mei­nung, die seit ei­ner grund­le­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) aus dem Jah­re 1982 prak­tisch un­an­ge­foch­ten war, auch für den Fall, dass der Ar­beit­neh­mer krank­heits­be­dingt den Ur­laub we­der im Ur­laubs­jahr noch im Über­tra­gungs­zeit­raum neh­men konn­te (BAG, Ur­teil vom 13.05.1982, 6 AZR 360/80). Sie wur­de al­ler­dings im Ja­nu­ar 2009 vom EuGH „ge­kippt“.

Der EuGH stell­te nämlich in sei­nem Ur­teil vom 20.01.2009 (C-350/06, C-520/06) fest, dass ei­ne ur­laubs­recht­li­che Schlech­ter­stel­lung er­krank­ter Ar­beit­neh­mer ge­genüber ge­sun­den mit der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 04.11.2003 (Richt­li­nie 2003/88/EG), d.h. mit dem in die­ser Richt­li­nie ge­for­der­ten vierwöchi­gen Min­des­t­ur­laub un­ver­ein­bar sei (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/023: Bei dau­er­haf­ter Krank­heit kein Ver­fall von Rest­ur­laubs­ansprüchen).

Dar­auf­hin hat­te be­reits das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf in dem Fall, der dem EuGH bei sei­nem o.g. Ur­teil zu­grun­de lag (Schultz-Hoff gg. Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Bund), ent­schie­den, dass dem Kläger der be­gehr­te Ur­laub zustünde (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 02.02.2009, 12 Sa 486/06).

Da­bei kam es al­ler­dings in der An­ge­le­gen­heit Schultz-Hoff nicht dar­auf an zu ent­schei­den, ob die­se eu­ro­pa­recht­li­che Vor­ga­be auch ge­genüber pri­va­ten Ar­beit­ge­bern in deut­sches Ar­beits­recht um­zu­set­zen ist oder nicht, da die von Herrn Schultz-Hoff ver­klag­te Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Bund als Teil des Staa­tes an­zu­se­hen ist und da­her nach Ab­lauf der Um­set­zungs­frist un­mit­tel­bar an ein­deu­ti­ge bzw. oh­ne wei­te­res an­wend­ba­re Richt­li­ni­en­vor­ga­ben ge­bun­den ist (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/042 Schultz-Hoff be­kommt sei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung.).

Frag­lich ist, wel­che Schlußfol­ge­run­gen aus dem Ur­teil des EuGH vom 20.01.2009 in Sa­chen Schultz-Hoff zu zie­hen sind, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne Pri­vat­per­son ist. Hier könn­te man der Mei­nung sein, dass die „ein­deu­ti­ge“ Ge­set­zes­la­ge ei­ner dem EuGH-Ur­teil ent­spre­chen­den Aus­le­gung von § 7 BUrlG ent­ge­gen­steht, so dass nur der Ge­setz­ge­ber, nicht aber ein Ge­richt zur Um­set­zung des EuGH-Ur­teils be­fugt sei.

Zu die­ser Fra­ge hat sich das Ar­beits­ge­richt Lörrach in ei­nem Ur­teil vom 06.02.2009, 3 Ca 161/08 geäußert.

Der Streitfall: Urlaubsgewährung nach knapp einjähriger Krankheit

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer war seit 1979 im Be­trieb des Be­klag­ten, ei­nes pri­va­ten Ar­beit­ge­bers, als ge­werb­li­cher Ar­beit­neh­mer voll­zeitíg tätig. Er ist be­hin­dert mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 50. Sein Mo­nats­lohn be­trugt zu­letzt et­wa 2.700,00 EUR brut­to.

Von Mit­te Ju­li 2007 bis Mit­te Mai 2008 war der Kläger durch­ge­hend ar­beits­unfähig er­krankt. Seit­dem ar­bei­tet er wie­der. Den ihm für das Jahr 2007 zu­ste­hen­den Ur­laub von 20 Ur­laubs­ta­gen so­wie den fünftägi­gen Zu­satz­ur­laub für schwer­be­hin­der­te Men­schen gemäß § 125 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) konn­te er auf­grund sei­ner Krank­heit we­der im Jahr 2007 noch bis zum En­de des ge­setz­li­chen Über­tra­gungs­zeit­raums, d.h. bis zum 31. März des Fol­ge­jah­res (2008) neh­men.

Er ver­klag­te dar­auf­hin im Jah­re 2008 nach sei­ner Ge­ne­sung den Ar­beit­ge­ber auf Ur­laubs­gewährung, d.h. auf Er­tei­lung ei­nes Ur­laubs von 25 Ta­gen für das Jahr 2007.

Arbeitsgericht Lörrach: Auch ohne Gesetzesänderung sind Privatunternehmen verpflichtet, bei mehrjähriger Krankheit nicht genommenen Urlaub nachzugewähren

Das Ar­beits­ge­richt Lörrach gab der Kla­ge in vol­lem Um­fang statt, d.h. es ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber zu der be­gehr­ten Ur­laubs­gewährung. Zur Be­gründung heißt es, der we­gen Krank­heit im Jahr sei­ner Ent­ste­hung nicht ge­nom­me­ne und auf das Fol­ge­jahr über­tra­ge­ne Ur­laub ver­fal­le nicht mit dem 31. März des Fol­ge­jah­res. § 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG er­fas­se „bei eu­ro­pa­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung“ die Fälle ei­nes krank­heits­be­ding­ten Aus­blei­bens der Ur­laubs­gewährung nicht.

Da­bei be­zieht sich das Ar­beits­ge­richt Lörrach auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vor sei­ner grund­le­gen­den Rich­tungsände­rung vom 13.05.1982 (6 AZR 360/80). Vor die­sem Ur­teil ging das BAG nämlich da­von aus, dass der in § 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG ge­re­gel­te Ver­fall des Vor­jah­res­ur­laubs nur für den Nor­mal­fall, nicht aber für den (Aus­nah­me-)Fall ei­ner an­dau­ern­den krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit gel­te. Die­se al­te Recht­spre­chung, die das Ar­beits­ge­richt als ver­tret­ba­re Aus­le­gung von § 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG an­sieht, sei auf­grund des Schultz-Hoff-Ur­teils des EuGH nun­mehr aus Gründen der eu­ro­pa­rechts­kon­for­men Aus­le­gung ge­bo­ten.

Da­mit ver­wirft das Ar­beits­ge­richt zu­gleich die seit 1982 prak­tisch nicht an­ge­foch­te­ne ständi­ge Recht­spre­chung des BAG. Die­se seit über 25 Jah­re un­veränder­te Ent­schei­dungs­pra­xis des BAG be­zeich­net das Ar­beits­ge­richt ein we­nig schel­misch als „>neue< Recht­spre­chung".

Mitt­ler­wei­le hat auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt selbst die­se Schluss­fol­ge­rung aus dem Ur­teil des EuGH vom 20.01.2009 ge­zo­gen, nämlich mit Ur­teil vom 24.03.2009 (9 AZR 983/07). Hier ging es al­ler­dings nicht um Ur­laubs­gewährung, son­dern um den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­ste­hen­den An­spruch auf Ab­gel­tung des noch of­fe­nen Rest­ur­laubs.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu dem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 21. September 2016

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