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Ar­beits­ent­gelt in der In­sol­venz

An­fech­tung durch In­sol­venz­ver­wal­ter in der Re­gel er­folg­los: Ar­beits­ge­richt Je­na, Ur­teil vom 31.07.2009, 1 Ca 421/08

24.11.2009. Der In­sol­venz­ver­wal­ter kann im lau­fen­den Ver­fah­ren be­stimm­te Rechts­hand­lun­gen mit den Gläu­bi­gern an­fech­ten. Tut er dies er­folg­reich, so muss der Gläu­bi­ger das, was er durch die an­ge­foch­te­ne Hand­lung er­hal­ten hat, der In­sol­venz­mas­se zu­rück­ge­wäh­ren.

Da Ar­beit­neh­mer im In­sol­venz­recht nicht pri­vi­le­giert wer­den, kann ei­ne er­folg­rei­che In­sol­venz­an­fech­tung den Ver­lust ih­res Ar­beits­ent­gel­tes zur Fol­ge ha­ben.

Wie ge­nau das geht und wel­che Hür­den die In­sol­venz­ver­wal­ter da­bei zu neh­men ha­ben, zeigt ei­ne Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts (ArbG) Je­na, ArbG Je­na, Ur­teil vom 31.07.2009, 1 Ca 421/08.

Rückforderung von Arbeitsentgelt in der Insolvenz

In der In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers hat der In­sol­venz­ver­wal­ter die Möglich­keit, be­stimm­te Rechts­hand­lun­gen an­zu­fech­ten, die vor der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens vor­ge­nom­men wur­den (§ 129 ff. In­sol­venz­ord­nung - In­sO). Auf die­se Wei­se soll ei­ne Be­nach­tei­li­gung der Gläubi­ger bzw. ei­ne Be­vor­zu­gung be­stimm­ter Gläubi­ger ver­hin­dert wer­den.

Was ein Gläubi­ger durch ei­ne er­folg­reich an­ge­foch­te­ne Hand­lung er­hal­ten hat, muss er zur In­sol­venz­mas­se zurück­gewähren (§ 143 Abs.1 In­sO).

Die gu­te Nach­richt aus Ar­beit­neh­mer­sicht: Die An­for­de­run­gen an ei­ne er­folg­rei­che In­sol­venz­an­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen sind hoch. Nach ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­ho­fes (BGH) ist es für In­sol­venz­ver­wal­ter sehr schwer, ih­re For­de­run­gen zu be­wei­sen (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/070 An­fech­tun­gen von Lohn­zah­lun­gen in der In­sol­venz blei­ben die Aus­nah­me.).

Der­zeit ist zwar zwi­schen dem BGH und dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) um­strit­ten, wel­cher Rechts­weg für In­sol­venz­an­fech­tun­gen ge­ge­ben ist (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/092 Rechts­weg für Lohnrück­for­de­run­gen des In­sol­venz­ver­wal­ters), doch wird das BAG, soll­te es künf­tig für An­fech­tungsfälle zuständig sein, die aus Ar­beit­neh­mer­sicht güns­ti­gen Vor­ga­ben des BGH kaum über Bord wer­fen.

Das Ar­beits­ge­richt Je­na muss­te vor kur­zem zu ei­ni­gen Fra­gen ei­ner Lohn­an­fech­tung Stel­lung neh­men (Ur­teil vom 31.07.2009, 1 Ca 421/08).

Der Fall des Arbeitsgericht Jena: Insolvenzverwalter fordert von Arbeitnehmer Arbeitsentgelt eines Monats zurück

Der Kläger ist der In­sol­venz­ver­wal­ter ei­ner in der Bau­bran­che ak­ti­ven GmbH. Seit En­de 2006 ge­riet das Un­ter­neh­men zu­neh­mend in wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten, ins­be­son­de­re die Zah­lun­gen an So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger be­gan­nen zu sto­cken.

Der Geschäftsführer er­teil­te sei­nem tech­ni­schen Be­triebs­lei­ter Hand­lungs­voll­macht und ver­ließ das Land. An­fang 2007 stell­te der Be­triebs­lei­ter den Be­klag­ten als Bau­hel­fer ein. Das ver­ein­bar­te Ent­gelt für den Mo­nat Fe­bru­ar 2007 wur­de zwar recht­zei­tig ab­ge­rech­net, aber erst zwan­zig Ta­ge nach Fällig­keit aus­ge­zahlt. Ei­ne Wo­che später stell­te ei­ner der Gläubi­ger beim zuständi­gen Amts­ge­richt In­sol­venz­an­trag.

In sei­ner nach ei­ner er­folg­los ge­blie­be­nen außer­ge­richt­li­chen Auf­for­de­rung zur Rück­zah­lung des Fe­bru­ar­loh­nes er­ho­be­nen Kla­ge trug der In­sol­venz­ver­wal­ter vor, es ha­be schon im Ja­nu­ar 2007 nur noch Teil­zah­lun­gen ge­ge­ben, wie sich dar­aus er­ge­be, dass sich die Lohnrückstände für die im Ju­li 2007 noch beschäftig­ten 63 Ar­beit­neh­mer auf et­wa 232.000 Eu­ro be­lau­fen hätten.

Der Be­triebs­lei­ter ha­be je­weils bei Fällig­keit der Lohn­for­de­rung am 15. des Fol­ge­mo­nats al­le Mit­ar­bei­ter auf de­ren Nach­fra­ge darüber in Kennt­nis ge­setzt, dass we­gen man­geln­der Li­qui­dität des Un­ter­neh­mens Löhne nur in Abhängig­keit von Ein­nah­men aus lau­fen­den Auf­trägen ge­zahlt wer­den könn­ten.

Der Kläger er­wi­der­te, er sei im Ja­nu­ar 2007 kor­rekt be­zahlt wor­den und ha­be von dem Be­triebs­lei­ter man­gels Nach­fra­ge - zu der er we­gen der ord­nungs­gemäßen Ab­rech­nun­gen kei­nen An­lass sah - auch nichts er­fah­ren.

Arbeitsgericht Jena: Anfechtung durch Insolvenzverwalter nur erfolgreich, wenn Arbeitnehmer Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers kannte

Das Ar­beits­ge­richt Je­na ent­schied zu Guns­ten des be­klag­ten Ar­beit­neh­mers und wies die Kla­ge des In­sol­venz­ver­wal­ters ab.

In sei­nen Ent­schei­dungs­gründen schlug es sich da­bei auf die Sei­te des BAG und hielt sich für zuständig. Es ver­wies dar­auf, dass die Rechts­weg­fra­ge zur Zeit dem ge­mein­sa­men Se­nat der obers­ten Ge­richtshöfe des Bun­des zur Be­ant­wor­tung vor­liegt und das BAG in die­sem Rah­men an sei­ner Rechts­auf­fas­sung festhält (vgl. hier­zu BAG, Be­schluss vom 15.07.2009, GmS-OGB 1/09 und BAG, Be­schluss vom 31.03.2009, AZB 98/08).

Die Kla­ge hat­te da­mit zwar die ers­te Hürde ge­nom­men und war zulässig. Das Ge­richt war je­doch der Auf­fas­sung, es feh­le an ei­nem der in den §§ 130 ff. In­sO ge­re­gel­ten An­fech­tungs­tat­bestände. Es the­ma­ti­siert bei sei­ner Prüfung zunächst ausführ­lich die Fra­ge, ob hier trotz der um zwan­zig Ta­ge ver­späte­ten Zah­lung noch ein "Bar­geschäft" im Sin­ne von § 142 In­sO vor­liegt und be­jaht dies u.a. aus bran­chen­spe­zi­fi­schen Gründen.

Die zen­tra­len Fra­gen lau­ten je­doch so­wohl bei der An­fech­tung nach §§ 142, 133 Abs.1 In­sO als auch bei der An­fech­tung nach § 130 Abs.1 Nr.1, Abs.2 In­sO: Droh­te dem Ar­beit­ge­ber bei der Ent­gelt­zah­lung be­reits die Zah­lungs­unfähig­keit bzw. war sie be­reits ein­ge­tre­ten? Wie gut wuss­te der Ar­beit­neh­mer da­bei über die Geld­pro­ble­me sei­nes Ar­beit­ge­bers Be­scheid?

Den Vor­trag des In­sol­venz­ver­wal­ters zur Zah­lungs­unfähig­keit be­wer­te­te das Ar­beits­ge­richt Je­na als zu dünn. Der Schul­den­stand Mit­te 2007 lies kei­nen (zwin­gen­den) Schluss auf den Stand der Schul­den zu Jah­res­be­ginn zu.

In je­dem Fall hat­te der Ar­beit­neh­mer aber kei­ne aus­rei­chen­den Kennt­nis­se über den Fi­nanz­sta­tus sei­nes Ar­beit­ge­bers. Hier ver­weist das Ge­richt auf die oben ge­nann­te Ent­schei­dung des BGH, der zu­fol­ge "Kennt­nis" der Zah­lungs­unfähig­keit bei Ar­beit­neh­mern al­len­falls dann an­zu­neh­men ist, wenn sie Ein­blick in Buch­hal­tung oder Rech­nungs­we­sen ha­ben und zu­dem ent­spre­chend fach­kun­dig sind oder als lei­ten­de Mit­ar­bei­ter ein­ge­hend über die Un­ter­neh­mens­la­ge un­ter­rich­tet sind.

Der Be­klag­te war aber als ge­werb­li­cher Ar­beit­neh­mer tätig und erfüll­te die­se Vor­aus­set­zun­gen nicht. Er hat­te die nöti­gen In­for­ma­tio­nen auch nicht auf ei­ner Be­triebs­ver­samm­lung er­hal­ten. Selbst wenn er al­so in all­ge­mei­ner Form von Zah­lungs­pro­ble­men wuss­te, konn­te er sie man­gels aus­rei­chen­der In­for­ma­tio­nen nicht rich­tig ein­ord­nen. Das ist aber nötig, um auf die Zah­lungs­unfähig­keit schließen zu können.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung zeigt, wie hoch die Hürden sind, die In­sol­venz­ver­wal­ter für ei­ne er­folg­rei­che An­fech­tung über­win­den müssen. Wer als Ar­beit­neh­mer nach der De­vi­se lebt "nichts Böses se­hen, nichts Böses hören, nichts Böses sa­gen", der hat gu­te Chan­cen, sich er­folg­reich ge­gen Lohn­an­fech­tun­gen zu ver­tei­di­gen.

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Letzte Überarbeitung: 25. August 2016

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