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Ar­beits­ge­richt un­ter­sagt Ki­ta-Streik

Ar­beits­ge­richt Kiel un­ter­sagt Streik­maß­nah­men: Ar­beits­ge­richt Kiel, Ur­teil vom 18.05.2009, ö.D. 4 Ga 23b/09
13.08.2009. In letz­ter Zeit wird in der Öf­fent­lich­keit zu­neh­mend ei­ne grund­le­gen­de Än­de­rung der Be­treu­ung von Kin­der­gar­ten­kin­dern ge­for­dert. Ei­ner­seits hat die Zahl der Kin­der­gär­ten­plät­ze nicht Schritt ge­hal­ten mit der zu­neh­men­den Zahl von Fa­mi­li­en, in de­nen bei­de El­tern­tei­le ar­bei­ten bzw. in der Kin­der bei Al­lein­er­zie­hen­den auf­wach­sen. Es wird des­we­gen ein Kin­der­gar­ten­platz für je­des Kind ge­for­dert.

An­de­rer­seits setzt sich das Be­wusst­sein im­mer mehr durch, dass die För­de­rung von Kin­dern schon im Kin­der­gar­ten be­gin­nen muss. Er­zie­her sol­len des­we­gen ei­ne Fach­hoch­schul- oder Hoch­schul­aus­bil­dung er­hal­ten, um zu ei­ner der­ar­ti­gen För­de­rung in der La­ge zu sein.

Den neu­en An­for­de­run­gen an Er­zie­her steht aber häu­fig ein gro­ßer Be­treu­ungs­schlüs­sel und da­mit ei­ne er­heb­li­che (Lärm- und Stress-)Be­las­tung so­wie ein ge­rin­ges Ein­kom­men der Er­zie­her ge­gen­über, so dass all­ge­mein Be­darf für ei­ne Ver­bes­se­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen ge­se­hen wird, wie ei­ne Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts (ArbG) Kiel ver­deut­licht, ArbG Kiel, Ur­teil vom 18.05.2009, ö.D. 4 Ga 23b/09.

Bis­her galt für die Er­zie­her, die im öf­fent­li­chen Dienst be­schäf­tigt wa­ren, über­wie­gend der Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT), des­sen Ver­gü­tung sich nach dem Le­bens­al­ter der Be­schäf­tig­ten rich­te­te. Der BAT wur­de aber mitt­ler­wei­le weit­ge­hend durch den Ta­rif­ver­trag für den öf­fent­li­chen Dienst (TVöD) er­setzt. Der TVöD sieht ei­ne Ver­gü­tung nach Be­rufs­er­fah­rung und Leis­tung vor. Da al­so an­de­re Ver­gü­tungs­kri­te­ri­en ein­ge­führt wur­den, kann die frü­he­re auf die jet­zi­ge Ver­gü­tung nicht oh­ne wei­te­res über­tra­gen wer­den.

Wie Er­zie­her nun ein­grup­piert wer­den sol­len, ist zwi­schen Ar­beit­ge­bern und Ge­werk­schaf­ten seit­dem um­strit­ten. Die Ar­beit­ge­ber sind höchs­tens be­reit, Er­zie­hern um die 200 EUR mehr als bis­her zu be­zah­len, die Ge­werk­schaf­ten (ver.di und GEW) for­dern da­ge­gen, dass Er­zie­her wie die­je­ni­gen Be­schäf­tig­ten ent­lohnt wer­den, die ei­nen Fach­hoch­schul­ab­schluss auf­wei­sen.

Ei­gent­lich ein Grund zum Streik für die Ge­werk­schaf­ten. Al­ler­dings ist ein Streik um Lohn­er­hö­hun­gen der­zeit un­zu­läs­sig, da die Fra­ge der ta­rif­li­chen Be­zah­lung ver­bind­lich in Form gel­ten­der Lohn­ta­rif­ver­trä­ge ge­re­gelt ist. Bis zu de­ren Ab­lauf ist ein Lohn­ar­beits­kampf auf­grund der die Ge­werk­schaft tref­fen­den Frie­dens­pflicht aus­ge­schlos­sen. Al­ler­dings gibt es der­zeit kei­ne ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen zum Ge­sund­heits­schutz der Er­zie­he­rin­nen und Er­zie­her. Es liegt da­her aus ge­werk­schaft­li­cher Sicht na­he, den Druck auf die bun­des­weit ge­führ­ten Lohn­ge­sprä­che durch Streik­ak­tio­nen zu er­hö­hen, die „of­fi­zi­ell“ ein an­de­res Ziel als ei­ne Lohn­er­hö­hung ha­ben.

Die­se Tak­tik hat un­längst vor dem Ar­beits­ge­richt Kiel ei­nen Dämp­fer er­hal­ten (Ur­teil vom 18.05.2009, ö.D. 4 Ga 23b/09).

En­de Mai 2009 rief die Ge­werk­schaft ver.di die Be­schäf­tig­ten in kom­mu­na­len Kin­der­ta­ges­stät­ten - un­ter an­de­rem auch in Kiel - zu Streiks auf. Hin­ter­grund sind die seit An­fang 2009 ge­führ­ten Ver­hand­lun­gen über neue Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen für Kin­der­gärt­ner und Kin­der­gärt­ne­rin­nen. Der ein­schlä­gi­ge Lohn­ta­rif­ver­trag ist al­ler­dings erst zum En­de 2010 künd­bar.

Gleich­zei­tig for­der­te ver.di ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen zur Ge­sund­heits­för­de­rung und zum Ge­sund­heits­schutz. Den Be­schäf­tig­ten soll­te künf­tig ein An­spruch auf ei­ne jähr­li­che Er­mitt­lung ar­beits­be­ding­ter phy­si­scher und psy­chi­scher Ge­fähr­dun­gen zu­ste­hen. Zu­dem soll­ten pa­ri­tä­tisch be­setz­te be­trieb­li­che Kom­mis­sio­nen er­rich­tet wer­den, die bei Ge­sund­heits­för­de­rungs- und Ar­beits­schutz­maß­nah­men ver­bind­lich zu ent­schei­den hät­ten, wenn ei­ne güt­li­che Ei­ni­gung der Be­triebs­part­ner über Ge­sund­heits­schutz­maß­nah­men nicht er­reicht wer­den könn­te.

Die Ar­beit­ge­ber­sei­te sag­te zu, sie wer­de über das An­ge­bot be­ra­ten und dar­auf zu­rück­kom­men. Die dies­be­züg­li­che Ein­la­dung zu Ver­hand­lun­gen durch ver.di war ihr je­doch zu kurz­fris­tig an­ge­setzt. Dar­auf­hin er­klär­te ver.di die Ver­hand­lun­gen für ge­schei­tert und rief zum Streik auf.

Die Ar­beit­ge­ber­sei­te hielt dies für un­zu­läs­sig und be­an­trag­te per Eil­an­trag vor dem Ar­beits­ge­richt Kiel, ver.di den Streik­auf­ruf zu un­ter­sa­gen - mit Er­folg.

Denn zum ei­nen hat­te ver.di, so das Ge­richt, das ul­ti­ma-ra­tio-Prin­zip ver­letzt, da Ta­rif­ver­hand­lun­gen zum Ge­sund­heits­schutz noch gar nicht statt­ge­fun­den hat­ten und die Ar­beit­ge­ber­sei­te Ver­hand­lun­gen auch nicht ab­ge­lehnt hat­te. Das Ge­richt ver­mu­tet vor die­sem Hin­ter­grund, dass ver.di durch den Streik Druck auf die Lohn­ver­hand­lun­gen aus­üben woll­te. Aus die­sem Grund war ein Streik aber kei­nes­falls zu­läs­sig, da bis En­de 2010 noch die Frie­dens­pflicht be­stand.

Das Ar­beits­ge­richt ist dar­über hin­aus der Mei­nung, die For­de­run­gen von ver.di zum Ge­sund­heits­schutz sei­en kein in ei­nem Ta­rif­ver­trag zu­läs­si­ger Re­ge­lungs­ge­gen­stand, so dass der Streik auch da­her rechts­wid­rig war. Die von ver.di ge­for­der­te Ein­rich­tung der be­trieb­li­chen Kom­mis­si­on, so das Ge­richt, ver­letzt näm­lich das Mit­be­stim­mungs­recht des Per­so­nal­rats.

Nach dem hier an­zu­wen­den­den Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz Schles­wig-Hol­stein hat der Per­so­nal­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht in Fra­gen des Ge­sund­heits­schut­zes (§ 51). Zu­dem ist dort beim Schei­tern ei­ner Ei­ni­gung die Ein­rich­tung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le zwin­gend vor­ge­se­hen (§ 54). Die­ses ge­setz­lich vor­ge­schrie­ben Ver­fah­ren wür­de durch die ge­for­der­ten be­trieb­li­chen Kom­mis­sio­nen aus­ge­he­belt, meint das Ge­richt. Dar­in liegt ei­ne ge­mäß § 97 BPers­VG un­zu­läs­si­ge Ab­wei­chung von den Mit­be­stim­mungs­rech­ten.

In ei­nem Par­al­lel­fall ver­tritt das Ar­beits­ge­richt Ham­burg be­züg­lich des Streik­auf­rufs von ver.di in Ham­burg die glei­che Auf­fas­sung (Ent­schei­dung vom 11.06.2009). Ver.di hat dar­auf­hin nach­träg­lich sei­ne For­de­run­gen mo­di­fi­ziert. Auch dies­be­züg­lich hat­te das Ar­beits­ge­richt Ham­burg Be­den­ken.

Der vor­lie­gen­de Fall zeigt, dass bei der Be­ur­tei­lung der Fra­ge, ob ein Streik recht­mä­ßig ist, nicht aus­schließ­lich der In­ter­es­sen­ge­gen­satz zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­schäf­tig­ten ei­ne Rol­le spielt. Im vor­lie­gen­den Fall war auch ei­ne Ab­wä­gung der In­ter­es­sen zwi­schen Ge­werk­schaf­ten und Per­so­nal­rat zu tref­fen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 27. Juli 2016

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