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Dro­hung mit frist­lo­ser Kün­di­gung macht Auf­he­bungs­ver­trag nur sel­ten an­fecht­bar

Ar­beit­neh­mer soll­ten oh­ne Be­denk­zeit kei­nen Auf­he­bungs­ver­trag un­ter­schrei­ben: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 05.11.2010, 6 Sa 1442/10

29.11.2010. Be­geht der Ar­beit­neh­mer ei­nen so schwe­ren Pflicht­ver­stoß, dass dem Ar­beit­ge­ber das Ab­war­ten der Kün­di­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann, kann er au­ßer­or­dent­lich und frist­los kün­di­gen (§ 626 Abs.1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch - BGB).

Ob ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit bis zum Ab­lauf der Kün­di­gung zu­mut­bar ist oder nicht, hängt von ei­ner Ab­wä­gung ab: Über­wiegt das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner so­for­ti­gen Ver­trags­be­en­di­gung, ist die frist­lo­se Kün­di­gung rech­tens, über­wiegt das Fort­set­zungs­in­ter­es­ses des Ar­beit­neh­mers, ist sie es nicht.

Bei sog. Ba­ga­tell­de­lik­ten, d.h. bei Straf­ta­ten zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers mit ge­rin­gem Scha­den, kann ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses je nach den Um­stän­den des Ein­zel­falls zu­mut­bar sein (wir be­rich­te­ten zu­letzt in Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/220: Frist­lo­se Kün­di­gung un­wirk­sam trotz Be­tru­ges mit 166 Eu­ro Scha­den).

Weil vor dem Ar­beits­ge­richt je­de Par­tei ih­re An­walts­kos­ten selbst tra­gen muss, auch wenn sie ge­winnt (§ 12a Abs. 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz - ArbGG), kön­nen Ar­beit­neh­mer kla­gen, oh­ne zu ris­kie­ren, im Fal­le des Un­ter­lie­gens für die Kos­ten des Ar­beit­ge­ber­an­walts auf­kom­men zu müs­sen. Und da Ar­beit­neh­mer als Fol­ge ei­ner frist­lo­sen Kün­di­gung nicht nur ih­ren Job, son­dern auch die Kün­di­gungs­fris­ten ver­lie­ren, ei­ne Sperr­zeit beim Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld droht und kaum Aus­sicht auf ein gu­tes Zeug­nis be­steht, kön­nen sie ei­ne sol­che Si­tua­ti­on durch ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge prak­tisch nur ver­bes­sern.

Ganz an­ders ist die La­ge aber, wenn ein Ar­beit­neh­mer auf­grund ei­nes Pflicht­ver­sto­ßes zu ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag be­reit war. Denn im Ge­gen­satz zu ei­ner au­ßer­or­dent­li­chen Kün­di­gung sind Auf­he­bungs­ver­trä­ge in al­ler Re­gel "ge­richts­fest". Theo­re­tisch mög­lich ist zwar ei­ne An­fech­tung we­gen Dro­hung durch den Ar­beit­ge­ber (§§ 142, 123 Abs. 1 BGB), doch muss die Dro­hung wi­der­recht­lich sein, und das kommt sel­ten vor und ist noch sel­te­ner nach­zu­wei­sen.

Dies be­kam die Mit­ar­bei­te­rin ei­nes Wa­ren­hau­ses zu spü­ren. Sie wur­de in ei­nem Per­so­nal­ge­spräch mit dem Vor­wurf ei­nes Dieb­stahls kon­fron­tiert vom Ge­schäfts­lei­ter vor die Al­ter­na­ti­ve ge­stellt, das Ar­beits­ver­hält­nis ent­we­der durch ei­ne ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge frist­lo­se Kün­di­gung ver­lie­ren oder durch ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag.

Die Ar­beit­neh­me­rin un­ter­zeich­ne­te dar­auf­hin so­fort ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag. Zwei Ta­ge spä­ter, nach­dem sie ei­nen An­walt kon­sul­tiert hat­te, ließ sie ih­re Ver­trags­er­klä­rung we­gen Dro­hung an­fech­ten und klag­te auf die Fest­stel­lung, dass das Ar­beits­ver­hält­nis wei­ter fort­be­steht.

Da­mit hat­te sie nur in ers­ter In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt Pots­dam Er­folg (Ur­teil vom 20.05.2010, 8 Ca 155/10). Das in zwei­ter In­stanz zu­stän­di­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg hin­ge­gen war der Mei­nung, dass die Dro­hung des Ge­schäfts­füh­rers nicht "wi­der­recht­lich" war (Ur­teil vom 05.11.2010, 6 Sa 1442/10).

Denn, so das LAG: Die Dro­hung mit ei­ner au­ßer­or­dent­li­chen Kün­di­gung ist nur dann wi­der­recht­lich, wenn ein ver­stän­di­ger Ar­beit­ge­ber ei­ne sol­che Kün­di­gung nicht ernst­haft in Er­wä­gung zie­hen durf­te. Das wie­der­um ist prak­tisch nur der Fall, wenn der Ar­beit­ge­ber selbst nicht an die Be­rech­ti­gung ei­ner sol­chen Kün­di­gung glaubt oder wenn sei­ne Be­wer­tung of­fen­kun­dig "völ­lig ne­ben der Spur" ist - al­so so gut wie nie.

Die Ar­beit­neh­me­rin hat so­mit we­gen ih­rer vor­ei­li­gen Un­ter­schrift nicht nur ihr Ar­beits­ver­hält­nis und ei­nen Pro­zess ver­lo­ren, son­dern auch ei­nen Teil ih­res Ar­beits­lo­sen­gel­des.

Fa­zit: Der Fall zeigt wie­der ein­mal, wie ge­fähr­lich ei­ne Un­ter­schrift oh­ne Be­denk­zeit sein kann (wir be­rich­te­ten über ei­nen ähn­li­chen Fall in Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/229: Schuld­an­er­kennt­nis ei­nes Ar­beit­neh­mers nur aus­nahms­wei­se un­wirk­sam). Ar­beit­neh­mer soll­ten die­se in je­dem Fall ein­for­dern und ein An­walt kon­sul­tie­ren. Ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung ist kein Welt­un­ter­gang, d.h. auch da­nach kann man über al­les ver­nünf­tig re­den, und zwar im Rah­men ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge. Ge­gen ei­nen bei­der­seits un­ter­schrie­be­nen Auf­he­bungs­ver­trag vor­zu­ge­hen, ist da­ge­gen prak­tisch aus­sichts­los.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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