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Aus­le­gung des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes ent­spre­chend dem Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH

Die Vor­ga­ben des Schultz-Hoff-Ur­teils kön­nen auch oh­ne Ge­set­zes­än­de­rung im deut­schen Ur­laubs­recht um­ge­setzt wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07

07.04.2009. Nach § 7 Abs. 3 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) muss der Ur­laub im lau­fen­den Ka­len­der­jahr ge­währt und ge­nom­men wer­den, d.h. am 31. De­zem­ber ver­fällt der nicht ge­nom­me­ne Jah­res­ur­laub. Die Über­tra­gung des Ur­laubs auf das nächs­te Jahr ist zwar aus­nahms­wei­se mög­lich, aber auch dann muss der Ur­laub spätstens am 31. März ge­nom­men wor­den sein (§ 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG).

Das gilt aber seit dem Schultz-Hoff-Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) nicht mehr, wenn der Ar­beit­neh­mer den Ur­laub we­gen jah­re­lan­ger Krank­heit nicht neh­men konn­te. Dann darf, so der EuGH, der Ur­laub gar nicht ver­fal­len (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 - Schultz-Hoff).

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat ent­schie­den, dass auch pri­va­te Ar­beit­ge­ber die Kon­se­quen­zen aus dem Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH zu tra­gen ha­ben. Auch sie müs­sen da­her den we­gen Krank­heit nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­gan­ge­ner Jah­re ge­wäh­ren oder ab­gel­ten, oh­ne sich auf den bis­her nach der Recht­spre­chung gel­ten­de Rechts­la­ge be­ru­fen zu kön­nen, nach der Rest­ur­laubs­an­sprü­che auch bei lan­ger Krank­heit im­mer zum 31. März des Fol­ge­jah­res ver­fie­len.

Das ist jetzt an­ders, und da­zu ist da­zu ei­ne Än­de­rung des BUrlG nicht nö­tig: BAG, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07.

Wer muss das Schultz-Hoff-Urteil des EuGH umsetzen - die Gerichte oder der Gesetzgeber?

Der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) ent­schied je­doch im Ja­nu­ar 2009 (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 und C-520/06 - Schultz-Hoff gg. Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Bund), dass der er­satz­lo­se Ver­fall von Ur­laubs­ansprüchen als Ver­s­toß ge­gen die Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 04.11.2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (Richt­li­nie 2003/88/EG) eu­ro­pa­rechts­wid­rig sei.

Pro­ble­ma­tisch ist, auf wel­che Wei­se die­se Ent­schei­dung nun­mehr im Rah­men des deut­schen Ar­beits­rechts um­zu­set­zen ist.

Ge­genüber dem Staat und da­mit auch ge­genüber öffent­li­chen Ar­beit­ge­bern gel­ten EU-Richt­li­ni­en un­mit­tel­bar. Ein staat­li­cher Ar­beit­ge­ber muss des­halb fort­an oh­ne wei­te­res auch mehrjährig kran­ken Ar­beit­neh­mern nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses sämt­li­chen we­gen der Krank­heit nicht ge­nom­me­nen Ur­laub, al­so auch den ver­gan­ge­ner Jah­re, ab­gel­ten.

Kom­pli­zier­ter ist dies im Fal­le pri­va­ter Ar­beit­ge­ber. Denn ih­nen ge­genüber sind Richt­li­ni­en nicht un­mit­tel­bar an­wend­bar, son­dern bedürfen der Um­set­zung durch Ge­setz. Setzt der Ge­setz­ge­ber ei­ne Richt­li­nie nicht aus­rei­chend um, hat die­ser Ver­s­toß für pri­va­te Ar­beit­ge­ber des­halb zunächst kei­ne Kon­se­quen­zen. Der Ge­setz­ge­ber ist in ei­nem sol­chen Fall ge­hal­ten nach­zu­bes­sern.

Denn es soll Sa­che des de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Par­la­ments blei­ben, zu ent­schei­den, auf wel­che Wei­se am bes­ten ei­ne eu­ro­pa­rechts­kon­for­me Lösung zu er­zie­len ist. Ist ein Ge­setz da­ge­gen so of­fen for­mu­liert, dass Spiel­raum dafür be­steht, es im Ein­klang mit eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­schrif­ten zu in­ter­pre­tie­ren, ist dies ei­ne Aus­le­gungs­fra­ge, die von den Ge­rich­ten sel­ber vor­ge­nom­men wird.

Frag­lich ist da­her, ob die Re­ge­lung im Bun­des­ur­laubs­ge­setz, nach der der Jah­res­ur­laub spätes­tens in den ers­ten drei Mo­na­ten des Fol­ge­jah­res ge­nom­men wer­den muss, ei­ner der­ar­ti­gen Aus­le­gung durch die Ge­rich­te zugäng­lich ist. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf hat dies in sei­nem Ur­teil vom 02.02.2009 (12 Sa 486/06 - Schultz-Hoff) be­jaht, ob­wohl in dem zu ent­schei­den­den Fall Be­klag­ter ein öffent­li­cher Ar­beit­ge­ber war und es des­halb in die­sem Fall auf­grund der oh­ne­hin un­mit­tel­ba­ren An­wend­bar­keit der Richt­li­nie auf die­se Fra­ge gar nicht an­kam.

Mitt­ler­wei­le ist auch das Ar­beits­ge­richt Lörrach (Ur­teil vom 06.02.2009, 3 Ca 161/08) im Fal­le ei­nes pri­va­ten Ar­beit­ge­bers zu dem­sel­ben Er­geb­nis ge­langt (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/052 An­wen­dung des EuGH-Ur­teils in Sa­chen Schultz-Hoff auch ge­genüber pri­va­ten Ar­beit­ge­bern).

Be­reits we­ni­ge Wo­chen später und da­mit in ex­tre­mer Ei­le hat sich nun­mehr auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit die­ser Fra­ge be­fasst, nämlich mit Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07. In­for­ma­tio­nen zu dem Ur­teil lie­gen der­zeit nur in Form ei­ner Pres­se­mel­dung des BAG vor (BAG Pres­se­mit­tei­lung 31/09).

Der Streitfall: Schwer erkrankte und Anfang 2007 ausgeschiedene Arbeitnehmerin verlangt krankheitsbedingt nicht genommenen Urlaub für 2005 und 2006

Die 1978 ge­bo­re­ne Kläge­rin war von Au­gust 2005 bis zum 31.01. 2007 bei der Be­klag­ten, ei­ner von ei­ner Kir­che ge­tra­ge­nen of­fe­nen Ganz­tags­grund­schu­le, als Er­zie­he­rin beschäftigt. Ihr stan­den laut ih­rem Ar­beits­ver­trag 26 Ta­ge Jah­res­ur­laub zu, der gemäß der dort gel­ten­den kirch­li­chen Ar­beits- und Vergütungs­ord­nung (KA­VO) et­was später als ge­setz­lich ge­re­gelt, nämlich am 30. Ju­ni des Fol­ge­jah­res ver­fal­len soll­te.

Seit An­fang Ju­ni 2006 war die Kläge­rin auf­grund ei­nes Schlag­an­falls ar­beits­unfähig krank. Zu­min­dest bis zum Au­gust 2007 er­lang­te die Kläge­rin ih­re Ar­beitsfähig­keit nicht wie­der, wenn auch seit Fe­bru­ar 2007 die Ar­beits­unfähig­keit auf ei­ner an­de­ren Krank­heits­ur­sa­che be­ruh­te.

Die Be­klag­te kündig­te der Kläge­rin wirk­sam zum 31.01.2007. Die Kläge­rin be­gehrt nun­mehr die Ab­gel­tung des von ihr we­gen der Krank­heit nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs von neun Ta­gen für das Jahr 2005 so­wie 26 Ta­gen für das Jahr 2006 und be­zif­fert den dafür zu zah­len­den Be­trag auf rund 2.500 EUR . Wie vor dem Ar­beits­ge­richt Bonn hat­te die Kla­ge auch bei dem LAG Köln (Ur­teil vom 29.08.2007, 7 Sa 673/07) kei­nen Er­folg.

Die Ent­schei­dung deds LAG Köln ist vor dem Hin­ter­grund zu se­hen, dass zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung das LAG Düssel­dorf den Fall Schultz-Hoff zwar schon dem EuGH vor­ge­legt hat­te (LAG Düssel­dorf, Be­schluss vom 02.08.2006, 12 Sa 486/06), die­ser je­doch noch kei­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen hat­te. Dem­ent­spre­chend folgt das LAG Köln der bis­he­ri­gen ständi­gen Recht­spre­chung des BAG, dass durch die Krank­heit über den Über­tra­gungs­zeit­raum hin­aus die Ansprüche der Kläge­rin auf Ur­laub ver­fal­len sei­en, und das des­halb nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses auch ei­ne Ab­gel­tung des Ur­laubs nicht in Fra­ge käme.

Das LAG Köln setzt sich im Fol­gen­den ausführ­lich mit der Auf­fas­sung des LAG Düssel­dorf aus­ein­an­der, dass ei­ne der­ar­ti­ge Re­ge­lung eu­ro­pa­rechts­wid­rig sei. Es kommt zu dem Er­geb­nis, dass die An­grif­fe, die das LAG Düssel­dorf in der Vor­la­ge­ent­schei­dung Schultz-Hoff ge­gen die Recht­spre­chung des BAG ins Feld geführt hat­te, nicht über­zeu­gend sei­en. Die Re­geln des deut­schen Ur­laubs­rechts in der Aus­le­gung durch die Recht­spre­chung des BAG zur Nich­terfüll­bar­keit des Ur­laubs­an­spruchs auf­grund krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit ver­stießen, so das LAG Köln, nicht ge­gen höher­ran­gi­ges Recht, we­der ge­gen Ar­ti­kel 7 Abs. 1 noch ge­gen Ar­ti­kel 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88/EG.

Im Ge­gen­satz zum LAG Düssel­dorf se­he die Kam­mer da­her kei­ne Not­wen­dig­keit, die vom LAG Düssel­dorf an­ge­spro­che­nen Fra­gen dem EuGH eben­falls zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen. Es se­he sich dar­in durch die Recht­spre­chung des BAG bestärkt, die ei­ne sol­che Not­wen­dig­keit der Sa­che nach bis­lang of­fen­bar eben­falls nicht ge­se­hen ha­be. Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on ist jetzt durch die Ent­schei­dung des EuGH über­holt.

BAG: Die Vorgaben des Schultz-Hoff-Urteils können auch ohne Gesetzesänderung im deutschen Urlaubsrecht umgesetzt werden

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt gab der der Kla­ge bezüglich der be­gehr­ten Ab­gel­tung des Ur­laubs statt.

Auf der Grund­la­ge der Ent­schei­dung des EuGH in Sa­chen Schultz-Hoff kommt es zu dem Er­geb­nis, dass Ansprüche auf Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Teil- oder Voll­ur­laubs nicht erlöschen, wenn der Ar­beit­neh­mer bis zum En­de des Ur­laubs­jah­res und/oder des Über­tra­gungs­zeit­rau­mes er­krankt und des­halb ar­beits­unfähig sei.

Das BAG ist der An­sicht, die ein­schlägi­ge Re­ge­lung im BUrlG könne in die­ser Wei­se aus­ge­legt wer­den. § 7 Abs. 3 und 4 BUrlG sei bei Ar­beits­verhält­nis­sen pri­va­ter Ar­beit­ge­ber nach den Vor­ga­ben des Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ge­mein­schafts­rechts­kon­form fort­zu­bil­den.

Im übri­gen be­ste­hen je­den­falls seit Be­kannt­wer­den des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens des LAG Düssel­dorf kein schützens­wer­tes Ver­trau­en in den Fort­be­stand der bis­he­ri­gen Se­nats­recht­spre­chung. Ge­setz­li­chen Ansprüchen, die zu die­sem Zeit­punkt noch nicht ver­fal­len ge­we­sen sei­en, ste­he trotz krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit kein Erfüllungs­hin­der­nis ent­ge­gen.

Da­mit ist klar, dass auch pri­va­te Ar­beit­ge­ber langjährig ar­beits­unfähig kran­ken Ar­beit­neh­mern den ge­sam­ten des­halb nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ab­gel­ten müssen. Ei­ne Ge­set­zesände­rung hält das BAG für nicht er­for­der­lich. Da­mit kor­ri­giert das BAG sei­ne seit 1982 ständi­ge Recht­spre­chung, der zu­fol­ge der 31. März des Fol­ge­jah­res in prak­tisch al­len Fällen ein un­umstößli­ches Hin­der­nis für die Gel­tend­ma­chung von Rest­ur­laubs­ansprüchen aus dem Vor­jahr war.

Nach­voll­zieh­bar er­scheint die Ar­gu­men­ta­ti­on des BAG, dass Ver­trau­ens­schutz­gründe die­ser Aus­le­gung nicht ent­ge­gen­ste­hen, da die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung durch die Vor­la­ge in Sa­chen Schultz-Hoff zu­min­dest in Fra­ge ge­stellt wur­de. Mit Span­nung ab­zu­war­ten bleibt die Be­gründung des BAG für die Aus­le­gungsfähig­keit der doch sehr ein­deu­ti­gen Re­ge­lung im BUrlG.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier: 

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. November 2016

Bewertung: Aus­le­gung des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes ent­spre­chend dem Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH 3.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

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