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Bun­des­ar­beits­ge­richt lo­ckert So­zi­al­aus­wahl bei Kün­di­gun­gen

Die "Do­mi­no-Theo­rie" gilt nicht mehr: Ein­zel­ne Feh­ler bei der So­zi­al­aus­wahl füh­ren nicht mehr zur Un­wirk­sam­keit al­ler Kün­di­gun­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 09.11.2006, 2 AZR 812/05

27.11.2006. Ist bei grö­ße­ren be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gungs­wel­len ei­ne So­zi­al­aus­wahl durch­zu­füh­ren, ver­fährt der Ar­beit­ge­ber meist nach ei­nem Punk­te­sys­tem, d.h. die Aus­wahl­kri­te­ri­en Al­ter, Un­ter­halts­pflich­ten usw. füh­ren zu ei­ner punk­te­mä­ßi­gen Rang­ord­nung der Ar­beit­neh­mer.

Sind die Punk­te ein­mal ver­ge­ben, ist die Aus­wah­l­ent­schei­dung ein Re­chen­ex­em­pel: Wer die meis­ten Punk­te hat, ist vor ei­ner Kün­di­gung si­cher, wer die we­nigs­ten Punk­te hat, wird auf je­den Fall ge­kün­digt, und da­zwi­schen ver­läuft bei ei­ner be­stimm­ten Punk­te­zahl die Gren­ze zwi­schen ge­hen müs­sen und blei­ben dür­fen.

Un­ter­läuft dem Ar­beit­ge­ber bei den si­che­ren Plät­zen ein Feh­ler bei der Punk­te­ver­ga­be, d.h. be­kommt hier ein ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer mehr Punk­te als ihm zu­ste­hen, steht die­ser Ar­beit­neh­mer zu Un­recht auf der si­che­ren Sei­te und es wird dem­ent­spre­chend ein an­de­rer Ar­beit­neh­mer zu Un­recht ge­kün­digt.

An die­ser Stel­le kommt die "Do­mi­no­theo­rie" ins Spiel. Sie be­sagt, dass sich al­le (!) ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer auf ei­nen sol­chen sin­gu­lä­ren Aus­wahl­feh­ler bei den vor ih­nen lie­gen­den Punk­te­plät­zen be­ru­fen kön­nen.

Die­se An­sicht hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) seit ei­ner Ent­schei­dung aus dem Jah­re 1984 ver­tre­ten (BAG, Ur­teil vom 18.10.1984, 2 AZR 543/83). Vor kur­zem hat das BAG die­se Rechts­spre­chung auf­ge­ge­ben: BAG, Ur­teil vom 09.11.2006, 2 AZR 812/05.

Welche Auswirkungen haben einzelne Fehler bei einer Sozialauswahl-Punkteliste?

Kündigt der Ar­beit­ge­ber aus be­triebs­be­ding­ten Gründen nur ei­nem Teil der Ar­beit­neh­mer, die von der Re­du­zie­rung des Ar­beits­be­darfs "an sich" be­trof­fen wären, so muß er ei­ne Aus­wahl nach so­zia­len Ge­sichts­punk­ten (So­zi­al­aus­wahl) tref­fen (§ 1 Abs.3 Satz 1 KSchG).

BEISPIEL: Ein Kauf­haus un­terhält in ei­ner Stadt zwei Ver­kaufs­stel­len, von de­nen ei­ne ge­schlos­sen wer­den soll. Da­her sind 50 von der­zeit 100 Ver­kaufs­kräften überzählig, d.h. für sie gibt es künf­tig kei­ne Ar­beit mehr. Sie sol­len da­her aus be­triebs­be­ding­ten Gründen gekündigt wer­den. Der Ar­beit­ge­ber muss da­her gemäß dem Prin­zip der So­zi­al­aus­wahl un­ter den 100 Ver­kaufs­kräften bzw. "Kündi­gungs­kan­di­da­ten" die­je­ni­gen auswählen, die von der Kündi­gung am we­nigs­ten hart be­trof­fen wären und da­her den Ar­beits­platz­ver­lust am ehes­ten ver­kraf­ten könn­ten.

Die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen "so­zia­len Ge­sichts­punk­te" sind: Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit, Le­bens­al­ter, Un­ter­halts­pflich­ten und ei­ne et­wai­ge Schwer­be­hin­de­rung.

Um die So­zi­al­aus­wahl auf ei­ne ob­jek­ti­ve Grund­la­ge zu stel­len und bes­ser durch­schau­bar zu ma­chen, be­wer­tet der Ar­beit­ge­ber die so­zia­len Ge­sichts­punk­te oft mit Hil­fe ei­nes Punk­te­sys­tems, d.h. den ein­zel­nen so­zia­len Kri­te­ri­en wer­den Punkt­wer­te zu­ge­ord­net und dann wird ge­prüft, wie vie­le Punk­te ein je­der der "Kündi­gungs­kan­di­da­ten" auf­weist. Die­se können dann mit Hil­fe der von ih­nen je­weils er­reich­ten Punkt­zah­len ei­ne Rang­fol­ge ge­bracht wer­den. Auf der Grund­la­ge ei­ner sol­chen Rang­fol­ge wer­den - von Härtefällen ab­ge­se­hen - die Ar­beit­neh­mer gekündigt, die die we­nigs­ten So­zi­al­punk­te auf­wei­sen.

Je mehr po­ten­ti­ell zu kündi­gen­de Ar­beit­neh­mer mit Hil­fe ei­nes sol­chen Punk­te­sys­tems in ei­ne Rang­fol­ge der so­zia­len Schutz­bedürf­tig­keit ge­bracht wer­den müssen, des­to eher un­ter­lau­fen dem Ar­beit­ge­ber bei der Er­mitt­lung der Punkt­zah­len Feh­ler. So kann es bei der Aus­wahl von zum Bei­spiel 50 zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer aus 100 "Kündi­gungs­kan­di­da­ten" leicht pas­sie­ren, daß ein Ar­beit­neh­mer auf den si­che­ren Platz 48 ge­setzt wird, ob­wohl er bei rich­ti­ger An­wen­dung des Punk­te­sche­mas auf Platz 55 ge­setzt und da­her hätte gekündigt wer­den müssen. Das hat zur Fol­ge, daß ei­ner der 50 Gekündig­ten, nämlich der so­zi­al schutz­bedürf­tigs­te bzw. der auf Rang­num­mer 51 ge­setz­te Ar­beit­neh­mer, rich­ti­ger­wei­se auf die si­che­re Rang­num­mer 50 hätte ge­setzt wer­den müssen, so daß ihm zu Un­recht gekündigt wur­de.

Klar ist, daß ein sol­cher Feh­ler im Kündi­gungs­schutz­pro­zess je­den­falls dem Ar­beit­neh­mer hilft, dem die fal­sche bzw. zur Kündi­gung führen­de Rang­num­mer 51 zu­ge­wie­sen wur­de, ob­wohl er ei­gent­lich die rich­ti­ge ("ret­ten­de") Rang­num­mer 50 hätte er­hal­ten müssen.

Frag­lich ist da­ge­gen, ob sich auch al­le an­de­ren gekündig­ten Ar­beit­neh­mer auf ei­nen sol­chen Feh­ler der Rang­fol­gen­bil­dung be­ru­fen können, d.h. im obi­gen Bei­spiel die Ar­beit­neh­mer mit der Rang­fol­ge 52 bis 100. Die­se Be­trach­tungs­wei­se heißt "Do­mi­no­theo­rie", da je­de fal­sche Po­si­tio­nie­rung ei­nes Ar­beit­neh­mers bei der Rang­fol­gen­bil­dung da­zu führt, daß auch al­le nach­fol­gen­den Po­si­tio­nen als recht­lich falsch an­zu­se­hen sind, d.h. "um­kip­pen".

Für die Do­mi­no­theo­rie spricht, daß die So­zi­al­aus­wahl ob­jek­tiv falsch war und man nach dem Ge­setz ei­ne Kündi­gung nur bei feh­ler­frei­er So­zi­al­aus­wahl hin­neh­men muß. Ge­gen die Do­mi­no­theo­rie spricht, daß die "wei­ter un­ten" auf der Lis­te be­find­li­chen Ar­beit­neh­mer ja auch dann zu­recht hätten gekündigt wer­den können, wenn der Feh­ler bei der Rang­fol­gen­bil­dung "wei­ter oben" nicht un­ter­lau­fen wäre, da sie in bei­den Fällen zu we­nig So­zi­al­punk­te ge­habt hätten, um ans ret­ten­de Ufer zu kom­men: Ih­re Na­men hätten m.a.W. in je­dem Fall auf der Kündi­gungs­lis­te ge­stan­den.

Der Fall des BAG: 55 von 500 Arbeitnehmern sollen betriebsbedingt gekündigt werden, ein Kündigungskandidat erhält zu viele Punkte

In dem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te der Ar­beit­ge­ber auf Grund rückläufi­ger Auf­träge ei­nen Beschäfti­gungsüber­hang von 55 Ar­beit­neh­mern in dem ge­werb­li­chen Be­reich, der mehr als 500 Ar­beit­neh­mer um­faßte. Er er­stell­te zur Vor­be­rei­tung der an­ste­hen­den 55 be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen an­hand ei­nes Punk­te­sys­tems ei­ne Rang­fol­ge. Die 55 Ar­beit­neh­mer mit den nied­rigs­ten Punkt­zah­len wähl­te er zur Kündi­gung aus. Dar­un­ter be­fand sich auch der Kläger.

Er ar­gu­men­tier­te in sei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge, der Ar­beit­ge­ber ha­be ei­nem an­de­ren Ar­beit­neh­mer fünf Punk­te zu­viel zu­ge­mes­sen. Zie­he man die­sem Ar­beit­neh­mer die­se fünf Punk­te ab, so "rut­sche" er auf die Lis­te der 55 zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer.

Der Ar­beit­ge­ber ent­geg­ne­te: Selbst wenn das rich­tig wäre und dem be­tref­fen­den Ar­beit­neh­mer an sich zu kündi­gen ge­we­sen wäre, so könne da­von doch nur der­je­ni­ge Ar­beit­neh­mer pro­fi­tie­ren, dem bei rich­ti­ger Be­rech­nung der Punkt­zahl nicht hätte gekündigt wer­den können, al­so der bis­her auf Platz 55 der Rang­lis­te ge­setz­te Ar­beit­neh­mer. Das sei bei dem Kläger aber nicht der Fall. Der Kläger blei­be nämlich auf­grund sei­ner Punkt­zahl auch dann un­ter den 55 Ar­beit­neh­mern mit den ge­rings­ten So­zi­al­punk­ten, wenn dem von ihm be­nann­ten und zu Un­recht mit zu­viel Punk­ten be­dach­ten Ar­beit­neh­mer gekündigt wor­den wäre.

Ar­beits­ge­richt und Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz (Ur­teil vom 28.07.2005, 6 Sa 893/04) ga­ben dem Kläger recht, d.h. sie erklärten die Kündi­gung in An­wen­dung der Do­mi­no­theo­rie für un­wirk­sam.

BAG: Wer sich auf Fehler bei der Punkteverteilung beruft, muss nachweisen, daß er bei richtiger Punktevergabe nicht gekündigt worden wäre

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hob die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Rhein­land-Pfalz auf und ver­wies den Rechts­streit zur wei­te­ren Aufklärung des Sach­ver­hal­tes an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück. Da­bei rück­te es aus­drück­lich von sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung bzw. von der Do­mi­no­theo­rie ab, d.h. es erklärte, die­ser Be­trach­tungs­wei­se künf­tig nicht mehr zu fol­gen.

Fa­zit: Kann der Ar­beit­ge­ber in Fällen der vor­lie­gen­den Art im Kündi­gungs­schutz­pro­zeß auf­zei­gen, daß der gekündig­te Ar­beit­neh­mer auch bei rich­ti­ger Er­stel­lung der Rang­lis­te an­hand des Punk­te­sys­tems zur Kündi­gung an­ge­stan­den hätte, so ist die Kündi­gung - an­ders als nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts - nicht we­gen feh­ler­haf­ter So­zi­al­aus­wahl un­wirk­sam. In die­sen Fällen ist der Feh­ler für die Aus­wahl des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers nicht ursächlich ge­wor­den und die So­zi­al­aus­wahl recht­lich als aus­rei­chend an­zu­se­hen.

Das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat er­heb­li­che prak­ti­sche Aus­wir­kun­gen in Fällen be­triebs­be­ding­ter Mas­senkündi­gun­gen. In der­ar­ti­gen Fällen, d.h. bei der Kündi­gung Dut­zen­der oder gar Hun­der­ter Ar­beit­neh­mer, kann es prak­tisch nie ver­mie­den wer­den, daß ein Ar­beit­neh­mer auf­grund ei­ner fälsch­lich zu hoch an­ge­setz­ten Punkt­zahl nicht auf der Lis­te der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer steht, ob­wohl er bei rich­ti­ger An­wen­dung des Punk­te­sche­mas dort­hin gehört.

Künf­tig wird der Nach­weis ei­nes sol­chen Feh­lers bei der Rang­fol­gen­bil­dung nur noch dem Ar­beit­neh­mer zum Er­folg sei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ver­hel­fen, der durch die Her­ab­stu­fung ei­nes Ar­beits­kol­le­gen so­weit auf der Lis­te nach oben ge­scho­ben wird, daß er das ret­ten­de Ufer er­reicht.

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Letzte Überarbeitung: 10. November 2016

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