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Gleich­be­hand­lung bei frei­wil­li­ger Prä­mi­en­zah­lung

Ar­beit­neh­mer muss be­wei­sen, dass der Ar­beit­ge­ber Prä­mi­en nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen ver­gibt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.09.2004, 5 AZR 43/04

09.11.2004. Im All­ge­mei­nen hat ein Ar­beit­neh­mer, der die glei­che Ar­beit wie ei­ner sei­ner Kol­le­gen ver­rich­tet, kei­nen Rechts­an­spruch dar­auf, für die­se Ar­beit auch den glei­chen Lohn zu er­hal­ten.

Der Ar­beit­ge­ber kann zum Bei­spiel mit zehn Ar­beit­neh­mern, die die­sel­be Ar­beit ver­rich­ten, je­weils an­de­re Lohn­ver­ein­ba­run­gen tref­fen und so­mit im Er­geb­nis al­le zehn Ar­beit­neh­mer un­gleich ent­loh­nen. Beim The­ma Be­zah­lung fin­det der ar­beits­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz kei­ne An­wen­dung.

Von die­ser Re­gel macht die Recht­spre­chung al­ler­dings ei­ne Aus­nah­me, wenn der Ar­beit­ge­ber bei der Be­zah­lung nach ei­nem all­ge­mei­nen Prin­zip ver­fährt. Das al­ler­dings muss der Ar­beit­neh­mer vor Ge­richt be­wei­sen, was kei­ne leich­te Auf­ga­be ist. Die fol­gen­de Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) zeigt, wel­che Pro­ble­me Ar­beit­neh­mer da­mit ha­ben kön­nen: BAG, Ur­teil vom 29.09.2004, 5 AZR 43/04.

Wann verteilt der Arbeitgeber Gratifikationen nach einem allgemeinen Prinzip, so dass der Gleichbehandlungsgrundsatz anwendbar ist?

Bei der ver­trag­li­chen Fest­le­gung der Be­zah­lung hat die Ver­trags­frei­heit Vor­rang vor dem ar­beits­recht­li­chen Grund­satz der Gleich­be­hand­lung. Es gibt im All­ge­mei­nen kei­nen An­spruch auf glei­chen Lohn bei glei­cher Ar­beit.

An­ders ist es aber aus­nahms­wei­se dann,

  • wenn der Ar­beit­ge­ber frei­wil­lig, d.h. oh­ne ver­trag­li­che Grund­la­ge Leis­tun­gen wie Prämi­en oder Gra­ti­fi­ka­tio­nen an be­stimm­te Grup­pen von Ar­beit­neh­mern zahlt, oder
  • wenn der Ar­beit­ge­ber die Höhe der Be­zah­lung zwar in Ein­zel­ar­beits­verträgen fest­legt, da­bei aber nach ei­nem er­kenn­ba­ren all­ge­mei­nen Prin­zip verfährt.

Bei Lohn­kla­gen, die auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz gestützt wer­den, ist da­her häufig strei­tig, ob die die vom kla­gen­den Ar­beit­neh­mer ver­lang­te zusätz­li­che Vergütung sei­nen Kol­le­gen "nach ei­nem er­kenn­ba­ren all­ge­mei­nen Prin­zip" gewährt wird oder al­lein auf­grund in­di­vi­du­el­ler Ver­ein­ba­run­gen im Ein­zel­fall.

In der Ent­schei­dung vom 20.09.2004 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt sei­ne Recht­spre­chung zu die­ser Fra­ge präzi­siert, d.h. es hat­te zu ent­schei­den, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen da­von aus­zu­ge­hen ist, daß der Ar­beit­ge­ber bei der Lohn­fin­dung "nach ei­nem er­kenn­ba­ren all­ge­mei­nen Prin­zip" verfährt.

Der Fall des BAG: Sparkassenjurist klagt auf Sonderzulage, die drei von acht vergleichbaren Juristen gewährt wird

Der Kläger war seit 1975 als ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter in der Rechts­ab­tei­lung ei­ner Spar­kas­se tätig. Die Be­klag­te beschäftig­te in ih­rer Rechts­ab­tei­lung 20 Ju­ris­ten, dar­un­ter auch den Kläger. 

Acht Ju­ris­ten wur­den nach der Ge­halts­grup­pe 12/End­al­ters­stu­fe vergütet. Von die­sen acht Ju­ris­ten der Ge­halts­grup­pe 12/End­al­ters­stu­fe wie­der­um er­hal­ten drei ei­ne mo­nat­li­che Zu­la­ge in Höhe von 255,65 EUR brut­to. Der Kläger, der von die­ser Son­der­leis­tung aus­ge­schlos­sen war, klag­te auf Zah­lung seit dem 01.01.2000 und er­hielt vor dem Ar­beits­ge­richt und dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Recht.

Der Kläger war der An­sicht, er erfülle al­le An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen. Die Be­klag­te gewähre nämlich im Prin­zip al­len Ju­ris­ten der Ge­halts­grup­pe 12/End­al­ters­stu­fe die­se Zu­la­ge, es sei denn, der Mit­ar­bei­ter er­brin­ge kei­ne or­dent­li­chen Leis­tun­gen oder set­ze sich nicht aus­rei­chend für die Be­lan­ge der Be­klag­ten in der Rechts­ab­tei­lung ein. Da die Aus­nah­me­gründe in sei­ner Per­son nicht vorlägen, könne er die Zu­la­ge be­an­spru­chen.

Die Be­klag­te be­haup­te­te da­ge­gen, sie gewähre die strei­ti­ge Zu­la­ge kei­nes­wegs im Re­gel­fall, son­dern stets nur im Aus­nah­me­fall den­je­ni­gen Ju­ris­ten der Ge­halts­grup­pe 12/End­al­ters­stu­fe, die be­son­de­re, her­aus­ra­gen­de Leis­tun­gen er­bracht hätten und ein be­son­ders vor­bild­li­ches Ver­hal­ten ge­zeigt hätten.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüll­te der Kläger nicht. Sei­ne fach­li­chen Leis­tun­gen sei­en zwar gut, doch erfülle er die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen nicht, da er ei­ni­ge er­heb­li­che persönli­che Mängel auf­wei­se. Ins­be­son­de­re sei er ziem­lich recht­ha­be­risch (!) und we­nig kom­pro­mißbe­reit...

BAG: Definiert der Arbeitgeber die Voraussetzungen für eine Leistungsprämie schwammig, muss der Arbeitnehmer trotzdem nachweisen, dass er die Voraussetzungen erfüllt

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat an­ders als die Vor­in­stan­zen ge­gen den Ar­beit­neh­mer ent­schie­den, wo­bei es die Sa­che al­ler­dings zur wei­te­ren Aufklärung des Fal­les an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wies.

Im Aus­gangs­punkt stellt das Bun­des­ar­beits­ge­richt im An­schluß an sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung fest, daß die Ver­trags­frei­heit bei der Vergütung im all­ge­mei­nen Vor­rang ge­genüber dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz hat. Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ist al­ler­dings auch in Vergütungs­fra­gen aus­nahms­wei­se dann an­wend­bar, wenn der Ar­beit­ge­ber die Vergütung nach ei­nem er­kenn­ba­ren all­ge­mei­nen Prin­zip gewährt, in­dem er be­stimm­te all­ge­mei­ne Leis­tungs­vor­aus­set­zun­gen fest­legt und da­mit bei der Vergütung die Ar­beit­neh­mer nach Grup­pen ein­teilt.

Begüns­tigt der Ar­beit­ge­ber nur ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer ge­genüber an­de­ren, läßt dies aber noch nicht den Schluß dar­auf zu, daß die begüns­tig­ten Ar­beit­neh­mer ei­ne Grup­pe bil­den. Ei­ne Grup­pen­bil­dung liegt erst dann vor, wenn die Bes­ser­stel­lung nach ei­nem oder meh­re­ren all­ge­mei­nen Kri­te­ri­en vor­ge­nom­men wird, die bei al­len Begüns­tig­ten vor­lie­gen.

Für die Rechts­an­wen­dung fragt sich vor die­sem Hin­ter­grund, wie die Dar­le­gungs- und Be­weis­last in be­zug auf die Fra­ge ei­ner Grup­pen­bil­dung im Pro­zeß ver­teilt ist. Hier­zu hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt im An­schluß an ei­ne Ent­schei­dung aus dem Jah­re 1992 fol­gen­den Grund­satz auf­ge­stellt:

Vergütet ein Ar­beit­ge­ber Ar­beit­neh­mer mit ähn­li­cher Tätig­keit un­ter­schied­lich, so hat er dar­zu­le­gen, wie groß der begüns­tig­te Per­so­nen­kreis ist, wie er sich zu­sam­men­setzt, wie er ab­ge­grenzt ist und war­um der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer nicht da­zu­gehört. Der Ar­beit­neh­mer hat dann dar­zu­le­gen, dass er die vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­ge­be­nen Vor­aus­set­zun­gen der Leis­tung erfüllt.

Im jetzt ent­schie­de­nen Fall hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt an­ders als die Vor­in­stan­zen zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers den Vor­trag des Ar­beit­ge­bers zu den Leis­tungs­vor­aus­set­zun­gen der strei­ti­gen Prämie nicht ein­fach als Schutz­be­haup­tung "weg­gebügelt", son­dern als in sich stim­mig an­ge­se­hen. Es hat da­her dem LAG die Auf­ga­be ge­stellt zu prüfen, ob die Be­klag­te die Prämie in der Ver­gan­gen­heit tatsächlich nur bei her­aus­ra­gen­den Leis­tun­gen und bei be­son­ders vor­bild­li­chem Ver­hal­ten be­wil­ligt hat.

Soll­te sich dies als wahr her­aus­stel­len, läge der Ball wie­der beim kla­gen­den Ar­beit­neh­mer: Er müßte dann dar­le­gen bzw. be­wei­sen, daß er die­se Leis­tungs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt.

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Letzte Überarbeitung: 18. November 2015

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