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Lohn­wu­cher bei Zeit­ar­beit

Bei der Fra­ge, ob Zeit­ar­beits­löh­ne "sit­ten­wid­rig" sind, kommt es nicht die Ta­rif­löh­ne im Ent­lei­her­be­trieb an, son­dern auf die Zeit­ar­beits-Ta­rif­löh­ne: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.03.2004 , 5 AZR 303/03

07.05.2004. Ein Hun­ger­lohn ist nicht au­to­ma­tisch "sit­ten­wid­rig" ge­ring im Sin­ne von § 138 Abs.1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Sit­ten­wid­rig ge­ring ist ein Lohn nach der Recht­spre­chung der Ar­beits­ge­rich­te erst dann, wenn er den orts­üb­li­chen Ver­gleichs­lohn bzw. den Ta­rif­lohn der je­wei­li­gen Bran­che um mehr als ein Drit­tel un­ter­schrei­tet.

Vor die­sem Hin­ter­grund ha­ben es Leih­ar­beit­neh­mer schwer, sich durch ei­ne Lohn­kla­ge ei­nen Nach­schlag zu er­kämp­fen, denn die Ta­rif­ver­trä­ge für die "Leih­ar­beits­bran­che" ent­hal­ten sehr ge­rin­ge St­un­den­löh­ne, ver­gli­chen mit an­de­ren Bran­chen wie et­wa der Me­tall­in­dus­trie.

Trotz die­ser Schwie­rig­kei­ten hat ein als Pro­duk­ti­ons­hel­fer in Ber­lin ein­ge­setz­ter Leih­ar­beit­neh­mer auf ei­ne Lohn­nach­zah­lung ge­klagt mit dem Ar­gu­ment, sein Lohn sei "sit­ten­wid­rig". Das wä­re er auch, wenn es hier­bei auf die durch­schnitt­li­chen Löh­ne für un­ge­lern­te Ar­bei­ter im pro­du­zie­ren­den Ge­wer­be in Ber­lin an­kom­men wür­de. Maß­geb­lich ist aber nicht der Lohn in der Bran­che, in der der Leih­ar­beit­neh­mer ein­ge­setzt wird, son­dern der Zeit­ar­beits-Ta­rif­lohn: BAG, Ur­teil vom 24.03.2004 , 5 AZR 303/03.

Worauf kommt es an bei der Frage, ob Zeitarbeitslöhne "sittenwidrig" sind - auf die Tariflöhne im Entleiherbetrieb oder die Zeitarbeits-Tariflöhne?

Von Lohn­wu­cher spricht man, wenn die im Ar­beits­ver­trag ver­ein­bar­te Vergütung so ge­ring ist, daß sie we­gen Sit­ten­wid­rig­keit gemäß § 138 BGB (Bürger­li­ches Ge­setz­buch) nich­tig ist. Die­se ge­setz­li­che Vor­schrift lau­tet:

"§ 138 Sit­ten­wid­ri­ges Rechts­geschäft; Wu­cher

(1) Ein Rechts­geschäft, das ge­gen die gu­ten Sit­ten verstößt, ist nich­tig.

(2) Nich­tig ist ins­be­son­de­re ein Rechts­geschäft, durch das je­mand un­ter Aus­beu­tung der Zwangs­la­ge, der Un­er­fah­ren­heit, des Man­gels an Ur­teils­vermögen oder der er­heb­li­chen Wil­lens­schwäche ei­nes an­de­ren sich oder ei­nem Drit­ten für ei­ne Leis­tung Vermögens­vor­tei­le ver­spre­chen oder gewähren lässt, die in ei­nem auffälli­gen Miss­verhält­nis zu der Leis­tung ste­hen."

Die­se seit dem Jah­re 1900 gel­ten­de ge­setz­li­che Vor­schrift un­ter­schei­det zwi­schen ei­nem "sit­ten­wid­ri­gen Rechts­geschäft" im All­ge­mei­nen (Abs.1) und ei­nem we­gen Wu­chers nich­ti­gen Rechts­geschäft (Abs.2), das ei­nen Un­ter­fall des sit­ten­wid­ri­gen Rechts­geschäfts dar­stellt.

Aus der Sys­te­ma­tik die­ser Vor­schrift folgt ei­gent­lich, daß ein "auffälli­ges Mißverhält­nis" zwi­schen Leis­tung und Ge­gen­leis­tung nur dann zur Nich­tig­keit ei­nes Ver­trags führt, wenn der Ver­trag zu­dem auch "un­ter Aus­beu­tung der Zwangs­la­ge, der Un­er­fah­ren­heit, des Man­gels an Ur­teils­vermögen oder der er­heb­li­chen Wil­lens­schwäche" zu­stan­de ge­kom­men ist. Die Vor­schrift ist da­her preis­recht­lich li­be­ral, da sie nämlich an­ord­net, daß ein "wu­che­risch" ge­rin­ger oder ho­her Preis als sol­cher von der Rechts­ord­nung ge­dul­det wird.

Die Recht­spre­chung hat die­se Li­be­ra­lität des § 138 BGB al­ler­dings seit lan­gem auf­ge­ge­ben und geht da­von aus, daß ei­ne Preis­ab­spra­che auch dann nich­tig sein kann, wenn le­dig­lich ein "auffälli­ges Mißverhält­nis" zwi­schen Leis­tung und Ge­gen­leis­tung be­steht, al­so auch dann, wenn die Preis­ab­spra­che nicht "un­ter Aus­beu­tung der Zwangs­la­ge" usw. zu­stan­de ge­kom­men ist, son­dern eben nur als sol­che (ob­jek­tiv) un­an­ge­mes­sen ist. Die Un­wirk­sam­keit der Preis­ab­spra­che wird in sol­chen Fällen aus § 138 Abs.1 BGB her­ge­lei­tet.

Ist der ver­trag­li­che ver­ein­bar­te Lohn "sit­ten­wid­rig" ge­ring im Sin­ne von § 138 Abs.1 BGB, führt dies gemäß § 612 Abs.2 BGB da­zu, daß der Ver­trag als sol­cher wirk­sam ist, nur daß eben der "übli­che" Lohn ge­schul­det ist. Dies ist in der Re­gel der Ta­rif­lohn. "Sit­ten­wid­rig­keit" hat die Recht­spre­chung in der Ver­gan­gen­heit teil­wei­se be­reits dann an­ge­nom­men, wenn der Lohn we­ni­ger als 2/3 des Ta­rif­lohns be­trug.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat nun­mehr über die Fra­ge ent­schie­den, wel­cher Ver­gleichs­lohn bei der Fra­ge her­an­zu­zie­hen ist, ob ein bei ei­ner Zeit­ar­beits­fir­ma beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer ei­nen wu­che­risch ge­rin­gen Lohn erhält: Der übli­che Lohn für Zeit­ar­beit­neh­mer oder der übli­che Lohn für Ar­beit­neh­mer der Bran­che, in die der Zeit­ar­beit­neh­mer ver­lie­hen wird?

Der Streitfall: Leiharbeitnehmer verdient die Hälfte des Durchschnittslohns für ungelernte Arbeiter im produzierenden Gewerbe

Der Kläger war von De­zem­ber 2000 bis Au­gust 2001 bei dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber, ei­nem Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men, als Hilfs­kraft für La­ger- und Ver­sand­ar­bei­ten in Ber­lin beschäftigt. Der ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te St­un­den­lohn be­trug zunächst 11,99 DM und ab dem 01.05.2001 12,38 DM.

Der Kläger war der Rechts­an­sicht, der ver­ein­bar­te Lohn sei sit­ten­wid­rig, weil er in ei­nem auffälli­gen Mißverhält­nis zu dem vom Sta­tis­ti­schen Lan­des­amt mit­ge­teil­ten Durch­schnitts­lohn für un­ge­lern­te Ar­bei­ter im pro­du­zie­ren­den Ge­wer­be in Ber­lin ste­he. Die­ser Durch­schnitts­lohn be­tra­ge 23,35 DM.

Mit sei­ner Kla­ge ver­lang­te er die Dif­fe­renz zwi­schen dem ver­trag­lich ver­ein­bar­ten St­un­den­lohn und dem sei­ner Mei­nung nach ortsübli­chen Lohn in Höhe von 23,35 DM. Ar­beits­ge­richt Ber­lin und Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin (4 Sa 1456/02) ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

BAG: Auf den Durchschnittslohn im produzierenden Gewerbe können sich Zeitarbeitnehmer nicht berufen

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat sich der Mei­nung der Vor­in­stan­zen an­ge­schlos­sen und die Re­vi­si­on des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers zurück­ge­wie­sen. Der ver­trag­lich ver­ein­bar­te St­un­den­lohn des Klägers ist nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht sit­ten­wid­rig. Zur Be­gründung ar­gu­men­tiert das Bun­des­ar­beits­ge­richt wie folgt:

Der vom Kläger her­an­ge­zo­ge­ne Durch­schnitts­ver­dienst un­ge­lern­ter Ar­bei­ter im pro­du­zie­ren­den Ge­wer­be in Ber­lin könne nicht als Ver­gleichs­maßstab zur Fest­stel­lung des auffälli­gen Mißverhält­nis­ses von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung her­an­ge­zo­gen wer­den. Der Kläger sei nicht im pro­du­zie­ren­den Ge­wer­be tätig, son­dern bei ei­nem Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men beschäftigt. Maßgeb­li­che Be­zugs­größe für die Fest­stel­lung der Sit­ten­wid­rig­keit der Lohn­ver­ein­ba­rung sei da­her der bei Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men gel­ten­de Ta­rif­lohn.

Der St­un­den­lohn des Klägers ent­spre­che dem bei dem be­klag­ten Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men gel­ten­den Ta­rif­lohn, der in ei­nem Haus­ta­rif­ver­trag mit den Ge­werk­schaf­ten ÖTV und DAG im Jah­re 2000 ver­ein­bart wor­den war. Die­ser Ta­rif­lohn sei sei­ner­seits nicht sit­ten­wid­rig. Er tra­ge den Be­son­der­hei­ten der Bran­che an­ge­mes­sen Rech­nung und ent­spre­che na­he­zu dem seit 01.01.2004 gel­ten­den Ta­rif­lohn aus dem Ent­gelt­ta­rif­ver­trag, der zwi­schen der In­ter­es­sen­ge­mein­schaft Deut­scher Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men und ver­schie­de­nen DGB-Ge­werk­schaf­ten ver­ein­bart wor­den ist.

Für die Be­ur­tei­lung der Sit­ten­wid­rig­keit des ver­ein­bar­ten Lohns ist es nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts auch un­er­heb­lich, ob die ver­ein­bar­te Lohnhöhe un­ter dem So­zi­al­hil­fe­satz liegt. So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen knüpften an ei­ne in­di­vi­du­ell fest­zu­stel­len­de Bedürf­tig­keit an, während zur Fest­stel­lung der Sit­ten­wid­rig­keit ei­ner Lohn­ver­ein­ba­rung al­lein auf das Mißverhält­nis zwi­schen Ar­beits­leis­tung und Ar­beits­ent­gelt ab­zu­stel­len sei.

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Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2013

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